Fünf Sekunden, in denen Kathi alles verliert – ihr gewohntes Leben, ihre Liebe, den Glauben an eine glückliche Zukunft. Während eines Urlaubs in Südafrika erobern die Menschen Kathis Herz. Ihre Seele kommt in diesem aufstrebenden und von Hoffnung getriebenen Land endlich zur Ruhe. Kurzerhand bricht sie alle Zelte in Europa ab und verwirklicht am Ostkap mithilfe des weißen Architekten Cedrik van Meuren ihren Traum am Indischen Ozean. Sie verliebt sich in den jungen Ingenieur Tabo Mangaliso, der ihr von den Traditionen der Xhosa und der Lobola erzählt, dem Preis, den junge Männer für ihre Braut an die Eltern zahlen. Mit jeder Begegnung wird Kathi klarer, dass sie nicht gegen Rinder aufgewogen werden kann, doch der Preis für ihre Liebe erscheint ihr zu hoch. Als Cedrik ihr seine Zuneigung gesteht, flieht sie vor der wichtigsten Entscheidung ihres Lebens.

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ISBN: 978-9963-53-084-7

Seiten: 371

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Evelyn Barenbrügge

Evelyn Barenbrügge
Evelyn Barenbrügge wurde 1958 in Münster geboren. Ihre Wurzeln reichen jedoch bis nach Pecs in Ungarn zurück. Heute lebt sie in der Domstadt Billerbeck und arbeitet als freie Journalistin und Fotografin in der Region. Zu ihren Veröffentlichungen zählen Reiseberichte und Kurzgeschichten in Online-Magazinen und Anthologien. Sie ist Herausgeberin der im November 2013 im Waxmann-Verlag erschienenen Quo Vadis Kurzgeschichtenanthologie „Engel, Hexen, Wiedertäufer – Historische Geschichten aus dem Münsterland“. Ihr Debütroman „Leeres Versprechen“ erschien 2014 in zweiter Auflage im Engelsdorfer Verlag. Ihr zweiter historischer Roman „Tayfun“ wurde im Februar 2015 im bookshouse-Verlag veröffentlicht und im März 2015 von der Histo-Couch als beste Neuerscheinung mit dem Historikus ausgezeichnet. 2003 reiste sie zum ersten Mal nach Südafrika. In weiteren Reisen vertiefte sie ihre Eindrücke, entdeckte die Schönheit des Landes, knüpfte Kontakte zu den Menschen und erlebte, erfuhr und las viele Geschichten. „Lobola - Preis der Liebe“ entstand aus diesen Erlebnissen und erschien im Oktober 2015. Während einer weiteren Reise nach Südafrika entwickelte sich die Idee zu einem Südafrika-Thriller, der im März 2017 unter dem Titel „Schwesternkind“ erschienen ist.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Glücklich zu sein ist besser
als König zu sein.

1. Südafrika, August 2007

»Komm.« Seine vor Erregung raue Stimme umschmeichelte ihre Seele und seine kräftige Hand fasste zärtlich, beinahe scheu nach ihrer.
   Wärme durchzog sie prickelnd, durchdrang ihren harten Kern gleich unterhalb der Brust. Mehr als der südafrikanische Rotwein, den sie beim Essen getrunken hatte.
   »Komm.« Er drängte sie nicht.
   Das brauchte er auch nicht, sie wollte. Sie wollte ihn, Tabo. Wollte endlich spüren, dass sie eine Frau war.
   Er zog sie in sein Haus, führte sie in den hinteren Raum, der nur aus einem Bett zu bestehen schien. Er berührte sie, zuerst zaghaft, dann immer drängender.
   Sie schloss die Augen, genoss seine von der schweren Arbeit rauen Hände, die über ihre Wangen strichen und ihr bewusst werden ließen, dass sie nicht träumte.
   Sie spürte seine körperliche Erregung, als er sie liebevoll an sich zog. Seine Lippen pressten sich warm auf ihre, seine Zunge schob sich fordernd zwischen ihre Zähne, erforschte ihre Mundhöhle. Sie ließ es zu, umkreiste seine Zunge, stieß sie zurück in seinen Mund, fuhr an seinem Gaumen entlang, saugte sie erneut in sich hinein. Er zog ihr das T-Shirt über den Kopf, umfasste ihre Brüste, streichelte und küsste ihre harten Nippel.
   Heiß schoss es in ihren Schoß. Sie wollte mehr.
   Er öffnete den Knopf ihrer Jeans, zog den Reißverschluss auf und streifte die Hose von ihren Hüften.
   Sie musste sich hinsetzen, konnte nicht einfach aus der Hose steigen. Zweifel wollten Besitz von ihr ergreifen.
   Er kniete sich vor sie, wie es noch kein Mann getan hatte, half ihr aus den Schuhen, rollte ihre Socken von den Füßen und küsste zärtlich ihre Zehen. Ein Schauder lief ihr über den Rücken, während er sie von ihrer Hose und ihrem Slip befreite.
   Einen Wimpernschlag später spürte sie seine nackte Haut und seine tastenden Hände. Mit einer unglaublichen Sanftheit liebkoste er ihre Narben. Von der Hüfte bis zu den Füßen und zurück. Sie fühlte Tränen über ihre Schläfen rollen. Es war kein Schmerz, es war Sehnsucht, ihr ungestillter Hunger nach Zärtlichkeit, auf die sie so lang verzichten musste. Das Gefühl kroch bis in die hinterste Ecke, verschmolz mit seiner Wärme, ließ die Luft knistern und vibrieren.
   Sie strich sanft über seinen Rücken, umschmeichelte mit ihren Händen seine Hoden, sein pralles Glied streckte sich ihrem Bauch entgegen. Schmerzhaft zog die Leidenschaft ihren Unterleib zusammen, steigerte lustvoll ihre Gier. Sie legte sich zurück, suchte in der dämmrigen Dunkelheit seinen Blick, doch sie sah nur ihre elfenbeinfarbenen Finger auf seiner pechschwarzen Haut. Sie klammerte sich an ihn, warf sich ihm entgegen, presste ihre Hüften gegen seine Lenden, öffnete sich ihm und nahm ihn in sich auf. Im Höhepunkt ihrer Lust fiel alle Seelenqual von ihr ab.
   Sie war frei.
   Sie schwebte.
   Sie lebte.
   Erschöpft lag sie neben ihm, ihr Körper bebte und sie fühlte eine ungeheure Lebenslust in sich aufsteigen. Sie wollte schreien.
   Vor Glück. Zufriedenheit. Erleichterung. Doch sie schwieg.
   »Ich liebe dich.«
   Sie blickte in sein Gesicht, sah außer den blitzenden Zähnen und dem Weiß seiner Augen schemenhaft die Konturen seines Kopfes. »Du hast mich heute sehr glücklich gemacht, Tabo, doch jetzt möchte ich nach Hause.«

Du weißt nicht,
wie schwer die Last ist,
die du nicht trägst.

2. Kathi
Deutschland, Mai 2005

Madonnas poppiges Hung up endete mit einem ohrenbetäubenden Knall in einem unmelodischen Knarzen und Krächzen, bevor ihre Stimme von berstendem Glas und kreischendem Metall übertönt wurde, das aus den Nieten sprang, bevor es den quietschenden Bremsen Platz machte und die Reifen, herumgeschleudert auf heißem Asphalt, zum Stillstand kamen.
   Stille breitete sich aus, zerrissen von unerträglichem Schmerz. Dann löschte Schwärze alles aus.

»Sie hätten tot sein können, Frau Schumann.«
   »Was ist passiert?« Kathi blickte den dunkelhäutigen Mann an, der in seinem strahlend weißen Kittel aussah, als wäre er geradewegs einer Waschmittelreklame entstiegen.
   Seine drahtigen Haare durchzogen die ersten Silberfäden, seine Augen strahlten Anteilnahme aus, er legte die schlanken Finger seiner rechten Hand auf ihren Handrücken, warm und vertraut. Dr. P.-J. Nangari, Oberarzt, stand auf einem silbernen Schild, das an seinem Revers befestigt war. Er war umringt von mehreren Weißkitteln unterschiedlichen Alters. »Sie hatten einen Verkehrsunfall. Erinnern Sie sich?«
   Kathi suchte in ihrem Bewusstsein, forschte nach einem Erinnerungsfetzen, mühte sich, einen klaren Gedanken zu fassen, und schüttelte resigniert den Kopf. Fassungslos starrte sie erst auf die Bettdecke, dann dem Arzt ins Gesicht.
   »Den genauen Unfallhergang kenne ich nicht. Sie wurden vor sieben Tagen mit dem Helikopter zu uns gebracht. Diagnose Polytrauma, was so viel heißt wie mehrfache Knochenbrüche und ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Aus diesem Grund erinnern Sie sich nicht mehr daran.« Der Arzt blätterte im Krankenblatt. »Um Ihren Kopf mach ich mir keine Sorgen. Die Verletzungen sind nicht gravierend. Die Nasenwurzel ist abgerissen, da müssen Sie in den nächsten Wochen etwas vorsichtig sein. Das Brillenhämatom schmückt Sie nicht, hinterlässt aber keine bleibenden Narben.«
   Als hätte der Oberarzt seinen Wunsch ausgesprochen, nahm eine Krankenschwester behutsam die Bettdecke von Kathis Beinen.
   Blitzende Stangen ragten beiderseits aus ihrer linken Ferse, dem Fußballen und dem Schienbein, waren miteinander verbunden und bildeten zwei unbewegliche Dreiecke. Die geschwollenen bräunlich gelben Zehen und was sie sonst noch zwischen dem Gestänge entdeckte, würden einem Elefantenfuß alle Ehre machen. Das rechte Bein lag in einer Schiene, sah normal aus, abgesehen von einer Operationsnarbe, die von der Hüfte bis zum Knie reichte.
   »Den rechten Fuß haben wir mit Draht und Stahlstiften fixiert.«
   Sie registrierte kaum, was der Arzt sagte, sah, dass auch am linken Bein eine frische Narbe von der Hüfte bis zum Knie an der Außenseite ihres Oberschenkels wie mit dem Lineal gezogen entlangführte.
   »Beide Oberschenkel sind mit Nägeln stabilisiert, die wir durch den Oberschenkelkopf eingeführt haben, deshalb die Querschnitte über den Hüftpfannen. Die Längsschnitte mussten wir anlegen, damit das Blut aus dem Gewebe abfließen konnte.«
   Sie blickte auf ihre nackte Haut und staunte über den Kontrast zu den schwarzen Arzthänden, die sanft ihr Krankenhaushemd hochschoben. Der Schlüpfer stammte ebenfalls vom Krankenhaus und über dem Rand klebte ein Pflaster, das der Arzt mit einem Ruck entfernte.
   »Wir mussten Knochenspäne aus dem Beckenrand entnehmen.«
   Das war’s dann. Aus und vorbei. Sie war achtundzwanzig Jahre alt und brauchte sich nie wieder im Bikini an den Strand zu legen. Wer wollte schon eine Frau mit solchen Beinen?
   »Frau Schumann, haben Sie verstanden, was ich Ihnen erklärt habe?«
   Sie schüttelte den Kopf.
   »An Ihrem linken Fuß mussten wir einen Entlastungsschnitt machen. In zwei bis drei Wochen decken wir die Wunde mit einer Hauttransplantation ab. Bis dahin hoffen wir, ist die Schwellung so weit zurückgegangen, dass wir den Fixateur entfernen können. Wir müssen den weiteren Heilungsprozess abwarten, doch ich bin sicher, Sie werden nächstes Jahr wieder tanzen gehen.«
   Nächstes Jahr? »Was für ein Tag ist heute?«
   »Mittwoch, der vierundzwanzigste Mai.«
   »Und ich bin seit sieben Tagen hier?«
   »Wir mussten Sie in ein künstliches Koma versetzen. Die Operationen waren langwierig und das reinste Puzzle, vor allem in Ihrem linken Fuß. Wir haben Ihnen einen Herzkatheter gelegt, damit Sie sich frei bewegen können.«
   »Soll das ein Witz sein? Frei bewegen? So, wie ich das sehe, bewege ich mich überhaupt nicht mehr. Ich kann ja nicht einmal zum Klo.«
   »Machen Sie sich keine Sorgen, dafür ist unser Pflegepersonal zuständig, die Schwestern helfen Ihnen gern.«
   »Ich soll …«, prompt spürte Kathi ein unangenehmes Ziehen in der Blase, »… hier? Im Bett?«
   Dr. Nangari nickte.
   »Na super.«
   »Wir hätten Ihre Eltern gern benachrichtigt, doch in Ihrem Adressbuch haben wir keinen Eintrag gefunden.«
   »Sie haben in meiner Tasche gewühlt?« Kathi ballte eine Hand zur Faust, entspannte sich dann. Sie mussten es tun, schließlich mussten sie wissen, wer sie war. »Meine Eltern sind …« Sie presste die Augenlider zusammen, um die Tränen zurückzudrängen. »Sie liegen eintausend Meter tief auf dem Grund des Roten Meeres. Sie kamen vor zwei Jahren bei einem Flugzeugabsturz in Sharm el Sheikh ums Leben.«
   »Ich erinnere mich an das Unglück. Der Cousin meiner Frau aus Fes saß in der Maschine. Aber außer ihm waren doch ausschließlich Franzosen an Bord.«
   »Meine Mutter hatte die französische Staatsangehörigkeit und mein Vater war an der Pariser Botschaft beschäftigt. Ich bin in Deutschland geboren und in einem Internat in der Schweiz aufgewachsen.« Kathi strich über die Bettdecke. »Wir verbrachten den Jahreswechsel in Ägypten und ich flog einen Tag nach Neujahr in die Schweiz zurück. Ich wollte noch einige Tage mit Freunden zum Skifahren.« Sie hatte für dieses Unglück keine Tränen mehr. Sie hatte nie viel Kontakt zu ihren Eltern gehabt und geblieben waren ein paar Erinnerungen und ein Waisenrentenfonds, den ihr Vater aus einer Lebensversicherung für sie angelegt hatte. Zusammen mit ihrem Einkommen führte sie ein finanziell abgesichertes und beinahe sorgenfreies Leben. Bis jetzt.
   »Haben Sie andere Verwandte, die wir informieren können?«, unterbrach Dr. Nangari ihre Gedanken.
   »David, David Davidos, mein, na ja, wir wollen uns am 13. Juli verloben, das war der Geburtstag meiner Mutter. Die Nummer steht in meinem Adressbuch. Wenn Sie mir mein Handy geben, rufe ich ihn an.«
   »Handys sind auf der Intensivstation wegen der vielen elektronischen Geräte verboten. In zwei Tagen können wir Sie auf die chirurgische Station verlegen, dann können Sie telefonieren.« Der Oberarzt klappte die Akte zu. »Ich werde Herrn Davidos anrufen.«
   Der Arzt und alle anderen Weißkittel gingen, eine Schwester schob den Verbandswagen aus dem Zimmer. »Ich bringe Ihnen gleich die Bettpfanne.« Sie lächelte warmherzig und schloss die Tür.

Kathi starrte an die Zimmerdecke und versuchte zu realisieren, was der Arzt gesagt hatte. Wie war noch gleich sein Name? Doktor Nangari hörte sich exotisch an und passte zu seiner Hautfarbe. Er machte sich Sorgen um ihren Fuß. Das Gestänge flößte ihr Furcht ein. Sie konnte sich nicht vorstellen, was die Verletzungen für ihr Leben bedeuteten außer, dass ihr Körper durch viele Narben verunstaltet war. Sie dachte an David. Er hatte ihre Beine über alles geliebt. Er hatte sie bewundert, wenn sie mühelos auf ihren High Heels neben ihm zur Disco ging, sich auf der Tanzfläche vollendet zum Rhythmus der Musik bewegt hatte. Nichts war von ihren makellosen schlanken Beinen übrig. Hässliche Narben, lilafarbene Blutergüsse und Metallstangen im Fuß hatten ihre Schönheit zunichtegemacht. War ihre Liebe stark genug für diese Verletzungen? Sie grub in ihrem Gedächtnis nach Erinnerungen. Sie wollte wissen, was sie unmittelbar vor dem Unfall gemacht hatte. Warum war David nicht bei ihr gewesen? Hatten sie gestritten?
   »So, dann wollen wir mal die Blase erleichtern, nicht wahr?« Ein Pfleger unterbrach ihre Gedanken, grinste, drehte den Stiel einer matt glänzenden Pfanne in einer Hand wie einen Golfschläger und griff mit der anderen nach der Bettdecke. »Ich hab ein großes Herz für Frauen in Not.«
   »Was wird das denn?« Sie blickte entsetzt. »Die Schwester wollte doch …«
   »Schwester Anne hat keine Zeit. Ich bin Ralf, Zivi, Single und immer für einen Scherz zu haben, vor allem, wenn ich damit so hübsche Frauen wie Sie aufmuntern kann.« Er drehte immer noch die Bettpfanne, holte aus, als wollte er einen imaginären Ball ins Green spielen. »Glauben Sie mir, Frau Schumann, es ist das Normalste der Welt und mich schockt das nicht mehr.«
   »Na prima, bisher bin ich noch immer allein aufs Klo gegangen.«
   »Angriffslustig wie ein Löwe, das passt zu Ihrer rotgoldenen Mähne, aber Spaß beiseite, Sie dürfen nicht aufstehen und bitte ersparen Sie uns die Arbeit, das Bett neu beziehen zu müssen.« Er legte eine Hand auf die Bettdecke. »Wir wollen doch nicht, dass ein Unglück passiert, oder?«
   »Ja, ich meine nein, und wie soll ich …?«
   »Halten Sie sich am Griff fest und ziehen Sie sich etwas hoch. Die Arme sind ja nicht gebrochen.«
   »Sehr witzig.« Sie spürte die Hitze in ihrem Gesicht. »Und ziemlich vorlaut. Reden Sie mit allen Patienten in diesem Ton?«
   »Nur mit den Schönen. Schmeichelhaft, diese Gesichtsfarbe, passt zu Ihren braunen Augen. Sind da goldene Sterne drin?« Er lächelte, hielt den Stiel und sie fühlte das kalte, harte Metall auf ihrer Haut. »Sie können loslassen, aber langsam, bitte.«
   Zumindest merk ich noch was. Bevor sie den Mund aufmachen konnte, drehte sich der Zivi um.
   »Klingeln Sie, wenn Sie fertig sind, ich erledige dann den Rest.« Er schloss die Tür.

Es fiel ihr schwer, ihren Tag nicht selbst gestalten zu dürfen, keine Entscheidungen treffen zu können, hilflos zu sein. Weder konnte sie duschen noch ihre Haare waschen, doch das Schlimmste war die Peinlichkeit des kontrollierten Stuhlgangs. Sie verbrachte ihren Tag in einem Dämmerzustand, hervorgerufen durch die gleichbleibende Dosis Schmerzmittel. Den täglichen Verbandswechsel an ihrem Fuß ertrug sie nur unter Tränen und mit Madonna im Ohr, obschon sich Dr. P. J., wie sie ihn heimlich nannte, allergrößte Mühe gab, ihr nicht wehzutun. Sie erahnte einen Bruchteil dessen, was in Zukunft auf sie zukommen würde, nachdem es ihr gelang, beim Säubern der Wunde zuzusehen. Sie war ans Bett gefesselt und fühlte sich auch so. Sie wollte weglaufen, doch sie konnte ihren Gedanken nicht entfliehen. Dr. P. J. nahm sich Zeit für sie, kam jeden Tag vor Dienstschluss noch einmal zu ihr, um sich zu vergewissern, dass es ihr an nichts mangelte.
   »Warum kümmern Sie sich so rührend um mich?«
   »Wir haben mehr als acht Stunden gebraucht, um Ihre Knochen an die richtige Stelle zu rücken. Ich möchte mich davon überzeugen, dass es nicht umsonst war. Schließlich sollen Sie im nächsten Jahr wieder tanzen.«
   »Das glauben Sie doch selbst nicht.«
   Er zwinkerte ihr zu, drückte ihre Hand und ging pfeifend aus dem Zimmer. Es war ein altes Lied und sie brauchte einen Moment, bis ihr der Text einfiel: Don’t worry, be happy.
   Sie mochte Dr. P. J.

