Der Mordversuch an Prinz Anel ist vereitelt, die Verschwörer sitzen hinter Gittern. Nun könnte für Adrian und Minkas endlich ein geruhsames Leben am Hof beginnen, da dreht sich das Intrigen-Karussell ein zweites Mal. Der Kaiser wird entführt und auf die Station Ennon gebracht. Während Minkas alles daran setzt, den Herrscher der Galaxis aus den Händen der Rebellen zu befreien, folgt Adrian einer noch geheimeren Mission. Er macht sich auf die Suche nach dem Buch der Namen, jenem legendären Datenträger, auf dem die wahre Herkunft aller Adligen gespeichert ist. Findet er sie nicht vor den Verschwörern, ist das Schicksal des Reiches besiegelt.

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ISBN: 978-9963-52-244-6

Seiten: 334

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B. C. Bolt

Beatrice Cecily Bolt hat sich durch ihre Kindheit gewissermaßen hindurchgelesen, bis sie mit 14 Jahren selbst zu schreiben begann. Inzwischen türmen sich auf ihrem Schreibtisch viele Manuskripte und es werden immer mehr. In einem anderen, parallelen Leben schlägt sie sich mit den Problemen herum, die Kinder und ihre Eltern mit unserem Bildungsystem haben können - zum Beispiel mit Leserechtschreibstörung, Rechenschwäche und anderen Lernschwierigkeiten.

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Leseprobe

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Kapitel 1
Die Herausforderung

»Jetzt seid Ihr eindeutig zu weit gegangen.«
   Adrian hatte nicht vor, sich von seinem Kollegen dumm kommen zu lassen. Schließlich war er Maître
   de table eines Kaisers und Leibkoch eines Prinzen.
   Im Gang zum Küchentrakt war es sehr still geworden. Köpfe wurden gedreht. Meister Ingerson zog spöttisch die Augenbrauen nach oben.
   »Und? Möchtet Ihr vielleicht Satisfaktion fordern?«
   »Ich fordere Eure Entschuldigung.«
   »Und wenn ich sie Euch verweigere? Wenn ich wiederhole, was ich bereits gesagt habe?«
   »Dann könnte es tatsächlich passieren, dass ich Satisfaktion verlange.«
   Ingerson grinste hässlich. »Nun, Sir Adrian, Ihr kamt als Hochstapler hierher und meiner bescheidenen Meinung nach seid Ihr immer noch nichts anderes. Ihr habt es verstanden, Euch bei bestimmten Leuten einzuschmeicheln und Eure Fähigkeit bewiesen, in der Intrigenküche am Hof ganze Arbeit zu leisten, aber das macht Euch noch lange nicht zu einem Koch. Und Eure Beziehung zu Seiner Erhabenen Hoheit …«
   »Vorsicht jetzt!«
   »Vorsicht wovor? Eure Wangen färben sich.«
   »Eure Andeutungen gefallen mir nicht, Meister Ingerson.«
   »Dann fordert Genugtuung, und wir werden ja sehen!«
   »Schön«, sagte Adrian. »Ich fordere also Satisfaktion.«
   Er hörte hinter sich ein erschrockenes Einatmen. Dann brach der Tumult los. Von allen Seiten umdrängten ihn weiß gekleidete Gestalten. Er sah aus den Augenwinkeln Meister Cordelieff, verstand jedoch in seiner Wut und dem allgemeinen Stimmengewirr nicht, was ihm Cordelieff sagen wollte.
   »Benennen Sie Ihre Sekundanten«, brüllte Ingerson ihm ins Ohr.
   »Padrin und Mondran.«
   »Ich wähle Nabakov und Honeydew. Sie werden in einer halben Stunde zu Ihnen kommen, um die Einzelheiten auszuhandeln.«
   »Bitte.«
   Adrian drückte sich durch die Menge bis zum Fahrstuhl und kehrte in seine Suite zurück. Kurz darauf schnarrte der Summer. Adrian sah auf den kleinen Bildschirm neben der Tür. Es war Padrin, sein erster Assistent. Er sah abgekämpft aus und die Kochmütze saß schief auf seinem hellen Haar.
   Adrian machte ihm auf. »Du bist sicher gekommen, um mir zu sagen, dass ich eine Eselei begangen habe.«
   »Ja, Meister. Ihr wisst bestimmt, dass Duelle verboten sind.«
   »Und wenn schon. Komm rein!«
   Padrin nahm die hohe Mütze ab. Der Robo bemühte sich ohne rechten Erfolg, sie an den Garderobenhaken zu hängen. Schließlich stellte er sie auf die Kommode und fragte beflissen nach Getränkewünschen.
   »Nichts, danke.« Auf eine einladende Geste hin plumpste Padrin in die Sofaecke. »Meister, hätte bestimmt gedacht, dass Ihr zu schlau seid, um Euch ausgerechnet von Ingerson provozieren zu lassen.«
   »Spar dir die gedrechselten Anreden«, erwiderte Adrian verdrossen. »Und du darfst mich ruhig einen Idioten nennen. Ich habe nicht vor, Ingersons schmutzige Anspielungen durchgehen zu lassen.«
   Padrin seufzte. »Gut, also: Du bist ein Idiot! Und Anspielungen hin oder her – ist dir nicht der Gedanke gekommen, dass dich da jemand richtig reinreißen möchte? Das ist genau die Intrigenküche, von der Ingerson geredet hat.«
   »Mal sehen, wer da am Ende den Kürzeren zieht!«
   »Du«, sagte Padrin. »Denn das Ganze ist in jedem Fall darauf gemünzt, dir Probleme mit dem Kaiser einzutragen. Willst du dir tatsächlich eine Schießerei mit Ingerson liefern? Was, wenn er wirklich umfällt?«
   Adrian lachte. »Der wird umfallen, das versichere ich dir! Aber nicht, weil ihn ein Laserstrahl in die Brust trifft. Das Duell, zu dem er mich schon seit Tagen zu drängen versucht hat, ist ein Kochduell.«
   »Ein Kochduell?«
   »Ja, natürlich. Was hast du denn gedacht? Er wird die Wahl des Ganges für sich verlangen, weil er der Herausgeforderte ist. Als Dessertkoch des Kaisers zieht er sich mit Sicherheit auf das Terrain zurück, das ihm vertraut ist. Aber nicht nur Prinz Anel weiß, dass seine Plätzchen nach Sägemehl schmecken. Ich weiß es auch. Unsere Erfahrung mit der kaiserlichen Tafel liefert mir die nötige Munition. Ich werde diesem sogenannten Koch zeigen, wer von uns beiden ein Hochstapler ist. Unser Kirschkuchen ist unübertroffen. Das sagt sogar der Kaiser selbst. Ingerson würde nie ein wirklich gelungenes Eclair auf den Tisch bringen! Nicht mit seinem Magerquark und seinen künstlichen Aromastoffen.«
   Padrin hatte langsam durch gespitzte Lippen ausgeatmet.
   »So ein Duell also?«
   »So ein Duell. Und du bist dafür der ideale Sekundant.«
   Wieder schnarrte es an der Tür. Der Robo glitt lautlos vom Flur herein. »Ein Mann namens Nabakov. Möchtet Ihr ihn sehen, Sir Adrian?«
   »Ich möchte nicht. Mein Assistent wird mit ihm reden.«
   Padrin folgte dem Robo. Draußen hoben sich die Stimmen. Adrian ließ sich ein kleines Gläschen Likör einschenken und wartete.
   Padrin kam erst nach zehn Minuten zurück. »Wir haben uns soweit geeinigt«, sagte er und wischte sich eine feuchte Haarsträhne aus der Stirn. »Aber schließlich muss ja jemand entscheiden, wer das Duell gewonnen hat. Darüber konnte ich keine Klarheit erzielen. Meister Ingerson hat eine Liste von Leuten vorgelegt, die entweder Kritiker sind, die alle für denselben Restaurantführer schreiben wie er, oder die hier im Küchenbereich seine Freunde sind. Das habe ich nicht akzeptiert.«
   »Richtig, Padrin. Ich hatte schon daran gedacht, den Kaiser selbst zu bitten, aber das würde Ingerson eine Bedeutung verleihen, die ihm wirklich nicht zusteht.«
   »Du verleihst ihm ohnehin zu viel Bedeutung, indem du dich überhaupt auf diese Sache einlässt. Keinesfalls solltest du den Kaiser fragen. Besser er erfährt gar nichts davon.«
   »Da hast du recht. Warum bitten wir nicht Lord Raden, unsere Dessertkreationen am table informelle zu beurteilen?«
   »Das ist eine Idee. Ich fahre runter in den Küchentrakt und mache Nabakov den Vorschlag.«
   Adrian ließ sich vom Robo noch ein Likörchen einschenken und schrieb seinem besten Freund Minkas eine Kurznachricht.

Liefere mir ein Duell mit Ingerson. Wann kommst du wieder? Rechtzeitig, um ihn vom Boden aufzuwischen?

Die Botschaft verließ den Planeten in Lichtgeschwindigkeit und würde wenige Minuten später das Empfangsgerät auf Ennon erreichen.

