New York 1872 Kapitän Benjamin Spooner Briggs ist auf der Suche nach einer geeigneten Mannschaft für sein Schiff Mary Celeste, aber die meisten Seeleute machen um die Brigantine einen großen Bogen. Die Gerüchte besagen, es handele sich um ein Unglücksschiff. Manche gehen sogar soweit, zu behaupten, dass es an Bord spukt. Doch Briggs hält nichts von dem Gerede. Am 5. November 1872 sticht er in See, um eine Ladung Industriealkohol nach Genua zu transportieren. Mit an Bord ist der Waisenjunge Jim Knox, der froh ist, seinem niederträchtigen Onkel entkommen zu sein. Bereits nach wenigen Tagen sorgen seltsame Zwischenfälle an Bord für Unruhe. Und als es zu einem rätselhaften Todesfall kommt, geraten die Ereignisse zunehmend außer Kontrolle …

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ISBN: 978-9963-52-693-2

Seiten: 207

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Max Pechmann

Max Pechmann
Max Pechmann studierte und promovierte in Heidelberg. Er ist Autor mehrerer Romane, Hörbücher und Kurzgeschichten. Aus seiner Feder stammt u. a. der Horrorthriller „KOR“, der Fantasy-Roman „Rauhnacht“ und der Mystery-Thriller „Der Andere“. Seine E-Book-Serie „Prähuman“ gilt als Geheimtipp. Max Pechmann ist ebenfalls bekannt durch seine Filmessays, die regelmäßig in dem Magazin „Phantastisch!“ erscheinen. Seit 2012 ist er Herausgeber des e-Magazins FILM und BUCH. Unter dem Namen Carl Denning veröffentlicht er außerdem weitere spannende Horrorromane, wie z. B. die Geisterhaus-Trilogie „Blutige Schatten“, „Das Böse“ und „Angst“ sowie die Horrorthriller „Todesstation“, „Darkmoore“ und „Monster“, die alle als e-Book erschienen sind.

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Leseprobe

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Das Rätsel um den Zweimaster Mary Celeste zählt bis heute zu den unheimlichsten Geschehnissen, die sich jemals auf hoher See zugetragen haben.

Die folgende Geschichte basiert auf dieser wahren Begebenheit.

Kapitel 1

Der Tag versprach nichts Gutes. Obwohl es bereits neun Uhr früh war, herrschte eine solche Dunkelheit, dass der Hafenmeister die Gaslaternen bisher noch nicht gelöscht hatte. Das Thermometer neben dem Eingang der Hafenmeisterei zeigte weniger als drei Grad Celsius. Ein leichter Nebel bedeckte den Kai, auf dem nur wenige Matrosen ihrer Arbeit nachgingen.
   Benjamin stand am Fenster seines Büros und sah hinaus auf die Schiffe, deren Masten sich wie kahle Bäume in die Höhe reckten. Vor wenigen Tagen war er Eigentümer einer Brigantine mit dem Namen Mary Celeste geworden. Er wusste nicht, ob dies ein guter Kauf gewesen war oder ob er sich damit ein finanzielles Grab geschaufelt hatte. Das Schiff war in Ordnung. Schon morgen würde er damit in See stechen. Doch eine andere Sache stimmte ihn zunehmend nachdenklich. Es handelte sich um die merkwürdigen Gerüchte, die sich um dieses Schiff rankten. Benjamin glaubte nicht an Geister oder Gespenster, sodass er diesem Gerede n,ichts entgegenbrachte. Aber die Matrosen sahen dies aus einer anderen Perspektive. Seeleute gehörten seit jeher zu den abergläubischsten Menschen. Aus welchem Grund auch immer hatten sie sich in den Kopf gesetzt, dass die Celeste ein böses Schiff sei.
   »Mit diesem Kahn stimmt etwas nicht, Captain Briggs«, hatte erst gestern ein Mann zu ihm gesagt, den er als Koch anheuern wollte. Der Mann sagte ab, kurz, nachdem er die Brigantine gesehen hatte. Ein anderer hatte seine Stelle bekommen.
   Als Benjamin das Rattern von Rädern hörte, blickte er gespannt nach unten. Eine Kutsche rollte den Kai entlang und blieb vor dem Gebäude der Schiffseigner Goodwin und Tempelton stehen, in dem er sein Büro besaß. Er sah einen alten Mann und einen Jungen von vielleicht dreizehn Jahren, die auf dem Kutschbock saßen. Sie stiegen ab. Der Mann band die Zügel um ein Geländer. Als Benjamin ihre Schritte im Treppenhaus hörte, setzte er sich an seinen Schreibtisch und wartete.

Kapitel 2

Jim stieg hinter seinem Onkel Steve die schmalen, hölzernen Stufen hinauf. Die Wärme umgab ihn wie ein wollenes Tuch. Er trug nur eine dünne Hose, ein Hemd sowie eine leichte Jacke. Obwohl die Fahrt bis zum Hafen nicht lang gewesen war, hatte er die ganze Zeit über geschlottert. Auch jetzt erzitterte er noch, wenn ein Rest der Kälte durch seinen Körper drang. Sein Onkel war in einen Mantel aus Biberfell gehüllt. Seine Füße steckten in hohen Stiefeln und sein Kopf zierte ein breiter, schwarzer Pastorenhut.
   Jim wusste nicht genau, was sein Onkel mit ihm vorhatte. Aber instinktiv glaubte er, dass er Jim auf ewig und immer loswerden wollte. Am Sonntag in der Kirche war ihm das seltsam bewusst geworden. Er hatte Onkel Steve mit einigen Gemeindemitgliedern darüber reden gehört, dass sein Neffe sehr bald zur See gehen werde. Natürlich waren darüber alle sehr erstaunt und beglückwünschten Onkel Steve. Was aber niemand wusste, war, dass dies für Jim eine völlig unerwartete Neuigkeit bedeutete. Bis dahin hatte er noch nichts über Onkel Steves Absichten erfahren. Drei Jahre hatte er bei seinem Onkel verbracht, und an diese Zeit erinnerte er sich keineswegs gern.
   Onkel Steve hielt im dritten Stock vor einer der weißen Türen. Sein rundes Gesicht glühte von der Anstrengung des Treppensteigens. Schweiß glänzte auf seiner Stirn. Er wandte sich noch einmal zu Jim um, der abwartend hinter ihm stand.
   »Du sagst zunächst einmal gar nichts«, zischte er und hob drohend seinen rechten Zeigefinger. »Verstanden?«
   Jim nickte.
   Daraufhin klopfte sein Onkel an die Tür.
   »Ja, bitte?«
   Sie traten ein.
   Das Büro war überraschend klein. An der rechten Wand reihten sich drei große Regale aneinander, die sich unter ihrer Bücherlast verbogen und an das Aussehen windschiefer Häuser erinnerten. An der linken Wand standen zwei Aktenschränke. Ein Geruch, der Jim an eine Mischung aus Tabak und Papier erinnerte, lag in der Luft.
   Hinter einem schweren dunklen Schreibtisch saß ein Mann, den Jim auf Anfang dreißig schätzte. Er hatte schwarzes Haar und einen Vollbart. Seine Kleidung bestand aus einem dunklen Kapitänsanzug. Die kastanienbraunen Augen des Mannes besaßen einen warmen Ausdruck, im Gegensatz zu Onkel Steve, dessen Blicke stets hart und kalt wirkten. Jim fiel eine dunkelrote Bibel auf, die vor dem Mann auf dem Schreibtisch lag.
   »Hallo, Captain Briggs«, begrüßte Onkel Steve den Mann.
   Dieser verzog seinen Mund zu einem leichten Lächeln. Er erhob sich und gab Jims Onkel die Hand. »Hallo, Mr. Knox.« Er richtete seinen Blick auf Jim. »Und du musst wohl Jim sein. Dein Onkel hat mir schon viel über dich erzählt.«
   Jim nickte unsicher. Er spürte den warnenden Blick seines Onkels, der ihm bedeutete, auf keinen Fall etwas zu erwidern.
   »Aber setzt euch doch«, bot Briggs ihnen an und deutete auf zwei Stühle, die vor dem Schreibtisch standen.
   Onkel Steve ließ sich ächzend nieder, nahm seinen Hut ab und legte ihn auf seinen Schoß.
   Jim fühlte sich unbehaglich. Was auch immer sein Onkel mit ihm vorhaben sollte, es konnte nichts Gutes bedeuten. Zu viele schlechte Erfahrungen stachen wie Nadeln in seiner Brust. Onkel Steve, der Wolf im Schafspelz. Jim hatte früher Pastoren für ehrliche Männer gehalten. Sein Onkel erbrachte den Beweis dafür, dass es leider auch Gottesmänner gab, denen man nicht trauen sollte. Allein, was sein Onkel mit einem Teil der Kirchengelder anstellte. Dabei war das noch das Geringste. Viel schlimmer trafen Jim die Strafen und Aufgaben, die sich sein Onkel für ihn vorbehielt.
   »Captain Briggs, Sie wissen, weswegen ich hier bin«, begann Onkel Steve in seiner predigenden Stimme.
   »Als wir uns vor ein paar Tagen hier am Hafen trafen, sagten Sie, es ginge um Ihren Neffen.« Der Kapitän betrachtete Jim neugierig. »Ihr Neffe scheint allerdings nicht viel von guten Worten zu halten.«
   Onkel Steve starrte Jim giftig an und trat ihm auf den linken Fuß. »Wieso begrüßt du den Kapitän nicht, Jim? Hast du etwa keine Manieren?«
   »Guten Morgen«, sagte Jim eingeschüchtert.
   »Guten Morgen, Sir«, verbesserte ihn sein Onkel.
   »Guten Morgen, Sir«, wiederholte Jim.
   Kapitän Briggs lächelte. »Ist schon in Ordnung. Der Knabe ist noch ziemlich jung. Beim nächsten Mal wird er es besser machen.«
   »Die Jugend von heute«, sagte Onkel Steve und seufzte. »Da bringt man ihnen von früh bis spät bei, wie sie sich verhalten sollen, und dann tun sie erst recht etwas anderes. Ich bin viel zu nachsichtig mit diesem Bengel. Zu meiner Zeit hätte man ihn grün und blau geschlagen.«
   »Es geht also um Ihren Neffen«, führte Briggs die Unterhaltung zurück zum Thema.
   »Ganz genau, Captain Briggs. Er wohnt nun schon seit drei Jahren bei mir. Seit seine Eltern gestorben sind. Sie kamen bei einem Hotelbrand ums Leben. Sein Vater war mein Bruder. Ich nahm den Jungen bei mir auf, da man ihn sonst in eines dieser üblen Waisenhäuser gesteckt hätte. Ich versuchte mein Bestes, ihn auf den Ernst des Lebens vorzubereiten und gab ihm Unterricht in Lesen und Schreiben, in Mathematik und im Erlernen der Bibel. Mir wäre es am liebsten gewesen – und dabei versuchte ich mit allen Kräften, den Wunsch seines Vaters zu verwirklichen –, wenn Jim die Voraussetzungen für ein Jurastudium erhielte. Als guter Anwalt hätte er später keine Sorgen. Aber Sie sehen ja, dass meine Bemühungen nicht fruchteten. Im Gegenteil, Jim entwickelte sich mehr und mehr zu einem Taugenichts. Daher dachte ich, wie es wäre, wenn man ihn für einige Jahre auf See schickte. Ich überlegte mir, ob dies vielleicht aus ihm einen ehrbaren und tüchtigen Mann werden ließe.«
   »Und deshalb glauben Sie, ich würde ihn anheuern.«
   Onkel Steve verzog sein Gesicht zu einem Rattengrinsen. »Sie stechen doch morgen in See. Ich habe gehört, dass Sie Schwierigkeiten haben, eine Mannschaft zu finden. Und für einen Schiffsjungen ist doch immer Platz.«
   »Als Schiffsjunge, also«, erwiderte der Kapitän. Nachdenklich betrachtete er Jim. »Er sieht mir alles andere als kräftig aus«, sagte er schließlich.
   Der Pastor versuchte offensichtlich, seine Verlegenheit zu verbergen. »Ja, der Junge gehörte noch nie zu den Stärksten. Um ehrlich zu sein, Jim ist ein wenig kränklich. Das hat er wahrscheinlich von seiner Mutter geerbt. Sie litt unter Blutarmut. Doch sicherlich wird ihn das Leben auf hoher See zu einem gesunden und kräftigen jungen Mann gedeihen lassen.«
   »Sieht er nicht viel mehr unterernährt aus?«
   Jim spürte, wie seinem Onkel der Atem wegblieb. Hatte er den Kapitän zunächst nicht einschätzen können, verspürte er nun ein klein wenig Sympathie für ihn. Jemand, der feststellte, dass Jim nicht viel zu essen bekam, konnte kein Mensch wie Steve Knox sein.
   Er sah, wie sein Onkel die Hände zu Fäusten ballte. Dieses Verhalten kannte er zu gut. Mit Sicherheit aber würde er den Kapitän nicht schlagen. Er war immerhin Pastor. Es galt, in der Öffentlichkeit den Schein zu wahren.
   »Unterernährt?«, sagte Onkel Steve mit krächzender Stimme. »Jim ist … er frisst uns die Haare vom Kopf, Captain Briggs. Dass er nicht dicker wird, hängt mit seiner Krankheit zusammen. Er litt kürzlich unter einer starken Grippe.«
   »War es nicht zuvor noch Blutarmut?« hakte Briggs nach.
   Onkel Steve verschluckte sich beinahe. »Aber sicher, was rede ich denn da zusammen? Blutarmut, ganz recht. Jim leidet darunter. Ein Erbe seines Vaters …, ich meine, seiner Mutter. Da fällt mir ein, dass ich noch einen wichtigen Termin habe. Sie heuern ihn doch an, nicht wahr? Captain Briggs, wir beide sind doch Christen.«
   Der Kapitän schien sich unschlüssig. »Wie bereits gesagt, stechen wir schon morgen in See. Die Fahrt geht nach Genua. In der Tat hatte ich große Schwierigkeiten, eine Mannschaft zusammenzustellen. Aber dennoch kann ich Kranke oder Schwache nicht an Deck meines Schiffes gebrauchen.«
   Jim spürte, wie sich in seinem Innern ein dunkler Fleck bildete, der drohte, ihn völlig zu verschlucken. Er musste wohl oder übel damit rechnen, zurück im Pastorenhaus von seinem Onkel windelweich geschlagen zu werden. Der ließ es sich nie nehmen, seine Wut an ihm auszulassen. Am schlimmsten war es, wenn er zuvor Alkohol getrunken hatte.
   Der Kapitän betrachtete Jim noch einmal eingehend, er glaubte, so etwas wie Mitleid in dessen Augen zu sehen. »Nehmen Sie ihn nun auf Ihr Schiff?«
   »Also gut. Ich versuche es mit ihm. Tatsächlich könnte ich einen Schiffsjungen ganz gut gebrauchen. Er wird seine Erfahrungen machen.«
   Steve Knox schien sich zu entspannen. »Dann ist ja alles bestens. Es ist schön, dass es unter uns noch Menschen gibt, die es verdienen, als wahre Christen bezeichnet zu werden. Wenn dies in einer Stadt wie New York geschieht, will das etwas heißen. Ich muss jetzt leider wieder gehen. Jim bleibt am besten gleich hier bei Ihnen, Captain. Ich kann mir denken, dass es viel zu tun gibt, bevor Sie morgen in See stechen.« Er erhob sich und setzte seinen Pastorenhut wieder auf. »Jim, ich hoffe, du wirst mich nicht in Verlegenheit bringen. Denk an deinen Vater. Er wollte etwas Großes aus dir machen.« Sein Onkel machte kehrt und schritt zur Tür. »Auf Wiedersehen, Captain Briggs. Schreiben Sie mir einen Brief, wenn Sie in Genua angekommen sind.« Er öffnete die Tür, ging auf den Flur und eilte die Treppe hinunter, als befürchtete er, der Kapitän könnte es sich doch noch anders überlegen.
   Benjamin Briggs und Jim Knox saßen sich schweigend gegenüber.