Als David sie besuchte, hatte sie sich an den Tagesablauf gewöhnt, obschon sie sich nicht mit ihrer Situation anfreunden konnte. Mit entsetzlicher Angst sah sie ihren Freund an, der vor ein paar Minuten an ihr Bett getreten war. Kein ‚Hallo Liebling‘, kein ‚Ich habe dich vermisst‘, nur Schweigen, in das sie hineingeschrien hätte, wenn sie ihrer Stimme trauen könnte. Die roten Rosen in seiner Hand wirkten wie eine Verpflichtung, nicht wie ein Liebesgruß. Nicht einmal das Papier hatte er entfernt. Und nach einer Vase hatte er auch nicht gefragt. Als wäre er noch nie in einem Krankenhaus gewesen. Dabei hatten sie noch im vergangenen Jahr seine Mutter besucht, als sie mit einem Kreislaufzusammenbruch eingeliefert worden war. Warum hielt er diesen Abstand, diese innere Distanz? Strahlte sie Ablehnung aus, weil sie seine Reaktion auf ihren versehrten Körper ahnte?
   »Wieso hast du mit deinem Besuch so lang gewartet, David? Ich hab dich so gebraucht. Niemand kann mir sagen, was passiert ist und ich erinnere mich nicht. Die Ärzte nennen es Amnesie. Kannst du Licht in mein Dunkel bringen?«
   »Du weißt doch, wie das ist. Viel zu tun.« David wirkte unsicher, fuhr sich mit den Fingern durch seine gestylten Haare. »Die Freunde, jeder will was von einem, da bleibt einfach keine Zeit.«
   In seinen hautengen Jeans, den Sneakers und seinem Ringelpulli, der seinen durchtrainierten Körper nicht verbarg, sowie mit seiner frischen Sonnenbräune sah er zum Anbeißen aus, so, als wäre er einem Werbeprospekt entstiegen. Sie sah dagegen aus wie der letzte Putzlappen. Ihre Haare lagen durcheinandergewirbelt wie getrocknetes Heu nach dem Wenden auf dem Schober, ihre Haut war fettig, und von dem ungewohnten Großküchenessen sprossen die ersten Pickel, als wär sie in der Pubertät. Das Hämatom im Gesicht war zwar verschwunden, dennoch hatte sie seit drei Wochen keine frische Luft oder gar Sonne auf ihrer Haut gespürt. Er dagegen sah aus, als hätte er die meiste Zeit im Schwimmbad verbracht.
   »Ich freu mich, dass du gekommen bist.« Sie zeigte auf den einzigen Stuhl. »Setz dich, dann fühl ich mich wohler. Kannst du mir sagen, was am achtzehnten Mai passiert ist?«
   »Keine Ahnung. Ich war in Stuttgart. Wir haben ein Maschinenbauunternehmen besichtigt und sind erst am folgenden Tag zurückgekehrt.« David nahm Platz, schob verlegen ein Glas auf dem Tisch herum, blickte aus dem Fenster und nicht zu ihr. »Du wolltest mit deinen Freundinnen in die Disco. Mehr weiß ich nicht.«
   »Aber du musst mich doch vermisst haben. Stand denn nichts in der Zeitung? Hier schweigen alle, wollen mich schonen oder was weiß ich.«
   »Spielt das jetzt noch eine Rolle?« Das schabende Geräusch verstummte, David hielt das Glas in der Hand. So fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. »Weißt du eigentlich, was für ein Scheißgefühl das war, als ich einen Anruf von einem wildfremden Arzt aus dem Krankenhaus bekommen habe, der mir in schlechtem Deutsch erklären wollte, dass meine Verlobte einen Unfall hatte? Weißt du, wie es mir damit ging? Ich war paralysiert, ich war nicht imstande, mich zu bewegen oder auch nur klar zu denken.«
   »Warum bist du dann nicht gekommen und hast dich selbst überzeugt, was mit mir ist?«
   »Ich hatte viel zu tun, wie gesagt und, ja, ich hatte auch Angst, musste nachdenken.«
   »Wovor hattest du Angst?«
   »Na ja, wie gesagt, niemand wusste, was überhaupt los war. Aber das ist doch jetzt egal. Wie geht es dir?«
   »Ich bin gut aufgehoben, siehst du ja.«
   »Werd nicht sarkastisch. Wie lang musst du noch hierbleiben?«
   »Das sagt mir keiner. Vorgestern bin ich noch einmal operiert worden.« Sie verschwieg ihm den Fixateur und die Hautverpflanzung, die ihr eine weitere ziemlich breite Narbe auf dem rechten Oberschenkel beschert hatte. »Ich darf ja noch nicht aufstehen. Kein Wunder bei den ganzen Brüchen.«
   »Es ist wohl besser, wenn du eine deiner Freundinnen anrufst. Die müssten ja wissen, was genau passiert ist.« David zögerte. »Wirst du wieder laufen können?«
   »Lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker«, zischte sie. »Hörst du nicht zu? Ich habe gesagt, ich weiß es nicht.«
   David schwieg.
   Ein Brummen durchschnitt die Stille und er griff in seine Hosentasche, zog das Handy hervor, wischte mit dem Finger darüber, runzelte die Stirn. »Ich muss dann. Dringende Nachricht von Felix.« Er ließ das Telefon in die Tasche zurückgleiten. »Ist wohl besser, wenn ich unsere Verlobung erst mal absage. Ich meine, bis du weißt …«, er zögerte, machte einen Schritt auf das Bett zu und wandte sich ab. An der Tür drehte er sich um. »Tschüss dann und gute Besserung.«
   Kathi hatte es die Stimme verschlagen. Nachdenklich fixierte sie eine Fliege, die in eiligen Schritten auf ihrer Bettdecke herumwanderte. Mit einer Handbewegung verscheuchte sie das lästige Tier und im selben Moment wurde es ihr bewusst, dass David genauso aus ihrem Leben verschwinden würde. Abgestreift wie ein überflüssiges Anhängsel und es machte ihr nicht einmal etwas aus. Im Gegenteil. Hätte er sie als Mensch geliebt, wären ihm die Äußerlichkeiten egal, doch scheinbar war er in ihre Beine verliebt gewesen und die gab es nicht mehr.

Unwissend zu sein ist schlimm,
nichts wissen zu wollen noch schlimmer.

3. Tabo
2005

Tabo Mangaliso warf seinen Rucksack über die Schulter und winkte dem Fahrer des Pick-ups zu, der den Finger an seine Mütze tippte und mit aufheulendem Motor davonrauschte. Er überquerte die Straße, sprang über die Schutzplanke und landete im weichen Gras. Er ließ Coffee Bay hinter sich, wandte sich nach Südwesten auf die staubige Schotterstraße, die ihn entlang der Küste in die Nähe seines Dorfes führte. Drei Stunden später betrat er ein ausgetretenes Viehpatt, blickte links auf den Indischen Ozean und rechts auf die sanfte Hügellandschaft seiner Heimat. Tabo setzte sich ins frühjahrsfrische Gras, streckte die Füße aus, betrachtete das Meer und sog die salzige Luft mit Genuss in seine Lungen. Er lauschte dem donnernden Tosen, wenn die Wellen gegen die Felsen klatschten. Bei jeder siebten Welle sprühte feine Gischt bis zu ihm herauf, ließ die Wassertropfen in der Mittagssonne funkeln. Nur kurz war seine Rast. Er wollte Botho vor Sonnenuntergang erreichen. Immer wieder schweifte sein Blick auf das Meer und zum Horizont, sah er Frachter und Containerschiffe auf ihrem Weg nach Durban oder Kapstadt. Möwen kreischten über ihm, Kormorane standen auf den zerklüfteten Felsen, die die Wasserlinie unterbrachen, hin und wieder sah er einen Wal springen. Er liebte die Atmosphäre, die ihm als der größte Beweis von Freiheit erschien. Nichts und niemand konnte diese Naturgewalten bändigen. Als kleiner Junge hatte er jede freie Minute genutzt, sich aus dem elterlichen Kral fortzustehlen, um den Wind, die Wellen und die berauschenden Farbenspiele des Ozeans zu beobachten. Er hatte von seinem Großvater alles über die Gezeiten gelernt, kannte die Tierwelt von der giftigen Bluebottle, der portugiesischen Galeere, einer Quallenart, die nur selten Südafrikas Küsten erreichte, bis zum Zwergstrandläufer, der den europäischen Winter an den warmen Gestaden verbrachte und sein Nest im Sand baute. Die üppige Vegetation und deren zum Teil heilende Wirkstoffe waren ihm ebenso vertraut wie die traditionellen Sitten seines Volkes, den Xhosa, die so berühmte Männer hervorgebracht hatten wie Nelson Mandela oder Thabo Mbeki, dem er seinen Namen verdankte.
   »Umkhuluwa!«
   Leise trug der Wind den Ruf an sein Ohr. Umkhuluwa, älterer Bruder, so nannte ihn nur seine kleine Schwester. Er stand am Ufer des Mpako und suchte die flache Böschung auf der anderen Seite ab. Etwas sprang hinter einem Busch hervor, ein weißer Punkt blitzte in der Sonne und ebenso schnell verschwand der Schatten im nächsten Gebüsch. Ein Buschbock, aufgeschreckt durch die Rufe.
   »Tabo!«
   Jetzt erkannte er die Stimme und sein Herz machte einen Freudensprung.
   »Miriam!« Er watete in den Fluss, durchquerte ihn mühelos, weil sich die Wellen des Indischen Ozeans bei Ebbe vor der Felswand brachen, die als natürlicher Schutz an der Mündung stand, und kletterte den steilen Hang hinauf. »Wo hast du dich versteckt?«
   »Hier, älterer Bruder.«
   War das bildhübsche Mädchen, das hinter dem blühenden Busch hervortrat, seine kleine Schwester? Ihr ebenholzfarbenes Gesicht hatte sie mit weißen Farbtupfern geschmückt, ihr krauses Haar streng nach hinten gekämmt, gehalten von einem ihrer geflochtenen Grasbänder. Immer musste sie mit ihren Fingern Grashalme flechten, fiel ihm ein und er lächelte über ihren bunten Rock, der ihn an das kräftige Orange einer Butternuss erinnerte und der ihre schlanken Beine umspielte. Das dunkelbraune Shirt passte besser dazu als ihre staubgrauen Füße.
   »Miriam?« Er umrundete sie, betrachtete sie eingehend, runzelte die Stirn, strich mit der Hand über seinen Kopf. »Willst du heiraten? Du bist so furchtbar erwachsen.«
   »Ich heirate nur einen Mann, der mich liebt und den ich liebe.« Miriam spielte mit dem Zeh im Gras und blickte ihren Bruder herausfordernd an. »Niemals lasse ich mich für Rindviecher verschachern.«
   »Pass auf, was du sagst, kleine Schwester, unsere Eltern achten sehr auf die Amasiko und sind bestrebt, Sifuba-Sibanzi nicht zu erzürnen.«
   »Tabo, die Zeiten ändern sich. Die Bräuche der Xhosa sind überholt und ich glaube nicht an dieses Ubuti-Zeug.«
   »Dann sei wenigstens so schlau und behalt es für dich. Wenn Mutter dich so reden hört, schickt sie dich zur Sangoma, damit sie dich heilt. In ihren Augen hat das Xhosa-Brauchtum nichts mit Zauberei zu tun.« Er schüttelte nachdenklich den Kopf. »Wer hat dir all diesen Unsinn eingeredet?«
   »Niemand. Ich habe es gelesen. In einem Magazin, das ich in Zithulele an der Haltestelle für die Sammeltaxis gefunden habe.«
   »Wieso treibst du dich da herum? Sind wir plötzlich reich? Musst du nicht mehr zu Fuß zur Schule gehen?«
   »Ein Lehrer war krank und der Unterricht fiel aus, da habe ich auf mei…«, erschrocken hielt Miriam ihre Hand vor den Mund.
   »Auf wen hast du gewartet? Hast du etwa einen Freund?« Tabo forschte in ihrem Gesicht, konnte aber nichts entdecken. »Nun komm, du hast mir doch immer deine Geheimnisse anvertraut.«
   »Aber du warst drei Jahre nicht da. Woher soll ich wissen, dass ich dir vertrauen kann?«
   »Weil ich dein Bruder und weil ich ein Inkosi bin.« Er legte einen Arm um ihre Schultern und lenkte sie auf den ausgetretenen Pfad. »Lass uns weitergehen, damit wir vor Sonnenuntergang zu Hause sind. Dabei haben wir genug Zeit für deine kleinen und großen Geheimnisse.«
   »Erzählst du mir auch von deinem Leben?« Miriam blickte ihn fragend an und, als er zustimmend nickte, sprach sie erst langsam, dann stieß sie die Worte mit einer Kraft hervor, wie ein Wal Wasser als Fontäne in den Himmel schießt. »Erinnerst du dich an Kuboni Hethula? Wir sind schon befreundet, seit wir laufen können. Jeden Morgen sind wir gemeinsam zur Schule gegangen, oft hat er meine Bücher getragen, mir Geschichten erzählt und wir haben unsere Ängste und Sorgen miteinander geteilt. Abends sind wir oft zu den Klippen gerannt, weißt du, diese Felsennase, die so weit ins Meer hineinragt. Dort hatten wir das Gefühl, wir säßen auf einer Insel. Wir haben die Schiffe beobachtet und uns unsere Zukunft erträumt.«
   »Liebst du ihn?«
   »Wenn es Liebe ist, dass mein Herz aussetzt, wenn ich ihn sehe, dass ich Tag und Nacht an ihn denke, dass ich spüre, wenn es ihm nicht gut geht, dass ich vor Freude platzen könnte, wenn er mir seine Aufmerksamkeit schenkt, wenn ich es kaum aushalte, ohne ihn zu sein, ja, wenn das alles Liebe ist?«
   »Arme, glückliche Miriam.« Tabo blieb stehen. »Jetzt, wo Asanda heiratet, wird es nicht lang dauern, bis unser Onkel die Hochzeitsverhandlungen für dich aufnimmt. Gibt es schon einen Bewerber?«
   »Du hast mich nicht verstanden, Tabo.« Miriam drehte sich um und sah ihren Bruder ärgerlich an. »Ich werde den Mann heiraten, den ich liebe. Aber es ist im Moment nicht so wichtig, unsere Eltern, Onkel Othembela und Tante Jongiwe sind mit den Vorbereitungen so beschäftigt, dass sie mich glatt übersehen und sich nicht um mich kümmern. Jetzt bist du dran, erzähl, was treibst du in der großen Stadt Johannesburg?«
   Tabo forschte im Gesicht seiner Schwester und ihm fielen die traurigen Fältchen auf, die sich um ihren Mund gebildet hatten. Ihre Augen waren früher klarer, dachte er und die Wehmut, die sie umgab, schmerzte ihn, doch er wollte nicht weiter in sie eindringen, er spürte, dass sie ihm längst nicht alles gesagt hatte.
   »Ich sehe nicht viel von Johannesburg. Ich lebe in Soweto, dem aufregendsten, buntesten, lautesten und fröhlichsten Township, das du dir vorstellen kannst. Wenn ich nicht arbeite oder studiere, gehe ich in die Bars, unterhalte mich mit den Menschen und höre unsere Musik. Sie spielen oft Lieder von Miriam Makeba oder Brenda Fassie, vergangene Woche sind Johnny Clegg und Savuka dort aufgetreten. Sie spielten aus ihrem Album In my african dream, ich sage dir, der Saal hat getobt. Es war fantastisch.« Tabo tanzte auf dem schmalen Pfad und stimmte sein Lieblingslied Asimbonanga an, das an die Kämpfer für ein freies Afrika erinnerte.
   »Wenn ich mich recht entsinne, dann bist du von zu Hause weggegangen, um zu studieren.«
   »Ja, das mach ich auch. Aber das ist viel zu kompliziert, um es dir zu erklären, außerdem glaube ich nicht, dass dich die Berechnung von Neigungen, Bögen und Winkeln für den optimalen Straßenverlauf zwischen Diepkloof und Johannesburg wirklich interessiert. Oder möchtest du wissen, welche Vorteile es bringt, wenn die Arbeiter auf dem Weg in die Goldminen um die Stadt herumfahren, statt mitten hindurch und dass es besser ist, ihnen die Busfahrt zu bezahlen, als dass Hunderte von Sammeltaxis zum Schichtwechsel den Verkehr lahmlegen?«
   Miriam lachte und schüttelte den Kopf.
   »Siehst du, deshalb erzähl ich dir lieber etwas von der anderen Seite des Studentenlebens. Aber das bleibt unter uns, ist das klar?«
   Miriam nickte. »Sieh mal, da ist schon unser Haus. Sonst ist mir der Weg immer viel länger vorgekommen.«
   »Da hat dich auch niemand so toll unterhalten.«

»Tabo, mein Sohn, du bist mager geworden. Komm ins Haus und erzähl deiner alten Mutter von deinem Leben in der großen Stadt.« Nosine Mangaliso lud ihn mit einer Handbewegung ein. »Dein Vater erwartet dich.«
   »Du bist nicht alt, Mutter, und du siehst glücklich aus. Ist es Asandas bevorstehende Hochzeit, die dich so strahlen lässt?« Er führte sie am Ellenbogen ins Haus. »Molo, Vater.«
   »Molo, Tabo, ich freue mich, dass du den Weg zu uns gefunden hast und an der Hochzeit deiner Schwester teilnimmst. Ich bin noch immer betrübt, dass du nicht in unserem Kral geblieben bist und dein Leben nach unseren Traditionen gestaltest.«
   »Bitte, Vater, nicht wieder dieser alte Streit. Ich kann für unser Volk viel mehr tun, wenn ich einen guten Beruf erlerne und mit meinem Wissen die Bedingungen in Botho verbessere.« Tabo setzte sich auf die Strohmatte zu Füßen seines Vaters. Sie hatten sich drei Jahre lang nicht gesehen und jetzt fiel ihm auf, wie ähnlich er seinem Vater war. Er hatte die gleiche Kopfform und seine schwarz funkelnden Augen sprühten vor Lebensfreude und Elan und erinnerten ihn an einen spähenden Adler. Die Haut spannte sich straff über den Wangenknochen und nur die feinen Lachfalten waren Zeugnis seiner längeren Lebenserfahrung. Die etwas grobschlächtigen Hände ruhten in seinem Schoß.
   »Akhona, halt Frieden in meinem Haus.« Nosine reichte ihnen frisch zubereiteten Rooibostee. »Ich brauch keine bösen Geister so kurz vor der Hochzeit.«
   »Nun gut, besänftigen wir Sifuba-Sibanzi und begraben wir unseren Streit. Willkommen in meinem Kral, mein Sohn. Erzähl mir von deinem Leben in Johannesburg.«
   »Ich studiere an der größten Universität Südafrikas das Ingenieurwesen und spezialisiere mich auf die Verkehrstechnik. Eines Tages werde ich dafür sorgen, dass wir hier in Botho bessere Straßen bekommen und unsere Kinder ihre Schule gut erreichen können. Bildung ist wichtig in unserem Land und für die Zukunft.« Tabo trank einen Schluck Tee und beobachtete seinen Vater. Sie hatten in Botho weder einen Fernsehapparat noch ein Radio, das seiner Sippe Nachrichten aus aller Welt bringen könnte. Seit Generationen lebte sein Volk auf dem gleichen Fleck Erde. »In Soweto, einem Stadtviertel von Johannesburg, habe ich ein Zimmer gemietet, dort kann ich in Ruhe lernen.«
   »Wovon bezahlst du das Zimmer? Du hast doch kein Geld.«
   »Ich arbeite, Vater. Zu Anfang habe ich für einen guten Lohn in den Goldminen gearbeitet. Aber mir hat der Himmel gefehlt. Und die Sonne. Heiß genug war es in den Stollen, und das Licht reichte, damit ich einen Fuß vor den anderen setzen konnte. Nach ein paar Monaten hatte ich genug. Von der Hitze unter Tage und Erspartes. Ich fand in Soweto ein Zimmer, schrieb mich bei der Universität ein, bezahlte meine Semestergebühren und suchte mir eine Arbeit.«
   »Womit verdienst du dein Geld?«
   »Ich kellnere in einem Nachtklub.«
   »Noch nie hat es jemand in meiner Familie nötig gehabt, andere zu bedienen.« Tabos Vater hämmerte mit der Faust auf den Boden. »Du solltest dir eine anständige Arbeit suchen oder nach Hause kommen.«
   »Vater, das ist nicht nur ein gut bezahlter Job, ich lerne auch die Musik interessanter Menschen kennen, Helden Südafrikas, die Geschichte geschrieben haben. Außerdem …«, Tabo sprach in ruhigem Ton, um den Vater nicht noch mehr zu reizen, »… ist es nur am Wochenende. In den Semesterferien arbeite ich im Straßenbau und nach meinem Grundstudium kann ich bestimmt eine Stelle bei der Verwaltung bekommen.« Er verschwieg, dass die Aussichten eher gering waren. Er war erleichtert, als sein Vater zufrieden nickte.
   »Lass uns das Thema wechseln. Morgen in aller Frühe beginnt die Hochzeitszeremonie für deine Schwester. Ich möchte, dass du dich nach Xhosa-Sitte anziehst und die Großstadtkleidung für die Dauer deines Aufenthaltes ablegst.«
   »Ja, Vater.«

