Im Jahre 1825 Gibt es tatsächlich einen Vers, mit dessen Hilfe sich jeder den Teufel zum Untertan machen kann? Der englische Gesandte Sir Archibald Treasury erfährt auf einer Reise, wie Johann Wolfgang von Goethe während der Belagerung der Stadt Mainz im Jahr 1793 in den Besitz dieses Verses kam. Mit Ehefrau, Nichte und Sekretär macht sich Sir Archibald auf den Weg in die beschauliche Residenzstadt des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach, um dem Dichterfürsten den Vers für das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Irland abspenstig zu machen. Zur Unterstützung fordert Sir Archibald einen Agenten an. Doch seine Reisebegleiter haben eigene Pläne … Intrigen und Allianzen werden eingegangen und so schnell, wie sie entstanden, auch wieder gelöst und hintergangen. Die Jagd auf den Vers ist eröffnet.

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ISBN: 978-9963-52-208-8

Seiten: 279

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Michael Buttler

Michael Buttler
Michael Buttler wohnt mit seiner Familie und zwei Katzen im Rhein-Main-Gebiet. Er arbeitet als Bankkaufmann bei einem Kreditinstitut. Anthologien, an denen der Autor beteiligt war, wurden verschiedentlich für den Deutschen Phantastik-Preis nominiert. Im Jahr 2012 war er mit einer Geschichte in dem Buch vertreten, das den ersten Preis gewann. Zwei seiner historischen Kriminalromane spielen zur Zeit Johann Wolfgang von Goethes in Weimar, weshalb Buttler sie seine Goethe-Krimis nennt: Die Bestie von Weimar und Der Teufelsvers. In der Reihe Sherlock Holmes - Neue Fälle des Blitz-Verlags erschien bisher der Roman Sherlock Holmes und die indische Kette. Auf Anfrage steht der Autor gern für Lesungen zur Verfügung. Kontakt und Homepage: michael-buttler.de

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Leseprobe

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Kapitel 1

»Verschwinde«, sagte der Wirt. »Du bekommst nichts mehr.«
   Albrecht faltete die Hände und legte sie
   auf die Theke. »Bitte, nur einen Kanten altes Brot.«
   »Das bekommen die Schweine. Geh in die Kirche, dort gibt man dir vielleicht etwas.«
   Albrecht sah zu, wie der Wirt Wein abfüllte.
   »Oder wenigstens einen Schluck davon.« Er leckte sich über die Lippen.
   »Zahl deine Schulden und wasch dich, dann bekommst du wieder was. Und jetzt hau ab. Dein Gestank stört meine Gäste.«
   Albrecht blickte dem Wirt hinterher, wie er den Wein an einen Tisch brachte. Dort saß eine Familie: Vater, Mutter und eine erwachsene Tochter. Sie waren wohlhabend, denn die Kleider dieser Leute schienen Albrecht teuer. Außerdem trugen die Frauen Schmuck und hatten kleine Handtaschen dabei. Vielleicht handelte es sich sogar um Adlige. Zwischen ihnen stand eine große Platte mit Fleisch und Gemüse, von der sie sich abwechselnd etwas auf ihre Teller nahmen.
   Albrechts Magen knurrte. Er war erst einmal in seinem Leben so abgebrannt gewesen wie jetzt. Damals, im Jahr 1793, als die Franzosen Mainz besetzt hielten, hatte er schon einmal alles verloren.
   Er merkte, dass er die Leute an dem Tisch anstarrte, wie sie mit ihren Gabeln die herrlich duftende Mahlzeit in sich hineinschaufelten.
   Albrecht schluckte den Speichel hinunter, der sich in seinem Mund gesammelt hatte. Vielleicht konnte ihm die alte Geschichte von vor dreißig Jahren noch einmal von Nutzen sein.
   Der Wirt nahm an einem anderen Tisch eine Bestellung auf und verschwand anschließend in der Küche.
   Also gut. Schlimmstenfalls würde man ihn wegschicken. Ohne Wagnis kein Gewinn. Er ging zu dem Tisch und neigte sein Haupt. Erst jetzt bemerkte er, dass die Leute englisch redeten. Albrecht verließ der Mut. Er konnte nur ein paar Brocken dieser Sprache, aber vielleicht würde es wenigstens zum Betteln reichen.