*

Minkas hatte anderes zu tun, als den dezenten Glockenton seines Kommunikators zu beachten.
   Er leuchtete die Tür eines überaus massiven Tresors mit einer kleinen Stablampe ab. Das bläuliche Licht zeigte eine glatte Fläche ohne jeden Fingerabdruck oder andere Hinweise.
   »Ich weiß wirklich nicht, was Ihr zu finden hofft«, sagte Sir Beholden, der Admiral der Flotte. »Das alles hat mein Flagoffizier bereits gründlich geprüft.«
   »Ich weiß auch nicht, was ich zu finden hoffe. Deswegen bin ich ja hier.«
   »Weil Ihr es nicht wisst, Exzellenz?«, fragte Beholden mit ausdrucksloser Miene.
   Minkas drehte sich zu ihm um.
   »Ja, weil ich es nicht weiß und mit mir auch der Kaiser nicht. Warlord Hamilton ebenfalls nicht. Aber eins weiß ich, mein Freund! Bis wir es herausgefunden haben, steht Euer Kopf auf dem Spiel. Vielleicht auch, wenn wir es herausgefunden haben.«
   »Wollt Ihr mir damit etwas unterstellen?«
   Minkas schob die Lampe wieder in ihr Futteral und steckte sie in eine Innentasche. »Ich unterstelle schlampige Kontrollen, fahrlässigen Umgang mit kaiserlichen Finanzen und eine lustlose Untersuchung.«
   »Ein starkes Stück«, zischte Beholden.
   »Ja, in der Tat. Ihr seid hier draußen ein bisschen weit weg vom Hof. Da meint man, sich allerlei leisten zu können. Aber wenn Geld wegkommt, kriegt man Aufmerksamkeit, ob man sie will oder nicht.«
   Beholden straffte die Schultern. Seine Orden klimperten. »Ich führe hier ein sauberes Schiff!«
   »Habe ich gehört. Da war doch dieser schnelle Kreuzer – Annajabelle, hieß er nicht so?«
   Beholden lief rot an. »Das war ein Fehler im Belüftungssystem.«
   »Das hat Warlord Hamilton mir auch so berichtet«, sagte Minkas schadenfroh. »Nur hat er nicht erklären können, was dieses Extasin überhaupt auf einem Flottenschiff zu suchen hatte.«
   »Äh, man benutzt es zur Schmerzlinderung bei rheumatischer Gelenkversteifung.«
   »Da muss die Flotte ja ein ganz schön steifer Haufen sein, wenn die Schiffsapotheke genug davon vorrätig hatte, um so eine hübsche Party auszulösen.«
   »Ich muss schon bitten«, sagte Beholden.
   »Worum?«
   Beholden seufzte. »Um nichts, als um eine gerechte Aufklärung ohne Häme.«
   »Das kann ich nicht versprechen. Der Laden hier fordert mich zu einer gründlichen Untersuchung heraus, und Ihr dürftet selbst am besten wissen, was man hier alles finden kann.«

*

Adrian taumelte um 5:53 Uhr aus dem Bett und starrte seinen Robo an, dessen Augen im Dunklen leuchteten. »Warum weckst du mich um diese Zeit?«
   »Ihr habt ein Duell, Sir Adrian. Ich war so frei, Euch die passende Kleidung per Express zu bestellen.«
   Adrian betrachtete das weiße Hemd, die cremefarbene Frackweste, die maronenbraune Hose und die dazu passenden, auf Hochglanz polierten Schuhe und lachte. »Kleidet man sich für Duelle so?«
   »So schreibt es die Tradition vor.«
   »Dann wollen wir dieser Tradition Genüge tun.« Adrian ging ins Bad, um sich minutenlang von der Impulsdusche beregnen zu lassen, ohne sich danach wacher zu fühlen. Er zog sich an und betrachtete sich im Spiegel. Martialisch genug. Erhobenen Hauptes ging er zum Aufzug, wo er sich noch mal vor den Spiegeln an den Wänden drehte und ihnen ein hochmütiges Lächeln schenkte, ehe er sich in seine Küche begab. Das Licht war nicht eingeschaltet und er ging wie gewohnt durch die Dunkelheit, um die Lampen über der Arbeitsplatte anzumachen.
   Sein Fuß berührte etwas Weiches. Anscheinend hatte wieder einer der Assistenten Handtücher vom Wagen fallen lassen. Er stieß sacht mit der Spitze seiner polierten Schuhe gegen das, was da auf dem Boden seiner Küche lag. Es fühlte sich nicht an wie ein Stapel Handtücher.
   Adrian fühlte ein Kribbeln am Hinterkopf. Er beugte sich vor, berührte etwas noch Warmes unter dem Stoff und machte einen Satz rückwärts. Mit schnellen Schritten war er am Plätzchenherd und drückte den Sensor.
   Warmes Licht fiel auf die unmittelbare Umgebung und ließ das Rote auf dem Boden aussehen wie heruntergetropfte Kirschmarmelade. Das weiße Hemd wirkte gelblich, die Frackweste hatte ein weithin sichtbares, schwarz umrandetes Loch. Links und rechts von Ingerson lag je eine Duellpistole. Beide waren genauso makellos blank wie Adrians Schuhe.
   Adrian nahm ein Küchentuch aus dem Metallkorb an der Ablage und hob eine der Pistolen auf. Sie zeigte das kaiserliche Wappen.
   Die Aufzugtür zischte.
   Adrian ließ die Pistole aus dem Küchenhandtuch zu Boden rutschen.
   Im ersten Moment wollte er die Beleuchtung löschen und abhauen, doch dann blieb er stehen. Meister Cordelieff kam in den Raum. Ihm folgten bewaffnete Prewards.
   »Tut mir leid, Sir Adrian. Aber das ist eine ernste Sache.«

*

Rial trat an den Schreibtisch seines Herrschers. Der Kaiser sah von den Ernennungsurkunden auf, die zur Unterzeichnung bereitlagen.
   »So ernst, Rial?«
   »Soeben erreichte mich die Nachricht, dass sich Euer Maître de table ein Duell geliefert und es augenscheinlich gewonnen hat.«
   Der Kaiser schaltete seine Lesebrille ab, und die Linsen aus gebündeltem Licht erloschen.
   »Ich erinnere mich nicht, dass du mir ein entsprechendes Antragsformular von Koeg vorgelegt hättest.«
   »Er hat das Duell nicht beantragt, Erhabenheit.«
   Der Kaiser bewegte die Hand ungeduldig in Richtung der Hocker. »Berichte!«
   Rial zog sich den bequem gepolsterten Sitz heran. »Es scheint, es sind bedauerliche Worte zwischen ihm und Meister Ingerson gefallen, worauf Koeg die Herausforderung ausgesprochen hat. Es wurden Sekundanten benannt und die Einzelheiten vereinbart. Heute Morgen gegen sechs Uhr fiel dann in der Küche der tödliche Schuss.«
   Der Kaiser schob den Stapel der Ernennungsurkunden zur Seite. »Tödlich?«
   »Ja, Erhabenheit. Ingerson starb noch, bevor ein Arzt gerufen werden konnte. Wie wir annehmen, ist Adrian Koeg durch sein äh … Vorleben kein unerfahrener Schütze.«
   Die Tür zischte und Prinz Anel stürmte herein. »Kein Wort davon ist wahr!«
   Sein Vater gebot ihm mit einer Geste Schweigen. »Ich höre gerade den Bericht. Du kannst nicht wissen, was er beinhaltet.«
   »Kann ich«, sagte Anel. »Das Ganze ist ein abgekartetes Spiel!«
   Kaiser Thanaton nahm das feine Brillengestell ab und sah durch den Rahmen, in dem keine Linsen schimmerten. »Niemand verstünde besser als ich, dass du ihn in Schutz nimmst.«
   »Ich nehme ihn nicht in Schutz! Ich weiß nur aus erster Hand, was wirklich vereinbart war und …«
   »Ganz gleich, was vereinbart war: Duelle haben angemeldet, und genehmigt zu sein. Dann sind die entsprechenden Vorkehrungen getroffen und es kann ärztliche Hilfe geleistet werden. Dieses Staatswesen hat Gesetze, Anel. Sie sind nicht um ihrer selbst willen da.«
   »Du musst mir keinen Vortrag über die zweifellos brillanten Gesetze des Reiches halten. Darum geht es gar nicht.«
   »Anel! Du wirst mich nicht ständig unterbrechen! Ich werde mich der Sache annehmen, sodass du hier nicht hereinstürmen und meinen Kämmerer bei seinem Bericht unterbrechen musst. Wenn ich mich recht erinnere, warten die mathematischen Aufgaben Meister Johansons auf dich.«
   »Wen interessieren die jetzt?«
   »Dich«, sagte der Kaiser streng. »Du wirst dich zurückziehen!«

*

Zwei Minuten später drängte Prinz Anel seine Schwester in ihren Salon und sein harter Druck auf den Sensor ließ die Tür einrasten.
   »Es ist nicht vorbei. Die Intrigenküche brodelt weiter.«
   »Wen wundert das?«
   »Niemanden. Diesmal scheinen sie entschlossen, Adrian zu kriegen. Sie haben ein Duell arrangiert und es so aussehen lassen, als habe Adrian den bescheuerten Ingerson erschossen.«
   »Ingerson ist tot?«
   »Ja.«
   »Nun, das wird uns immerhin einen neuen Dessertkoch bescheren.«
   Anel zog sich auf die Tischkante und saß dort mit vorgebeugten Schultern. »Wie gern würde ich klaglos noch ein ganzes Dutzend Schachteln mit Ingersons grässlichem Gebäck verdrücken, wenn ich die Sache damit ungeschehen machen könnte. Vater ist mehr als sauer. Er hat Adrian vertraut, ihn ausgezeichnet und nun das! Und wie immer hört mir niemand zu. Schon gar nicht Vater. Er hat mich buchstäblich vor die Tür gesetzt.«
   Hannadea öffnete eine Schatulle und hielt sie Anel hin. »Quittenkonfekt aus Adrians Herstellung. Vielleicht das Letzte, das du je zu sehen kriegen wirst.«
   Anel stopfte sich die süßen, würzigen Würfel in den Mund. »Padrin hat mich an der Bibliothek abgepasst. Adrian hatte nie vor, sich eine Schießerei mit Ingerson zu liefern. Es sollte ein Kochduell werden.«
   »Ein Kochduell?«
   »Ja, natürlich. Adrian hätte ihm vorgeführt, wie man echtes Gebäck macht und nicht hübsch dekoriertes Pappmaschee. Einer der Köche aus Ingersons Küche hatte den Auftrag, Lord Raden zu bitten, den Schiedsspruch zu fällen. Dieser Schiedsspruch hätte Ingerson umgehauen.«
   »Nun, das, was passiert ist, scheint ihn auch umgehauen zu haben.«
   »Hanna«, sagte Anel. »Adrian sitzt in Arrest. Wenn ihm niemand hilft, werden sie ihn einen Kopf kürzer machen.«
   Hannadea rettete das restliche Quittenkonfekt, indem sie den Deckel der Schatulle zuschlug. »Hast du schon einen Plan?«
   »Noch nicht. Bisher habe ich mich zu sehr aufgeregt. Wie du weißt, fliege ich mit meinen Lehrern übermorgen zu den Prüfungen nach Schloss Rhan. Spätestens dann müssen wir uns etwas ausgedacht haben!«
   Hannadea nickte nachdenklich.
   »Müssen wir wohl. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Vater die zentralen Abschlussprüfungen verschieben lässt, damit du deinen Leibkoch herauspauken kannst, mag er noch so fantastisches Quittenkonfekt machen.«

