Berlin, in den dunklen Kriegsjahren 1942 Der SS-Offizier Jonas Danneberg hat die Gabe, in die Zukunft zu sehen, und verhilft der Reichsregierung zu wichtigen Siegen. Während er im Herzen Berlins seiner Kollegin Miriam näherkommt, tobt auf der Welt die Schlacht. Doch als seine Visionen stärker werden und er das ganze Ausmaß des Krieges erkennt, beginnt er, an der Richtigkeit seines Handels zu zweifeln. Erst als eine alte Magierorganisation mit ihm Kontakt aufnimmt, stellt er sich den Fragen, die ihn schon sein Leben lang quälen. Die Menschen führen nicht nur Krieg untereinander, sondern eine ganz andere Bedrohung scheint nach der Macht über alle Lebewesen zu greifen. Verhindern können dies nur die Magier der Lichtwerke. Jonas muss sich entscheiden, auf welcher Seite er steht. Der Kampf um das Wohl der Menschheit beginnt ...

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ISBN: 978-9963-722-88-4

Seiten: 270

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Sebastian Thiel

Sebastian Thiel
Sebastian Thiel, geboren 1983, lebt und arbeitet als Autor am Niederrhein und fing bereits in der frühen Schulzeit an, sich mit Literatur und Schreiben zu beschäftigen. Er verarbeitet vor allem historische Ereignisse zu fantasievollen Romanen und Jugendbüchern. Im Herbstprogramm 2010 durfte er seinen historischen Debütroman „Die Hexe vom Niederrhein“ erfolgreich publizieren. Der Kriminalroman „Wunderwaffe“ und die Fortsetzung der historischen Reihe, mit „Die Dirne vom Niederrhein“ werden folgen. Im Herbstprogramm 2012 veröffentlichte er den gesellschaftskritischen Roman „Callcenter - Wer dranbleibt, hat verloren“. Darüber hinaus schreibt er unter verschiedenen Pseudonymen erotische Fantasyreihen für Verlage.

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Leseprobe

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Prolog
Vergebliche Hoffnung

17. Juni 1942 – Atlantischer Ozean

Stetig peitschte der Wind gegen die Kommandobrücke des Kriegsschiffes und brachte mit jeder Woge eine weitere Welle schäumendes Weiß über den Bug. Der Regen prasselte unnachgiebig gegen das Fenster und bildete kleine Wasserstraßen, die sich geschwungen den Weg nach unten suchten. Am Nachmittag war der Himmel zugezogen und hatte einen bleigrauen Schleier über das Wasser geworfen, sodass selbst die Späher auf dem Schiff in eine Wand aus Dunkelheit blickten. Captain George Miller sah auf die Uhr. Es war bald so weit.
   Auf der Brücke der USS-Virginia herrschte konzentriertes Arbeiten. Die Geräusche, die die vier Schornsteine des Zerstörers von sich gaben, vermischten sich mit den Lauten der raunenden See zu einem Flüstern. Das Schiff der Clemson-Klasse war vorbereitet für das Rendezvous mit den U-Booten. Der Auftrag, den er erhalten hatte, kam, wie George nicht müde wurde, zu wiederholen, von ganz oben. Geheimhaltungsstufe eins. Es war von allergrößter Bedeutung, dass die amerikanischen Unterseeboote die lebenswichtige Ladung von Nahrungsmitteln und Kommandocodes bekamen. Den alliierten Schiffen ging auf dem Ozean die Luft gegen die Angriffe aus. Die U-Boote der Deutschen stürzten sich wie ein Rudel Wölfe auf die Frachter und Handelsschiffe und versenkten mehr, als die Alliierten ersetzen konnten. Von den Verlusten an Menschenleben ganz zu schweigen. Dabei legten sie eine vernichtende Präzision an den Tag, wie man es sonst nur von gut geölten Maschinen kennt. Aber darauf konzentrierten sich die Führungsstäbe nicht. Für sie ging es in erster Linie um verlorene Bruttoregistertonnen, das war die Währung, in der die Admiräle dachten. George hatte oft genug Gespräche mit dem Oberkommando gehabt, um genau das zu wissen und er hasste sie deswegen.
   Trotz der angespannten Situation ließ er sich nichts anmerken. Mit gespielter Gelassenheit lehnte er sich vor, fuhr sich durch seinen Schnauzbart und stützte sich auf die Sessellehne.
   »Wie lange noch?«, fragte er seinen Ersten Offizier so beiläufig wie möglich.
   »Fünf Minuten.«
   Ein weiteres Mal streifte sein Blick über die Uhr, ohne die Zeit zu lesen. Rhythmisch baute sich das Schiff vor den Wellen auf, nur, um im nächsten Moment wieder über sie zu stürzen. Sie waren mitten im Schoß des Atlantiks und genau wie eine Mutter wiegte auch das Meer sie, ruhig und monoton. George bemerkte, wie seine Konzentration nachließ. Auf seinen Lidern schien eine tonnenschwere Last zu liegen. Seine Gedanken wanderten über die undurchsichtige Wand aus Wellen und Dunkelheit hinaus, bis sie schließlich im fernen Arizona angelangt waren. Seine Hand strich über die abgenutzte Lehne seines Sessels, ganz so, als würde er seinen beiden Kindern über den Kopf fahren. Für einen Herzschlag meinte er, die Hand seiner Frau zu spüren, wie sie zärtlich seinen Nacken entlangfuhr, und ihre rabenschwarzen Haare, die seine Schultern umspielten.
   Es war das Einzige, was alle hier am Kämpfen hielt. Es war die einzige Hoffnung, die sie alle hatten, irgendwann zu ihren Familien, zu ihren Freunden zurückkehren zu können.
   Ein leichtes Zischen durchbrach seine Gedanken, unterschwellig und doch allzu bekannt. Es dauerte einige Augenblicke, bevor er aus dem fernen Arizona wieder ins Hier und Jetzt fand und realisierte, was in den nächsten Minuten passieren würde.
   »Deutsche U-Boot-Flotte auf Kurs 3-8-2!«, bellte der Alarmposten aufgeregt.
   Die nächsten Befehle verließen automatisch seine Lippen. »Torpedo Alarm, hart Steuerbord!«, raunte George in Richtung der Offiziere. Er warf einen Blick aus den nassen Fenstern, dann auf das grün leuchtende Sonar. Sofort erkannte er, was niemand sonst erwartet hatte, weil es beinahe unmöglich war. Die kleinen, blinkenden Punkte waren nichts anderes als U-Boote der Kriegsmarine, die sich rasend schnell ihrer Position näherten. Hitlers dunkle Schatten, lautlos – tödlich.
   »Wie konnten sie …? Gegenmaßnahmen einleiten!« Doch sein Ruf verhallte.
   Schon die erste Druckwelle des Aufschlags glich einem Erdbeben. Ohrenbetäubender Lärm durchbrach die rhythmischen Laute der Brücke. Glassplitter durchschnitten sein Gesicht, als er zu Boden geworfen wurde. Seine Zähne prallten schmerzhaft aufeinander und George spürte seine linke Hand nicht mehr. Trotzdem versuchte er, sich wieder aufzurichten. Mehrere seiner Offiziere waren ebenfalls zu Boden gestürzt.
   Ein dankbarer Tod, war der einzige, makabere Gedanke, der ihm in diesem Moment durch den Kopf schoss. Zumindest besser, als wie ein Hund im eiskalten Wasser zu ersaufen.
   Er spürte, wie warmes Blut seinen Rücken hinunterlief und gleichzeitig den kalten Wind, der durch die gesplitterten Fenster hereinpfiff.
   »Wir müssen …«, doch sein Satz wurde von der zweiten Detonation unterbrochen. George wurde auf die andere Seite der Brücke geschleudert. Obwohl er von dem Sturz benebelt war, hörte er seine Männer schreien. Hastig versuchte er, Luft in seine Lungen zu pumpen, doch das rasselnde Geräusch, das bei jedem Atemzug an seine Ohren drang, ließ Schlimmes vermuten. Neben ihm landete sein Erster Offizier. Er versuchte, auf die Stelle zu blicken, wo früher einmal das Gesicht des Mannes gewesen war. Ein Schauder überkam ihn. Verzweifelt bemühte er sich, etwas zu sagen, doch anstatt seiner Stimme vernahm er nur ein gequältes Gurgeln. Den dritten Einschlag spürte er kaum noch. Rücklings starrte er aus halb geöffneten Augen an die Decke, der Blick glasig.
   Zum zweiten Mal an diesem Abend flogen seine Gedanken über die raue See, die schäumenden Wellen, die schwarze Wand, bis hin zu seiner Farm und seiner Familie. Die Angst, dass der Abschied vor Monaten das letzte Mal gewesen sein würde, bei dem er sie sehen und berühren konnte, wurde schreckliche Gewissheit. Bis zuletzt war Hoffnung das Einzige, was ihn aufrecht stehen ließ, doch mit den letzten Atemzügen wurde ihm bewusst, dass sie vergebens war.

