Alles scheint perfekt im Leben von Irina von Lehnberg. Die prominente Berliner Radiomoderatorin hat ihren Traumjob, verkehrt in den besten Kreisen und ist glücklich liiert. Doch dann erreicht sie ein Brief, der alles verändert. Fünfundzwanzig Jahre, nachdem sie als Mädchen aus einfachen Verhältnissen überstürzt die DDR verlassen hat, reist sie zurück in ihre Vergangenheit. Sie begegnet den Menschen, die sie damals im Stich gelassen hat, und stellt sich ihren bedrückenden Erinnerungen. Schon bald begreift sie, dass nach dieser Reise nichts mehr wie vorher sein wird. Ein Roman über die Macht der Vergangenheit und die zwei Hälften eines Lebens, die nur zusammen ein Ganzes bilden.

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ISBN: 978-9963-52-307-8

Seiten: 277

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Kerstin Hohlfeld

Kerstin Hohlfeld
Kerstin Hohlfeld wurde in Magdeburg geboren, studierte Theologie in Naumburg und Berlin, verließ die Hauptstadt kurz vor dem Mauerfall, um kurz danach zurückzukehren und in verschiedenen Berufen, u.a. als Autorin zu arbeiten. Sie engagiert sich für Tier- und Umweltschutz, radelt, wandert und reist leidenschaftlich gern und verbringt mit Vergnügen einen Teil ihrer Freizeit hinter dem Herd. Sie ist Mutter von drei erwachsenen Kindern.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Gegenwart