*

Minkas saß am elterlichen Küchentisch und sah mit wenig Begeisterung auf den Apfelstrudel, den seine Mutter eben aus dem Mikroerhitzer genommen hatte. Auf der Arbeitsplatte lag noch die Verpackung, auf der leuchtend grüne Äpfel prangten, die mit der Füllung wahrscheinlich nicht sehr viel mehr als den Namen gemein hatten.
   Elongata bohrte die Gabelzinken in den blassen Blätterteig. Ein Geruch nach Apfelschaumbad stieg auf.
   Minkas legte Elongata unter dem Tisch die Hand auf den Oberschenkel und warf ihr einen Hilfe suchenden Blick zu.
   »Riecht lecker«, behauptete Elongata mit bedeutsamem Blinzeln.
   Minkas seufzte und stach sein Exemplar an.
   »Ich bin so glücklich, dass du endlich ein Mädchen abbekommen hast.« Mutter betrachtete Elongata. »Und dann auch noch ein so hübsches.«
   »Mutter!«
   »Ach, was«, sagte sie zärtlich. »Deine Zukünftige darf ruhig wissen, dass du noch ein richtiges Küken bist. Dann kann sie immerhin sicher sein, dass du ihr nicht irgendwas anhängst – Kranz-Weissel oder sonst was.«
   Minkas zerkaute Teig, der sich zwischen seinen Zähnen anfühlte wie kross gebackenes Schreibpapier. Elongata grinste.
   »Und du bist Studentin, Kind? Ich wusste, unser Minkas würde mal ganz hoch hinauskommen. In unserer Familie gibt es keine Studierten. Wir haben hier nicht mal Universitäten, nicht wahr? Was studierst du?«
   »Sie wird Ärztin«, sagte Minkas.
   »So?«, fragte seine Mutter. »Dafür ist sie ein bisschen zu hübsch, oder nicht? Und das dauert, habe ich mir sagen lassen. Wovon wollt ihr bis dahin leben?«
   Minkas seufzte. »Ich habe dir doch erzählt, dass ich auf dem Planeten einen Job habe.«
   »Sicherheitsdienst«, sagte seine Mutter. »Nicht, dass ich viel davon halten würde. Schlecht bezahlt und wenn einer zu schießen anfängt, bist du gleich eine Zielscheibe für jeden dahergelaufenen Strolch in deiner Uniform. Ist deine Montur wenigstens ansehnlich?«
   »Sehr ansehnlich«, bestätigte Elongata.
   Minkas überlegte, ob er seiner Mutter nicht lieber die ganze Wahrheit sagen sollte, als es in seiner Brusttasche alarmierend zu leuchten begann. Schnell zog er seinen Kommunikator heraus. Halb im Aufstehen stützte er sich mit der freien Handfläche an der Tischkante ab. »Adrian?«, fragte er. »In Haft?« Minkas ließ sich wieder auf den Küchenstuhl sinken. »Das ist absurd! Wie kann denn … ja, aber Ingerson war doch … Himmel und Hölle! Ich komme zurück! Nein! Ich laufe hier oben nicht einer albernen Barcard hinterher, während sie Adrian auf Essatin den Kopf abhacken!«
   Als er den Kommunikator wegsteckte, fing er einen Blick seiner Mutter auf. »Adrian, also«, sagte sie. »Dass ihr beide immer in Schwierigkeiten geraten müsst. Hat er wieder irgendwas geschmuggelt?«
   »Nein. Er hat einen Koch erschossen.«
   Mutter betrachtete den industriell konfektionierten Apfelstrudel auf dem Teller. »Ja, was Essen anging, war Adrian immer schon ein bisschen eigen.«
   Minkas stand auf und zog Elongata hoch. »Tut mir leid. Wir müssen den nächsten Flug kriegen. Adrian sitzt hinter Gittern und kann nichts unternehmen. Die Sache ist mit Sicherheit ein abgekartetes Spiel, das ich irgendwem vermasseln werde.«
   Mutter wickelte ihm den restlichen Strudel in Membranfolie. »Wenn du wieder mit irgendwelchen Verbrecherbanden zu tun hast, solltest du kräftig essen.« An der zerkratzten Stahltür hielt sie Elongata am Ärmel zurück. »Du wirst doch auf dich aufpassen, Kindchen? Minkas hat solch eine Neigung, sich mit zwielichtigem Gesindel anzulegen.«
   »Ich weiß«, erwiderte Elongata lächelnd und drückte ihrer Schwiegermutter in spe einen Kuss auf die Wange. »Ich achte schon auf ihn.«
   Minkas winkte seiner Mutter zerstreut zu und zerrte Elongata hinter sich her zur Schnelltreppe.

*

Rial öffnete die Tür des kaiserlichen Appartements und sah sich Warlord Hamilton gegenüber.
   »Kann ich Seine Allerhöchste Erhabenheit sprechen?«
   »Wenn es sein muss …«
   Warlord Hamilton schob energisch das Kinn vor. »Es muss sein!«
   Rial erlaubte Warlord Hamilton mit einer Geste, ins kaiserliche Arbeitszimmer einzutreten. Hamilton ging mit einem transparenten Kasten unter dem Arm zum Schachtisch, an dem Kaiser Thanaton über einem Matt-Problem grübelte, und verneigte sich.
   »Was gibt es denn, Hamilton?«
   »Ich wollte Eure Allerhöchste Erhabenheit bitten, einen Blick hierauf zu werfen.«
   Er präsentierte dem Kaiser die Box auf beiden Händen. Darin lagen zwei schön polierte Duellpistolen.
   »Gibt es Anlass, mir die kaiserlichen Duellwaffen vorzuweisen?«
   »Leider, Allerhöchste Erhabenheit. Diese Pistolen wurden bei dem Duell zwischen Adrian Koeg und dem äh … verstorbenen Meister Ingerson benutzt.«
   Der Kaiser stand auf, was ihn mit Hamilton jäh auf Augenhöhe brachte. »Wie das?«
   Hamilton machte einen Schritt rückwärts. »Darüber habe ich keine Informationen, Erhabenheit. Die beiden Pistolen wurden neben dem Toten gefunden. Wie sie aus der Vitrine bis in die Küche geraten konnten, ließ sich bisher nicht ermitteln, und da ich nicht den Prewards vorstehe, sondern dem Geheimdienst der Flotte …«
   »Ich bin mir sehr wohl bewusst, wem Ihr vorsteht, Warlord Hamilton. Daher drängt sich mir die Frage auf, weshalb Ihr mir diese Waffen zeigt und nicht Graf Coracun Harrow oder Graf Minkas Collander.«
   »Beide sind vom Hof abwesend, Allerhöchste Erhabenheit.«
   Der Kaiser sah mit ausdrucksloser Miene auf die antiken Duellpistolen. »Was hat eigentlich die Vernehmung ergeben?«
   »Nichts. Wir haben aber eine Nachricht zurückverfolgen können, in der Koeg seinen Freund Graf Collander kurz vorher von dem bevorstehenden Duell unterrichtete.«
   Der Kaiser der Vereinten Republiken berührte die elektronische Glocke auf seinem Schreibtisch, obwohl Rial nur wenige Schritte entfernt stand.
   »Allerhöchste Erhabenheit?«
   »Habe die Freundlichkeit, Warlord Hamilton hinauszuführen. In Zukunft würde ich es sehr schätzen, wenn du nur jene vorlassen würdest, die etwas zu berichten haben und nicht hier erscheinen, um mir Rätsel aufzugeben, die wohl eher in ihr eigenes Fachgebiet schlagen.«
   »Sehr wohl, Allerhöchste Erhabenheit.«
   Rial streckte die Hand aus und wies Hamilton die Tür. Der Warlord stapfte nach einer tiefen Verbeugung mitsamt dem Kasten davon.
   Nachdem die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, rief der Kaiser ihn zu sich. »Was hat sich Koeg nur dabei gedacht?«
   Rial hob leicht die Schultern. »Nichts, wahrscheinlich.«
   »Nun, das wohl nicht. Wenn er das Duell tatsächlich spontan gefordert hätte, wäre er nicht bis zum nächsten Morgen an die kaiserlichen Waffen gekommen. Oder sind sie genauso schlecht geschützt, wie es die schwarze Perle war?«
   Rial errötete ein wenig. »Nun, wie Ihr wisst, werden sie in einem Glaskabinett der goldenen Halle aufbewahrt. Ich nehme an, ein hinlänglich kundiger Mensch könnte das Schloss mit einer Haarnadel öffnen, aber dazu müsste er sich überhaupt erst einmal Zugang zum Audienzsaal verschaffen. Und davor hält rund um die Uhr ein Preward Wache.«
   »Wir wissen, was das wert ist«, sagte der Kaiser mit gefurchter Stirn.
   »Warum sollte Koeg überhaupt kaiserliche Waffen verwenden, wenn er sich ein illegales Duell liefert«, überlegte Rial laut.
   »Ja, warum? Offensichtlich hat die ganze Sache eine politische Seite und das gefällt mir nicht. Was hatte er wirklich mit Ingerson auszutragen? Soll ich glauben, er habe in gewisser Weise das Reich verteidigen wollen? Waren Interessen des Kaiserhauses in irgendeiner Weise involviert?«
   Rial betrachtete die Arabesken auf dem Teppich, als sähe er sie zum ersten Mal.
   »Nun«, mahnte der Kaiser.
   Rial schielte aus den Augenwinkeln zu ihm auf und machte eine vage Kopfbewegung, die ein Nicken andeutete.
   Thanaton wartete.
   »Es wurde mir zugetragen … aber natürlich entbehrt es jeder … ich meine …«
   »Hör sofort mit der Stammelei auf«, befahl der Kaiser. »Du weißt, wie wenig ich das leiden kann.«
   »Ich hätte es nicht erwähnen sollen.«
   »Nun hast du damit begonnen und wirst fortfahren!«
   Rial fasste erneut das Teppichmuster ins Auge. »Meine Assistentin Galena meinte, es sei eine anzügliche Bemerkung gefallen.«
   »Anzüglich? Wen betreffend?«
   Rial hob den Blick. »Anel.«
   Der Kaiser starrte ihn an. »Ich beginne Ingersons Tod weniger zu bedauern, als ich es vielleicht sollte. Du wirst mit Anel reden.«
   »Ich, Erhabenheit?«, fragte Rial.
   »Ja, du. Und zwar einfühlsam und diskret.«