Tabo trat aus dem Rondavel in den Morgennebel und sofort wurde seine Nase von unterschiedlichen Gerüchen gereizt, auf die er so lang verzichtet hatte. Der Rauch der Kuhdungfeuer vermischte sich mit dem salzigen Dunst des Indischen Ozeans, der Duft der Hammelbraten mischte sich mit dem sauren Geruch der vergorenen Ziegenmilch. Er kniff die Augen zusammen, konzentrierte sich, filterte süßen Kürbisduft heraus und freute sich auf den klebrigen Milli-Pap, den er gleich zum Frühstück bekommen würde. Er spürte die Gänsehaut auf seinen nackten Armen und Beinen. Statt seiner langen Jeans trug er den Lendenschurz aus Antilopenfell, eine Fellschärpe kreuzte seine Brust, ein schmales Fellband war um seine Oberarme geschlungen. Das Fellstirnband kratzte auf der Haut, er hatte es zu lang nicht mehr getragen. Die traditionelle Xhosa-Bekleidung war ihm ebenso fremd geworden wie das einfache Leben im Kral seiner Eltern.
   »Molo, mein Sohn, du gefällst mir.« Nosine Mangaliso reichte ihm einen Becher Rooibostee. »Du siehst wie ein echter Krieger aus und wirst deiner Schwester heute viel Ehre erweisen. Kurz nach Sonnenaufgang wird im Haus des Ehemanns eine Kuh geschlachtet. Wenn dein Vater fertig ist, gehen wir.«
   »Ja, Mutter.« Tabo trank und musterte seine Mutter. »Du siehst in deinem Kleid sehr würdig aus.«
   »Das will ich meinen.« Sie zupfte an ihrem Turban, der so kunstvoll verschlungen war, dass jeder sofort ihre hohe, soziale Stellung erkannte und auch, dass sie vermögend war. »Es ist der Ehrentag deiner Schwester und dein Vater ist schließlich Oberhaupt dieses Dorfes.«
   »Wo sind Asanda und Miriam?«
   »Die Mädchen kommen mit Tante Jongiwe zum Haus des Bräutigams, wenn der Segen der Ahnen erteilt ist.«
   »Lasst uns gehen.« Akhona Mangaliso hielt seinen Schild in der linken und sein Assegai in der rechten Hand. Der lange Speer schwebte über dem Boden, der mit Antilopenfell bezogene Schild glänzte seidig. Tabo begegnete dem Blick seines Vaters und stellte erfreut fest, dass er nicht mehr zu seinem Vater aufsehen musste. Beide überragten Nosine um Haupteslänge. Zufriedenheit und Stolz ließen Tabos Füße über das taufeuchte Gras schweben und er spürte die Kühle kaum. Je näher sie dem Haus des Bräutigams kamen, desto mehr Geräusche wirbelten durch die Luft. Neben hellen und tiefen Männerrufen und fröhlichem Gelächter hörte er vor allem das ängstlich-erregte Brüllen einer Kuh. Alle Dorfbewohner waren auf den Beinen, öffneten ehrfürchtig eine Schneise, durch die Tabo mit seinen Eltern auf das Rondavel zuging. Gerade, als sie die dämmrige Hütte betraten, warf der Familienälteste, so wie es Brauch war, das Tier zu Boden. Mit der flachen Messerklinge schlug er auf den Körper ein und schon beim dritten Schlag schrie das Vieh angsterfüllt. Die Vorfahren waren mit der Hochzeit einverstanden und das Fest konnte beginnen. Mit einer schnellen Bewegung stach der Mann in den Hals der Kuh und durchtrennte mit einem Schnitt Sehnen, Muskeln, Venen, Luft- und Speiseröhre. Unter gurgelndem Röcheln starb das Tier.
   Mit lautem Jubel und dem traditionellen Xhosa-Hochzeitslied wurde die Braut herbeigesungen. Asanda trug ein mit Mustern und Ornamenten reich besticktes weißes Brautkleid und wurde von ihrer Tante Jongiwe, ihrer Schwester Miriam und den unverheirateten Frauen des Dorfes zu ihrem Bräutigam geführt, während Onkel Othembela zehn Kühe in den Kral brachte.
   Nach dem Hochzeitsritual waren die beiden Familien als neuer Clan vereint und die jungen Männer stimmten die ersten Lieder an, sangen und tanzten ausgelassen. Die Xhosa-Klicklaute, das rhythmische Händeklatschen und die Vielstimmigkeit der Hochzeitsgäste woben einen Klangteppich über das Dorf und ließen niemanden ruhig sitzen.
   Tabo holte im Morgengrauen des nächsten Tages seinen Rucksack, und während die Gesellschaft noch ausgelassen feierte, zog er seine Schwester an die Seite.
   »Du bist die hübscheste Braut, die ich je gesehen habe, und ich wünsche dir, dass du dein Glück festhalten kannst. Mögen unsere Izinyanya immer über dich wachen.«
   »Die Ahnen werden schon auf mich aufpassen, also hör auf mit deiner Izibongo, mein Bruder.« Asanda lächelte ihn an. »Es wäre besser, wenn mein Bräutigam deine Lobeshymnen nicht hört, sonst bildet er sich noch was drauf ein. Ich weiß, er ist ein guter Mann, wenn er auch nicht so eine hohe Bildung hat wie du. Doch er ist der Älteste und wird den Kral seines Vaters übernehmen. Die Lobola macht es leicht.«
   »Stimmt, die Brautgabe war höher als gewöhnlich. Du hast in eine bedeutende Familie eingeheiratet. Werde glücklich, Asanda. Ich muss nun gehen. Leb wohl.«
   »Ich hoffe, du kehrst eines Tages zurück und machst unserem Vater Ehre.«
   Tabo wandte sich ab. Er blieb seiner Schwester die Antwort schuldig, verließ das Dorf und lief zu den Klippen, wo Miriam saß, die Arme um die Knie geschlungen, und auf den Ozean blickte.
   »Kleine Schwester, ich freue mich, dass du auf mich gewartet hast.« Sie drehte sich um und er sah noch die Tränenspuren. »Warum weinst du an einem Tag der Freude?«
   »Verstehst du immer noch nicht? Kaum hatten Asanda und Zuko den Hochzeitskuss getauscht, lief Onkel Othembela wie ein stolzer Hahn durch die Festgesellschaft und hielt Ausschau nach einem Kandidaten.« Miriam wischte mit einer Hand eine Träne fort. »Er hat jetzt wieder viel Zeit. Er ist alt, hat kein Verständnis für Veränderungen und will, bevor er zu den Izinyanya geht, meine Hochzeit verhandeln.«
   »Na komm, Miriam, so schlimm ist das doch nicht.«
   »Tabo, ich kann nur ein erfülltes Leben führen, wenn ich den Mann heirate, den ich liebe.«
   »Jetzt werd nicht theatralisch und versprich mir, dass du keine Dummheiten machst.« Tabo zog sie auf die Füße und schloss sie in die Arme. »Ich muss aufbrechen. Wenn ich am Montag nicht pünktlich erscheine, verlier ich meine Arbeit und das wär eine Katastrophe.«
   »Geh und lass mich allein.«
   »Hier kannst du mich erreichen.« Er drückte ihr einen Zettel mit seiner Adresse in die Hand und sprang von der Klippe auf den ausgetretenen Pfad. Er drehte sich nicht um, spürte aber ihren Blick in seinem Rücken.

Werd erst selbst gesund,
bevor du andere zu heilen anfängst.

4. Kathi
2005

Kathi bewegte die Finger. Die Gelenke schmerzten. Sie umfasste die Griffe ihrer Gehstützen, hätte am liebsten aufgeschrien, und zog sich mühsam hoch. Sie verlagerte ihr Gewicht auf das rechte Bein, humpelte zum Kleiderschrank, schob die Tür mit dem Stollen der Stütze auf. Sie hatte die erste Nacht seit ihrem Unfall zu Hause verbracht, und jeder Schritt war eine Qual. Im Krankenhaus hatte sie auf dem Bett sitzend frische Wäsche aus dem Schrank holen und sich anziehen können. Jetzt musste sie jedes Wäschestück auf ihr geheiztes Wasserbett werfen und sich dort im Sitzen ankleiden. Die Wärme tat ihr gut und hatte ihr in der vergangenen Nacht mehr Erholung gebracht als die Nächte in der Klinik. Sie schleppte sich ins Bad. Eine Sitzgelegenheit fehlte und es gab keine Haltegriffe. So sehr sie in der Reha geflucht hatte, so sehr sie die Enge leid gewesen war, so sehr vermisste sie jetzt die vermeintliche Bequemlichkeit. Sie machte Katzenwäsche, erledigte unter Mühen ihren Toilettengang und war schweißgebadet, als sie fertig angezogen war. Mit großem Widerwillen zog sie ihre nagelneuen dunkelblauen orthopädischen Schuhe an, die eher an Schuhwerk aus dem späten 18. Jahrhundert erinnerten, das, wenn sie den alten Filmen und Büchern Glauben schenken durfte, dem Dienstpersonal vorbehalten gewesen war.
   Einen Kaffee, mehr gab es nicht, obschon sie Hunger hatte. Sie hatte keine Ahnung, wie sie ihren Alltag bewältigen sollte. Die wenigen Konserven aus dem Vorrat hatten für das Abendessen gereicht. Trockener Reis oder Nudeln ohne Soße war nicht nach ihrem Geschmack. Sie musste sich dringend Gedanken machen, wie sie an Lebensmittel kommen konnte.
   »Verfluchte Scheiße.« Tränen liefen ihr über die Wange. Sie fühlte sich hilflos wie ein Käfer auf dem Rücken. Dann schnaufte sie. »Schalt dein Hirn ein und hör auf zu jammern.«
   Sie setzte sich an ihren Tisch, nahm einen Zettel und schrieb auf, was sie alles benötigte. Die Liste war lang, sie konnte den Einkauf unmöglich bewältigen. Sie suchte das Telefonbuch hervor, die Nummer eines Taxiunternehmens prangte in fetten Ziffern auf dem Umschlag.
   »Schicken Sie bitte einen Wagen in die Göttschieder Straße 91, möglichst sofort.«
   »Wohin soll die Fahrt gehen?«
   »Zum Supermarkt.«
   »Wir machen keine Kurzfahrten«, gellte die Fistelstimme unfreundlich in ihren Ohren. »Der nächste Supermarkt ist nur zweihundert Meter von Ihrer Adresse entfernt.«
   »Wenn ich dahin laufen könnte, würde ich Ihre Dienste bestimmt nicht in Anspruch nehmen.«
   »Tut mir leid, wir übernehmen die Tour nicht.«
   »Blöde Sumpfkuh!« Kathi zitterte, als sie das Gespräch beendet hatte. Sie kämpfte mit den Tränen. So schwer hatte sie sich ihren Alltag nicht vorgestellt, sie konnte sich nur langsam beruhigen. Bei einem anderen Unternehmen bestellte sie ein Taxi für eine Fahrt nach Birkenfeld. Sie musste sich sowieso bei Dr. Nangari vorstellen und gegenüber vom Krankenhaus gab es ebenfalls einen Supermarkt.
   Sie konnte noch ihre Liste schnappen und ihren Rucksack aufsetzen, als es klingelte. Ein freundlicher junger Mann öffnete ihr die Wagentür und sie ließ sich auf den Beifahrersitz fallen, zog die Füße in den Wagen, legte die Gehstützen neben die Beine und schloss die Autotür.
   Die Fahrt wurde zum Horrortrip.
   Die entgegenkommenden Autos schienen auf sie zuzurasen. Jeden Augenblick erwartete sie einen furchtbaren Knall. Der Angstschweiß stand ihr auf der Stirn. Sie klammerte sich mit einer Hand am Türgriff fest, die andere krallte sie ins Armaturenbrett, als der Taxifahrer ein anderes Fahrzeug überholte. Sie brachte keinen Ton heraus. Als sie vor dem Krankenhaus ausstieg, konnte sie sich kaum auf ihren Gehstützen halten und wankte unsicher in den Wartebereich der Ambulanz.
   »Frau Schumann, Sie sind wieder da? Ich freue mich.« Der Oberarzt kam mit wehendem Kittel auf sie zu, wollte sie in die Arme schließen und blieb wie angenagelt vor ihr stehen. »Aber Sie sind ja kreidebleich. Was ist passiert?«
   »Könnte ich bitte ein Glas Wasser haben?«
   »Kommen Sie mit in mein Büro.«
   Sie folgte dem Arzt, nahm dankbar das Wasser entgegen, nachdem sie Platz genommen hatte, und erzählte von ihrer Taxifahrt.
   »Dann erinnern Sie sich also wieder an Ihren Unfall. Anders kann ich mir Ihre Reaktion nicht erklären.«
   »In den vergangenen Monaten hab ich aus vielen Puzzleteilchen das Geschehen teilweise wieder zusammengesetzt. Es war mühsam«, sie stellte das Glas ab, »und grausam.«
   »Möchten Sie darüber reden?«
   »Ich war auf dem Weg ins Büro, so wie jeden Morgen. Es ging so verdammt schnell. Ein … ein Augenblick und mein Leben war zerstört, meine Träume geplatzt. In einer Kurve, kurz vor dem Abzweig nach Rötsweiler, ist ein anderer Wagen frontal mit meinem zusammengestoßen. Der Idiot wollte trotz Gegenverkehr überholen. Unglaublich. Den Rest kennen Sie.«
   »Stimmt. Wie ist es Ihnen in der Reha ergangen?«
   Sie zeigte auf ihre Füße. »Ich wurde mobilisiert, der Lieblingsausdruck der Stationsärztin.«
   »Schöne Schuhe.«
   »Ja klar, der letzte Schrei. Die trag ich nur, weil es für Sandalen zu kalt ist. Ich war so geschockt, dass ich nicht zugehört habe, was der Schuhmacher mir anbot. Der wollte mir wohl einen Gefallen tun und, sehen Sie sich das an, der hat Dreizentimeterabsätze druntergemacht. An jeder Unebenheit bleibe ich hängen, weil ich keine Kontrolle über meine Schritte habe. Ich meine, meine Beine sind doch schon kaputt. Soll ich noch mal stürzen?«
   »Sie schaffen das schon, Frau Schumann. Doch jetzt lassen Sie mich mal einen Blick auf Ihre Beine werfen und dann sollten wir noch einmal aktuelle Röntgenbilder machen.«

Eine Stunde später verließ sie das Krankenhaus und ging zum Supermarkt auf der anderen Straßenseite. Sie konnte keinen Einkaufswagen benutzen, da sie ihre Hände für die Gehstützen brauchte. Kurzerhand setzte sie den Rucksack falsch herum auf, die Gurte nach hinten. Sie musste genau abwägen, was sie in den nächsten beiden Tagen, bis sie wieder zur Physiotherapie kam, brauchte. Brot, Eier, Milch, Margarine, etwas Käse und Aufschnitt, mehr passte nicht in den Rucksack. An der Kasse half ihr die Kassiererin beim Auspacken, dann war sie wieder auf sich allein gestellt. Ihre Beine schmerzten und sie sehnte sich nach ihrem Krankenhausbett. Müde schleppte sie sich aus dem Geschäft, setzte sich am Krankenhaus auf eine Bank und rief ein Taxi.

Kathi legte das linke Bein auf einen Stuhl, ließ die Gehstützen zu Boden fallen und blickte aus dem Fenster in den nebelverhangenen Tag. Sie hielt die Vorladung vom Gericht in der Unfallsache Schumann in der Hand, die sie im Briefkasten gefunden hatte. Es war eindeutig bewiesen, dass sie an dem Unfall keine Schuld trug, nicht einmal eine Teilschuld konnte ihr vorgeworfen werden. Doch was nützte ihr das? Ihre Lebensplanung war im Eimer, ihre Zukunft ungewiss. Seit gestern hatte sie es amtlich. Sie galt als schwerbehindert im Sinne des Gesetzes. Der Ausweis flimmerte ihr vom Tisch entgegen, das Foto zeigte sie in glücklicheren Zeiten, die Brille gab es nicht mehr, sie hatte den Crash nicht überstanden. Dieses Papier machte sie zur Außenseiterin der Gesellschaft. Schwerbehindert war gleich blöd, so war es in vielen Köpfen verankert. Sie fühlte sich bei ihren Freunden nicht mehr wohl. Bevor sie in die Reha fuhr, hatten diese sie zum Kegeln abgeholt. Das Lachen und die Ausgelassenheit der anderen hatten ihre Einsamkeit verstärkt. Nie wieder wollte sie sich dieser Situation aussetzen. Die Distanz zu ihrem alten Leben wurde ständig größer. Das Gefühl der Ausgrenzung hinterließ einen bitteren Geschmack in ihrem Mund. Die Gedanken daran versetzten ihrem Herzen einen schmerzhaften Stich. Sie dachte an die zurückliegenden Monate voll Qual, Ungewissheit und Zukunftsangst. Noch immer konnte sie nicht richtig laufen und die nächste Operation sollte in zwei Wochen stattfinden, erneut mit ungewissem Ausgang.
   Von David hatte sie nichts mehr gehört. Sie bedauerte es nicht, konnte sich nicht einmal in ihren Träumen vorstellen, mit einem Mann zusammen zu sein. Ihre Tage waren geprägt von Schmerzen, Einsamkeit und der ständigen Herausforderung, ihren Alltag zu bewältigen. Die regelmäßigen Telefonate mit ihrer besten Freundin Sam waren die einzigen Lichtblicke.
   Ein Knopfdruck auf dem schnurlosen Telefon und die Reihe elektronischer Laute signalisierten ihr den Wählvorgang. Das Freizeichen ertönte am anderen Ende der Leitung.
   »Bogner.«
   »Hi Sam, ich bins.« Ausgerechnet jetzt juckte eine der vielen Narben und sie musste sich kratzen. »Am zweiundzwanzigsten Februar ist die Gerichtsverhandlung.«
   »Lass mal sehen.« Es raschelte am anderen Ende der Leitung. »Das ist ein Mittwoch, mein freier Tag. Möchtest du, dass ich komme?«
   »Das würdest du tun?« Sie musste blinzeln, eine Träne stahl sich davon und rollte über ihre Wange.
   »Sicher, ich will dem Arschloch ins Gesicht sehen, der dir das angetan hat.«
   Kathi schluckte weitere Tränen hinunter. »Sam, das rechne ich dir hoch an. Ich hab keinen blassen Schimmer, wer der Idiot ist. Ein Name sagt ja nicht viel. Hoffentlich gibt es Zeugen. Meinst du, er erhält seine gerechte Strafe? Ach, Scheiße, ich mag nicht darüber nachdenken und ich bin froh, wenn du kommst. Dann steh ich nicht so allein da. Ich bin nur als Zeugin geladen, weißt du? Mein Anwalt meint, ich soll auf eine Nebenklage verzichten, dann haben wir bessere Chancen in der Schadensabwicklung. Nie im Leben wollte ich mich mit so einem Mist befassen.«
   »Da bleibt dir jetzt aber nichts anderes übrig, und wenn ich dir beistehen kann, dann bin ich da.«
   »Du bist ein Schatz und ich danke dir für deine Freundschaft.«
   »Ist doch klar. Und sonst? Wie geht es dir?«
   »Besch… ich sitz auf einem Berg, einsam und allein, weit und breit keine Hilfe in Sicht. In zwei Wochen muss ich wieder ins Krankenhaus. Das Metall wird aus dem linken Fuß entfernt.« Sie legte das Blatt auf den Tisch und rutschte auf dem Stuhl hin und her. Kaum noch Muskeln. Sie hatte das Gefühl, auf dem Steißbein zu sitzen. Die Schmerzen machten sie unruhig, sie wollte das Gespräch beenden. »Alles fängt wieder von vorn an. Wochenlang keine Belastung, dann mit geringem Gewicht, jede Woche Krankengymnastik und viel, viel Langeweile.«
   »Würdest du dir zutrauen, mit dem Zug zu fahren?«
   »Hab ich noch nicht drüber nachgedacht, aber mit Rucksack geht’s wohl.«
   »Was hältst du davon, wenn wir Weihnachten und Sylvester zusammen verbringen? Seit ich meinen Ex in die Wüste geschickt habe, bin ich allein und auf eine neue Beziehung hab ich keine Lust. Wir könnten über alte Zeiten reden und Pläne für die Zukunft schmieden.«
   »Ja, wow, das ist wundervoll. Du hast soeben ein Strahlen in meine Düsternis gebracht. Süße, deine Idee ist fabelhaft. Ich werde gleich im Internet nach einem Zug sehen. Danke.« Ihre Stimme klang belegt. »Du bist mal wieder mein rettender Engel.«
   »Nee, ich bin egoistisch, ich will nämlich nicht allein hier sitzen und möglicherweise das heulende Elend kriegen, wenn alle anderen Party machen.«
   »Ich melde mich, wenn ich was Neues weiß. Tschau, tschau.« Sie legte auf, stieß einen Jubelschrei aus. Endlich konnte sie sich auf etwas freuen.