*

Florence kaute auf dem zähen Fleisch und würgte es hinunter. Ebenso wie das Gemüse war es angebrannt und nicht gesalzen. Sie hasste es, in dieser Absteige zu essen und die Nacht zu verbringen, doch ihr Onkel, Sir Archibald Treasury, bestand darauf. Er war als Gesandter des englischen Hofes unterwegs. Nun befanden sie sich auf dem Heimweg, auf dem Onkel Archibald so viel wie möglich erleben wollte. Das, so sagte er, konnte man nicht in den guten Häusern. Dort war man nur darauf bedacht, alles zur Zufriedenheit der Gäste zu erledigen, aber erleben konnte man nur etwas in der Mitte des einfachen Volkes. Er schrieb seine Erlebnisse nieder, um sie am Ende der Reise verlegen zu lassen.
   Tante Elysia hatte es abgelehnt, mit ihr separat zu reisen.
   »Verzieh den Mund nicht, Kind«, sagte sie. »Das ist ja nicht zum Aushalten.« Sie wandte sich ihrem Mann zu. »Deine Schwester selig hat es an der Erziehung deutlich mangeln lassen. Es war richtig, Flo mitzunehmen. Zu Hause hätte sie allen auf der Nase herumgetanzt, und ich hätte anschließend die doppelte Arbeit mit ihr.«
   Florence biss die Zähne zusammen. Sie durfte nichts sagen. Nicht schon wieder. Es würde nur Streit geben.
   »Ach Elysia, lass sie doch. Hack nicht immer auf meiner Schwester herum. Sie hatte es nicht leicht, nachdem mein Schwager starb.«
   Die Schwindsucht hatte ihn besiegt, kurz nach ihrem siebten Geburtstag. Es war die traurigste Zeit ihres Lebens gewesen.
   »Ja, dein feiner Herr Schwager lässt deine Schwester mit einem Kind und einem Berg Schulden zurück. Das schöne Anwesen am See. Alles dahin, wegen dieses Tunichtguts.«
   »Du weißt doch nichts«, sagte Florence. Ihr standen Tränen der Wut und der Trauer in den Augen. Sie sah die Dienerschaft vor sich, wie sie den ausstehenden Lohn über den Diebstahl des Interieurs beglich. »Vater ist schließlich nicht an der Schwindsucht gestorben, um uns zu ärgern. Mutter hat sich aufgeopfert, um mich durchzubringen, bis der harte Winter und das Fieber ihren eisernen Willen besiegten.«
   Tante Elysia winkte ab. »Immer die alte Leier. Pathetische Worte, weiter nichts. Ihr Stolz hat sie besiegt. Sie wäre besser rechtzeitig zu uns gekommen, nicht wahr, Arch? Wir hätten ihr doch unter die Arme gegriffen.« Florence’ Hände zitterten. Sie hätte gern etwas zerschlagen, am liebsten auf dem Kopf ihrer Tante. Ja, immer die alte Leier und immer der gleiche Ausgang des Gesprächs. Sie wünschte sich, Onkel Archibald würde nur einmal konkret Partei für sie ergreifen. Doch der hielt sich immer nur bedeckt.
   Plötzlich stand ein alter Mann am Tisch und holte sie aus ihren Gedanken. Sie ließ vor Schreck die Gabel fallen.
   »Ei ääm very …«, fing der Mann an und stockte.
   »Wir verstehen Ihre Landessprache, wenn das für Sie einfacher ist«, sagte Onkel Archibald.
   »Entschuldigen Sie, Exzellenz, ich bin nur ein alter Landarbeiter und habe weder Hab noch Gut, nur einen fürchterlichen Hunger. Ob Ihr wohl so gütig seid …?«
   Der Mann ließ den Satz unvollendet, grinste Onkel Archibald an und verneigte sich. Er hatte noch drei oder vier Zähne im Mund. Seine Stimme klang wie ein lautes Flüstern.
   Tante Elysia rümpfte die Nase und wedelte mit der Hand.
   Onkel Archibald betrachtete den Mann, der wie eine ganze Schweinefamilie stank.
   »Wenn du Landarbeiter bist, so verdienst du dein eigenes Geld. Du darfst es nicht immer gleich in flüssige Nahrung investieren«, sagte er, als redete er auf ein ungezogenes Kind ein.
   »Bitte, Exzellenz, ich finde keine Arbeit. Ich bin alt und gebrechlich. Wenn es nur ein Kanten Brot wäre und ein Becher voll Wein. Ich würde Sie zum Dank mit einer interessanten Geschichte unterhalten.«
   »Für fairy tales … wie sagt man hier? Märchen? Dafür habt ihr in Deutschland doch die Brüder Grimm, nicht wahr?«
   »Bitte, Exzellenz, es könnte sich sogar für Sie lohnen.«
   »Warum? Willst du mir von einem verborgenen Schatz erzählen?«
   »Ein Schatz ist es nicht, Exzellenz, aber vielleicht viel wertvoller.«
   »So? Dann ist es wohl besser, du setzt dich.« Elysia wollte ihrem Mann mit einer Geste zu verstehen geben, dass sie damit keinesfalls einverstanden war, doch er übersah es. Das war typisch für ihn. Wahrscheinlich glaubte er, heute Abend genug Unterhaltung für ein ganzes Kapitel seiner Aufzeichnungen zu bekommen.
   Der Fremde nahm sich einen Stuhl und setzte sich ans Kopfende des Tisches. Der Wirt trat heran. Er hatte die Lippen zusammengepresst. In seinen Augen funkelte Zorn.
   »Belästige meine Gäste nicht, du alter Säufer.« Er packte den Fremden am Kragen und wollte ihn hochziehen. »Troll dich!«
   »Lassen Sie ihn«, sagte Onkel Archibald. »Er ist unser Gast.«
   »Mit Verlaub«, sagte der Wirt, »dieser stinkende Zeck will nur einen Becher Wein auf Ihre Kosten trinken.«
   »Dann geben Sie ihm einen, und eine Mahlzeit dazu.«
   Der Fremde sah den Wirt an und verzog spöttisch den Mund. Fast schien es Florence, als würde er dem Wirt gleich die Zunge herausstrecken.
   »Wenn Ihr das so wollt«, sagte der Wirt, ließ den Mann los und wandte sich kopfschüttelnd ab.
   »Vielen Dank«, sagte der Fremde. »Mein Name ist Albrecht.« Er hielt ihnen die Hand hin, doch keiner erwiderte den Gruß.
   »Ich bin Sir Archibald Treasury. Das ist meine Frau.« Er deutete auf Elysia, dann auf Florence. »Und das ist unsere Nichte, Miss Florence Jones.«
   Albrecht beachtete sie nicht, hatte nur Augen für den Wirt, der den Wein vor ihm abstellte. Er griff sofort nach dem Becher und nahm einen tiefen Schluck.
   Tante Elysia schüttelte den Kopf und sah zur Decke.
   Es war typisch für Onkel Archibald, in solch eine Gesellschaft zu geraten. Er zog sie geradezu an. Doch nie zuvor war Florence so froh darüber wie heute Abend. Dieser kauzige Kerl brachte sie auf andere Gedanken.
   »Also, was ist mit der Geschichte?«, fragte Archibald.
   Albrecht setzte den Wein ab und atmete befreit aus. Mit den Hemdsärmeln wischte er sich den Mund ab.
   Tante Elysia verdrehte die Augen. »Was ist denn das für ein Betragen?«
   Florence kicherte. Je mehr sich dieser Albrecht danebenbenahm und je deutlicher Tante Elysia ihren Unmut äußerte, desto besser gefiel ihr sein Auftreten.
   Tante Elysia bedachte sie mit einem strafenden Blick. Sollte sie doch. Florence nahm sich vor, sie ebenso zu ignorieren, wie es der Alte tat.
   »Kennen Sie Herrn von Goethe?«, fragte Albrecht.
   »Of course, wer hat nicht schon von diesem Mann gehört«, antwortete Onkel Archibald.
   »Aber haben Sie ihn wirklich kennengelernt?«