*

Die schwere Gittertür fiel ins Schloss. Anel, der seinen Wandläufer sattelte, sah sich erst um, als sein Tiermeister Emeséll neben ihm stehen blieb.
   »Der Kämmerer möchte mit Euch reden, Erhabenheit.«
   Anel prüfte Tilts Gurt und antwortete nicht sofort. Dann seufzte er. »Wenn er herkommt, könnte es wegen Adrian sein. Also sollte ich mit ihm sprechen. Vielleicht erfahren wir etwas.«
   Rial di Nidare wirkte auf dem Sandplatz ungewohnt deplatziert. In seiner reich bestickten höfischen Kleidung sah er aus wie ein in Ungnade gefallener Adliger, der sich unverhofft in der Arena wiederfindet, um gegen wilde Tiere anzutreten.
   Er betrachtete Anels strapazierfähige, dunkle Lederkleidung mit sichtlichem Missfallen. Dann gab er Emeséll einen Wink. »Ich möchte mich allein mit Seiner Erhabenheit unterhalten.«
   »Gewiss, Exzellenz.«
   Anel sah seinem Tiermeister nach und klopfte dem Wandläufer den Rücken.
   Rial di Nidare räusperte sich. »Ähm, Hoheit, ich bin eigentlich gekommen, um mich nach Eurem Befinden zu erkundigen.«
   »So? Sah ich beim Frühstück unwohl aus? Oder beim Mittagessen? Beim Kaffee?«
   »Warum so gereizt, Hoheit?«
   »Bin ich vielleicht gereizt, weil Ihr herumeiert, ohne zu sagen, worum es geht?«
   »Ist das der einzige Grund Eurer Gereiztheit?«
   Anel betrachtete ihn ungnädig. Seine Stiefelspitze ließ Sand aufwirbeln. »Ihr wisst genau, weshalb ich gereizt bin.«
   »Ich kann es mir denken.«
   »Rial! Ihr wollt doch etwas.«
   »Nun«, sagte der Kämmerer. »Es ist natürlich verständlich, dass Ihr es nicht besonders schätzt, dass Euer Leibkoch zurzeit nicht zur Verfügung steht.«
   »Das kann man wohl sagen.«
   »Nun ist es natürlich nicht so, dass andere Köche an diesem Hof nicht auch das eine oder andere schmackhafte Gericht zuzubereiten wüssten …«
   »Darüber kann man geteilter Meinung sein. Ihr wisst genau, dass Adrian sehr viel mehr als nur mein Leibkoch ist.«
   Rial strich sich über die Oberlippe. »Gewiss, gewiss. Ein sympathischer junger Mann.«
   Anel nickte mit Nachdruck. »Ich erwarte nicht, dass Ihr versteht, dass ich es manchmal schätze, jemanden um mich zu haben, der nicht so vom Hof verblendet ist. Natürlicher und offener.«
   Rial nickte stirnrunzelnd. »Ihr habt viel Zeit miteinander verbracht, seit … jenen bedauerlichen Vorfällen.«
   »Nachdem man ihn schon mal zu Unrecht verdächtigt hatte, meint Ihr wohl«, sagte Anel.
   »Hm, ja. Das meinte ich wohl.« Der Kämmerer betrachtete Anels Raulederschuhe. »Wart Ihr nicht vor zwei Wochen für einige Tage allein mit ihm in der Pagode am Meer?«
   »Ich benötigte niemanden außer meinem Koch.« Anel stemmte die Hand in die Seite. »Darf ich fragen, was diese zartfühlenden Erkundigungen zu bedeuten haben?«
   »Nun, die jüngsten Ereignisse … und Euer Vater fragt sich nun …«
   »Welcher?«, fragte Anel. »Der Kaiser? Oder mein leiblicher Vater?«
   Rial di Nidare lief rot an. »Der Kaiser. Obwohl ich mir natürlich genauso meine Gedanken mache.«
   »Unnötige und letztlich anmaßende Gedanken!«
   »Anel, es …«
   »Ich muss Euch bitten, die korrekte Anrede zu wahren«, unterbrach ihn Anel kalt. Er schwang sich auf den Rücken seines Wandläufers und sah vom Sattel zu Rial hinab.
   Der Kämmerer ging rückwärts. »Wir wollen nur dein Bestes.«
   »Das macht weis, wem Ihr wollt«, sagte Anel und stieß dem Wandläufer die Knie in die Flanken.
   Tilt sprang aus dem Stand in einem Satz bis an die Mauer und nahm das Hindernis im Sturm.
   Der Wandläufer eilte über Gartenwege, überwand Mauern und erklomm den Palast. An einem Balkon zügelte Anel ihn. Er stieg ab, klopfte gegen eine Scheibe, bekam keine Antwort, schwang sich wieder auf Tilts Rücken und ritt weiter bis in den obersten Stock, wo er die Zügel lose durch einen Haken zog und mit den Fingerknöcheln gegen eine Fensterscheibe hämmerte, bis ihm geöffnet wurde.
   Seine Schwester reichte ihm eine Hand. Er purzelte ins Zimmer. »Der Aufzug war dir wohl nicht spektakulär genug. Oder wolltest du mich an den peinlichen Besuch eines Lord Raden erinnern, der bisher der Einzige war, der mich mit einem Wandläufer aufgesucht hat?«
   »Es ist eine Frechheit«, sagte Anel außer Atem. »Eine bodenlose, eiskalt kalkulierte Frechheit!«
   »Mit Sicherheit, Bruderherz. Was genau?«
   Anel schloss das Fenster. »Jetzt streuen sie schon das Gerücht, ich hätte etwas mit Adrian!«
   »Und? Hast du?«, fragte Hannadea sachlich.
   Anels dunkle Augen blitzten. »Natürlich nicht! Adrian würde so was nicht im Traum einfallen!«
   »Und dir?«
   Anel sah aus, als wolle er im nächsten Augenblick versuchen, Feuer zu speien. Ein Schnaufen kam aus seiner Kehle. »Ich bin zwar der Sohn des eifrigsten Casanovas, den dieser Hof je gesehen hat, aber selbst der hat sich darauf beschränkt, jeder Frau in Reichweite Kinder zu machen. Anderes habe ich bisher nicht von ihm gehört. Und mit seinem Erbgut …«
   »Wärst du jetzt genau im richtigen Alter. Hat er nicht mit sechzehn Emeséll gezeugt?«
   »Ja, und? Dass er sich damals mit seinem Zimmermädchen vergnügt hat, bedeutet noch lange nicht, dass ich meinerseits den Begriff Leibkoch allzu wörtlich nehmen würde. Dass du so was glauben kannst!«
   »Ich glaube gar nichts. Ich versuche lediglich zu verstehen, womit wir es zu tun haben. Wenn du dich nämlich heimlich mit Adrian in die Büsche schlagen würdest, wüssten wir, was das Duell sollte und warum sie ihn unbedingt ausschalten wollen. Wenn da allerdings nichts ist …«
   »Da ist tatsächlich nichts!«
   »Dann ist es etwas wirklich Schlimmes«, sagte Hannadea. »Dann ist es Politik. Und wie die an diesem Hof aussieht, haben wir ja erst kürzlich recht gründlich erkunden dürfen.«
   »Ja, aber die alte Hexe Tepdo ist tot. Wer setzt ihr Werk fort? Und weshalb?«
   »Das sollten wir herausfinden, ehe sie mir eine Affäre mit Lord Raden andichten.«
   »Und ich fliege morgen zu meinen Prüfungen!«
   »Dann muss ich die Stafette wohl aus deiner Hand nehmen«, sagte Hannadea.

Kapitel 2
An der Wand

Minkas stürmte über den roten Teppich, als gelte es, ein Reich zu erobern. Vor wenigen Monaten hatte ihn hier der Kämmerer empfangen. Diesmal führte der samtige Läufer auf eine gastlich offene Tür zu, aber niemand wartete dort.
   »Eile wird uns jetzt nicht voranbringen«, versuchte ihn Elongata zu bremsen. »Jetzt sind wir wieder am Hof. Und hier geht nichts schnell.«
   »Außer dem Sterben«, erwiderte Minkas und setzte seinen Weg in unvermindertem Tempo fort. »Ich werde mal sehen, ob man mich noch in den Küchentrakt lässt. Und du könntest deiner Lehrerin einen Besuch abstatten.«
   »Das hatte ich vor.«
   Minkas blieb jäh stehen und zog Elongata an sich. »Pass auf«, murmelte er. »Ich hatte für einen Augenblick geglaubt, wir hätten gesiegt und würden nun Kinder kriegen und es uns gemütlich machen. Nicht, dass ich dachte, es würde leicht werden, die Geheimdienste hier neu zu ordnen …«
   Elongata lachte und küsste ihn auf die Nase. »Es fehlt noch, dass du dich im Kinderkriegen übst! Und ich fürchte, so gemütlich magst du es gar nicht. Deine Mutter hat gesagt, du hättest dich immer schon gern mit zwielichtigem Gesindel angelegt. Anscheinend bekommst du dazu wieder mal Gelegenheit.«
   »Anscheinend«, sagte Minkas nach einem langen Kuss. »Und ich würde es vielleicht wirklich genießen, wenn es nicht um Adrians Hals ginge.«
   Er fuhr herum, als er aus den Augenwinkeln etwas Weißes sah.
   Padrin entging nur mit knapper Not dem Zugriff seiner Faust. »Ich bin es nur, Meister, äh, Exzellenz.«
   »Padrin! Was ist passiert? Wo ist Adrian? Tatsächlich in Arrest? Wie konnte es dazu kommen? Weshalb Ingerson? Und was habt ihr Schwachköpfe derweil gemacht?«
   »Wir haben versagt«, sagte Padrin düster. »Wir haben sofort begriffen, dass es eine Intrige ist, aber wir haben nicht damit gerechnet, dass sie dem Meister einen Mord anhängen würden.«
   »Mord? Wieso Mord?«, fragte Minkas. »Hamilton, der Idiot, hat etwas von einem Duell gesagt.«
   »Unangemeldete Duelle werden genauso abgeurteilt wie Mord. Und angemeldet war es nicht. Denn genau genommen war es kein Duell.«
   »Du machst mich ganz konfus«, tadelte Minkas. »Lass uns in die Küche gehen, mache uns irgendwas Leckeres zu essen, und dann erkläre uns das alles ein wenig ausführlicher.«
   »Wir können nicht in die Küche. Die ist versiegelt. Alle Assistenten des Meisters sind bis auf Weiteres beurlaubt.«
   Minkas starrte ihn an. »Anscheinend habe ich das Ausmaß dieser Katastrophe bisher unterschätzt.«
   »Das würde mich nicht wundern«, erwiderte Padrin und zupfte nervös an seinem Halstuch. »Ich habe gehört, Prinz Anel fliegt morgen mit seinen Lehrern nach Schloss Rhan, um seine Prüfungen abzulegen.«
   »Nun. Er kann nicht mehr als durchfallen.«
   »Er kann ermordet werden«, sagte Padrin mit dramatischer Betonung. »Bedenkt, worum es letztes Mal ging, als man versucht hat, Adrian etwas anzuhängen. Die Leute, die Prinz Anel kriegen wollten, haben vor, es diesmal richtig zu machen.«
   Minkas schüttelte den Kopf. »Welche Leute sollten das sein? Lady Tepdo ist tot, Ringard in Haft und Penjin genauso.«
   »Was Padrin sagt, klingt gar nicht so dumm«, unterbrach ihn Elongata. »Es gibt durchaus eine größere Fraktion am Hof, die für reine Blutlinien eintritt. Wer sagt, jemand könne in der Haft keine Mordanschläge planen? Bist du so sicher, dass die Prewards inzwischen verlässlich sind?«
   »Das nicht«, sagte Minkas. »Das auf keinen Fall. Ich behaupte lediglich, dass keiner von denen schlau genug wäre, ein Komplott durchzuziehen.«
   »Es genügt, wenn sich dort hilfreiche Hände finden, meinst du nicht? Die Intrige wird irgendwo anders gesponnen.«
   Minkas seufzte. »Und ich werde das alles aufdecken müssen, ohne etwas Anständiges in den Magen zu kriegen. Am besten gehen wir in den Kräutergarten und hören uns an, was Padrin zu erzählen hat. Wenn wir wieder mitten in der Intrigenküche stecken, ist meine Suite mit Sicherheit längst verwanzt.«