*

Halb acht. Sie musste sich sputen, in weniger als zehn Minuten würde das Taxi vor der Tür stehen. Sie packte ihren Kulturbeutel in den Rucksack und schlüpfte in die Daunenjacke. Sie hörte die Türglocke gedämpft durch die Wohnungstür.
   Wie sie es gelernt hatte, nahm sie die linke Gehstütze zusätzlich in die rechte Hand, hielt sich am Geländer fest und ging langsam und konzentriert die Treppe hinunter. Kalter Dezemberwind blies ihr draußen ins Gesicht. Im Stillen dankte sie ihren Nachbarn, dass sie für den eisfreien Gehweg gesorgt hatten. Den Taxifahrer kannte sie schon, oft hatte er sie in den vergangenen Wochen in die Stadt gefahren oder zum Birkenfelder Krankenhaus gebracht.
   »Wo soll es heute hingehen, Frau Schumann?«
   »Zum Bahnhof, Herr Weber, ich fahre nach Münster.«
   »Ach, dann nehmen Sie den acht Uhr Zug nach Koblenz? Dort müssen Sie sich aber beeilen. Der IC-Anschluss ist ziemlich knapp bemessen. Da hab ich als Gesunder schon Probleme, bin immer im letzten Moment zur Stelle und mein Schnaufen würde einer rostigen Dampflok alle Ehre machen.« Er lachte, öffnete die Beifahrertür und nahm ihr den Rucksack ab.
   »Ich hab beim Fahrkartenkauf gleich einen Zug später gewählt. Ich muss in Koblenz nicht nur auf einen anderen Bahnsteig, ich muss zu allem Übel auch noch Treppen steigen. Nicht mal ein Aufzug ist dort. Mit den Dingern in der Hand brauch ich einfach mehr Zeit für die Stufen.« Sie setzte sich, hob die Füße ins Auto, legte die Stützen neben den Sitz und zog die Autotür zu. Mittlerweile machte es ihr nichts mehr aus, vorn zu sitzen. »Wenigstens soll der Kaffee in der Bahnhofsgaststätte gut schmecken, hab ich gehört. Den werd ich dann mal testen.«
   Klaus Weber schlug die Fahrertür zu, schaltete das Taxameter ein und drehte den Zündschlüssel. Mit klingelndem Nageln sprang der Diesel an und schob sich knirschend über die gefrorenen Schneeränder auf die nur mäßig geräumte Fahrbahn. Mit gedrosselter Geschwindigkeit lenkte der Taxifahrer seinen rasselnden Mercedes die Göttschieder Straße hinunter, bog nach links zur Naheüberbauung ab, passierte die imposante Diamantenbörse, in der zweimal im Jahr kostbare Edelsteine den Besitzer wechselten, und erreichte kurze Zeit später den etwas heruntergekommen wirkenden Bahnhof.
   Kathi zahlte, kletterte aus dem Wagen und schlüpfte in die Rucksackgurte, die Klaus Weber ihr hilfreich entgegenhielt. Bei ihm hatte sie nie das Gefühl, dass er ihr aus Mitleid half.
   »Ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr, Frau Schumann«, wünschte er, verbeugte sich wie ein Kavalier und lächelte sie an.
   »Vielen Dank, Herr Weber.« Sie zögerte, dann verzog sie ihren Mund zu einem Grinsen. »Darf ich Ihre Dienste am fünften Januar in Anspruch nehmen? Mein Zug kommt um 17:35 Uhr an diesem gottverlassenen Bahnhof an.«
   »Sehr gern, gnädige Frau, ich freue mich, Sie wiederzusehen.« Er winkte, stieg in sein Taxi und das Freizeichen leuchtete auf.
   Kathi konzentrierte sich auf ihren Weg, damit sie nicht stolperte, stieß mit einer Krücke die Tür auf und betrat das dämmrig muffige Gebäude. Die Zeit nagte am Verputz und stellenweise traten die Fugen als einziger Schmuck auf den grauen Wänden hervor. Sie musste nicht suchen, es gab nur ein Gleis. Trotz der winterlichen Witterung und der heftigen Schneefälle der vergangenen Tage lief der Nahverkehrszug pünktlich ein. Unmittelbar vor ihr wurde die Tür von innen geöffnet, ein junger Mann sprang die Stufen hinab und stürmte an ihr vorbei, seine Reisetasche stieß gegen ihre Gehstütze. Sie strauchelte, fing sich mit dem linken Fuß ab, der zum ersten Mal seit mehreren Wochen ihr Körpergewicht tragen musste, stieß die Stütze fest auf den Boden und konnte sich fangen, bevor ihr der Schreck durch die Glieder fuhr.
   »Idiot!«, brüllte sie hinter ihm her, doch der rücksichtslose Kerl war schon verschwunden. Wenigstens brauch ich mich mit der Tür nicht zu quälen. Mühsam erklomm sie den schmalen, hohen Einstieg.
   Während der Zug durch das Nahetal rollte und sie das Gefühl hatte, er würde an jeder Milchkanne anhalten, ließ sie ihren Gedanken freien Lauf. Die bevorstehende Operation beunruhigte sie nicht, sie erhoffte sich ebenso wie die Ärzte eine bessere Beweglichkeit für ihren Fuß. Schwerer im Magen lag ihr die Gerichtsverhandlung, die in wenigen Wochen auf sie zukam. Welche Strafe würde der Unfallverursacher bekommen? Und könnte eine Strafe wirklich angemessen sein?
   »Die Fahrkarten, bitte«, unterbrach der Schaffner sie in ihren Überlegungen und sie war froh darum. »Wieso haben Sie in Koblenz nicht den direkten Anschlusszug genommen? Das wäre preiswerter gewesen und Sie hätten eine Stunde gespart.«
   »Hätte die Deutsche Bahn einen Aufzug zu den Bahnsteigen eingebaut oder zumindest Lauftreppen, dann hätte sogar ich den Hauch einer Chance, den Anschluss zu bekommen.« Sie wies auf ihre Gehstützen und steckte die Fahrkarte ein, die der Schaffner ihr wortlos reichte. Er tippte an seine Mütze und schob die Abteiltür hinter sich zu. »Ihnen auch frohe Weihnachten.«

Sie musste gestehen, der Kaffee im Koblenzer Bahnhofsrestaurant schmeckte wirklich so gut, dass sie sich noch eine zweite Tasse gegönnt hatte. Dann war es mit den Lobpreisungen auf den Bahnhof aber auch schon vorbei. Zwar hatte sich die Stadt die Mühe gemacht, passend zum Jubiläum den Bahnhofsvorplatz zu verschönern, aber leider hatte sich die Bahn nicht davon animieren lassen, auch im Gebäude, geschweige denn an den Zugängen zu den Bahnsteigen etwas zu tun. Sie hatte Stufe für Stufe der langen Treppe erklommen und stand gefühlte Stunden später erhitzt auf dem zugigen Bahnsteig in der Dezemberkälte. Reisende mit großen Koffern und bunten Geschenktüten erschwerten ihr Durchkommen. Sie war froh, dass sie eine Platzkarte genommen hatte. Auf dem Zugstandsanzeiger suchte sie die Wagennummer und stellte sich in den passenden Abschnitt. Wie eine Waffe umklammerte sie ihre Stützen und legte das ganze Gewicht in ihre Hände.
   Noch drei Minuten.
   »Auf Gleis vier fährt ein der Intercity von Frankfurt am Main zur Weiterfahrt nach Hamburg-Altona über Köln, Münster, Osnabrück, Bremen. Die Wagen der ersten Klasse befinden sich im Abschnitt E. Bitte beachten Sie, dass die Zugnummerierung in umgekehrter Reihenfolge verläuft. Vorsicht bei der Einfahrt.«
   »Na klasse!« Kathi schimpfte. »Wagen zehn, Platz sechsundneunzig.« Sie wiederholte die Nummern wie ein Mantra und konzentrierte sich auf die Wagennummern des einrollenden Zuges.
   Die Zehn verschwand aus ihrem Blickfeld, dann die Elf, die Zwölf und erst, als die Vierzehn vorbeirauschte, hielt der Zug mit kreischenden Bremsen.
   Erst einmal rein, dann such ich mir meinen Platz.
   Eine Tür öffnete sich mit leisem Zischen, Reisende mit schwerem Gepäck stiegen aus, die Schlange schien kein Ende zu nehmen. Geduldig wartete sie, spürte die zunehmende Menge in ihrem Rücken. Kofferscharren, Abschiedsworte, Gelächter, quengelnde Kinderstimmen. Fest stemmte sie sich auf ihre Stützen, balancierte ihren Körper aus, hielt das Gleichgewicht. Der letzte Passagier war ausgestiegen. Sie ging auf die Eisentritte, die hoch über dem Boden lagen zu, zog sich abstützend auf den unteren Tritt, machte den nächsten Schritt und stellte sich an die gegenüberliegende Tür. Hier wollte sie abwarten, bis alle eingestiegen und in den angrenzenden Gängen verschwunden waren. Zwar war das Laufen im fahrenden Zug unangenehm, doch sie hatte keine Wahl. Erst, als der Intercity aus dem Bahnhof gerollt war, die vielen Weichen passiert hatte und auf freier Strecke fuhr, suchte sie ihren Sitzplatz auf. Ein freundlicher Fahrgast legte ihren Rucksack auf die Gepäckablage. Erschöpft lehnte sie sich zurück, zog die Stöpsel aus der Tasche und lauschte der Musik von Tanita Tikaram.
   »Da bist du ja!«
   »Hi Sam, es tut gut, dich zu sehen.«
   »Kann ich dir deinen Rucksack abnehmen?«
   »Lass nur, das geht schon. Bring mich nur heil durch diese verrückte Menge.«
   »Ist es nicht besser, ich gehe auf der Treppe hinter dir?«
   »Ja, du hast recht.«
   Schlimm genug, dass auch auf Münsters Bahnsteigen die Gehwegplatten durch Frostschäden wackelten, noch schlimmer, dass die Treppenstufen nass und rutschig waren und dichtes Gedränge herrschte.
   »Wo hast du geparkt?« Sie verschnaufte auf einem Treppenabsatz.
   Sam stand eine Stufe höher, und wie ein tosender Fluss sich seinen Weg durch das Bett sucht, sich vor Hindernissen teilt, sie umspült und hinter ihnen wieder zusammenfließt, wurden sie von den Reisenden umringt. Koffer schlugen auf den Granit der Stufen, die Masse drängte, vielsprachiges Stimmengewirr rauschte in ihren Ohren.
   »Am Ostausgang.«
   Zehn Stufen später wandte sie sich nach rechts, hielt sich dicht an der Wand, um von dem Menschenstrom, der sich durch den engen Tunnel schob, nicht mitgerissen zu werden. Rücksichtslos wurde gerempelt und gestoßen, alle eilten einer Treppe oder den Ausgängen zu.
   Kathi fühlte den Schweiß an ihrem Rücken hinunterlaufen. Es war nicht die Hitze, es war Angst, kalt und klebrig. Ihre Blicke suchten nach einem Weg, ihre Fingerknochen hoben sich schneeweiß von den rot gefrorenen Händen ab. Ihr Atem dampfte weiß in der zugigen Luft. Je näher sie dem Ausgang kamen, desto mehr lichtete sich die Menge.
   Die meisten waren zum Haupteingang unterwegs gewesen oder waren nach rechts zu anderen Gleisen abgebogen. Sam ging an ihr vorbei und hielt ihr die Tür auf. Graue Dezemberluft strömte ihr entgegen.
   »Warte hier, ich hol schnell das Auto.«

Sie hatten glückliche Tage verlebt. Sam hatte sie genommen, wie sie war, und gemeinsam hatten sie in ihren Erinnerungen geschwelgt. Gemütlich und ohne viel Aufhebens hatten sie zum Jahreswechsel mit einem Glas Sekt angestoßen und auf gute Vorsätze verzichtet. Sam, weil sie von Männern die Schnauze voll, und Kathi, weil sie keine Vorstellung von ihrer Zukunft hatte. Einziger Trost in ihrem Dilemma war die Tatsache, dass es das Schicksal zumindest aus finanzieller Sicht gut mit ihr meinte, ihr aufgrund der Tatsache, dass es sich um einen Arbeitsunfall handelte, eine Unfallrente zustand. Dann hörte die Gnade aber auch schon auf. Mit ihren ramponierten Knochen, den verschandelten Beinen und dem Ausschluss aus der Gesellschaft musste sie selbst klarkommen, da halfen ihr weder die Euros der Solidargemeinschaft noch das Sozialgesetzbuch. Weder wusste sie, wann sie wieder arbeiten konnte, noch ob sie ihren Arbeitsplatz würde so ausfüllen können wie vor dem Unfall. Egal, sie wollte sich jetzt noch keine Gedanken darüber machen, da als Nächstes eine OP auf dem Plan stand.
   Die Tage waren wie im Flug vergangen. Unerbittlich rollte sie im Zug ihrem tristen Alltag entgegen. In Koblenz kaufte sie sich eine Tageszeitung. Außer einem großen Bericht, wie viel Millionen in der Silvesternacht in die Luft verpulvert worden waren, stand nichts Aufsehenerregendes in dem Käseblatt und sie widmete sich der beigelegten Fernsehzeitung, mehr aus Langeweile als aus Interesse. Sie las den Kurzkrimi und wusste schon nach einem Drittel, wer der Täter war, blätterte das Programm durch, stellte fest, dass es außer Wiederholungen bis zur letzten Seite vor der Heftmitte nichts Aufregendes gab, und schlug erwartungsvoll die Panoramaseite auf. Das war’s! Sie jubelte innerlich. Vor ihr aufgeschlagen lag ihr Traum. Menschen lächelten sie an, Tiere blickten neugierig, die Landschaft breitete sich geheimnisvoll aus und mitten hindurch fuhr ein Zug. Traumzugreise durch Südafrika, die Buchstaben tanzten vor ihren Augen und sie überflog blitzschnell die Reiseziele, vertiefte sich in den Artikel, las die Angebote für eine Verlängerung, dann die Reisetermine und wusste, noch bevor sie auf den Preis geblickt hatte, dass sie diese Reise buchen würde. Gleich morgen musste sie in Berlin anrufen. Nichts und niemand bringt mich davon ab, schwor sie, kreuzte die Finger und spürte, wie es in ihrem Inneren prickelte. Langsam ging sie die Ziele noch einmal durch. Pretoria, Krüger-Nationalpark, Kapstadt, Kap der Guten Hoffnung, Walfischbay, Windhuk, Sossusflei, Namibwüste, Johannesburg, Chobe-Nationalpark, Victoriafälle, wie Musik klangen die fremden Städte und Namen, und die Vorfreude nahm zu. Schon vor ein paar Jahren hatte sie nach Afrika fliegen wollen, doch immer wieder hatte sie ihr Vorhaben aufgeben müssen. Stress im Job, ein Freund, der sich für das Land nicht interessierte, oder ihre Eltern, die meinten, ein Familienurlaub wäre wichtiger. Dieser Gedanke versetzte ihr einen Stich, doch sie schob die Erinnerung an den gemeinsamen Urlaub beiseite, der in einer Katastrophe geendet hatte.
   Sie spürte die Kälte nicht, als sie in Idar-Oberstein aus dem Zug stieg, das Bahnhofsgebäude durchquerte, mit der Stütze die Tür aufstieß und auf den Vorplatz trat.
   »Alles Gute zum neuen Jahr, Frau Schumann.«
   Erstaunt blickte Kathi zu Herrn Weber, der ihr grinsend die Tür seines Diesels aufhielt.
   »Danke, das wünsche ich Ihnen auch.« Sie übergab ihm ihren Rucksack und stieg ein. »Dass Sie mich nicht vergessen haben.«
   »Aufträge vergesse ich nie.« Der Taxifahrer blinzelte ihr zu. »Hatten Sie ein paar schöne Tage?«
   »Hm.« Sie war in Gedanken schon zu Hause, konnte es gar nicht abwarten.
   »Na, sehr gesprächig sind Sie ja nicht. Alles in Ordnung?«
   »Hm, ja.«
   Schweigend fuhren sie durch die triste Winterlandschaft, schmutzig graue Schneeklumpen säumten die Straßenränder. Erst, als das Taxi knirschend im gefrorenen Schnee anhielt und Herr Weber ihr den Fahrpreis nannte, reagierte Kathi. Sie streckte ihm einen Zehneuroschein hin und murmelte ein »Stimmt so«, öffnete die Tür und stieg aus. Herr Weber reichte ihr den Rucksack. »Wie immer am Montag um acht?«
   »Wie immer.« Kathi stützte sich auf ihre Stöcke. »Schönes Wochenende.« Schnurstracks ging sie den Gehsteig entlang und drückte die Haustür hinter sich ins Schloss.
   Sie drehte die Heizung auf und kochte eine Kanne Tee. Auf ihrem Hocker sitzend brachte sie Teekanne und Tasse, indem sie sich mit dem rechten Fuß vom Boden abstieß und rückwärts rollte, von der Küche ins Büro. Dort schaltete sie ihren PC ein, wärmte sich die Hände an der heißen Teetasse und wartete, dass das Betriebssystem endlich geladen wurde. Sofort rief sie den Internetbrowser auf, gab die Webseite aus der Fernsehzeitung ein und wartete, dass sich die Homepage des Reiseveranstalters öffnete. Hinreißende Bilder der Big Five, von Giraffen, Zebras, Warzenschweinen und Gnus verführten sie zum Träumen. Landschaftsbilder in atemberaubenden Farben, flammende Sonnenuntergänge und smaragdgrüne Ozeanwellen weckten eine ungeahnte Sehnsucht. Sie riss sich nach einer Weile von den Bildern los und studierte aufmerksam die Reisebeschreibung, den Verlauf und die Ausstattung vor allem des Zuges. Immer wieder, so hieß es in der Beschreibung, würde die Zugfahrt durch Busfahrten unterbrochen, die die Reiseteilnehmer nach einem Ausflugsprogramm in komfortable Hotels oder Lodges bringen würden. Das kam ihr sehr entgegen. Egal, wie die sanitären Anlagen im Zug waren, sie hätte jeden zweiten, spätestens jeden dritten Tag die Möglichkeit zu duschen. Konnte sie sich diese Reise zutrauen? Bis zum sechsten April wären es noch drei Monate.
   »Das schaffe ich.« Kathi nickte sich im spiegelnden Bildschirm ihres Computers zur Bestätigung zu. Zufrieden ging sie schlafen und träumte von den Weiten Afrikas, einem Sonnenuntergang in der Savanne und dem Sternenhimmel über der Namibwüste, ihre Fantasie machte diese Bilder möglich, obschon sie noch nie dort gewesen war.