   »Sie wollen uns doch nicht etwa erzählen, Sie seien ein Bekannter des Herrn von Goethe?«, fragte Tante Elysia.
   »Ich habe ihn einmal getroffen.«
   »Pah!«, machte die Tante.
   Onkel Archibald griff nach ihrer Hand. »Elysia, lass den Mann erzählen. Ob die Geschichte stimmt oder nicht, wir wollen doch nur ein wenig Unterhaltung.«
   Sie verzog das Gesicht und sah Florence an, als suchte sie in ihr eine Verbündete. Ausgerechnet. Florence wandte sich betont interessiert Albrecht zu. Außerdem wollte sie tatsächlich gern die Geschichte hören.
   »Pah!«, machte Elysia erneut, als hätte sie nichts anderes erwartet.
   »Fahren Sie fort«, sagte Onkel Archibald. »Sie haben sich Ihren Wein noch nicht verdient.«
   Albrecht streckte den Rücken gerade. »Es war im Mai oder Juni 1793«, begann er zu erzählen. »Die Franzosen hatten Mainz besetzt. Die deutschen Koalitionstruppen wollten die Stadt zurückerobern und belagerten sie. Dabei waren auch einige Männer des Herzogs von Sachsen-Weimar, der Herzog Carl-August selbst und Herr von Goethe. Das Lager befand sich bei Marienborn, etwa eine dreiviertel Landmeile von Mainz entfernt.«
   »Waren Sie Soldat?«, fragte Florence.
   Albrecht schüttelte den Kopf.
   »Nein, ich war nur ein einfacher Bauersknecht. Eines Nachts erhielten wir Befehl, das Getreide, das auf den Feldern um Mainz herumstand, niederzumachen. Das war eine ganz schöne Plackerei.«
   Albrecht nahm wie zum Beweis noch einen Schluck aus seinem Becher. »Die Franzosen folgten uns Landarbeitern. Bis wir und die Patrouillen sie bemerkten, waren die Froschfresser auch schon im Dorf und überraschten Soldaten und Offiziere. Da wurde scharf geschossen, kann ich Ihnen sagen.«
   Er machte Geräusche wie »Puiiing« und »Peng«. Dabei flog sein Speichel quer über den Tisch. Onkel Archibald schien es nicht zu bemerken, dafür aber Tante Elysia. Sie warf Florence erneut einen vielsagenden Blick zu.
   »Die Kugeln flogen über die Straßen und in die Häuser hinein. Viele brave Männer ließen ihr Leben. Auch Herr von Goethe war in dieser Nacht der Gefahr ausgesetzt. Er stürmte auf seinem Pferd heran, um zu sehen, was los war. Ein Franzose zielte bereits auf ihn, da schwang ich meine Sense und verletzte den Feind, sodass er umfiel.«
   Florence stellte sich die Szene vor und schauderte. Die Heiserkeit in der Stimme des Erzählers verstärkte den grausigen Eindruck, den die Geschichte auf sie machte.
   »Sie haben Herrn von Goethe das Leben gerettet?«, fragte ihr Onkel.
   »Wer es glauben mag«, sagte Tante Elysia.
   So sehr sie das Erzählte fesselte, in Gedanken musste Florence ihrer Tante recht geben.
   »Das habe ich in der Tat.« Albrecht lachte. »In gewisser Weise verdankt die Welt auch mir alle seine Werke, die er seit diesem Tag niederschrieb.«
   »Das war eine kurze Geschichte, und recht aufschneiderisch war sie außerdem«, sagte Onkel Archibald. Er klang enttäuscht. »Wollen Sie mir sagen, dass die Dichtung des Herrn von Goethe mein Lohn ist, den ich aus dieser Geschichte ziehen soll?«
   »Nein, das Gegenteil ist der Fall.«
   »Sie verwirren mich.«
   Albrecht lachte erneut, hob seinen Becher wieder an den Mund. Der Wein war alle. Er starrte erst in das Gefäß, dann den Spender des Getränks an.
   »Bevor es mehr gibt, will ich das Ende der Geschichte hören«, sagte Onkel Archibald.
   Albrecht brummte etwas Unverständliches.
   »Also dann: Herr von Goethe zog sich wieder in das Haus zurück, aus dem er gekommen war. Ich folgte ihm. Wir überstanden das Gemetzel. Unsere Soldaten fassten sich und verjagten die Franzosen. Zum Dank für seine Rettung teilte Herr von Goethe sein Brot und seinen Wein mit mir, genauso wie Sie es heute tun. Da ich zu dieser bösen Zeit all mein Hab und Gut verloren hatte, verschaffte er mir eine Stellung als Pferdebursche. Die Belagerung dauerte noch ein paar Wochen an, dann kapitulierten die Besatzer. Man ließ sie abziehen. Ich hatte mir ein wenig Geld verdient, aber es war nicht genug, um ein neues Leben anzufangen. Da half mir Herr von Goethe mit einer größeren Summe aus.«
   Tante Elysia räusperte sich, als wollte sie damit ausdrücken, sie wüsste ganz genau, in was Albrecht den Betrag umgesetzt hatte: in Bier und Branntwein.
   »Ich war davon so überwältigt, dass ich Herrn von Goethe ein Geschenk machte. Es war ein alter Vers, den mein Großvater schon aufbewahrte.«
   »Sie schenkten ihm ein Gedicht?« Florence konnte nicht glauben, was sie hörte. Der große Dichter bekam von einem Landarbeiter zum Dank ein paar gereimte Zeilen geschenkt.
   »Es ist nicht nur ein Gedicht. In den Worten steckt die Kraft, die Welt zu verändern.«
   Onkel Archibald lachte. Aber es klang unsicher.
   »Das ist eine starke Behauptung«, sagte er. »Was genau meinen Sie damit?«
   »Mit dem Vers ist man in der Lage, den Teufel zu beschwören.«
   »Mephisto?«, fragte Onkel Archibald und spielte dabei auf Goethes »Faust« an, den Florence bereits zweimal im Theater gesehen hatte.
   »Den Widersacher Gottes«, antwortete Albrecht und bekreuzigte sich. Er sprach so leise, dass man ihn kaum verstehen konnte. Die Augen hatte er weit aufgerissen, die Brauen hochgezogen.
   Am Tisch herrschte eine Weile Schweigen. Tante Elysia war die Erste, die ihre Stimme wiederfand.
   »Warum haben Sie diesen Vers nicht für sich verwendet? Oder Ihr Großvater?«
   »Gott bewahre, wir sind doch Christenmenschen. Ich war froh, den Vers endlich einer vertrauensvollen Seele zu übergeben. Die Last der Verantwortung, dass ich den Teufelsvers verlieren könnte, hat mich lange Jahre beinahe zur Verzweiflung gebracht.«
   »Sie hätten ihn vernichten können.«
   »Glauben Sie, das habe ich nicht versucht? Ich wollte das Leder, auf dem er geschrieben steht, zerschneiden. Die Schere ging dabei entzwei. Ich wollte es verbrennen, doch es fing kein Feuer. Ich vergrub es und fand es am nächsten Morgen wieder in meiner Tasche.«
   »Weshalb glauben Sie nun, diese Geschichte hätte sich für mich gelohnt?«, fragte Onkel Archibald.
   »Sie erhalten dadurch die Gelegenheit, Herrn von Goethe einen Besuch abzustatten. Sie können sich auf mich berufen. Sicherlich wird er sich meiner erinnern. Nutzen Sie die Gunst des Augenblicks und machen Sie einem der größten Dichter unserer Zeit Ihre Aufwartung.«
   »Hm«, machte Archibald.
   »Das ist doch eine einmalige Gelegenheit«, sagte Albrecht. Es war eindeutig, dass er damit seiner Erzählung mehr Gewicht verleihen wollte.
   Der Wirt kam mit einem vollen Teller und stellte ihn vor Albrecht ab. Der Alte lächelte, als er nach dem Brot griff.