Kapitel 3

»Kannst du mir sagen, was das eben zu bedeuten hatte?«, fragte Captain Briggs. Von der Straße ertönte ein lautes »Hü-ja!«, als Steve Knox auf
   seiner Kutsche davonratterte.
   Jim betrachtete schweigend die spiegelnde Schreibtischplatte. Er wusste nicht, was er dem Kapitän antworten sollte. Was würde passieren, wenn er etwas Falsches sagte? Hätte er dann erneut mit Schlägen zu rechnen? Doch Benjamin Briggs wirkte eigentlich nicht wie ein Mann, der, wie sein Onkel, wegen der kleinsten Zwischenfälle Backpfeifen verteilte. Der Kapitän verbreitete eine ruhige, beinahe gelassene Atmosphäre, in der Jim sich irgendwie wohlfühlte.
   »Dein Onkel scheint dich nicht gerade gut behandelt zu haben«, fuhr Briggs fort.
   Diese Offenheit überraschte Jim. Er schaute von der Tischplatte auf und sah dem Kapitän in die Augen. Sie wirkten nicht zornig wie die seines Onkels, sondern strömten eine gewisse Wärme aus, nach der sich Jim so lang gesehnt hatte. »Mein Onkel ist ein gemeiner Mensch, Sir«, sagte er. Seine Stimme hörte sich rau und trocken an.
   Der Kapitän nickte. »Das dachte ich mir. Er ist mir zum ersten Mal am Hafen begegnet. Schon damals machte er keinen guten Eindruck auf mich. Ich dachte jedoch, dass Pastoren, die es tagtäglich mit betrunkenen Matrosen, Hafendirnen und anderen üblen Gesellen zu tun haben, eine raue Art entwickeln. Ich kenne viele Geistliche, die nach außen hin hart erscheinen, doch in Wahrheit angenehme, rücksichtsvolle und herzliche Menschen sind. Bei Knox habe ich mich anscheinend getäuscht.«
   »Onkel Steve schlug mich oft. Ich bekam nur wenig zu essen. Mein Zimmer lag unter dem Dach des Pastorenhauses. Es war undicht und es zog. Wenn es regnete, tropfte es auf mein Bett.« Jim spürte, wie sich Tränen in seinen Augen sammelten. »Ich hasse ihn, Sir.«
   »Ein seltsamer Mensch«, meinte Briggs. »Wahrscheinlich fragst du dich, was ich nun wirklich mit dir vorhabe.«
   Jim, der noch immer mit seiner Wut zu kämpfen hatte, horchte auf.
   »Ich werde dich als Erstes zu mir in meine Wohnung nehmen. Dort wirst du heiß baden und danach wird meine Frau etwas für dich kochen. Du wirst dich den ganzen Tag über nur ausruhen. Wenn du Lust hast, dann schlaf einfach, wenn dir langweilig ist, dann lies ein Buch. Morgen werde ich dich mit an Bord nehmen. Über deine Aufgaben bin ich mir noch nicht ganz im Klaren. Aber etwas werden wir schon für dich finden. Wenn du dich an Bord bewährst, kannst du weiterhin mit mir quer durch die Welt segeln.«
   »Und wenn nicht?« Jim fühlte sich nicht ganz wohl bei der Sache. Hatte er den Kapitän etwa falsch eingeschätzt?
   »Wenn nicht? Darüber habe ich ehrlich gesagt nicht nachgedacht. Aber jetzt machen wir uns erst einmal auf den Weg. Meine Wohnung liegt am Hafen. Wir kommen an der Mary Celeste vorbei. Du kannst dir dabei schon einmal einen ersten Eindruck verschaffen.«
   Die Zeiger der alten Hafenuhr deuteten auf zehn Uhr. Das düstere, trübe Wetter hatte bisher keine Anstalten gemacht, sich zu verziehen. Gelegentlich fielen einzelne Schneeflocken, die am Boden sofort zerschmolzen. Die grauen Wolken hingen so tief, dass sie beinahe die Masten der Schiffe berührten. Das Meer wirkte unruhig. Die Wellen brachten die Schiffe zum Tanzen und klatschten laut gegen die Kaimauer. Die Fock- und Großmasten ragten wie ein blätterloser Wald in die Höhe. Die Taue erinnerten an die Leitungen von Telegrafenmasten.
   An diesem Tag herrschte am Hafen kein sehr großes Treiben. In eines der Schiffe wurden gerade die Utensilien eines chinesischen Zirkus verfrachtet. Die bunten Gewänder der Artisten faszinierten Jim. Er sah eine Frau, die ihren Körper so weit nach hinten bog, dass sie mit ihrem Kopf den Boden berührte.
   »Ich habe gehört, dass sie nach Europa fahren«, erklärte Captain Briggs. »Sie sind Teil einer Tournee, die ein gewisser Barnum organisiert hat. Ein verrückter Mensch. Er präsentiert seinen Zuschauern Menschen mit zwei Köpfen oder Wesen, die halb Tier und halb Mensch sein sollen. Den Leuten gefällt es. Er macht sehr viel Geld.«
   Jim nickte. Er wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Andererseits scheute er sich, überhaupt etwas zu sagen. Sein Onkel hatte ihn durch seine Schläge und fürchterlichen Strafen zum Schweigen verdammt. Ihm lagen die Worte auf der Zunge, aber er brachte sie einfach nicht über seine Lippen.
   Briggs blieb nach einigen Metern stehen. Er schaute erst auf Jim, dann auf das Schiff, das vor ihnen ankerte. Der Stolz stand ihm ins Gesicht geschrieben. »Das ist sie. Das ist die Mary Celeste.«
   Die Länge des Schiffes betrug etwa dreißig Meter. Zwei Masten, deren Segel eingeholt waren, ragten wie riesige Zahnstocher in die Höhe. Die Mary Celeste wirkte alt. Die schwarze Farbe am Schiffsbauch blätterte teilweise ab. Darunter erschienen rote Flecken, die Jim an getrocknetes Blut erinnerten. Eine unangenehme und unheimliche Atmosphäre ging von diesem Schiff aus. Und da war noch etwas. Er hatte den Eindruck, dass ihn das Schiff beobachtete. Die Nackenhaare stellten sich ihm auf.
   »Ich habe dieses Schiff erst vor wenigen Wochen spottbillig erstanden«, sagte Briggs gut gelaunt. »Niemand wollte dieses Schiff haben. Es gehen seltsame Gerüchte über die Mary Celeste herum. Manche behaupten sogar, dass es darauf spuken soll. Dadurch sank der Preis beinahe ins Bodenlose. Der frühere Eigner schien sehr erleichtert zu sein, endlich von diesem Schiff loszukommen. Interessanterweise war es dein Onkel Steve, der mich auf dieses Angebot aufmerksam machte und den Kontakt zu dem früheren Eigner herstellte. Ich nehme an, er bekam dafür eine kleine Provision. Es ist ein wunderbares Gefühl, sein eigener Chef zu sein, Jim. Die Fahrt nach Genua ist sozusagen die Jungfernfahrt meines Unternehmens. Wir befördern mehrere Fässer Alkohol. Meine Frau und ich können es kaum erwarten, in See zu stechen.«
   Jim beobachtete, wie mithilfe eines Krans große Holzfässer an Bord gehievt wurden, wo zwei Matrosen sie in Empfang nahmen.
   »Meine Mannschaft besteht aus sieben Männern«, erläuterte Briggs. »Zwei Amerikaner, ein Däne, zwei Holländer und zwei Deutsche. Meine Frau wird als Passagier geführt. Wie ich schon sagte, für dich werden wir auch noch etwas Passendes finden.«
   Wenige Minuten später erreichten sie die Wohnung von Benjamin Briggs. Sie lag im vierten Stock eines alten Hauses, dessen Fassade vor Schmutz nur so strotzte. Innen jedoch herrschte eine penible Sauberkeit. Sie stiegen die knarrenden Treppen hinauf. Kaum waren sie bei der fraglichen Wohnung angekommen, als die Tür geöffnet wurde und eine hübsche, lächelnde Frau mit schwarzen hochgesteckten Haaren Briggs in die Arme fiel. Sie trug ein weißes Kleid.
   »Hallo, Herr Kapitän«, rief sie erfreut. »Schon wieder zurück von Ihrer Weltumseglung?«
   »Sarah, wir haben einen Gast.«
   Sarah Briggs schaute erst ihren Mann, dann Jim überrascht an.
   »Aha, Sie haben also das interessante Exemplar eines Eingeborenen der Hucka-Hucka-Inseln mitgebracht. Das nenne ich aber eine Überraschung. Herzlich willkommen in unserem bescheidenen Heim. Haben Sie auch einen Namen, der nicht zu kompliziert ist, um ihn auszusprechen?«
   Jim wusste nicht, wie er auf ihr überdreht kindisches Verhalten reagieren sollte. Irgendwie fand er Mrs. Briggs auf Anhieb sympathisch. Andererseits fragte er sich, ob sie nicht einen kleinen Tick hatte. »Ich heiße Jim, Jim Knox.«
   »Na dann kommen Sie erst einmal herein, Jim Knox. Vielleicht möchten Sie etwas von unserer einheimischen Küche probieren? Aber ich warne Sie, bei uns gibt es alles, außer Menschenfleisch.«
   »Menschenfleisch?«
   »Lass sie einfach reden«, sagte Briggs. »Am besten wir gehen hier erst einmal an Bord und probieren die Kochkünste des Smutjes. Du nimmst zunächst ein Bad, Jim.«
   Nachdem sich Jim zum ersten Mal seit langer Zeit mit warmem Wasser gewaschen hatte, fühlte er sich bereits um vieles besser. Bei seinem Onkel hatte es nur eine alte Regentonne gegeben, deren Oberfläche im Winter aus drei Zentimeter Eis bestand.
   Wenige Augenblicke später saß er in frischer Kleidung an einem großen Esstisch. Es gab Lammrücken, ein Gericht, das er noch aus der Zeit mit seinen Eltern kannte. Als Nachspeise stellte Sarah Briggs einen frisch gebackenen Apfelkuchen vor ihn hin. Dazu gab es brühend heißen Kaffee. Jim fühlte sich auf einmal wie im Paradies.
   Nach dem Essen verabschiedete sich Captain Briggs, da er sich noch um ein paar Dinge kümmern musste. Am nächsten Tag, gegen sechzehn Uhr, sollte die Mary Celeste auslaufen. Bis dahin war noch Einiges zu erledigen.
