Die lebenslustige und intelligente Prinzessin Amalia von Falkenstein, geboren 1682, lebt in einer Zeit, die geprägt ist von Hexenglauben und aufkommender Vampirhysterie. Die Tochter des Fürsten von Torgelow ist mit einem unglückseligen Makel geschlagen, doch obwohl sie deshalb unter ihrem Stand heiraten muss, ist sie glücklich über ihre Vermählung mit dem Grafen von Falkenstein. Voller Vorfreude auf ihr neues Leben zieht sie mit ihm auf seine Burg. Der Einzug durch das Dorf wirft jedoch dunkle Schatten auf ihre junge Liebe. Ein missgestaltetes Kind wird geboren, kaum dass der Graf und Amalia die kleine Gemeinde passiert haben. Die abergläubigen Dörfler geben der neuen Gräfin die Schuld. Amalias Stand wird immer schwerer, und als sie beginnt, die Milch von Wölfen zu trinken, um ihre Fruchtbarkeit zu steigern, ist es um die Loyalität der Dorfbewohner vollends geschehen. Aberglaube, Gehässigkeit, Furcht und mangelndes Mitgefühl reißen Amalia in tiefe Verzweiflung. Schließlich diagnostiziert der langjährige Hofarzt ihres Gemahls auch noch die teuflische Krankheit: Vampirismus!

E-Book: 3,99 €

ePub: 978-9963-724-35-2
Kindle: 978-9963-724-37-6
pdf: 978-9963-724-34-5

Zeichen: 743.240

Printausgabe: 15,99 €

ISBN: 978-9963-724-33-8

Seiten: 464

Kaufen bei:  Amazon Beam iTunes Thalia Weltbild

Isabella Falk

Isabella Falk
Mein Name ist Isabella Falk, geboren 1965 in Saarbrücken, wo ich bis heute lebe. Nach einer kaufmännischen Ausbildung und wenigen Berufsjahren in unterschiedlichen Unternehmen setzte ich meine Schwerpunkte neu und kümmerte mich fortan um die Erziehung zweier teilweise schwer kranker Pflegekinder. Während eines der beiden Mädchen nach acht Jahren Pflege in die Obhut seiner Mutter zurückging, wurde die andere zum Glück vollständig gesund. Heute ist sie erwachsen und lebt ganz in meiner Nähe. Von 1998 bis Dezember 2010 arbeitete ich als Führungskraft in einem Telekommunikationsunternehmen. Seit ein paar Jahren habe ich mein Hauptaugenmerk auf das Schreiben gelegt. Außerdem mache ich eine Umschulung zum Webmaster. In meinem Leben habe ich viele Romane geschrieben und wieder verworfen, bis ich vor wenigen Jahren einen Schreibkurs bei dem Schriftsteller Rainer Wekwerth belegte. Dort sind Teile der „Gräfin“ entstanden. Den letzten Schliff bekam das Manuskript schließlich in der Zusammenarbeit mit Susanne Strecker, von der ich ebenfalls sehr viel über das Schreiben gelernt habe.

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei

... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Winter 1651


Fester drückte Veit die schwielige Hand seines Vaters und ließ den Blick vorsichtig umherschweifen. Noch immer strömten die Menschen vom Dorf auf den Platz. Manch einer höhnte, andere spotteten, beinahe alle flüsterten.
   Er sah zu seiner Mutter auf, die sich verstohlen mit der Schürze über die Augen wischte. Keiner von ihnen wollte heute hier sein. Mutter hatte Vater gebeten, dass wenigstens Veit zu Hause bleiben dürfe, er sei doch noch so klein, doch Vater hatte still und traurig in der Tür gestanden und den Kopf geschüttelt.
   Es war bereits Veits fünfter Winter. Längst war er alt genug.
   Jeder, der an diesem Morgen nicht zum Richtplatz ginge, machte sich und die Seinen verdächtig, auch wenn er nicht genau wusste, was das Wort bedeutete. Es klang aus Vaters Mund bedrohlich, und Veit wollte auf keinen Fall schuld sein, dass jemand verdächtig war. Also biss er die Zähne aufeinander und schritt neben seinen Eltern einher. Er zitterte und spürte sein Herz klopfen vor banger Erwartung.
   Da ging ein Raunen durch die Menge. Die Köpfe drehten sich nach links in die Richtung, aus der vor wenigen Augenblicken der glutrote Sonnenball aus der mit Raureif überzogenen Ackerkrume aufgestiegen war.
   Rumpelnd zog ein klapperdürrer Esel eine Karre auf den Platz. Es schien, als wären Wesen auf die Karre gebunden. Wesen aus einer anderen Welt, die aufrecht in den Seilen hingen und sich kaum bewegten. Veit musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um genauer zu erkennen, was vor sich ging. Zwischen verdrehten Gliedmaßen erkannte er eine Gefangene, es war eindeutig eine Frau, mit einer klaffenden Wunde quer über der kaum bedeckten Brust.
   Das müsste dringend verbunden werden, dachte er und sah unwillkürlich zu seiner Mutter auf, ein Anblick, der ihm den Atem nahm. Was er in den sonst so sanften Augen erkannte, ließ ihn alles andere vergessen. Mutter starrte auf die Karre, blankes Entsetzen im Blick. Ihr Mund stand offen und ein Speichelfaden lief an ihrem Kinn herunter.
   Sein Herz verkrampfte sich. »Mama«, flüsterte er, doch sie schien ihn nicht zu hören. Widerwillig folgte er ihrem Blick.
   Was war es, das sie so erschreckte? Er blinzelte in das junge Tageslicht. Da erkannte er sie; ohne Vorwarnung. Ihr Anblick schlug ihm auf den Magen. Er schluckte bittere Flüssigkeit, die aufstieg, als hätte er zu viel aus dem Honigtopf genascht.
   Die Menschen auf dem Karren hatten Gesichter bekommen und eines davon kannte er. An ihm haftete die Erinnerung an ein fröhliches Lachen und an saftige, süße Äpfel. Entsetzt zog er an Vaters Arm.
   Der beugte sich herab, strich ihm übers Haar und flüsterte in sein Ohr. »Du darfst es Ilonka nicht erzählen, versprich mir, dass du es nicht Ilonka erzählst, niemals!« Seine Stimme klang ernst, zitterte beinahe.
   Veit versprach es. Jetzt wusste er sicher, wer diese Frau war, die nun, gleich den anderen, von der Karre gezerrt wurde.
   Die Gefangenen stützten einander und humpelten zur Richt-stätte, wo die Scheiterhaufen schon aufgeschichtet waren. Evženka Richterová, Ilonkas Mutter, schritt in der Mitte. Beinahe aufrecht, doch bereits nach wenigen Schritten war sie gezwungen, stehen zu bleiben. Einer ihrer früheren Nachbarn hatte sich vor ihr aufgebaut und spuckte ihr sorgfältig zielend ins Gesicht. Evženka ging weiter, ihre Haltung scheinbar unverändert. Nur wer genau hinsah, erkannte, dass ihre Schultern noch ein wenig mehr gestrafft waren.