Kapitel 1
Wahre Gefühle

17. Juni 1942 – Deutsches Reich, Berlin
8 Stunden zuvor

»Du bist nur noch am Arbeiten. Wir sehen uns kaum noch.« Inges Blick ging langsam zu Boden, sie stieß einen kleinen Seufzer aus und faltete die
   Hände in ihrem Schoß. Für einen Herzschlag war ihre Atmung lauter als die der Gäste im gut besuchten Café. Helle Sonnenstrahlen brachen durch die Fenster und wiegten ihr Gesicht in einem warmen Schein. »Die letzten Wochen … es war immer dasselbe. Ich verstehe ja, dass es wichtig ist, aber unsere Beziehung ist auch wichtig. Seitdem du befördert wurdest …« Ihre Stimme wurde langsam höher, sie musste schlucken, ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie hatte sich fest vorgenommen, nicht zu weinen, doch nun musste sie durch den Mund atmen und ihre Nase hochziehen. Mit einem Taschentuch tupfte sie sich die Augen ab und schlug ihre Beine übereinander, dabei sah sie weiterhin auf den Boden. »Wir hatten eine schöne Zeit, aber ich habe einfach nicht mehr das Gefühl, wichtig für dich zu sein.« Nachdem sie diese Worte ausgesprochen hatte, schaffte sie es, ihre Haare aus dem Gesicht hinter die Ohren zu streifen und ihm endlich in die Augen zu sehen. »Sag, dass du mich liebst. Sag, dass du mehr Zeit hast, dass du mich ansehen kannst, wie Liebende sich ansehen sollten.« Sie flehte, fixierte ihn und versuchte, in seinen grünen Augen zu lesen. Eine Regung, ein Gefühl – irgendwas. Sie versuchte, das zu erkennen, was sie sich immer erhofft hatte. Ihr Blick hielt seinem nur für wenige Sekunden stand, dann rollten weitere Tränen ihre Wangen hinunter und das Bild verschwamm wie durch einen Schleier aus milchigem Nebel. »Sag etwas«, flehte sie, »Jonas, bitte.« In ihrer letzten, von Hoffnung gezeichneten Bewegung, ging sie auf ihn zu, stützte die Arme auf den Tisch und hielt ihm ihre Hand hin.
   Er schwieg. Ihn so ruhig zu sehen, schien ihr wie pure Provokation.
   »Jonas Danneberg, du bist es mir schuldig, wenigstens etwas zu sagen!« Die Lautstärke und Intensität ihrer Stimme erschreckte sie.
   Er hatte sich alles angehört, ruhig und wortlos. Mit versteinerter Miene hatte er ihr die ganze Zeit in die Augen gesehen. Jetzt sank sein Blick und ruhte auf ihrer geöffneten Hand. Sein Atem war tief, sodass sich sein Brustkorb wölbte und es den Anschein hatte, als wollte er losschreien. Doch anstatt laut zu werden, wandte der groß gewachsene Soldat seinen Blick ab und ließ seine Nackenknochen knacken. Das dumpfe Geräusch erfüllte für wenige Sekunden das Café und ließ einige Gäste aufmerken.
   »Du willst also unsere Beziehung beenden?«
   Sie machte eine kurze Pause und zwang sich, weiterzureden. »Die ganze Zeit bist du so kalt. Abweisend. Ich habe das Gefühl, dass wir zwar miteinander reden, aber nichts sagen. Irgendwie … leben wir in verschiedenen Welten. Vielleicht …«, ein weiteres Mal musste sie schlucken. Ihre Konzentration galt der Aufrechterhaltung ihrer Stimme, die im Gewirr des Raumes immer dünner zu werden schien. »… dann ist es vielleicht das Beste für uns beide.«
   Noch einmal holte er tief Luft und zog aus der Innentasche seiner Uniform seine Geldbörse hervor. Einige Reichsmark fielen klimpernd auf den Tisch, und noch ehe die letzten zur Ruhe gekommen waren, stand er auf.
   »Du hast recht. Dann ist es wohl das Beste für uns beide«, entgegnete er mit einem kühlen Lächeln. Noch eine Sekunde blieb Jonas’ Blick auf ihren verheulten Augen ruhen, dann verließ er das Café und somit auch sie.
   Ihr Schluchzen konnte er nicht mehr hören, da hatte er bereits die belebte Straße betreten.

Das Licht der Sonne tauchte die Stadt in ein helles Gold und die Blätter rauschten ihre monotone Symphonie in Einklang mit dem zärtlichen Wind, der über Jonas’ Haut strich. Wenn man sich der Lage nicht bewusst war, in der sich dieses Land befand, hätte man diesen Tag durchaus als idyllisch bezeichnen können. Spielende Kinder, flanierende Mütter, keine Spur vom Krieg. Nur er und die graue SS-Uniform waren ein Fremdkörper in dieser Szenerie.
   Er griff in seine Hosentasche, holte ein Päckchen Salem No. 6 hervor und spielte mit der orangefarbenen Zigarettenverpackung, bis er sich eine anzündete und einen tiefen Zug inhalierte. Während er die lichtdurchfluteten Straßen des Stadtteils Lichterfelde durchquerte, spürte er, wie Trauer für einen Augenblick in ihm hochkroch. Sie hatten sich ein paar Monate getroffen, doch eine richtige Beziehung sollte daraus nie werden. Zumindest nicht für ihn. Jonas musste stehen bleiben und sich an eine Häuserwand lehnen. Er wollte kurz zur Ruhe kommen, um seine Emotionen unter Kontrolle zu bringen, auch wenn er sich nichts anmerken ließ, zumindest nicht äußerlich. Wieder kam dieser Schmerz, den er sich am liebsten wegwünschte. Diese Gefühle, die er so hasste, die ihn in der Vergangenheit immer wieder in Schwierigkeiten gebracht hatten, wenn er sie zeigte. Die Empfindungen, die er händeringend zu unterdrücken versuchte. Er lehnte den Kopf gegen die Wand und blickte in den blauen Berliner Himmel. Die wenigen Wolken wurden schnell vom Westwind fortgetrieben und im selben Moment wünschte er sich, dass er es mit seinen Gedanken ebenso tun könnte. Er wollte seinen Beitrag leisten, er wollte, dass dieser Krieg gewonnen wurde, doch bei seiner Aufgabe konnte er sich solche Gedanken nicht erlauben.
   Dummes, kleines Mädchen. Hübsch, aber dumm und naiv. Wie konnte sie nur glauben, dass sie etwas anderes war als ein Zeitvertreib? Ein wenig Kurzweil nach einem anstrengenden Tag.
   Harten Schrittes setzte er seinen Weg fort. Schließlich gab es heute noch etwas zu erledigen. Etwas Wichtiges, was keinen Aufschub duldete. Als wäre der Himmel ein Spiegelbild seiner Seele, zogen sich graue Wolken über seinem Kopf zusammen. Es setzte leichter Regen ein, als er die beiden steinernen Wächter am Eingang der Kaserne der Leibstandarte Adolf Hitler an der Finckensteinallee durchquerte. Fünf Meter hoch ragten die bleigrauen Figuren in die Höhe und schienen ein Abbild dessen zu sein, wie sich die SS ihre Männer wünschte. Dieser Anblick erfüllte ihn immer wieder mit Stolz. Früher war dieser Ort die Hauptkadettenanstalt des königlich-preußischen Hofes. Als Hitlers Leibstandarte hier Einzug hielt, entstanden Torbauten, Wirtschaftsgebäude und Magazine sowie eine große Schwimmhalle nach modernsten Gesichtspunkten, die sogar zu den Olympischen Spielen 1936 genutzt wurde. Ein riesiger Komplex, auf dem man sich verlieren konnte.
   Routiniert erledigte er die übliche Prozedur der Personenüberprüfung am Eingang des großen Hofes und blickte auf das Haupthaus, das wie ein grauer Stein, der jegliche Stimmungen aufsaugt, seinen Schatten auf den kleinen Garten warf.
   Ihm brachte es eine gewisse Genugtuung, wenn die älteren Soldaten vor ihm salutieren mussten. Bedächtig und tief in Gedanken schritt er durch die weite Tür in die marmorgeflieste Empfangshalle. Die schwarzen und weißen Kacheln bildeten einen harmonischen Kontrast in dem hellen Raum. Große Fenster an den Seiten verschafften der sowieso schon prachtvollen Halle einen fast festlichen Hauch. Diese Harmonie wurde nur von den hallenden Schritten der Soldaten gestört, die mit ihren schweren Stiefeln im Takt an ihm vorbeimarschierten. Jonas nahm die große Wendeltreppe in den ersten Stock mit wenigen Schritten und blieb vor der siebten Tür stehen.
   Er zog die Arbeitsuniform gerade, klopfte an und öffnete ohne Aufforderung die Tür.
   »Sieg Heil, Herr Untersturmführer! Der Hauptsturmführer erwartet Sie«, ließ ihn der Adjutant wissen.
   »Danke«, antwortete Jonas und ging auf die Tür zum Büro seines Vorgesetzten zu. Die Stunden, die er hier verbracht hatte, konnte er schon nicht mehr zählen. Und er war für jede einzelne dankbar. Hauptsturmführer Berger hatte ihn in die Schutzstaffel geführt und war der größte Verfechter des Projektes. Ruhig ging Jonas in das Büro und inhalierte den Duft von altem Holz und Papier. Berger stand langsam auf, fuhr sich durch seine kurzen blonden Haare und schritt auf ihn zu.
   »Schön, dass du da bist, Jonas.«
   »Danke, Herr Berger«, entgegnete er.
   Obwohl Berger sein Vorgesetzter war, empfand er mehr als Sympathie für ihn, was er längst nicht von allen seinen ehemaligen Vorgesetzten behaupten konnte.
   »Bist du bereit für deine Sitzung?«
   »Jawohl, Herr Berger!«, sagte er etwas zu laut und durchaus euphorisch.
   Der groß gewachsene, stämmige Mann mit den stahlblauen Augen grinste ein wenig breiter und steckte die Hände in die Taschen der wallenden Uniformhose. »Setz dich, bitte.«
   Jonas nahm auf dem gegenüberliegenden Stuhl Platz.
   »Du weißt, ich mag dich, und wenn du so weitermachst, wirst du eine glänzende Karriere in der Staffel hinlegen, aber der neue Chef hängt mir im Nacken und will Ergebnisse«, sagte Berger fast ein wenig erschöpft und blickte zum Fenster hinaus. »Er ist wie ein grimmiger Silberrücken. Wenn es nach ihm ginge, würden wir Tag und Nacht arbeiten. Er versteht einfach nicht, dass die Ergebnisse nur bedingt erzwungen werden können. Es ist allein unseren guten Resultaten zu verdanken, dass wir in letzter Zeit nicht so viel Druck bekommen haben, aber er wird wachsen, das weißt du.«
   Jonas sah dem Mann ins Gesicht und nickte. Er ließ sich Zeit mit seiner Antwort, obwohl er diese genau kannte. Schließlich hatten Berger und er die Szenarien schon zigmal zusammen erläutert.
   »Ich weiß. Sie werden Resultate bekommen, so viele, dass sie gar nicht daran denken, am Projekt zu zweifeln.«
   Sein Blick hielt dem seines Chefs stand, mehr noch, Berger war es, der als Erster seine Augen niederschlug.
   »Und sollte unser Führer doch der Ansicht sein, dass mein Tod und dessen Folgen dem Reich helfen, dann bin ich stolz, dieses Opfer bringen zu dürfen.«
   Der Hauptsturmführer nickte zufrieden. »Sorgen wir dafür, dass es nicht so weit kommt und der Alte zufrieden ist. Na, dann los, wir haben einen Krieg zu gewinnen!«