   »Das ist ja ein Ding«, sagte Sarah, als Jim und sie allein am Tisch saßen. »Ich habe noch nie einen Jungen so viel essen sehen.«
   »Ich hab sehr lang nicht mehr so gut gegessen, Ma’am.« Jim fühlte sich satt und wohl.
   »Wie du aussiehst, hast du anscheinend so gut wie gar nichts gegessen.« Sarah warf ihm einen sorgenvollen Blick zu.
   Er zögerte einen Moment. »Ich bekam bei meinem Onkel nicht viel zu essen. Onkel Steve ist Pastor. Das Schlimme dabei ist, dass die Leute in der Kirchengemeinde ihn für einen freundlichen und hilfsbereiten Mann halten. Aber das ist er nicht. Er nutzt die Leute aus und er verschleudert die Spendengelder, die eigentlich für die Renovierung der Kirche gedacht sind.«
   »Weswegen wohntest du überhaupt bei deinem Onkel?«
   »Meine Eltern starben vor drei Jahren bei einem Hotelbrand in Boston. Mein Vater arbeitete für eine Zeitung. Er war Journalist.«
   »Etwa Theodor Knox, der bekannte Reporter?«, unterbrach ihn Sarah.
   »Kannten Sie ihn?«
   »Das kann ich nicht behaupten. Aber ich war ein begeisterter Leser seiner Artikel.«
   »Soviel ich weiß, verfolgte er die Spur eines Mannes, der bereits an mehreren Orten in den USA schwere Brände gelegt hatte«, fuhr Jim fort. »Bis heute weiß niemand, wer dieser Mensch überhaupt war. Doch anscheinend stand mein Vater kurz davor, den Verbrecher zu entlarven.«
   »Dann war es also Mord?«
   »Vielleicht. Auf jeden Fall kamen meine Eltern bei diesem Brand ums Leben. Seitdem wohne ich bei meinem Onkel. Ich hätte eigentlich in ein Waisenhaus sollen. Aber da ich noch einen Verwandten habe, musste dieser mich aufnehmen. Immer wieder dachte ich daran, abzuhauen. Einmal erwischte mich mein Onkel dabei, als ich versuchte, das Pastorenhaus zu verlassen. Danach schlug er mich grün und blau und sperrte Türen und Fenster ab. Ich hatte nicht die geringste Chance, von da wegzukommen.«
   »Aber eines verstehe ich nicht«, sagte Sarah. »Wenn dein Onkel dich eingesperrt hat, aus welchem Grund möchte er dich nun auf hohe See schicken?«
   Jim kam das Verhalten seines Onkels ebenfalls merkwürdig vor. Es stand im völligen Gegensatz zu dem, was er bisher getan hatte. Wenn dieser ihn aus dem Weg räumen wollte, wäre es viel einfacher gewesen, ihn umzubringen. Jims Vater hatte immer gesagt, dass die meisten Arten von Gift im menschlichen Körper nicht festzustellen seien. Aus welchem Grund machte sich sein Onkel nun solche Umstände? Jim war unaussprechlich froh, nicht mehr bei seinem Onkel in dem Pastorenhaus zu leben. Doch zu denken gab es ihm schon.
   »Ich glaube kaum, dass mein Onkel die gute Seite in sich entdeckt hat.«
   »Eine eigenartige Sinneswandlung«, erwiderte Sarah.
   »Mein Vater sagte immer, dass früher oder später jedes Geheimnis gelüftet wird.«
   Sarah grinste. »Dein Vater hat sicherlich sehr viele interessante Dinge zu erzählen gehabt. Seine Artikel waren fast so spannend wie ein Kriminalroman oder eine Schauergeschichte von Edgar Allan Poe oder Wilkie Collins. Theodor Knox vertrat recht originelle Meinungen. Er glaubte an das Übernatürliche, verdeutlichte dabei aber eine sehr nüchterne, beinahe wissenschaftliche Perspektive. Es war nicht das Geschwätz eines Spiritisten, der behauptet, Verbindungen ins Jenseits zu haben. Eine Sache stimmt mich jedoch nachdenklich. Vor ein paar Jahren schrieb er einen Artikel über ein Schiff namens Amazon. Es gingen Gerüchte um, dass es sich dabei um ein Unglücksschiff handeln solle, denn viele Menschen, die mit ihm in Verbindung standen, starben eines seltsamen Todes, verfielen dem Wahnsinn oder verloren aus unerfindlichen Gründen ihr gesamtes Hab und Gut. Natürlich kann ich mich nicht an alles erinnern, was dein Vater geschrieben hat. Außerdem hatte ich den Artikel über das Geisterschiff, wie dein Vater die Amazon nannte, schon beinahe vergessen. Doch vor wenigen Tagen kam mein Mann aufgeregt und rief, dass er nun stolzer Besitzer einer Brigantine sei. Ich war unerhört froh darüber, dass Ben sich endlich seinen Traum erfüllt hatte. Doch als ich das Schiff mit eigenen Augen sah, fiel mir sofort jener Artikel ein, zu dem es auch eine Abbildung gab. Diese zeigte exakt dasselbe Schiff, das Ben gekauft hat.«
   Jim spürte, wie ihm eine Gänsehaut über den Rücken lief. »Mr. Briggs sagte, dass es unheimliche Gerüchte über die Mary Celeste geben würde. Deswegen sei es für ihn sehr schwer gewesen, eine Mannschaft zusammenzustellen. Niemand wollte auf einem Schiff arbeiten, auf dem es spukt.«
   »Siehst du, auch andere scheinen da eine Übereinstimmung gefunden zu haben«, sagte Sarah. »Irgendwie habe ich ein etwas mulmiges Gefühl, wenn ich an unsere Überfahrt denke. Aber vielleicht sollte ich es so machen wie Ben und alles für abergläubisches Gerede halten.«
   »Mein Vater sagte immer, dass Dinge erst dann erwiesen sind, wenn sie bewiesen sind.«
   Sarah lachte. »Das ist ein wahres Wort. Deswegen sollten wir uns nicht weiter darüber sorgen. Außerdem siehst du ziemlich müde aus. Besser, wenn du dich hinlegst. Morgen wird es ein anstrengender Tag.«

Kapitel 4

Es herrschte ein dichter, undurchdringlicher Nebel. Das Knarren des Schiffes sowie das Rauschen der Wellen verkamen zu dumpfen Geräuschen. Am Bug unterhielt sich eine Gruppe Matrosen aufgeregt. Jim stand backbord an der Reling. Sie machten nur langsame Fahrt. Die Segel am Großmast blähten sich kaum, hingen meistens schlaff von den Quermasten.
   »Verdammter Kompass!«, hörte Jim Benjamin Briggs fluchen. »Dieses Ding funktioniert nicht. Es dreht sich ständig im Kreis.«
   »Ich habe schon viel über Nebel gehört, Sir«, entgegnete eine andere Stimme. »Doch dieser hier schlägt alles.«
   »Über diese Gegend gibt es die sonderbarsten Gerüchte, Sir«, sagte eine dritte Stimme. »Ganze Flotten sollen hier verschwunden sein. Manche behaupten, hier sei das Ende der Welt.«
   »Ich möchte nur eines wissen, wieso funktioniert dieser dämliche Kompass nicht?«
   »Das hängt sicherlich mit diesem Ort zusammen, Sir. Wir sollten einfach warten, bis sich der Nebel lichtet.«
   Ein neues Geräusch lenkte Jims Aufmerksamkeit von dem Gespräch ab. Es hörte sich an, als würde jemand im Wasser gegen das Schiff schlagen. Das Pochen klang unregelmäßig, beinahe willkürlich. War das etwa ein großes Stück Holz, das von den Wellen gegen den Schiffsbauch getrieben wurde?
   »Sir, ich glaube, der Nebel lichtet sich, Sir«, rief eine vierte Stimme.
   Der Nebel lichtete sich tatsächlich. Die zähe, graue Masse löste sich langsam auf, sodass Jim wieder das Meer sehen konnte. Er erkannte mit Entsetzen, was das unregelmäßige Geräusch verursachte. Es war eine Leiche, die wie eine Puppe im Wasser auf und ab trieb. Es war die Chinesin, die ihren Körper so weit nach hinten beugen konnte. Als der Nebel sich mehr und mehr verzog, erlebte Jim einen unfassbaren Anblick. Auf dem gesamten Meer trieben tote menschliche Körper.
   Jim fuhr aus dem Schlaf und konnte gerade noch einen Schrei unterdrücken. Er befand sich nicht auf dem Meer, sondern noch immer in der Wohnung von Benjamin und Sarah Briggs. Es musste mitten in der Nacht sein, eine tiefe Dunkelheit erfüllte das Zimmer, in dem er lag. Doch etwas irritierte ihn. Ein merkwürdiges Licht, das seinen Ursprung vor dem Schreibtisch hatte. Es waren zwei rot glühende Punkte, die in der Luft schwebten. Als er sich an die Dunkelheit gewöhnte, erkannte er, dass diese leuchtenden Punkte zu einem Gesicht gehörten. Sein Onkel, Steve Knox, hockte wie eine Eule auf dem Stuhl, über den Jim seine Kleidung gelegt hatte, und starrte ihn mit seinen rot glühenden Augen an. Sein Mund verformte sich zu einem hässlichen Grinsen und gab dabei den Blick auf eine Reihe spitzer Zähne frei. Steve Knox kicherte. »Na, da staunst du, was?«, sagte Knox zischend.
   Jim, der kein einziges Wort herausbrachte, sah, wie sich sein Onkel erhob und langsam auf ihn zuschritt.
   »Na, da staunst du, was, Jimmyboy?«
   Er ließ sich vor Schreck zurück auf das Kissen fallen und zog die Bettdecke über den Kopf.
   »Sieh mich an, Junge!« Sein Onkel stand nun neben dem Bett. »Sie mich an. Du sollst mich ansehen, Jim!« Er krallte seine Finger in die Bettdecke und wollte sie wegreißen.
   Jim schrie.
   Eine Hand legte sich auf seine Wange. »Jim!«
   Er zappelte und schlug um sich, in der Hoffnung, diese hässliche Kreatur zu vertreiben.
   »Jim, wach auf!«
   Die Hand legte sich auf seine Stirn und strich ihm durch das Haar. »Jim, es ist nur ein schlechter Traum.«
   Erst jetzt erkannte er die Stimme von Sarah Briggs. Er öffnete seine Augen.
   Steve Knox war verschwunden.