   Mit sicheren, raschen Bewegungen wurden die Frauen an die Pfähle gebunden. Sie standen still, keine sprach.
   Teilnahmslos erhob der Richter seine Stimme. »Nach langer Beratung und reiflicher Überlegung haben der gestrenge Herr Richter und seine Getreuen, zu Sidonius im Jahre sechzehnhunderteinundvierzig, ein Urteil über die hier versammelten Weiber gesprochen. Dabei handelt es sich um die Ludmilla Vess, Witwe des George Vess sowie ihre Schwester Hildegarda Ostrava, die niemand geheiratet hat und die ihrem Vater die Wirtschaft führte, und letztlich die Bäuerin und Witwe des Vlad, Evženka Richterová. Sie alle haben, nach erfolgter peinlicher Befragung, ohne Zwang gestanden, mit dem Teufel im Bunde zu stehen.
   Die genannte Ludmilla erklärte, ihren Mann und zwei ihrer Kinderchen vergiftet zu haben. Dabei habe ihr die Schwester Hilde-garda geholfen. Sie hat das Leben ihrer Nichten gegen das ihres Vaters eingetauscht, auf dass dieser erst im vergangenen Frühjahr, im hohen Alter von weit über siebzig Jahren, verstarb.
   Am übelsten jedoch hat es die Witwe Richterová getrieben. Sie hat die Felder ihrer Nachbarn verflucht, dass sie keine Frucht mehr trugen, die Kühe besprochen und das Vieh vergiftet. Darüber hinaus steht sie mit den Wölfen im Bunde, treibt nachts Unzucht mit ihnen und wirft ihnen die neugeborenen Kinder zum Fraß vor. Aufgrund der Schwere ihrer Verbrechen ist es ihr nicht gestattet, vor dem Feuer erdrosselt zu werden. Man schichte im Gegenteil den Scheiterhaufen solcherart auf, dass die Verurteilte möglichst lange bei Bewusstsein bleibt.« Der Richter rollte sein Pergament zusammen, ein zufriedener Ausdruck lag auf seinem Gesicht.
   Veit wusste, dass der Richter neben Evženka wohnte. Er hatte sich ihr Land schon lange unter den Nagel gerissen, das hatte Vater am Vortag erklärt. Veit erinnerte sich auch an Mutters Erwiderung.
   »Wo immer sie auftaucht, legen sich ihr die Hunde zu Füßen, gedeiht das Vieh und wächst das Korn auf festem Halm. Evženka hat gewusst, dass es einmal so kommen könnte und sie hätte sich den Richter besser zum Freund gemacht.«
   Bei den Worten hatte sich Mutter geschüttelt, als müsste sie verdorbenes Essen anfassen.
   Veit blickte von dem kleinen Hügel hinab in die Senke des Dorfplatzes. Der Henker war dabei, die zweite der Schwestern zu erdrosseln.
   Rasch drehte Veit den Kopf weg.
   Mit voller Aufmerksamkeit hatte er den Worten des Richters zugehört, doch das wenige, das er verstand, konnte er kaum glauben. Evženka sollte Vieh vergiftet haben? Das konnte nicht sein. Sie liebte die Tiere, hatte sogar einmal einer Katze ein Bein geschient. Er hatte sie hinter einem Holzhaufen gesund gepflegt und wenige Monate später war die Katze wieder munter hinter den Mäusen hergesprungen. Wie konnte der Richter das nicht wissen? War das Urteil nicht von Gott gesprochen? Stand da nicht der Priester, wusste der die Wahrheit nicht?
   Es war zu spät.
   Längst war die Fackel an die drei Scheiterhaufen gelegt worden, die prasselnd Feuer fingen. Veit kniff die Augen zusammen. Die Flammen loderten auf, hell und knisternd. Er roch das Feuer und der Lichtschein drang durch seine geschlossenen Lider. Eine Frau hatte zu schreien begonnen. Ihr Schmerz gellte ihm in den Ohren, klang vertraut wie das Kreischen der Schweine, wenn der Schlachter kam. Veit wollte es nicht hören, wollte das Feuer nicht sehen, den Geruch nicht wahrnehmen, den Gestank von verbranntem Fleisch.
   Jetzt verschluckten sich die Schreienden, begannen zu husten, die Stimmen wurden leiser. Auch Veits Hals kratzte. Er wand die Hand aus der seines Vaters und hielt sich beide Augen zu.
   Nichts sehen, auch nicht den Lichtschimmer.
   Noch schlimmer waren die Laute. Evženka hatte zu singen begonnen, schier unmenschlich, fremde Töne in einer fremden Sprache. Seine Hände wanderten zu den Ohren, seine Finger bohrten sich in die Öffnung, so tief, dass es wehtat.
   Nichts hören.
   Er kniff die Augen fester zusammen, sodass schwarze Kringel und bunte Sterne davor tanzten. Die Geräusche drangen dumpfer zu ihm, überlagert vom tiefen Summen seiner Ohren. Tränen benetzten sein Gesicht und liefen ihm über die Nase, die den Gestank nicht loswurde.
   Sanft wurden seine Finger aus den Ohren gezogen.
   Es tat weh. Evženkas Gesang war zu einem grausamen Heulen zusammengebrochen, ansonsten herrschte Schweigen. Veit öffnete die Augen nicht. Auch nicht, als Vater ihn langsam umdrehte, sein Gesicht von der Hitze des Feuers befreite. Ihn vom Grässlichen entfernte.
   Sie waren nur wenige Schritte weit gegangen, als ein lang gezogener Schrei sie zum Stehen zwang. Es war nicht der Schrei eines Menschen und nicht der eines Tieres. Niemals vorher hatte er ein solches Geräusch gehört. Es hallte im Kopf wider und legte sich wie ein dichtes Netz über seinen Körper. Er wäre beinahe in die Knie gesunken, da ebbte der Laut ab, nur um im nächsten Augenblick umso lauter zu erschallen. Es wollte kein Ende nehmen.
   Mitten in Evženkas Schrei, in ihren barbarischen, aber doch irdischen Ruf, stimmte die erste Kreatur mit ein. Aus allen Richtungen der weiten Ebene von Torgelow antworteten ihr die Hunde, die Wölfe und sogar die Füchse.
   Alle waren sie stehen geblieben, auch Mutter, die nun in voller Größe vor ihm stand. Sie wandte sich um zum Richtplatz. Stolz und Widerstand loderten in ihrem Gesicht; und Ehrfurcht.
   Veit verstand. Langsam sank er auf die Knie.
   Viele taten es ihm gleich, andere wie Vater standen still, die Mützen in der Hand.
   »Gegrüßet seist Du, Maria.«
   Das Gebet ging von Mund zu Mund. Sie stimmten ein, die Frauen und die Männer. Sie knieten und beteten.
   Der Richter und die Gerichtsdiener beeilten sich, den Marktplatz zu verlassen, doch die Menschen blieben.
   Evženkas Ruf erscholl, klagend und siegreich zugleich, sie starb, und die Menschen beteten.
   Veit hörte noch die halbe Nacht das Wimmern und Heulen der Hunde und auch die Wölfe im fernen Wald schienen in die Trauer einzustimmen.