»Ich möchte die Diamant-Zugreise, Abflug sechster April buchen.« Kathi war vor ein paar Minuten aus Birkenfeld gekommen, hatte ihre Jacke an der Wohnungstür achtlos fallen gelassen und mit eiskalten Fingern die Berliner Nummer gewählt. »Und die Verlängerungswoche Chobe-Nationalpark und Victoriafälle. Ist noch ein Platz frei?« Ihr Herz klopfte im Hals und sie schickte ein Stoßgebet zum Himmel.
   »Da haben Sie aber Glück, Frau …«
   »Schumann, Kathi Schumann.«
   »Es gibt nur noch wenige Plätze und ich reserviere einen für Sie, Frau Schumann.«
   »Nicht reservieren, ich möchte fest buchen.«
   »Ja, natürlich, das ist für uns das Gleiche. Möchten Sie ein Einzel- oder ein Doppelabteil?«
   »Für den Zug hätte ich gern ein Einzelabteil, in den Hotels spielt es keine Rolle, da teile ich auch gern ein Doppelzimmer.« Aus ihrer Krankenhauszeit war sie einiges gewohnt, doch das Zugabteil erschien ihr nach der Beschreibung für zwei Personen, die sich nicht kennen, doch zu klein und zu eng. »Das ist doch möglich?«
   »Augenblick, ich sehe schnell nach.«
   Minuten verstrichen. Auf dem neben ihr liegenden Blatt entstanden Kringel, Dreiecke und Buchstaben, die sich auf der einst blütenweißen Fläche verteilten. Nach und nach tauchte ein Schriftzug auf und sie musste sich das Lachen verkneifen, als sie das Ergebnis ihrer Fantasie entzifferte: Hakuna Matata. Bevor sie auflachen konnte, meldete sich die Telefonstimme, bestätigte ihre Wünsche, erkundigte sich nach ihrer Anschrift und der Telefonnummer. »Wir schicken Ihnen in den nächsten Tagen die Reiseunterlagen und weitere Informationen zu. Das Ticket erhalten Sie spätestens zwei Wochen vor dem Abflug. Wenn Sie Fragen haben, rufen Sie uns während der Öffnungszeiten an oder schicken Sie uns eine E-Mail. Vielen Dank und ich wünsche Ihnen jetzt schon eine gute Reise.«
   »Danke.« Sie legte auf und lehnte sich entspannt zurück.

*

»Wir müssen das Metall im linken Fuß entfernen, Frau Schumann.« Dr. P. J. strich behutsam über die vernarbte Haut, blickte prüfend auf die Röntgenbilder und zeigte auf eine kleine Wölbung. »An dieser Stelle reibt der Stift und verursacht die Schmerzen. Und dieser Kamerad würde scheinbar am liebsten durch die Haut stoßen. Ich kann seine Konturen fühlen. Die Platte kann auch entfernt werden, der Bruch ist verheilt. Wann sollen wir den Eingriff vornehmen?«
   »Von mir aus noch diese Woche.«
   »Warum so eilig?« Dr. Nangari blickte in seinen PC, klickte mehrmals geräuschvoll mit der Maus und nickte. »Heute Morgen wurde ein Patient verlegt, der am Donnerstag operiert werden sollte. Vom Zeitplan passt es, sie könnten diesen Termin haben.« Sie nickte. »Kommen Sie Mittwochvormittag, dann können wir alle notwendigen Vorbereitungen für die OP treffen.«
   »Und danach?« Sie schabte mit den Stützen über den Boden, traute sich nicht, Dr. P. J. anzublicken. »Wie geht es dann weiter?«
   »Zwölf Tage dürfen Sie den Fuß nicht belasten. Das kennen Sie ja schon. Wenn die Fäden gezogen sind, geht es erfahrungsgemäß schneller, bis die volle Belastung wieder möglich ist, der Knochen ist stabil.« Dr. P. J. zählte auf seinem Tischkalender die Wochen ab. »Etwa Mitte März.«
   »Das passt gut.« Sie dachte nach, früher oder später kam sie um die Frage doch nicht herum, warum nicht jetzt. »Wann kann ich wieder arbeiten?«
   »Gibt es Probleme mit Ihrem Arbeitgeber?«
   »Das weiß ich nicht, aber …«, sie hatte plötzlich Angst, Dr. P. J. könnte ihr alle Illusionen nehmen. »… ich habe eine Reise gebucht.«
   Es blieb still. Ihre Spannung stieg, sie spürte, wie es in dem Oberarzt arbeitete. Seine Stirn war plötzlich von Falten überzogen, er blätterte in ihrer Akte, blickte sie dann freundlich an. »Wohin soll es gehen?«
   »Nach Südafrika«, sie zögerte, sah, dass Dr. P. J. lächelte, und wurde mutiger. »Namibia, Simbabwe und Botswana.«
   »Ist das nicht ein bisschen viel auf einmal?« Skeptisch zog er eine imaginäre Linie durch die Luft. »Vier Länder. In welcher Zeit?«
   »Mehr als vier Wochen.« Sie zeigte ihm die Panoramaseite aus dem Fernsehmagazin und erzählte, dass sie die Reise bereits gebucht hatte.
   »Nun, ich würde vorschlagen, dass Sie vor diesem Urlaub noch einmal eine Reha-Maßnahme durchführen. Dann sollten wir uns mit dem Arbeitgeber über eine Wiedereingliederung unterhalten. Ich befürchte …«, der Arzt machte eine Pause und sie glaubte, eine Welt würde zusammenbrechen, Ohnmacht erfasste sie und die Gewissheit, dass immer noch andere Menschen über ihr Leben bestimmten, ob ihr das nun passte oder nicht, »… Sie müssen Ihren Jahresurlaub dafür opfern.«
   Was hatte Dr. P. J. gesagt? Sie müsse … hatte sie wirklich richtig gehört? »Sie meinen, ich darf, ich meine, Sie haben nichts dagegen, dass ich fahre?«
   »Ich glaube, das wird Ihnen guttun.«
   Sie wäre am liebsten um den Schreibtisch gerannt und hätte Dr. P. J. in die Arme genommen und ihm einen dicken Kuss gegeben. Aber das ging ja nicht. Wegen der Gehstützen und wegen des Anstands. Sie lachte befreit und der Oberarzt stimmte ein.
   »Dr. P. J., ich liebe Sie.« Sie stand auf, lächelte und verließ das Büro. »Bis Mittwoch.«
   Als sie die Tür schloss, hörte sie den Oberarzt pfeifen. Sofort erkannte sie die Melodie: Don’t worry, be happy. Summend verließ sie das Krankenhaus und ließ sich von Herrn Weber nach Hause fahren.

*

Sie vermochte nicht zu sagen, ob sie Erleichterung verspürte, zu groß war der Wundschmerz. Immerhin zierten keine neuen Narben ihren Fuß, sondern der Arzt hatte entlang der älteren Narben geschnitten. Auf ihre Bitte hatte Dr. P. J. das Metall für sie in eine Plastiktüte mit Zippverschluss gepackt. Wieder betrachtete sie die glänzende Titanplatte mit den länglichen Löchern, die drei etwa vier Zentimeter langen Edelstahlschrauben und die zwei gebogenen Drahtstifte, die sich nur durch den fehlenden Widerhaken von einem Angelhaken unterschieden. Die Titanplatte würde sich gut als Schlüsselanhänger machen und wär mit Sicherheit auffälliger als bei einem Mantafahrer der Fuchsschwanz. Die Erklärung, dass mit diesem Metall die Knochen in ihrem Fuß verschraubt worden waren, war ebenfalls spektakulärer als die Wühlkiste vom Flohmarkt, aus dessen Tiefen das Fellstück wahrscheinlich ausgegraben worden wäre, weil sich nur noch Freaks dafür interessierten.
   Dr. P. J. war mit dem Verlauf der OP zufrieden, aber sie müsse jetzt Geduld haben. Dabei bemühte sie sich seit Monaten um nichts anderes.
   Leider war ihr Chef nicht so nachsichtig und nach ihrem letzten Gespräch, in dem sie ihre Rückkehr in Aussicht und einen Antrag auf ihren Jahresurlaub gestellt hatte, war ihr sein nörgelnder Unterton nicht verborgen geblieben.
   Ebenso wenig die spitze Bemerkung, dass »Herr Bauer als ihr Vertreter eine hervorragende Arbeit leiste«.
   Sie war sauer und enttäuscht.
   Sie hatte alles für die Firma getan, ihr Privatleben geopfert, Überstunden gemacht, am Wochenende zu Hause gearbeitet und immer wieder ihren Urlaub verschoben. Dieser bescheuerte Unfall war dann ausgerechnet auf dem Weg zur Arbeit passiert. Das hatte sie sich weiß Gott nicht ausgesucht, erwies sich aber im Nachhinein als großes Glück, wenn in diesem Fall überhaupt von einem Glück gesprochen werden konnte. Jetzt wurde sie obendrein dafür bestraft, weil sie mit ihren orthopädischen Schuhen unattraktiv und daher als Repräsentantin für das Unternehmen nicht mehr tragbar war. Dem Bauer hatte sowieso nicht gepasst, dass sie ihm vor die Nase gesetzt worden war. Ausgerechnet eine Frau und viel jünger als er. Aber sie verfügte nun einmal über die bessere Ausbildung, da half ihm auch seine Berufserfahrung nicht weiter. Dem Bauer war ihr Unfall sicher gelegen gekommen, er hatte unter Garantie jede Gelegenheit genutzt, sich einzuschleimen. Beim Chef und bei ihren Kunden den besorgten Kollegen spielen und den Erfolg ernten, den sie in mühseliger Kleinarbeit und mit viel Herzblut vorbereitet hatte. Übernahm Bauer ihren Job, dann musste sie auf seinem Schreibtischstuhl versauern. Dann wäre es vorbei mit dem Firmenwagen, den Reisen nach München, Regensburg, Stuttgart oder an den Bodensee, vorbei mit Kultur, Wanderungen im Gebirge an den Wochenenden, vorbei mit schicken Restaurants und Geschäftsessen mit potenziellen Kunden. Dann würde sie im Hunsrück versauern. Je länger sie darüber nachdachte, desto größer wurde ihr Frust, desto bewusster wurde sie sich ihrer Außenseiterrolle und desto klarer sah sie sich nicht mehr als Repräsentantin einer renommierten Kosmetikfirma. Weder in Birkenfeld noch in irgendeiner anderen Stadt. Und nun? Sie grübelte, trudelte in ein riesiges schwarzes Loch, das sie zu verschlingen drohte, als die schrillende Klingel in ihr Bewusstsein drang. Sie schreckte auf, griff ihre Stützen, die links und rechts neben ihrem Stuhl lagen, und humpelte zur Tür.
   Der Postbote klemmte ihr einen dicken Briefumschlag unter den Arm. Sie setzte sich an den Esstisch. In fetter blauer Schrift war das Logo des Reiseveranstalters aufgedruckt. Erwartungsvoll öffnete sie das Kuvert. Anschreiben, Reisegutschein, Reiseverlauf, Kofferanhänger und eine etwa vierzigseitige Broschüre Informationen zu Ihrer Südafrikareise kamen zum Vorschein. Aufgeregt sortierte sie die Papiere und las. Der Alltag war vergessen, die Probleme verdrängt, abgelöst von Neugier und steigendem Reisefieber.

*

»Die sind doch bescheuert.« Aufgebracht schimpfte sie am Telefon. »Die haben einfach den Gerichtstermin um zwei Tage verschoben.« Sie ballte ihre Hand zur Faust. »Sam? Bist du noch dran? Entschuldige, dass ich meine Wut an dir auslasse, aber ich schätze, dass du nun doch nicht kommen kannst. Oder?«
   »Das heißt also, die Verhandlung findet an einem Freitag statt? Sorry, meine Liebe, aber das geht gar nicht. Vor dem Wochenende ist bei uns immer die Hölle los. Mein Chef geht mir an die Gurgel oder droht mit Kündigung, wenn ich ihm so kurzfristig mit einem Sondertag komme.«
   »Hab mir schon so was gedacht. Mist!«
   »Ich denke an dich, dann ist das beinahe so, als wär ich da.«
   »Netter Versuch. Aber du hast recht, ich schaff das auch allein. Trotzdem danke.« Nachdem sie ihrer Wut Luft verschafft hatte, erzählte sie ihrer Freundin von der bevorstehenden Reise. Sie wusste, dass Sam ihr diesen Urlaub von Herzen gönnte und da sie schon einmal in Afrika gewesen war, konnte sie ihr noch ein paar nützliche Tipps geben. »Schade, dass wir uns vorher nicht mehr sehen, aber am Montag nach der Verhandlung fahre ich zur Reha nach Usedom.«
   »Willst du auch noch mal arbeiten? So einfach, wie sich das anhört, kann es ja nicht sein, oder täusche ich mich?«
   »Ne, es ist nicht einfach. Ich habe einen tierischen Horror vor meiner Arbeit. Da ist was im Busch, glaub mir. Ich bin mir zwar noch nicht sicher, wo das Schiff hinfährt, aber mir schwant so was, dass ich meinen Posten los bin. Den hat sich der Bauer, dieser Schleimi, unter den Nagel gerissen, da geh ich jede Wette ein.«
   »Nun mach einen Schritt nach dem anderen. Melde dich auf jeden Fall nach dem Termin. Ich will wissen, wie es ausgegangen ist.«
   »Kannst dich drauf verlassen.«

*

Sie trug eine neue Jeans, die etwas weiter ausgestellt war und etwas länger ihre orthopädischen Schuhe verdeckte, dazu einen dunkelblauen Mohairpulli über einer weißen Bluse. Ihre Gucci-Handtasche wirkte zu den Gehstützen wie eine teure Lederausstattung in einem Käfer. Ihr ungebändigtes Haar umschmeichelte ihr Gesicht, kaschierte die feinen Falten, die sich in den vergangenen Monaten an ihren Augen gebildet hatten und die nicht vom Lachen kamen sowie die harten Züge, die sich um ihren Mund eingegraben hatten. Ihre Jacke hatte sie einem Gerichtsdiener gegeben.
   Angespannt blickte sie aus dem Fenster des Amtsgerichts und beobachtete die vorbeifahrenden Wagen. Ein schnittiger Sportwagen scherte mit quietschenden Reifen aus der Blechschlange aus und der Fahrer trat auf dem Parkstreifen vor dem Gebäude so in die Eisen, dass es praktisch keinen Bremsweg gab. Die quietschgelbe Farbe des Wagens hatte ihren Blick gefesselt und das durch die Scheibe gedämpfte Dröhnen, als der Fahrer ein letztes Mal den Motor aufheulen ließ, hatte ihre Neugier geweckt.
   Was ist das für ein Angeber? Moment mal, wer steigt da aus? Das ist doch nicht, nein, das kann nicht sein.
   Sie starrte entsetzt nach unten, wartete, bis sich der Beifahrer aufrichtete. Wie ein Kavalier der alten Schule öffnete er die hintere Tür und dem Wageninneren entstieg eine langbeinige Blondine. Galant reichte er ihr die Hand, damit sie auf ihren High Heels nicht ins Stolpern geriet. Dann drehten sich beide lachend zum Gerichtsgebäude um und Kathi stockte der Atem. David, ihr David, ihr Traummann. Stopp! Das war einmal. Er hatte sie verlassen. Was machte dieser Scheißkerl hier? Bestimmt gab es in einem der vielen anderen Gerichtssäle zeitgleich andere Verhandlungen. Sie achtete nicht darauf, wer noch aus dem Fahrzeug stieg, wollte sich nur verstecken. Sie legte keinen Wert auf eine Begegnung. Sie hörte Gelächter im Treppenhaus, bog um die Ecke und lehnte sich an die kalte grüngetünchte Wand.
   Schritte hallten auf den Steinstufen, Stimmen kamen näher und sie überlegte, ob sie noch tiefer in den Seitenflur hineingehen sollte, als es für einen Augenblick ruhig wurde.
   »Komm, mach nicht so ein Gesicht, so schlimm kann es doch nicht werden.« Eindeutig Davids Stimme. »Denk ans Wochenende, dann gehen wir wieder auf die Piste. Dennis hat vorhin eine Nachricht geschickt. Seine Eltern sind ausgeflogen.«
   »Cool, Party at the Beach im saugeilen Floridakeller und Wodka Feige bis zum Abwinken.«
   Johlen und Gelächter.
   »Hm, Baby und danach …« Davids Stimme wurde zu einem Flüstern. »Ich hol euch in meinem Wagen ab.«
   Schlagartig wurde es still, dann drangen nur noch leises Murmeln und Zischen an ihr Ohr, eine Tür öffnete sich und der Flur lag in unberührter Stille vor ihren Augen, als sie um die Ecke blickte. Als Zeugin musste sie nicht in den Saal, der Gerichtsdiener würde sie aufrufen.
   Stunden schienen vergangen zu sein, als die Tür von innen geöffnet wurde.
   »Die Zeugin Kathi Schumann.«
   Sie nahm ihre Stützen auf und humpelte in den Gerichtssaal, blickte nur zum Richtertisch, der sich links am Ende des Raumes befand.
   »Bitte nehmen Sie Platz, Frau Schumann.«
   Nach der Feststellung der Personalien wurde sie vom Richter zum Unfallhergang befragt. Der Staatsanwalt verzichtete auf weitere Fragen, für ihn war der Sachverhalt eindeutig. Der Verteidiger unternahm einen, wie es schien, verzweifelten Versuch, ihr wenigstens eine Teilschuld anhängen zu können, indem er sie fragte, warum sie ohne Licht gefahren sei.
   »Es war heller Frühsommermorgen im Mai, die Sonne schien und es bestand keine Veranlassung, das Licht einzuschalten.« Sie war sauer, ihr Zustand schien niemanden zu interessieren. Wie sich ihr Leben nach diesem Unfall verändert hatte, war nicht relevant, und wie ihre Zukunft aussah, stand ebenfalls nicht zur Debatte, abgesehen davon wusste sie es ja selbst nicht. Richtig empört war sie über die Ausführungen des Staatsanwaltes. »Wer sich in ein Auto setzt und am Straßenverkehr teilnimmt, der muss damit rechnen, dass etwas passiert.«
   Bullshit, wenn sich jeder an die Regeln hält, muss nicht zwangsläufig auch etwas passieren.
   »Dennoch möchte ich ein Exempel statuieren. Der Angeklagte hat grob fahrlässig einen Überholvorgang an einer unübersichtlichen Stelle eingeleitet und damit das Leben der Zeugin gefährdet. Ich beantrage für diesen Fall die angesetzte Höchststrafe.«
   Sie hörte nicht weiter zu. Hier wurde nicht über ihr Schicksal verhandelt oder darüber, was ihr passiert war, hier wurde der Mensch auf Sachverhalte reduziert, das Geschehen analysiert, mit ähnlichen Straftatbeständen verglichen und daraus ein verhältnismäßiges Strafmaß ermittelt. Der Verteidiger mühte sich sichtlich ab, für das Verhalten seines Mandanten passende Worte zu finden. Es gelang ihm nicht und der Richter zog sich mit den Schöffen zur Beratung zurück.
   Sie nahm auf der Zeugenbank Platz, hielt den Blick gesenkt und schloss ihre Finger um die Griffe. Die weiß hervortretenden Gelenke waren das einzige Anzeichen für ihre Anspannung.
   Verhältnismäßig schnell schienen der Richter und die Schöffen zu einem Ergebnis gekommen zu sein. Als sich die Tür zum Beratungszimmer öffnete, hatte Kathi auf die Uhr geblickt und festgestellt, dass sich das Gericht vor fünfundzwanzig Minuten zur Beratung zurückgezogen hatte. Auf einen Wink des Richters durfte sie entgegen allen anderen Personen im Gerichtssaal sitzen bleiben. In einer Erklärung fasste er die Anklage, die Verteidigung und die Stellungnahme des Staatsanwaltes zusammen und verkündete das Urteil. Während Kathi den Unfallverursacher beobachtete, der während der Verhandlung einen seltsam siegessicheren Zug um den Mund hatte, hörte sie kaum auf die Worte des Richters, als sie sah, wie dem Angeklagten die Gesichtszüge entgleisten. »… damit sind sämtliche Fahrerlaubnisse, auch die, die Sie bei der Bundeswehr erworben haben, gemeint.« Der Richter verwies noch auf die Details und forderte den Verurteilten auf, an den Richtertisch zu treten und seine Führerscheine abzugeben.
   »Und wie komm ich nach Hause?« Die Stimme des jungen Mannes zitterte, jede Selbstgefälligkeit war aus seinem Gesicht verschwunden, sein hämisches Grinsen war einem gequälten Lächeln gewichen wie bei einem kleinen Kind, das versuchte, tapfer seine Strafe für die Missetat anzunehmen und sich doch am liebsten im nächsten Loch verkriechen würde, um herzerweichend zu heulen. Kreideweiß wankte er zum Richtertisch und schob seine Papiere zum Richter, als würde er glühende Kohlen beseitigen.
   »Wenn ich das richtig mitbekommen habe, sind Sie ja nicht allein hergekommen.« Der Richter zeigte kein Pardon. Er nahm die Unterlagen, machte einen Vermerk und schloss die Akte.
   Kathi saß wie festgenagelt auf ihrem Stuhl. Zehn Monate Führerscheinentzug und eintausendfünfhundert Euro Geldstrafe für ein zerstörtes Leben? Ich fass es nicht. Das kann doch nur ein Scherz sein. Wo ist da die Gerechtigkeit?
   Die Fragen und Gedanken schleuderten durch ihre Gehirnwindungen wie ein Wagen auf der Achterbahn, hämmerten an ihre Schädeldecke und wäre sie nicht in einem Gerichtssaal, sie hätte ihren Frust, ihre Wut und ihren Schmerz herausgebrüllt. Sie merkte nicht, wie sie die Griffe ihrer Gehstützen umklammerte, merkte nicht, dass sich Tränen selbstständig gemacht hatten und sich an ihrem Kinn sammelten, von wo sie auf den Boden tropften. Stunden schienen vergangen zu sein, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte. »Sie müssen das Gericht verlassen, Frau Schumann, die Verhandlung ist vorbei.«