Kapitel 5

In gewisser Weise ist der heutige Tag ein historisches Datum«, begann Benjamin Spooner Briggs seine Rede. Er stand auf einer umgedrehten Tee-
   kiste neben der Rampe, die an Deck der Mary Celeste führte. Ein eisiger Wind wehte. Schneeflocken umspielten die Mannschaft und die übrigen Zuhörer, die sich die Rede des Kapitäns nicht entgehen lassen wollten. Der Himmel hing voller grauvioletter Wolken, die ein heftiges Unwetter ankündigten.
   »Heute, am siebten November achtzehnhundertzweiundsiebzig, wird die Mary Celeste unter meinem Kommando in See stechen. Unsere Ladung besteht aus einer großen Menge reinen Alkohols. In zweifacher Hinsicht ist dies auch für mich eine Premiere. Zum einen ist dies die erste Fahrt, auf der ich als selbstständiger Kapitän, oder soll ich sagen, als Unternehmer unterwegs bin, und zum anderen ist es meine erste Fahrt über den Atlantischen Ozean.«
   Jim stand mit Sarah neben Ben. Er betrachtete die rauen Gesichter der Seeleute. Manche schauten gebannt, andere zeigten ein spöttisches Lächeln. Diejenigen, die ihre Zweifel gegenüber Benjamin Briggs offen zur Schau stellten, gehörten teilweise zu den Männern, die daran glaubten, dass die Mary Celeste ein Schiff war, das seinem Kapitän und seiner Mannschaft nichts als Unglück brachte. Sie hielten es für ein Geisterschiff, für ein Schiff, auf dem es nicht mit rechten Dingen zuging. In den Kneipen und Spelunken am Hafen sprachen die Besucher zurzeit kaum über etwas anderes. Zu groß erachtete man die Beweise dafür, dass frühere Besitzer wie zum Beispiel Kapitän Jonathan Clayton aus unerfindlichen Gründen Selbstmord begangen hatten. Der Matrose Harry Schmeißer galt bis heute als spurlos verschwunden. Der frühere Reeder Ambrose Stanton wurde eines Tages schreiend ins Irrenhaus gebracht.
   Der andere Teil der Zuhörer, die mit einem Schmunzeln die Rede von Briggs verfolgten, gehörten zu denen, die sich selbst als Rationalisten bezeichneten und demzufolge an diesen ganzen Humbug nicht glaubten. Sie hielten ihn für schlicht und ergreifend naiv. Sie bezeichneten ihn als einen Mann, der nicht warten konnte, bis er an die Reihe kam, sondern lieber für wenig Geld einen alten Kahn erstand, um so schnell wie möglich ein eigenes Unternehmen zu gründen. So etwas ging meistens schief. Man könnte daher auch sagen, dass diese Zuhörer eher Mitleid als Spott für ihn empfanden.
   Jim begann, trotz seines warmen Mantels, langsam zu frieren. Wie lang wollte Benjamin Briggs noch reden? Er ließ seinen Blick über den Hafen streifen und bemerkte die chinesischen Akrobaten, die kleine Kunststücke probten. Soviel Jim wusste, würde ihr Schiff, die Dei Gratia, am zwölften November auslaufen. Als er die Chinesin nirgendwo sah, verspürte er eine gewisse Unruhe. Mit Unbehagen erinnerte er sich an den schlimmen Traum, von dem er in der Nacht heimgesucht worden war. Sarah sah den Grund seines Albtraums darin, dass er mittags einfach zu viel gegessen hatte. Für Jim jedoch war der schreckliche Traum wie eine unheimliche Vorahnung. Ein ähnliches Gefühl hatte ihn kurz bevor seine Eltern ums Leben gekommen waren geplagt.
   Plötzlich erschien die Chinesin auf der Rampe der Dei Gratia. Sie hielt ein Seil in beiden Händen.
   Jim beobachtete, wie zwei der Akrobaten das Seil auf Schulterhöhe spannten. Die Chinesin nahm Anlauf, sprang auf das Seil und begann, darauf zu balancieren.
   Er betrachtete sie fasziniert.
   Für einen Augenblick erwiderte sie seinen Blick. Ein Ausdruck der Furcht zeichnete sich auf ihrem schmalen Gesicht ab. Sie verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden.
   Verhaltener Applaus deutete an, dass Briggs Rede zu Ende war. Hände wurden geschüttelt. Ein dicker Mann mit Vollbart und wirrem Haar näherte sich ihnen. Er hielt zwei Gläser und eine Flasche Rum in den Händen.
   »Na, Briggs, Sie altes Haus«, sagte er mit donnernder Stimme. »Sie haben es tatsächlich geschafft. Meinen Glückwunsch. Zur Feier des Tages habe ich eine Flasche Rum. Die Hälfte trinken wir heute, die andere Hälfte vor Gibraltar, wenn sich unsere Routen kreuzen.«
   »Vielen Dank, Captain Morehouse.« Briggs strahlte über das ganze Gesicht. Er nahm das volle Glas entgegen und nippte daran. »Meine Frau Sarah kennen Sie ja bereits.«
   »Ma’am.« Morehouse tippte mit der Rumflasche gegen seine Kapitänsmütze.
   »Und dies hier ist Jim Knox«, fuhr Briggs fort. »Ein trauriges Schicksal führte ihn erst gestern in mein Büro. Ich werde mich seiner annehmen und einen tüchtigen Seemann aus ihm machen. Vielleicht steht vor Ihnen sogar der Nachfolger meines Unternehmens.«
   »Alle Achtung, Sie planen ganz schön weit vor, Captain Briggs.« Morehouse betrachtete Jim interessiert. »Ein recht dürres Gerippe, das Sie sich da aufgehalst haben. Aber Sie werden schon wissen, für was er taugt.«
   Briggs gab ihm das leere Glas zurück. »So, Captain Morehouse, jetzt ist es Zeit, an Bord zu gehen und die Anker zu lichten. Ich werde auf Sie vor Gibraltar warten. Aber hoffentlich nicht zu lang.«
   Morehouse fiel in ein brüllendes Lachen. »Sie haben wirklich Schneid, Briggs, das muss man Ihnen lassen. Zum einen pfeifen Sie auf diese fürchterlichen Gerüchte, die über Ihr Schiff kursieren, zum anderen wagen Sie so mir nichts, dir nichts eine Überfahrt, obwohl Sie bisher nur die Küsten Nordamerikas entlanggeschippert sind. Manche nennen das naiv. Aber ich nenne das, seinem Schicksal ins Horn blasen. Dennoch sollten Sie stets daran denken, dass die Gewässer an der Küste etwas völlig anderes sind, als die Weiten des Ozeans. Trotzdem wünsche ich Ihnen Gottes Segen. Wenn ich das nächste Mal diesen Jungen treffe, möchte ich Muskeln an ihm sehen. Sollte er tatsächlich zu etwas taugen, werde ich ihn mir einmal für meine Dei Gratia ausleihen.« Damit schlug er Jim auf die Schulter, tippte noch mal gegen seine Mütze und schritt gemächlich zurück zu dem Schiff, vor dem noch immer die Chinesin stand und Jim mit vor Schrecken weit aufgerissenen Augen anstarrte.
   Etwa eine halbe Stunde später blies Albert Richardson, der erste Offizier, in seine Schiffspfeife und rief: »Leinen los!«
   Die Rampe wurde eingezogen und die Mary Celeste entfernte sich langsam von der Kaimauer. Die gesetzten Segel blähten sich im stärker werdenden Wind.
   Jim stand an der Reling und beobachtete den zurückbleibenden Hafen. Noch immer standen eine Menge Seeleute vor der nun nutzlos gewordenen Teekiste und winkten dem abfahrenden Schiff nach. Etwas entfernt erblickte Jim eine Kutsche. Steve Knox saß auf dem Kutschbock und starrte ihm in die Augen. Sein eisiger Blick bohrte sich wie ein Messer tief in seine Seele.

Kapitel 6

Aus dem Logbuch von Kapitän Benjamin Spooner Briggs:

8. November 1872

Seit gestern auf See. Das Unwetter, das sich über New York zusammengebraut hat, erreichte uns kurz nach unserer Abfahrt. Man könnte sagen, die See war gegen uns. Wir hielten uns daher vierundzwanzig Stunden im Hafen von Staten Island auf. Mittlerweile hat sich der Sturm abgeschwächt. Wir machen gute Fahrt und werden den Zeitplan sicher einhalten. Die Mannschaft hat sich bisher bewährt. Niemand scheint den unheimlichen Gerüchten Glauben zu schenken. Seit unserer Abfahrt leidet jedoch meine Frau unter leichter Seekrankheit. Ich denke, sie wird diese schnell überwinden. Die einzige Auffälligkeit betrifft ein kleines Holzkreuz, das ich in meiner Kajüte an die Wand nageln wollte. Es bleibt nicht hängen. Ich werde eine andere Stelle dafür auswählen. Jim Knox, den ich vorgestern in meine Mannschaft aufgenommen habe, teilte ich als Küchenhilfe unserem Koch Edward Head zu. Nach und nach werden sich seine Fähigkeiten schon herausstellen. Schon jetzt denke ich daran, ihn als meinen Nachfolger einzusetzen. Sarah betrachtet ihn bereits wie ihren eigenen Sohn. Bis spätestens Genua werden wir zu einer Entscheidung kommen.