1. Kapitel
Frühjahr 1708

Amalia schloss das Buch, in das sie seit einiger Zeit blickte, ohne ein Wort entziffert zu haben. Sie erhob sich von der Bank und schritt ziellos an der Schlossmauer entlang. Für heute waren Gäste angemeldet. Graf Wenzel von Falkenstein, ein alter Freund ihres Vaters, war mit großem Gefolge auf dem Weg zum Schloss. Dabei handelte es sich keineswegs um einen Höflichkeitsbesuch, im Gegenteil. Wenn sie nur an den Grund dachte, wurde ihr flau im Magen.
   Sie selbst war der Anlass seiner Reise, denn sie war bereits über achtzehn Jahre alt.
   »Eine alte Jungfer!« Eine Behauptung ihrer gestrengen Mutter, der Fürstin Walpurga, mit der sie ihrem Drängen stets mit schriller Stimme Nachdruck verlieh. »Amalia Eleonore Charlotte von Torgelow, du wirst dich verheiraten!«
   Den Kopf schwer von düsteren Gedanken erklomm Amalia einen Baumstumpf, von dem aus sie über die Wehr blicken konnte. Ihr treuer Gefährte Quintus, der seit seiner denkwürdigen Geburt jede Gelegenheit nutzte, an ihrer Seite zu sein, legte seinen Kopf auf die Mauer. Amalia streichelte dem riesenhaften Hund über das zottige, graue Fell.
   Mit Beginn seines Lebens war das ihre endgültig zerstört worden. Alles, was ihr seit diesem Tag geschehen war, hatte mit seiner Geburt zu tun gehabt. Dennoch liebte sie den Hund. Sie rieb ihren Kopf am struppigen Fell des Tieres und sog den würzigen, erdigen Duft auf. Mit geschlossenen Augen überließ sie sich den Bildern, die auf sie einströmten.
   Der Tag, der sich für immer in ihr Gedächtnis eingebrannt hatte, war ein lauer Vorfrühlingstag. Erste Blüten trotzten der Kälte, auf dass der Winter endlich zu Ende gehen mochte. Amalia saß am Fenster und stickte.
   Sie war mit ihrer Mutter und dem Priester allein im Schloss, der Fürst weilte in Wien am Hofe des Kaisers, wohin er sie, seitdem ihre Mutter ein Machtwort gesprochen hatte, nicht mehr mitnehmen durfte. Da war sie gerade zwölf Jahre alt geworden und Walpurga hatte endgültig ihre strenge Hand über sie ausgestreckt. Vater verwöhne sie zu sehr, unter seiner Fürsorge sei sie verwildert, lautete die Erklärung der Fürstin, vom Priester seit Jahren gestützt.
   So sollte Amalia fortan nahezu alles verboten sein, was sie liebte. Dazu zählte vor allem der Umgang mit den Hunden. Erlaubt war nur noch der geliebte Unterricht, Beten und Sticken.
   Amalia sah sich mit durchgestrecktem Rücken auf einem harten Holzstuhl sitzen, die Handarbeit in den Fingern. Nach wenigen Stichen ließ sie die Nadel sinken. Sie hatte sich verzählt. Seufzend arbeitete sie das letzte Stück wieder auf und begann von vorn, nur um erneut den Rahmen aus der Hand zu legen. Etwas beunruhigte sie, zog an ihr. Eine dunkle Ahnung. Sie stand auf, trat näher ans Fenster, blickte hinaus in die Nacht, in der es nichts zu erkennen gab. Mit dem seltsamen Gefühl, das sie beschlich, wusste sie nichts anzufangen.
   Erneut nahm sie die Stickerei zur Hand, doch vergebens. Die Nadel wollte sich nicht durch den dünnen Stoff bewegen und Amalias Herz verkrampfte sich. Ihr schien, als drängte ein Ruf in ihre Ohren. Ohne Worte, ohne Stimme – leidvoll und lautlos.
   Wie in Trance stand sie auf und folgte dem Klang, der sie aus der Kammer führte, hinaus auf den Hof, bis hin zu den Zwingern. Hier nun hörte sie zum ersten Mal, was sie die ganze Zeit mit dem Herzen empfunden hatte: Die Hündin Artemis, eine der Zuchthündinnen ihres Vaters, wimmerte in allerhöchster Not.
   Amalia betrat den Stall. Es dauerte eine Weile, bis sich ihre Augen an das dämmrige Licht gewöhnt hatten, dann erkannte sie mit einem Blick die Notlage der Kreatur. Die entkräftete Hündin lag auf ihrem Strohlager. Neben ihr purzelten vier noch blinde Welpen durcheinander. Drei mit sauber gelecktem Fell und eines, das noch halb in seiner Eihülle steckte. Artemis bäumte sich auf, machte einen Buckel, der bis in die Schwanzspitze hinein zitterte, und sank ermattet zusammen, einzig, um im nächsten Augenblick von einer weiteren Wehe erschüttert zu werden.
   Die Fürsten zu Torgelow züchteten seit vielen Generationen Jagdhunde, echte Wolfshunde, die ihren Namen zu Recht trugen. Alle zwanzig Jahre wurde ein Wolf in die Züchtung eingekreuzt. Das war zum letzten Mal geschehen, als Amalia noch ein kleines Mädchen war. Sie hatte also bereits einige Hundegeburten miterlebt. Diese jedoch war anders als alles, was sie bisher gesehen hatte. Sie kniete nieder, legte ihre Hand auf die bebende Flanke der Hündin. Das Tier war verschwitzt und schwach, der Herzschlag kaum zu spüren. Sie musste helfen, auch wenn sie nicht wusste, was sie tun sollte.
   Beinahe wie von selbst schoben sich ihre Finger in den Geburts-kanal der Hündin. Sie ertastete den Welpen, spürte sein kleines Schwänzchen und erkannte seine Not. Er war stecken geblieben, und wenn niemand half, mussten der kleine Hund und seine Mutter sterben. Artemis wurde immer schwächer. Ihr Atem ging langsamer, ihre Augen schlossen sich. Da blitzte eine Erinnerung in Amalia auf, etwas, das ihr Jakobus einmal erklärt hatte. Ihre Finger suchten den Punkt an der Innenseite der Vulva. Sie drückte dagegen und die geschwächte Hündin wurde von einer kräftigen Wehe geschüttelt. Amalia umfasste das Hundebaby, und während Artemis presste, half sie dem Welpen mit einer Drehung aus seiner schweren Lage.
   Noch immer konnte sie das Gefühl in sich spüren, das sie nach der glücklichen Geburt erfüllt hatte. Sie war voller Ehrfurcht gewesen, als hätte sich der Himmel geöffnet und das Antlitz Gottes den Stall erstrahlen lassen. Sie war in die Kapelle gerannt, um vor dem Bildnis der heiligen Muttergottes zu beten. Voller Inbrunst hatte sie sich für das Wunder bedankt, dessen Zeugin sie geworden war, und beim Hinausgehen hatte dieser verhängnisvolle Einfall Gestalt angenommen. Dieser fatale Gedanke, von dem Pater Anselm bis heute sagte, er sei vom Teufel gesandt worden. Wie war es nur möglich, dass Satan seine Stimme in der Kirche Gottes erschallen lassen konnte und sie diese Stimme vernommen hatte?
   Heiße Tränen traten Amalia in die Augen.
   Ihr verschleierter Blick streifte über die weite Ebene, die sich vor ihr ausbreitete. Soeben hatte ein einzelner Reiter die Brücke über den Fluss erreicht und blieb mit tänzelndem Pferd davor stehen. Er wartete, bis sein Gefolge nahe genug war, dann gab er seinem Rappen die Sporen und stob in gestrecktem Galopp über die Holzplanken. Dunkle Locken und ein prächtiger Hut hoben seine aufrechte Gestalt besonders hervor. Aus dieser Entfernung sah er, der kein anderer als Graf Wenzel sein konnte, sehr stattlich aus.
   Amalia ließ sich nicht täuschen, war sich sicher, dass der Graf von Nahem betrachtet viel von seiner Ausstrahlung verlieren würde.
   Als Freund ihres Vaters musste er entsetzlich alt sein, hatte faule Zähne und eine Perücke auf dem kahlen Schädel. Sie schüttelte sich bei der Vorstellung, einen solchen Greis heiraten zu müssen.
   Jetzt war die Gestalt ein gutes Stück näher gekommen, und Amalia zog sich keinen Augenblick zu früh von ihrem Aussichts-punkt zurück. Beinahe hätte Graf Wenzel sie ertappt, wie sie neugierig über die Mauer gespitzt hatte. Ein unvorstellbar peinlicher Gedanke. Sie spürte ihr Gesicht heiß werden. Rasch verließ sie ihren Platz und lief zum Rosengarten.
   Die üppige Blütenpracht erwartete sie mit dem typischen, schwülen Geruch. Amalia schritt weiter zur Mauer, um im Schatten eines dichten Busches die Ankommenden zu betrachten, ohne befürchten zu müssen, gesehen zu werden.
   Sie war eine gute Reiterin und so konnte sie nicht umhin, zu bewundern, in welch übermütiger Weise der Graf seinem Pferd die Sporen gab, um es kurz darauf zu zügeln und auf seine nachrückenden Begleiter zu warten.
   »Dafür muss ich ihn ja nicht gleich heiraten«, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und stampfte einen Fuß in das weiche Gras. Quintus knurrte. Wie immer teilte er jede ihrer Gemütsregungen. Sie beugte sich über den Hund.
   »Ist gut, mein Lieber. Ich würde ihn auch gern wieder nach Hause schicken, aber es würde nichts helfen. Wenn wir diesen hier vertreiben, schicken sie uns einen neuen, und irgendwann muss ich ja mal heiraten.« Sie straffte die Schultern, versuchte, ihr Haar in Ordnung zu bringen, und ging zurück zu den Stallungen.
   Jakobus wartete bereits auf sie und nahm kopfschüttelnd den Hund in Empfang. Er war der Jäger und Stallmeister derer von Torgelow, so, wie sein Vater und auch sein Großvater bereits in den Diensten des Fürsten gestanden hatten. »Ihr habt einen richtigen Schoßhund aus Quintus gemacht. Wie soll ich aus dem noch einen guten Jagdhund machen?« Jakobus hatte diesen Satz schon hundertmal gesagt und wie immer blitzten seine Augen auch diesmal eher belustigt denn verärgert.
   »Wenn ich mit ihm auf die Jagd reite, ist er ein wunderbarer Jagdhund, das hast du selbst gesagt. Für jemand anderen habe ich ihm nicht auf die Welt geholfen«, erwiderte Amalia, schenkte Jakobus einen schelmischen Blick und machte sich auf den Weg zum Schloss.

*

Jakobus schüttelte den Kopf. Amalia war noch immer ein Wirbel-wind, so, wie sie es war, seit sie laufen konnte. Sein Herz erwärmte sich, wie stets, wenn das Mädchen in seiner Nähe auftauchte. Er liebte die Tochter seines Herrn wie ein eigenes Kind. Ihre Geburt war das erste schöne Ereignis auf Schloss Torgelow gewesen, seit die Pest nicht nur unter den Bediensteten mit all ihrem Schrecken gewütet hatte.
   Er hatte Vater und Mutter verloren. Einzig der Gnade des Fürsten hatte er es zu verdanken, dass er auf dem Hof bleiben durfte. Wie selbstverständlich übernahm Jakobus das Amt seines Vaters, und wenngleich er nach dem Tode seiner Eltern nicht mehr froh geworden war, so hatte er doch ein gutes Auskommen gehabt. Dann war das Mädchen geboren und mit ihr hatte das Leben wieder Einzug gehalten auf Schloss Torgelow.
   Jakobus ließ den Blick noch einen Augenblick in der Richtung verharren, in der Amalia nun nicht mehr zu sehen war. Sie würde bald heiraten und von seiner Seite gerissen werden. Was würde dann mit ihr geschehen? Wer würde der Mann sein, der sein Mädchen davontrug? War er ein offener Geist oder musste sich Amalia unter der Knute ihres Standes beugen?
   Er blickte über die Schlossmauer, wo er, genau wie sein Schützling, das Herannahen des zukünftigen Bräutigams beobachtet hatte. Der war noch immer nicht fertig mit seinen wilden Reiterkunststückchen. Jakobus schmunzelte. Es schien, als hätte der Fürst bei der Wahl seines Schwiegersohns eine gute Hand gehabt. Etwas beruhigter machte er sich wieder an seine Arbeit.