*

Elysia saß auf dem Bett und kämmte sich. Sie beobachtete ihren Mann, der am Fenster stand und hinaus in die dunkle Gasse blickte. Mainz hatte wahrlich Besseres zu bieten als diese Unterkunft, doch Arch war ein Dickkopf.
   Die Wände des Zimmers bestanden aus Holzbrettern und sahen mitgenommen aus. Splitter standen ab. An vielen Stellen waren Namen, einzelne Worte und primitive Symbole eingeritzt. Es gab zwei obszöne Zeichnungen. In den Ecken hingen Spinnweben. Die Bettdecke sowie das Kissen rochen muffig. Der Schrank sah aus, als würde er jeden Augenblick zusammenbrechen. Elende Absteige. Zudem bestand Archibald darauf, dass sie gemeinsam in einem Bett schliefen. Elysia fühlte sich wie eine Bäuerin.
   »Das war keine geeignete Unterhaltung für ein junges Ding wie Flo«, sagte sie. Bemerkungen zu ihrer Unterkunft verkniff sie sich. Sie wusste, es hatte keinen Sinn, mit ihrem Mann darüber zu diskutieren. Auf diesem Ohr war er taub.
   »Schieb nicht die Tochter meiner Schwester vor«, sagte Archibald, ohne sich umzudrehen. »Ich weiß, was du mir sagen willst.«
   »Also gut, dieser Kerl war widerlich. Er stank zum Himmel und seine Geschichte auch. Man sollte ihm die Zunge abschneiden und ihn in einen Kerker werfen.« Elysia zog die Bürste fester durch das Haar, bis es schmerzte. Nun ärgerte sie sich auch noch über sich, weil sie sich gehen ließ. »Sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede.«
   Archibald drehte sich um.
   Elysia kannte den Ausdruck in seinen Augen. Er träumte wieder einmal vor sich hin. »Woran denkst du?«
   Ihr Mann blinzelte und seufzte. Er befand sich wieder in der Wirklichkeit. »Was hältst du davon, wenn wir tatsächlich nach Weimar reisen?«
   Elysia überlegte. In Weimar residierte ein Großherzog. Da ließen sich vielleicht ein paar vorzeigbare Bekanntschaften knüpfen, möglicherweise sogar mit dem Großherzog und seiner Gattin. Auch ein Treffen mit Goethe wäre gesellschaftlich nicht zu verachten. Sie würde darauf drängen, ein signiertes Exemplar eines seiner Werke mit nach Hause zu nehmen. Das würde in ihrem Bekanntenkreis Eindruck machen und sie für die unwürdigen Unterkünfte entschädigen, zu denen ihr Mann sie nötigte. »Mir ist bewusst, dass meine Meinung in dieser Sache keine Rolle spielt«, sagte sie. »Du hast bereits eine Entscheidung getroffen.«
   »Das stimmt nicht, und das weißt du auch. Ich habe dir stets die freie Entscheidung gelassen, ob du mit mir auf diese unbequemen Reisen gehst. Du hast dich immer dafür entschieden.«
   Ja, das hatte sie, und zwar nicht grundlos. Sie wollte keinesfalls zu Hause allein versauern, wollte nicht einen Tag von ihrem Mann getrennt sein. Solange er Milton, seinen Schreiber, mitnahm.
   Milton war bereits vor dem Essen aufs Zimmer gegangen, weil er noch zu arbeiten hatte. Sie würde ihm später, wenn sie mit ihm allein sein würde, von der unzumutbaren Unterhaltung erzählen. »Bekanntschaften in Weimar aufzubauen, wird uns sicherlich nicht schaden«, sagte sie. »Lady Rapton und Miss Cordelia werden Augen machen, wenn sie davon erfahren.«
   Archibald lächelte. »Gut, dann ändern wir also unsere Reiseroute. Es wäre doch zu aufregend, wenn die Geschichte mit dem Vers stimmte. Falls es ihn tatsächlich gibt, darf er nicht in Herrn von Goethes Besitz bleiben. Er ist ein alter Mann. Was passiert damit, wenn er stirbt? Hat er nicht Enkel? Was, wenn eines der Kinder das Leder findet und irgendetwas damit anstellt, vielleicht sogar wirklich den Teufel beschwört?« Arch schüttelte den Kopf. »Wenn ich länger darüber nachdenke, glaube ich, die Geschichte muss ein Schwindel sein. Es wäre doch sicher schon längst irgendetwas passiert.«
   »Glaubst du nicht, dass ein Mann vom Format eines Herrn von Goethe weiß, wie man ein solches Stück aufbewahrt?«
   Archibald nickte. »Vermutlich hat er es seinem Dienstherrn übergeben. Ich werde Vorsorge treffen und unsere Vertretung in Darmstadt von dem Vers unterrichten. Sie sollen einen Agenten schicken, der bei Bedarf die Sache regelt.«
   »Du liebe Güte. Das ist ja eine schöne Räubergeschichte, in die du Flo und mich verwickeln willst.«
   »Stell dir nur vor, wie sich unsere gesellschaftliche Stellung verändern wird, wenn wir diesen Vers für die Krone gesichert haben. Man wird mich in den Adelsstand erheben. Dann bin ich nicht mehr Sir Archibald Treasury, sondern Lord Treasury.«
   Wenn sie den Vers tatsächlich der Krone übergaben. Elysia stellte sich vor, wie sie ihn für sich nutzen könnte: ewige Jugend, ewiges Leben, Geld und Macht.
   »Ich gebe Milton gleich Bescheid, damit er eine Depesche aufsetzt.« Archibald wandte sich zur Tür.
   »Nein«, sagte Elysia, stand auf und fasste ihn am Arm. »Das hat bis morgen Zeit. Ich will in diesem Loch nicht allein auf dem Zimmer bleiben. Wer weiß, welche Gestalten jederzeit hier hereinkommen können.«
   »Meine Liebe, dann schließ hinter mir ab.«
   »Nachdem ich mir so eine schreckliche Geschichte anhören musste, willst du mich zur Nacht ängstlich zurücklassen? Sei es auch nur für ein paar Minuten, das möchte ich nicht ertragen. Komm zu mir und halt mich.«
   »Elysia, so kenne ich dich gar nicht. Aber gut, dein Wunsch ist mir Befehl. Milton kann den Brief auch morgen früh noch aufsetzen. Nun hat die Geschichte so viele Jahre geruht, da wird es auf ein paar Stunden nicht ankommen.« Archibald setzte sich. Er strich über ihr Haar, dann über ihre Schultern.
   »Was machst du?«, fragte sie.
   »Aber ich dachte …«
   »Du glaubst doch nicht, dass ich auf diesem schmutzigen Laken mit dir … Nein, nein. Bring uns in Weimar in einem feinen Hotel unter. Dann wird sich vielleicht etwas machen lassen.«
   Archibald verzog den Mund. »Aber du hast doch gesagt …«
   »Wenn Milton den Brief aufsetzen soll, bevor wir fahren, müssen wir früh aufstehen. Also schlafen wir jetzt besser.«
   »Na, du hast ja recht.«
   »Dann lösch das Licht, leg dich hin und sei ruhig.« Elysia legte die Bürste beiseite und machte es sich auf der durchgelegenen Matratze so gemütlich wie möglich. Kurz darauf spürte sie Archibalds Hand, die sich einen Weg zu ihrem Körper suchte. Sie kniff ihn in den Handrücken. Er zog seine Hand zurück. Bald darauf hörte Elysia seinen ruhigen Atem, der ein paar Minuten später in ein lautes Schnarchen übergehen würde.
   Sie wartete.