»Da laus mich doch der Affe«, rief Edward Head. Er stand vor der offenen Schublade, in der das Besteck aufbewahrt wurde. Jim konnte nichts Auffälliges erkennen.
   »Da macht sich einer einen Scherz mit mir!«
   Jim wusste noch immer nicht, um was es dem pockennarbigen Koch ging. Alles war da. Messer, Gabeln und Löffel.
   »Sieh dir das an, Jim«, sagte Head. »Es scheint zwar alles in Ordnung, aber das ist es nicht. Und weißt du, wieso? Weil nichts an seinem eigentlichen Platz ist. Links die Messer, in der Mitte die Gabeln und rechts die Löffel. Aber ich habe das Besteck ganz anders eingeordnet. Links die Gabeln, in der Mitte die Messer und rechts die Löffel. Und das schon zum zweiten Mal. Jedes Mal, wenn ich es wieder in Ordnung bringe, bringt es jemand in Unordnung. Wenn mich jemand hinters Licht führen will, soll er es mir lieber gleich sagen. Ich mag solche Späße nicht. Sie haben etwas Gespenstisches an sich.«
   Dann begann er, Löffel, Gabeln und Messer nach seinem Prinzip umzuräumen. »Wenn ich denjenigen erwische, kann er was erleben. Das kannst du mir glauben.«
   Edward drohte zwar gern, doch Jim hatte inzwischen mitbekommen, dass der Koch im Grunde genommen ein eher zurückhaltender Mensch war. Er war nicht gerade das, was man als groß bezeichnen könnte, machte dies jedoch durch seinen erheblichen Körperumfang wett. Zu seinen weiteren Auffälligkeiten gehörten die vom Kochen und Braten stets fettigen Haare sowie seine Wangen und seine breite Nase, die ständig rot glühten. Er trug eine schwarze Hose, ein weißes Hemd und darüber eine fleckige Schürze.
   Jim half in der engen Kombüse beim Gemüseschälen. Er kam nur langsam voran, da er zuvor noch nie Karotten oder Kartoffeln geschält hatte. Jedes Mal, wenn er das Messer ansetzte, zog er entweder nur ein winziges Stück Schale ab oder ein größeres, an dem jedoch noch ein Stück Kartoffel oder Karotte hing.
   »Seit du das vorige Mal das Besteck umgeräumt hast, ist niemand in die Kombüse gekommen«, erinnerte sich Jim. Edward hatte ihm erlaubt, ihn zu duzen. Schließlich seien sie ja nun Kollegen, und da würde man Höflichkeitsformen nicht so ernst nehmen. Bei ihm sei das jedenfalls so. Wie die anderen darüber dachten, wüsste er nicht.
   »Willst du etwa andeuten, dass sich das Besteck von ganz allein umgeordnet hat?« Edward rührte wieder in einem seiner großen Töpfe, aus denen es dampfte wie aus einem Vulkan. Er bereitete für die Mannschaft einen Eintopf vor. Briggs und seine Frau würden etwas Besseres bekommen. Im zweiten Topf kochte er Gulasch.
   »Nein, nur, dass eben niemand hier war«, erwiderte Jim.
   »Du glaubst, dass es hier spukt?«
   Jim zuckte die Achseln. »Glaubst du es?«
   Edward hielt kurz inne. »Ich habe schon viel erlebt, Jim. Wirklich viel. Aber einem Geist bin ich bisher noch nicht begegnet. Als ich noch mein Restaurant in Boston hatte, da trafen sich wöchentlich eine Gruppe Frauen und Männer, die fest davon überzeugt waren, dass man mit der Welt der Toten in Kontakt treten könnte. Ich hielt sie für einfache Spinner. Doch solang sie zahlten, konnten sie reden, was sie wollten.«
   »Dann hältst du auch nichts von den Gerüchten, die es über die Mary Celeste gibt?«
   Edward probierte den Eintopf und verzog sein Gesicht. »Zu viel Salz. Die Erzählungen über das Unglücksschiff? Glaubst du etwa, ich würde hier diesen versalzten Eintopf umrühren, wenn ich an das Gerede glauben würde?«
   »Wohl kaum«, erwiderte Jim.
   »Siehst du. Deswegen glaube ich auch nicht, dass irgendwelche Spukgestalten meine Löffel, Gabeln und Messer in Unordnung bringen. Nur dumme und abergläubische Leute machen sich in die Hose, wenn nachts der Wind heult.«
   »Mein Vater hat herausgefunden, dass die Mary Celeste früher den Namen Amazon trug«, sagte Jim, während er zusah, wie Edward noch etwas Paprikapulver in das Gulasch streute. »Dieses Schiff soll angeblich extrem unheimlich gewesen sein. Die Amazon umgeben eine ganze Reihe merkwürdiger Begebenheiten.«
   »Und was hat das zu bedeuten?« Edward probierte die dunkelrote Soße. »Das schmeckt schon besser.«
   Jim zuckte erneut seine Achseln.
   »Ich kann dir sagen, was das bedeutet«, fuhr Edward fort. Er rührte das Gulasch um. »Das bedeutet, dass es zufälligerweise mehrere Leute gegeben hat, die irgendwie mit diesem Schiff in Verbindung standen. Die Betonung liegt auf irgendwie. Das heißt, es kann sich dabei auch um den Neffen sechsten Grades der Schwiegermutter eines Cousins handeln, dessen Bruder die Hand eines Matrosen geschüttelt hat, der wiederum einen Bekannten hat, dessen Bekannter tatsächlich einmal auf diesem Schiff gewesen ist. Dein Vater war Journalist, Jim. Du musst doch eigentlich wissen, wie es in dieser Branche läuft. Aus einer Mücke macht man einen Elefanten.«
   »Aber nicht mein Vater.« Jim fühlte leichten Zorn in sich aufkommen.
   »Mal ganz ehrlich, Jim. Hat dein Vater jemals einen Geist gesehen?« Edward hielt in seiner Tätigkeit inne und betrachtete Jim aufmerksam.
   »Er suchte immer wieder Orte auf, an denen es angeblich spukte.«
   »Das mag schon sein, aber ist er dort auch einem echten Geist begegnet?«
   Jim schwieg.
   »Da siehst du es. Es gibt kaum Menschen, die tatsächlich mit etwas Übersinnlichem in Berührung gekommen sind. Die Leute reden nur. Sie möchten sich interessant machen.«
   »Mein Vater sagte immer, dass jedes Gerücht einen wahren Kern besitzt.«
   »Das trifft auf Gerüchte wie auf Legenden zu. Ich finde ungelöste Geheimnisse genauso interessant wie du, Jim. Aber ich denke, man sollte dabei nüchtern vorgehen. Wenn du dir die Geschichte eines Geisterschiffes genauer ansiehst, so wirst du schnell feststellen, dass es Ereignisse darin gibt, die einen ganz normalen Zweimaster zu einer unheimlichen Erscheinung werden lassen. Und genauso verhält es sich mit unserer Mary Celeste. Ein ganz normales Schiff. So normal, dass es schon beinahe langweilig ist. Deswegen bin ich froh, dass du hier bist. Dann können wir wenigstens interessante Gespräche führen. So, und das Essen ist auch schon fertig.« Edward nahm den Topf, in dem das Gulasch vor sich hinköchelte. »Nimm Teller und Besteck mit«, sagte er ächzend und verließ die Kombüse, um das Essen in die Offiziersmesse zu tragen.
   Jim holte fünf Teller aus dem Geschirrschrank und stellte sie auf ein Tablett. Er schob die Schublade mit dem Besteck auf und stockte in seiner Bewegung. Ein seltsames Gefühl beschlich ihn. Messer, Gabeln und Löffel lagen erneut in den falschen Fächern. Die Messer befanden sich links, die Löffel rechts und die Gabeln in der Mitte. Ein Messer lag quer über alle drei Fächer. Wie hatte das geschehen können? Außer ihm und Edward war niemand in der Kombüse gewesen. Es konnte sich um keinen Streich handeln. Jim nahm hastig fünf Messer, Gabeln und Löffel und eilte aus der Schiffsküche. Er fürchtete sich auf einmal, allein zu sein.