*

Amalia betrat die kalte Halle des Schlosses und eilte in ihre Gemä-cher, wo ihre Kammerzofe Marijke ungeduldig auf sie wartete.
   »Was ziehen Sie nur für ein trübes Gesicht, Prinzessin?« Die Zofe lächelte aufmunternd.
   Amalia versuchte pflichtschuldig, zurückzulächeln, was ihr nicht gelang. Sie gab es auf. »Was soll ich anderes tun? Der Ehemann, den mein Vater für mich ausgesucht hat, ist schon fast auf dem Schloss, aber ich möchte nicht heiraten. Ich möchte hierbleiben, bei meinem Vater und den Hunden und allem.«
   »Aber Prinzessin, jedes junge Mädchen möchte doch heiraten. Warten Sie ab, bis Sie ihn erst einmal gesehen haben.« Die Kammerzofe seufzte komisch und schlug die Augen gen Himmel.
   Amalia musste jetzt doch lächeln. »Wenn ein Ehemann so eine famose Sache ist, warum hast du dann niemals geheiratet?«
   Marijke zuckte zusammen und Amalia schämte sich augenblicklich. Die Zofe war die fünfte Tochter einer verarmten Adelsfamilie. Für sie hatte sich die Frage nach einer Eheschließung niemals gestellt, denn es war nicht genügend Geld vorhanden, um für alle Töchter eine Mitgift zu stellen.
   Beschwichtigend nahm Amalia die Kammerzofe in den Arm. »Wenigstens wirst du mir nicht genommen werden, wir werden immer zusammenbleiben.« Voller Wärme blickte sie Marijke in die Augen, die treue Freundin würde ihr bleiben – ein Leben lang. »Also mach mich hübsch, damit wir einen guten Eindruck bei unserem neuen Herrn hinterlassen.« Mit gespieltem Fatalismus setzte sie sich auf den Stuhl und ergab sich Marijkes kundigen Händen.
   Die ließ sich nicht lange bitten. In den nächsten Stunden war sie vollauf damit beschäftigt, Amalia in die passende Robe zu kleiden. Dazu wurde sie zunächst bis auf das leinene Hemd entkleidet. Das Korsett, das sie darüber trug, tauschte Marijke gegen das neueste Fischbeinkorsett aus Wien, ein wunderbar biegsames Stück, das ihre Brüste nicht verdeckte, sondern vielmehr hervorhob. Darüber kamen ein Untergewand aus cremefarbener Seide und ein Obergewand aus hellem Damast, mit einer Bordüre aus dichten Rosenranken bestickt. Marijke drapierte mit ihren geschickten Händen ellenweise Bänder und Spitzen rund um den tief gezogenen Ausschnitt, die sie in der Mitte des Dekolletés mit einer goldenen Brosche feststeckte. Die engen, nur bis zu den Ellbogen reichenden Ärmel des Gewandes endeten in einem vollen Spitzengeriesel, das bis über den Handrücken fiel. Vervollständigt wurde das Kunstwerk durch eine Robe aus dunkelrotem Seidenbrokat. Sie war an den Seiten mit geklöppelten Bändern nach hinten gebunden und mündete in einer mehr als fünf Ellen langen Schleppe.
   Amalia hatte noch niemals ein solch üppiges Gewand getragen. Stolz schritt sie zum Spiegel und öffnete die Brosche, sodass die Tücher, die ihren Ausschnitt verdeckten, hinunterglitten. Ihr Brustansatz wirkte voller und runder, als sie ihn je gesehen hatte. Sie streckte den Busen noch weiter hinaus, doch ehe sie diese neue Aussicht gebührend bewundern konnte, trat die gestrenge Zofe hinter sie und drapierte die Tücher neu, nicht ohne ihr einen unmissverständlich tadelnden Blick zuzuwerfen. Amalia zog eine Grimasse, drehte sich noch einmal ausgiebig vor dem Spiegel und setzte sich auf den Stuhl. Die schlimmste Prozedur stand ihr noch bevor. Ihr störrisches Haar musste gerichtet werden.
   Marijke, die über die neueste Mode bei Hofe bestens unterrichtet war, wusste genau, was sie tat. Sie hatte die Brenneisen bereits vorgeglüht. Amalia kämpfte gegen Übelkeit an, die der Gestank von angesengten Haaren auslöste. Die Zofe schien das alles nicht zu stören. Sie kämmte ihr die Stirn frei, steckte das Haar am Hinterkopf auf und ließ es in unzähligen Locken bis in den Nacken fallen. Zum Abschluss puderte sie Amalias Gesicht, sodass sie kräftig niesen musste, tupfte ihr ein wenig roten Farbstoff aus der Koschenilleschildlaus auf die Lippen und legte eine einfache Perlenkette um Amalias Hals.
   Schließlich trat Marijke zurück und musterte ihr Werk mit stolzem Blick. »Ach Prinzessin, wie schön Sie sind. Ihr Vater wird sehr stolz auf Sie sein und Ihr zukünftiger Bräutigam wird es nicht erwarten können, bis …« Sie kicherte und errötete.
   Amalias Nacken verspannte sich und sie zog unwillkürlich die Schultern hoch. Sie wusste genau, auf was die Zofe anspielte. Als Tochter eines Züchters, die in den Ställen der Hunde und Pferde ein- und ausging, hatte sie mehr als einen Zeugungsakt gesehen. Es war ihr ein Rätsel, wieso Gott zuließ, dass sich eine ehrbare Frau einem solch viehischen Akt hingeben musste. Dabei machte alle Welt so viel Aufhebens davon. Die Knechte sprachen hinter vorgehaltener Hand von nichts anderem und es hieß, dass die Magd Wanja ganz verrückt danach sei. Wie man munkelte, trieb sie es mit den Knechten und Stallburschen.
   Amalia schüttelte energisch den Kopf. Sie würde so etwas nur tun, um einen Sohn zu empfangen. Es schickte sich auch nicht für eine Dame ihres Standes, dessen war sie sich sicher. Dafür waren Mägde wie Wanja da. Durch diesen Gedanken getröstet blickte sie noch einmal in den Spiegel, ehe sie sich ans Fenster setzte.

Es begann schon zu dämmern, als sie zum Bankett gerufen wurde, das ihre Eltern zu Ehren des Gastes ausrichteten.
   Amalia betrat den großen Saal am Arm ihres Vaters, der den ihren aufmunternd drückte.
   »Er ist ein guter Mann, ein Jäger wie ich. Sei nicht voreingenommen, weise ihn nicht gleich ab.«
   Sie nickte, kaum sichtbar. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie Graf Wenzel ihre Mutter zu deren Platz geleitete. Er schien bei Weitem nicht so alt zu sein, wie sie befürchtet hatte. Lange blieb ihr Blick nicht auf ihrem zukünftigen Verlobten haften. Die tadellose Erscheinung ihrer Mutter zog Amalias Aufmerksamkeit magisch an. Die Fürstin hatte sich in goldfarbene Seide und Brokat gewandet. Sie schritt sehr aufrecht und mit kühlem Blick neben dem Grafen einher. Wie meist beachtete sie Amalia auch diesmal nicht.
   Amalias Augen brannten. Rasch wandte sie den Blick erneut dem Grafen zu, beobachtete voller Bewunderung, wie er mit meisterhafter Eleganz der Fürstin den Stuhl zurechtrückte. Seine schwarzen Locken glitten ihm über die Schultern. Mit einer anmutigen Kopfbewegung warf er sie zurück in den Nacken. Ehe sich der Graf setzte, drehte er den Kopf nach rechts, genau in ihre Richtung. Sie senkte den Blick, aber es war zu spät. Er hatte sie bereits gesehen, dabei ertappt, wie sie ihn ungeniert beobachtet hatte. Ein spöttisches Grinsen umspielte seine Mundwinkel. Amalia errötete, und dankte im Stillen Marijke, dass sie nicht mit dem Bleiweißpuder gespart hatte.