»Guten Morgen, Berlin. Fünf Uhr fünf. Es ist Zeit, die Augen aufzumachen. Ich bin Irina von Lehnberg und möchte Sie heute gern mitnehmen. Keine Eile! Sie haben noch ein bisschen Zeit. Rekeln Sie sich ruhig noch einmal! Trinken Sie Ihren ersten Kaffee! Aber dann besuchen Sie mich bitte! Ja, richtig gehört. Ich möchte Sie gern treffen, und zwar am Gendarmenmarkt. Hier wird heute der Laden meiner Träume aufgemacht. Und Ihrer auch, da bin ich mir sicher. Aber jetzt erst mal rekeln.«
   Sie drückte auf die Tastatur. Der nächste Musiktitel – »Material Girl« von Madonna – lief ab. Irina streckte sich, ließ kurz die Schultern kreisen, um die leichte Verspannung in ihren Schultern zu lockern. Sie war es gewohnt, so früh auf den Beinen zu sein und es störte sie nicht. Seit fast zehn Jahren moderierte sie die Morgenshow von Berlin-Live-Radio. Und sie liebte ihren Job.
   In einer Stunde würden sie das Studio verlassen und vom Gendarmenmarkt weitersenden, zur Eröffnung eines neuen dreistöckigen Schuh- und Taschenladens. In dem Spätbarockbau – innen ein Traum aus edlen Hölzern, mannshohen goldenen Spiegeln und weichen Sesseln – standen keine Taschen, sondern Kultobjekte wie Prada, Chloè, Vuitton – kurz: unbezahlbare Träume in Leder.
   Irina begutachtete ihr Outfit. Sie trug ein knappes, eng anliegendes Designersommerkleid, für das sie erst vor ein paar Tagen ein kleines Vermögen ausgegeben hatte. Ihre ohnehin stattliche Größe von 1,75 Metern unterstrich sie durch zehn Zentimeter hohe Absätze. Wie immer, wenn sie von draußen sendeten, würde es ein großes Menschengedränge geben. Die Berliner kannten und liebten Irinas Morgenshow und viele strömten zum Live-Termin. Irina wollte gut für sie aussehen.
   Sie genoss das Bad in der Menge – die strahlenden, ihr zugewandten Gesichter, die Menschen, die freudig, manchmal aber auch sichtlich aufgeregt reagierten, wenn die Moderatorin sie ansprach und ein bisschen mit ihnen plaudern wollte. Sie alle kamen, um die Frau, die sie jeden Morgen aus dem Bett holte, einmal live zu sehen.
   Irina fand Außentermine großartig. Ein besseres Publikum als die Berliner konnte sie gar nicht haben, die meisten waren offen, schlagfertig und für jeden Spaß zu haben.
   »Was grinst du denn so?«, fragte Kai, ihr Co-Moderator und knuffte sie kurz in die Seite.
   »Ich freu mich. Das wird lustig heute.«
   Kai verdrehte die Augen.
   »Was ist los?«, fragte sie.
   »Ich finde es stressig draußen«, antwortete er. »Seid umschlungen Millionen ist einfach nicht mein Ding.«
   »Ach, komm schon! Weißt du noch beim letzten Mal, als wir dich im Wannsee getauft haben?« Irina lachte. »Das war doch urkomisch.«
   »Ich weiß, meine Liebe, Witze auf meine Kosten liebst du besonders.«
   Sie zwinkerten sich zu. Als der Musiktitel endete, plauderten sie fröhlich drauflos.
   »Du, Iri«, sagte Kai. »Was ich dich fragen wollte …«
   »Ja?«
   »Muss ich wirklich mitkommen?«
   »Ich ahnte schon, dass du kneifen willst. Sag mal, hast du etwas gegen Schuhe und Handtaschen?«
   »Ich kenne dich und weiß genau, wie das ablaufen wird. Du kaufst die ganze Zeit ein, und ich mache unsere Morgenshow allein.«
   »Wie kommst du denn darauf?«
   »Na, Frauen plus Schuhe plus Taschen ist gleich psychischer Ausnahmezustand. Ganz einfache Rechnung. Lernt Mann schon in der Schule.«
   »Ach, die alte Leier. Hat er recht, liebe Berlinerinnen? Sollen wir das auf uns sitzen lassen? Rufen Sie mich an! Sagen Sie Kai, der auf eine Schule gegangen ist, in der man echt komische Sachen lernt, warum er mitkommen muss.«
   Zwei Stunden später sendeten sie vom Ü-Wagen am Gendarmenmarkt.
   Viele Hörerinnen hatten angerufen und Kai »überredet« zur Shop-Eröffnung mitzukommen. Sogar seine Freundin hatte sich eingeschaltet: »Wenn du nicht dahin fährst und mir so’n geiles Teil mitbringst, drehe ick dir den Hals um.«
   Nettes Spiel. Wie erwartet machte Irina die Sendung großen Spaß.
   Gerade interviewte sie eine prominente Berliner Schauspielerin, die ebenfalls zur Shop-Eröffnung gekommen war.
   »Mal unter uns. Wie viele Taschen besitzen Sie eigentlich?«
   Die Schauspielerin beugte sich vor und flüsterte Irina lächelnd etwas ins Ohr.
   »O mein Gott! Hundertzwanzig?«, posaunte Irina. »Ich hab nicht mal zehn, und die sind alle von Tchibo.« Sie wandte sich an ihr Publikum. »Ich würde gern so ein Prachtexemplar von Prada haben. Sie auch? Dann lade ich Sie jetzt ein zu unserem lustigen Taschenfilzen!«
   Bei dem Spiel sollten zwei Einkaufsgutscheine über 600 Euro für den neuen Laden verlost werden. Unter einer Bedingung. Die Teilnehmer mussten, um in den Lostopf zu gelangen, ihre Taschen ausleeren. Kai wurde zum Taschenfilzer ernannt. Im Nu reihte sich vor ihm eine lange Schlange auf. Irina griff Leute aus dem Publikum heraus und stellte deren Tascheninhalt vor.
   »Hallo, wem gehört denn dieses Täschchen hier?«
   »Hi, ich bin Jennifer.«
   Ihre Tasche war tatsächlich winzig. Umso erstaunlicher war, was sie alles daraus hervorholte. Zwei Kulis, eine Monatskarte, Tampons, Geld, Taschentücher, Schlüssel, Lippenstift und Lidschatten, MP3-Player, ein Smartphone und einen Notizblock.
   »Erstaunlich, was in so eine kleine Tasche passt. Brauchst du das alles?«
   »Klar.« Jennifer nickte.
   »Und das hier?«
   Bei diesen Worten grinste Irina breit und förderte ein paar Handschellen zutage. »Du bist wohl bei der Polizei?«
   Die junge Frau wurde knallrot.
   »Na ja …«
   Das Publikum johlte.
   Im Laufe des Morgens kamen Irinas Zuhörer in den Genuss von allerlei skurrilen Tascheninhalten. Von Medikamenten über Einmalschlüpfer bis hin zu Sexspielzeug und Hundekeksen gab es beinahe nichts, was die Berliner nicht mit sich spazieren trugen. Die Leute, die den neuen Laden in dichten Massen umlagerten, lachten und klatschten oft.
   »Ganz ehrlich«, meinte Irina kurz vor Ende der Sendezeit lachend. »Ich könnte noch hundert Taschen ausleeren. Das macht mir einen riesigen Spaß. Liebe Berliner, Sie haben die besten, lustigsten und verrücktesten Taschen der Welt! Eine noch und dann sage ich Tschüss für heute.«
   »Kannst du Mama drannehmen?«, fragte in diesem Augenblick ein piepsiges Stimmchen. Irina spürte, dass jemand an ihrem Kleid zog. Ein schmales, vielleicht fünfjähriges Mädchen sah bittend zu ihr herauf. Sie konnte die Kleine, umringt von Menschen, natürlich nicht ignorieren.
   »Hallo, wer bist du denn?«, fragte sie also.
   »Carlotta.«
   Da es nun Aufmerksamkeit bekam, lächelte das Mädchen breit und legte ein schokoladenverschmiertes Händchen vertrauensvoll auf Irinas Hüfte. »Wie süß«, wisperten ein paar Stimmen im Publikum.
   O Gott, mein Kleid, dachte Irina, der jedoch nichts anderes übrig blieb, als mitzuspielen.
   Sie bückte sich, nahm das Kind auf den Arm und verkniff sich angestrengt weiteres Nachdenken darüber, was die ungewaschenen Finger der Kleinen auf dem edlen Stoff anrichten würden.
   Eigentlich hatte Irina die Tasche eines attraktiven, jungen Mannes leeren wollen, der schon die ganze Zeit offen mit ihr flirtete. Das hatte sich soeben erledigt. Jetzt war das Kind an der Reihe.
   »Carlotta! Was für ein hübscher Name! Wo ist denn deine Mama?«
   »Da!«
   Irina blickte dem ausgestreckten Zeigefinger des Kindes nach und erstarrte. Carlottas Mutter war eine große, ungepflegte Frau, die aussah, als hätte sie mehrere Tage weder sich selbst noch ihre Klamotten gewaschen.
   Irina spürte einen Kloß im Hals, aber sie war zu sehr Profi, um sich etwas anmerken zu lassen. Fröhlich lächelnd bahnte sie sich einen Weg durch die Menge zu der Frau, die sich prompt für ihre kleine Tochter entschuldigte.
   »Sie ist immer so ungestüm.«
   »Das ist doch vollkommen in Ordnung«, gab Irina lächelnd zurück und ignorierte das Gefühl von Enge in ihrer Brust.
   »Ich wette, Iri war als Kind genauso«, brüllte Kai dazwischen und alle lachten. »Dann mal her mit dem guten Stück. Wir sind gespannt.«
   Irina blieb freundlich. »Als Mutter muss man für alle Eventualitäten gerüstet sein, nicht wahr?«, sagte sie lachend, während Kai die Tasche langsam ausleerte.
   Die Sendung ging ein paar Minuten später zu Ende. Irina war zufrieden. Wieder einmal hatte sie ihrem Ruf als Berlins unterhaltsamste Morgenmoderatorin alle Ehre gemacht.
   Allerdings schüttelte sie sich noch Stunden später auf dem Nachhauseweg bei dem Gedanken an den hässlichen braunen Kunstledersack der Frau. Unmengen Kram waren daraus zum Vorschein gekommen. Windeln, Feuchttücher, Fieberzäpfchen, Zopfgummis, klebrige Bonbons zwischen Krümeln und benutzten Taschentüchern und am Ende sogar ein Stück in Papier eingewickelter Parmesankäse. Angeblich hatte die abgehetzt wirkende Frau, die neben Carlotta noch ein Kleinkind im Buggy dabeihatte, ihn gerade gekauft und in ihre Tasche gestopft, um die Plastiktüte zu sparen.