*

Ein sonderbares Geräusch veranlasste Adrian, durch das blau leuchtende Gitter in den Nachthimmel zu sehen. Hoch über dem goldenen Quartier stand der Mond, doch war er sichelfein und ließ den Hof im Dunkeln. Nichts sonst war zu entdecken.
   Adrian wickelte sich wieder in die Decke und drehte sich zur Wand.
   Das Geräusch wiederholte sich. Ein schwaches Klicken.
   Adrian bohrte die Nase in den Kissenüberzug und versuchte, es zu ignorieren.
   Das Klicken wurde eindringlicher.
   Adrian setzte sich auf und lauschte. Was immer es war – es kam nicht von der mehrfach gesicherten Tür. Er spähte zum Fenster. Dort glomm ein winziges Licht auf und verlosch wieder. Mit einem Satz war Adrian aus dem Bett. Jemand kauerte auf dem schmalen Fenstersims.
   Adrian sah nicht mehr als einen geisterhaft hellen Fleck und zögerte. Dann flammte erneut kurz das Licht auf.
   Prinz Anel. Schnell drehte Adrian den altertümlichen Riegel. »Berührt bloß nicht die Gitterstäbe«, flüsterte er. »Sie sind energetisch!«
   »Ich weiß. Ich habe mich kundig gemacht. Ich habe sogar Anleitungen gefunden, wie man das Gitter deaktiviert, aber ich wüsste nicht, wo ich mir die Sachen beschaffen sollte, die dazu nötig sind.«
   »Ihr sollt sie nirgendwo beschaffen. Ich werde hübsch hier bleiben, sonst fühlen sich einige Leute in ihrer Meinung bestätigt. Letztlich muss sich die ganze Sache irgendwann aufklären. Es war sehr unvernünftig von Euch, herzukommen.«
   »Vielleicht. Aber ich musste dich sehen. Mein Vater kam heute eigens zu den Ställen, um mit mir zu reden.«
   »Oh. Worüber wollte er reden?«
   »Über Leibköche, die mit jungen Prinzen einige Tage in einer einsam gelegenen Pagode am Meer zubringen.«
   Adrian griff ins Gitter und bekam einen heftigen Schlag. Bläuliche Entladungen zuckten. »Verdammt!«
   »Ja, es ist hässlich. Denn es ist eindeutig gestreut worden, um dir die Unterstützung des Kaisers zu entziehen. Er hält große Stücke auf dich. Damit er dir nicht zuhört, oder dir gar eine Audienz gewährt, bei der du erzählen könntest, wie es wirklich mit Ingerson war, nehmen sie ihn gegen dich ein. Wenn es ihnen gelingt, ihm weiszumachen, du hättest dich irgendwie …«
   »An einem Prinzen vergriffen? Dann gibt es einen zusätzlichen Anklagepunkt, der mich endgültig den Kopf kosten wird.«
   »Kaum«, sagte Anel. »So etwas hängt man nicht an die große Glocke. Skandale hatte der Hof in letzter Zeit genug. Aber mein Vater würde einem beschleunigten Verfahren wegen Mordes zustimmen. Irgendjemand hat sich das alles sehr genau ausgedacht.«
   Adrian lehnte entnervt die Stirn gegen das Gitter und der Stromschlag ließ ihm sekundenlang die Haare zu Berge stehen. Als er sie nach einem schmerzlichen Aufstöhnen nach hinten strich, zuckten blaue Flammen über seine Finger. »Anel, es tut mir leid. Ich habe, ohne es zu wollen, deinen Ruf beschädigt.«
   »Nicht du.«
   »Doch ich. Ich Narr hätte klüger sein müssen als ein sechzehnjähriger Prinz, der einfach noch nicht genügend Lebenserfahrung hat, um sich auszumalen, was manche Leute für Fantasien entwickeln. Anel, du musst dich ab sofort aus dieser Sache heraushalten. Alles, was du jetzt tust, um mir zu helfen, würde nur so ausgelegt, als gäbe es da wirklich etwas.«
   »Ich werde mich heraushalten müssen«, erwiderte Anel bitter. »Denn morgen früh brechen wir nach Schloss Rhan auf.«
   »Wenigstens eine gute Nachricht.«
   »Meinst du?«, fragte Anel leise. »Meinst du wirklich, es wäre Zufall, dass du ausgerechnet jetzt ausgeschaltet bist? Ist deine Verhaftung das Ziel einer Intrige oder nicht vielleicht nur der erste und entscheidende Schritt?«
   Adrian fasste nochmals ins Gitter und ignorierte den Schmerz und das bedrohliche Lähmungsgefühl, das seine Arme hinaufzukriechen begann. Seine Lippen prickelten und seine Zunge schien sich in einen elektrischen Aal verwandelt zu haben. »Mit wem fliegst du nach Schloss Rhan?«
   »Lass das Gitter los«, befahl der Prinz.
   Adrian gehorchte. Seine Hände lösten sich nur widerwillig, als seien die Stäbe mit Leim bestrichen.
   »Wer fliegt mit dir, Anel?«
   »Meine Lehrer.«
   »Keine Leibwächter?«
   »Zwei Prewards, die nachts vor meiner Tür Wache halten sollen.«
   Adrian betastete seine kribbelnde Kopfhaut. »Ich bin ein Idiot. Ich habe die ganze Zeit darüber nachgegrübelt, warum man mir diese hässliche Falle gestellt hat. Dabei habe ich nicht eine Sekunde an dich gedacht. Lass dich krankschreiben. Deine Lehrer sind nicht vertrauenswürdiger als jeder beliebige Haufen Meuchelmörder und die Prewards erwiesenermaßen nutzlos.«
   »Mich könnte nur eine Kommission aller Hofärzte krankschreiben, denn Ausflüchte bei der Abschlussprüfung sind nicht gerade selten.«
   »Brich dir den Arm!«
   »Nein. Ich werde gehen und diese vermaledeiten Prüfungen ablegen. Weglaufen war noch nie nach meinem Geschmack. Außerdem weißt du genau, dass sie mich überall kriegen können, wenn sie nur entschlossen genug sind.«
   »Suche Hilfe«, sagte Adrian. »Nimm Coracun mit. Oder Minkas.«
   »Minkas ist auf Ennon, um das erneute Verschwinden einer Barcard aus dem Safe der Flotte aufzuklären. Und Coracun besucht die Familienlehen im Süden, damit die Verwalter nicht alle Erträge in die eigenen Taschen wirtschaften.«
   »Also ist das wirklich alles auf lange Hand geplant und wir Schwachköpfe haben gedacht, das läge hinter uns. Du musst mit dem Kaiser reden. Oder wenigstens mit dem Kämmerer.«
   »Die hören mir ja ohnehin nicht zu«, sagte Anel. Er schwang sich in Tilts Sattel. Krallen schabten über Putz.
   »Anel«, rief Adrian.
   Niemand antwortete ihm. Mit tauben Fingern schloss er das Fenster und drehte den Riegel. Er taumelte zu seinem Bett. Dort saß er in der Dunkelheit und versuchte sich einzureden, er habe Anels Besuch lediglich geträumt.
   Je länger er über die Sache nachdachte, desto schlimmere Bilder stiegen auf. Prinz Anel, der auf dem Weg zu den Prüfungen mit einem manipulierten Flugwagen abstürzte. Reuben Penjin, der aus der Haft floh, um sich an Minkas zu rächen. Padrin, der schon mal übel zusammengeschlagen worden war und nun leicht erneut zur Zielscheibe von Angriffen werden konnte. Mörder, die sich einen Weg in die Räume der kaiserlichen Familie bahnten …
   Adrians Kopf sank aufs Kissen.
   Schlaftrunken und verwirrt starrte er in die Dunkelheit, als es ans Fenster pochte. Er blinzelte angestrengt und tappte barfuß zum Fenster, um Anel scharf zurechtweisen. Es war nicht Prinz Anel, der vom Sattel eines Wandläufers aus zu ihm hineinspähte. Der Mann trug eine dunkle Maske. In jedem Fall war er zu breitschultrig, um ein verkleideter Sechzehnjähriger sein zu können. Er trug eine kleine Leuchte am Gürtel. In seiner Hand blitzte etwas auf.
   Adrian duckte sich, dann erlosch das blaue Glimmen des Gitters.
   »Ihr zieht Euch besser etwas an.«
   Adrian sah an sich herunter. Er trug einen gepunkteten Pyjama. »Weshalb? Muss man besondere Kleidervorschriften beachten, wenn man es mit Euch zu tun hat – wer auch immer Ihr seid?«
   »Ihr wollt doch bestimmt nicht am hellen Tag mit einem Schlafanzug herumspazieren.«
   »Hier stört das niemanden.«
   »Ihr werdet nicht hier sein.«
   »Werde ich nicht? Ich meine schon.«
   »Wollt Ihr wirklich hier sitzen bleiben, während draußen Dinge passieren, die Ihr verhindern könntet?«
   Das gab Adrian einen Stich. »Wer seid Ihr?«
   »Das tut nichts zur Sache.«
   Plötzlich blendete ein Scheinwerfer auf. »Da! Er flieht!« Stiefel warfen Kies auf.
   »Jetzt bringt Ihr mich ganz schön in Schwierigkeiten«, sagte Adrian.
   Eine Faust packte ihn. Er landete quer über dem Sattel des Wandläufers und wäre beinahe kopfüber hinabgerutscht. Ein selbsttätiger Sicherheitsgurt schlang sich um seine Taille und hielt ihn auf ebenso schmerzhafte wie würdelose Weise in dieser Stellung fest. Ein Laserschuss traf die Wand neben ihm und ließ Schmuckziegel davonwirbeln.
   »Holt ihn vom Sattel«, kreischte jemand unter ihm.
   Der Wandläufer setzte sich in Bewegung. In magenquälenden Schlangenlinien arbeitete er sich die Wand hinauf. Adrian hing nach unten. Sein Blut rauschte in den Ohren, während Laserschüsse die Fassade von einem guten Dutzend glasierter Ziegel befreiten. Die Echse überwand die Dachkante und nahm innerhalb weniger Minuten einige weitere Mauern. Adrian kämpfte gegen Brechreiz.
   Der Reiter deaktivierte mit seinem Gerät eine blaue Energielinie, löste den Sicherheitsgurt und Adrian purzelte vom Rücken des Wandläufers in ein Gebüsch. Eine Hand in einem dunklen Lederhandschuh half ihm auf.
   »Hört mal …«, begann Adrian wütend.
   »Still! Hier ist eine unregistrierte Barcard. In der Tasche sind Sachen aus Eurem Appartement. Obendrauf liegt ein Zettel mit einer Adresse. Dort könnt Ihr den Tagger aus Eurem Oberarm entfernen lassen, über den man Euch orten könnte.«
   »Aber ich will gar nicht«, protestierte Adrian.
   Die behandschuhte Hand winkte ihm leger zu. Der Wandläufer huschte mit seinem Reiter die Wand hinauf und im nächsten Moment glomm das blaue Energieband unbeeinträchtigt über der Mauerkrone.
   »Na, das ist vielleicht eine tolle Sache«, sagte Adrian laut. Er lief über feuchtes Gras. Über dem Palast stiegen Flugwagen der Prewards auf. Einer davon glitt eine halbe Minute später über Adrian hinweg. Er winkte, um auf sich aufmerksam zu machen.
   Ein Schuss aus der Bordkanone riss eine Scharte in den gut gepflegten Rasen und Erde fiel aus dem Himmel in Adrians Nacken.
   »He«, rief er. »Ich stelle mich!«
   Ein zweiter Schuss traf die Tasche. Adrian starrte auf die makellos erhaltenen Griffe, an denen nichts mehr hing. Dann begann er zu rennen.
   Er erreichte das Gebüsch, aus dem er eben erst gekrochen war, schob sich bis an die Mauer und krabbelte auf allen vieren daran entlang, während die ersten Äste hinter ihm Feuer fingen. Er atmete heiße Luft ein. Mit noch mehr Elan krabbelte er weiter. Er warf sich in den kleinen Bach, der aus dem Palastgarten durch ein Stahlgitter perlte. Laserschüsse ließen Dampfschwaden aufsteigen. Adrian gab sich alle Mühe, sich zwischen Stahlspitzen und einer rauen Mauer durchzuquetschen und dabei nicht zu ertrinken, doch der Zwischenraum war zu schmal und hätte nicht einmal Padrin Durchlass geboten.
   Das Wasser über ihm schien orangerot, denn der Flugwagen stand mit dröhnendem Antrieb kaum zwei Meter über dem Bach in der Luft. Adrian rüttelte an den Stangen. Da riss es ihn herum. Das Gitter drehte sich in einem verborgenen Scharnier einmal um die Mittelachse und rastete in neuer Position ein.
   Adrian befand sich wieder im goldenen Quartier.