Kapitel 7

Die Offiziersmesse lag im hinteren Deck. Ein schmaler Gang führte dorthin, der rechts und links von Türen gesäumt war, die zur Mannschaftskabine, zur Kajüte des Kapitäns sowie zu den Kajüten der beiden Maate gehörten. Eine einzelne Sturmlaterne spendete ein spärliches Licht, das die Dunkelheit aus den Ecken nicht vertreiben konnte. Links neben der offen stehenden Tür zur Offiziersmesse erkannte Jim die Umrisse einer Figur, die ihm Angst bereitete. Sie stellte einen Affen dar, der in beiden Pfoten Schlagstöcke hielt, mit denen er offenbar auf eine Trommel zu seinen Füßen schlug. Sarah hatte ihm gesagt, dass diese Figur aus Frankreich stamme und sehr alt sei. Das schmutzige Braun des Affen und das staubige Weiß der Trommel blätterten teilweise ab. Es war jedoch das Gesicht des Affen, das ihm eine Gänsehaut verursachte. Augen und Maul besaßen nichts Tierisches an sich. Er erkannte in ihnen vielmehr die Merkmale eines alten, griesgrämigen Mannes, der in einem Fellkostüm steckte. Jedes Mal, wenn Jim an dieser hässlichen Figur vorbeiging, versuchte er, sie nicht anzusehen. Mit geschlossenen Augen eilte er daran vorbei.
   Edward teilte gerade das Gulasch aus, während Jim rasch das Besteck auslegte. An dem rechteckigen Tisch gab es fünf Plätze. Auf dem fünften Stuhl saß allerdings niemand. Briggs wollte, dass Jim seine Mahlzeiten ebenfalls in der Offiziersmesse zu sich nahm. Eine überraschende Entscheidung, denn Schiffsjungen hatten am Tisch des Kapitäns eigentlich nichts zu suchen. Nachdem Edward den Raum verlassen hatte, setzte sich Jim auf den freien Stuhl und blickte unsicher in die Runde.
   Benjamin Briggs erhob sich. Er hielt das Weinglas in seiner rechten Hand. »Meine Herren, liebe Sarah, Jim, ich möchte einen Toast auf den gelungenen Start unserer Reise aussprechen. Trotz aller Zweifel, die uns und vor allem mir entgegengebracht wurden, gelang es uns, den Hafen von New York pünktlich zu verlassen. Sicherlich ist dies im Besonderen auch das Verdienst des Ersten und Zweiten Maats. Mr. Richardson, Mr. Gilling, ich danke Ihnen für Ihre bisherige Leistung und im Vertrauen darauf, dass wir am zwölften Dezember den Hafen von Genua sicher erreichen werden.«
   Nun hoben auch Richardson und Gilling ihre Gläser, um ihrem Kapitän zuzuprosten. Richardson besaß rote Haare. So sehr er sie vielleicht auch kämmen mochte, sie standen stets zu allen Seiten ab, als wäre er soeben aus dem Schlaf geschreckt. Seine Gesichtszüge wiesen ihn als einen strengen, humorlosen Menschen aus, der seine Arbeit korrekt verrichtete, jedoch keine Anstalten machte, sich irgendwelchen Hobbys oder Interessen hinzugeben, mit denen er sich in seiner Freizeit beschäftigte. Viele hielten ihn deswegen für langweilig und fantasielos. Der Däne Andreas Gilling stand im vollen Gegensatz zu seinem Kollegen. Er hatte blondes, ordentlich zurückgekämmtes Haar und hellblaue Augen, die einen gewissen Witz und Schalkhaftigkeit verrieten. Er galt als abenteuerlustig, was sich auch in seinem Lebenslauf bemerkbar machte. Bereits mit zwölf Jahren war er von zu Hause ausgebüxt, um die Welt zu sehen. Er hatte auf verschiedenen Schiffen gedient, zwei Jahre in Japan und ein Jahr in China gelebt. Er hatte an einer Expedition ins Innere des afrikanischen Kontinents teilgenommen, sein Glück in einer Diamantenmine versucht und war einem Betrug aufgesessen; es gab jede Menge gewöhnliche Steine, aber keine Diamanten. Daraufhin hatte er kurzerhand erneut Segel gesetzt, bis er schließlich von Benjamin Briggs als Zweiter Maat angeheuert worden war.
   Jim betrachtete die beiden Männer, während sie einen Schluck aus ihrem Weinglas nahmen. Benjamin Briggs setzte sich wieder. Sarah trank keinen Wein, sondern hatte, wie Jim ein Glas Wasser vor sich stehen. Sie wirkte kränklich. Ihre Wangen besaßen nicht mehr jenes warme und lebendige Rosa, sondern fielen durch eine ungesunde Blässe auf. Sie lächelte ihm zu, wie um ihm mitzuteilen, dass alles in bester Ordnung sei.
   »Meine Herren, Sie werden sich sicherlich wundern, dass der Schiffsjunge mit uns an einem Tisch sitzt, statt mit der Mannschaft zu essen«, begann Briggs. »Doch wie ich bereits zu Captain Morehouse sagte, denke ich daran, Jim in Hinblick auf mein Unternehmen zu meinem Nachfolger zu machen. Bevor er allerdings in meine Fußstapfen treten kann, ist es unumgänglich, dass er das Seemannshandwerk von Grund auf erlernt. So wie wir alle.«
   Während der Erste und Zweite Maat die Rede des Kapitäns gelassen entgegennahmen, traf Jim diese Meldung wie ein Blitzschlag.
   Sollte er etwas darauf antworten? Aber was? In seinem Kopf drehte sich alles, er konnte keinen klaren Gedanken fassen.
   »Schon mal auf hoher See gewesen?«, fragte Richardson, der an einem Stück Fleisch kaute.
   »Nein, Sir«, schreckte Jim auf, »es ist das erste Mal, dass ich überhaupt auf einem Schiff bin, Sir.«
   »Donnerwetter«, rief Gilling. Seine helle Stimme hallte durch den Raum. »Eine echte Landratte. Na, aus dir werden wir schon noch eine richtige Teerjacke machen, Jim. Wie ich von Captain Briggs gehört habe, bist du zurzeit für den Küchendienst eingeteilt.«
   »Das stimmt, Sir. Edward Head kocht das Essen und ich schäle das Gemüse.«
   Gilling lachte, während Richardson keine Miene verzog. »Der gute alte Head.«
   »Ich bin froh, einen so interessanten Menschen wie Edward Head in meiner Mannschaft zu haben«, sagte Briggs. »Ich hätte es bis vor Kurzem nie für möglich gehalten, mit einem Schiffskoch über antike Philosophie zu diskutieren.«
   »Wo war er bisher tätig?«, fragte Richardson.
   »Das kann ich Ihnen sagen, mein Lieber«, kam Gilling dem Kapitän zuvor. Dieser schien es ihm in keiner Weise übel zu nehmen. »Der gute, alte Edward Head arbeitete bereits auf verschiedenen Schiffen als Koch. Unter anderem auch auf Kriegsschiffen. Davor aber besaß er ein Nobelrestaurant in Boston. Jedenfalls, bis es pleiteging und er dadurch seinen Weg in die Kombüse fand. Aber davor, also bevor er sein Restaurant in Boston besaß und bevor er den Beruf des Kochs erlernte, studierte er Linguistik, Philosophie und Archäologie in Harvard. Meine Güte, so etwas muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen.«
   »Edward glaubt, dass ihm jemand einen Streich spielt«, sagte Jim frei heraus.
   Gilling, Briggs und Sarah, die bisher ihr Essen so gut wie nicht angerührt hatte, zeigten erstaunte Gesichter. Selbst Richardson konnte seine Überraschung kaum verbergen.
   »Willst du damit etwa andeuten, dass es innerhalb der Mannschaft Streit gibt?«, erkundigte sich Briggs.
   Jim spürte, wie sich die anfangs lockere Stimmung mit einem Mal legte. Hatte er etwas Falsches gesagt?
   »Man duldet vieles auf hoher See, außer Streit«, fügte Richardson hinzu. »Streit kann auf einem Schiff katastrophale Auswirkungen haben.«
   »Aber es handelt sich um keinen Streit«, versuchte Jim, die Anwesenden wieder zu beschwichtigen. »Es geht vielmehr darum, dass sich das Besteck in der Lade ständig wie von selbst umordnet.«
   Gilling konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. »Das sieht Head mal wieder ähnlich.«
   »Um ehrlich zu sein, verstehe ich nicht, was du meinst«, entgegnete Briggs.
   »Normalerweise liegen in der Lade die Löffel ganz links, in der Mitte die Gabeln und rechts die Messer«, erklärte Jim. »Aber wenn Edward die Lade nach wenigen Minuten wieder öffnet, ist alles durcheinander. Dann sind zum Beispiel die Löffel ganz rechts, die Messer in der Mitte und die Gabeln auf der linken Seite.«
   »Und Edward meint, dass hierbei jemand aus der Mannschaft seine Hände im Spiel hat?« hakte Gilling nach.
   »Genau das meint er, Sir. Aber …« Sollte er tatsächlich erzählen, was er beobachtet hatte?
   »Aber?«, forderte Gilling ihn auf, weiterzusprechen.
   Jim fühlte, wie seine Wangen zu glühen begannen. Edward glaubte nicht an das Gerede über das Schiff. Und die anderen? Wahrscheinlich genauso wenig. Wie er Edward verstanden hatte, fuhren nur Leute auf diesem Schiff, die an nichts glaubten, was sie nicht selbst sehen konnten. Es waren Rationalisten, wie Edward mehrfach betont hatte. Rationalisten unterschieden sich von Abergläubischen dadurch, dass sie für alles eine plausible Erklärung hatten. Wenn unerwartet eine Schiffsplanke knarrte, sah ein Rationalist die Ursache dafür nicht in der Anwesenheit eines Klabautermanns, sondern viel eher darin, dass sich Holz aufgrund verändernder äußerer Bedingungen entweder zusammenzog oder ausdehnte. Reine Physik also. Aus diesem Grund glaubte Edward auch nicht, dass etwas anderes als ein Mitglied der Mannschaft seine Hand im Spiel haben könnte, wenn es um die seltsamen Vorkommnisse in der Bestecklade ging.
   Jim begegnete Sarahs Blick, die ihm ermutigend zunickte.
   »Aber … er nimmt es mit Humor«, sagte er schließlich und fühlte sich dabei alles andere als gut.
   »Dann ist es ja gut«, meinte Richardson.
   »Ich dachte schon, du würdest uns jetzt eine Geistergeschichte auftischen«, setzte Gilling hinzu. Er wirkte erleichtert, wie alle anderen.
   Die Mahlzeit wurde daraufhin schweigend fortgesetzt. Nachdem alle bis auf Sarah Briggs ihr Essen beendet hatten, räumte Jim die Teller weg. Er ging damit in die Kombüse, wo Edward auf einem Hocker saß und an einer Tasse Kaffee nippte. »Jim, wir haben ein Problem.« Er wollte scheinbar noch etwas hinzufügen, wurde jedoch von einem kurzen, hellen Schrei davon abgehalten. »Woher kam das?«, fragte er stattdessen.
   »Aus der Offiziersmesse«, erwiderte Jim und eilte auf den Gang hinaus.
   Edward folgte ihm keuchend.
   Sarah hielt sich vor Schreck noch immer die Hände vor ihren Mund.
   Benjamin Briggs, Andreas Gilling und Albert Richardson standen vor der Wand ihr gegenüber, die nun durch ein helles Rechteck in Augenhöhe auffiel. Ein Scherbenhaufen lag darunter, aus dem ein Stück vergilbtes Papier ragte.
   Briggs bückte sich und zog es heraus.
   »Ist was passiert?«, rief der Koch. Obwohl er nur wenige Meter gerannt war, fiel es ihm schwer, wieder zu Atem zu kommen.
   »Das Bild«, sagte Sarah. Ihre Stimme zitterte. »Es hat sich auf einmal von der Wand gelöst.«
   Briggs richtete sich auf und setzte sich mit dem Papier an den Tisch. Es handelte sich dabei um die Fotografie einer früheren Mannschaft des Schiffes, als es noch den Namen Amazon trug.
   »Manchmal geschehen solche Dinge«, erklärte Richardson. »In der Regel ist die Ursache dafür in einem Luftzug oder einer leichten Erschütterung zu finden. Das Bild hängt sicherlich schon Jahre an dieser Wand.«
   Briggs nickte. »Da haben Sie nicht unrecht, Richardson. Die Fotografie zeigt die erste Mannschaft, die auf diesem Schiff gefahren ist. Es hing seit elf Jahren an dieser Wand.«
   »Wieso wissen Sie das so genau, Captain Briggs?«, fragte Jim. Seine Gefühle schwankten zwischen Neugierde, Aufregung und Angst.
   »Das Schiff wurde 1861 gebaut«, erklärte Briggs, ohne von dem Bild aufzublicken. »In einer Werft auf Spencer´s Island. Interessanterweise bekam dieses Schiff zwei Kapitäne.«
   »Zwei?« hakte Gilling nach. »Aus welchem Grund bekommt ein Schiff zwei Kapitäne? Ein schlechtes Omen. Heißt es nicht, zu viele Köche verderben den Brei?«
   Briggs grinste nachsichtig. »Da liegen Sie sicherlich nicht falsch, Gilling. Aber diese beiden Kapitäne befehligten nicht gemeinsam die Amazon. Brian Fielding, der erste Kapitän, starb aufgrund ungeklärter Ursachen wenige Tage, nachdem die Amazon in das Schiffsregister eingetragen worden war. Danach befehligte Francis Hayward das Schiff. Er sollte die Amazon sicher nach Maine bringen. Es lief jedoch auf eine Schleuse auf, wobei sein Rumpf stark beschädigt wurde. Bei den Reparaturarbeiten brach ein Feuer aus, bei dem zwei Arbeiter getötet wurden. Hayward wurde daraufhin entlassen. Er erhielt nie wieder eine Stelle als Kapitän. Aus Gram begann er, zu trinken. Eines Tages fand man ihn leblos am Strand. Die Fotografie zeigt ihn zusammen mit seiner siebenköpfigen Mannschaft.« Briggs legte das Bild auf den Tisch, damit alle es sehen konnten.
   Jim erkannte darauf acht Personen, die sich in zwei Reihen vor ihrem Schiff positioniert hatten. Der Kapitän, ein alter Mann mit einem dichten Backenbart, stand in der Mitte der hinteren Reihe. Um ihn herum gruppierten sich zwei Offiziere und vier Matrosen in ihren dunklen Anzügen. Die Männer lächelten, nur der Kapitän blickte mit einem ernsten, aber feurigen Blick in die Kamera. Seine Augen schienen auf merkwürdige Art zu glänzen.
   »Und die übrige Mannschaft?«, wollte Richardson wissen. »Was geschah mit ihr?«
   Briggs faltete seine Hände auf der Tischplatte. »Über die Seeleute konnte ich kaum etwas erfahren. Mit Ausnahme von Henry Peabody.« Er zeigte auf einen Mann, der in der vorderen Reihe ganz rechts stand. Er besaß ein gesundes und kräftiges Aussehen. Seine Augen und seine Haltung verrieten einen gewissen Stolz und eine gesunde Portion Selbstsicherheit. »Er war der Koch auf dem Schiff. Nach Beendigung der Reparaturarbeiten fand man ihn im Kielraum. Tot.«
   »Na, das sind ja schöne Aussichten.« Edward seufzte.
   »Woran ist er gestorben?«, fragte Richardson.
   »Das konnte nie richtig geklärt werden«, sagte Briggs. »Sein Gesicht war vor Schreck zu einer grässlichen Fratze verzerrt.«
   »Das spricht eindeutig für den Charakter eines Geisterschiffs«, bemerkte Gilling und zwinkerte.
   »Ich denke, dass wohl noch eine zweite Sache dafür spricht«, sagte Edward. Er betrachtete alle Anwesenden mit einem Hauch von Unsicherheit.
   »Sie meinen das Besteck?« Benjamin Briggs rieb sich seinen Bart. »Jim hat uns bereits darüber berichtet. Wahrscheinlich haben wir einen Scherzbold an Bord.«
   »Dann ist es aber ein äußerst gemeiner Scherzbold.«
   »Wie meinen Sie das?« Richardson fixierte Edward mit strengem Blick.
   »Sehen Sie sich das am besten selbst an.« Edward verließ die Offiziersmesse.
   Die anderen folgten ihm.
   »Wenn Ihnen Jim bereits über die Vorkommnisse in dieser Kombüse berichtet hat, dann wissen Sie ja bereits, dass sich jemand immer wieder den Scherz erlaubt, das Besteck durcheinanderzubringen«, sagte er, nachdem sich alle in die Kombüse gezwängt hatten. »Aber jetzt sehen Sie sich das an.«
   Er öffnete die Schublade.
   Sie war leer.