   Irina begriff nicht, wie sich eine junge Frau derartig gehen lassen konnte. Sie hatte doch Kinder! Denen war sie es schuldig, gepflegt und sauber auszusehen.
   Sie öffnete ihre Wohnungstür, streifte mit einem Seufzer die hochhackigen schwarzen Pumps von den Füßen und blieb erschöpft auf der Bank in ihrem Flur sitzen. Sie fühlte sich neuerdings manchmal müde und schlapp. Dass jeden Morgen um 4.00 Uhr der Wecker klingelte, war sicherlich ein Grund. Jedoch hatte ihr der wenige Schlaf bisher nie etwas ausgemacht.
   Ihr weißer Perserkater Wuschel kam angelaufen und schmiegte seinen breiten Kopf an ihre Beine. Irina hockte sich hin, streichelte sein weiches Fell und ging dann in die Küche, um ihm Futter zu geben.
   Zufrieden blickte sie sich um. Ewa, ihre Putzfrau, hatte die Wohnung auf Vordermann gebracht. Sie kam dreimal in der Woche, immer wenn Irina im Sender war, räumte auf, putzte, bügelte und hinterließ die gesamte Wohnung in einem Zustand klinischer Reinheit. Irina genoss es, nach Hause zu kommen und alles aufgeräumt, sauber und frisch vorzufinden.
   Irina schnupperte und verzog ihr Gesicht. Der milde Zitronenduft, den die Putzmittel normalerweise hinterließen, wurde heute von Essensdunst überlagert. Ewa hatte Bigos gekocht – einen kräftigen polnischen Eintopf aus Fleisch und Kohl, nach einem streng gehüteten Spezialrezept ihrer Großmutter, wie sie stets versicherte. Kochen gehörte eigentlich nicht zu den Aufgaben der mütterlichen Mittfünfzigerin, doch gelegentlich setzte sie sich darüber hinweg, insbesondere wenn sie der Meinung war, dass Irina viel zu dünn und blass aussah und unbedingt etwas Anständiges essen musste.
   Leicht angewidert schüttelte sich Irina. Sie wollte Ewa nicht vor den Kopf stoßen, deshalb sagte sie ihr nicht, dass sie das Bigos und sämtliche anderen gehaltvollen Spezialitäten der osteuropäischen Küche niemals essen würde. Ewa meinte es gut. »Essen und Trinken halten Leib und Seele zusammen«, behauptete sie und hatte nur wenig Verständnis für Irinas strenge Ernährungsregeln.
   Irina fiel es nicht schwer, sich zu beherrschen. Sie hatte gelernt, dass einem die guten Dinge im Leben nicht in den Schoß fielen, sondern Mühe, Arbeit und manchmal Verzicht bedurften. Nur gelegentlich, wenn Irina an der süß duftenden Bäckerei im Nachbarhaus vorbeiging, lief ihr beim Anblick der gezuckerten Streuselschnecken das Wasser im Mund zusammen. Sie ertappte sich dabei, während sie ihr Vollkornbrot bestellte, wie hypnotisiert auf den Kuchen zu starren.
   Der smarte Verkäufer, der sie schon ein paar Jahre kannte, neckte sie gern ein bisschen.
   »Na, heute vielleicht eine süße Sünde und ein schönes Tässchen Kaffee dazu?«
   »Heute nicht«, gab sie dann lachend zurück und zwinkerte ihm zu.
   »Aber beim nächsten Mal.«
   »Beim nächsten Mal.«
   Irina hatte zu ihrem letzten Geburtstag von ihren Kollegen einen Korb voller Gemüse geschenkt bekommen. Es war ein prächtiger Korb und er war liebevoll gepackt, aber Irina konnte den Spott dahinter nicht ganz übersehen. Als sie abends die gesamte Mannschaft zum Italiener einlud, um zu feiern, verspeiste sie ausnahmsweise eine ganze Pizza. Dafür fühlte sie sich am nächsten Morgen wie der Wolf, der die berühmten Wackersteine im Bauch hatte.
   Ihre Kolleginnen gingen mit dem Essen viel entspannter um als Irina. Allerdings war nicht eine von ihnen so schlank wie sie.
   Irina betrachtete ihr Spiegelbild. Sechzig Kilo und davon kein Gramm Fett. Natürlich war sie dünn und blass, aber mit festem Po und vollen Brüsten. Genauso wollte sie aussehen und mindestens die Hälfte der Frauen auf dem Erdball teilte diesen Wunsch. Die andere Hälfte log dreist.
   Irina riss das Küchenfenster auf. Sie mochte den Kohlgeruch nicht, und am liebsten hätte sie Ewa gebeten, kein Bigos mehr für sie zu kochen.
   Aber da war Jens. Und der freute sich, wenn Ewa kochte. Jens, der attraktive Zwei-Meter-Mann, der polnisch deftige Kochkunst überaus zu schätzen wusste. Er hatte als Personalchef eines großen Berliner Energieversorgers einen nervenaufreibenden und verantwortungsvollen Posten, was ihn aber nicht davon abhielt, sein Leben in jeder freien Minute nach Kräften zu genießen. Gutes Essen, Reisen, Kunst und Kultur – er konnte von den schönen Dingen des Lebens nie genug bekommen. Irina genoss es, mit ihm zusammen zu sein. Er bereicherte ihr Leben, und er liebte sie!
   Sie waren in ihrer Stadt gern gesehene Gäste auf vielerlei Events. Irina und Jens liebten es, unter die Leute zu gehen, zu plaudern, zu tanzen und bis in die Nacht hinein zu feiern.
   Der Schlaf kam ein wenig zu kurz dabei, aber das war Irina egal. Wann sollte sie leben, wenn nicht jetzt?
   Irina füllte die Futterschale ihres Katers und stellte für sich selbst den Kaffeeautomaten an, den Jens ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. Er wusste, wie sehr sie einen guten Kaffee zu schätzen wusste und wie dringend sie zuweilen das Koffein brauchte, um den permanenten Schlafmangel nicht zu spüren. In manchen Nächten bekam sie nicht mehr als drei Stunden Schlaf.
   Wenn Jens und sie einmal nicht ausgingen, lag Irina spätestens um 21 Uhr gähnend und völlig erschöpft auf der Wohnzimmercouch.
   Im vergangenen Winter war sie drei Wochen krank gewesen. Am Anfang hatte es wie eine harmlose Erkältung ausgesehen. Sie war unverdrossen, mit Grippemitteln vollgestopft, zur Arbeit gegangen, bis sie im Sender zusammengebrochen war. Der eilig herbeigerufene Notarzt hatte absolute Ruhe verordnet und ihr dringend angeraten, sich öfter mal eine Pause zu gönnen. Hoch fiebernd versprach sie, besser auf sich aufzupassen, doch kaum fühlte sie sich besser, begann sie sich zu langweilen. Sie telefonierte, chattete, sah fern oder schlief den ganzen Tag. Wenn sie eins nicht ertrug, dann war das Stille.
   Nach ihrer Genesung nahm sie den gewohnten Lebensstil wieder auf.
   Die Kaffeemaschine zischte und riss Irina aus ihren Gedanken. Sie löffelte Stevia in ihren Espresso und nahm sich die Post vor, die Ewa fein säuberlich auf den Küchentisch gestapelt hatte. Jede Menge Rechnungen wie immer, Werbung natürlich, eine Einladung zum Empfang in der britischen Botschaft. Irina gähnte. Sie würde noch einen Kaffee brauchen.
   Ihr Blick blieb an einem schlichten weißen Briefumschlag hängen. Sie hörte plötzlich ihr Herz laut und ahnungsvoll schlagen, als sie nach dem Brief griff. Die Adresse war von Hand geschrieben, fein säuberlich in einer steil nach links geneigten Handschrift. Diese auffällige Schrift hatte sie bisher nur bei einem Menschen gesehen. Und nur dieser eine Mensch brachte es fertig, seine Handschrift über Jahrzehnte hinweg kein bisschen zu verändern.
   Langsam drehte Irina den Umschlag um. Viola! Der Brief stammte von ihrer alten Schulfreundin. Was sie wohl wollte? Sie hatten fünfundzwanzig Jahre kein einziges Wort mehr voneinander gehört.
   Irinas Hände zitterten. Sie verspürte plötzlich Lust auf eine Zigarette. Irgendwo musste eine übrig gebliebene Schachtel von der letzten Party liegen. Aber wo? Wahrscheinlich von Ewa sehr gut weggeräumt.
   Irina brühte sich einen weiteren Kaffee auf. Die Maschine zischte und gurgelte.
   Viola. Das netteste Mädchen des Dorfes. Gut in der Schule. Beliebt bei Jung und Alt. Sie hatten sich eine Ewigkeit nicht gesehen.
   Irina registrierte erstaunt, wie sich ihr Puls beschleunigte. Der schlichte weiße Brief machte sie nervös. Für einen Moment fühlte sie sich zurückversetzt in ihre Kindheit. Sie sah ein kleines blondes Mädchen, das mit Viola in alten Kleidern Prinzessin spielte.
   Sie eilte ins Bad, warf sich eiskaltes Wasser ins Gesicht, dann sah sie in den Spiegel. Da war kein Kind! Da war sie, Irina von Lehnberg. Ihr Gesicht zeigte erste Spuren des Alterns, vor allem, weil sie die Angewohnheit nicht ablegen konnte, beim Nachdenken die Stirn zu runzeln. Wahrscheinlich war auch ihr temporeicher Lebensstil nicht ganz unschuldig an den ersten Falten. Oder einfach die Tatsache, dass sie im nächsten Jahr vierundvierzig wurde.
   Fünfundzwanzig Jahre hatte sie ihre Freundin Viola nicht gesehen. Was für eine lange Zeit!
   Irina löste die Hochsteckfrisur und betrachtete ihr offenes blondes Haar. Waren da wirklich »die ersten Grauen«, wie ihr neulich eine Friseurin ziemlich keck ins Gesicht gesagt hatte? Wenn das stimmte, müsste sie demnächst mit dem Färben beginnen. Sie lächelte sich im Spiegel an. Atmete tief ein und aus. Ihr Herzschlag beruhigte sich. Das Leben hatte es gut mit ihr gemeint, es lief fantastisch.
   Sie setzte sich zurück an den Küchentisch, nippte am Kaffee und öffnete den Brief.