Das Licht war im Untergeschoss gedämpfter und die Türen dicker. Beim Aufkommen ihrer Stiefel auf dem Boden erklang ein immer wiederkehrendes, dumpfes Geräusch, das die Monotonie des langen Ganges widerspiegelte. Lediglich unterbrochen von Stromgeneratoren, die ihr leises Surren in den Raum hineinwarfen und von flüsternden Gesprächen der Wachposten am Ende des betonierten Flurs. Vier mit Sturmgewehren, einer – Gleichgültigkeit vorspielend – am Schreibtisch, der rechts vor einer dicken Eisentür stand. Zwei der Soldaten öffneten die Tür und schlagartig änderte sich der Geräuschpegel. Das Tippen von Schreibmaschinen drang ihm ins Ohr, dazu Stimmengewirr und geschäftiges Treiben in dem Büro, das Raum für zehn Arbeitsplätze bot. Im Keller des Gebäudes waren auch weibliche Mitarbeiter des SS-Gefolges beschäftigt, dazu etliche Offiziere und Unteroffiziere sowie einige zivile Wissenschaftler. Alle mit der Geheimhaltungsstufe eins. Jedes Mal, wenn er die Frauen des SS-Gefolges in ihren schwarzen Uniformen sah, musste er unweigerlich mit dem Kopf schütteln. Die knielangen Röcke, die weißen Blusen und dazu die Uniformjacken wirkten ihm zu burschikos. Er kannte keine Person, die hier arbeitete mit Namen, obwohl er sie seit der Gründung vor vier Jahren fast täglich gesehen hatte. Mit einigen Wissenschaftlern hatte er mehrere Tage verbracht, doch ihre Gesichter wieder vergessen. Namenlose Rädchen in der großen Maschinerie, die sich Schutzstaffel nannte. Auch war ihm das Austauschen von Informationen und somit das Sprechen mit Unbefugten untersagt worden.
   Jonas blieb nicht verwehrt, dass er etliche Augenpaare auf sich zog. Er ignorierte sie meist, diese Seitenblicke, dieses Anstarren, obwohl alle versuchten, es genau nicht danach aussehen zu lassen.
   Die meisten wussten nicht, wofür ihre Arbeit eigentlich gut war. Sie durften nur kleine Teilschritte im großen und umfangreichen Arbeitsprozess des Referats Z-1 durchführen, doch die wenigen Vorgänge reichten, um es zumindest zu erahnen. Hier hatten nicht mal alle Führungsoffiziere den kompletten Einblick in die Arbeitsvorgänge. Diese wurden absichtlich so geteilt, dass kein Mitarbeiter bestimmte Schlüsse ziehen konnte. Für die Einhaltung dieser Regeln sorgten SS-Offiziere, die an ihren Schreibtischen an der Tür eines jeden Büros saßen. In solchen Großraumbüros war es durchaus üblich, dass die Grußpflicht entfiel, wenn man nicht direkt angesprochen wurde. So gelangten Berger und Jonas unbehelligt durch die Tischreihen zu einer etwas abgelegenen Stube.
   Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, wurde es wieder ruhiger. Dieser Raum sah nicht nach einem typischen Bunker aus. Er war hell erleuchtet und das dunkle Holz an den Wänden verlieh ihm einen gewissen Charme. Die mit roten Leder überzogene Garnitur und der kleine Eichenschrank mit Getränken wirkten passend und gut ausgesucht. Wären nicht der Erste-Hilfe-Koffer und die Liege vor der einzigen, vom Raum wegführenden Tür, hätte man das Zimmer durchaus als gemütlich bezeichnen können.
   »Wenn du bereit bist«, sagte Berger väterlich. Gerade, als er etwas hinzufügen wollte, wurde er von einem Klopfen an der Tür unterbrochen. »Später!«, rief er.
   Aus Störungen dieser Art resultierte meist ein Wutausbruch seines Vorgesetzten. Jonas musste unweigerlich an die andere Seite des Hauptsturmführers denken. Nicht die väterliche, verständnisvolle, sondern die cholerische, schikanierende Art. Wie er nur zum Spaß Rekruten im Regen hatte exerzieren lassen, bis sie sich übergaben oder wie er einen ganzen Zug zusammenschrie, wenn seine Befehle nicht aufs Genaueste ausgeführt wurden. Er tobte dann von der einen Seite des Hofes zur anderen und seine kurzen blonden Haare bildeten derweil einen scharfen Kontrast zu dem roten Gesicht und der dicken Ader an der Seite seines Kopfes, die anschwoll und zu explodieren drohte. Jonas kannte beide Seiten von Otto Berger und wusste nicht, welche er am meisten mochte. Doch auch diesen Gedanken versuchte er, im Moment zu verdrängen. Es gab Wichtigeres zu tun.
   Wie in Zeitlupe legte er die Uniformjacke über die Rückenlehne des Sessels und öffnete die ersten Knöpfe seines Hemdes. Er hasste, was jetzt kam und spürte den bohrenden Blick des Hauptsturmführers auf sich ruhen.
   Als ob er sich selbst überzeugen müsste, nickte Jonas beiläufig und ging schnellen Schrittes auf die schwarze Tür zu.
   Das Licht in diesem Raum war gedämpft, mehr als in dem Flur, der zu diesem Trakt des Gebäudes führte. Die Wände waren glatt, kein Holz, keine Verzierungen, nur nackter Beton. Dazu eine Deckenlampe, ein Holzstuhl und ein Tisch. Im selben Moment, in dem sich seine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, schloss sich die Tür hinter ihm mit einem Klicken. Er wusste, dass dieser Raum schalldicht war. Trotzdem war er jedes Mal wieder überrascht, wie sehr sich die Ruhe des Raums über seine Sinne legte. Diese Stille hatte er nirgendwo, nur hier. Jonas ließ im Gehen seinen Nacken knacken und atmete tief durch, als er sich langsam auf den Stuhl sinken ließ. Er konzentrierte sich darauf, sein Herz zu hören und legte die Hände flach auf den Tisch. Eine endlose Stille durchdrang seinen Körper und er versuchte, bewusst langsam die Augen zu schließen. Minutenlang verharrte er in dieser Position. Schließlich fiel er tief in seine eigenen Empfindungen und die Welt um ihn herum hörte auf, sich zu drehen.
   »Sag, dass du mich liebst. Sag, dass du mehr Zeit hast, dass du mich ansehen kannst, wie Liebende sich ansehen sollten.«
   Die zarte, beinahe winselnde Stimme von Inge hallte in seinem Kopf wider. Er sah ihre verheulten Augen, wie eine Träne ihre Wangen hinunterlief. Wie sie ihn scheu, fast ängstlich ansah. Und er spürte, wie er sich in diesem Moment gefühlt, es aber nicht gezeigt hatte. Unmerklich kam die Emotion der Trauer, des Verlustes in ihm hoch. Er kniff die Lider zusammen. Die Wut, dass diese Frau nicht verstehen konnte, wie wichtig seine Arbeit war. Der Frust, dass er es ihr nicht sagen konnte, nicht sagen durfte. Die Erkenntnis, dass er sie nie wieder berühren würde, sie nie wieder küssen konnte, von ihr nie wieder hörte, dass sie ihn liebte. Es war vorbei. Die Hände, die eben noch flach auf dem Tisch gelegen hatten, krümmten sich zu Fäusten. Er spürte, wie eine Träne langsam seine Augen verließ. Dann eine zweite, eine dritte. Seine Atmung beschleunigte sich. Die Füße waren jetzt nicht mehr ruhig, sondern wippten und zuckten unkontrolliert über den Boden. Jonas spürte den Schmerz und das Leid, das Inge in dem Moment empfunden hatte, als die Worte ihre Lippen verließen. Als ob eine Hand ihr Herz ergriffen hätte und immer weiter zudrückte. Die Trauer, die Gewissheit, etwas verloren zu haben, und es nie wieder zurückzubekommen. Den hoffnungsvollen Ausdruck in ihren Augen, wenn er sie ansah und die Erkenntnis, diesen nie wieder sehen zu dürfen.
   Dann, als ob sein Geist seinen Körper nicht mehr kontrollierte, wurde sein Kopf zurückgeworfen. Schlagartig waren es nicht nur Inges Gefühle und Gedanken, die er spürte, nicht nur Inges Leid, sondern all die Angst und die Trauer von Hunderten von Menschen. Wie sie um ihr Leben rangen oder es aufgaben. Die eben noch wohlige Wärme des Nachmittags wich augenblicklich einer Kälte, wie er sie selten erlebt hatte. Es war, als würden sich seine Lungen mit Wasser füllen und sein Körper überflutet werden von einer dunklen Angst. Jonas spürte, wie die Seelen auseinandergerissen wurden bei dem Gedanken, zu sterben, zu ertrinken.
   Er musste tiefer rein, viel tiefer.
   Komm …, dachte er und versuchte, sich schmerzverzerrt weiter in die Emotionen und Gefühle hineinzuversetzen, obwohl es ihn innerlich zerriss.
   Es war nass und kalt. Der unbarmherzige Ozean war nun überall und zog ihn weiter in die Tiefe. Von allen Seiten hörte er die Schreie der Sterbenden, das Flehen und die Rufe, während eine krachende Explosion über allem lag. Auf seiner Zunge spürte er den salzigen Geschmack des Meeres, und wie er den bleihaltigen Ton seines eigenen Blutes übertünchte. Brennendes Öl hatte sich wie ein Film über das Wasser gelegt, züngelte in den Nachthimmel, während es sich schaukelnd im schäumenden Wellengang über die Körper einiger Männer ergoss. Dann war es für eine Sekunde still und es schien ihm unmöglich, zu atmen. Er spürte, wie seine Kräfte schwanden und Angst die Oberhand über seinen Körper gewann. Mit einem letzten, verzweifelten Kraftakt schaffte er es, die Oberfläche zu durchbrechen. Sofort waren die Schreie wieder da und ein brennender Koloss kämpfte über ihm mit dem unbarmherzigen Ozean.
   Jonas versuchte etwas weiter zurückzugehen, zu dem Moment, als dem Kriegsschiff die Daten übermittelt wurden. Er spürte, wie er seine Hände auf das Gesicht legte, wie warmes Blut aus seiner Nase tropfte und sich mit den Tränen vermischte. Als ob die Pein versuchte, sein Herz zu spalten und ihm den Atem zu nehmen. Endlich fühlte er, endlich sah er, was er sehen wollte. Die Koordinaten für das Rendezvous der Schiffe.
   Es war wie ein Traum, der es ins Hier und Jetzt geschafft hatte. Erst undeutlich, dann immer schärfer. Vor seinem geistigen Auge tanzten die Bilder, sie zerrten ihn in jede Richtung, sie wurden schwarz und wieder deutlicher. Jonas blieb in der Situation, um die Zahlen zu erkennen, die er so dringend sehen wollte. Gemischt mit Angst und Hoffnungen des Kapitäns des Schiffes.
   Obwohl der Schmerz in seinem Kopf fast nicht auszuhalten war, versuchte sich Jonas die Gedanken zu merken. Die Koordinaten, den Zeitpunkt des Treffens, den Kurs. Doch es war fast unmöglich, alles in sein Gehirn zu schreiben, alles zu fassen.
   Er prustete Luft, vermischt mit Blut, auf den Tisch.
   Seine Hände hatte er zu Fäusten geballt.
   Die hässliche Fratze des Schmerzes hatte ihn in ihrer Gewalt.
   Er war nicht mehr allein in seinem eigenen Geist. Die Gefühle von Dutzenden, Tausenden schienen sich dort eingenistet zu haben. Sie schrien und brüllten. Seine Lider zitterten, während seine Pupillen rasten.
   Schließlich, nach unendlich anmutenden Sekunden schaffte er es, wieder Luft in seine Lungen zu ziehen.
   Er sackte langsam vom Stuhl. Mit einem dumpfen Knall schlug er auf dem Boden auf.