*

Milton klopfte nicht an, denn er wusste, er wurde erwartet. Langsam drückte er die Klinke hinunter und schob die Tür einen schmalen Spalt auf. Es brannte kein Licht. Es gab weder Fensterläden noch Vorhänge. So schien der fahle Mond ins Fenster und erhellte die Kammer genügend, sodass er die Umrisse des Bettes und der Frau darin erkennen konnte.
   Leise schob sich Milton in das Zimmer, schloss die Tür und legte den Riegel vor. Er schlich auf Zehenspitzen zum Bett. Flo richtete sich auf. Die Decke fiel von ihren Schultern und gab ein mit Spitzen besetztes Nachthemd frei. Die weiße Haut ihres Halses schimmerte verführerisch.
   »Mein Herz«, flüsterte Milton. »Endlich sind wir wieder zusammen.«
   Sie hob den Kopf und bot ihm ihre Lippen an. Er küsste sie. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals, brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Das Bett ächzte, als Milton halb auf sie fiel. Flo kicherte.
   »Wir müssen vorsichtig sein«, sagte Milton.
   »Die Alten schlafen längst. Oder sie sind tot. Erstickt an ihren Umgangsformen.«
   Milton streichelte ihre Schultern. »Rede nicht so über die beiden, Flo. Ohne ihre Hilfe würdest du jetzt auf der Straße als Dirne arbeiten. Wir hätten uns nie kennengelernt.«
   Sie nahm seine Hand von der Schulter und legte sie auf ihre Brust. »Bin ich vor den Augen der Gesellschaft etwa keine Dirne?« Sie kicherte. »Und ich bin es gern.«
   Milton wollte sich aufrichten, um sich ganz aufs Bett zu legen, doch sie hielt ihn mit einer Hand zurück.
   »Nein, noch nicht. Zuerst muss ich dir erzählen, was uns heute in der Gaststube passierte, nachdem du zu deinem Schreibkram gegangen bist.«
   »Es ist nicht mein Schreibkram. Es ist der deines Onkels. Ich wäre gern in deiner Nähe geblieben, doch ich musste arbeiten, das weißt du.«
   Flo legte ihren Finger auf seine Lippen. »Ich mache dir doch keinen Vorwurf.«
   Milton hörte Flo zu, wie sie die Geschichte des alten Albrecht erzählte. Als sie endete, lachte er auf. »Eine schöne Gespenstergeschichte ist das. Seinen Lohn hat sich der Alte verdient.«
   »Es könnte etwas Wahres dran sein, nicht wahr?«, fragte Flo.
   »Sicher. Doch wie wahrscheinlich ist das? Der Kerl wollte einen Happen zu essen und zwei oder drei Becher Wein. Je toller die Geschichte, desto mehr springt für ihn dabei heraus.«
   »Wir sollten es in Erfahrung bringen.«
   »Wir? Du willst, dass du und ich nach Weimar fahren? Was ist mit deinem Onkel und deiner Tante? Sollen wir uns von ihnen trennen?« Eigentlich wollte er fragen, ob sie sich tatsächlich von dem Geld ihrer Verwandten trennen sollten. Milton hätte nur ungern auf das sichere Gehalt verzichtet, das er bei Sir Archibald Treasury verdiente.
   »Wie ich meinen Onkel kenne, wird er selbst dorthin wollen. Wie du siehst«, sie wies auf den Raum und das spärliche Mobiliar, »hat er Sinn für das Ungewöhnliche.«
   »Du hast recht.«
   »In Weimar werden wir ihm dann zuvorkommen.«
   »Wie sollen wir das anstellen?«
   Flo lächelte ihn an. »Wir finden einen Weg. Du bekommst doch sonst auch alles, was du willst.«
   Es war klar, was sie damit meinte. Schließlich besuchte er sie seit einiger Zeit regelmäßig im Schlafzimmer. Doch eigentlich war die Annäherung etwas anders verlaufen, als Flo sie darstellte. Sie hatte ihn auf eine fast schamlose Weise dazu ermutigt. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätte ihn am Arm in ihre Kammer gezogen. Sie war keineswegs die brave junge Dame, die sie ihren Verwandten gegenüber zu sein vorgab. Milton ahnte, worauf das alles hinauslief. Dennoch fragte er sie danach. »Was willst du mit dem Vers? Ihn etwa anwenden?«
   »Vielleicht haben wir mit diesem Stück Leder endlich die Möglichkeit, unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.«
   »Willst du den Teufel um Geld und ewiges Leben bitten?«
   Flo lachte und strich durch seine Haare. »Du bist und bleibst mein genügsamer Held der Schreibfeder. Ein Königreich werde ich für uns fordern, irgendwo im Süden, wo es das ganze Jahr über warm ist. Einen Palast werden wir haben, direkt über dem Meer. Jeden Morgen nach dem Aufstehen werden wir den weißen Segeln unserer Flotte zuwinken. Alle Leute, die uns nicht zu Gefallen sein wollen, kommen in den Kerker, bei Wasser und Brot.«
   Milton schluckte. Bei Flos Gedanken lief ihm eine Gänsehaut über den Rücken. Es tat nicht gut, zu viel zu fordern. Es gab unzählige Geschichten über Menschen, die einen Pakt mit dem Teufel eingegangen waren und dies am Ende teuer bezahlen mussten. Auch der Besitzer des Verses, Goethe, hatte eine solche Geschichte als Drama verwertet: in der Fausttragödie.
   Ihm war klar, dass er Flo nicht von ihrer Idee abbringen konnte. Wenn er ehrlich war, wollte er den Vers lieber in seinen Händen sehen, als in denen von jemand anderem. »Bevor wir Pläne machen, müssen wir den Vers erst in unseren Besitz bringen.« Er beugte sich über Flo, hielt sie in seinen Armen. Sie zitterte, wohl vor Aufregung, denn ihr Körper fühlte sich warm an. Fordernd presste sie ihre Lippen auf die seinen, als hinge ihr Leben davon ab. Er hatte Flo noch nie so erregt erlebt. Umständlich und ohne sie loszulassen, legte er sich endlich ganz auf das Bett. Flos Finger nestelten an seiner Kleidung. Milton gab sich der Euphorie des Augenblicks hin und versank in Flos Armen.