Liebe Irina,
ich akzeptiere, dass du alle Brücken zu uns abgebrochen hast. Doch das solltest du wissen: Die Gräfin liegt im Sterben.

Liebe Grüße von deiner alten Freundin Viola


Das war alles. Irina zerknüllte den Brief und warf ihn über den Tisch.
   Verdammt, Viola!
   Mit Irinas Ruhe war es endgültig vorbei. Verdrängte Bilder nisteten sich in ihrem Kopf ein, wie ein ungebetener Gast auf einer Party, der nicht merkte, dass er störte.
   Da half nur eins. Sie musste den Störenfried vertreiben – raus, laufen und dabei dröhnend laut Musik von ihrem MP3-Player hören. Eilig zog sie sich aus und warf ihre Sachen achtlos auf den Boden. Dann schnappte sie sich ihre Turnschuhe und schlüpfte in ihre Joggingsachen.
   Laufen. Einatmen. Ausatmen. Alles vergessen.
   Am Abend fand Jens den Brief. Sie waren gerade dabei, sich zu Tisch zu begeben. Er hatte ihr Sushi mitgebracht und sie ihm Ewas Eintopf aufgewärmt. Neugierig betrachtete er das zusammengeknüllte Papier unter seinem Stuhl und hob es auf.
   »Was Wichtiges?«, fragte er.
   »Schmeiß es einfach weg«, antwortete Irina.
   Jens hörte nicht auf sie, sondern begann den Brief auseinanderzufalten.
   »Aus Biebersleben«, las er vor. »Wo in Gottes Namen ist Biebersleben?«
   »Genau da, wo du es vermutest«, erwiderte Irina leicht gereizt. »Am Arsch der Welt.«
   »So vulgär heute?«, spottete Jens und sah sie amüsiert an. »Ist es Fanpost?«
   Irina rollte die Augen. »Können wir jetzt essen?«
   Jens musterte Irina interessiert. Dann begann er zu lesen. »Von einer alten Freundin?«, fragte er. »Viola. Du hast mir nie von ihr erzählt.«
   »Da gibt es nicht viel zu erzählen. Eine Freundin. Kinderzeit. Lange her. Alte Geschichten«, entgegnete Irina genervt.
   »Irgendetwas sagt mir, dass dir das Thema nicht behagt.«
   Irina legte ihr Besteck auf den Teller. »An dir ist ein Psychologe verloren gegangen«, spottete sie. »Können wir jetzt bitte essen?«
   »Gern! Und du erzählst mir dabei von … Wie hieß das Dorf doch gleich?« Er nahm den Briefumschlag und las noch einmal. »Biebersleben. Ich bin gespannt.«
   Irinas Lächeln gefror. Wider Erwarten begann ihre Stimme zu zittern, als sie antwortete. Sie schluckte. »Wolltest du dich gern ein bisschen lustig über mich machen?« Sie registrierte seinen verwunderten Blick.
   »Natürlich nicht! Du bist empfindlich heute.«
   »Und du machst einen Aufstand wegen eines Stückes Knüllpapier.« Irinas Stimme klang brüchiger, als ihr lieb war. Sie räusperte sich, vermied den Blickkontakt zu Jens und konzentrierte sich auf ihr Essen.
   Jens legte seine Hand unter Irinas Kinn und hob sanft ihren Kopf. »Alles okay mit dir?«
   Sie zwang sich, seinem Blick standzuhalten. »Es ist alles in Ordnung«, antwortete sie ruhig. Er würde nicht aufhören zu fragen, wenn sie sich jetzt nicht zusammennahm. »Das sind alte Geschichten und vollkommen unwichtig.« Zufrieden sah sie, dass Jens den Brief endlich hinlegte und sich schweigend dem polnischen Eintopf zuwandte.
   Später lag Irina wach. Sie konnte nicht schlafen und gab dem Espresso, den sie kurz vor dem Zubettgehen getrunken hatte, die Schuld. Insgeheim wusste sie, dass es an Violas albernen drei Zeilen lag.
   Jens war gegangen, nachdem er ein weiteres Mal Anlauf genommen hatte, mit ihr über den Brief zu reden. Irina konnte und wollte nichts erzählen. Jens hatte enttäuscht ausgesehen, als er aufbrach, um wie oft in letzter Zeit in seiner eigenen Wohnung zu übernachten. Sie hatte nicht versucht, ihn aufzuhalten.
   Seufzend warf Irina einen Blick auf ihren Wecker. Zwei Uhr. In dieser Nacht würde sie nicht mehr schlafen.

Biebersleben, Juni 1980

Noch zehn Minuten! Kathrin hatte während der Schulstunde wohl an die fünfzig Mal auf ihre zerkratzte Armbanduhr gesehen. Aufgeregt zappelte sie mit ihren Beinen unter der Schulbank herum. Gleich kam der große Moment. Alle Kinder mussten aufstehen, und Frau Berger würde das Geburtstagslied anstimmen. Die Kinder würden singen, klatschen und das Geburtstagskind hochleben lassen. Kathrin liebte Geburtstage. Einmal im Jahr war man der Mittelpunkt der Klasse.
   Und heute war es so weit. Sie wurde zehn!
   In ihrem Schulranzen steckte eine Überraschung – eine braune Papiertüte mit neunundzwanzig genau abgezählten Pfeiflutschern. Einen für jedes Kind in der Klasse.
   Pfeiflutscher waren einfach herrlich. Man konnte wunderbar Krach mit ihnen machen. Alle Kinder liebten die klebrige Süßigkeit. Deshalb war sie im Konsum manchmal ausverkauft und wochenlang nicht zu haben. Was Kathrins Überraschung nur perfekter machte.
   Eisern hatte sie gespart, denn so viele Lutscher waren ziemlich teuer. Ihre Eltern konnten ihr kein Geld geben. Das Wenige, das sie hatten, brauchten sie selbst. Also hatte Kathrin einen kleinen Handwagen aus dem Schuppen gezerrt und war zu den Nachbarn klingeln gegangen. Für ein Kilo alte Zeitungen gab es in der Altstoffsammlung 25 Pfennige und für eine Weinflasche 5 Pfennige. Manche Nachbarn hatten sie böse angeschaut und gesagt, dass sie ihr Papier gerade selbst weggebracht hätten, aber einige gaben ihr etwas. Mal ein paar Blätter Papier, mal ein leeres Gurkenglas. So war Pfennig für Pfennig zusammengekommen.
   Endlich war es so weit. Kathrin durfte aufstehen und zu Frau Berger nach vorn kommen. Beim Gehen zog sie ihr Kleid ein bisschen nach unten, damit niemand das große Loch in der Strumpfhose sah. Ihre Mutter hatte noch nicht geschafft, es zu stopfen und Kathrin konnte es nicht. In den Handarbeitsstunden in der Schule lernten sie gerade erst Knöpfe annähen.
   Frau Berger gratulierte der aufgeregten Kathrin zu ihrem Ehrentag und stimmte endlich das Geburtstagslied an.

»Weil heute dein Geburtstag ist,
da haben wir gedacht,
wir singen dir ein kleines Lied,
weil dir das Freude macht.«

Die Klasse klang ein bisschen dünn heute. Michael in der ersten Reihe sah so aus, als bewegte er nur die Lippen und Matthias in der zweiten auch.
   Aber das war Kathrin egal. Sie hatte sowieso keine Jungen zu ihrer Feier eingeladen. Es sollten selbstverständlich nur Mädchen kommen. Saskia und Carmen, Annegret und Mandy.

»Und wenn du einen Kuchen hast,
so groß wie’n Mühlenstein
und Schokolade auch dazu,
dann lad uns alle ein.«