Kapitel 2
Der Beitrag

»Scheiße«, wimmerte er und versuchte, sich zu beruhigen. Jonas packte sich am Kopf und drückte so fest zu, dass es wehtat. Er versuchte,
   den Schmerz förmlich aus seinem Gedanken rauszudrücken. Dabei ordnete er seine Emotionen. Er befahl sich, die Daten und Zahlen weiter im Kopf festzuhalten, die zu entrinnen drohten wie feiner Sand durch ein Sieb. Erst jetzt merkte er, dass er in einer Blutlache lag. Sie fühlte sich warm und klebrig an. Und es war mehr als bei den letzten Malen. Viel mehr. Anscheinend wurde es schlimmer.
   Nur mit Mühe konnte er sich aufrichten, bis er vor dem Tisch kniete. Merklich füllten sich seine Lungen wieder mit Sauerstoff. Dabei wischte er sich Blut, Tränen und Speichel aus dem Gesicht, stemmte die Hände auf die Oberschenkel und betrachtete die triste Decke. Nach einiger Zeit war er bereit, aufzustehen. Er war noch etwas wacklig auf den Beinen, als er den Stuhl gerade rückte und unter den Tisch stellte. Er schätzte, dass circa zwanzig Minuten vergangen sein mussten. Es hätten genauso gut zwei Minuten oder zwei Stunden sein können. Bevor er die Hand auf die Klinke der schalldichten Tür legte, wischte er seine Hände an der Hose ab, zog seine Uniform zurecht und fuhr sich noch einmal durch das Gesicht, um die gröbsten Spuren seines Beitrags wegzuwischen. Die Wangen waren noch erhitzt und der Schweiß stand ihm auf der Stirn, doch sein Blick war wieder klar. Als er durch die Tür torkelte, wartete Berger schon auf ihn.
   »Wie geht es dir?«, fragte er in einem aufrichtig klingenden Ton. Er blieb allerdings sitzen.
   »Gut. Danke, Herr Berger«, antwortete Jonas, während er hustend versuchte, nicht allzu mitgenommen auszusehen.
   »Was hast du für uns?«
   Jonas griff sich eine Flasche Wasser aus dem Eichenschrank und nahm an der Seite seines Vorgesetzten Platz. Nach einigen großen Zügen erzählte er alles, woran er sich erinnerte. Alle Daten und Zahlen, egal, ob sie ihm wichtig oder unwichtig erschienen. Kurs, Positionsdaten, Protokolle, es floss nur so aus ihm heraus. Mittlerweile fiel ihm sogar das monotone Wiedergeben leichter und somit erstattete er Berger in einem sachlichen und ruhigen Ton Bericht. Nachdem Jonas seine Vision zu Protokoll gegeben hatte, stand Berger hastig auf.
   »Danke Jonas, das war wirklich sehr gut«.
   »Vielen Dank, Herr Berger.«
   »Lass dir Zeit, dein Tag ist für heute beendet. Ruh dich aus«, sagte Berger und klopfte ihm anerkennend auf die Schulter.
   Als die Tür ins Schloss fiel, setzte sich Jonas aufrecht hin und lächelte, obwohl die Anstrengungen ihren Tribut forderten. Die Daten, die er geliefert hatte, gingen sofort in die Auswertungsabteilung und in wenigen Stunden würden die Informationen vielleicht schon zu einem großen Sieg beitragen können. So hoffte er zumindest. Die wohlige Wärme des Triumphs überkam ihn und ließ das erschöpfte Lächeln zu einem Grinsen wachsen. Nachdem er einen weiteren Schluck aus der Flasche genommen hatte, stand er auf.
   Das Pochen in seinem Kopf ließ kontinuierlich nach und aus der unendlichen Pein wurde langsam ein dumpfer Schmerz. Immer noch unangenehm, jedoch durchaus auszuhalten. Wäre da nicht diese große Lache Blut, die immer noch auf dem Boden der Kammer klebte. Anfangs konnte er diese Wahrscheinlichkeiten ohne Probleme aushalten. Sie kamen zufällig, überraschten ihn beim Schlafen, beim Essen oder gar beim Sex. Doch seitdem er sie reproduzieren konnte, ging es ihm von Tag zu Tag schlechter. Waren es anfangs nur Kopfschmerzen, wurden es nach und nach Blutstropfen, schließlich ganze Schwalle, die aus seiner Nase hinausschossen. Unbehagen nistete sich in ihm ein wie eine Krankheit, der er nicht habhaft werden konnte.
   Nachdem er sich weiter beruhigt hatte, streifte er seine Uniformjacke über. Ihm war klar, dass er immer noch mitgenommen aussah, und er wunderte sich jedes Mal, warum sie nicht an ein Bad gedacht hatten, als diese Räume eingerichtet wurden. So musste er durch die Büroräume, um auf die Toilette zu kommen. Dabei war er sich sehr wohl bewusst, dass sie ihn wieder ansahen wie einen bunten Hund, einen Sonderling, etwas, das sie nicht verstanden. Jonas hasste sie dafür.
   Er erreichte den Vorraum zu den Toiletten und ließ sich Zeit, als er sich das Gesicht wusch und die letzten Reste seines Blutes abwischte. Mit lautem Stöhnen ließ er sich auf das große Sofa im Vorraum der Bäder sinken und dachte an die vergangene Stunde, versuchte, sich weiter zu beruhigen. Er war nach einer Sitzung noch nie so schwach gewesen. Natürlich waren die meisten erfolglos. Und natürlich brauchte er Zeit, um sich zu erholen, deshalb waren diese Sitzungen vom Referat nur für jeden zweiten Tag angesetzt, aber dass Jonas sich so erschöpft und leer fühlte, machte ihm Angst.
   Was war diesmal anders? Seine Vorahnung ließ ihm einen Schauder über den Rücken laufen und brannte sich tief in seinen Geist.
   Vielleicht war er einfach nur erschöpft. Die letzten Monate waren hart, aber erfolgreich. Es gab nur wenige Möglichkeiten, ihn in einen Zustand des Sehens, oder wie auch immer Berger es nannte, zu versetzen. Eine war Schmerz, körperlicher Schmerz, doch dies behielt er für sich. Die andere Möglichkeit missfiel Jonas ebenfalls. Diese hatte er heute erlebt. Trauer, Eifersucht, Hass, Liebe, kurz Emotionen. All das, was ihm in der Vergangenheit immer wieder Schwierigkeiten bereitet hatte. Kurz musste er an die Erniedrigungen vergangener Jahre denken. Ein schwarzer Schleier der Ohnmacht legte sich kaum merklich über ihn. Langsam und ohne es zu wollen, schlossen sich seine Augen und sein Körper sackte in sich zusammen.

Ich spüre den Sand auf meiner Haut und merke, wie mir vom Laufen ganz schwindelig wird. Endlich können wir einige Momente Ruhe genießen, bevor wir in das Erdloch springen. Doch zum Staubabputzen und Durchatmen lässt der Jungzugführer uns wenig Zeit. Der Chef der Pimpf-Gruppe ist ein hagerer Junge, der mit seinen fünfzehn Jahren gerade einmal zwei Jahre älter ist als ich.
   »Wo ist diese verdammte Fahne?«, zischt er mehr zu sich als zu uns unterstellten Jungen. Während die Nachmittagssonne langsam hinter den Bäumen versinkt, kündigt die schwere, stickige Luft einen baldigen Regen an.
   »Wir müssten längst da sein«, schimpft er atemlos weiter. Jeder hier spürt die Unsicherheit, die er ausstrahlt.
   Besonders ich. Wenn wir nur schnell genug die Fahne der gegnerischen Gruppe erobern könnten … wir würden vom Unterführer eine weitere Litze verliehen bekommen. Dann wäre es bald vorbei, dieses unendliche Laufen, das ständige Kämpfen und die üblen Beschimpfungen.
   Zitternd lege ich meine Hände auf den staubigen Boden und versuche, meinen Atem unter Kontrolle zu bringen. Das Hämmern in meinem Kopf wird stärker, wie ein schwarzer Schatten, der langsam in mir hochkriecht und nach einigen Herzschlägen meine Augen erreicht. Kraftlosigkeit überkommt mich, ich ignoriere sie. Ich will noch tiefer eintauchen! Ich befehle es mir. Nach einigen Atemzügen wende ich das Wort leise an meinen Jungzugführer.
   »Ich denke, sie ist ein wenig weiter östlich vom Wald.«
   »Woher willst du das wissen, Jonas?«, blafft er mich an.
   »Bei der Lagebesprechung konnte ich einen Blick auf die Karte werfen«, lüge ich und blicke dabei wie von Seilen gezogen zu Boden.
   Penibel achte ich darauf, dass meine Kameraden nichts von der Unterhaltung mitbekommen. Mit voller Absicht lasse ich es so aussehen, als würde unser Anführer die Entscheidung allein getroffen haben. Zumindest so viel habe ich hier schon gelernt.
   »Gut, wir versuchen es etwas weiter im Osten«, flüstert der Anführer. »Und du! Wisch dir die Nase ab!«
   Ich merkte gar nicht, wie sich die rote Flüssigkeit warm auf meine Hände legt und von dort aus in den staubigen Boden des Erdlochs tropft.
   Mit einem halb lauten: »Marsch, marsch!«, setzt unser Vorgesetzter den Trupp in Bewegung.
   Spät am Abend wird ihm vor dem ganzen Fähnlein eine Litze verliehen für außerordentliche Leistungen im Felde. Benebelt bekomme ich von der Rede des stolzierenden Unterführers wenig mit. Ich kann meinen Blick nicht von den tänzelnden Flammen des Feuers abwenden, um das man uns befohlen hat. Wankend stehe ich mit den anderen Pimpfen des Jungvolks in einer Reihe und konzentriere mich darauf, nicht ohnmächtig zu werden und den ziehenden Schmerz in meinem Kopf zu unterdrücken, während Blut langsam aus meiner Nase fließt und Tränen meine Wangen hinunterlaufen. Schwäche ist hier nicht erlaubt …