Kapitel 3
Der Beginn der Prüfungen

»Wo zum Henker, ist er?«, fauchte Minkas.
   Kilian Yon bemühte sich um eine höfliche Miene. »Seine Lordschaft weilt bei Seiner
   Allerhöchsten Erhabenheit.«
   »Und wie lange weilt er da schon?«
   »Seit einer halben Stunde etwa, Exzellenz.«
   Minkas stürmte zum Aufzug und fuhr in den zehnten Stock hinauf. Vor ihm spritzten verdutzte Prewards auseinander. Unangefochten erreichte er die Tür zur kaiserlichen Suite. Er drückte den Summer. Die Tür blieb geschlossen.
   »O Mann«, sagte Minkas laut. »Soll ich jetzt einen Antrag auf Audienz in dreifacher Ausfertigung einreichen, oder was?«
   Die Tür rührte sich nicht. Minkas hätte ihr am liebsten einen Tritt versetzt. Nochmals drückte er auf den Sensor. Dann kam der Kämmerer aus einem weiter links gelegenen Eingang. »Ganz offen gesagt, Graf Collander: Es wäre weise, ein anderes Mal vorzusprechen.«
   »Weise vielleicht. Aber ich behaupte nicht, Weisheit zu besitzen. Ich will nur da hinein.«
   Rial di Nidare nickte verständnisvoll. »Nur scheint es, auf der anderen Seite dieser Tür wünscht man, dass Ihr draußen bleibt.«
   »Fein. Ganz fein! Einer meiner Freunde wird in Haft genommen, hier geht alles drunter und drüber, Prewards überfliegen den Palast und dann eröffnet man mir, dass der Kaiser mich nicht sehen will?«
   Der Kämmerer neigte leicht den Kopf. »Was natürlich nicht persönlich gemeint ist.«
   »Was dann?«, fragte Minkas. »Der Kaiser hat mich selbst auf einen verantwortungsvollen Posten berufen. Da wäre es irgendwie sinnvoll, wenn man mir Gelegenheit geben würde, ihn auch auszufüllen.«
   »Das sollt Ihr, Graf Collander. Zum Beispiel, indem Ihr den entflohenen Adrian Koeg wieder herbeischafft.«
   »Adrian ist weg?«
   »Weg«, bestätigte der Kämmerer. »Ich frage lieber nicht, wie gut Euch Euer eigener Sicherheitsdienst auf dem Laufenden hält.«
   »Ich bin gestern Abend von Ennon gekommen und bisher hat sich jeder geweigert, mit mir zu reden, den ich aufgesucht habe, damit er mir mal sagt, was überhaupt passiert ist.«
   »Bringt Euch auf den neusten Stand, findet Koeg und stellt Euch dann wieder bei Seiner Allerhöchsten Erhabenheit ein!«
   »Na schön«, knurrte Minkas. Er stürmte zu Prinz Anels Tür.
   »Seine Erhabene Hoheit ist heute morgen nach Schloss Rhan aufgebrochen«, kommentierte von hinten die Stimme des Kämmerers.
   »Ja, verflucht!«
   Minkas fuhr in den zweiten Stock und versuchte dort vergebens, sich bei den Harrows melden zu lassen.
   »Die Familie weilt zurzeit auf ihren Gütern, Exzellenz.«
   Minkas nickte resigniert. Dann fiel ihm ein, wer ganz gewiss bereit sein würde, mit ihm zu reden. Er nahm die westliche Pforte, lief durch mehrere Gärten, überquerte eine kleine weiß gestrichene Brücke und gelangte zu den Ställen. Dort gewährte man ihm widerspruchslos Zugang.
   An einem der inneren Gatter kam ihm Emeséll entgegen. »Ihr, Exzellenz? Seine Hoheit ist bereits abgereist.«
   »Das habe ich gehört. Genau deshalb will ich mit dir sprechen.«
   Gemeinsam gingen sie bis in die Wandläuferarena, deren Boden von den Krallen der Echsen tief zerfurcht war.
   »So«, sagte Minkas. »Was ist das nun alles für eine Scheiße?«

*

Prinz Anel betrat die Eingangshalle. Gefolgt von seinen Lehrern ging er bis zu dem langen Mahagonitisch und sprach die rituelle Formel. »Ich möchte mich hiermit aus freien Stücken und voller Zuversicht zur Abschlussprüfung der Edlen des Reiches melden.«
   »Euer Name, Kandidat?«
   »Anel Rinardon Thana von Hasfenion.«
   Die Beamtin sah auf. »Eure Formulare, Anel von Hasfenion.«
   Anels Mathematiklehrer reichte sie über den Tisch.
   »Und das sind Eure Tutoren?«, fragte die Prüfungsbeamtin.
   »Ja.«
   »Dann tretet nun durch die Durchleuchtungsschranke und seid so freundlich, Euer Gepäck in den Synchrotoner zu geben!«
   Anel wurde auf unerlaubte Mitbringsel untersucht und durfte die zweite Schranke passieren. Dort erwartete ihn ein Page. Anel folgte ihm die enge Wendeltreppe hinauf und wurde in seine Räume geführt.