Ihre Mutter würde einen Kuchen backen. Das hatte sie versprochen. Anschließend könnte sie mit den Freundinnen zum Spielen in den Garten gehen. Im Haus sah es nicht schön aus, weil Mutter das Aufräumen nicht schaffte und zu wenig Zeit zum Saubermachen hatte. Aber im Garten, da blühten gerade die Sommerblumen, und sie konnten Kirschen von Frau Lehnbergs Baum stibitzen.
   Vor lauter Vorfreude auf ihre Feier hopste Kathrin fröhlich auf und ab, obwohl Frau Berger missbilligend die Stirn runzelte.
   Mit dem letzten Takt des Liedes klingelte es, und Kathrin stürmte zu ihrem Platz. Sie riss die braune Tüte aus der Schulmappe, stellte sich an die Tür und hielt den Klassenkameraden, die eilig ins Freie drängten, strahlend ihre große Überraschung entgegen.
   Dann geschah das Unfassbare.
   Entsetzt sah Kathrin, wie ein Kind nach dem anderen an ihr vorbeilief, ohne in die Tüte hineinzugreifen. Sie sahen nicht einmal zu ihr hin. Niemand wollte einen ihrer mühsam zusammengesparten Pfeiflutscher haben.
   Frau Berger registrierte Kathrins bestürztes Gesicht und sprang ihr bei. »Schaut mal, die Kathrin hat Süßigkeiten für euch mitgebracht.«
   Aber es nützte nichts. Gerade gingen Saskia und Annegret vorbei, ohne Kathrin auch nur eines Blickes zu würdigen. Dann kam Mandy, blickte in die Tüte und wedelte kurz mit der Hand vor ihrer Nase, als müsste sie einen üblen Geruch verscheuchen.
   Nur der dicke Jens griff zu. Dem war alles egal. Hauptsache, es gab Süßigkeiten. Nicole, die Streberin, musste einen Lutscher nehmen. Schließlich war Frau Berger ihre Mutter.
   Die Klasse war fast leer. Kathrins Tränen liefen. Die anderen waren so verdammt gemein. Sie behandelten Kathrin fast immer schlecht, aber heute war ihr Geburtstag, und sie hatte allen etwas mitgebracht. Was stimmte denn nur nicht mit ihr?
   Kathrin bemerkte, dass Frau Berger sie mitleidig musterte, und sah an sich hinab. Ihr Kleid war fleckig und zu kurz, die Strumpfhose an den Knien ausgebeult. Die Sandalen besaß sie schon zwei Jahre. Das Leder war schmutzig und Kathrins große Zehen standen vorn über. Lag es an der Kleidung?
   Vielleicht hätte sie sich die Haare nicht abschneiden sollen, da, wo die Bürste beim Kämmen gar nicht mehr durchging. Jetzt hatte sie eine kahle Stelle am Hinterkopf. Annegret und Saskia hatten sie deshalb laut ausgelacht.
   Alle anderen Mädchen besaßen schöne Kleider und neue Lackschuhe. Ihre Mütter kämmten ihnen die Haare und kauften hübsche bunte Gummis für ihre Zöpfe. Kathrins Mutter konnte das alles nicht machen. Sie war oft traurig und fühlte sich schlecht. Die Leute sagten: Sie trinkt zu viel und ihr Mann genauso. Die Neumanns sind Assis und stinken.
   »Jetzt geh besser nach Hause, Kathrin«, sagte Frau Berger und schob das Kind sanft aus der Klasse.
   »Warte«, rief plötzlich eine helle Stimme. »Ich habe noch keinen Lutscher.«
   Als sich Kathrin umdrehte, stand Viola hinter ihr und lächelte aufmunternd. Die zarte Viola mit den wilden braunen Locken, die alle nur Pippi nannten und die mit ihren zehn Jahren aussah wie sieben. Sie hatte selten Zeit zum Spielen, weil sie nachmittags in der Bäckerei ihrer Eltern aushalf. Aber sie war beliebt in der Klasse, und zu ihrem Geburtstag hatten sich alle gierig auf die mitgebrachten Streuselschnecken gestürzt.
   Annegret und Saskia, die noch vor der Tür standen, schauten überrascht.
   »Willst du etwa was aus dem Stinkehaus nehmen, Viola?«, ätzte Annegret. »Komm, wir gehen lieber ins Eiscafé.«
   Viola schüttelte energisch den Kopf. »Ich hab keine Lust auf Eis«, sagte sie und blickte Annegret gerade an. »Ich will lieber Kathrins Pfeiflutscher.« Sie hakte sich bei Kathrin unter und zog sie weg.
   »Ich habe Saskia und Annegret eingeladen«, schluchzte Kathrin.
   »Ich weiß«, entgegnete Viola und nickte. »Mandy und Carmen genauso. Die werden aber nicht kommen.«
   »Woher willst du das wissen?«, fragte Kathrin trotzig und wischte sich mit dem Ärmel die Nase.
   »Alle wissen es«, antwortete Viola schlicht. »Die wollen nichts mit dir zu tun haben. Oder warst du letzte Woche zu Saskias Feier eingeladen?«
   Viola sagte die Wahrheit. Und das tat weh. Fast alle Mädchen waren letzte Woche bei Saskia, dem beliebtesten Mädchen der Klasse, eingeladen gewesen, nur sie selbst und Jana nicht. Die konnte ebenfalls keiner leiden.
   Am nächsten Tag hatten alle begeistert von der Feier erzählt. Sie hatten Himbeer-Biskuittorte mit Schlagsahne gegessen und später zusammen Topfschlagen und Sackhüpfen gespielt. Am Abend waren sie mit leuchtenden Lampions durch das Dorf gelaufen.
   Seitdem hatte Kathrin von ihrer Feier geträumt. Die sollte genauso schön werden wie Saskias. Und jetzt?
   »Soll ich zu dir kommen?«, fragte Viola, als hätte sie ihre Gedanken gelesen. »Ich bringe gefüllte Streuselschnecken mit.«
   »Ehrlich?« Kathrin konnte es kaum glauben. Gefüllte Streusel waren der absolute Renner in Königs Bäckerei. Die waren immer ganz schnell ausverkauft. Es war ewig her, dass Kathrin Kuchen gegessen hatte. Ihre Eltern hatten kein Geld dafür.
   »Also abgemacht?«, hakte Viola noch einmal nach. »Am besten bringe ich noch Jana mit.«
   »Jana?« Kathrin hielt die Luft an. Was hatte sich Viola denn da ausgedacht? Jana, die Witzfigur.
   »Gudn Dach. Ich bin die Joona aus Dräsdn.«
   Wenn sie den Mund aufmachte, lag die halbe Klasse am Boden vor Lachen. Kathrin dachte kurz nach. Jana hatte kaum noch gesprochen in letzter Zeit. Sie war sehr still geworden in den drei Monaten, nachdem sie von Sachsen nach Biebersleben gezogen und in ihre Klasse gekommen war. Freunde hatte sie keine. Seitdem sie nicht mehr sprach, hatten die Kinder vergessen, dass es Jana gab. Alle, außer Viola.
   Kathrin zuckte die Schultern. Sollte Jana ruhig mitkommen.
   »Einverstanden«, gab sie sich geschlagen. »Bis heute Nachmittag!«
   Nachdem sich Viola im Sauseschritt auf den Weg nach Hause begeben hatte, trödelte Kathrin noch ein Weilchen herum. Ihr Schulweg war weit und so konnte der leichte Sommerwind ihre Tränen endgültig trocknen. Sie würde eine Geburtstagsfeier haben, zwar nicht mit den Mädchen, die sie sich gewünscht hatte, aber sie würde Besuch bekommen und vielleicht sogar Geschenke.
   Als sie an den dichten Holunderbüschen am Ortsrand vorbeilief, raschelte es. Hinter ihr sprang jemand aus dem Gestrüpp.
   Kathrin quiekte. »Mensch Hase! Du hast mich erschreckt.«
   Ein hoch aufgeschossener, dünner Elfjähriger trat neben sie und grinste sie leicht verlegen an. Kathrin hätte auf ihn gefasst sein müssen, denn er wartete fast immer an dieser Stelle auf sie. Manchmal saß er auf einer kleinen morschen Bank. Meist jedoch hielt er sich im Gebüsch versteckt, falls irgendeiner der Dorfjungs hier vorbeikam. Aber das geschah selten. In der kleinen Siedlung außerhalb des Dorfes wohnten nicht viele Leute.
   »Ich hab was für dich«, sagte Hase, der eigentlich Benjamin hieß, aber von niemandem so genannt wurde. Seine Aussprache klang schleppend, so als wäre ihm seine eigene Zunge zu schwer. »Alles Gute zum Geburtstag.«
   Scheu lächelnd hielt er Kathrin einen Blumenstrauß entgegen. Feldblumen, von ihm selbst gepflückt.
   Kathrin wusste, dass Hase meist querfeldein zur Schule hin und zurück ging, denn auf den normalen Wegen lauerten die anderen Jungs, die Lehmklumpen nach ihm warfen oder ihm seine Schulmappe wegrissen, um sie an einem hohen Ast aufzuhängen oder auf ein Garagendach zu schmeißen.
   »Danke«, sagte sie froh und nahm ihm den kleinen bunten Strauß aus Kornblumen, Kamille, Klatschmohn und ein paar Weizenähren ab. Der Mohn würde schon in ein paar Minuten seine Blüten verlieren, aber das war Kathrin egal. Sie freute sich trotzdem über ihren Geburtstagsstrauß.
   Eilig ließ sie ihre Schulmappe vom Rücken fallen und kramte die braune Tüte hervor. Bei ihrem Anblick hätte sie beinahe wieder geweint. Fast alle Pfeiflutscher waren noch drin. Die ganze Mühe war umsonst gewesen. Die anderen Kinder mochten sie nicht. Sie wollten nicht einmal eine Süßigkeit von ihr annehmen.
   Aber Hase wollte.
   Er war ihr bester, genau genommen ihr einziger Freund. Sie trafen sich fast jeden Nachmittag – meist an geheimen Plätzen, wo nie jemand hinkam. Sie brauchten einander, weil niemand anders sie haben wollte.
   Strahlend griff der Junge in die Tüte. Kathrin nahm sich zwei Lutscher, wickelte sie aus und pustete kraftvoll hinein. Ein schrilles Pfeifen erklang. Auch Hase entlockte seinem Lutscher einen schiefen Ton. Kathrin ignorierte tapfer, dass dabei ein bräunlicher Speichelfaden über sein Kinn troff. Hase konnte nichts dafür, dass sich sein Mund nicht richtig schließen ließ, sodass man immer seine Schneidezähne sah. Die Leute im Dorf erzählten sich, dass er bei seiner Geburt weitaus schlimmer ausgesehen hatte. Schon als kleines Kind war er operiert worden, aber seinem Äußeren hatte der Eingriff nicht viel genützt. Manchmal ekelte sich Kathrin vor ihm. Dann drehte sie den Kopf zur Seite, um ihn nicht ansehen zu müssen. Aber heute war ihr sein Aussehen egal.
   Sie überlegte kurz, ob sie Hase zu ihrer Feier einladen sollte, doch sie verwarf den Gedanken so schnell, wie er gekommen war. Was würden Viola und Jana zu seiner Anwesenheit sagen? Hase war ihr Freund, aber sobald andere Kinder in Sichtweite kamen, mied sie ihn. Erstens, weil sie zusammen noch mehr geärgert wurden und zweitens, weil sie mit ihm an ihrer Seite keine Chance auf andere Freunde hatte. Denn mit »Hase«, dem Dorfgespött, wollte wirklich niemand etwas zu tun haben.
   An ihrer Haustür angekommen, schenkte Kathrin dem Jungen die restlichen Lutscher. Überglücklich trollte er sich. Sie winkte und sah ihm nach, bevor sie ins Haus ging, dessen Tür wie immer nicht verschlossen war. Kathrin benötigte keinen Schlüssel, weil sich ihre Eltern nicht die Mühe machten abzuschließen. Niemand betrat ihr Grundstück, nur ab und zu Onkel Rüdiger, der ihren Vater zum Schnapstrinken in die Kneipe abholte.
   Die Dorfbewohner mieden den grauen Flachbau inmitten des großen, ungepflegten Grundstücks. Das Haus hatte früher Kathrins Großmutter gehört. Die war nach dem Tod ihres Mannes zu ihrer Freundin nach Berlin gezogen und hatte ihr Zuhause Kathrins Mutter überlassen. Seitdem die dreiköpfige Familie dort wohnte, verfiel der Bungalow zusehends.
   Letztes Jahr an Kathrins Geburtstag war Oma zu Besuch gekommen, hatte sich jedoch so sehr mit Kathrins Vater gestritten, dass sie ein paar Stunden eher als geplant wieder abgefahren war. Während sich die Erwachsenen anschrien, hockte Kathrin draußen neben den leeren Kaninchenställen und hielt sich die Ohren zu. Nur ein paar Worte drangen zu ihr durch. Saustall. Eine Schande. Mutter hatte leise geweint.
   Kathrins Eltern stritten selten. Meist saßen sie schweigend zusammen am Küchentisch und tranken Bier, die unvermeidliche Zigarette zwischen den Lippen. Für Geräusche sorgte allein der Tag und Nacht eingeschaltete Fernseher.
   Wenn Kathrin aus der Schule nach Hause kam, schaute sie zuerst nach, ob ihre Mutter etwas zu essen für sie hingestellt hatte. Manchmal fand sie ein Wiener Würstchen und ein Stück Brot an ihrem Platz vor. Sie bestrich die Wurst so dick mit scharfem Senf, dass ihr beim Kauen fast die Tränen kamen. Oft war jedoch außer Brot nichts zu essen im Haus. Dann streute sich Kathrin Zucker auf ihre Schnitte und setzte sich kauend vor den Fernseher. Sie erledigte ihre Hausaufgaben und blickte ab und zu auf den flimmernden Bildschirm. Der Fernseher war genauso verstaubt und altersschwach wie die gesamte Einrichtung des Hauses, aber was Kathrin auf dem grobkörnigen Schwarz-Weiß-Bild sah, reichte zum Träumen.
   Einige Kinder in der Klasse durften kein West-Fernsehen schauen. Andere nur abends für kurze Zeit. Kathrin sah fern, sobald das Testbild samt dem nervigen Pfeifton erlosch und das Programm begann. Aber Musik, Nachrichten oder Serien interessierten sie nicht. Sie liebte einzig und allein die Werbespots zwischen den Sendungen, gelegentlich unterbrochen durch einen Streich der niedlichen Mainzelmännchen.