Noch an der Schwelle zum Unterbewusstsein schreckte er hoch und wischte sich den Speichel vom Mund. Dabei spürte er, wie die Gefühle wieder hochkrochen. Erst langsam, dann immer schneller und stärker, als wäre ein Teil seiner Seele immer noch dort, am Lagerfeuer, vor vielen Jahren.
   Jonas’ Augen weiteten sich. Mit einem Mal verlor er sich in einer schier unglaublichen Angst. Noch eine Vision. Doch wie konnte das sein … vor wenigen Minuten erst hatte er eine erhalten. Diese war anders. Härter, unbarmherziger als alles andere drang sie in seinen Geist.
   Es war nicht sein Schmerz, es war der von Hunderten, Tausenden – Millionen. Vage Bilder von einer großen grauen Wand schossen ihm in den Kopf. Sie war riesig, einfach nicht zu greifen, diese unendliche Trauer und Hilflosigkeit, als würde die ganze Welt für einen Herzschlag vor Schmerzen aufschreien. Die Qual durchschoss seinen Leib in Schüben, als wäre er dem Höllenfeuer hier auf Erden ausgesetzt.
   Dann war es vorbei, so schnell, wie es gekommen war.
   Jonas atmete tief. Zitternd strich er sich die Haare nach hinten. Noch bevor er einen klaren Gedanken von dem erfassen konnte, was gerade passiert war, wurde er unterbrochen.
   »Hatten Sie einen anstrengenden Tag, Herr Untersturmführer?«
   Jonas’ Kopf fuhr herum. Im Türrahmen lehnte eine junge Frau des Gefolges und fixierte ihn mit besorgtem Blick.
   »Wie bitte?«, murmelte er kraftlos.
   »Fühlen Sie sich nicht wohl? Ich könnte Hilfe holen, wenn Sie möchten.«
   Er schüttelte den Kopf. »Nein, danke. Ich wollte nur …«, seine Stimme verlor an Kraft. Mit einer schwachen Handbewegung winkte er ab. »Danke, mir geht es gut. Haben Sie nichts zu tun, Frau …?«
   »Mein Name ist Claasen, Miriam Claasen, Herr Untersturmführer«, entgegnete sie rasch. »Doch, eine ganze Menge sogar. Aber man kann nicht die ganze Zeit dem Volk und dem Führer dienen, hin und wieder muss man auch das Bad aufsuchen und ein wenig verschnaufen.« Sie zog die Augenbrauen hoch und richtete ihre brünetten Haare, die zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren. Ihr jugendliches Gesicht und ihre roten Wangen schimmerten sanft im fahlen Schein der Lampen.
   »Wie Sie meinen.« Jonas röchelte und fuhr sich durchs Gesicht.
   »Was machen Sie hier?«, bohrte die junge Frau weiter nach. »Ich sehe Sie nur ab und zu durch die Räume huschen.« Sie setzte sich demonstrativ auf den Sessel gegenüber dem Sofa, auf dem Jonas Platz genommen hatte.
   »Diese Frage dürfen Sie mir nicht stellen und das wissen Sie auch. Ich sollte Sie dem diensthabenden Offizier melden«, fauchte er, ohne in ihre Richtung zu sehen. Warum ließ sie ihn nicht einfach in Ruhe?
   »Ach, kommen Sie, hier ist kein Diensthabender, dem Sie irgendwas melden müssten. Um ehrlich zu sein, ist das hier der einzige Raum, in dem man sich ein wenig unterhalten kann. Ansonsten dürfte es in jedem Kloster lustiger zugehen.«
   Sie lehnte sich nach vorn und zeigte mit dem Daumen in Richtung der Tür zu den Büros.
   »Das hat auch seinen Grund, Frau Claasen.« Er atmete einen Hauch ihres Parfüms ein. Zart, dezent, er konnte aber nicht einen einzigen Inhaltsstoff benennen. Es duftete einfach nur gut.
   »Ist trotzdem langweilig«, entgegnete sie schmollend und kaute auf ihrer Lippe.
   Es kam nicht oft vor, dass sich Personen des Gefolges gegenüber Offizieren so verhielten, wie die junge Dame es tat. Die SS sah ihr Gefolge mehr als Dienstboten und Gehilfen an. Sie waren gut genug für Schreibtischarbeiten und als Wachpersonal, mehr Zivilisten in Uniform als Soldaten. Und Frauen, die in das Gefolge der Schutzstaffel eintraten, mussten sowieso meist Geld verdienen und kamen aus kleinbürgerlichen, einfachsten Verhältnissen.
   War sie überhaupt alt genug, um in das Gefolge eintreten zu dürfen? Er schätzte sie auf einundzwanzig, vielleicht zweiundzwanzig.
   »Also, klappt das wirklich, dieses Zukunft schätzen?«
   Ihre Frage traf ihn wie ein Schlag. Als hätte sie sich nach dem Wetter erkundigt, wollte sie über Dinge der Geheimhaltungsstufe eins reden. Er ließ ihre Stimme mehrmals im Kopf widerhallen, um sicherzugehen, dass er sie richtig verstanden hatte. Auch war ihm der abwertende, skeptische Ton in ihrer Stimme nicht entgangen. Genauso wenig wie ihre klaren braunen Rehaugen, die im hellen Licht glänzten.
   »Frau Claasen, ich glaube, Sie überschreiten Ihre Kompetenzen.« Jonas erhob seine Stimme. »Sie können nicht einfach …«
   »Was kann ich nicht einfach?« Ihr makelloses Lächeln erstarb. »Hören Sie«, setzte sie erneut an, »jeder hier kann mehr oder weniger sagen, was das Referat Z-1 ist und welche Aufgaben es betreut. Das weiß selbst ich, die erst wenige Tage hier eingesetzt ist. Jeder bekommt ein bisschen mit, auch wenn man nur einen Teilbereich bearbeitet. Und manche verstehen sehr schnell, womit man seine Zeit vergeudet. Wäre das Ministerium nicht so erpicht darauf, dass es so etwas wie … na, was Sie auch immer machen, geben könnte, würden Sie hier nicht rumsitzen.« Ihre Augen funkelten aggressiv und streitlustig.
   Jonas glaubte, sich verhört zu haben. »Für diese Unglaublichkeit …«
   »… könnte ich interniert werden?« Aus jedem ihrer Worte triefte Verachtung. »Ich glaube, eher weniger. Sehen Sie, Herr Untersturmführer, in gewisser Weise stimmt jede Voraussagung irgendwie. Schauen Sie in Ihr Horoskop: Ihnen wird an diesem Tag etwas Gutes passieren. Oder: Sie müssen auf ihre Gesundheit aufpassen. Das sind alles Sachen, die man sich zurechtbiegen kann. Es stimmt halt, weil keine Aussage genau ist und immer schön allgemein gehalten wird.«
   Sie machte eine kleine Pause und achtete genau auf seine Reaktion. Als diese ausblieb, setzte sie erneut an. »Was Sie und die anderen dort in Ihrer kleinen Kammer tun, ist Ihre Sache, interessiert mich auch nicht. Des Weiteren möchte ich auch nicht wissen, ob es zutrifft, aber ich bezweifle, dass es dem Reich und dem Führer in irgendeiner Form nützt. Es ist eine reine Verschwendung von Geld und Ressourcen. Was bestimmt nicht zu Ihrem Nachteil gereicht, oder, Herr Untersturmführer?«, fragte Claasen lächelnd und schlug die Beine übereinander.
   Jonas war so erstaunt über diese Frechheit, dass er erst einmal nach Worten ringen musste. So ungern er es zugab, sie hatte recht. Tatsächlich passierte es nicht oft, dass man die Zukunft zu hundert Prozent voraussagen konnte, vieles war verschwommen, nicht klar genug, um eine Aussage zu treffen. Es waren mehr Wahrscheinlichkeiten, verschiedene Versionen der Zukunft als eine in Stein gemeißelte Aussage. Trotzdem waren ihre Worte ungeheuerlich. Ein klarer Angriff auf seine Person und somit der erste und letzte Tag, an dem sie ihre Thesen verbreiten konnte. Doch damit wollte Jonas sich nicht zufriedengeben, er hoffte, dass sie sich nun in Rage geredet hatte und jetzt etwas sagen würde, was ihr endgültig das Todesurteil einbrachte.
   »Was wollen Sie damit sagen, Frau Claasen?«, schnaubte er, während sich seine Lippen zu einem Strich formten und seine Zähne aufeinander mahlten.
   »Ich will damit sagen, dass wir eine großartige Möglichkeit in unserem Reich haben, mit einem großartigen Führer. Und wenn wir es endlich schaffen wollen, Frieden in diese Welt zu bringen, dann brauchen wir Soldaten an der Front und nicht hier in Berlin in irgendwelchen Kammern, die versuchen, hellzusehen oder Scharlatanerie zu betreiben!« Ihre Stimme blieb ruhig, beinahe stoisch. Als wären es nicht ihre Worte, die sie sprach, sondern das Zitat eines anderen. Dies spielte jetzt keine Rolle mehr, dank ihrer Worte war sie dem Tod näher als dem Leben.
   »Sie entschuldigen eine kleine Schreibkraft des Gefolges, Herr Untersturmführer, ich müsste mal ins Bad«, sagte sie und ließ Jonas sitzen.
   Der einzige Grund, warum er nicht sofort aufstand und Meldung erstattete, war seine Erschöpfung, die immer noch bleiern auf seinen Knochen lag. Ihre Vorwürfe hatte sie nun ausgesprochen, zwar durch die Blume und sehr geschickt, aber sie hatte es ganz klar formuliert.
   Dann brauchen wir Soldaten an der Front und nicht hier in Berlin in irgendwelchen Kammern, die versuchen, hellzusehen!
   Dieser Satz hallte in Jonas’ Kopf wider. In ihren Augen war er ein Feigling. Er musste sich abstützen, als er aufstehen wollte, um den Raum zu verlassen. Das wollte er sich nicht bieten lassen, nicht von so einer Göre. Er lächelte, als er sich im Geiste ausmalte, wie sie Besuch von der Gestapo bekommen würde.