Kapitel 8

»Kein Besteck?«, wunderte sich Briggs. Er starrte in die Lade, dann auf Edward und schließlich auf seine beiden Offiziere.
   »Kein Besteck, Sir«, antwortete Edward. »Ich habe bereits mit Jim darüber gesprochen. Ich glaube nicht an Geister. Genauso wenig, wie Sie, Captain, ansonsten hätten Sie ja kaum dieses Schiff erstanden. Daher denke ich, dass jemand aus der Mannschaft seine Hände im Spiel haben könnte. Oder wir haben einen blinden Passagier an Bord.«
   »Was hältst du davon?« wandte sich Briggs an Jim. Die Ratlosigkeit war ihm vermutlich ins Gesicht geschrieben.
   Jim, der vor der leeren Lade stand, zuckte die Achseln. Er wollte nicht, dass jemand aus der Mannschaft verdächtigt wurde, ein Dieb zu sein. Mit Sicherheit würde das zu nichts Gutem führen. Wenn die Seeleute mitbekamen, dass jemand von ihnen im Verdacht stand, das Besteck entwendet zu haben, würden sie ihre Wut darüber mit Sicherheit an Edward Head und ihm auslassen. Sein Vater hatte einmal gesagt, dass es für einen Menschen kaum etwas Schlimmeres geben würde, als falsch beschuldigt zu werden. An einen blinden Passagier hatte er noch nicht gedacht. Das klang keineswegs abwegig. Er hatte schon oft gehört, dass sich Menschen heimlich an Bord eines Schiffes schlichen, um endlich von ihrem Heimatland wegzukommen. Es handelte sich um Abenteurer oder um Leute, die in ihrer Heimat verfolgt wurden. Es konnte sich tatsächlich um einen blinden Passagier handeln. Was allerdings dagegen sprach, war der Umstand, dass sich solche Leute in der Regel still verhielten. Das ständige Umordnen und Stehlen des Bestecks passte nicht dazu. Blieb nur eine dritte Möglichkeit. Doch das würde die Anwesenden wohl noch weniger überzeugen, als die ersten beiden Vermutungen. »Ich habe nicht gesehen, wer das Besteck umgeordnet hat«, erwiderte er schließlich. »Um ehrlich zu sein, wir hörten auch nichts.«
   »Dann bist du tatsächlich nicht auf unserer Seite, Jim«, sagte Gilling. »Du willst nämlich nichts anderes damit sagen, als dass es auf diesem Schiff umgeht.«
   »Vielleicht spukt es ja hier tatsächlich«, versuchte sich Jim, zu verteidigen.
   »Blinder Passagier klingt mir vernünftiger«, entgegnete Richardson.
   »Sir! Sir!« Einer der Seeleute polterte eilig die Treppe ins Zwischendeck herunter. »Sir! Captain! Kommen Sie! Schnell!«
   Vor der Kombüse hielt ein junger Mann von etwa zwanzig Jahren. Er nannte sich Boy Lorensen und stammte aus Deutschland. Die Fahrt auf der Mary Celeste wollte er dazu nutzen, um zurück in seine Heimat zu gelangen. Er wollte von Genua aus über Italien und Österreich nach Konstanz reisen, wo seine Familie lebte. Lorensen war nicht besonders groß und fiel vor allem durch seine zahlreichen Sommersprossen auf, die seine Wangen und seine Stirn zierten. Diesmal stachen sie sogar noch auffälliger hervor. Denn Lorensens Gesicht war weiß wie eine Eisscholle.
   »Captain, Sie müssen sofort an Deck!«
   »Beruhigen Sie sich doch erst einmal«, versuchte Briggs, den jungen Mann zu beschwichtigen. »Was ist passiert?«
   Als Lorensen zufällig die leeren Besteckfächer der Schublade sah, nickte er in deren Richtung. »Sir, ich glaube, die Antwort darauf finden Sie an Deck.«
   »Wie bitte?« Gilling machte eine Miene, als hätte er nicht ganz verstanden.
   »An Deck, Sir!« wiederholte Lorensen, machte kehrt und eilte zurück zum Niedergang.
   Captain Briggs, Jim und die anderen folgten ihm.
   Die Luft draußen war eisig. Dunkle Wolken bedeckten den Himmel. Ein starker Wind pfiff über das Deck und ließ die Segel an Fock- und Großmast flattern. Das Geräusch erinnerte Jim an einen Vogel, der verzweifelt mit seinen Flügeln schlug.
   Lorenzon und Martens standen in der Mitte des Decks, Gonderschall befand sich am Ruder. Keiner von ihnen bewegte sich. Alle drei starrten auf den Fockmast.
   »Kommen Sie, Sir«, sagte Lorensen. »Das ist einfach kaum zu glauben!« Er lief zu seinen Kameraden, die sich kurz zu Briggs, Jim, Edward und den beiden Maaten umdrehten. Der Holländer Martens zeigte daraufhin auf den Fockmast. Jim blickte in die angedeutete Richtung. Er glaubte zuerst, einer optischen Täuschung zu erliegen. Erst, als er erkannte, dass er nicht träumte, lief es ihm kalt den Rücken hinunter.
   Der gesamte Mast war bespickt mit Löffeln, Gabeln und Messern. Das Besteck steckte waagerecht im Holz, als hätte ein Messerwerfer aus einem Zirkus damit geübt. Das unterste Messer ragte in ungefährer Augenhöhe aus dem Mastbaum. An oberster Stelle steckte eine Gabel. Ihr Stiel ragte knapp unterhalb der Mastspitze hervor.
   »Was hat das zu bedeuten?« Benjamin Briggs näherte sich dem Mast. In seinen Augen spiegelten sich Ratlosigkeit und Unruhe. Zunächst machte es den Anschein, als wäre in dem glänzenden Metall ein Muster zu erkennen. Bei genauerem Hinsehen jedoch erkannte er eine unheimliche Willkür. Er berührte vorsichtig den untersten Messerstiel und benötigte seine ganze Kraft, um das Messer aus dem Holz zu ziehen.
   »Messer und Gabeln kann ich noch verstehen«, meinte Gilling. »Aber wie jemand Löffel bis zum Stiel ins Holz rammen kann, ist mir ein Rätsel.«
   »Ich nehme an, dafür ist eine ungeheure Kraft vonnöten«, fügte Richardson hinzu.
   Briggs betrachtete das Messer, an dem nichts Außergewöhnliches feststellbar war. Nicht einmal die Klinge wies irgendwelche Beschädigungen auf. Er wandte sich an die Mannschaft. »Wann genau haben Sie das entdeckt?«
   »Martens hat es entdeckt, Sir«, erwiderte Lorensen.
   Arian Martens trat einen Schritt vor. Die Furcht stand ihm ins Gesicht geschrieben. Im Grunde genommen hatte Martens vor allem und jedem Angst. Ohne seinen Freund Volker Lorenzon hätte er es mit Sicherheit nie zu etwas gebracht. So aber gelang es ihm mit Lorenzons Hilfe immer wieder, eine Stelle als Seemann auf einem Schiff zu ergattern. Meistens ging dies so vor sich, dass Lorenzon zunächst anheuerte und daraufhin Martens als einen tüchtigen Matrosen empfahl, mit dem er bereits mehrfach zusammengearbeitet habe. Als Lorenzon bei Benjamin Spooner Briggs anheuerte, war es nicht schwer, Martens mit ins Boot zu ziehen, da der Kapitän große Schwierigkeiten gehabt hatte, eine Mannschaft für die Mary Celeste zusammenzubekommen.
   »Ich habe es erst vor wenigen Minuten entdeckt, Sir«, sagte Martens mit einer überraschend hohen Stimme. »Nach dem Essen bin ich zu einem Rundgang an Deck. Da fiel mir noch nichts Merkwürdiges auf. Erst, als ich wieder achtern ging, hörte ich auf einmal ein Geräusch, das klang, als würde eine Katze einen Baumstamm hinaufklettern. Als ich mich umdrehte, steckte das Besteck im Fockmast.«
   »Sie haben niemanden gesehen?«, erkundigte sich Richardson.
   »Nein, Sir. Außer mir befanden sich nur Gonderschall, Lorensen und Volker an Deck, Sir.«
   »Es fiel Ihnen sonst nichts auf?«, hakte Briggs nach.
   »Überhaupt nichts, Sir.«
   »Haben Sie eine Erklärung dafür?«, wollte Gilling wissen. »Die Frage richtet sich an alle Anwesenden. Können Sie sich erklären, wie so etwas geschehen kann?«
   Jim blieb bei seiner Meinung. Hier ging es nicht mit rechten Dingen zu. Wie konnte innerhalb so kurzer Zeit das Besteck aus der Kombüse verschwinden und in den Mast gesteckt werden? Er war fest überzeugt, dass dies kein Mensch schaffen konnte. Auf alle Fälle keiner der hier Anwesenden.
   Da niemand etwas sagte, fuhr Benjamin Briggs fort: »Vielleicht wissen Sie es noch nicht, meine Herren, doch Edward Head und Jim Knox berichteten uns bereits von eigenartigen Vorkommnissen in der Kombüse. Sie haben bemerkt, dass jemand das Besteck in der Lade immer wieder umgeordnet hat. Die Frage ist nun, um wen es sich dabei handeln könnte.«
   »Sir, wollen Sie damit etwa andeuten, dass jemand von uns dahintersteckt?«, fragte Volker Lorenzon. Er betrachtete den Kapitän empört. Lorenzon stammte wie Arian Martens aus Holland. Sein Großvater und sein Vater hatten ihr Geld mit Fischen verdient. Eigentlich hätte Lorenzon das Geschäft seines Vaters übernehmen sollen. Das ging jedoch pleite. Da er seit seiner Kindheit mit den Launen des Meeres vertraut war, beschloss er eines Tages, ein Leben als Seemann zu führen. Durch alte Kontakte seines Vaters fand er recht schnell seine erste Arbeit auf einem holländischen Frachter. Seither hatte er auf etlichen Schiffen gedient.
    »Wir vermuten, dass sich auf diesem Schiff ein blinder Passagier aufhält«, erwiderte Briggs.
   Jim sah an den Mienen der Seeleute, dass sie den Worten des Kapitäns nicht richtig glauben wollten. Sie nickten zögerlich. Sie taten dies wohl eher aus Höflichkeit, als aus Zustimmung.
   »Was sollen wir also machen, Sir?«, fragte Lorenzon.
   Briggs schaute entschlossen von einem zum anderen. »Teilen Sie sich in Gruppen auf und durchsuchen Sie das gesamte Schiff. Spüren Sie diese Person auf, oder finden Sie zumindest Hinweise darauf, dass wir es hier mit einem blinden Passagier zu tun haben. Mr. Gilling und Mr. Richardson werden sich an der Suche beteiligen. Ich übernehme inzwischen das Ruder.«

Kapitel 9

Lorenzon und Martens übernahmen das Deck. Boy Lorensen und Gonderschall sollten den Frachtraum untersuchen. Später wollten auch Gilling und Richardson hinzustoßen, da sich ein blinder Passagier vermutlich am besten zwischen den fast zweitausend Fässern verstecken konnte. Zunächst aber untersuchten sie die Mannschaftskojen.
   Jim und Edward sollten noch mal die Offiziersmesse unter die Lupe nehmen, bevor sie die Kapitänskajüte durchforschten.
   Das Rumpeln und Poltern der Suchenden erfüllte das Schiff.
   Nur aus der Kajüte des Kapitäns klang schwungvolle Musik, da Sarah Briggs auf ihrem Klavier spielte.
   »Ich glaube kaum, dass sich dieser Jemand auf Deck versteckt hält«, meinte Martens. »Wo sollte er sich überhaupt verstecken? Er müsste sich darauf gefasst machen, sofort gefunden zu werden.« Er sah zwischen zwei zusammengerollte Taue, die am Bug des Schiffes lagen.
   Lorenzon neben ihm ließ seinen Blick über die endlos erscheinende See schweifen. Es herrschte ein ruhiger Wellengang. Die grauen Wolken gefielen ihm jedoch nicht. Das Wetter konnte jederzeit umschlagen. Dafür sprach auch der zunehmende Wind aus nordwestlicher Richtung.
   »Vielleicht finden wir überhaupt keinen blinden Passagier«, entgegnete er.
   Martens hob sichtlich erschrocken seinen Kopf. »Wie meinst du das?«
   »Kein Mensch kann einen stumpfen Löffel in hartes Holz schlagen. Und niemandem gelingt es, innerhalb kürzester Zeit, einen ganzen Mast mit Besteck zu bespicken.«
   »Willst du damit etwa sagen, dass du diesem Gerede über dieses Schiff Glauben schenkst? Als wir anheuerten, hast du doch die ganze Zeit über behauptet, dass diese Gerüchte nur Hirngespinste seien.«
   Lorenzon nickte zustimmend. »Das dachte ich damals auch. Seit Kurzem aber mach ich mir so meine Gedanken.«
   »Und der Kapitän? Was glaubt der?«
   »Er möchte glauben, dass wir es hier mit einem blinden Passagier zu tun haben. Wir alle möchten das glauben.« Lorenzon ging Richtung Steuerbord, um das restliche Deck abzusuchen.
   Martens folgte ihm, als hätte er Angst, allein gelassen zu werden.