*

Ziff saß seit einer Ewigkeit in der Ecke der Gaststube und beobachtete den Alten, wie er die wenigen Münzen, die der feine Engländer beim Wirt für ihn hinterlegt hatte, nach und nach in Wein umsetzte. Immer noch versuchte er zu begreifen, was er vor einer ganzen Weile belauscht hatte. Der Alte hatte schließlich laut genug geredet. Bei dieser Gelegenheit hatte Ziff auch den Namen des Erzählers erfahren: Albrecht.
   Ein Vers, mit dem man den Teufel beschwören kann, dachte Ziff. Das wäre endlich einmal ein großer Erfolg, mehr als ein paar Hühner zu stehlen oder sich die Geldbörse eines Betrunkenen anzueignen. Doch für dieses Vorhaben würde er Hilfe benötigen und am besten einen Vertrauten.
   Vor einigen Jahren, während seines letzten Arrests, hatte er einen Kollegen kennengelernt, einen organisierten Dieb. Karl, die Eisenfaust, hatte sich bei einer Wirtshausschlägerei erwischen lassen. Er hatte einiges an Inventar zertrümmert, und weil er kaum Geld bei sich führte, hatte man ihn kurzerhand verhaftet. Er war zu Ziff in die Zelle gekommen, dessen Verbrechen weitaus weniger heroisch gewesen war. Ziff hatte einer alten Dame die Brosche vom Kleid gerissen. Leider hing das Schmuckstück fester am Stoff, als Ziff erwartete. Die Dame briet ihm mit ihrem Gehstock eins über, sodass er für Stunden das Läuten einer Glocke hörte, die es gar nicht gab. Die Polizei hatte ihn einfach aufgesammelt. Diese Frau war gemeingefährlich. Sie hätte ihm fast den Schädel gespalten. Doch nur er allein war bestraft worden und dem Spott der gesamten Gefängnisanstalt ausgeliefert gewesen.
   Heute bekam Ziff die Möglichkeit, aus dem Schatten seines Daseins als Kleinganove herauszutreten. Endlich hatte auch er einmal Glück.
   Karl stammte aus Weimar, wo er eine Diebesgilde gegründet hatte. Durch die Vergabe von Lizenzen sorgte er dort für ein ausgewogenes Verhältnis von Dieben und Beute. Sie arbeiteten häufig zusammen, gaben sich Informationen weiter und standen füreinander ein. Es klang wie das Gaunerparadies, und nun hatte Ziff einen vortrefflichen Grund, seinen alten Zellengenossen zu besuchen und vielleicht in die Gilde aufgenommen zu werden.
   Wenn sie diesen Vers ergattern könnten, stünden der Gilde alle Wege offen, sich über das Herzogtum hinaus auszubreiten. Vielleicht sogar über ganz Deutschland oder komplett Europa.
   Ziff schmunzelte. Das waren ähnliche Gedanken, wie sie Napoleon in den Sinn gekommen sein mussten, als er versucht hatte, Europa zu erobern. Nun konnte die Gilde an Napoleons Stelle treten, und er, der kleine Ganove Ziff, würde weit oben in der Hierarchie stehen. Schließlich kam von ihm der Hinweis auf den Vers. Es war wahrhaftig ein reiner Glücksfall, dass Ziff heute hier gesessen und gelauscht hatte.
   Ziff beobachtete Albrecht, wie er in der Nase bohrte und das, was er herauszog, auf den Boden schnippte.
   Was, wenn der Kerl bloß gelogen hatte, um sich eine Mahlzeit zu ergattern? Ziff würde es herausfinden.
   »Noch einen Krug«, rief Albrecht.
   »Es gibt nichts mehr«, sagte der Wirt. »Das Geld vom feinen Herrn ist aufgebraucht.«
   Albrecht stand auf.
   »Du lügst. Willst es nur für dich behalten.«
   Der Wirt trat hinter der Theke hervor und baute sich vor Albrecht auf. Er war einen Kopf größer und dazu noch breiter als Albrecht.
   »Du nennst mich einen Lügner?«
   Der Wirt erhob die Hand wie zu einer Ohrfeige.
   »Sag das noch mal. Sag noch einmal, ich würde meine Gäste betrügen.«
   »Schon gut, schon gut.« Albrecht zog den Kopf ein wie ein gescholtener Hund. »Du musst dich nicht aufregen. Ich habe mich verzählt. Du weißt ja, ein altes Hirn ist nicht mehr so gut wie ein junges.«
   Offensichtlich war es für den Wirt nicht gut. Er blieb stehen, senkte die Hand und packte Albrecht am Schlafittchen.
   »Es gefällt mir überhaupt nicht, dass du meine Gäste belästigst.«
   »Aber sie fühlten sich überhaupt nicht gestört, ehrlich.«
   »Das mag für diese Gäste zutreffen. Doch die meisten anderen werden sich fragen, was das für eine Spelunke ist, in der Bettlervolk verkehrt. Du bist hier nicht länger geduldet, außer, du hast Geld. Und damit du dir das merken kannst, schreibe ich dir das jetzt hinter die Ohren.« Der Wirt holte aus.
   Albrecht hob das Knie und stieß es dem Wirt in den Unterleib. Der Wirt erblasste, riss die Augen auf und japste nach Luft. Wie ein Fisch an Land. Albrecht hatte nun keine Mühe, sich loszureißen. Er warf den Stuhl um, auf dem er gerade noch gesessen hatte, und eilte nach draußen.
   Ziff sprang auf und folgte Albrecht. Er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Der Wirt und alle anderen in der Gaststube dachten wahrscheinlich, er würde den Flüchtenden zurückholen wollen. Bei dieser Gelegenheit konnte Ziff unbehelligt die Zeche prellen.
   Ziff war mindestens vierzig Jahre jünger als Albrecht. Es dauerte nicht lange, bis er ihn eingeholt hatte. Er packte den Mann an der Schulter und drehte ihn um. Albrecht keuchte, duckte sich und hob die knochigen Fäuste an, um sich zu verteidigen.
   »Lass gut sein, Alter. Ich bin auf deiner Seite.«
   »Ach ja?« Albrechts Stimme klang wie das Knurren eines Hundes. Eines heiseren Hundes. »Ich lass mich nicht herumschubsen. Das habe ich nicht nötig. Denn ich bin ein Freund des großen …«
   »Jaja, Alter, was auch immer.« Ziff blickte sich um. Ein paar Leute sahen sich nach ihnen um. »Komm, lass uns von hier verschwinden, bevor sich der Wirt erholt.« Ziff ignorierte Albrechts drohende Fäuste und schob ihn an der Schulter weiter. Er erinnerte sich an eine schmale Gasse, die nicht weit entfernt lag. Dort führte er Albrecht hin.
   »Lass mich los«, lamentierte der Alte. »Ich kann allein gehen.«
   »Jaja«, sagte Ziff und hielt ihn weiter fest.
   »Was willst du von mir?«
   »Mit dir reden. Komm.«
   Sie bogen ab, dann noch einmal, gingen über einen Hinterhof und erreichten einen Weg, der sich zum Ende hin immer weiter verjüngte, bis kaum noch eine Katze durch den Spalt zwischen den Häusern gepasst hätte. Hier blieben sie stehen. Ein schmaler Streifen Mondlicht schaffte es bis hier herunter, sodass es nicht völlig dunkel war.
   »Es geht nicht weiter«, jammerte Albrecht.
   Ziff wollte wissen, ob der Kerl redselig genug war, ihm die Geschichte, die er den Engländern erzählt hatte, ebenfalls zu verraten. »Was hast du den Leuten am Tisch erzählt?«
   Albrecht schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, was du meinst.«
   Ziff nickte und holte eine Münze aus seiner Hosentasche hervor, rieb sie zwischen zwei Fingern und hielt sie schließlich vor Albrechts Gesicht. Der Atem des Alten ging schneller.
   »Das gehört dir«, sagte Ziff, »wenn du mir die ganze Geschichte erzählst.«
   »Welche Geschichte? Ich habe den Leuten erzählt, wo sich am Rhein eine Ausfahrt lohnt. Diese Ausländer sind ganz versessen auf die romantische Landschaft.«
   Ziff holte eine zweite Münze hervor, spuckte drauf und polierte sie mit seinem Jackenärmel. Dann hielt er auch sie vor Albrechts Gesicht. »Also gut, du willst mehr, ich habe verstanden. Das ist mein letztes Angebot. Nimm es an oder geh leer aus.«