Die Wucht der heutigen Sitzung lag ihm noch in den Knochen. Dennoch wollte er die leidige Aufgabe des Papierkrams lieber jetzt erledigen. Da er keine festen Arbeitszeiten hatte, amüsierte es ihn immer wieder, wenn Berger ihm den Rest des Tages freigab.
   Jonas schritt durch den pompösen Empfangssaal in einen der drei angrenzenden Korridore, in dem er sein kleines Büro hatte. Er schloss die Tür auf und schritt über die Schwelle, während er seine Nase rümpfte. Die Luft stand in dem spartanisch eingerichteten Raum, was daran lag, dass Jonas nur zum Schreiber der Berichte hier war. Somit musste er sich nicht frühmorgens das tägliche Geplänkel auf den Fluren anhören. Ein Vorteil, wenn man allein bleiben wollte.
   Stift und Papier waren fein säuberlich vor ihm aufgereiht, doch er konnte sich nicht durchringen, den Bericht für Berger anzufertigen. Als ob er es geahnt hätte, klingelte sein Telefon. Natürlich war es Berger, kein anderer hätte sonst mit ihm sprechen können oder wollen. Um den Schein zu wahren, versuchte sich Jonas korrekt zu melden.
   »Untersturmführer Danneberg, Referat Z-1.«
   »Guten Tag, Herr Untersturmführer, Hauptsturmführer Berger hier. Schön, dass ich Sie noch erreiche. Würden Sie bitte in das Büro des Obersturmbannführers kommen?«
   Die Frage war natürlich nicht als Frage gedacht, aber normalerweise verhielt sich Berger am Telefon zumindest etwas freundlicher und nicht so dienstlich. Dies konnte nur bedeuten, dass irgendwer bei ihm war und er befürchtete dabei nichts Gutes.
   »Natürlich, Herr Hauptsturmführer, ich möchte Sie auch sprechen, um Meldung über eine bestimmte Person zu machen«, erwiderte Jonas.
   Nachdem er seine Uniform zurechtgestrichen hatte, nahm er die Stufen der Wendeltreppe mit wenigen Schritten. Um zum Büro des Obersturmbannführers zu gelangen, musste er eine weitere Treppe bis in die zweite Etage des Gebäudes nehmen. Eigentlich war es nicht üblich, einen Obersturmbannführer zu einem Referatsleiter zu machen. Jonas sah es als eine Auszeichnung der Wichtigkeit des Referates. Immerhin war sein Pendant bei der Wehrmacht ein Oberstleutnant. Den neuen Dienststellenleiter hatte er noch nicht kennengelernt, er musste erst vor wenigen Tagen angefangen haben. Die Mitteilung hatte er wahrscheinlich einfach überlesen oder sie war untergegangen im Stapel, der sich auf seinem Schreibtisch aufzutürmen begann. Und da er keine Kollegen hatte, die mit ihm redeten und ihm die Informationen im Büro oder in der Teeküche mitteilen konnten, musste er sich wohl selbst ein Bild von ihm machen. Wobei es ihm ein wenig Bauchschmerzen bereitete, dass der Alte, wie Berger ihn genannt hatte, ihn jetzt explizit sehen wollte. Er erreichte den zweiten Stock und ging sofort auf die große Schwenktür zu. Im Büro des alten Referatsleiters war er schon mehrmals gewesen und immer wieder fand er, dass die Luft hier oben anders roch, abgestandener, älter. Er ließ die Nackenknochen knacken und klopfte an der Tür.
   Das mit Holz vertäfelte Büro der Sekretäre glich einem Bienenstock. Ein halbes Dutzend SS-Leute wuselten in dem Vorzimmer herum, sortierten Akten, stellten Schränke auf und telefonierten an ihren Schreibtischen. An den Fenstern waren die Vorhänge entfernt worden, Licht flutete den Raum.
   »Heil Hitler!«, sagte Jonas, den rechten Arm zum Gruß erhoben und die Fersen zusammenschlagend.
   Die anwesenden SS-Leute grüßten gleichgültig zurück und begaben sich direkt wieder an die Arbeit. Um Orientierung bemüht, wandte er sich an den ersten Adjutanten.
   »Ich sollte mich beim Obersturm…«
   »Sie werden bereits erwartet«, unterbrach ihn der Mann, ohne ihn dabei anzusehen, wohl wissend, dass sein Dienstgrad ihm diese Unhöflichkeit erlaubte. Jonas ging durch das Büro und klopfte an der Tür des Obersturmbannführers.
   Ein gebrülltes »Herein!« gab ihm einen ersten erschreckenden Eindruck vom neuen Chef des Referats.
   Vor dem ausladenden Schreibtisch stand ein großer, dicklicher Mann, dem man ansah, dass er das, was andere Leute unter Brüllen und Schreien verstanden, durchaus als normalen Gesprächston betrachtete.
   Jonas schlug auch hier die Hacken zusammen und salutierte. Auch der Alte straffte sich zum Gruß. Jonas konnte sich genau vorstellen, wie er ganze Kompanien nur mit dem Organ, das er seine Stimme nannte, zu befehligen vermochte.
   Auch in diesem Raum waren alle Vorhänge entfernt worden und das Sonnenlicht spiegelte sich auf der Halbglatze des neuen Chefs wider, die nur von einem dünnen Kranz aus braunen Haaren umrahmt wurde. In der Ecke des Büros fiel ihm auch Berger auf, der mit Akten unter dem linken Arm ebenfalls grüßte.
   »Stehen Sie bequem«, ließ der Alte ihn wissen.
   »Danke, Herr Obersturm…«, doch wieder wurde er jäh unterbrochen.
   »Wie Sie wissen, Herr Untersturmführer, ist es die Aufgabe des deutschen Volkes und somit der Herrenrasse, federführend die Geschicke der Welt zu leiten.« Belehrend und die Arme hinter dem Rücken verschränkt, trat er ein paar Schritte auf Jonas zu. Dann setzte er erneut an. »Unser Führer Adolf Hitler wird aus dieser Welt einen besseren Ort machen. Doch dies ist nicht möglich ohne Blut, Schweiß, harte Arbeit und Opfer, die jeder Einzelne von uns zu bringen hat. Sind Sie bereit, Opfer zu bringen?« Er machte eine Kunstpause, damit Jonas ihm mit einem »Jawohl, Herr Obersturmbannführer!« zustimmen konnte.
   Interessant, diesmal ließ er ihn ausreden, dachte Jonas und achtete darauf, seinen Blick nicht von dem Mann abzuwenden. Berger hatte nicht übertrieben, der Alte kam ihm wirklich vor wie ein Silberrücken, der die uneingeschränkte Kontrolle über sein Rudel haben wollte und mit wachen Augen und hängenden Armen durch sein Territorium schleicht.
   »Gut so!«, rief er. »Jeder sollte es sein!« Etwas Speichel schoss Jonas entgegen und landete auf dem Boden. »Leider teilen noch nicht alle diese Einstellung. Hin und wieder muss diese erzwungen werden, teilweise mit Worten, teilweise mit Gewalt. Verstehen Sie, was ich Ihnen sagen will, Herr Untersturmführer?«
   Eine falsche Antwort wäre jetzt fatal. »Jawohl, Herr Obersturmbannführer!«
   Der neue Chef des Referates redete sich in Fahrt. »Teilweise bleibt einem nichts anderes übrig, als die Menschen zu zwingen, ihren Weg zu erkennen. Den besseren Weg. Die meisten sind dumm. Wie Vieh. Sie vegetieren in ihrem nutzlosen Leben vor sich hin. Ihnen muss man einen Ring durch die Nase ziehen und sie an einem Seil in die richtige Richtung führen.« Abfällig schüttelte er den Kopf. Den Weg zu seinem Schreibtisch legte er in aller Ruhe zurück. Fast lässig lehnte er sich dagegen. »Briten, Amerikaner, Franzosen. Wenn wir sie in die Knie gezwungen haben, werden wir ihnen wieder aufhelfen. Und am Ende werden sie uns dafür dankbar sein. Wenn sie verstanden haben, dass wir sie vor ihrem Untergang, vor Gefahren bewahrt haben. Sie alle wissen nicht, wie vielem wir uns gegenübersehen. Der Bolschewismus, die Juden, Verräter, Saboteure.« Er atmete tief ein und ließ über seine Haltung keine Zweifel aufkommen.
   Berger beobachtete seinen Chef mit wachen Augen. Dabei kräuselte sich seine Oberlippe und seine Kiefermuskeln spielten. Ob auch er diese Sichtweise vertrat, war aus seinem Gesicht nicht zu lesen.
   Der Alte fuhr fort. »Um sie zu bekämpfen, muss uns jedes zur Verfügung stehende Mittel recht sein. Und dabei meine ich unter anderem auch Ihr fragwürdiges Talent. Hauptsturmführer Berger hat mich weitgehend ins Bild gesetzt über die Fortschritte, die Sie machen, oder besser gesagt nicht machen.« Der Mann stellte sich kurz wippend auf die Zehenspitzen, um das Wort nicht zu betonen. »Ich gebe zu, als das Ministerium mich über das Referat unterrichtete, war ich skeptisch, doch nun bin ich erschrocken und schockiert, wie viel Geld und wie viele Männer für dieses Unterfangen verschwendet werden.« Wieder machte er eine Pause, damit seine Worte die Wirkung nicht verfehlten.
   Jonas war sich durchaus bewusst, dass der Obersturmbannführer solche Belehrungen und Ansprachen nicht zum ersten Mal hielt.
   »Des Weiteren denke ich, dass Sie ein Scharlatan sind und Ihre Erfolge in der Vergangenheit nur auf Glück und Zufall basierten.«
   Bei seiner Wortwahl zuckte Jonas zusammen.
   »Leider zählt meine persönliche Meinung in diesem Falle nicht und der Reichsführer-SS Himmler hat mir deutlich gemacht, dass die Bemühungen auf diesem Gebiet intensiviert werden müssen.« Der Alte wirkte nun fast ein wenig enttäuscht.
   Jonas musste schlucken, als ihn die Erkenntnis wie ein Schlag traf und taumeln ließ. Diese Worte hatte er schon einmal gehört.
   »Ihre sogenannten Sitzungen, Herr Untersturmführer, fanden bisher drei- bis viermal die Woche statt, diese werden nun einmal pro Tag stattfinden.« Seine Worte waren hart wie Stein und genauso endgültig.
   Berger trat einen Schritt vor und erhob mahnend die Hand. »Wenn ich dazu etwas sagen dürfte, Herr Obersturmbannführer Claasen. Bedenken Sie bitte, dass so eine Sitzung eine gewisse Erholungsphase benötigt.«
   »Das ist mir völlig egal«, blaffte der Alte. »Wir haben einen Krieg zu gewinnen und wir haben diese Welt zu führen. Es ist eine von Gott gegebene Pflicht, dass wir aus dieser Welt einen besseren Ort machen!«
   Als Berger den Namen des neuen Chefs aussprach, zog sich ein Schauder über Jonas’ Rücken. Konnte das möglich sein? Es wäre eine Erklärung, warum die junge Dame so viel über seine Arbeit wusste, und warum sie auch noch so dumm war, dieses laut auszusprechen. Claasen. Miriam Claasen. Innerlich tobte Jonas, während der Alte erneut Luft holte.
   Sein Gesicht nahm puterrote Züge an, während sich einige Schweißperlen auf der Stirn des Mannes sammelten und sein Adamsapfel hüpfend seine Worte unterstrich. »Wenn jeder Deutsche bis ans Äußerste geht, werden wir diese Pflicht erfüllen und glauben Sie mir, Hauptsturmführer Berger, ich weiß, wie ich meine Männer bis zum Äußersten bringen kann!«, drohte Claasen nun in Bergers Richtung.
   Dieser verschränkte nur die Arme, sah kurz auf den Boden, dann wieder zu dem Alten und kommentierte seine Worte mit einem kurzen Nicken. Berger war klug genug, keinen zweiten Versuch zu unternehmen, die Anweisungen des Obersturmbannführers infrage zu stellen. Nachdem er das Gefühl hatte, dass Berger genug von seinen Blicken gestraft worden war, wandte er sich wieder Jonas zu. Er trat noch einen Schritt auf ihn zu, sodass zwischen ihnen nur noch wenige Zentimeter lagen. Seine hervorquellenden Augen blitzten. »Und Sie melden sich morgen pünktlich um 0800 im Referat, Ihre erste Sitzung beginnt dreißig Minuten später. Und ich hoffe mal, dass Ihre heutigen … wie nennen Sie das?«, wandte er sich fragend an Berger.
   »Wahrscheinlichkeiten, Herr Obersturmbannführer.«
   »Ja, dass Ihre Wahrscheinlichkeiten des heutigen Tages brauchbar sind. Ich werde diese sofort weiterleiten und ich erwarte, dass sich hier schnell und effizient Erfolge einstellen. Ansonsten, und das kann ich Ihnen jetzt schon versprechen, haben wir in absehbarer Zukunft keine Verwendung mehr für Sie.«
   Jonas spürte den heißen Atem, während sein Blick auf ihm brannte. Jedes seiner Worte war ein Messer in seinem Geist, das er mit jedem weiteren Satz umdrehte, damit sich die Wunde nicht verschließen konnte. Jonas begann zu zittern und ballte die Hände.
   »Wenn Sie hier nicht effizient genug sind, dann vielleicht unter dem Skalpell eines Arztes. Auch das ist übrigens eine direkte Anweisung vom Reichsführer der SS, Heinrich Himmler.«
   Bei dem Gedanken wurde ihm speiübel. Er stellte sich unweigerlich einen Operationssaal vor. Sein Körper, nackt auf dem Tisch, mit geöffneter Schädeldecke. Um ihn herum stellten Ärzte und Wissenschaftler Messungen mit seinem Gehirn an, wogen es, versuchten, irgendetwas herauszufinden, während er mit toten, aufgerissenen Augen und halb geöffnetem Mund in das Licht der Operationslampe starrte.
   Als Jonas dem Mann antworten wollte, war seine Stimme wie junges Eis – dünn und zerbrechlich. »Jawohl, Herr Obersturmbannführer!«
   »Gut! Und jetzt raus hier.«
   Während er schwer atmend die Tür hinter sich schließen wollte, durchfuhr die Stimme des Alten erneut seinen Körper.
   »Herr Untersturmführer Danneberg?«
   Schon halb im anderen Raum, drehte er sich noch einmal um.
   »Auch ich bin bereit, Opfer zu bringen«, schnaubte Obersturmbannführer Claasen aggressiv, als wäre er jede Sekunde zum Angriff bereit.
   Es schien, als wäre die Temperatur blitzartig um einige Grad gesunken. An seinen Schultern begann sich ein merkwürdiges und unangenehmes Kribbeln auszubreiten, das sich bis in die Fingerspitzen zog. Jonas nickte schnell. Als er die Tür schloss, bekam er noch die letzten Wortfetzen des Alten mit.
   »Sie bleiben noch hier, Herr Hauptsturmführer, ich habe noch einige Fragen an Sie.«
   Dann fiel die Tür ins Schloss, und obwohl Dutzende Menschen in den Büros wie auf Ameisenstraßen liefen und emsig ihrem Tageswerk nachgingen, fühlte er sich unendlich allein. Wie von Seilen gezogen, setzte er einen Fuß vor den anderen. Seine Beine hatten Mühe, das Gewicht des Körpers zu tragen, während er sich über sein Gesicht fuhr. Kalter Schweiß bedeckte seine Hände und legte sich wie ein dünner Film über seine Haut.