*

Am Empfang prüfte die Beamtin die Papiere der Tutoren. Sie ließ den Pass des Geografielehrers durch den Lektor laufen, als sich die doppelflüglige Glastür öffnete und ein weiß gekleideter Mann mit hoher Mütze einen zweistöckigen Wagen vor sich herschob.
   »Und wer seid Ihr?«, fragte die Beamtin, als der Wagen vor ihr anhielt.
   »Mein Name ist Maître D’ete. Ich bin der Leibkoch Seiner Erhabenen Hoheit.«
   Sie prüfte seinen Pass kritisch. »Ihr wurdet nicht angemeldet, Maître.«
   »Seit wann wird Dienstpersonal namentlich angemeldet? Ich scheue es zwar, unter die Dienstboten gerechnet zu werden, denn Sie müssen wissen, dass ich ein universal anerkannter Spitzenkoch bin, der zahlreiche Auszeichnungen und Preise gewonnen hat …«
   »Durchgehen«, sagte die Beamtin. »Eure Utensilien werden überprüft und dann in die Suite Seiner Erhabenen Hoheit gebracht.«

*

Anel aktivierte die Spionfunktion der Tür, dann ließ er sie aufgleiten. »Graf!«
   »Psst«, sagte Minkas. »Ich bin Maître D’ete. Ihr wisst schon.«
   Anel grinste. »Dann kommt herein, Maître!« Drinnen verlor sich sein Grinsen. »Wie geht es Adrian?«
   »Keine Ahnung«, erwiderte Minkas. »Er ist abgängig.«
   »Geflohen?«
   Minkas nickte.
   »Das ist meine Schuld«, sagte Anel. »Ich habe ihm in den Kopf gesetzt, es könnte ein Komplott sein. Ich habe ihm gesagt, dass ich nach Schloss Rhan fliege …«
   »Ich bin mir gar nicht sicher, wessen Schuld es ist, Hoheit. Wir haben beschlossen, dass jemand hier sein sollte, der besser auf Euch aufpassen kann als ein kurzsichtiger Tutor.«
   »Wir? Habt Ihr Adrian gesehen?«
   Minkas schüttelte den Kopf. »Wir heißt Emeséll, Elongata und ich. Die beiden kümmern sich darum, Adrian zu finden. Ich würde dabei zu sehr auffallen. Und da ich bei Eurem Vater anscheinend unten durch bin, dachte ich, ich besinne mich auf meinen Beruf und sorge dafür, dass Ihr hier nicht durchfallt, weil Ihr nichts Ordentliches zu essen bekommt.«
   Die Türglocke schlug an und der Page rollte den Wagen herein.
   »Ah, dann wollen wir sogleich anfangen!«
   Anel folgte ihm in die kleine Küche, die Minkas zuerst ein wenig unwillig musterte, da er inzwischen daran gewöhnt war, auf dreihundert Quadratmetern zu kochen. Er schlug ein paar Eier in eine Schüssel, machte einen Teig und schnitt Äpfel.
   »Hm, Apfelküchel«, sagte Prinz Anel träumerisch. »Wie damals.« Er sah Minkas beim Backen und Wenden der Küchel zu. »Ihr könnt das anscheinend inzwischen auch.«
   »Adrian hat darauf bestanden, dass ich die Grundlagen lerne«, sagte Minkas und verbrannte sich die Lippen an einem viel zu heißen Küchel.
   Prinz Anel fand den Streuer mit Zimtzucker auf der unteren Ablage des Wagens. Minkas beobachtete ihn, wie er routiniert seitlich gegen die Stahlblechdose klopfte, damit genau die richtige Menge Zimtzucker über die Küchel verteilt wurde.
   »Ihr scheint Euch auch mit Küchengeheimnissen beschäftigt zu haben.«
   »Ich hatte reichlich Gelegenheit, Adrian zuzusehen, als wir am Meer waren.« Anel bemerkte den Seitenblick. »Ihr wollt doch nicht auch anfangen, uns irgendetwas zu unterstellen. Ihr kennt Adrian lange genug, um es besser zu wissen, oder nicht?«
   »Ich unterstelle nichts, aber ich habe mir sagen lassen, andere würden etwas unterstellen.«
   Anel schüttelte ärgerlich die Zuckerdose und der Deckel löste sich. Auf dem Teller bildete sich ein kegelförmiger Berg aus Zimtzucker. Erbittert starrte er ihn an. »Manchmal hasse ich den Hof. Manchmal frage ich mich, ob es einfacher wäre, als der zu leben, der ich wirklich bin: einer der vielen unehelichen Sprösslinge eines umtriebigen Kämmerers, genau wie Emeséll.«
   »Dann wärt Ihr immer noch der Sohn einer Kaiserin. Während Emeséll immer noch der Sohn einer Kammerzofe wäre. So wie ich den Hof inzwischen kenne, wäre das ein himmelweiter Unterschied. Ihr habt den Kaiser nicht gesehen, der immer wieder verzweifelt auf seinem Kommunikator herumtippte, um endlich Kontakt zu Euch zu bekommen, als Ihr damals verschwunden wart und er befürchten musste, Ihr wärt tot.«
   »Mag sein. Aber dann käme immerhin niemand auf die Idee, mir eine Affäre mit meinem Leibkoch nachzusagen, bloß weil ich ihn mitnehme, wenn ich für diese vermaledeiten Prüfungen büffle!«
   »Nein, denn dann hättet Ihr keinen Leibkoch.« Minkas schob die verzuckerten Apfelküchel vom Teller in den Mülltrenner und platzierte ein neues Stück Butter in der Pfanne. »Irgendwer möchte, dass Ihr durchfallt, und das möglichst in jeder Hinsicht. Jemand, dem es nicht genügt, Euch umzubringen und der Euch sicherheitshalber wenigstens völlig ruinieren möchte, falls Ihr irgendwie überlebt.«
   Anel lauschte den quatschenden Geräuschen aus dem Mülltrenner. »Ihr habt die Gabe, Menschen Mut zu machen, Graf Collander.«
   »Maître D’ete«, erinnerte ihn Minkas. »Es nutzt nichts, wenn wir weniger als das Schlimmste befürchten. Ich frage mich nur, ob wir das schon tun. Geht es um Prinz Anel oder um mehr? Warum ist es so wichtig, ihn ganz sicher aus der Erbfolge zu tilgen? Weshalb ist es nicht genug, dass der Kaiser Euch ausdrücklich davon ausgeschlossen hat? Warum machen die weiter, obwohl Lady Tepdo tot ist?«
   Anel zog sich auf den Küchentisch. »Es hört sich langsam nach einer ausgewachsenen Paranoia an.«
   »Es hört sich nach ein paar verdammt interessanten Fragen an«, konterte Minkas.
   Bald häuften sich frische, duftende Apfelküchel auf dem Teller. Minkas bestreute sie diesmal vorsichtshalber selbst und ließ den Automaten Espresso in zwei Tassen füllen.
   »Ich wüsste zu gern, wie viel Verlass tatsächlich auf die Harrows ist. Diese Geheimdienste am Hof sind die reinste Pest. Seitdem ich einen davon leite, weiß ich erst, wie wahr das ist. Der alte Harrow ist Chef des Heeresgeheimdienstes und der Kaiser hat Coracun praktisch mindestens die Hälfte der Verantwortung für die Prewards gegeben. Damit haben sie ihre Macht ordentlich erweitert. Reicht ihnen das? Oder backen sie größere Brötchen?«
   »Coracun ist ein guter Freund und ich vertraue ihm. Ohne ihn hätten wir Adrian schon beim letzten Mal nicht heil herausbekommen.«
   »Und Harrow senior?«
   »Na ja. Das ist etwas anderes«, gab Anel zu. »Er gilt als recht geschickt, was Machtspiele angeht, und er hat seinen Vorgänger aus dem Amt gehebelt. Selbst wenn er danach streben würde, Chef aller Geheimdienste zu werden, was hätte er dann gegen mich?«
   »Hm, keine Ahnung.«
   »Wer bin ich?«, fragte Anel. »Wer oder was ist Prinz Anel außer ein Sohn des Kämmerers?«
   »Da fragt Ihr den Falschen! Ich habe letztlich immer noch nicht den blassesten Schimmer vom Hof und den Leuten mit ihren verqueren Verwandtschaftsverhältnissen, geschweige denn von deren Seilschaften. Was bedeutet es, dass Ingerson für einen Sicherheitsdienst gearbeitet hat? War er ein zufälliges Opfer in diesem Spiel?«
   Anel nahm sich alle restlichen Apfelküchel und aß schweigend. Minkas räumte das Geschirr in die altmodische Spülmaschine und machte sich dann daran, die Suite auf versteckte Wanzen und andere technische Raffinessen zu untersuchen. Er fand keine.
   »Der Laden ist sauber«, sagte er zu Anel, der immer noch am Küchentisch saß.
   »Selbstverständlich. Schloss Rhan wurde eigens gebaut, um jeglichen Betrug bei den großen Abschlussprüfungen zu verhindern. Es wird jährlich auf den neusten Stand der Technik gebracht sowie vor und während der Prüfungen zweimal täglich überprüft, seit Kaiser Rinardon die Prüfungen eingeführt hat. Hier werdet Ihr keine Wanzen und keine Sprengsätze finden. Nur tut es im Zweifel auch ein gut gezielter Stoß mit dem Messer oder eine herabstürzende Büste.«
   »Auch da werden wir vorbeugen, so gut wir können«, sagte Minkas entschlossen. »Ich bin schließlich nicht zum Vergnügen hergekommen.«

*

Coracun Harrow nahm einen Schluck von dem ausgezeichneten Weinbrand und beobachtete Warlord Hamilton, der in unregelmäßigen Schleifen über den flauschigen Teppich lief.
   »Ich verstehe das nicht«, sagte Hamilton sichtlich aufgebracht. »Ihr müsst Koeg doch ausfindig machen können. Das letzte Mal stand und fiel der ganze Beweis seiner Unschuld mit dem Tagger, den man ihm implantiert hatte. Der zeigt jederzeit an, wo er ist, oder nicht? Damit müsst Ihr ihn doch nur aufspüren!«
   Coracun schwang die Beine über die Sofalehne und genehmigte sich den zweiten Cognac. »Tadellos kombiniert. Nur, dass Koeg den Tagger nicht mehr trägt.«
   Hamilton fuhr zu ihm herum. »Nicht mehr trägt? Was heißt: nicht mehr trägt?«
   »Es heißt genau, was der Wortlaut besagt. Der Tagger wurde entfernt.«
   »Wo? Wann?« Hamilton zog die Stirn in Falten. »Ihr meint, er hat ihn sich irgendwo wegmachen lassen? Natürlich: Er ist letztlich nichts anderes als ein Krimineller. Er kann leicht Unterschlupf in der Unterwelt finden. Dort soll es durchaus möglich sein, einen gewissenlosen Arzt zu finden, der eine solche Sendeeinheit entfernt.«
   Coracun Harrow gähnte und wies mit der Hand auf den cremefarbenen Sessel. »Setzt Euch! Ihr macht mich ganz nervös. Und was den Tagger angeht, er wurde hier im goldenen Quartier entfernt, weil es unschicklich schien, dass der Maître de table des Kaisers mit einem Tagger herumläuft, als sei er ein Wandläufer. Das Ding war ja tatsächlich ein Chip für Haustiere. Emeséll hatte ihn aus dem Bestand der Ställe genommen und mit der Kennzeichnungspistole gespritzt, die er sonst für die Wandläufer des Prinzen verwendet.«
   Hamilton schnaubte. »Passt irgendwie. Es war eine Schnapsidee, ihm den Tagger zu entfernen.«
   »Die Schnapsidee eines Kaisers«, sagte Coracun liebenswürdig.
   Hamilton blieb stehen. »Oh, ja. Gewiss.«
   Coracun schenkte ihm Cognac in einen Schwenker. »Die geballte Kraft mehrerer Sicherheitsdienste wird Koeg in jedem Fall zutage fördern, meint Ihr nicht?«
   »Ja, ja, sicherlich.« Hamilton trank den Cognac wie Medizin. »Nur wann? Der Kaiser ist sehr ungehalten.«
   »Gut Ding will Weile haben. Ich bin eben erst zurückgekommen und konnte mich nicht mal umziehen, da standet Ihr schon vor meiner Tür.« Coracun setzte die Flasche an den Mund und ließ sich den Weinbrand in die Kehle rinnen. Danach war die Flasche leer.
   Hamilton betrachtete sie mit leisem Bedauern. »Ich werde also gehen. Es gibt viel zu erledigen.«
   »Dann nichts wie weg«, murmelte Coracun und ließ Warlord Hamilton zur Tür führen.
   Kaum war Hamilton auf dem Weg zum Lift, stand Coracun auf und schaltete die Computerstation ein. Er aktivierte den verschärften Überwachungsschutz, rief eine spezielle Datei auf, die ihm einen detaillierten Plan des goldenen Quartiers zeigte, und ließ sich eine Satellitenverbindung herstellen.
   Der Computer fragte ihn, was er suchen wolle.
   »Finde den genauen Aufenthaltsort des Taggers 232/4r und gib mir die Ansicht auf den großen Wandschirm!«
   Es gab ein leises Surren, rote Linien zogen sich über die Projektion, die auf der Wand erschienen war. Dann leuchtete ein blauer Punkt auf. Coracun ließ sich die Stelle näher heranzoomen. Der Punkt befand sich im Palastquadranten.
   »Stockwerk eingrenzen! Angabe auf drei Meter genau!«
   Eine dreidimensionale Darstellung entstand. Der Punkt blinkte nun im zweiten Stockwerk. Ein Schriftzug informierte: Appartement der Familie Harrow/Salon.
   Coracun schnippte mit dem Finger und die Darstellung zog sich in Windeseile zu einem Farbfünkchen zusammen, ehe sie ganz verschwand.
   »Adrian«, sagte Coracun laut.
   Etwas rollte vom Schrank.
   Dann stand ein zerzauster Adrian in einem schmutzigen, gepunkteten Pyjama vor ihm. Sie musterten einander.
   Coracun legte Adrian die Hand auf die Schulter und schob ihn auf die Badezimmertür zu. »Bevor wir zwei miteinander reden, nimmst du ein Bad!«