   Kathrin wusste, wie alle anderen Kinder in der Schule, dass Deutschland in zwei Teile gespalten war. Frau Berger erzählte im Unterricht oft, dass es den Menschen im Westteil Deutschlands, im Gegensatz zu den glücklichen Bewohnern des Arbeiter- und Bauernstaates, sehr schlecht erging. Sie erklärte, dass viele Leute weder Arbeit noch Ausbildung fanden und dass ein Brot ganze drei Mark kostete. Dass manche Menschen dort zwar reich waren, ihr Vermögen jedoch einzig der Ausbeutung der Arbeiter verdankten, die wiederum zum Streik auf die Straße gingen, um für ihre Rechte zu kämpfen.
   Kathrin mochte Frau Berger, aber sie glaubte ihr nicht. Wie konnte man unzufrieden sein in einem Land, in dem es Jeans, Barbiepuppen und Sarotti-Schokolade gab?
   Die Großmutter ihrer Mitschülerin Annegret lebte im Westen. Sie schickte regelmäßig Pakete an ihre Familie in der DDR. Alle Mädchen der Klasse beneideten Annegret um ihre schönen Kleider, die riesigen Packungen kunterbunter Filzstifte, Füller, die nie ausliefen, die unglaublich leckere Schokolade – und Haribo!
   Kathrin hatte erst ein einziges Mal eine Tafel West-Schokolade geschenkt bekommen. Von ihrer Großmutter.
   Sie erinnerte sich noch genau, wie sehr sie sich darüber gefreut hatte. Das bunt glänzende Papier. Die hauchdünne knisternde Alufolie, die die kostbare Süßigkeit umschloss. Kathrin hatte die ganze Tafel mit einem Mal aufgegessen, konnte sich nicht beherrschen, bis das letzte Stückchen verzehrt war. Diese Schokolade schmeckte so viel besser als alles, was sie bisher gegessen hatte. Das bunte Papier hatte sie sorgfältig glatt gestrichen und bewahrte es bis heute in ihrer Schatzkiste unter dem Bett auf.
   Ob ihre Großmutter heute zu Besuch kommen würde? Im Haus war es ganz still.
   Kathrin schnupperte. Der allgegenwärtige Zigarettengeruch wurde durch einen süßen Duft überlagert. Kuchen! Ihre Mutter hatte Wort gehalten und für sie gebacken. Der Tag zeigte endlich ein sonniges Gesicht.
   Achtlos ließ Kathrin ihre Schulmappe im Flur fallen. Hefte und Bücher rutschten heraus, mitten hinein in ein Chaos aus kaputten Schuhen, alten Zeitungen und leeren Bierflaschen. Kathrin nahm sich vor, die Schulsachen später einzuräumen und stürmte in die Küche.
   »Mama«, rief sie laut. »Papa?«
   Es war niemand zu Hause. Da fiel ihr ein, dass ihre Mutter heute zur Arbeit gefahren war. Dreimal in der Woche half sie nachmittags im großen Fischladen am Alten Markt in Magdeburg aus.
   Für Kathrin waren das gute Tage, denn wenn Mutter arbeiten ging, begann sie erst spät abends Bier zu trinken. Bevor sie zum kleinen eingleisigen Bahnhof des Dorfes lief, wusch sie sich, legte ihren unsäglichen Morgenmantel, den sie sonst tagaus tagein trug, ab und zog sich stattdessen ein schlichtes Kleid und eine Feinstrumpfhose an.
   Früher hatte Kathrin den dunkelblauen, mit leuchtenden Sonnenblumen bedruckten Hausmantel ihrer Mutter geliebt. Wenn sie miteinander kuschelten, knisterte es und Kathrins Haare standen zu Berge. Dann hatten sie herzhaft über den »elektrischen Mantel« gelacht. Aber das war, bevor Großmutter nach Berlin gezogen war, als ihre Mutter noch nicht so oft kränkelte und Vater noch auf dem Bau arbeiten ging. Kathrin erinnerte sich nur dunkel daran. Heute war der Morgenmantel schmutziggrau und muffig, und die Sonnenblumen leuchteten nicht mehr.
   Trotzdem freute sich Kathrin, denn wenn Mutter arbeiten ging, gab es abends ein richtiges Essen. Sie brachte jedes Mal etwas Fisch und eine kleine Schüssel Kartoffelbrei oder Nudelsalat von der Arbeit mit. Kathrin deckte den Tisch, während ihre Mutter den Fisch in heißer Margarine briet. Sie aßen zusammen und es sah aus, als wären sie, so wie alle anderen im Dorf, eine normale Familie. Vater jedoch wollte den Fisch nicht essen. Er könnte auf Almosen verzichten, polterte er jedes Mal und verschwand in die Kneipe. Kathrin verstand nicht genau, was er meinte. Sie vermutete, dass es etwas damit zu tun hatte, was vor ein paar Monaten im Fischladen passiert war.
   Vater war mit ihr nach Magdeburg zum Weihnachtsmarkt gefahren. Kathrin hatte bis zuletzt gebangt, ob er sein Versprechen, mit ihr dort Karussell zu fahren, einhalten würde. Sie war lange nicht in der Stadt gewesen und dementsprechend aufgeregt. Glücklich lief Kathrin an der Hand ihres Vaters über den festlich beleuchteten Markt, bestaunte einen Wagen mit knallroten kandierten Äpfeln sowie gebrannten Nüssen und Mandeln. Es duftete überall verlockend nach Bratwürstchen, Zuckerwatte und Tannengrün. Aus Lautsprechern klangen Weihnachtslieder. Kinder drängten sich an Karussells und bunten Schießbuden.
   Kathrin bettelte so lange, bis ihr Vater frisch gebackene Schmalzkuchen kaufte. Sie steckte selig lächelnd ihre Nase in die Tüte und sog den Duft des heißen Gebäcks ein, das unter einer dicken Schicht Puderzucker fast nicht zu sehen war. Gierig verschlang Kathrin die Schmalzkuchen. Danach wollte sie Kettenkarussell fahren, ein paar Lose ziehen und eine Runde auf dem Pferdekarussell drehen. Aber ihr Vater erlaubte es nicht. Vielmehr nahm er seine letzte Mark und gab sie für einen Grog aus. Kathrin verkniff sich das Weinen nur mit Mühe. Erst, als Vater ihr den Becher reichte und sie ein paar Schlucke von dem heißen, gezuckerten Alkohol trinken ließ, sah die Welt nicht mehr ganz so traurig aus.
   Warum schüttelte die alte Frau, die sie schon eine Weile beobachtete, den Kopf? Sie war mit ihren Enkeln da, einem Jungen und einem Mädchen. Alle drei starrten unverhohlen zu ihr herüber, während die Kinder an kandierten Äpfeln knabberten und ihre Großmutter einen Strauß bunter Papierblumen in der Hand hielt. Kathrin wusste, dass die drei von der Schießbude kamen. Dafür besaßen Vater und sie nun kein Geld mehr. Sie war neidisch und streckte den Kindern die Zunge heraus. Endlich drehten sich die drei um und gingen ihrer Wege. Kathrin lachte. Papas süßscharfes Getränk verlieh anscheinend Mut.
   Nun war es Zeit, ihre Mutter im Fischladen abzuholen. Als sie den warmen Laden betraten, hielt sich Kathrin die Nase zu. Dass Fisch so schrecklich stinken musste! Dabei gab es nicht einmal viel zu kaufen. Die meisten Regale im Laden waren, bis auf einige Dosen mit Fisch in Soße und ein paar Gläsern Bratheringe, leer. In der Kühltheke lagen geräucherte Makrelen und eine kleine Holzkiste voller Sprotten. Der Laden war trotz des dürftigen Angebots gut besucht. Weihnachten stand vor der Tür und die Leute wollten Karpfen kaufen. Geduldig warteten sie mit ernsten Gesichtern in der langen Schlange. In einem großen Wasserbecken schwammen ein paar der begehrten Fische. Wenn ein Kunde einen Karpfen bestellte, nahm Kathrins Mutter ein Netz, zog einen Fisch heraus und schlug ihm mit einem flachen Holz auf den Kopf. Der Fisch hörte auf zu zappeln, wurde in eine dicke Schicht Zeitungspapier gewickelt und über den Ladentisch gereicht. Fasziniert sah Kathrin ihrer Mutter zu. Plötzlich wurde ihr übel. Der strenge Geruch quälte sie. Ihr Magen rebellierte gegen die Mischung aus fettigen Schmalzkuchen und Alkohol. Sie schaffte es mit Mühe, aus dem Laden zu laufen, bevor sie sich übergab.
   Ihr Vater stand unbeholfen daneben, die Leute rümpften die Nase und drehten sich weg.
   Dann kam der Chef ihrer Mutter aus dem Geschäft und holte Kathrin herein. Er nahm sie mit und erlaubte ihr, sich in seinem Büro hinzulegen. Hier stank es nicht und ihr rebellierender Magen beruhigte sich, als sie sich ausstreckte. Ihren Vater bat der freundliche Herr Werner nicht herein. Kathrin zog ihren Mantel aus und nippte an dem Tee, den er ihr reichte. Sie sah, wie der Mann sie musterte. Kathrin kannte diesen Blick genau. Die alte Frau vorhin auf dem Markt hatte ihn gehabt, die Lehrer in der Schule und die Ärzte im Landambulatorium hatten ihn auch. Es war ein mitfühlender Blick, stets gepaart mit einem Kopfschütteln und einem kleinen ungläubigen Seufzer, wenn die Leute Kathrins knochige, in ungepflegte und viel zu kleine Kleider gehüllte Gestalt wahrnahmen.
   Herr Werner jedoch reagierte anders. Er schüttelte weder den Kopf noch seufzte er. Er lächelte sogar, als er mit ihr sprach.
   »Sag mal, Kathrin, wann hast du das letzte Mal etwas Warmes gegessen?«
   »Gerade eben. Eine Tüte Schmalzkuchen. Wieso?«
   »Nur so.«
   »Ach so.«
   »Was ist denn dein Leibgericht?«
   »Weiß nicht.«
   »Was kocht denn deine Mama besonders gut?«
   »Mama kocht nicht«, antwortete Kathrin wahrheitsgemäß. »Wieso fragst du?«
   »Nur so.« Er klopfte ihr auf die Schulter.
   »Ach so.«
   Von diesem Tag an brachte ihre Mutter Fisch von der Arbeit mit und Kathrins Vater war sauer deswegen. Er sagte, er könnte Herrn Werner nicht ausstehen. Kathrin fand den Chef ihrer Mutter nett. Der Fisch schmeckte lecker und Mutter wirkte froh, wenn sie arbeiten ging. Manchmal summte sie sogar eine Melodie, wenn sie nach Hause kam.
   Ein paar Tage nach ihren Erlebnissen in Magdeburg meldete sich Kathrin im Deutschunterricht. Frau Berger hatte gerade nach einem schönen Adventserlebnis gefragt. Keins der Kinder traute sich, zur Tafel zu kommen und aus dem Stegreif zu berichten. Vorn war der Platz der Lehrerin und selten wurden die Kinder gebeten, sich spontan auszudrücken. Kathrin jedoch war randvoll mit Eindrücken, also ignorierte sie das Kichern der anderen und hob den Finger. Beherzt trat sie vor die Klasse und begann zu erzählen. Ihre Mitschüler hörten ihr wider Erwarten aufmerksam zu. Kathrin genoss die ungewohnte Aufmerksamkeit und fing an, ihre Geschichte ein wenig auszuschmücken. Begeistert beschrieb sie die weihnachtlichen Düfte und Klänge, erzählte, wie sie im Kettenkarussell über die Köpfe der Leute hinweggeflogen war und dabei fast ihre Mütze verloren hätte. Dass sie gar nicht Karussell gefahren war, tat nichts zur Sache. Die Kinder lauschten mit offenem Mund und glaubten ihr. Nur das zählte.
   Als sie anschließend von ihrer Mutter und dem Besuch im Fischladen berichtete, fingen einige an, hinter vorgehaltener Hand zu kichern. Frau Berger bemerkte es und bat sich Ruhe aus. Die Kinder gehorchten, aber als Kathrin ausführlich das Töten der Karpfen schilderte, konnte sich die Lehrerin nicht länger durchsetzen.
   »Igitt, ist das eklig«, kreischte Annegret.
   Michael steckte sich einen Finger in den Hals und tat so, als ob er brechen müsste.
   Mandy meldete sich. »Das ist aber kein schönes Erlebnis, Frau Berger. Die armen Fische«, sagte sie mit Unschuldsmiene.
   Die Lehrerin schickte Kathrin zurück auf ihren Platz.
   »Du bist so eklig«, flüsterte Mandy ihr zu, sobald sie sich hingesetzt hatte. »Und deine Mutter ist eine Tierquälerin.«
   Das tat weh. Aber Kathrin hatte längst gelernt, keine Schwäche zu zeigen, um nicht noch mehr geärgert zu werden. Sie streckte Mandy trotzig die Zunge heraus. Die grinste und wandte sich ab.
   Wie durch einen Nebel hörte Kathrin, dass Frau Berger ihren Vortrag lobte, doch das interessierte sie nicht mehr. Sie dachte angestrengt über das Geschehene nach. Für einen Moment hatte sie es geschafft, im Mittelpunkt der Klasse zu stehen und Anerkennung zu genießen. Aber dann hatte sie durch ihre Ehrlichkeit alles wieder kaputtgemacht. Sie hätte nicht vom Fischladen erzählen dürfen. Das wusste sie jetzt.
   Während Frau Berger mit dem Unterrichtsstoff fortfuhr, verdüsterte sich Kathrins Stimmung. Es hing eindeutig mit ihren Eltern zusammen, dass sie keiner leiden konnte. Im Stillen verglich sie ihre Herkunft mit der der anderen Kinder.
   Annegrets Mutter zum Beispiel arbeitete als Sekretärin. Sie fuhr jeden Morgen nach Magdeburg ins Schwermaschinenbau-Kombinat »Ernst Thälmann«. Sie trug schicke Kleider und hochhackige Schuhe, schminkte sich. Mandys Mutter nähte Kostüme am Theater, und die Eltern von Uta aus der Parallelklasse waren sogar Ärzte.
   Kathrin verstand den Unterschied. Kein Kind rümpfte die Nase über Mandy, Annegret und Uta.
   Kathrins Mutter verkaufte stinkende Fische. Ihr Vater war Bauarbeiter, hatte jahrelang moderne Hochhäuser in Magdeburg gebaut. Seit er so viel trank, war er oft krankgeschrieben, und wenn er nicht in der Dorfkneipe beim Bier saß, ging er ins nahe gelegene Ziegelwerk arbeiten, wo er Botengänge übernehmen und herumliegenden Müll aufsammeln musste. Jedenfalls war er weder Lokführer noch Automechaniker noch Dreher, wie die Väter vieler anderer Kinder. Wurde sie deshalb gehänselt?
   Da passierte es zum ersten Mal. Einen Moment nur, eine winzige Sekunde, sah sich Kathrin mit den Augen ihrer Klassenkameraden. Tränen rollten über ihre Wangen – und sie wünschte sich, jemand anderes zu sein.