*

Wenzel hatte im Vorfeld allerhand unschmeichelhafte Überlegungen angestellt, aus welchem Grund sein alter Freund Fürst Alexej seine junge Tochter so weit unter ihrem Stand verheiraten wollte. Jetzt, da er das Mädchen mit eigenen Augen sah, konnte er sich noch weniger einen Reim darauf machen. Er nutzte die Gelegenheit, sie einer eingehenden Betrachtung zu unterziehen.
   Amalia war groß und von schlanker Statur, ihr Gesicht feingliedrig, das Haar von einem warmen Honigton geprägt. Die Prinzessin kaute an der rot geschminkten Unterlippe, was sie hätte schüchtern aussehen lassen, wären da nicht die alles überstrahlenden, dunkelblauen Augen. Niemals vorher hatte er in solch zu gleichen Teilen kluge und schöne Augen gesehen. Sie wirkten verwirrend und beängstigend zugleich. Was mochte Finsteres an ihr sein, weshalb der Fürst sie einem einfachen Landgrafen wie ihm zur Frau geben wollte?
   Wenzel musterte Fürst Alexej, aus dessen Miene er jedoch nichts herauslesen konnte. Also wandte er seine Aufmerksamkeit dem üppigen Mahl zu.
   Es schmeckte hervorragend. Er hob den Kopf erst wieder, um den Mundschenk auf sich aufmerksam zu machen. Aus den Augenwinkeln erkannte er, dass die Prinzessin ihn beobachtete. Er versuchte, sich ein spöttisches Lächeln zu verkneifen, doch es glitt unaufhaltsam über seine Lippen. Hatte er sie also zum zweiten Mal ertappt, wie sie ihn ungeniert anstarrte. Zu seiner Freude überzog sich Amalias weiß gepudertes Gesicht erneut mit einem bezaubernden Rosa.
   Das Spiel gefiel ihm und er eröffnete den Reigen ein weiteres Mal. Diesmal tat er, als müsste er etwas unter dem Tisch suchen, während er den Blick auf die Prinzessin richtete. Sie jedoch schien jedes Interesse an ihm verloren zu haben, blickte kaum von ihrem Teller auf. Wenzel schluckte Enttäuschung und spürte, wie sich die Regung auch in seinem Antlitz niederschlug. Da entdeckte er ein verräterisches Zucken um Amalias Mundwinkel. Sie hatte offensichtlich den Spieß umgedreht und das Spiel auf ihre Weise weitergeführt. Er fühlte sich ertappt und das reizte ihn. »Na warte, dir werd ich’s zeigen.« Er schmunzelte.
   Amalia machte sich über den Rehbraten her, als wäre es das Wichtigste auf der Welt.
   Wenzel zwinkerte ihr über den Tisch hinweg zu. Aber was tat dieses Mädchen? Statt rot zu werden, wie es sich für eine Dame ihres Standes gehörte, zwinkerte sie frech zurück. Bei dem Versuch, das seiner Kehle emporsteigende Lachen zu unterdrücken, verschluckte er sich. Hitze flutete sein Gesicht und er schnappte hustend nach Luft.
   Dies schien nun auch für Amalia zu viel zu sein. Ihr prustendes Gelächter klang durch den Festsaal, und während Walpurga ihr empörtes Gesicht schnell hinter ihrem Fächer verbarg, fielen der Fürst und schließlich – nachdem er endlich wieder Luft bekam – auch er fröhlich mit ein.
   Das restliche Abendessen verlief in heiterer Stimmung. Die Musikanten spielten lustige Weisen und Walpurga zog sich mit Kopfschmerzen früh in ihre Gemächer zurück. Der Fürst trug Sorge dafür, dass die Gläser nicht leer wurden. Die Gäste sangen und tanzten bis Mitternacht.
   Erst nach und nach verabschiedete sich das Adelsvolk. Amalia verließ als eine der Letzten den Festsaal. Sie küsste ihrem Vater die Wange und reichte Wenzel geziert die Hand. Ein letztes Mal für diesen Tag sah er mit Freude zu, wie sich das Gesicht der jungen Prinzessin mit einer leichten Röte überzog. Dann zog ihre Zofe sie etwas unsanft aus dem Saal.
   »Gefällt Ihnen, das Mädchen, nicht wahr, Graf?«
   Fürst Alexejs Miene entnahm er, dass dies keine Frage, sondern eine Feststellung war. Der Fürst schien sich innerlich zu seiner guten Wahl zu beglückwünschen, das Gesicht glänzte vor Selbstzufriedenheit. Erneut richtete er das Wort an ihn. »Graf, sind Sie noch bei uns?«
   Wenzel bejahte und blickte wieder auf den leeren Platz, an dem Amalia vor wenigen Atemzügen noch gestanden hatte.
   »Lieber Graf. Lassen Sie uns noch ein Glas von dem hervorragenden Branntwein probieren, den mir der Kaiser aus Frankreich mitgebracht hat.« Alexej schenkte ihm eigenhändig ein.
   Langsam glitt er in die Gegenwart zurück. Er kannte Fürst Alexej gut genug, um zu wissen, dass dieser nun in bester Stimmung war, um Geschichten zu erzählen.
   Wenzel starrte in die goldgelbe Flüssigkeit und beschloss, endlich die Frage zu stellen, die ihn seit Stunden beschäftigte. »Sie haben eine wunderbare Tochter. Ich würde mich mehr als glücklich schätzen, sie als Braut nach Falkenfried zu führen. Allerdings wissen wir beide, dass der Stand meiner Familie dem Ihren unterlegen ist. Wie könnte ich es jemals wagen, um die Hand Ihrer Tochter anzuhalten?«
   »Mein lieber Freund. Hören Sie mir zu, ehe Sie weitersprechen.« Fürst Alexej nahm einen großen Schluck Branntwein. »Amalia ist mein erklärter Liebling, sie erwärmt mir das Herz. Dennoch gibt es etwas, das ich Ihnen erzählen muss, ehe Sie sich zu weiteren Schritten hinreißen lassen.«
   Insgeheim hatte sich Wenzel vor diesem Moment gefürchtet. Gleich würde der Fürst erklären, warum er seine Tochter nicht standesgemäß verheiraten konnte. Es war durchaus möglich, dass das Mädchen mit einem Makel behaftet war, der es auch ihm unmöglich machte, die Jungfer, wenn es denn noch eine war, zu freien. Er beugte sich nach vorn, stützte die Hände auf die Knie, und lauschte den Worten seines Freundes.
   »Meine Tochter ist ein wunderbares und besonderes Mädchen. Allein, es fiel schon bei ihrer Geburt ein Schatten auf sie. Meine Gattin war seit dem Tod unserer beiden älteren Töchter eine Gefangene ihrer Trauer, sie konnte Amalia niemals annehmen. Stattdessen versuchte ich, dem Kinde Vater und Mutter zu ersetzen. Dabei verwöhnte ich das Mädchen zu sehr.«
   Wenzel wiegelte ab. »Ich habe schon bemerkt, dass sie etwas freiere Umgangsformen pflegt als die meisten der farblosen Geschöpfe ihres Alters, aber das ist kein Grund, sie unter ihrem Stand zu verheiraten.«
   »Das ist es nicht allein, Graf. Hören Sie, was ich Ihnen zu sagen habe, und entscheiden Sie dann.« Der Fürst, trotz seiner vorgerückten Jahre noch immer ein stattlicher Mann, legte die Stirn in tiefe Falten. Seine dunkelgrauen Augen blickten ernst. Leise fuhr er fort. »Wir hatten eine gute Familie, meine Frau und ich, wir hatten zwei Söhne und zwei wunderschöne Töchter, alles war perfekt. Meine Frau …« Alexej blickte ihn an, doch gleich darauf starrte er ins Leere, als könnte er das, was er zu offenbaren beabsichtigte, niemandem ins Antlitz sagen. »Meine Frau hatte sich nach der Geburt unserer zweiten Tochter von mir zurückgezogen. Das war wenige Monate, nachdem der neue Pater ins Haus gekommen war. Ich machte mir keine Gedanken. Walpurga war fromm, aber eine gute Mutter, und ich hatte … nun, ich brauchte mich nicht zu beschweren.«
   Wenzel verstand.
   Alexej räusperte sich, deutlich darum bemüht, das Zittern seiner Stimme zu vertreiben. »Dann kam die Pest. Sie hat uns nahezu alles genommen. Wie haben unsere beiden Mädchen gelitten, bevor ein letztlich gnädiger Tod sie aus den Händen ihrer verzweifelten Mutter riss. Allein Walpurga hatte im Gegensatz zu mir ihren Glauben niemals verloren. Sie betrachtete das, was geschehen war, als Prüfung, und sie war entschlossen, sie zu tragen. Es gab noch mehr Prüfungen. Wenig später verlor unser Erstgeborener sein Leben am Kahlen Berg und dann …« Wieder zögerte der Fürst, ehe er weitersprach. »Dann beging ich den schlimmsten Fehler und gleichzeitig die beste Tat meines Lebens. Obgleich sich meine Gattin mir längst entzogen hatte, wollte ich ein weiteres legitimes Kind. Ich war besessen davon, glaubte ich doch, auf diesem Wege meine Familie zurückzuerhalten. Für Walpurga war mein Wunsch ein Verstoß gegen die Gebote Gottes. Wir stritten wie die Seifensieder. Es war das erste Mal, dass Walpurga mir meine Herkunft vorwarf.«
   Wenzel blickte seinem alten Freund in die Augen, las das unverhohlene Leid, das darin stand. »Ich weiß, dass Ihre Mutter nicht von Stand war, lieber Fürst. Das war zu anderen Zeiten, es spielt heute keine Rolle mehr.«
   »Oh doch, lieber Freund.« Alexejs Stimme war laut geworden. Erschrocken schwieg er und fuhr etwas ruhiger fort. »Es geht nicht darum, dass meine Großmutter eine Bäuerin war. Es gibt etwas anderes, das Sie nicht wissen. Im Gegensatz zu Pater Anselm, der wusste es, woher auch immer. Er hat es Walpurga erzählt, kaum, dass er in mein Haus gekommen war. Es geht nicht darum, dass meine Mutter ein Bauernmädchen war.« Er schluckte schwer. »Meine Großmutter ist als Hexe verbrannt worden.«
   Schweigen legte sich über sie wie ein dunkler Schatten.
   Es dauerte eine Weile, bis der Fürst weitersprach, leise, mit kaum verhohlener Wut. »Der Pater wusste auch davon zu berichten, dass die heilige Inquisition ihre Hände nach meiner Mutter ausgestreckt hatte. Nur die Hochzeit mit meinem Vater rettete das Bauernmädchen vor dem Scheiterhaufen. Pater Anselm ließ zudem nicht aus, zu berichten, dass fast alle Frauen in dieser Familie Hexen waren. Frauen, die mit den Tieren gesprochen hatten. Das war der Grund, warum ich meine Gattin nicht mehr anrühren durfte. Walpurga wollte keine Kinder mehr von mir. Sie sei viermal verschont geblieben, hatte sie mir ins Gesicht geschleudert, und ob ich den Herrn noch länger versuchen wolle? Ich solle weiter zu den Mägden gehen. Ich war außer mir und dann …«, der Fürst barg ein raues Schluchzen im Ärmel seines Rocks, »dann habe ich mir genommen, was mir zustand.«