*

Adrian genoss den Luxus einer großzügig mit Sauerstoff angereicherten Sprudeldusche, duftender Zusätze und einer dringend notwendigen Rasur. Nach kurzem Zögern entschied er sich für eine Schnellmassage, die jedoch leider das Gefühl hinterließ, um die Schultern herum mit einem Sandsack traktiert worden zu sein.
   Ein Robobutler brachte ihm Kleider. Sie stammten offensichtlich aus Coracuns Kleiderschränken. Adrian betrachtete sich nachdenklich im Spiegel. Geschlitzter lichtblauer Samt mit kieselgrauen Einsätzen entsprach nicht seiner Vorstellung von Unauffälligkeit, nicht einmal über einer dunkelgrauen Hose.
   Coracun nickte jedoch anerkennend, als er in den Salon zurückkehrte. Dort servierte der Robo ein spätes Frühstück am Couchtisch. Adrian sah zu, wie der Korken einer Champagnerflasche entfernt wurde. »Gibt es tatsächlich etwas zu feiern?«, fragte er müde.
   »Jede Menge.« Coracun prostete Adrian zu. »Da wäre zum einen die Tatsache, dass du noch am Leben bist, dann die zweite, dass sich Anel auf Schloss Rhan vergleichsweise in Sicherheit befindet, dass du so klug warst, herzukommen und außerdem, dass Hamilton mir meine Lüge geglaubt hat. Ich habe ihm weisgemacht, der Tagger sei entfernt worden, damit er kein Suchprogramm auf dich ansetzt, so wie ich es eben getan habe.«
   »Prost, also«, sagte Adrian und nahm einen Schluck aus dem hohen Glas.
   »Du wirst mir einiges erzählen müssen.«
   »Hm, ja.« Adrian gähnte herzhaft. »Nur weiß ich selbst nicht, worum es geht oder wer dahinter steckt.«
   »Soviel verlange ich fürs Erste gar nicht. Nimm dir Eier und Speck und lass uns systematisch vorgehen.«
   »Systematisch – schön. Dann fangen wir mit der Frage an, warum du ausgerechnet jetzt zu einer längeren Reise aufgebrochen bist, wo Minkas steckt, wenn man ihn braucht, und weshalb ausgerechnet Ingerson ausgesucht wurde.«
   »Das nennst du systematisch? Du bist anscheinend übermüdet.« Coracun leerte sein Champagnerglas und hielt es dem Robo zum Nachfüllen hin. »Ich dachte, es sei eine passende Gelegenheit, die blöde Inspektionsreise zu unseren Gütern zu unternehmen, wenn Anel sowieso bei seinen Prüfungen sitzt. Minkas wurde nach Ennon beordert, um den Diebstahl einer Barcard aufzuklären. Und Ingerson war eben dumm genug, sich von jemandem vorschicken zu lassen, ohne zu ahnen, dass er ein Lockvogel war, den man zu opfern gedachte. Es ist bekannt, dass ihr euch nicht mochtet. Man wird ihm eine erkleckliche Summe geboten haben, damit er dich provoziert. So wie ich ihn in Erinnerung habe, wundere ich mich nur, dass er sich der Gefahr ausgesetzt hat, von dir erschossen zu werden.«
   »Hat er nicht«, sagte Adrian. »Denn Pistolen waren nie ausgemacht. Es hätte ein Kochduell werden sollen.«
   »Kochduell?«
   »Ja. Der gelernte, hoch dekorierte Dessertkoch gegen den Hochstapler aus der Gosse von Ennon. Wahrscheinlich plante Ingerson eine Kuppeltorte von galaktischen Ausmaßen. Oder irgendetwas Fettreduziertes mit Beeren und Puderzuckerdekor. Ich jedenfalls war entschlossen, den allseits beliebten Kirschstreuselkuchen ins Rennen zu schicken und dazu vielleicht eine Neuauflage der Schwimmbadtorte, die damals dazu geführt hat, dass ich Anel kennengelernt habe.«
   Coracun atmete tief ein, bekam Kohlensäure in die Nase und nieste, bevor er zu kichern begann. »Ein Kochduell? Eine Puddingschlacht der Giganten?«
   »So ungefähr.« Adrian schnupperte misstrauisch am Rührei, das viel zu homogen aussah, um ein authentisches Hühnerprodukt zu sein. Es roch nach erhitztem Kunststoff, was bewies, dass es durch den Schlauch einer Flüssig-Ei-Zapfanlage gelaufen war. Er schob den Teller weg, betrachtete die Brötchen und entschied sich für einen Apfel aus dem Obstkorb, den er nach einem Blick auf die hoch polierte, gewachste Oberfläche großzügig schälte, ehe er hineinbiss.
   »Mann, du hättest Ingerson weggeputzt«, sagte Coracun.
   »Jemand hat ihn weggeputzt.« Adrian warf den angebissenen Apfel in den Tischeimer. »Und das ist meine Schuld. Ich hätte mich nie von ihm provozieren lassen dürfen.«
   »Dann hätten sie etwas anderes eingefädelt.«
   »Für wen hat Ingerson überhaupt gearbeitet?«, fragte Adrian. »Ich weiß, dass er irgendeinem der Geheimdienste Informationen geliefert hat, aber nicht welchem.«
   »Prewards«, sagte Coracun prompt.
   »Aber für wen hat er da gearbeitet? Für Fangatin oder für Loxman Ringard?«
   »Das wusste er vielleicht selbst nicht. Unseren Informationen nach hat er immer an Fangatin berichtet, aber Ringard hat ohnehin immer alles erfahren, was Fangatin wusste.«
   »Schwierig.« Adrian hielt sich inzwischen an den Kaffee, der immer ausgezeichnet war, da er vom Kaffeemeister Tillardin persönlich ausgesucht wurde und nicht von den Köchen des Hofes. »Könnte Ringard aus der Haft heraus irgendetwas anzetteln?«
   »Warum nicht?«
   »Ja, warum nicht? Ganz ehrlich finde ich es nicht so schlau, dass er dort von Prewards bewacht wird. Das heißt doch, den Bock zum Gärtner zu machen.«
   »Ich würde dir gern widersprechen, nachdem der Kaiser so gütig war, Minkas und mich mit der Umstrukturierung der Prewards zu beauftragen, aber leider haben wir bisher nicht bis auf den Grund gebohrt. Da geht es anscheinend in abgründige Tiefen: Günstlingswirtschaft, Seilschaften und Intrigen aller Art.«
   »Genau das Richtige für Coracun Graf Harrow, oder irre ich mich?«
   Coracun grinste. »Wenn ich derjenige bin, der die Seilschaften aneinanderknüpft, andere begünstigt, oder sich begünstigen lässt, ja. Aber nicht unbedingt, wenn es darum geht, dagegen vorzugehen. Und was die Verbindung mit der Küche angeht, so muss ich gestehen, dass ich mich niemals viel darum gekümmert habe, ehe du mit Minkas dort aufgetaucht bist. Bisher hatten wir keine Köche, die Vertraute von Prinzen oder Berater von Kaisern wurden. Noch letzte Woche hörte ich, du seiest als künftiger Minister für Ernährung vorgeschlagen.«
   Adrian lächelte matt. »Daraus wird nun nichts. Das wird manche hier sehr beruhigen.«
   »Anel war auch mehr dafür, dich in deiner jetzigen Position zu belassen.«
   »Ist Anel auf Schloss Rhan wirklich sicher?«, unterbrach ihn Adrian ungeduldig.
   »Wo ist irgendwer schon wirklich sicher?«, fragte Coracun dagegen. »Dieses Schloss wird gut überwacht. Niemand kann Waffen hineinschmuggeln, seitdem ein Prüfling nach der Bekanntgabe der Noten um sich geschossen und einige Prüfer getötet hat. Das Gepäck wird auf allerlei Mitbringsel kontrolliert, inklusive Spickzettel und deren elektronische Gegenstücke.«
   »Menschen sind so leicht zu töten«, sagte Adrian. »Und es muss einen Grund haben, dass man mich ausgerechnet jetzt aus dem Weg haben wollte.«
   »Das gewiss. Aber da hat man die Rechnung ohne den Wirt gemacht – beziehungsweise ohne Coracun Harrow! Du wirst feststellen, dass du durchaus noch im Spiel bist.«

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