Kapitel 3
Fremde Stimmen

Die Nacht hatte Berlin in ihre dunkle Umarmung gehüllt und ihr finsteres Tuch über die Stadt geworfen. Schwarz-weiß-rote Hakenkreuzbanner hingen am Hauptgebäude herunter und flatterten im Wind, als Jonas den Komplex verließ. Er ging durch das Eingangsportal und an den zwei steinernen Soldaten vorbei. Nachdem die Wachen außer Sichtweite waren, holte er die Zigaretten aus der Innentasche und zündete sich eine an. Während er inhalierte und den Dunst in den schwarzen Berliner Nachthimmel blies, ließ er die Erkenntnisse des Tages Revue passieren. Inge würde er nie wiedersehen und auch ihren Kontakt nicht suchen; er hatte einen neuen Chef, der eher einem Bullterrier glich als einem Offizier und er hatte eine Vision gehabt, die er nicht verstand. Ganz davon abgesehen, dass sie immer peinvoller wurden, fragte er sich, wo das Ganze enden würde.
   Jonas ging westwärts zur S-Bahn-Station Lichterfelde und stieg in die nächste Bahn.
   Wenn ein Offizier der Schutzstaffel zugegen war, verhielten sich die Leute anders. Sie hatten Respekt und gleichzeitig auch ein wenig Angst.
   Am Fenster glitten die Stadtteile Dahlem, Steglitz und Friedenau vorbei. Jonas stützte sich auf die Lehne und blickte hinaus. Er ließ seinen Gedanken freien Lauf. Solange er sich erinnern konnte, wurde er von seinen Vorgesetzten auf die Gefahren des Bolschewismus hingewiesen, sie wurden ihm eingehämmert. So war es im Jungvolk, in der Hitlerjugend, später auf der Offiziersschule und in der Schutzstaffel sowieso. Kein Tag verging, an dem nicht der Reichspropagandaminister oder eine andere Parteigröße eine Rede über die weitreichenden Auswirkungen hielt. Was passieren würde, wenn das Dritte Reich den Krieg verliert. Hörbar ließ er Luft aus der Nase entweichen und lehnte seinen Kopf gegen die kalte Scheibe.
   Sie mussten diesen Krieg einfach gewinnen, koste es, was es wolle. Vielleicht war es auch gut, dass sie nun die Sitzungen intensivierten. Zumindest würde er so dem Reich helfen, im Leben oder wenigstens im Tod. Er war sich darüber im Klaren, dass, wenn er versagen würde, wenn er nicht die Leistungen brachte, die von ihm verlangt wurden, dieser vielleicht schneller kommen würde als gedacht. Doch das war ihm egal, solange es dem Land nützte, war er bereit.
   Eine Gruppe junger Damen stieg an einer Haltestelle hinzu und riss ihn jäh aus seinen Gedanken. Sie begutachteten ihn mit kurzen, interessierten Blicken und widmeten sich wieder ihren Gesprächen.
   Jonas’ Blick allerdings blieb auf ihnen hängen, nicht, weil sie so unglaublich hübsch waren, sondern weil er unweigerlich an die junge Frau Claasen denken musste, diese Göre mit dem losen Mundwerk. Ihm ging allerdings nicht in den Kopf, warum die Tochter eines Obersturmbannführers als Schreibkraft im Gefolge anfangen musste. War sie gar nicht die Tochter des Chefs? Purer Zufall? Wohl eher weniger.
   In welcher Beziehung standen sie zueinander? Vielleicht eine entfernte Verwandte? Aber was trieb diese Frau dazu, bei einem unterdurchschnittlichen Sold solch eine Arbeit anzunehmen? Nötig hatte sie es bestimmt nicht, zumindest nicht, wenn der neue Chef ihr Vater war. Diese Frage quälte ihn bis zu seiner Haltestelle im Stadtteil Schöneberg. Er stieg aus und ging die letzte Etappe zu seiner Wohnung an der Kaiserin-Augusta-Straße zu Fuß. Jonas mochte die hohen Laubbäume, die wie riesige Pfeiler an den Flanken der Straße standen. Als Offizier in der Schutzstaffel hatte man gewisse Privilegien, zum Beispiel eine eigene Wohnung, wobei die SS bei der Beschaffung erheblich nachgeholfen hatte. Die näheren Umstände kannte er nicht, wollte er auch nicht wissen. Einem geschenkten Gaul sah man nicht ins Maul. Wobei der Gaul in diesem Falle eher ein strahlender Hengst war. Schließlich hätte die Wohnung gereicht, um einer mehrköpfigen Familie Obdach zu geben. Mitsamt mehreren Dienstmädchen und Köchen.
   Als er an seiner Hausnummer 13 ankam und den Schlüssel in das Schloss steckte, fiel ihm auf, dass die Scheinwerfer eines schwarzen Horchs aufblendeten, der Motor aufheulte und der Wagen beschleunigte. Zügig, aber nicht überhastet. Er erkannte die Insassen nicht, die Aufschrift jedoch war klar und deutlich lesbar: Lichtwerke. Darunter ein Emblem, das ihm nichts sagte und eher aussah wie ein mittelalterliches Wappen. Eine zur Faust geballte Hand, die einen Stock oder einen Stab hielt, in Dunkelheit gehüllt sowie eine alte Kerze, die einen Schein der Helligkeit auf die Faust warf. Hell und dunkel gingen ineinander über, geteilt von einem Banner, ebenfalls in Schwarz-Weiß gehalten. Darauf stand etwas geschrieben, doch das entzog sich seinem Blick. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, es war ihm auch weitestgehend egal. Die SS und die Gestapo hatten erstens bessere Methoden zur Überwachung und zweitens hatte er sich schon länger damit abgefunden, höchstwahrscheinlich überwacht oder besser gesagt kontrolliert zu werden.
   Seine Wohnung war spartanisch eingerichtet. Mehrere Zimmer, die leer standen, eine Küche, die er nie benutzte, ein Bad. Im Schlafzimmer befand sich ein großes Bett, worauf er seine Uniformjacke warf, um anschließend in das große Wohnzimmer zu gehen. Immerhin nannte er einen Volksempfänger des Typs DKE38 sein Eigen. Er stellte das Radio an und wunderte sich, warum keine Ansprache des Reichspropagandaministers Goebbels übertragen wurde. Stattdessen war Volksmusik aus dem Lautsprecher zu vernehmen. Dies entspannte ihn ein wenig. Da er es hasste, den Dreck des Tages mit ins Bett zu nehmen, duschte er und machte sich ein karges Abendessen. Von der Vision noch völlig entkräftet, ging er zu Bett. Den Volksempfänger ließ er laufen. Mit hinter dem Kopf verschränkten Händen blickte er an die Decke.
   Als er sich in den Kissen quälte und die Nacht ihm einen peinvollen Schlaf bescherte, träumte er, dass 8000 Kilometer entfernt gerade der erste Torpedo traf.

Am nächsten Morgen wachte er vor dem Klingeln des Weckers auf. Er war froh, nicht mehr träumen zu müssen. Jonas war weder schweißgebadet noch zitterte er, wie er es aus Filmen oder Romanen kannte. Er war einfach nur wach geworden, schaltete die noch nicht aktivierte Weckfunktion der Uhr auf seinem Nachttisch aus und öffnete langsam die Augen.
   Nachdem er etwas entspannter aus der Dusche gestiegen war, wurde er vom hellen Klingeln des Telefons gestört. Natürlich hatten die meisten Menschen in Berlin kein eigenes Telefon, doch dieses W38 der Firma Siemens & Halske wurde ihm von der Schutzstaffel zur Verfügung gestellt. Für besondere Zwecke, wie es Berger einmal ausgedrückt hatte. Wahrscheinlich nur, um ihn noch besser kontrollieren zu können.
   »Hallo?«, meldete er sich genervt, um zu zeigen, dass die morgendliche Störung alles andere als erwünscht war.
   »Guten Morgen, Herr Danneberg«, sagte eine freundliche Frauenstimme am anderen Ende der Leitung. Dann war Stille.
   »Guten Morgen. Was kann ich für Sie tun?«
   »Haben Sie gut geschlafen?«
   Im ersten Moment meinte er, sich verhört zu haben. »Wer spricht da?«
   »Wir werden uns kennenlernen. Dann werde ich Ihnen diese Frage erneut stellen und ich würde es sehr begrüßen, wenn Sie eine Antwort darauf hätten.«
   Die Leitung klackte.
   Bedächtig ließ Jonas den Hörer sinken.
   Ein Kontrollanruf der Gestapo? Wohl eher nicht. Eine Fehlverbindung? Unwahrscheinlich. Immerhin wusste die Anruferin seinen Namen.
   Was um alles in der Welt wollte diese Frau von ihm? Sein Traum war … nun, gelinde gesagt war er schrecklich gewesen. Schon wieder stand er vor dieser Wand aus Schmerz und Trauer, nicht imstande, sich zu bewegen, zu fliehen, sich der Masse aus Angst zu entziehen. Doch es war nur ein Traum. Und Träume konnte man vergessen und sie gaben keinen Einblick in die Zukunft. Oder?
   Jonas fuhr sich durch die nassen Haare und versuchte mit aller Macht, die Gedanken beiseite zu drücken. Immerhin musste er gleich eine neue Wahrscheinlichkeit erzwingen, was beileibe keine schöne Aussicht auf den neuen Tag war.