Kathrin verscheuchte die belastenden Erinnerungen und erkundete stattdessen, woher der schöne Duft kam. Als sie die Küche betrat, begann sie zu strahlen. Auf dem Küchentisch, wo sich sonst Zigarettenpackungen und Bierdeckel stapelten, lag heute eine blau karierte Tischdecke. Mutter hatte Geschirr hingestellt, Tassen und Teller, bunt zusammengewürfelt, aber heil. Und mittendrin stand tatsächlich ein goldbrauner Marmorkuchen. Er sah prachtvoll aus, fast so schön wie die Kuchen in Königs Bäckerei.
   Kathrin klatschte in die Hände und hüpfte einmal um den Tisch. Ein Geburtstagskuchen! Da erst fiel ihr auf, dass die Geschenke fehlten. Sie stöberte im Haus herum, obwohl sie schon ahnte, dass sie nichts finden würde.
   Auf dem Couchtisch im Wohnzimmer standen mehrere Aschenbecher. Ein Zigarettenstummel glomm noch. Ihr Vater musste also gerade erst gegangen sein. Es war immer das Gleiche. Ihre Eltern hatten kein Geld für Geschenke, für schöne Kleider oder Lackschuhe, für einen neuen Schulranzen oder Buntstifte.
   Mit hängenden Schultern blickte sich Kathrin um. Der bunt gedeckte Tisch leuchtete wie eine kleine Oase in der Wüste – ringsherum alte Küchenmöbel mit tiefen Rissen in der einst weißen Beschichtung, wacklige Stühle mit aufgeplatzten Polstern, kahle Fenster, dreckig und ohne Schmuck.
   Sie ließ sich auf die Couch fallen und stellte sich vor, während sie auf die flimmernde Mattscheibe des Fernsehers starrte, wie sie in einem schönen Haus lebte, an dessen Fenstern schneeweiße Gardinen mit einer Goldkante hingen. Die Werbung hatte sie vor ein paar Tagen im West-Fernsehen gesehen und seitdem träumte sie von langen, strahlend weißen Gardinen, mit echtem Gold! Kathrin schloss die Augen und versank in ihrer Fantasiewelt, bis es energisch an der Tür klopfte.
   Ihr Besuch war da. Endlich! Viola und ihre Mutter standen vor der Tür. Die Bäckersfrau trug einen großen Korb ins Haus.
   »Alles Gute zum Geburtstag, Kathrin«, sagte sie herzlich. »Wo ist denn deine Mama?«
   »In Magdeburg. Zur Arbeit.«
   »Das ist ein toller Kuchen«, lobte Violas Mutter, als sie den gedeckten Tisch sah.
   Viola packte derweil den mitgebrachten Korb aus. Die versprochenen gefüllten Streuselschnecken waren darin, ein Brot und sechs warme, knusprige Doppelsemmeln.
   »Die hat Papa gerade aus dem Ofen geholt«, sagte Viola und drückte Kathrin eines der Brötchen in die Hand. »Fühl mal!«
   Kathrin verbarg mühsam den Wunsch, gleich in das duftende, noch warme Gebäck zu beißen. Ihr Magen fing an zu knurren.
   Die Bäckersfrau lächelte. »Sag deiner Mama einen lieben Gruß von mir. Wenn sie am Samstag Zeit hat, würde ich mich freuen, wenn sie kurz vor Ladenschluss zu mir in die Bäckerei kommt. Ich lege ihr ein paar Kleinigkeiten zurück.«
   Kathrin nickte. Sie verstand, was Frau König meinte. Sie wollte ihnen Brot schenken, vielleicht auch Brötchen und Kuchen. Das war sehr großzügig von der Bäckersfrau, denn eigentlich waren ihre Backwaren zum Feierabend immer ausverkauft. Vor dem Geschäft stand täglich eine lange Schlange. Kleine private Bäckereien waren selten und Königs Backwaren im Dorf überaus beliebt.
   Papa würde die Geschenke wieder Almosen nennen und sich aufregen, aber das würde Kathrin zu verhindern wissen, indem sie schwindelte und ihm sagte, Mutter hätte das Brot gekauft.
   Die Tür quietschte, und Jana schlich ins Haus. »Tach-schen«, wisperte sie und blickte zu Boden.
   Viola ging zu ihr, nahm sie an die Hand und zog sie in die Küche. »Schön, dass du da bist«, sagte sie fröhlich und sah Kathrin dabei eindringlich an.
   »Ja, schön, dass du da bist«, echote Kathrin gehorsam.
   Jana hob zaghaft den Kopf und wagte ein Lächeln.
   Kathrin wusste, dass Jana beinahe noch schlimmer dran war als sie selbst.
   In der Schule sagte sie keinen Ton und stand meist allein und mit gesenktem Kopf in einer Ecke auf dem Pausenhof. Erst vor ein paar Monaten war sie nach Biebersleben gekommen. Ihre Mutter hatte den LPG-Vorsitzenden Herrn Warburg geheiratet. Der war im Dorf ein angesehener Mann, hatte Landwirtschaft studiert und herrschte seit fast zwanzig Jahren über die Bieberslebener Felder und Gewächshäuser. Bei einer Kur am Goldstrand in Bulgarien hatte er Janas Mutter kennengelernt. Beide hatten sich scheiden lassen und dann einander geheiratet. Jetzt war ein gemeinsames Kind unterwegs. Im Dorf stellte die neue Familie Warburg seit Wochen ein ergiebiges Klatschthema dar.
   Jana wurde in Kathrins Klasse eingeschult. Sie war ein hübsches Mädchen mit feinen Zügen und hüftlangen braunen Haaren, die sie zu gleichmäßigen, festen Zöpfen flocht.
   In den ersten Tagen begegneten die Kinder der Neuen mit Neugier und freundlicher Aufmerksamkeit. Saskia und Annegret umwarben sie. Aber dann fingen die Jungen an, Jana wegen ihres breiten sächsischen Dialekts zu hänseln. Weitere Kinder auf dem Schulhof fielen ein. So lange, bis es zum Selbstläufer wurde. Die Schüler kreisten Jana ein und äfften sie nach, schubsten sie und taten so, als wollten sie ihr die Zöpfe abschneiden. Sie lachten sie aus, weil sie weder die Mainzelmännchen noch Bonanza oder Raumschiff Enterprise kannte.
   Sogar Hase ließen sie ein paar Wochen in Ruhe, denn Jana war ein neues Opfer, und sie zu quälen, machte mehr Spaß. Es nützte nichts, dass sich Viola vor Jana stellte. Die anderen Kinder stießen die schmale Bäckerstochter einfach zur Seite. Nach ein paar Wochen hatte sich das lebenslustige Mädchen in einen Schatten ihrer selbst verwandelt. Sie sagte kein einziges Wort mehr. Stattdessen knabberte sie sich die Nägel ab, bis die Fingerkuppen bluteten.
   Nur Viola kümmerte sich um Jana. Sie lud die Gepeinigte zum Spielen ein und nahm sie zweimal in der Woche nachmittags zur Christenlehre mit. Viola erzählte stolz, dass der Gemeinderaum der einzige Ort war, an dem sich Jana wohl und sicher fühlte, auch wenn ihr Stiefvater, der in seiner gehobenen Stellung natürlich Mitglied der SED war, es nicht gern sah, dass Jana in die Kirche ging.
   Kathrin dachte darüber nach, sich den beiden anzuschließen. Anscheinend war die Bieberslebener Kirche ein Ort, an dem alle nett zueinander waren. Die Familie König war das beste Beispiel – freundlich, offen und stets bereit, anderen zu helfen. Jeden Sonntag besuchten sie den Gottesdienst, und Viola erzählte ihren Freundinnen anschließend die Geschichten von Jesus und dem Kreuz.
   In der Schule lernten sie, dass der Glaube an Gott ein Irrtum wäre und dass die biblische Botschaft nur erfunden worden war, um die einfachen und ungebildeten Menschen zu unterdrücken. Kathrin wusste nicht, was sie glauben sollte. Viola und ihre Familie wirkten jedenfalls kein bisschen unterdrückt. Im Gegenteil, sie machten einen starken und selbstbewussten Eindruck und entschieden ganz eindeutig selbst, woran sie glauben wollten.
   Obwohl die Kirche ihre Neugier erweckte, besuchte Kathrin letztlich nicht die Christenlehre, sondern den Pioniernachmittag, wie alle anderen Kinder auch. Sie tat es, weil alle es taten. Und weil es Spaß machte. Erst vor Kurzem hatten sie die Feuerwehr im Nachbardorf besucht, bekamen dort eine Schulung über die Aufgaben der Brandschützer und durften anschließend in ein Feuerwehrauto klettern.
   Violas Mutter verabschiedete sich gerade, als Nicole eintrat. Sie hielt einen knallroten Nelkenstrauß wie einen Schild vor ihrer Brust und sagte artig ihre Glückwünsche auf. Kathrin freute sich über ihren Besuch, auch wenn sie wusste, dass Frau Berger Nicole geschickt hatte.
   »Der Sozialismus hat die Klassenunterschiede zwischen den Menschen aufgehoben. Wir alle haben die gleichen Rechte und Pflichten. Jeder von uns ist gleichwertiger Teil der Deutschen Demokratischen Republik. Wir haben die Unterdrückung des Menschen durch den Menschen abgeschafft.«
   So erklärte Frau Berger den Kindern im Unterricht, warum der Sozialismus anderen Gesellschaftsformen überlegen war und sich deshalb die Menschen in der DDR glücklicher als andere fühlten. Sie selbst glaubte fest an das, was sie sagte und deshalb kam es für sie nicht infrage, dass ihre Tochter die Geburtstagsfeier einer Klassenkameradin schwänzte. Für Nicole war das in Ordnung. Sie ähnelte ihrer Mutter, war zuverlässig, pflichtbewusst und ein Muster an guten Manieren. Die anderen Kinder nannten sie Streberin und ärgerten sie, weil sie mit großem Abstand Klassenbeste war. Aber Nicole hielt »streben« nicht für ein Schimpfwort. Sie hatte Spaß an ihrer Leistung und hörte einfach nicht hin, wenn die anderen stichelten.
   Die Geburtstagsrunde war also komplett. Einen Moment lang schmerzte es Kathrin, dass die anderen Mädchen, die Tollen und Beliebten in der Klasse, tatsächlich nicht gekommen waren. Aber dann überreichten Jana, Nicole und Viola ihre Geschenke und Kathrins Trübsal verflog. Viola schenkte ihr eine strahlend weiße Unterwäschegarnitur, Nicole einen Füller und ein Päckchen Buntstifte und von Jana erhielt sie ein Paar Kniestrümpfe und ein Ausmalheft. Kathrin fühlte sich glücklich. Sorgsam legte sie ihre kostbaren Geschenke auf ihr unbezogenes Federbett.
   Nachdem sie von Streuselschnecken und Marmorkuchen genascht hatten, liefen sie hinaus in den Garten. Hier sah es nicht ganz so trist aus wie im Haus – zumindest in der warmen Jahreszeit. Vor Jahren hatte ihre Mutter hier Beete mit verschiedenen Stauden angelegt. Heute kümmerte sie sich kaum noch um die Blumen, aber Lilien, Bartnelken, Sonnenhut, Astern und Rittersporn sprossen in jedem Frühjahr unverzagt aus der Erde hervor und entfalteten ihre üppige Blütenpracht bis in den Herbst hinein.
   Kathrin hatte den Mädchen eine Überraschung versprochen. Neugierig folgten sie ihr.
   »Wir müssen leise sein«, flüsterte sie und schlich gebückt einen schmalen Trampelpfad zwischen den Beeten entlang. Die drei anderen Mädchen folgten ihr. Am Zaun zum Nachbargrundstück blickten sich Kathrins Gäste ratlos um. Sie konnten nichts Besonderes entdecken, bis das Geburtstagskind triumphierend lächelte und mit ausgestrecktem Finger auf ihre Überraschung wies. Ein Süßkirschenbaum – die Zweige voll mit dicken, dunkelrot glänzenden Kirschen. In den oberen Ästen lärmten vergnügt die Stare. Verwöhnt, wie die Vögel waren, pickten sie die prallen Früchte nur einmal kurz an, um sie dann einfach fallen zu lassen.
   Den Mädchen lief das Wasser im Mund zusammen. Keine von ihnen besaß zu Hause einen Süßkirschenbaum. Ab und zu konnte man im Konsum kleine Pappschälchen der begehrten Früchte kaufen, aber die waren teuer und stillten bei Weitem nicht den großen Appetit der Kinder.
   »Wem gehört der Baum?«, fragte Nicole leise. »Er steht jedenfalls nicht in eurem Garten.«
   »Der Frau Lehnberg«, antwortete Kathrin. »Aber ich habe sie beobachtet. Sie ist nachmittags nie im Garten. Sie spielt Klavier. Hört ihr?«
   Die Mädchen lauschten.
   »Die Gräfin«, hauchte Viola ehrfurchtsvoll.
   »Sie ist keine Gräfin«, behauptete Nicole. »Bei uns gibt es keine Grafen!«
   »Gibt es doch«, konterte Viola unerwartet energisch. »Und Frau Lehnberg ist eine echte Gräfin. Ich weiß es von meiner Mama und die weiß es vom Pfarrer, und der muss es ja wohl wissen. Schließlich ist Frau Lehnberg Gemeindemitglied.«