*

Alexej schloss die Augen.
   Noch immer fühlte er Walpurgas vorwurfsvollen Blick auf sich ruhen. Es war nicht bei diesem einen Mal geblieben. Fortan hatte er sie jede Nacht besucht, so lange, bis sie schwanger wurde. Das Kind, in Schwermut empfangen, lag von Beginn an wie ein Stein in ihrem Leib. Sie durfte ihr Lager nicht mehr verlassen und verbrachte ihre Tage trübsinnig, in Finsternis und im Gebet, fürchtete nicht den Tod, sondern das Leben. Ihre Angst glitt ins Unermessliche. Die Geburt, die folgte, war lang und schwierig und hätte sie beinahe umgebracht. Doch das Leben, das mit Vehemenz aus ihr hinausdrängte, war stark, es zerriss sie nahezu. Kaum war es auf der Welt, kaum hielt er das rosige, gesunde Mädchen in den Händen, hatte es auch schon sein Herz erobert.
   Alexej erhob den Kopf aus den Händen. Erneut setzte er das Glas an die Lippen, nahm einen tiefen Schluck, und stellte es mit einem Seufzen ab. »So sehr ich über die schwere Geburt erschrocken war, so sehr liebte ich Amalia von ihrem ersten Atemzug an. Als ich das verräterische Mal an ihrer Seite sah, war ich arglos genug, mich darüber zu freuen. Dieses Mädchen war mein einziges Kind, das an der gleichen Stelle das Mal hatte wie ich. Das sollte ein Zeichen unserer Verbundenheit sein. Walpurga deutete alles ganz anders, fand ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Das Mal war ihr niemals etwas anderes als ein Hexenmal und so nannte sie unsere Tochter ein Hexenkind.«
   Wieder lastete Schweigen im Raum.
   Er war noch nicht am Ende seiner Lebensbeichte angekommen, aber es fiel ihm schwer, den Faden wieder aufzunehmen. Schließlich besann er sich.
   »Es war wenige Tage nach Amalias zwölftem Geburtstag. Wal-purga hatte mich in ihre Räume gebeten, auch der Pater war dort, ihr einziger Freund und Vertrauter, den ich ihr nicht nehmen konnte. Sie erklärten mir, dass Amalia verwildere, dass ich mich an meinem Kind versündige und dass sie endlich unter die strenge Erziehung ihrer Mutter gehöre. Ich gab ihnen recht.« Hilflos blickte er sich im Saal um, als gäbe es jemanden, dem gegenüber er sich rechtfertigen müsste. »Ich konnte doch nicht ahnen, was geschehen würde.« Er stand auf und trat ans Fenster, wo er eine Hand an die kühle Scheibe legte. Ohne sich umzudrehen, erzählte er weiter, schilderte mit heiserer Stimme die schrecklichen Ereignisse und wie er mit fliegender Hast aus Wien nach Hause geeilt war. Er erzählte so lange, bis im Osten ein heller Streifen den kommenden Tag verkündete. Irgendwann wandte er sich um.
   Graf Wenzel saß noch immer an der gleichen Stelle wie vormals. Jetzt füllte er die Gläser erneut und stand auf. Er schwankte leicht, als er Alexej das Behältnis mit der goldgelben Flüssigkeit reichte, dann nahm er Haltung an.
   »Fürst Alexej zu Torgelow, hiermit bitte ich, Graf Wenzel von Falkenstein, um die Hand Ihrer Tochter. Ich verspreche, sie zu lieben und zu ehren. Ich werde ihr treu und ergeben sein bis in den Tod.« Seine Stimme klang deutlich, ein klarer Bariton.
   Alexej spürte, wie sich sein Herz erwärmte. Er trat einen Schritt nach vorn, nahm den jungen Mann in den Arm und räusperte sich. »Ich bestehe darauf, dass Sie bis zum vollständigen Tagesanbruch über diesen Schritt nachdenken. Wenn Sie dann noch derselben Ansicht sind, werde ich meine Tochter in Ihrem Namen fragen.« Felsbrocken fielen ihm vom Herzen. Er hatte einen guten Mann für seine Tochter gefunden und auch, wenn er das Mädchen schmerzlich vermissen würde, so war er doch froh, sie in guten Händen zu wissen.

*

Die Prinzessin befand sich in ungewohnt beschwingter Verfassung, als Marijke sie zur Nacht umkleidete. Sie hatte ein paar Mal beobachtet, wie der Fürst den Pokal seiner Tochter immer wieder mit dem hellen, spritzigen Moselwein nachfüllen ließ, der auch Marijke leicht die Kehle hinunterlief.
   Amalia stieß ihre Schuhe durch die Kammer, sodass sie an der gegenüberliegenden Wand abprallten.
   »Ach Marijke, Marijke …«, sang sie, packte sie an den Schultern und wirbelte sie im Kreis herum.
   Marijke ließ es sich gefallen, bis sie außer Atem mit beiden Händen abwehrte. »Aber Prinzessin, warum sind Sie denn so fröhlich?«
   Das Gesicht der Prinzessin erblühte in tiefem Rot. Normalerweise hielt sie ihre Gedanken gern bei sich, doch der Wein machte sie gesprächig. »Hast du seine Augen gesehen? Oh mein Gott, was hat er schöne Augen. Und sein Haar, hast du das gesehen, Marijke?« Die Worte sprudelten nur so aus ihr hervor. »Er trägt keine Perücke, sein Haar ist vollkommen schwarz und ohne eine einzige graue Strähne. Was glaubst du, wie alt er ist?«
   Das wusste Marijke ganz genau. Während des Festes hatte sie die Gelegenheit genutzt, die Bediensteten des Grafen eingehend über ihren Herren auszufragen. Bisher war sie der Ansicht gewesen, dass Amalia ein Ehegatte aus besserem Hause zustehen würde. Allerdings war das, was sie in den vergangenen Stunden über den Grafen gehört hatte, sehr dazu angetan, sie mit dieser Hochzeit zu versöhnen.
   »Zehn Lenze dürfte er mehr zählen als Sie.« Geschwind kleidete sie die Prinzessin um und geleitete sie zu Bett. Anschließend zog sie sich einen Stuhl herbei und berichtete, was sie vom Kammerdiener des Grafen gehört hatte.
   »Wenzel von Falkenstein lebt auf der Burg Falkenfried, die das Dörfchen Zwinzau überragt, und ist ein leidenschaftlicher Jäger. Darüber hinaus wird er von den Bediensteten als Mann guter Manieren und mit einem feinen Gemüt geschildert.«
   Alles, was über ihn herumgetragen wurde, wies ihn als guten Ehemann aus. Mit Freude beobachtete sie, wie sich Amalias Gesicht während der Erzählung entspannte. Sie zupfte ihrer Prinzessin eine Haarsträhne zurecht, und als sie sich über das zarte Antlitz beugte, um ihr einen Gutenachtkuss zu geben, war das Mädchen eingeschlafen.
   Das Kind würde heiraten und sie würde mit ihr an einen fremden Ort ziehen. Marijkes Herz krampfte sich zusammen. Was würde geschehen, wenn Amalia sie nicht mehr brauchte?

*

Am Morgen erwachte Amalia früh und mit ihr die alten Zweifel, zu denen sich weitere, bisher unbekannte hinzugesellten. Sie stand auf und betrachtete sich kritisch vor dem Spiegel. Sie war viel zu groß. Zu ihrer Entlastung konnte sie zwar eine schlanke Taille vorweisen, doch ihre Hände waren riesig und ihre Nase entschieden zu schief. Das störrische Haar wirkte glanzlos und von einer undefinierbaren Farbe, kein Vergleich zur seidenweichen Pracht ihrer Mutter. Amalia schnitt ihrem Spiegelbild eine Grimasse. Sicherlich war sie dem Grafen nicht hübsch genug, und er zog bereits mit seinem Gefolge zu einem anderen Hof, wo er eine wesentlich schönere Braut finden würde. Ein vorsichtiger Blick aus dem Fenster brachte nur teilweise Beruhigendes, es waren zumindest weder Reiter noch Kutschen zu sehen.
   Amalia blinzelte in das helle Tageslicht. Ein Gedanke stach in ihr Gemüt, klar und leuchtend wie die aufgehende Sonne. Sie presste die Lippen zusammen. Was sollte die Träumerei? Niemals würde sie heiraten, weder ihn noch einen anderen, keiner würde sie nehmen wollen. Selbst wenn der Graf an ihrer unvollkommenen Gestalt Gefallen fände, so würde er doch, wenn er erführe, was damals geschehen war, sofort wieder verschwinden.
   Ein zaghaftes Klopfen kündigte Marijkes Ankunft an. Hastig wischte sich Amalia über die Augen.