Die zwei steinernen Wächter wirkten an diesem sonnigen Junitag fehl am Platz. Und würden nicht überall Soldaten in ihren grauen Uniformen und mit ihren automatischen Gewehren stehen, hätte man fast so etwas wie Harmonie entdecken können. Um 07:50 Uhr stand er vor der Tür seines Vorgesetzten. Ordnungsgemäß wollte er anklopfen, doch in diesem Moment öffnete sich die Tür. Berger schoss ihm entgegen und rempelte ihn fast um.
   »Ah, Jonas, gut, dass du hier bist.«
   »Guten Tag, Herr Berger«, sagte Jonas halb im Zurücktreten.
   Die Antwort von Berger kam schon im Gehen. »Wir haben viel zu tun, beeilen wir uns.«
   Der Gang des Referates Z-1 war voll mit anderen Soldaten und zivilen Mitarbeitern, so mussten sie auf ihren Ton achten.
   »Jonas, nach unserem gestrigen Gespräch mit dem Chef brauchen wir Ergebnisse und davon jede Menge.«
   Er sah Berger an, dass er schon ein paar Stunden hier war und auch, dass das gestrige Gespräch ihn mitgenommen hatte. Jonas wollte nicht wissen, was der Alte ihm noch alles an den Kopf geworfen hatte.
   »Dass unsere Sitzungen nun intensiviert werden, gefällt weder mir noch dir, aber es ist ein Befehl, also werden wir uns daran halten.«
   Sie nahmen den Weg nach unten durch die Sicherheitsschleusen.
   »Gibt es noch irgendwas Wichtiges? Ansonsten würde ich vorschlagen, dass du dein Möglichstes tust, um den Alten zufriedenzustellen.«
   »Nun, Herr Berger, es gab schon gewisse Vorfälle, die ich gern melden würde«, ließ Jonas ihn wissen. Er berichtete in schnellen Sätzen von den Vorkommnissen des heutigen Morgens, während sie im Zwischenraum des Kellers langsam auf die Bürotür des Referates zugingen.
   Berger blickte Jonas nach seiner Aussage überrascht an.
   Dann folgte grüblerisches Schweigen. »Nach der ersten Sitzung gehst du sofort in dein Büro und schreibst einen Bericht über diese Vorfälle, gibst ihn mir und ich leite ihn an die zuständigen Personen weiter.« Er machte eine Pause und kratzte sich an der Stirn. »Dieser Anruf muss einen Ursprung haben, ich bin mir sicher, dass die Gestapo ihn schnell ermittelt haben wird«, mutmaßte Berger. »Kann uns aber egal sein, ich gebe den Bericht noch heute weiter und dann werden wir sehen, was passiert. Bist du bereit, Jonas?«
   »Jawohl, Herr Berger!«
   Wie immer schlug ihnen beachtlicher Lärm entgegen, als die Tür geöffnet wurde. Im gemütlich eingerichteten Vorraum zu seiner Kammer angekommen, wollte Jonas ein paar Schlucke Wasser trinken, bevor er zur Tat schritt. Leider war keine einzige Flasche vorhanden, was er mit einem enttäuschten Ton kommentierte. Wie diese seit dem gestrigen Tage verschwinden konnten, war ihm ein Rätsel.
   Hauptsturmführer Berger war dieser Mangel ebenfalls aufgefallen und er reagierte seinerseits mit einem immer lauter werdenden: »Das ist ja un-glaub-lich!« Berger stürmte durch die noch offene Tür in die Büros – er war jetzt in Bestform, die Ader an seiner Schläfe pulsierte gefährlich.
   Die brüllend lauten Hasstiraden seines Vorgesetzten amüsierten ihn, als er sich auf den Sessel fallen ließ und das Spektakel genoss. Während Berger immer noch schimpfte, sah Jonas, wie ein Fuß versuchte, zwischen den Spalt der Tür zu gelangen, um sie zu öffnen. Noch bevor er reagieren konnte, wurde diese aufgestoßen und eine junge, brünette Frau des Gefolges pustete sich eine Strähne aus dem Gesicht, gleichzeitig darum bemüht, ihr Gleichgewicht zu halten.
   Er lächelte, als er das Gesicht erkannte.
   »Guten Tag, Herr Untersturmführer.«
   »Guten Tag, Frau Claasen«, entgegnete er amüsiert, was sein sowieso schon vorhandenes Lächeln noch ein Stückchen breiter werden ließ.
   Sie trug ein Tablett mit mehreren Flaschen Wasser. Trotz der offensichtlichen Widrigkeiten bewegte sie sich grazil und sicher. Sie musste sich anstrengen, um das schwere Tablett auf den Tisch zu stellen und die Flaschen einzusortieren.
   »Soll ich Ihnen helfen, Frau Claasen?«
   »Nein, vielen Dank, Herr Untersturmführer«, antwortete sie ebenso sarkastisch zurück. »Sie haben mir noch gar nicht Ihren Namen verraten.«
   »Jonas Danneberg.«
   Miriam war fertig mit dem Einräumen und kam auf ihn zu. »Freut mich, Sie kennenzulernen, Jonas Danneberg.«
   Jonas wusste nicht, wie er diese plötzliche Freundlichkeit einzuordnen hatte, dabei hätte er ihr gern Fragen über die Beziehung zu dem neuen Chef gestellt. Seine Gedanken wurden jedoch vom Eintreffen Bergers unterbrochen.
   »Guten Tag, Herr Hauptsturmführer«, sagte Claasen und verließ den Raum. Als sie die Tür leise schloss, galt ihr letzter Blick dem Tablett, das sie stehen gelassen hatte.
   Berger war immer noch rot und atmete schwer vom Brüllen. Kommentarlos nahm sich Jonas eine Flasche Wasser und trank sie bis zur Hälfte. Dann schritt er zu seinem Raum.
   Jonas lehnte sich mit dem Kopf gegen die verriegelte Tür und versuchte, einen Würgereiz zu unterdrücken. Irgendetwas war anders in den letzten Wochen. Während die Visionen an Intensität zunahmen, schien sein Körper sich ihm mehr und mehr zu entziehen, als würde er sich gegen diese Art der Behandlung zur Wehr setzen wollen.
   Zielstrebig setzte er sich auf den Stuhl und legte die Hände flach auf den Tisch. Er schloss die Augen und versuchte, sich in der Stille des Raumes zu verlieren.
   Sein Magen begann zu arbeiten und fast automatisch knackte Jonas mit den Knochen seiner Halswirbel. Früher hatte er lange Zeit so sitzen können und nichts war geschehen. Nun dauerte es keine zwei Minuten, bis er in der Trance war, die seinen Geist wandern ließ.
   Diesmal war dort keine Trauer, kein Hass, sondern nur Hitze. Es roch nach Schweiß, die Luft stand. Automatisch unterdrückte er einen weiteren Würgereiz, er wollte nur diese Wärme spüren, die seinen Körper durchflutete. Die Hände verkrampften sich, schienen zu brennen. Er rieb die Finger aneinander und meinte, Sand zwischen ihnen zu spüren. Die feinen Kristalle fühlten sich rau an, in Gedanken rieb er sie zwischen seinen Händen. Die Wärme wurde zu Hitze und aus den rauen, vereinzelten Körnern entstand eine schier unglaubliche Masse. Wüstensand! So weit das Auge reichte, bis zum Horizont und darüber hinaus. Sein Kopf schmerzte jetzt schon und die Oberlippe kitzelte vom Blut, das aus seiner Nase lief, trotzdem versuchte er, sich weiter und stärker zu konzentrieren. Selbst das Hemd schien ihm auf einmal zu viel an Kleidung für diesen Ort.
   Eine gelblich orangefarbene Wand schien auf ihn zuzufahren, die eben noch klare Luft war geschwängert von Schweiß und Angst. Undeutlich vernahm er die Umrisse einer Wüstenstadt, die nicht schlimmer hätte stinken können. Erschrocken drehte er sich zur Seite, als er mehrere Männer vernahm, die sich in einem abgedunkelten Raum gegenseitig anschrien, Männer in britischen und australischen Uniformen um Lagepläne, Tabellen und Zeichnungen versammelt.
   Seine Beine verkrampften sich und er spürte, wie Speichel aus seinem Mund lief, trotzdem machte er weiter, er wollte Berger nicht enttäuschen. Unter Schmerzen versuchte er, den Namen der Stadt auf dem Plan zu entziffern.
   »Tub… Trub… Tobruk! In Libyen!«, wimmerte Jonas.
   Wieder versuchte er, sich alles zu merken, die Daten, Koordinaten, Feindstellungen. Er spürte die Angst der Männer vor einer deutschen Invasion, hörte, wie sie sich gegenseitig Vorwürfe machten und die Schuld beim anderen suchten. Die britischen Befehlshaber wussten anscheinend genau, dass sie Tobruk nicht mehr lange halten konnten. Die Bilder, die er sah, waren zwar verschwommen, doch deutlich genug, um sich wie flammende Insignien in seinen Geist zu brennen. Das Hämmern in seinem Kopf nahm immer stärker zu.
   Ich muss diesen Ort verlassen, langsam zurückgehen.
   Er hatte, was er wollte. Doch mit einem Mal packte es ihn, ruckartig stellte er sich gerade hin. Er übergab sich würgend. Tränen vermischten sich mit Blut auf seinen Lippen.
   Er war nun nicht mehr in Afrika bei den britischen Offizieren, die einen Verteidigungsplan für die Stadt erstellten. Er war irgendwo anders. Irgendwo, wo der Schmerz unglaublich groß war und ihn aus Millionen Kehlen anschrie.
   Wieder sah er diese graue Masse, die fahle Wand und wie viel Angst sie hatte, wie viel Schreckliches sie schon erlebt hatte und wie viel sie noch erleben würde. Unglaubliche, abscheuliche Dinge. Jonas konnte dort nicht länger bleiben, die Gefühle übermannten ihn. Er konnte immer noch nichts Genaueres sehen, nicht wie bei seinen anderen Visionen, er spürte nur die Emotionen, doch es waren Millionen und zu viel für ihn. Schließlich verließ ihn die Kraft, als würde der Boden die Hände nach ihm ausstrecken und ihn zu sich ziehen.

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