   Albrecht fuhr mit der Zungenspitze nervös über seine Lippen. Er streckte die Hände andeutungsweise aus, zog sie wieder zurück. »Es ist eine Geschichte für absolut vertrauenswürdige Leute«, sagte er. »Wenn ein Gauner von dieser Geschichte wüsste …«
   Albrecht führte den Gedanken nicht weiter aus.
   Ziff hielt die Münzen nun genau zwischen ihren beiden Gesichtern. »Du kanntest diese Leute doch nicht. Woher willst du wissen, ob sie ehrbar sind?«
   Albrecht wand sich und schmatzte. »Ich hatte Hunger«, sagte er schließlich.
   »Und morgen wirst du wieder hungrig sein. Hiermit hast du für zwei Tage ausgesorgt. Oder sehe ich etwa nicht rechtschaffen genug aus?«
   »Also gut.«
   Albrecht griff nach den Münzen, doch Ziff war schneller und hatte sie schon wieder eingesteckt. »Nicht so eilig. Zuerst erzählst du mir, was ich wissen will.«
   Albrecht kam der Aufforderung nach und erzählte, was er den Engländern berichtet hatte.
   Ziff lächelte. Das bewies in seinen Augen die Echtheit der Geschichte. Er konnte sich guten Gewissens auf den Weg nach Weimar begeben und Eisenfaust Karl einweihen, ohne befürchten zu müssen, einer Lüge aufgesessen zu sein.
   »Hast du schon früher jemandem davon erzählt?«
   Albrecht machte große Augen und schüttelte den Kopf.
   »Nein, ehrlich nicht. Ich bereue bereits, dass ich es heute ausgeplaudert habe.«
   Obwohl Ziff dem Alten nicht einmal einen Sack Luft anvertraut hätte, glaubte er ihm. Ansonsten hätte man davon schon eher gehört. Wie die Wilden wären die Leute nach Weimar gefahren und hätten diesen Goethe bedrängt. Doch auch wenn Albrecht heute bereute, konnte niemand sagen, wie er sich in einer Woche verhielt, wenn der Hunger sich erneut in seine Eingeweide bohrte.
   Es gab nur eine Lösung für dieses Problem.
   Ziff nickte. Er tötete nicht zum ersten Mal einen Menschen. Doch damals, im Alter von siebzehn Jahren, hatte er geglaubt, die Welt gehöre ihm. Er war einer Bande beigetreten. Betrunken, wie sie waren, hatten sie sich gegenseitig angetrieben und ein Zigeunerlager überfallen. Sie hatten nicht vorgehabt, jemanden zu töten. Aber diese Leute waren so versessen auf ihren Stolz, dass es unvermeidlich zu einer Katastrophe gekommen war. Zusammen mit einem Kumpan hatte Ziff den Mann verprügelt, bis er sich nicht mehr regte. Sie hatten eigentlich nur ein bisschen Unruhe stiften wollen. Aber der Kerl hatte sich gewehrt wie ein Berserker, hatte sogar ein Messer gezückt. Er war selbst schuld gewesen.
   Heute war es anders. Ziff war sich bewusst, dass er vorsätzlich handelte, als er Albrecht gegen die Hauswand stieß, ihm die Kehle zudrückte und mit der Faust in den Bauch schlug. Vor dem Knie des anderen nahm er sich in Acht. Am Beispiel des Wirts hatte er gesehen, wie unlauter der Alte kämpfte. Doch diesmal war er dazu nicht mehr in der Lage. Es dauerte nicht lange, da flatterten Albrechts Augen. Seine Hände wedelten ziel- und kraftlos durch die Luft. Wenig später war er tot. Er wurde schwer. Ziff ließ ihn los, sodass er auf dem Boden zusammensackte. Albrecht würde niemandem mehr vom Teufelsvers erzählen.
   Schwer atmend, als hätte er sich die Luft abgeschnitten, stand Ziff einen Augenblick da und starrte den Toten an. Es lohnte sich nicht, den Leichnam auf Wertgegenstände zu untersuchen.
   Irgendwo knackte etwas. Ziff fuhr mit dem Kopf zum einzigen Ausgang dieser Gasse. Es war zu dunkel, um zu erkennen, ob da jemand war. Eine Ratte. Es lag einiges an Unrat herum. Dieser Ort war ideal, um seinen Müll loszuwerden. Natürlich gab es hier Ratten. Nun hatte er ihnen noch ein weiteres Mahl beschert. Es würde nicht lange dauern, bis die kleinen Viecher den Alten anknabberten. Wahrscheinlich warteten sie in der Dunkelheit bereits darauf, dass er selbst die Gasse verließ, damit sie sich endlich ungestört über Albrechts sterbliche Überreste hermachen konnten. Bestimmt waren sie schon ungeduldig. Es war also ganz natürlich, dass da Geräusche waren.
   Trotz seiner Erklärungsversuche wurde Ziff das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden. Ob ihn jemand bei seiner Tat erwischt hatte? Ziff duckte sich, denn er rechnete damit, dass jemand aus dem Schatten auf ihn zugesprungen kam. Langsam näherte er sich so dem Ausgang der Gasse. Unbehelligt betrat er den Innenhof und wurde nun mit jedem Schritt schneller. Als er um die erste Ecke kam, rannte er wie von Furien gehetzt zur Hauptstraße. Dort blieb er stehen, stützte die Hände auf seine Oberschenkel und rang nach Atem. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn.
   Ein Mann im Frack ging an ihm vorüber und beäugte ihn misstrauisch. Ziff musste sich zusammennehmen. Er richtete sich wieder auf und eilte zu seiner Unterkunft.
   Das Haus, in dem er seit zwei Wochen lebte, war selbst für dieses Viertel heruntergekommen. Dafür war die Miete billig. Ziff hatte es satt, im Freien zu schlafen. Bei einem Einbruch im letzten Monat hatte er genug Geld gemacht, um sich dieses Luxusleben für einige Zeit zu ermöglichen.
   Ziff schloss die Tür auf und bemühte sich, die Stiege zu seinem Zimmer möglichst leise zu nehmen. Dennoch knarrte sie bei jedem Schritt. Um diese Zeit schlief die Hausbesitzerin für gewöhnlich. Frau Kranz bewohnte die unteren Räume.
   Wenn sie ihn ab und zu abpasste, zog sie ihn mit Vorliebe zu sich in die Wohnung. Sie wollte sich mit ihm unterhalten, stellte ihm eine Tasse Tee auf die mit Blumen verzierte Tischdecke und erzählte von der Vergangenheit, als sie noch ein junges Mädchen gewesen war.
   Dafür hatte Ziff heute noch weniger Zeit als sonst. Doch er hatte Glück. Heute erreichte er unbemerkt sein kleines Reich. Wahrscheinlich lag die Alte schon im Bett.
   Beim Packen hatte er Routine. Es waren immer dieselben wenigen Wäschestücke, die er in dieselbe ausgebeulte Tasche stopfte. Oft genug hatte er fluchtartig seine Unterkünfte wechseln müssen. Heute ging er freiwillig, doch nicht weniger in Eile.
   Die Miete hatte er für eine Woche im Voraus bezahlt. Das Geld war weg, da konnte er nichts machen. Den Gegenwert der Miete würde er sich schon anders beschaffen. Er wusste auch schon wie.
   Auch, als er die knarrenden Stufen nach unten ging, blieb Ziff von Frau Kranz verschont.
   Aus der Vorratskammer holte er sich etwas Trockenfleisch. Auf der Rückseite des Hauses befand sich ein Stall mit einem alten Gaul, der von einem Neffen der Alten versorgt wurde. Ziff ging über den kleinen Hof. Im Stall war es stockdunkel. Neben dem Eingang hing eine Lampe. Ziff hatte immer Schwefelhölzchen bei sich und machte Licht.
   Das Pferd schnaubte. Als es noch jünger gewesen war, mochte es auf einem Acker gute Dienste verrichtet haben. Doch diese Zeiten waren vorbei. Es dauerte nicht lange und Ziff hatte es gesattelt und das Zaumzeug angelegt. Er fragte sich, ob die alte Stute den Weg bis nach Weimar überstehen würde, doch er hatte keine bessere Alternative. Mit diesem Gaul würde er allemal schneller sein als zu Fuß.