   »Der Pfarrer weiß es vom lieben Gott. Stimmt’s?« Nicole kicherte, sehr zufrieden mit ihrem Witz.
   Viola verdrehte die Augen, schwieg jedoch. Derlei Scherze war sie gewohnt und nahm sie mit Gleichmut hin.
   »Hört auf«, bat Kathrin. »Lasst uns lieber ein paar Kirschen holen. Einverstanden?«
   Erneut blickten die Kinder sehnsüchtig zum Baum.
   »Du meinst, wir sollen über den Zaun klettern und die Kirschen klauen?«, fragte Nicole zögernd.
   Kathrin nickte. Ihre Augen glänzten.
   »Bist du verrückt?« Viola lief vor Schreck rot an. »Wenn sie uns erwischt!«
   »Isch moch’s!«
   Alle drei schauten Jana, die sich bisher zurückgehalten hatte, erstaunt an. Die senkte den Blick. »Ich mache es«, wiederholte sie langsam, Wort für Wort um Hochdeutsch bemüht.
   Kathrin freute sich. »Los Jana«, rief sie. »Wir zwei gehen rüber.«
   »Ich komme mit«, beeilte sich Viola zu versichern und setzte zum Klettern an.
   »Aber in der Bibel steht, du darfst nicht stehlen«, wandte Nicole ein und hielt die Bäckerstochter am Rockzipfel fest.
   Viola seufzte. »Na, dann geh du«, forderte sie das Lehrerkind auf. »Schließlich haben wir von deiner Mutter gelernt, dass dem Volk in der DDR alles gehört.« Sie grinste. »Wenn du die Kirschen holst, ist es kein Stehlen. Dann ist es Sozialismus.«
   Kathrin, die zugehört hatte, lachte unbeschwert. »Während ihr streitet«, sagte sie, »pflücken Jana und ich lieber die Kirschen.«
   Katzenartig schlichen sie sich über das Grundstück zum Baum. Im Haus erklang weiter die Klaviermusik. Die Kirschen an den unteren Zweigen waren bereits abgeerntet.
   »Wir müssen hoch«, flüsterte Kathrin.
   Jana nickte kurz, zog sich die Schuhe aus und kletterte geschwind wie ein Affe den Stamm hinauf. Kathrin folgte ihr. Hinter dem Zaun hielten Nicole und Viola die Luft an.
   »Auweia, wenn die erwischt werden.«
   Lachend schob Kathrin ein paar Zweige auseinander. An jedem Ohr baumelte ein Kirschenohrring. »Na los, kommt schon«, rief sie und winkte.
   »Psst«, flüsterten die zwei von unten und hielten sich einen Finger vor den Mund. Eine Sekunde später sahen sie sich an, grinsten und waren sich auf einmal einig. Sie folgten den anderen geschwind über den niedrigen Zaun, der das Grundstück der Neumanns von dem der Frau Lehnberg trennte.
   Kathrin warf mit vollen Händen Kirschen vom Baum. Nicole und Viola mussten nur den Mund aufsperren. Fast wie im Paradies.
   »Da sind noch welche. Da rechts«, feuerte Nicole Kathrin an, die langsam auf einem dicken Ast nach vorn rutschte, immer weiter, bis der anfing, gefährlich zu knarren. Noch ein paar Zentimeter trennten sie von ein paar besonders großen Früchten.
   »Pass auf«, warnte Viola, die das Unglück kommen sah.
   Aber Kathrin hörte nicht auf sie. Sie rutschte zentimeterweise vorwärts, die Blicke sehnsüchtig auf die Kirschen gerichtet. Knack! Da gab der Ast unter ihr nach. Mit einem schrillen Schrei stürzte Kathrin zu Boden.
   Im Haus endete das Klavierspiel abrupt.
   Viola und Nicole rannten zu Kathrin, die am Boden lag, weinte und mit schmerzverzerrtem Gesicht ihr Bein hielt.
   Jana rutschte eilig vom Baum.
   »Wir müssen wieder rüber«, rief Nicole atemlos und versuchte, die jammernde Kathrin hochzuziehen. »Schnell!«
   »Zu spät«, sagte Viola mit Grabesstimme, während ihr Gesicht plötzlich die Farbe der Kirschen annahm.
   Eine kleine, grauhaarige Frau lief über den Rasen auf sie zu – Frau Lehnberg, die Besitzerin des Kirschbaums, den die Mädchen gerade rücksichtslos geplündert hatten.
   Kathrin schoss trotz ihrer Schmerzen die Schamröte ins Gesicht, als sie sah, dass die Frau beim Gehen das rechte Bein nachzog. Sie begriff, dass ihr Abenteuer eigentlich eine Missetat gewesen war. Eine alte, humpelnde Frau bestehlen! Wie konnte sie nur? Und das, wo sie sich erst vor Kurzem in der Schule gemeldet und versprochen hatte, ein Timurhelfer zu werden! Sie hatten im Unterricht »Timur und sein Trupp« gelesen und Frau Berger hatte die Kinder gelobt, die Alten und Kranken zur Seite standen, ihnen die schweren Einkaufstaschen abnahmen und die Kohlen aus dem Keller schleppten.
   Was, wenn Frau Berger nun erfuhr, was sie getan hatte? Kathrin stöhnte leise. Natürlich würde sie es erfahren. Schließlich hatte ihre eigene Tochter bei dem Diebeszug mitgemacht.
   »Was habt ihr denn in meinem Garten verloren?«, fragte Frau Lehnberg atemlos, während sie angesichts des Chaos aus Kirschen, abgerissenen Zweigen und dem großen, gebrochenen Ast die Hände über dem Kopf zusammenschlug. Dann erst fiel ihr Blick auf die heulende, rotznäsige Kathrin, die in einem zerrissenen Kleid am Baumstamm lehnte. Während sich Kathrin am liebsten unsichtbar gemacht hätte und die drei anderen Mädchen betreten herumstanden, beugte sich Frau Lehnberg langsam zu ihr herunter.
   »Lass mich das mal ansehen«, sagte sie ruhig.
   Kathrin zog laut hörbar die Nase hoch und blickte scheu auf. In Frau Lehnbergs hellblauen klaren Augen las sie erstaunlicherweise keinen Zorn, sondern Sorge.
   Viola, Nicole und Jana hielten die Luft an und rührten sich nicht.
   Kathrin ließ ihr Bein los und wischte sich die laufende Nase mit dem Ärmel ihres Kleides ab.
   Nun sahen die anderen, was passiert war. Kathrins Strumpfhose war aufgerissen und aus einer langen Wunde tropfte dunkelrotes Blut.
   Entsetzt stöhnte Viola auf. »Das sieht schlimm aus.«
   »Kommt mit ins Haus!«, befahl Frau Lehnberg. »Das muss versorgt werden.«
   Die Mädchen zögerten, aber die klare Autorität der alten Dame ließ keinen Widerspruch zu.
   »Nun kommt schon«, sagte sie. »Oder soll eure Freundin eine Blutvergiftung kriegen?«
   Mühsam erhob sich Kathrin. Jana und Nicole stützten sie, als sie langsam Richtung Haus humpelte. Viola folgte betreten.
   Auf der hölzernen Veranda des Hauses angekommen, ließ sich die Verletzte in einen Korbstuhl fallen.
   Frau Lehnberg ging ins Haus und kam kurze Zeit später mit einer bauchigen braunen Ledertasche zurück. In ihrer anderen Hand hielt sie jetzt einen Stock, auf den sie sich beim Gehen stützte. Als sie die Tasche öffnete, sahen die Mädchen allerlei Medizin und Verbandszeug darin. Frau Lehnberg wählte eines der kleinen Fläschchen aus und nahm ein Mulltuch zur Hand.
   »Das wird jetzt brennen«, sagte sie trocken, während sie sich mühsam vor Kathrin auf die Knie niederließ. »Am besten du beißt die Zähne fest zusammen.«
   Kathrin wusste, was ihr jetzt blühte. Sie rollte vorsichtig die zerrissene Strumpfhose hinunter und hielt, genau wie Viola, Nicole und Jana, ängstlich die Luft an. Jede von ihnen hatte schon einmal Bekanntschaft mit der dunkelroten Flüssigkeit in der Flasche gemacht.
   Es war Jod, die Lieblingsmedizin ihrer Sportlehrer, die damit jede Schürfwunde behandelten, die sich die Kinder zuzogen, wenn sie auf dem mit grauem Splitt bestreuten Sportplatz stürzten. Wer beim Anblick der Wunden die Tränen noch zurückhalten konnte, heulte spätestens, wenn ein mit Jod getränkter Lappen darauf gepresst wurde. Aber die Lehrer bestanden auf dieser Form der Wundversorgung, um zu verhindern, dass sich die Verletzung entzündete und eiterte.
   Kathrin schwor sich, nicht erneut zu weinen, aber es funktionierte nicht. Sobald das Jod ihr aufgeschürftes Bein berührte, liefen die Tränen von ganz allein. Als sie sich mit der Hand über das verschmierte Gesicht fuhr, quiekte Viola erschrocken auf.
   »Kathrin, deine Hand blutet auch ganz schlimm«, rief sie.
   »Das ist nicht die Hand«, stellte Frau Lehnberg richtig, während sie das jodgetränkte Mulltuch fest auf Kathrins Bein drückte. »Es kommt von der Stirn.«
   Neugierig schob Nicole Kathrin die verstrubbelten Haare beiseite. Am Haaransatz war die Haut ein paar Zentimeter aufgeschlitzt. Blutstropfen quollen aus der Wunde.
   »Nicht anfassen«, warnte die alte Dame, die unterdessen Pflaster von einer großen Rolle abschnitt. »Darum kümmere ich mich gleich.«
   Während Frau Lehnberg ein Pflaster aufklebte, schämte sich Kathrin ihrer dreckigen Füße, der verfilzten Haare und des ungewaschenen Halses.
   »Wann hast du das letzte Mal gebadet?«, fragte die alte Dame prompt, als hätte sie Kathrins Gedanken gelesen.
   »Vorgestern am Baggersee«, gab sie zurück. »Im Sommer bade ich fast jeden Tag.«
   Nicole fasste sich an den Kopf. »Mensch Kathrin«, tadelte sie. »Frau Lehnberg meint doch in einer Badewanne.«
   Kathrin lief rot an. Sie wollte nicht zugeben, dass sie gar keine Badewanne besaßen, nur ein kleines, schmutziges Waschbecken.
   Die alte Frau lächelte nachsichtig und Kathrin registrierte, dass sie noch kein Wort wegen der Verwüstung an ihrem Kirschbaum gesagt hatte. »Du bist die Kleine von Neumanns, nicht wahr?«, fragte sie stattdessen.
   »Ja, und das sind meine Freundinnen. Viola König. Jana Brink und Nicole Berger. Ich habe heute Geburtstag.«
   »Meinen herzlichen Glückwunsch. Wie alt bist du geworden?«
   »Zehn«, antwortete Kathrin, die sich plötzlich glücklich fühlte, weil Frau Lehnberg ihnen nicht böse war wegen des Diebstahls. Die Entschuldigung kam wie von selbst über ihre Lippen. »Es tut uns leid wegen der Kirschen. Wir hätten das nicht machen sollen.«
   Alle vier schauten betreten auf den Boden.
   »Ich habe so viele Kirschen«, sagte Frau Lehnberg lächelnd. »Gern will ich sie mit euch hungrigen Spatzen teilen, aber …« Ihre Stimme klang nun doch eine Spur strenger, »ihr müsst beim nächsten Mal klingeln und fragen.«
   Während sie redete, schob sie Kathrins Haare aus der Stirn und betrachtete eingehend den langen Riss in der Haut.
   »Stellt euch vor, was noch hätte passieren können!«, sagte sie kopfschüttelnd.
   »Da bleibt garantiert eine Narbe«, mutmaßte Nicole.
   »Da gebe ich dir recht«, antwortete Frau Lehnberg, während sie das unvermeidliche Jod zum Einsatz brachte.
   Während sich Kathrin einen Aufschrei verbiss und die Tränen liefen, geschah etwas mit ihr. Sie fühlte sich plötzlich, wie in einen ihrer Tagträume versetzt. Die Wunde tat weh, das Jod brannte wie Feuer, aber es ging ihr gut. Hier waren vier Menschen, die sich um sie kümmerten und sie weder auslachten noch wegstießen. Allen voran Frau Lehnberg mit ihren gütigen blauen Augen und ihrer ruhigen Art.
   Kathrin genoss diese Zuwendung. Gern würde sie der alten Dame gestatten, noch zehn Wunden mit Jod zu behandeln und mit Pflaster zu bekleben. Hauptsache, sie würde Kathrin nicht von ihrer weinlaubumrankten Veranda zurück nach Hause stoßen. Sie fühlte sich geborgen und schwor sich, alles, was sie angerichtet hatte, wieder gutzumachen. Sie würde den verwüsteten Garten aufräumen, schwere Einkaufstaschen für Frau Lehnberg tragen und noch vieles mehr.
   »Darf ich morgen wiederkommen?«, fragte sie rasch, während sie nicht wagte, der alten Dame ins Gesicht zu sehen, sondern nervös ihre Zehen betrachtete.
   Frau Lehnberg unterbrach die Versorgung der Wunde. Kathrin fühlte den Blick der Gräfin auf sich ruhen.
   »Das darfst du«, antwortete sie schließlich. »Und deine Freundinnen auch.«
   Mit diesen Worten begann eine wunderbare Freundschaft.