Das Gras wächst nicht schneller,
wenn man daran zieht.

5. Miriam
2005

Miriam Mangaliso starrte traurig von ihrem Lieblingsplatz auf die Wellen. Tabos Besuch hatte ihr gutgetan und auch das ausführliche Gespräch mit ihm, aber verstand er sie wirklich? Vor zwei Stunden war er aufgebrochen, zurück in sein eigenes Leben, zurück in seine eigene Welt, die von Botho so weit weg war wie die Erde vom Mond. Zumindest kam es ihr so vor. Sie wusste über Johannesburg nicht mehr als über das Aushandeln eines Brautpreises.
   Sie legte sich auf den Rücken, sah den Wolken nach, die träge über ihr nach Osten zogen, und gähnte. Sie hatte mit den anderen die Nacht durchgefeiert, zwar ohne Alkohol, doch der fehlende Schlaf zog bleischwer an ihren Lidern und sie schloss die Augen.
   Glückliches Kinderlachen, laute Rufe, aufgeregte Schreie dringen an ihr Ohr, Kuboni läuft auf sie zu. Mit seinen kleinen Schritten kommt er kaum vorwärts, obwohl er von allen der Schnellste, Stärkste, Klügste ist. Sie rennt weg, er erwischt sie, die erste Berührung jagt einen Schauder über ihren Rücken.
   Sie wurden unzertrennliche Freunde, lagen gemeinsam in der Sonne, saßen auf ihrem Felsen hoch über dem Strand am Indischen Ozean. Sie sahen aufs Meer, sahen den Schiffen nach, die am Horizont vorüberzogen, fantasierten, wohin die Reise sie führte, träumten von einer besseren Zukunft. Es verging seitdem kein Tag, an dem sie sich nicht sahen, ihre Sorgen, Ängste und Wünsche ebenso teilten wie ihre Geheimnisse. Bis sich vor einem Jahr ihre Münder zu ihrem ersten zarten Kuss trafen, der ihre Lippen in Liebe verschmelzen ließ und sie sich unter dem tosenden Donnern der Wellen ewige Treue versprachen.
   Mit Kuboni wollte sie ihr Leben teilen. Mit ihm an ihrer Seite wollte sie ihre Träume verwirklichen. Sie hasste das Dorfleben, es engte sie ein, die Traditionen, die Menschen, die einfachen Häuser. Die Illustrierte, die sie vor einigen Monaten an einer Haltestelle für Sammeltaxis in Zithulele gefunden hatte, lag in ihrem Versteck, und so oft es ihre Zeit erlaubte, lief sie zu der verfallenen Hütte am Dorfrand und zog sie unter einem Balken hervor. Das schillernde Titelblatt zeigte eine schlanke, schöne Frau vor der Kulisse des Tafelberges, der wie eine schützende Hand das flache Land zur Bucht vor dem Hinterland abschirmte. Diese Welt zog sie magisch an. Die einzigen Farbkleckse in ihrem Dorf, die bunt angemalten Häuser, dienten nicht der Schönheit, sondern ließen die Bewohner ihr Zuhause erkennen. Sie wohnte in einem gelben Haus mit blauen Fenstern und einer roten Haustür.
   Sie hatten den Jahreswechsel gefeiert und die Schulen waren noch geschlossen, da wartete Kuboni an ihrem Lieblingsplatz auf sie. Das war jetzt fünf Monate her. Sie hatte eine Veränderung an ihm gespürt, doch ihr tiefes Vertrauen hielt sie davon ab, ihn zu fragen. Sie wusste, er würde reden, wenn er es wollte. Schweigend hatten sie aufs Meer geblickt, bis sie nach einer Weile ihre Hand auf sein Knie legte und sich an ihn lehnte.
   »Ich muss gehen, damit unser Traum Wirklichkeit wird.« Sanft hatte er diese schweren Worte mit seiner kraftvollen Stimme ausgesprochen.
   »Bitte, lass mich hier nicht zurück.« Sie war aufgesprungen und hatte ihn entrüstet angesehen, die Fäuste in die Taille gestemmt.
   »Ich werde nach Kapstadt gehen, Arbeit suchen, Geld verdienen und ein Haus kaufen. Du kommst nach. Versteh bitte, es ist am Anfang nicht leicht. Ich möchte, dass es dir an nichts fehlt, wenn wir zusammenleben.« Er war aufgestanden, hatte sie forschend angeblickt und dann in seine starken Arme gezogen, bis sich ihre Lippen in einem zärtlichen Kuss fanden.
   »Du musst mir aber schreiben«, hatte sie gesagt, als sie sich atemlos voneinander gelöst hatten. »Jeden Tag. Ich möchte wissen, wo du lebst, was du arbeitest, ob es dir gut geht.«
   »Ja.«
   »Muss ich lang warten, bis ich zu dir kommen darf?«
   »Das weiß ich nicht.«
   »Wirst du mich vergessen? In der Stadt gibt es viele hübsche Frauen.«
   »Du bist meine große Liebe. Ich gehe für uns.« Er schloss sie in seine Arme. »Du wirst in meinem Herzen wohnen und in meinen Gedanken leben, das verspreche ich dir.«
   »Ich werde dich furchtbar vermissen.«
   »Jeden Abend, wenn die Sonne untergeht, werde ich am Leuchtturm im Hafen sein und an dich denken.«
   »Das wirst du nicht durchhalten. Wenn du den ganzen Tag arbeitest, bist du abends viel zu müde. Geh nicht jeden Tag dorthin, aber jeden Sonntag, ja?«
   »Gut, ich verspreche es. Wenn ich nicht arbeiten muss, gehe ich zum Sonnenuntergang an den Leuchtturm.«
   »Du darfst das Schreiben aber nicht vergessen, versprochen?«
   »Versprochen.«
   »Wann willst du aufbrechen?«
   »Morgen bei Sonnenaufgang.«
   Niemand außer Miriam hatte dem jungen Mann nachgeblickt, als er im Morgengrauen das Dorf verließ. Es interessierte niemanden, dass er gegangen war. Sein Vater war noch vor seiner Geburt an dieser heimtückischen Krankheit gestorben, die bisher viele Tausend Leben forderte. Es gab kaum Medikamente, auf jeden Fall nicht in der Transkei. Seine Mutter sah ihn nicht aufwachsen, sie siechte auf ihrer Strohmatte dahin, bis sie starb. Ein Onkel zog Kuboni auf. Nicht aus Liebe, sondern aus der Verpflichtung seiner Schwester, Kubonis Mutter, gegenüber. Der Onkel freute sich nur, dass er jetzt einen Esser weniger versorgen musste.
   Es hatte viele Wochen gedauert, bis sie nicht mehr auf seine Stimme lauschte, seine Hände nicht mehr spürte, sie daran gewöhnt war, dass sie es ohne ihn an ihrem Lieblingsplatz aushalten musste. Vor allem sonntags fiel es ihr schwer, wenn sie wusste, dass Kuboni im fernen Kapstadt am Leuchtturm saß und in den Sonnenuntergang blickte. Mit jedem Sonntag wuchs ihre Sehnsucht, wurde sie trauriger. Sie vertraute Kuboni. Während die Hochzeitsvorbereitungen für Asanda das Haus wie einen Bienenkorb summen ließen, weil alle damit beschäftigt waren, wurde Miriam immer stiller. Noch kurz vor der großen Feier hatte sie sich zu ihrem Versteck geschlichen und lange auf das Titelblatt der Zeitschrift gestarrt, stundenlang von einer anderen Welt geträumt. Von schönen, farbenprächtigen Kleidern, kostbarem, ausgefallenem Schmuck, einem wunderbaren großen Haus, einer glücklichen Zukunft mit Kuboni.

*

»Ist Miriam Mangaliso da?«
   »Wieso bist du so förmlich, Benjamin?«
   Der Postbote lachte und schwenkte eine Karte durch die Luft. »Ich bringe nicht jeden Tag Post für Miriam Mangaliso.«
   Sie ließ ihren Besen fallen und stürzte zur Tür, riss Benjamin die Karte aus der Hand und rannte mit fliegenden Röcken aus dem Dorf an die kleine Felsnase, ihren Lieblingsplatz. Sie wusste, dass der Postbote die Karte gelesen hatte und sein Postgeheimnis nicht besonders ernst nahm, er würde, ob es ihr passte oder nicht, den Dorftratsch anheizen.
   Sie setzte sich auf die sonnenwarmen Felsen, schlang einen Arm um die angezogenen Knie und hielt die Karte fest, immer darauf bedacht, dass der Wind sie ihr nicht aus der Hand riss. Sie genoss diesen Augenblick, fühlte sich Kuboni nahe und betrachtete zunächst die Seite mit den großen Häusern und den Menschen in ihren bunten Kleidern. Im Hintergrund das allgegenwärtige, kahle, flache Bergmassiv, das von einer weißen Wolkenwand umweht wurde. Erst, nachdem sie jede Farbe, jeden Schatten, jedes Detail mit geschlossenen Augen vor sich sah, drehte sie die Karte um. Bevor sie Kubonis Worten Beachtung schenkte, las sie die Beschreibung des Bildes Kapstadt mit Tafelberg. Diese drei Worte brannten das Bild der Stadt in ihre Seele. Kuboni schrieb, dass er Arbeit in der Stadt gefunden hatte, dass er bald ein Haus bekam, dass die Menschen hilfsbereit waren. Als sie die letzten Zeichen las, musste sie lächeln, im selben Augenblick liefen Tränen über ihre Wangen. »Ich vermisse dich! Ich liebe dich!«, hatte Kuboni in ihrer Geheimschrift auf die Karte geschrieben. Alles andere konnte ihretwegen das ganze Dorf wissen.
   Sie hängte die Karte über ihr Bett. Zwei weitere Karten trafen in kurzen Abständen ein, weckten neue Träume. Sie meisterte ihren Alltag, ging Diskussionen mit ihrer Mutter möglichst aus dem Weg und bemühte sich, um Tante Jongiwe und Onkel Othembela einen Bogen zu machen. Sie zog sich zurück und erklärte, sie müsse für ihren Schulabschluss lernen, der in wenigen Wochen mit verschiedenen Prüfungen vorbereitet wurde. Jeden Sonntag ging sie zum Sonnenuntergang zur Felsspitze. Ihre Sehnsucht wuchs mit jedem Besuch, bis sie glaubte, es nicht mehr aushalten zu können. Nach ihrer letzten Prüfung blieben die Karten aus. Sie hatte ihren Abschluss mit Bravour bestanden.
   »Ich würde gern in Stellenbosch studieren«, überraschte sie ihre Eltern, als sie ihr Diplom auf den Tisch legte.
   »Kommt überhaupt nicht infrage«, entschied ihr Vater resolut. »Du hast jetzt das richtige Alter zum Heiraten und deine Tante und dein Onkel führen schon die ersten Verhandlungen.«
   »Niemals.« Erbost sprang sie auf. »Niemals lasse ich mich mit einem Mann verkuppeln, den ich nicht kenne. Für mich bekommt ihr keine Rinder. Ich bin kein Vieh. Mich könnt ihr nicht verschachern!«
   »Zähme deine Zunge in meinem Kral, Tochter.« Ihr Vater richtete sich zu voller Größe auf. »Ich dulde diese Worte nicht an diesem friedlichen Ort. Du erzürnst die Izinyanya, und solange ich lebe, werden die Amasiko der Xhosa befolgt.«
   »Mutter … bitte.« Verzweifelt richtete sich Miriam an ihre Mutter, doch die schwieg. »Vater, könnte ich nicht trotzdem vorher studieren?«
   »Nein, dein Bruder missachtet unsere Sitten, ich habe es akzeptiert, er muss als Mann eine Familie ernähren, aber du, du musst deinem Mann eine gute Ehefrau und deinen Kindern eine gute Mutter sein. Dafür brauchst du kein Studium. Alles, was du wissen musst, hat deine Mutter dir beigebracht oder bringt sie dir noch bei. Und jetzt halte Frieden.«
   »Ja, Vater.« Innerlich bebte Miriam vor Wut, doch sie hatte keine Wahl.

*

Ein früher Wintereinbruch mit heftigen Regenfällen umklammerte das Eastern Cape wie ein undurchdringlicher Schleier. Ende August sprossen die ersten Frühlingsboten aus dem Boden. Miriam erhielt keine Nachrichten mehr von Kuboni, die Ansichtskarten waren verblasst. Dunkle Gedanken schossen durch ihren Geist, hinterließen einen bitteren Geschmack. Ihre Besorgnis, Kuboni könnte sie vergessen haben, nahm mit jedem Tag ohne eine Nachricht zu. Aus ihrem Gesicht verschwand das Lächeln.
   »Miriam, wir haben einen perfekten Mann für dich.« Tante Jongiwe betrat würdevoll, dicht gefolgt von Onkel Othembela, das Haus der Familie Mangaliso.
   »Ja, und ich habe eine Lobola ausgehandelt, wie sie zuletzt beim großen Shaka-Zulu, wenn ich den Überlieferungen Glauben schenken darf, gezahlt worden ist!« Er klatschte vor Vergnügen in die Hände, drehte Jongiwe im Kreis und ließ sich schwerfällig auf ein Kissen fallen. »Fünfzehn fette Rinder und dreißig Schafe!«
   »Na, der muss es ja nötig haben, wenn er so einen hohen Preis bezahlen will.« Miriam bemühte sich, die Beherrschung nicht zu verlieren. Ihre offene Ablehnung hatte zu nichts geführt, und seit sie ohne Nachricht von Kuboni war, waren ihre Gedanken von Verzweiflung und der Suche nach einem Ausweg bestimmt.
   »Jongiwe, lass dir nicht jeden Wurm aus der Nase ziehen.« Nosine Mangaliso lächelte und bot ihr einen Platz an. »Wer ist der Glückliche, der meine Tochter bekommt?«
   »Othembela, du altes Schlitzohr, ich hoffe, du hast nicht zu viel Lügen aufgetischt bei dem stolzen Preis, oder hat der zukünftige Schwiegersohn etwa ein körperliches Leiden, das er mit der Lobola verharmlosen will?«
   »Akhona, wieso ist in deinem Kral die Luft immer so trocken? Komm, lass uns auf den Erfolg anstoßen, hast doch bestimmt noch einen selbst gebrannten Schnaps in deiner Truhe, oder? Meine Kehle braucht ein paar Streicheleinheiten, sonst könnte mir die Stimme versagen.«
   »Du elender Schwätzer, Othembela, mich wundert, dass du nicht aus den Krals heiratswilliger Söhne rausgeschmissen wirst.« Akhona reichte dem Alten ein Glas und füllte eine klare Flüssigkeit hinein. »Gibst du dort die gleiche Vorstellung?«
   Die Männer lachten.
   »Nun, der Mann ist passabel, zugegeben, er ist nicht mehr der Jüngste, aber er hat ein großes Vermögen und kann es sich leisten, eine gute Lobola zu bezahlen. Äußerlich macht er einen gesunden Eindruck, ist stark wie ein Stier und seine fehlenden Schneidezähne stören ja nur, wenn er lacht. Beim Sprechen fällt es kaum auf und er ist in der Lage, ein saftiges Rindersteak zu kauen.« Othembela hielt Akhona sein leeres Glas hin. »Seine erste Frau ist vor einem halben Jahr gestorben, also ein erfahrener Mann, und seine drei Kinder sind aus dem Gröbsten heraus, das älteste geht seit ein paar Tagen in die Schule. Er braucht eine Frau, die weiß, wie sie einen Haushalt zu führen hat, die sich um seine Kinder kümmert und die ihm noch weitere Kinder schenkt. Dumm soll sie aber auch nicht sein, er möchte, dass seine Kinder einmal studieren. Da kommt deine Miriam wie gerufen.« Er hob sein Glas, trank einen Schluck und setzte es mit einem Grinsen ab. »Als Jahrgangsbeste.«
   Während die Erwachsenen weiter über ihre Zukunft philosophierten, schlich sich Miriam hinaus, lief zum Meer und grübelte. Sie hatte bestimmt nicht gebüffelt, um anderer Männer Kinder großzuziehen und ihnen Rechnen, Schreiben und Lesen beizubringen. Sie bebte innerlich vor Wut und ballte die Hände zu Fäusten. Von ihren Eltern, das war ihr so klar wie der südafrikanische Nachthimmel im Sommer, bekam sie keine Unterstützung. Schon jetzt lehnte ihr Vater mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck in seinen Kissen und ihre Mutter strahlte, tuschelte mit Jongiwe. Die beiden machten sich wahrscheinlich schon Gedanken über die Hochzeit. Zu Asanda konnte sie auch nicht gehen, die war hochschwanger und erwartete in den nächsten Tagen ihr erstes Kind, womit bewiesen war, dass sie und Zuko schon vor der Hochzeit beieinandergelegen hatten, aber das spielte jetzt keine Rolle mehr. Tabo konnte sie auch nicht behelligen. Sie hatte zwar seine Adresse, aber es würde viel zu lang dauern, bis sie eine Antwort von ihm bekam. Sie musste sich etwas einfallen lassen. Sie musste weg, und zwar schnell. Wie sie dem Gespräch entnommen hatte, suchte der Mann dringend eine Frau, das hieß, die Verhandlungen würden, vorausgesetzt ihre Eltern stimmten zu, und warum sollten sie das angesichts des stolzen Brautpreises nicht tun, innerhalb weniger Tage abgewickelt sein. Dann gab es kein Zurück, dann wäre jede Chance auf ein freies Leben und die Verwirklichung ihrer Träume ein für alle Mal erledigt.