*

Eine Stunde, nachdem sie zu Bett gegangen waren, wagte es Elysia aufzustehen. Sie schlüpfte in die Pantoffeln. Als sie aufstand, knarrten das Bett und die Diele gleichzeitig. Bereit, nach dem Nachttopf zu greifen, sollte Archibald aufwachen, stand sie einige Atemzüge lang still. Ihr Mann schnarchte weiter, als wäre nichts gewesen.
   Mit einem letzten Blick auf ihren schlafenden Mann zog sie den Riegel zur Seite und öffnete die Tür. Sie quietsche leise. Elysia sah verstohlen nach draußen. Alles war ruhig.
   Das Zimmer, zu dem sie wollte, lag gegenüber. Ohne zu klopfen, drückte sie die Klinke hinunter. Ebenso leise, wie sie ihre eigene Kammer verlassen hatte, betrat sie die fremde. Milton stand im Schein einer Kerze mit freiem Oberkörper vor der Waschschüssel und wandte sich ihr zu. Schweigend ging sie zu ihm, fuhr mit ihren Händen über seine Brust. Sie war noch nass. Ihm war kalt, denn seine Brustwarzen hatten sich zu kleinen, harten Knoten zusammengezogen.
   Milton legte einen Arm um ihre Hüfte und zog sie an sich. Elysia schmiegte sich an den viel jüngeren Mann, der – das wusste sie – nur auf die Affäre mit ihr eingegangen war, um seine Anstellung nicht zu verlieren. Milton war ein mittelmäßiger Schreiber. Selbst Archibald war das irgendwann aufgefallen. Elysia hatte dafür gesorgt, dass Archibald Milton nicht kündigte. Das ließ sie sich bezahlen, denn Milton hatte starke Arme, einen festen Körper und er war ein guter Liebhaber.
   Seine Hände fuhren über ihren Rücken. Die Erwartung, von Milton das zu bekommen, was Archibald ihr nur noch im Ansatz bieten konnte, ließ sie zittern. Milton machte sich bereits an ihrem Nachthemd zu schaffen.
   »Warte«, flüsterte sie. »Ich muss dir etwas erzählen. Beim Abendessen kam ein Mann zu uns und verdiente sich etwas Wein und eine Mahlzeit mit einer Geschichte.«
   Elysia berichtete ihm, was der alte Deutsche über den Vers erzählt hatte. Als sie fertig war, blieb es zunächst still zwischen ihnen.
   »Hat sich dein Mann schon dazu entschlossen, nach Weimar zu fahren und den Vers an sich zu nehmen?«, fragte Milton plötzlich.
   »Ja, wir werden Herrn von Goethe besuchen. Archibald hat vor, den Vers der Krone zu übergeben.«
   »Das werden wir nicht zulassen.«
   Elysia war überrascht, wie direkt Milton das aussprach, was ihr seit einiger Zeit im Kopf herumschwirrte.
   »So ist es. Wir sollten uns die Zeilen aneignen und sie für uns nutzen. Wenn sie tatsächlich funktionieren, dann werden wir leben wie die Könige.«
   »So ist es«, sagte Milton nur. Da war keine Freude, kein Eifer in seiner Stimme. Elysia fragte sich, ob es ein Fehler gewesen war, Milton in ihre Absichten einzuweihen. Vielleicht dachte er jetzt schon über eigene Pläne nach. Es war an ihr, ihn an sich zu binden, auch wenn sie älter war und ihre Haut schlaff und faltig wurde.
   »Ich werde dem Teufel befehlen, mich in einem Jungbrunnen baden zu lassen. Ich werde wieder so hübsch sein wie früher. Dann wirst du unser Zusammensein genauso genießen können, wie ich es tue.«
   »Ich bitte dich, Elysia. Ich genieße dich mit Haut und Haar. Du bist eine Frau mit Erfahrung, die weiß, wie man einem Mann den Verstand raubt. Die jungen Dinger stellen sich doch viel zu ungeschickt an.«
   Elysia lächelte. Sie hatte also einen Trumpf in der Hand. Vielleicht fand Milton mittlerweile Gefallen an ihr und dachte nicht nur an seine Schreiberstelle, wenn er sie in den Armen hielt.
   Sie fasste seine Hand und zog ihn zum Bett. »Sehen wir mal, was ich dir noch beibringen kann«, sagte sie und schlüpfte aus dem Nachthemd. Dabei kam sie sich verruchter vor als jemals zuvor. Denn nun war sie so etwas wie eine Räuberbraut.

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