Sie saßen gemeinsam beim Frühstück, als der Fürst gemeldet wurde. Er trat ein und ein feines Lächeln umspielte seine Mundwinkel. »Dies hier ist einer der schönsten und schwersten Momente im Leben eines Vaters«, begann er mit belegter Stimme.
   Amalias Herz klopfte heftig. Sie wagte kaum, ihren Vater anzusehen.
   »Graf Wenzel ist mir in den vergangenen Jahren ein guter Freund geworden. Ich habe ihn bei Hofe kennengelernt. Der Kaiser vertraut sehr auf sein Urteil, außerdem ist er ein hervorragender Jäger und ein amüsanter Gesprächspartner.«
   Amalia nickte.
   »Wie du weißt, hat deine Mutter mir die Auswahl deines zukünftigen Gatten übertragen. Ich suche seit geraumer Weile nach einem passenden Kandidaten.«
   Amalia konnte kaum noch ruhig auf ihrem Platz sitzen bleiben. »Sprecht weiter, Vater. Was wollt Ihr mir erzählen?«
   »Nun, kurz und gut«, fuhr er endlich fort. »Der Graf hat um deine Hand angehalten. Ich habe ihm gesagt, dass ich eine Entscheidung nicht ohne dein Einverständnis treffen werde.«
   Den letzten Satz hatte sie kaum mehr gehört. Stolz und Freude raubten ihr den Atem. Sie wollte aufspringen und ihren Vater umarmen, doch bevor sie sich gestattete, ihr Herz überfluten zu lassen, drängte sie die wunderbaren Gefühle mit Macht zurück. Ohne ihren Vater anzuschauen, verlangte sie: »Vater, Ihr müsst dem Grafen von Großmutter erzählen und von allem anderen auch. Ihr müsst ihm erklären, auf was er sich einlassen würde. Ihr dürft nichts beschönigen und nichts verschweigen. Versprecht mir bitte, ihm nicht die Freundschaft zu kündigen, wenn er mich dann nicht mehr heiraten möchte.« Jetzt war es mit ihrer mühevoll erkämpften Haltung vorbei. Heiß rannen ihr Tränen aus den Augen, sie schluchzte auf und barg das Gesicht in den Händen.
   Ihr Vater richtete Worte an sie, die sie nicht verstand, nicht hören wollte. Schließlich nahm er ihr die Hände vom Gesicht, fasste sie unters Kinn und zwang sie, ihm in die Augen zu blicken. »Mein Kind, hör mir zu. Noch ehe der Graf auch nur die Gelegenheit hatte, um deine Hand anzuhalten, habe ich ihm alles erzählt. Alles, Amalia. Ich habe nichts verschwiegen. Wenn er sich am gestrigen Abend in deine Schönheit und dein bezauberndes Wesen verliebt hat, so ist er seit meiner Schilderung von deiner Herzensgüte und deiner wunderbaren Fähigkeit nachgerade überwältigt. Er ist ein freier, offener Geist, er denkt darüber ebenso wie ich und wie ich mir von Herzen wünschte, dass auch du darüber denken würdest. Ich bat ihn, den Tagesanbruch abzuwarten, ehe er eine Entscheidung trifft, und das tat er auch. Kaum hörte man das geschäftige Treiben der Mägde, stand er vor meiner Tür. Er berichtete, kein Auge geschlossen, nur am Fenster gestanden und dem Sonnenaufgang zugeschaut zu haben. Zur Stunde ergeht er sich in den Feldern. Er erwartet deine Antwort wie einen Schicksalsschlag.«
   Amalia blieb still, sie jubelte nicht. Heiße Tränen lösten sich von ihren Wimpern. Ganz langsam entzog sie ihrem Vater die Hand und legte für einen Moment die Stirn an seine. »Danke«, murmelte sie, »danke für alles.« Noch ein paar Atemzüge blieb sie so stehen, alterslos und schwer. Dann brach die Jugend wieder aus ihr hinaus. Sie drehte sich im Kreis, drückte die gute Marijke ans Herz und jubelte ihrem Vater zu. »Ja, ich will. Geht, Vater, und sagt meinem Verlobten, dass ich ihn heiraten will.«

*

Nach einer kurzen Verlobungszeit sollte eine stille Hochzeit gefeiert werden. Amalia erwachte am Tag des Festes bereits vor Sonnenaufgang. Sie setzte sich ans Fenster und blickte in den grauen Morgen. Aufmerksam spürte sie ihren Empfindungen nach. Das Herz fühlte sich schwer an in ihrer Brust, es zog sie in mindestens zwei Richtungen. Da war eine sprudelnde Freude in ihrem Körper, ein aufregendes, neues Gefühl. Gleichzeitig packte etwas anderes an ihr Herz, hielt es mit eisernem Griff gefangen. Amalia glaubte, sich vor Schmerz zusammenkrümmen zu müssen. Ihr Blick ging in Richtung Osten, wo der Kirschbaum vor Jakobus’ Haus stand.
   Auch wenn sie den Baum von ihrer Kammer aus nicht sehen konnte, wusste sie doch, dass er dort war. Er war immer dort gewesen, ihr Leben lang. Nun hing er voller Kirschen.
   »Es ist das erste Jahr, dass ich keine davon pflücken werde.« Sie seufzte. Die Feststellung irritierte sie. Sollte das der Grund sein, warum ihr Herz bei aller Freude und Sehnsucht über die Hochzeit in sich zusammenfiel? Jakobus und sein Kirschbaum?
   In den vergangenen Wochen waren sich der Graf und sie immer nähergekommen. Längst bezauberte sie nicht mehr nur sein blendendes Aussehen und sein charmantes Wesen. Etwas anderes war hinzugekommen. Etwas, das sie verwirrte, ängstigte und bezauberte. Wann immer sie in Wenzels wasserblaue Augen blickte, konnte sie keinen klaren Gedanken mehr fassen. Etwas in ihrem Unterleib zog sich quälend zusammen. Sie befürchtete, krank zu sein, und hatte Marijke nach dem Schmerz gefragt. Die war jedoch nur rot geworden und hatte etwas gemurmelt, das klang wie: »Das legt sich schon wieder.«
   Gleichwohl fürchtete sich Amalia vor der Hochzeit. Davor, ihr Elternhaus für immer zu verlassen, ohne Vater und ohne Jakobus leben zu müssen. Ob er bereits aufgestanden war? Sich schon um die Pferde kümmerte, mit denen sie in wenigen Stunden nach Falkenfried aufbrechen würden? Sicherlich hatte er viel zu tun. Gewiss war auch er traurig. Was sollte sie nur ohne ihn anfangen? Was hätte sie ohne ihn getan, damals?
   Ein Gefühl der Verlassenheit überwältigte sie.

*

Jakobus war vor Sonnenaufgang in seinen Stiefeln und machte sich summend auf den Weg zum Brunnen. Er wartete auf Wanja, nicht nur, um ihr zu helfen, die schweren Wassereimer in die Küche zu tragen. An einem Tag wie heute hatten die Mägde noch mehr Arbeit als sonst. So wunderte er sich nicht, das Mädchen bereits am Brunnen vorzufinden.
   »Guten Morgen, Wanja, was bist du schon so fleißig?«, grüßte er und kniff ihr beiläufig in den Hintern.
   »Wie schön, dich zu so früher Stunde zu sehen. Was verschafft mir die Ehre? Solltest du auf ein Schäferstündchen hoffen, so hoffst du freilich vergebens, ich habe heute sehr viel zu tun.« Wanja lächelte ihn verschmitzt an.
   »Auf ein Schäferstündchen mit dir hoffe ich in der Tat, und ich rechne mir gute Aussichten aus, dass du es mir gewährst.« Beherzt ergriff er zwei schwere Eimer und machte sich auf den Weg zur Küche. »Komm mit mir, ich muss dir etwas sagen«, rief er über die Schulter. »Danach werden wir sehen, ob du mir deine Gunst nicht doch gewährst.« In der Küche stellte er die Eimer ab und setzte sich rittlings auf einen Stuhl. »Der Herr war vorgestern Abend bei mir«, hob er an. »Er hat eine gute Flasche Branntwein mitgebracht. Er will die Zucht einstellen und die Hunde verkaufen. Den alten Tieren will er im Andenken an seine Mutter das Gnadenbrot gewähren.«
   Wanja klapperte geschäftig mit ihren Töpfen. Sie sah ihn nicht an, nickte nur stumm zum Zeichen für ihn, weiterzuerzählen.
   »Der Fürst benötigt meine Dienste nicht länger. Aber der Graf …« Jakobus räusperte sich, er wusste, sie würde es ihm nicht leicht machen, kratzbürstig, wie sie war. Doch er musste es ihr jetzt sagen, ohne Umschweife. »Kurz und gut, ich habe meine Sachen schon gepackt.« Er stand auf, trat dicht hinter die Magd. »Es tut mir leid«, flüsterte er rau.
   Wanja ließ sich gegen seine Brust sinken. »Ich weiß.« Sie schluckte, fuhr herum und trommelte mit den Fäusten auf seinen Brustkorb. »Du wirst mich vermissen, Jakobus, denn du wirst keine Zweite wie mich finden.« Wie um ihre Worte zu bekräftigen, zog sie ihn hastig zur Vorratskammer.
   Er ließ es willig geschehen. Mit fliegenden Händen schnürte er ihr das Leibchen auf, umfasste die schweren Brüste, senkte den Kopf und umspielte ihre Brustwarzen mit den Lippen, sodass Wanja vor Wonne laut aufstöhnte. Sie stolperten in die Kammer. Dort hob er die Magd auf den sauber gescheuerten Hackklotz. Er schob ihre Röcke hoch und stieß drängend in sie.
   Wanja krallte sich in seinem Nacken fest, während er ihre Brüste liebkoste, ihre Warzen kniff, bis sie stöhnte, und sich unter seinen schneller werdenden Bewegungen aufbäumte. Mit einem unterdrückten Schrei ließ er sich auf sie sinken und vergrub den Kopf in der Mulde zwischen ihrem Kinn und ihrer Schulter. Wanja fuhr ihm mit der Hand durchs Haar. Noch ein paar Mal bewegte sie sich wohlig unter seinem Gewicht. Dann schob sie ihn sanft von sich, richtete ihre Kleidung, griff sich einen Schinken und trat in die Küche, als wäre nichts gewesen.