Etwas mit eigenen Ohren gesehen zu haben ist mehr wert,
als mit eigenen Ohren davon gehört zu haben.

6. Kathi
2006

Humpelnd setzte die Maschine auf dem O’Tambo Flughafen in Johannesburg auf, der Gegenschub drückte Kathi in den Sitz. Als sie die Parkposition erreicht hatten und das Anschnallzeichen über ihr erloschen war, stemmte sich ihr Sitznachbar schnaufend wie ein Walross aus seinem Sitz und Kathi atmete auf. Sein zu kurzes Hemd rutschte aus der Hose und seine Fettschürze hing schwabbelnd vor ihrem Gesicht, als er das Gepäckfach öffnete. Er zauberte einen seinem Umfang entsprechend großen Trolley hervor.
   Dass er den überhaupt mit an Bord nehmen durfte.
   Endlich kam Bewegung in die Menge und sie konnte aufstehen. Sie hatte am Ende der Maschine gesessen, dort, wo sich die Sitzreihe von drei auf zwei Plätze verjüngte, was unter normalen Umständen sehr vorteilhaft gewesen wäre, doch mit dem Fettkloß, der zur Hälfte auf ihrem Sitz gehangen hatte, war dieser Vorteil zunichtegemacht worden. Sie hatte sich nicht einmal getraut, auf die enge Bordtoilette zu gehen, weil jede kleinste Anstrengung ihrem Nachbarn den Schweiß auf die Stirn getrieben hatte, sogar beim Essen. Vergiss es, lächle und freu dich auf deine Reise. Fetti war in Geschäften unterwegs, sie würde ihm voraussichtlich nie wieder begegnen, weshalb sie ihm auch freundlich zulächeln konnte, als er ging. Sie streckte ihre Beine und spürte ein taubes Gefühl im linken Fuß. Hoffentlich ließ das nach, wenn sie wieder in Bewegung kam. Dr. P. J. hatte sie gewarnt und vorsichtshalber hatte sie die verhassten Thrombosestrümpfe angezogen, in denen sie stets befürchtete, der Fußschweiß eile ihr voraus und kündige sie an. Stimmte so natürlich nicht, aber wenn sie die Schuhe auszog, würde sie am liebsten vor sich selbst weglaufen. Sie zerrte ihren Rucksack aus dem Gepäckfach, humpelte durch den schmalen Gang und verabschiedete sich vom Bordpersonal mit einem Lächeln und einem freundlichen Gruß. Sie schloss sich dem dünner werdenden Strom vor ihr an und folgte dem Gepäckausgabeschild. Sie hatte es nicht eilig, ohne sie würde die Reisegruppe nicht aufbrechen. Beruhigend zu wissen. Nachdem ihr in Frankfurt schon eine vorwitzige Alte ihren Koffer in die Fersen geschoben hatte, hielt sie von dieser Dame, die, so hatte sie mit einem Blick auf den Kofferanhänger erkannt, das gleiche Ziel, nämlich die Rundreise hatte, geflissentlich Abstand. Solche Menschen drängelten immer und überall. Um den besten Platz im Bus, am Buffet oder sogar in der Schlange vor der Toilette. Denen ging sie besser aus dem Weg. Sie brauchte niemanden, der sie umstieß und sie wollte weder unfreiwillig südafrikanischen Boden küssen oder noch schlimmer, wie ein Käfer auf dem Rücken liegen und nicht mehr aufstehen können. Sie hatte in den vergangenen Monaten ihre eigene Technik entwickelt, aber die würde auf einen Außenstehenden, sogenannten nicht Behinderten eher befremdlich wirken. Also hatte Kathi aus der Not eine Tugend gemacht und sorgte stets dafür, dass ihr niemand zu nahe oder in die Quere kam, wenn es sich vermeiden ließ. Sie gehörte zu den Letzten, die ihr Gepäck vom Förderband zogen und durch den grünen Ausgang für zollfreie Waren in die Eingangshalle marschierte. Suchend blickte sie sich um, da wurde sie auch schon angesprochen. »Frau Schumann?« Sie nickte. »Schön, dann ist unsere Gruppe jetzt vollzählig. Kommen Sie, ich nehme Ihnen den Koffer ab, der Bus wartet schon auf uns.« Er trug ein blaues Shirt mit dem Logo des Reiseveranstalters und auf dem Schild an seiner Brust stand South African Tourguide Andreas, eingerahmt von der südafrikanischen Flagge.
   Kathi schnupperte. Fremde Gerüche strömten auf sie ein, der Wind schickte heiße Luft in das Gewimmel aus Bussen, Taxen, Autos und umherhastenden Menschen. Seltsame Klicklaute, wie Kathi sie noch nie zuvor gehört hatte, drangen an ihr Ohr, unterbrochen von lauten Rufen ohne bestimmte Aussage, die wohl nur von den Einheimischen verstanden wurden, näselndes Englisch und breitgezogenes Afrikaans. Kathi verstand einzelne Worte, die sie ans Holländische erinnerten. Eine Dieselwolke zog an ihrer Nase vorbei und kurz darauf erreichten sie den Bus. Klar, sie war die Letzte, doch das störte sie nicht weiter. Andreas übergab ihren Koffer an einen Schwarzen und hielt sie an, einzusteigen. Viel lieber hätte sie noch etwas Zeit an diesem Ort verbracht, hätte die ersten Eindrücke dieses fremden Landes auf sich wirken lassen, hätte Muße gebraucht, anzukommen. Doch bei einer Gruppenreise musste sich jeder in die Gruppe integrieren und sie war fürs Erste genug aufgefallen. Sie zog sich an der Haltestange auf die untere Trittstufe und kletterte in den Bus. Andreas tänzelte hinter ihr her, die Tür schloss sich mit einem Zischen, und noch ehe Kathi an den murrenden Reisegenossen vorbei war, die manch unschöne Bemerkung fallen ließen, und den letzten freien Platz erreichte, fuhr der Bus mit einem Ruck an und sie konnte sich gerade noch festhalten. Andreas griff zum Mikro, begrüßte sie mit knappen Worten und schilderte ihnen den Verlauf des restlichen Tages, den sie außerhalb von Pretoria auf einer Lodge verbringen würden, Nachmittags-Gamedrive, was immer das auch war, und Braai eingeschlossen. Kathi starrte an ihrem Sitznachbarn vorbei aus dem Fenster und konnte sich an den Häusern, den gepflegten und ungepflegten Vorgärten, den Hochhäusern am Horizont und den fremden Bäumen und Blumen nicht sattsehen. Bald ließen sie die Großstadt hinter sich und verließen wenig später auch die gut ausgebaute Straße. Der Bus bog auf eine Schotterpiste ab und ruckelte gemächlich voran. Kathi fielen trotz ihrer Neugier die Augen zu und fast wäre sie eingeschlafen, als der Bus hielt.
   »Wir verteilen jetzt die Zimmerschlüssel«, erklärte Andreas. »Um das Gepäck müssen Sie sich nicht kümmern, das wird auf Ihre Zimmer gebracht. Um sechzehn Uhr treffen wir uns an der Rezeption, dann machen wir eine kleine Safari auf dem Gelände, um zwanzig Uhr ist Abendessen im Restaurant. Sawubona – Willkommen in Südafrika.«
   Noch ehe Kathi ausgestiegen war, entschwanden die ersten schon mit ihrem Zimmerschlüssel und begleitet von Mitarbeitern der Lodge ihren Blicken. Sie stieg aus und wurde von der wärmenden Sonne umfangen, die von einem stahlblauen Himmel schien. Das saftige Grün der Wiesen glänzte wie frisch lackiert, das niedrige, nur eingeschossige Gebäude, die Rezeption, leuchtete weiß mit einem grellbunten geometrischen Streifen am Sockel. Das war nach ihrem Geschmack. Wenn ihr Zimmer jetzt auch noch so einladend war, dann fehlten ihr nur noch ein Bett, etwas Schlaf und eine Dusche, um glücklich zu sein. Sie bekam ein Einzelzimmer, nicht weil sie es sich ausdrücklich gewünscht hatte, das galt ja nur für den Zug, sondern weil es sich so ergab. Kathi war mehr als zufrieden und kam aus dem Staunen nicht heraus, als sie hinter dem Mitarbeiter der Lodge das Rezeptionsgebäude umrundete. Großzügig auf der Wiese verstreut standen einzelne Häuser. Alle rund mit Strohdach, landestypische Rondavels, wie sie von Johann, ihrem Begleiter, erfuhr. Innerlich glucksend trat sie hinter ihm in ihr Zimmer, konnte ihre Freudenrufe nur schwer unterdrücken und folgte Johann von einem Raum in den nächsten, wo er ihr alles erklärte, von der Dusche bis zum Wasserkocher. Strahlend verabschiedete er sich, wünschte ihr einen guten Aufenthalt und zog die Tür hinter sich zu.
   »Das ist ja oberhammeraffengeil«, entfuhr es Kathi. »Das ist kein Zimmer, das ist ein Luxusappartement.« Sie lachte und ging noch einmal durch alle Räume, probierte als Erstes das Klo und steckte ihre Nase in die flauschigen Handtücher. Sie hatte auf dem Weg einen Pool entdeckt, und da es schon jetzt am frühen Vormittag ziemlich heiß war, beschloss sie, sich dort auf eine Liege zu legen. Lieber an der frischen Luft etwas ausruhen und die Beine ausstrecken, lesen und vielleicht schlafen.
   Sie öffnete die Tür und musste sich das Lachen verkneifen. Vor ihr, keine drei Schritte entfernt, graste ein Zebra und sorgte dafür, dass der Rasenmäher im Schuppen bleiben konnte. Als Kathi die Tür ins Schloss zog, machte es einen Sprung zur Seite, lief ein paar Sätze und schaute zu ihr.
   »So, du bist also meine erste tierische Begegnung in diesem wunderbaren Land. Habe die Ehre.« Sie lachte und ging zum Pool, breitete ihr Handtuch auf der Liege aus und machte es sich bequem. Sie las, nickte ein, prüfte, als sie wieder aufgewacht war, das Wasser im Pool, das eiskalt war, und sie beschloss, nicht schwimmen zu gehen. Sie vertiefte sich in ihr Buch, als es in unmittelbarer Nähe raschelte. Ihr blieb die Spucke weg, als sie die Ursache des Geräusches ausmachte. Keine fünf Meter entfernt rupfte eine Giraffe genüsslich am Grünzeug einer Akazie und ließ sich von ihrer Anwesenheit nicht irritieren. Verdammt, die Kamera lag in ihrem Zimmer. Fasziniert beobachtete Kathi ihr Lieblingstier, als eine etwas kleinere von der anderen Seite auftauchte und die beiden ihr Mahl teilten. So hatte sie sich ihren Urlaub vorgestellt, da gab es nichts zu meckern. Leider musste sie sich von dem Anblick trennen. Sie hatte nur noch dreißig Minuten bis zu ihrer ersten Safari. Konnte da noch mehr kommen?
   Es kam noch mehr. Zwei Stunden wurden sie auf einem offenen Geländewagen durch ein schier endloses, mit sanften Hügeln bedecktes Gebiet geschaukelt, in dem neben riesigen Schirmakazien vereinzelte Büsche standen, die den Tieren gute Deckungsmöglichkeiten boten. Neben vielen Vögeln sah Kathi Wasserbüffel, weitere Giraffen, Antilopen, Gnus und mehr. Sie war prall gefüllt mit Eindrücken, hatte viele Bilder gemacht und war rundum glücklich. Nebenbei hatte sie noch einiges über die Fauna erfahren und über die bunte Malerei der Ndebele. Sie hatte Hunger und sehnte sich nach einer Pause. Die Sonne war bereits untergegangen und es kühlte sich merklich ab. Zum Essen trug sie eine lange Hose und eine Jacke. Das Restaurant war unglaublich groß und festlich gedeckt. So würde es in Deutschland vielleicht bei einer Hochzeit aussehen. Kathi genoss jeden Augenblick. Es gab Buffet und alle Fleischspeisen wurden frisch und wunschgemäß zubereitet. Immer mit einem Lächeln. Ein erstaunliches Land mit freundlichen Menschen.
   Kathi blickte sich auf der Suche nach einem freien Platz um. Bloß nicht da hinten links, da saßen die Schrullen, die ihr den Koffer in die Knochen gerammt hatten. Ach, und dieser aufgeblasene Typ, der sich ständig mit dem Taschentuch die Stirn abwischte, in das er zuvor noch den Rotz seiner Nase versenkt hatte. Nein, danke. Das Pärchen mit dem arroganten Gehabe, Klamotten von Gucci und Prada, hakte sie auch gleich ab, auf die Art der Konversation legte sie keinen gesteigerten Wert mehr. Den beiden Turteltäubchen, scheinbar waren sie auf Hochzeitsreise, wollte sie lieber aus dem Weg gehen und der angegraute ältere Herr mit seiner viel zu jungen Begleitung erschien ihr auch nicht die ideale Abendunterhaltung zu sein. In der Mitte mochte sie nicht sitzen, außerdem hatte sich da schon die Männerrunde eingefunden, ein Doppelkopfklub aus Regensburg, wie sie auf der Safari erfahren hatte. Nein, danke, das musste sie wirklich nicht haben. Die waren entweder sowieso lieber unter sich oder suchten ein Abenteuer. Eine Parfümwolke zog an ihr vorbei und das grau in frische Wasserwellen gelegte Haar einer Spätsechzigerin strich an ihrer Wange entlang. Meine Güte, die Alte hatte nicht nur eine tadellose Frisur, auch ihre Haltung ließ nichts zu wünschen übrig. Bestimmt eine ehemalige Balletttänzerin, so, wie diese Dame ging. Auch die Kleidung hatte einen gewissen Hauch von Diva. Wie lang die Frisur bei dem Klima wohl halten würde, oder schlief die vielleicht im Sitzen? Früher war Kathi nicht so wählerisch gewesen, aber da hatte sie sich ja auch selbst noch auf dem Parkett der großen weiten Welt, der Reichen und Schönen bewegt. Die Verletzungen hatten sie verändert, nicht nur äußerlich, das stellte sie immer wieder fest. Da, gleich neben dem Eingang, saß eine Frau an einem Vierertisch und es sah nicht so aus, als wäre sie mit Ehemann da. So viel Menschenkenntnis hatte Kathi in ihrer Zeit als Repräsentantin eines großen Kosmetikhauses gesammelt, dass sie eine Alleinreisende von einer frustrierten Ehefrau unterscheiden konnte. Diese war allein, also zumindest ohne Mann, aber nicht frustriert. Ihre Körperhaltung signalisierte Offenheit, und sie wirkte entspannt. Zielsicher steuerte Kathi mit ihrem Teller auf den Tisch zu.
   »Haben Sie noch einen Platz frei?«
   »Äh, ich weiß nicht …« Die Frau machte einen unschlüssigen Eindruck, dann straffte sie den Rücken, als gäbe sie sich innerlich einen Ruck und nickte einladend. »Ja, sicher, setzen Sie sich. Meine Freundin wird sicher nichts dagegen haben. Sie telefoniert noch und hat mich schon einmal vorausgeschickt.«
   »Sie telefoniert? Ich habe in den Reiseunterlagen gelesen, dass Auslandstelefonate ziemlich teuer sind.«
   »Nein, das haben Sie falsch verstanden, sie telefoniert mit ihrem Mann in Kapstadt.«
   »Ach, dann haben Sie die drei Tage Kapstadt aus dem Angebot noch extra gebucht?« Der Kellner unterbrach Kathi und sie bestellte sich ein Glas Rotwein. »Aber wir kommen doch sowieso in einigen Tagen dorthin.«
   »Ach, entschuldigen Sie, das muss ja verwirrend für Sie sein. Mein Name ist Luise Rusthenberg, ich lebe in Kapstadt, so wie meine Freundin. Wir haben diese Reise mehr aus, na ja, dienstlichen Gründen gebucht.«
   »Also eine Geschäftsreise?« Kathi kostete etwas von ihrem Grillgut und schloss genießerisch die Augen, kaute bedächtig und schluckte. »Mein Name ist übrigens Katharina Schumann und verzeihen Sie mir, ich habe Ihren letzten Satz nicht gehört. Das Essen ist ja so was von köstlich. Also diese Burenwurst ist genial.«
   »Ich sagte, wir testen die Reise gewissermaßen. Im nächsten Jahr gibt es einen großen Kongress in Kapstadt, bei dem unsere Männer für mehrere Tage unabkömmlich sein werden. Und das betrifft etwa fünfundzwanzig weitere Männer des diplomatischen Dienstes und deren mitgereiste Ehefrauen. Damit sich diese nicht langweilen, sind meine Freundin und ich beauftragt worden, für ein ansprechendes Unterhaltungsprogramm zu sorgen. Wir sind auf diesen Reiseveranstalter gestoßen und jetzt sitzen wir hier. Ach, da kommt ja meine Freundin. Darf ich vorstellen, Ghina van der Merwes, Katharina Schumann. Ghina, Schatz, die junge Frau machte so einen verlorenen Eindruck, ich habe sie an unseren Tisch gebeten. Das ist doch in Ordnung?«
   Kathi blickte auf und vor ihr stand eine Furie. Das war ihr erster Eindruck, ein langes, durchtrainiertes Elend, mit ersten Alterserscheinungen, die sie nicht nur mit ihren schwarz gefärbten Haaren zu übertünchen versuchte. Die Arroganz sprühte aus ihren blauen Augen, um ihren Mund hatte sich ein strenger Zug eingegraben und Kathi zuckte innerlich zusammen, als sie die hysterische Stimme hörte, die nicht zum Rest der Erscheinung passte.
   »Guten Abend. Hast du uns schon einen Wein bestellt, Luise? Und sag dem Kellner, er soll ihn in einem Weinkühler bringen. Ach ja, auf der Tischdecke sind Krümel, kümmere dich darum, ich will mal sehen, was es am Buffet gibt. Und dann interessiert mich Ihre Geschichte, Frau Schumann.« Ihre weiße Leinenjacke bauschte sich, als sie in makellos gebügelten Hosen und hochhackigen weißen Sandalen förmlich durch das Restaurant schwebte, sich wahrscheinlich der bewundernden Blicke bewusst. Kathi saß mit offenem Mund auf ihrem Stuhl und starrte hinter Ghina van der Merwes her.
   »Denken Sie sich nichts dabei, sie ist nicht so, wie sie hier auftritt. Das macht sie gern in der Öffentlichkeit. In Wahrheit ist sie ein Schatz.« Dezent winkte sie einen Kellner herbei und gab ihre Bestellung auf. »Warten Sie nur, bis Sie Ghina besser kennengelernt haben.«
   »Ähm ja, wenn ich die Gelegenheit bekomme. Sie schien über meine Anwesenheit nicht sehr erfreut.«
   »Auch da täuschen Sie sich. Sie ist höchstens etwas verschnupft, weil ich Sie an den Tisch eingeladen habe. Normalerweise ist sie dafür zuständig.«
   Und tatsächlich wurde es ein sehr harmonischer Abend, an dem Kathi, Ghina und Luise, sie waren schon nach einem Glas Wein zum vertrauten Du übergegangen, oft und herzhaft lachten, sich flüsternd über die anderen Gäste amüsierten und Kathi einen Blick hinter die Kulissen der Diplomatenehefrau Ghina und der Finanzmaklerin Luise werfen durfte. Spontan beschlossen sie, dass sie auch im Zug beim Essen zusammensitzen wollten.
   »Ich werde schon dafür sorgen«, erklärte Ghina. »Ich hab da meine Methoden.«
   »Davon bin ich überzeugt, meine Liebe.«
   »Ich auch. Aber ich möchte jetzt doch gern schlafen gehen. Die Nacht im Flugzeug war nicht sehr angenehm und meine müden Knochen brauchen unbedingt Erholung.« Kathi stand auf und stellte fest, dass sie einen leichten Schwips hatte. »Außerdem haben wir ja morgen ein volles Programm. Gute Nacht, die Damen.«
   »Wir machen noch der Flasche den Garaus und dann ziehen wir uns in unsere Gemächer zurück. Schlaf gut, wir sehen uns beim Frühstück.« Luise, auch nicht mehr nüchtern, hob ihr Glas.
   »Der Wein geht auf meine Rechnung«, erklärte Ghina. »Ich freue mich, dass wir uns kennengelernt haben.«