Die Hochzeit fand in kleinem Kreise in der Kapelle der Torgelows statt. Jakobus stand im hinteren Teil der Kirche, die er nur selten betrat. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte er Angst vor Pater Anselm gehabt. Das war lange her. Seit jenen Ereignissen spürte er nur noch Verachtung, wenn er an den Priester dachte. Jakobus hatte jeglichen Respekt vor dem unbarmherzigen Gottesmann verloren. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er den Priester mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt. Allein der Fürst wollte den Beichtvater seiner Gattin verschonen, warum auch immer.
   Leise trat Jakobus zum Weihwasserbehälter, wischte sich seine Mütze vom Kopf und tunkte die Fingerspitzen in die geheiligte Flüssigkeit. Er führte sie in ungenauer Bewegung von der Stirn zum Herzen und über die Seiten nach außen. Er spürte sein Herz, es war weit, wie immer, wenn es um Amalia ging.
   Seine Gedanken wanderten in die Vergangenheit. Er schloss die Augen. Bilder von Amalias Taufe füllten sein Inneres. Den Priester mitgezählt, standen vier Männer um das Taufbecken herum. Fürst Anton, der einzige überlebende Sohn der Familie, hielt seine Schwester auf dem Arm. An seiner linken Seite befand sich der zweite Pate. Ein schneidiger junger Offizier, der seine Pferde schlecht behandelte. Den Männern gegenüber stand der Fürst. Er wirkte verloren, seine Gattin war nirgendwo zu sehen.
   Jakobus hatte zu dieser Zeit den ersten Flaum am Kinn gespürt. Er musste sich auf die Zehenspitzen stellen und konnte dennoch nicht genug sehen. Aber er hörte alles. Als der Priester das geweihte Wasser über Amalias Kopf laufen ließ, fing das Mädchen an zu krähen. Ein Ton, kräftig und gesund, süßer als ein Engelschor. Augenblicklich stiegen ihm Tränen in die Augen, für die er sich heute nicht mehr schämen würde. Auch jetzt, an Amalias Hochzeit, verschwamm ihm der Blick. Mit Stolz erinnerte er sich an den Schwur, den er am Tage von Amalias Taufe geleistet hatte. Einen Schwur, dem heiligen Josef geweiht, dem Zimmermann unter den Heiligen. Es war der einzige heilige Eid, den er jemals geschworen hatte.
   »Ich werde dich beschützen. Solange ich lebe, wird dir kein Leid geschehen.«
   Jakobus drehte seine Mütze in der Hand. Er hatte seinen Eid gehalten und der Fürst gab ihm die Gelegenheit, es auch weiterhin zu tun.

Nach der heiligen Messe gab es für alle ein ausgedehntes Frühstück. Die Bediensteten saßen an einer großen Tafel mitten im Hof. Sie war bepackt mit dampfenden Schüsseln, in denen eine ordentliche Menge Fleisch und Fisch auf die hungrigen Mägen wartete. Jeder, der nicht damit beschäftigt war, die hohen Herrschaften zu bedienen, setzte sich nieder, trank von dem guten Bier und aß, so viel er konnte. Jakobus nahm sich Zeit, sich von jedem zu verabschieden.
   Der junge Karel saß mit hängendem Kopf am Tisch. Jakobus setzte sich neben ihn und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Es ist gut, wie es ist. Such dir ein Mädchen und wenn du willst, heirate sie. Werde glücklich, der Fürst wird dir helfen. Er wird dir niemals vergessen, was du für Amalia getan hast. Ich hätte keinen besseren als dich mit dieser Aufgabe betrauen können.«
   Karel strahlte, griff seinen Krug Bier, und ehe er noch anhob zu trinken, entlockte ihm offenbar die Erinnerung ein breites Grinsen. Er leerte den Krug und wischte sich mit der Hand über den Mund. »Wenn ich an das aufgeblasene Gesicht von diesem Maximilian denke, als ich mit dem sechsten Glockenschlag an das Tor der Stadtresidenz klopfte … Ich bin geritten wie der Teufel, doch in der letzten Nacht musste ich vor den geschlossenen Toren Wiens ausharren. Erst am nächsten Morgen konnte ich weiterreiten. Die ganze Stadt roch nach frischem Speck und gutem Bier und ich hatte Hunger, Leute. Ihr könnt es euch nicht vorstellen, aber ich durfte keine Zeit verlieren. Ich hätte es mir niemals verziehen, wenn ich zu spät gewesen wäre – und dann war da dieser Torwächter.«
   Einige der Knechte, die um Karel herumsaßen, rollten die Augen. »Komm schon, Karel, wir kennen die Heldentat schon«, rief einer, doch Karel ließ sich nicht unterbrechen.
   »Wer da, hat dieser Maximilian gebrüllt, und als ich ihm sagte, dass ich eine Nachricht für den Fürsten habe, wollte er mich zurückschicken wie einen Hund. Ich solle später wiederkommen, hat er gemeint. Aber nicht mit mir. Will er die Verantwortung übernehmen für das, was dann geschieht, habe ich gefragt. Da hat es der Fettwanst mit der Angst zu tun bekommen.« Zufrieden blickte sich Karel in der Runde um.
   Die glänzenden Augen einiger Mägde hingen an seinen Lippen. Jeder wusste, dass Karel dazu beigetragen hatte, Amalia das Leben zu retten. Alle hatten sich große Sorgen um das Mädchen gemacht. Seit Wochen war die Prinzessin nirgends mehr zu sehen gewesen.
   Dann waren die seltsamen Reiter gekommen, mitten in der Nacht. Sie hatten ihre Pferde solcherart zu Schande geritten, dass sich Jakobus’ Unbehagen ins Unermessliche steigerte. Er war auf und ab gelaufen wie ein Hirtenhund, der einen Wolf wittert.
   Noch vor Sonnenaufgang war er zum Brunnen gegangen und hatte auf Wanja gewartet.
   Diesmal ging es ihm nicht um die üppigen Reize der Magd. Er schickte sie augenblicklich zu Marijke, die wenig später in ihrem weißen Nachtgewand in der Küche erschien.
   Die Zofe wirkte blass, wie ein Gespenst sah sie aus. Was sie ihm dann erzählte, war ungeheuerlich, schlimmer als alles, was er sich ausgemalt hatte.
   Es gab keine Zeit zu verlieren und er schickte den jungen Karel, der wie die meisten Stallburschen eine heimliche Schwäche für Amalia hatte, augenblicklich zu Fürst Alexej nach Wien. Genau drei Tage war der Junge geritten, nahezu ohne Pause und auch der Rückweg hatte nicht länger gedauert. Nach seiner Rückkehr hatte Karel zwei Tage und Nächte durchgeschlafen.
   »Mach dir keine Sorgen, Junge.« Jakobus klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter, »so etwas wie damals wird nie wieder vorkommen.«

*

Zwischenzeitlich hatte die Sonne den Zenit erreicht und der Graf drängte zum Aufbruch. An seinem Arm schritt Amalia ein letztes Mal über die Schwelle des elterlichen Schlosses. Mutter war den ganzen Morgen über nicht zu sehen gewesen. Sie hatte sich am Vortag von Graf Wenzel verabschiedet und ihr nur einmal kurz zugenickt. Zwischen ihnen war jedes Wort gesprochen. Dennoch trat Amalia mit klopfendem Herzen auf den Hof hinaus. Sie blickte hinauf zu den Fenstern, hinter denen Walpurgas Räumlichkeiten lagen. Vielleicht stand sie dort oben und beobachtete sie.
   Schmerz bohrte sich in ihr Herz, Sehnsucht machte sich breit. Ein Verlangen nach Liebe und Wärme, eine Pein wie eine offene Wunde. Vielleicht war Mutter auf dem Weg zu ihr. Wollte sich verabschieden. Immerhin war Amalia nun eine verheiratete Frau. Erneut ließ sie den Blick schweifen. Nirgends war Walpurga zu sehen. Kein Abschied, keine erste und letzte Umarmung.
   Mit heftiger Bewegung stieß Amalia den Atem aus und schritt auf die wartenden Dienstboten zu. Nahezu alle waren versammelt und sparten nicht mit guten Wünschen. Einzig Wanja und Jakobus fehlten.
   Nach einigem Suchen fand sie die Magd in der Küche, wo sie mit den Vorbereitungen für das Abendessen beschäftigt war. Die Magd hatte die Ärmel ihres Obergewandes bis über die Ellbogen gezogen und vermengte mit beiden Händen die Zutaten für einen Blutkuchen. Als sie Amalia eintreten hörte, hob sie den Kopf. Ihre Augen waren gerötet und ein seltsamer Ausdruck lag darin, den Amalia nicht einschätzen konnte.
   »Ich wollte mich verabschieden, aber du warst nicht draußen bei den anderen, also komme ich zu dir«, erklärte Amalia freundlich und trat ein paar Schritte näher.
   Wanja versteckte die Hände hinter ihrem breiten Rücken.
   »Es macht mir nichts aus, dass sie schmutzig sind.« Amalia lächelte. »Wisch sie nur an deiner Schürze ab, damit ich mich anständig von dir verabschieden kann.«
   Die Magd zog die blutbesudelten Hände kurz über ihre Schürze und sank auf die Knie.
   Amalia tat, als würde sie es nicht bemerken, und reichte ihr die Hand zum Abschied. Sie war gerührt. Dass ausgerechnet Wanja bei ihrem Abschied weinen würde, hätte sie nicht erwartet.