*

Kathi hatte eine erholsame Nacht hinter sich und saß auf dem Bett, um in ihren Reiseunterlagen nachzulesen, was auf dem Programm stand. Gleich nach dem Frühstück würden die Koffer in den Bus verladen und sie würden in ein nahe gelegenes Zuludorf fahren, um dort traditionelle Schautänze zu sehen, danach ging es zu einer Gepardenfarm und am Nachmittag zum Bahnhof von Johannesburg, wo sie in den Zug steigen würden.
   Sie setzte sich zu Luise und Ghina an den Tisch, die noch einen etwas müden Eindruck machten, obschon Ghina wie aus dem Ei gepellt aussah.
   »Guten Morgen, ich hoffe, ihr habt genauso gut geschlafen wie ich«, begrüßte Kathi die Freundinnen.
   »Hm«, brachte Ghina heraus.
   »Ja, sicher, es war wunderbar, mein Bett hatte genau die richtige Matratze für meinen Rücken.« Luise zwinkerte Kathi zu. »Aber Ghina, die Ärmste, hatte scheinbar eine Erbse drunterliegen.«
   »Lacht nur, ich bin eben ein Wasserbett gewohnt, da fällt es mir in den ersten Nächten immer schwer, in einem fremden Bett zu schlafen. Also ich meine in einem Hotel allein in einem fremden Bett, nicht, dass mir hier irgendeiner etwas unterstellen will. Ich liebe meinen Mann, von dem ich euch übrigens grüßen soll. Ja, auch dich Kathi, unbekannterweise. Ich habe ihm von dir erzählt und er möchte dich unbedingt kennenlernen, wenn wir in Kapstadt sind.«
   »Das freut mich und ja, warum nicht, wenn wir in Kapstadt die Gelegenheit haben.«
   »Das weiß ich zu arrangieren. Ich habe da meine Methoden.«
   Kathi und Luise lachten, dann widmeten sie sich ihrem Frühstück. Kathi trank Tee. Der Kaffee war ungenießbar, wie sie nach dem Abendbrot festgestellt hatte, und sie verzichtete gern darauf. Ansonsten war das Frühstück eher englisch angehaucht und sie entschied sich für Rührei ohne Beilagen. Wie konnten die Engländer bloß früh morgens schon Speck und Würstchen essen? Das würde sie nie verstehen.
   »Ich verlasse euch jetzt, ich muss meinen Koffer packen.« Ghina stand auf und schob ihren Stuhl an den Tisch. »Wir sehen uns im Bus, vielleicht gelingt es dir ja, einen Platz für uns frei zu halten. Ich würde nur ungern meine Methoden dort anwenden, das könnte bei den anderen Fahrgästen auf Befremden stoßen.«
   Luise schloss sich an und Kathi grinste in sich hinein. Was für Paradiesvögel, aber die beiden taten ihr gut. Sie waren herzerfrischend anders, akzeptierten sie so, wie sie war, und forderten von ihr nichts, was sie nicht fähig war zu leisten. Es machte sie glücklich, dass sie sich nicht von ihr abgewandt hatten, nachdem sie ihnen ihre Geschichte und den Grund ihrer Reise erzählt hatte. Vielleicht finde ich in Ghina und Luise meine ersten Freundinnen nach meinem Unfall. Schon gestern hatte Kathi den Hauch von Leichtigkeit gespürt, der sich seither verstärkt hatte. Seitdem sie südafrikanischen Boden betreten hatte, fühlte sie sich so gut, wie seit mehr als einem Jahr nicht mehr und wieder einmal war sie froh, dass sie im Januar ihrer Spontanität nachgegeben hatte.
   Kathi konnte den traditionellen Tänzen nicht so viel abgewinnen, sie verstand nicht, worum es ging, es war ihr zu fremd. Den Waffen zollte sie allerdings Respekt. Beeindruckt war sie ebenfalls von den sauberen Rundhütten und dem parkettartigen Fußboden, den die Frauen mit einem breiten Pinsel und verdünntem Kuhdung aufgetragen hatten. Jederzeit ließ sich das Muster ändern oder neu anlegen. Widerlich hingegen schmeckte ihr das Zulubier und sie fand keine Worte, mit denen sie diesen Geschmack hätte vergleichen können. Na ja, sie hatte es zumindest probiert und beobachtete amüsiert, dass sie nicht die Einzige war, die die Nase rümpfte. Ghina gab sich zurückhaltend und bemühte sich, ihre Methoden nicht anzuwenden, was letztlich sicher Luises Bemühen geschuldet war. Diese kleine rundliche, herzensgute Frau strahlte eine Gleichmütigkeit aus, die auch das ärgerlichste Gesicht mit einem Lächeln überziehen konnte. Sie war stets um einen freundlichen Ton bemüht und rettete manche Situation, mit der Ghina sonst den Unmut der Reiseleiter auf sich gezogen hätte.

»Was ist das für ein Gestank?«, rief Ghina eine Stunde später aus, als sie die Gepardenfarm besuchten. »Dieser Dreck ruiniert meine teuren Schuhe.« Womit sie sich wieder einige vorwurfsvolle Blicke einhandelte.
   »Meine Liebe, ich habe dir heute Morgen gesagt, zieh deine Wanderschuhe an, wir gehen in die Natur und der Gestank ist der natürliche Geruch verwesenden Aases, das den Jungtieren zum Fraß vorgeworfen wird«, beschwichtigte Luise und die Umstehenden nickten wohlwollend. »Du hast dich für diese Reise entschieden, jetzt reiß dich zusammen«, fügte sie nur für Ghina und Kathi hörbar hinzu.
   Kathi zückte fasziniert ihre Kamera und ging näher an das Gehege, in dem sich zwei Jungtiere tummelten. Natürlich hätte sie die Tiere lieber in freier Wildbahn gesehen, doch diese Farm diente dazu, Tiere aus unterschiedlichen Lebensräumen miteinander zu kreuzen, um eine gesunde Entwicklung zu gewährleisten. Der Bestand war so weit zurückgegangen, dass die Tierschützer zu diesen Maßnahmen greifen mussten, um die Tiere vor dem Aussterben zu schützen. Wenn die Jungtiere ausgewachsen waren, würden sie in ihren neuen Lebensraum verbracht. Das beruhigte Kathi und sie konnte auf der späteren Busfahrt durch das große Gelände die Raubkatzen in ihrem natürlichen Umfeld beobachten und, wenn auch durch das Glas der Fenster, ein paar ausgewachsene Prachtexemplare fotografieren.
   Nach einem Imbiss fuhren sie nach Johannisburg zurück, machten eine Stadtrundfahrt und verließen am Bahnhof den Bus. Wieder brauchten sie sich nicht um ihr Gepäck zu kümmern, sondern folgten Andreas, der eine rote Fahne schwenkte, durch die wogende Menge hin und her eilender Reisender, Kofferträger, fliegender Händler und mit schmucken Uniformen ausgestattetem Servicepersonal auf den Bahnsteig.
   Dort wurden sie von einer Marimba-Band mit der südafrikanischen Nationalhymne, Nkosi sikelel’i Afrika, begrüßt. Ergriffen blieb Kathi stehen, lauschte dieser Musik und vergaß alles um sich herum. Auch das nächste Lied Shosholoza brannte sich mit den ersten Tönen in ihr Herz. Die Männer in ihren gelben Tuniken mit breit gemustertem Rand schwitzten auf dem von Bremsstaub stickigen Bahnsteig, aber mit flinken Fingern bearbeiteten sie ihre hölzernen Marimbas und verabschiedeten sich nach einem weiteren Lied. Wieder war Kathi die Letzte, sie war so in der Musik versunken gewesen, dass sie nicht mitbekommen hatte, wie die anderen nacheinander den Zug bestiegen hatten.
   »Schön, nicht wahr?« Andreas war neben sie getreten.
   »Ja, sehr schön.«
   »Kommen Sie, Frau Schumann, ich bringe Sie zu Ihrem Abteil, der Zug muss in fünf Minuten den Bahnhof verlassen, damit der Fahrplan nicht durcheinandergerät.«
   »Ja, natürlich, entschuldigen Sie, Andreas, aber diese Musik hat eine Stelle in meiner Seele berührt, die …« Sie schwieg, der Tourguide war schließlich ein fremder Mann.
   »Das kann ich verstehen, mir ging es ähnlich, als ich zum ersten Mal einer Marimba-Band gelauscht habe.« Er schob sie am Ellbogen zur offenen Zugtür und half ihr die Gitterstufen hinauf. »Sie müssen nach links, Sie haben Abteil sieben im Elefantenwaggon, das ist der übernächste Waggon.«
   Kathi hörte, wie die Zugtür hinter ihr zugeworfen wurde, und ging den schmalen Gang entlang. Am Übergang zum nächsten Waggon hatte Andreas sie eingeholt. »Hier sind die Duschen und Toiletten.« Er öffnete die Zwischentür und Kathi folgte ihm in den nächsten Waggon. Auch hier waren die Türen mit Milchglas versehenen.
   »Gibt es in jedem Waggon Duschen?«
   »Ja, immer am Anfang und am Ende, ebenso wie Toiletten, sonst würden wir Probleme mit den vielen Gästen bekommen. Außerdem stehen dort Wasserspender, an denen Sie sich jederzeit bedienen können. Nach Ihrem Waggon folgt der sogenannte Barwagen, daran schließt sich der Speisewagen an. Sobald wir den Bahnhof verlassen haben, treffen wir uns zu einer Begrüßung im Barwagen.«
   Sie hatten ihr Abteil erreicht und Kathi sah ihren schweren Koffer auf dem Bett liegen. Sie war froh, dass sie das Abteil für sich allein hatte. Ein Zweiter hätte sich in diesem kleinen Raum nur bewegen können, wenn einer auf dem Bett lag. Für sie allein passte es. Sie bugsierte ihren Koffer auf das Bord über der Abteiltür, trat auf den Gang und öffnete das Fenster. Auf dem Bahnsteig herrschte rege Betriebsamkeit, Männer eilten am Zug entlang, einer warf prüfende Blicke zwischen die einzelnen Wagen, ein weiterer, dem ein ölverschmierter Lappen aus der Hosentasche hing, rannte nach vorn. Dann erscholl ein Pfiff, Türen klapperten und es dauerte nur einen Wimpernschlag, da war der Bahnsteig leer, der Zug setzte sich in Bewegung, verließ die stickige Bahnhofshalle und rollte in die Nachmittagssonne.
   Die Einführung war kurz und enthielt neben Instruktionen zum Verhalten im Zug auch die Vorstellung des Begleitpersonals, unter ihnen eine Frau, die Kathis Aufmerksamkeit erregte. Die junge Schwarze mochte etwa in ihrem Alter sein und tat sich nicht durch eine besondere Kleidung hervor, unterschied sich in den Farben nicht von den Tuniken ihrer Kollegen. Sie trug eine Frisur, die Kathi noch nie gesehen hatte und die so kunstvoll ihren Kopf zierte, dass sie die Haarpracht gern näher in Augenschein genommen hätte. Hunderte, nein Tausende schwarze Knoten durchzogen das Gebilde und schlossen sich am Ende in einer Ebenholzspange, die blitzte, als ein Sonnenstrahl darauf fiel. Kathi stieß Ghina an.
   »Könntest du für mich von einer deiner Methoden Gebrauch machen?«
   »Was hast du auf dem Herzen?«
   »Diese junge Frau fasziniert mich, ich möchte, dass sie an unserem Tisch bedient, kriegst du das hin?«
   »Lass mich nur machen, nichts leichter als das.«

Kathi wusste nicht, wie Ghina es bewerkstelligt hatte, und im Grunde war es ihr auch egal, als sie beim Abendessen nicht nur mit ihren neuen Freundinnen an einem Tisch saß, sondern auch noch von der jungen Frau bedient wurde.
   »Mein Name ist Miriam und ich werde alles dafür tun, Ihnen während Ihrer Reise jeden Wunsch zu erfüllen.«
   Oje, das war dein erster Fehler, Miriam, und ich kann nur hoffen, dass Luise ihre Freundin Ghina bremst und diese Zusammenkunft für dich nicht in einer Katastrophe endet.
   »Sehr schön, Miriam, bringen Sie uns bitte zum Essen einen Nederburg trocken, gut gekühlt, dazu stilles Wasser.« Ghinas Ton war kühl, aber höflich. »Wir wollen das Personal ja nicht überstrapazieren«, fügte sie hinzu, als Miriam mit einem Nicken im angrenzenden Barwagen verschwunden war.
   »Es wäre unserer Reise sehr zuträglich, wenn du dich mit deinen sonstigen Ausbrüchen zurückhalten würdest, meine Liebe, schließlich wollen wir weder das Personal brüskieren noch bei Kathi einen schlechten Eindruck hinterlassen, oder?«
   »Spiel nicht den Moralapostel, Luise, aber du hast recht, wir sind ja nun doch einige Tage auf diese Menschen angewiesen und können sie nicht austauschen. Das Restaurant können wir auch nicht wechseln.«
   In aufgeräumter Stimmung genossen sie die ihnen servierten Köstlichkeiten, nahmen anschließend ihren Tee und Kaffee ein und suchten sich danach einen Platz im Barwagen, wo sie die zweite Flasche Wein in Angriff nahmen und dazu Erdnüsse knabberten.
   »Nachdem ich euch gestern meine Geschichte erzählt habe«, nahm Kathi das Gespräch wieder auf, »würde mich heute deine Geschichte interessieren, Ghina.«
   »Ich lasse Luise den Vortritt, meine Geschichte erzähle ich dir morgen, ich brauche etwas länger und wir fahren bis nach dem Mittagessen mit diesem Zug, ein Zwischenhalt ist nicht geplant, da haben wir alle Zeit der Welt.«
   »Keine falsche Bescheidenheit, Ghina, aber gut, ich fange dann einfach an. Dabei ist meine Vergangenheit lang nicht so dramatisch wie deine, Kathi, und zwischen meiner und Ghinas liegen Lichtjahre. Manchmal frage ich mich, wie wir uns nur begegnen und anfreunden konnten.« Sie nippte an ihrem Glas. »Ich wuchs auf einer Straußenfarm in der Nähe von Oudtshoorn auf. Mein Vater und meine Brüder schufteten den ganzen Tag mit den Tieren und wir konnten das Vermögen, das meine Großeltern uns hinterließen, zwar nicht wesentlich vergrößern, aber wir überstanden jede Krise und vor ein paar Jahren bauten wir die Farm zu einer Brut- und Zuchtstation um, fügten ein Restaurant hinzu und heuerten einige Bushman-Künstler an. Seitdem führen wir Touristen über unsere Farm, zeigen ihnen Strauße in den unterschiedlichen Entwicklungsphasen, versorgen mit zwei Eiern eine Busladung mit Rührei und verdienen uns dumm und dusslig an den Souvenirs aus Straußenleder. Für die Verarbeitung haben meine Brüder einige Frauen aus der nahegelegenen Township eingestellt, die das wertvolle Leder zu Gürteln, Geldbörsen, Hüten und Handtaschen verarbeiten und sich damit ihren Lebensunterhalt sichern. Ein Schuhmacher in Oudtshoorn stellt bequeme Damen- und Herrenschuhe her. Die Federn, die nicht für Federboas taugen, werden zu Staubwedeln verarbeitet und die Bushman-Künstler bemalen die Straußeneier mit Motiven aus der Bushman-Kultur oder den Big Five. Es ist ein so lukratives Geschäft, dass wir bequem von der Sommersaison leben können. Da für mich auf der Farm kein Platz war, ging ich nach Stellenbosch an die Universität und studierte Finanzwesen und den Kapitalmarkt. Dort lernte ich vor fünf Jahren meinen jetzigen Mann Toni kennen, ein Experte auf dem Gebiet der Kapitalverschiebung von Europa nach Südafrika, zum Zweck groß angelegter Investitionen für zukünftige Entwicklungen. Er ist die erste Adresse für Menschen, die in dieses Land auswandern wollen. Wir haben uns in Clifton, einem Vorort von Kapstadt, niedergelassen und genießen den unverbaubaren Blick auf den Tafelberg und die Küste.«
   »Wow. Das hört sich wie ein modernes Märchen an.« Kathi schluckte und konnte kaum glauben, was sie gehört hatte. »Ist es wirklich so einfach, in Südafrika Geld zu verdienen?«
   »Wenn du in die Touristikbranche einsteigst, über Kapital verfügst, diszipliniert arbeitest und Leute hast, auf die du dich verlassen kannst, kann und ich betone das, kann es einfach sein«, zählte Ghina auf. »Doch nicht jedem ist dieses Glück gegeben.«
   »Nun, wir profitieren von der Plackerei meiner Großeltern, die zur richtigen Zeit in die richtige Geschäftsidee investierten. Doch nachdem die Goldenen Zwanzigerjahre vorbei waren, niemand mehr Federboas trug und der einst begehrte Federschmuck nur noch in der Theater- und Filmbranche gebraucht wurde, mussten sie kämpfen, um ihren Besitz zu erhalten. Ihr Durchhaltewille, den sie meinem Vater eingepflanzt haben, hat uns sehr geholfen.«
   »Bist du deshalb so bescheiden?«, wagte Kathi zu fragen.
   »Nenn es Bescheidenheit, ich habe gelernt, das Geld zu lieben, es aber nicht als Selbstverständlichkeit anzusehen. Es ist nicht einfach da, du musst hart dafür arbeiten, aber dann tut es gut, mit Stolz darauf zu blicken und es mit aller Bescheidenheit für die schönen Dinge des Lebens auszugeben.« Luise zwinkerte und schob Kathi eine unscheinbar aussehende Visitenkarte zu. »Solltest du einmal mit dem Gedanken spielen, Europa den Rücken kehren zu wollen und in Südafrika ein neues Leben anzufangen, dann darfst du dich jederzeit an uns wenden.«
   »Na, das wird wohl nicht infrage kommen. Aber deine Geschichte muss ich erst einmal verdauen. Wobei ich mir nicht vorstellen kann«, wandte Kathi sich an Ghina, »wie du das noch toppen willst?«
   »Wart es ab.« Luise schmunzelte. »Morgen wirst du es erfahren. Mädels, es ist spät und ich brauch meinen Schönheitsschlaf. Ich verkrieche mich in mein Bett. Schlaft gut.«
   »Ich gehe auch besser, meine Beine schreien nach der Waagerechten, und ich bin froh, dass wir noch eine Weile die Aussicht auf die schöne Landschaft genießen können, ohne uns dabei anstrengen zu müssen.«
   »Luise, nimm mich mit, allein bleib ich hier nicht sitzen und die Flasche ist sowieso leer. Die Reste kann das Personal beseitigen. Gute Nacht.« Ghina stand auf etwas wackligen Beinen im Barwagen und hielt sich an Luise fest.
   Kathi drehte sich um und ging in ihr Abteil. Dort zog sie sich aus, löschte das Licht, öffnete das Fenster einen Spalt und blickte auf dem Rücken liegend in den endlosen Sternenhimmel. Sanft wiegte sie der schaukelnde Zug in den Schlaf.
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