*

Durch das Deckenlicht drang nur wenig Helligkeit in den Mannschaftsraum. In den beiden Offizierskajüten, die Richardson und Gilling bereits untersucht hatten, war ihnen nichts Besonderes aufgefallen. Im Mannschaftsraum gab es sechs Betten. Gonderschall, Lorensen, Jim und Head schliefen in den vorderen vier Kojen. Die Schlafstätten waren ordentlich gemacht und der Raum sauber gefegt. Die beiden Kojen dahinter sahen dagegen völlig anders aus. Hier übernachteten Martens und Lorenzon. Bettdecken und Polster vermittelten den Eindruck, als wären beide eben erst aufgestanden. Kleidungsstücke lagen verstreut am Boden, als wäre ein Wirbelsturm durch die Kabine gefegt.
   »Haben die hier eine Party gefeiert?«, fragte Gilling.
   »Eine solche Sauerei darf man nicht durchgehen lassen«, sagte Richardson. »Ich werde mit dem Kapitän darüber sprechen.«
   »Vielleicht war es ja unser ominöser Passagier.« Der Zweite Maat grinste.
   »Mr. Gilling, ich finde das alles andere als zum Lachen. Ein solches Benehmen muss bestraft werden.«
   »Na ja, sehen wir einmal unter den Betten nach«, erwiderte Gilling und seufzte. Manchmal brachte ihn die Humorlosigkeit des Ersten Maats beinahe auf die Palme. Er kniete sich hin, um besser unter die Koje sehen zu können. Zunächst fiel ihm nichts Besonderes auf. Als seine Augen sich an den Schatten unter der Koje gewöhnt hatten, bemerkte er einen seltsamen Gegenstand. »Was haben wir denn da?«
   »Haben Sie etwas gefunden?« Richardson wollte ebenfalls in die Knie gehen, doch der Platz zwischen den Schlafstätten war zu eng.
   Als Gilling den merkwürdigen Gegenstand ertastete, schloss er seine Finger darum und zog ihn ans Tageslicht. Es handelte sich um ein altes, vergilbtes Notizbuch. Das gewellte Papier ließ darauf schließen, dass das Buch längere Zeit im Wasser gelegen hatte. Es besaß einen schwarzen Einband. Auf einem ehemals weißen Schild auf der Vorderseite stand in kaum leserlicher Schrift Privates Tagebuch von … Den Namen konnte Gilling nicht entziffern. »Ich denke, wir sollten damit schleunigst zum Kapitän.«

*

Jim und Edward standen vor der Kajüte von Benjamin Briggs. In der Offiziersmesse hatten sie keine Anhaltspunkte gefunden, die für die Anwesenheit eines blinden Passagiers sprachen. Alles befand sich noch am selben Platz, wie sie es verlassen hatten.
   Als Jim gegen die Tür der Kajüte klopfte, verstummte die Musik.
   »Ja bitte?«, rief Sarah Briggs.
   Sie traten ein. Die Kajüte glich einem großen Wohnzimmer. Auf dem Boden lagen dicke Teppiche. Gardinen hingen vor den Fenstern. Bilder zierten die Wände. Außer einem breiten Bett befanden sich ein Schreibtisch, ein Bücherregal sowie ein Schrank in der Kajüte. In der Mitte des Raumes stand ein Klavier, hinter dem Sarah auf einem Schemel saß. Jim fand, dass sie innerhalb der kurzen Zeit, die seit dem Mittagessen verstrichen war, eine noch bleichere Gesichtsfarbe angenommen hatte.
   Sie lächelte ihnen zu. »Was ist denn hier auf einmal los? Alle laufen herum wie verrückte Hühner.«
   »Dann wissen Sie es noch nicht?«, fragte Edward erstaunt.
   »Nachdem alle in die Kombüse und von dort aus an Deck gerannt sind, blieb mir nichts anderes übrig, als mich in die Kajüte zurückzuziehen.«
   »Martens hat das Besteck gefunden, das plötzlich verschwunden ist«, erklärte Jim.
   »Jemand hat es in den Fockmast gesteckt«, fuhr Edward fort. »Wir suchen nach demjenigen, der das getan haben könnte.«
   »Nach diesem blinden Passagier, von dem zuvor die Rede war?«
   »Ganz genau, Madam«, antwortete Edward.
   »Ein ganz schön dreister Gast, nicht wahr?«, stellt sie ironisch fest.
   »Sie glauben nicht an diese Vermutung?« Edward wirkte überrascht.
   Sarah lächelte erneut. »Jim, glaubst du daran?«
   Jim zuckte mit den Achseln. Er wusste, dass er bei ihr kein Blatt vor den Mund nehmen musste. Im Gegensatz zu den anderen hielt Sarah seine Aussagen nicht für ein Altweibergeschwätz. Sie nahm ihn ernst. Das bestärkte ihn. »Um ehrlich zu sein, das Schiff gefiel mir von Anfang an nicht«, antwortete er. »Als Mr. Briggs mir die Mary Celeste zum ersten Mal zeigte, hatte ich das Gefühl, als würde mich das Schiff anstarren.«
   »Dann glaubst du, dass es hier wirklich spukt?«
   »Es geschehen auf jeden Fall unheimliche Dinge. Besonders die Figur vor der Offiziersmesse macht mir Angst.«
   Diesmal konnte sich Sarah ein Lachen nicht verkneifen. »Jim, ich hab dir doch schon gesagt, dass das nur eine Figur ist.«
   »Aber sie ist alt und hässlich«, erwiderte er energisch.
   »Redet ihr von diesem Affen?«, schaltete sich Edward in das Gespräch ein.
   »Die Figur stammt aus Frankreich. Der frühere Eigentümer, Mr. David Smith, sagte mir, dass sie bereits an Bord gewesen war, als er das Schiff übernommen hatte. Jemand fand anscheinend Gefallen an diesem merkwürdigen Affen und stellte ihn vor die Offiziersmesse. Vielleicht wollte sich dieser Jemand auch nur einen Scherz erlauben, indem er damit andeutete, was er von seinen Vorgesetzten hielt. Doch egal, wie man darüber denkt, sie ist und bleibt nur eine Figur.«
   »Aber wie denken Sie darüber, Mrs. Briggs?«, kam Edward auf seine ursprüngliche Frage zurück. »Teilen Sie Jims Befürchtungen?«
   »Ich teile vor allem die Freude und den Stolz meines Mannes. Er hat so lang auf eine solche Chance gewartet. Dennoch macht mich die seltsame Geschichte des Schiffes nachdenklich. So viele Zwischenfälle kann man nicht einfach als Zufälle abtun. Wir sollten uns aber auch nicht zu sehr in diese Geschehnisse hineinsteigern. Ich denke, wir sollten vor allem überlegt vorgehen. Durch Hysterie ist bisher noch niemandem geholfen worden.«
   »Da haben Sie recht, Mrs. Briggs«, stimmte Edward zu. »Ich glaube auch eher an einen Streich. Vielleicht gibt es gar keinen blinden Passagier und Martens und Lorenzon machen sich einen Spaß mit uns. Schließlich war es auch Martens, der das Besteck als Erster entdeckt hat.«
   Sarah Briggs strich nachdenklich über die Tasten des Klaviers. »Nun ja, was vielleicht doch für einen unverhofften Gast spricht, ist ein Geräusch, das ich vernommen habe, nachdem Sie alle an Deck gegangen sind.«
   Jim bemerkte, wie Edward leicht zusammenzuckte. »Ein Geräusch?«, fragte der Koch.
   »Es klang, als würde jemand mit Holzstäben gegen die Wände im Gang trommeln. Es waren gleichmäßige Schläge, die sich entfernten.«
   »Wohin?«
   »Richtung Frachtraum.«

*

Gottlieb Gonderschall stand an der Luke zum Frachtraum und hob seine Sturmlaterne in der Hoffnung, dass das Licht bis zum anderen Ende reichen möge.
   Hinter ihm wartete Lorensen, dass er endlich weiterging. Gottlieb stammte aus Lübeck. Auf dem gesamten Stammbaum seiner Familie reihte sich ein Seemann nach dem anderen. Keiner hatte es jemals zum Rang eines Kapitäns gebracht. Seine Familie besaß nicht den Ehrgeiz, es zu etwas zu bringen. Allein die regelmäßige Einkunft stand im Vordergrund. Diese Meinung vertrat auch Gottlieb. Er wollte nicht hoch hinaus. Ihn stimmte es bereits fröhlich, wenn die Heuer einigermaßen gut ausfiel. Alles andere war für ihn Nebensache.
   Das Licht der Sturmlaterne erhellte gerade einmal die Hälfte der eintausendsiebenhundert Fässer. Der hintere Teil lag in tiefer Dunkelheit.
   »Jetzt geh schon weiter«, forderte ihn Lorensen auf. Beide konnten sich nicht gut leiden. Während Lorensen Gottlieb für faul hielt, fand dieser seinen Landsmann überaus arrogant.
   Gottlieb trat über die Schwelle. Der beißende Alkoholgeruch reizte seine Nase. Er ließ seinen Blick über die sichtbaren Fässer schweifen.
   »Wieso gehst du nicht einfach weiter?« nörgelte Lorensen.
   »Hier sieht alles normal aus«, erklärte Gottlieb. In Wirklichkeit fürchtete er sich davor, weiter in den Kielraum vorzudringen.
   »Wenn sich jemand zwischen den Fässern versteckt hält, dann siehst du es von hier aus nicht«, sagte Lorensen. »Du musst auch zwischen den Fässern nachsehen.«
   »Aus welchem Grund muss ausgerechnet ich das tun?« wandte sich Gottlieb zu seinem Landsmann um.
   »Weil du die Sturmlaterne hast. Ich warte an der Luke. Falls du den Kerl aufstöberst, hat er keine Chance, zu fliehen.«
   »Als ob du dem leichtesten Windhauch standhalten würdest«, spottete Gottlieb. Lorensen entsprach wirklich nicht dem, was man sich unter einem kräftigen Seemann vorstellte. Er war einfach zu klein.
   »Mach lieber, dass du vorwärtskommst«, erwiderte dieser wütend. »Ich habe keine Lust, den ganzen Tag hier unten zu verbringen.«
   Gottlieb wandte sich wieder dem Frachtraum zu, hob die Laterne und trat zwischen die erste Fassreihe. Die Lücken zwischen den ordentlich platzierten Fässern waren leer. Auch in der zweiten Reihe bemerkte er nichts Auffälliges. Der Alkoholgeruch hatte inzwischen einen solch hohen Grad angenommen, dass ihm die Augen tränten.
   »Industriealkohol«, murmelte er. »Wenn es wenigstens Rum wäre.« Er ging nun schneller die Fassreihen entlang.
   Auf einmal blieb er stehen. Was war das?
   »Wieso gehst du nicht weiter?«, rief Lorensen.
   Gottlieb stand inzwischen in der Mitte des Laderaums. Das Licht seiner Laterne reichte nun bis ans andere Ende. Dafür befanden sich Lorensen und die Luke in tiefer Finsternis. Er glaubte, dass das Geräusch wie ein leises, hölzernes Klacken geklungen hatte. Angestrengt starrte er auf die Fässer vor ihm. Nichts ließ darauf schließen, dass sich jemand dazwischen versteckte. Er besaß ein Auge dafür. Vor mehreren Jahren musste er auf ein Lager im Hafen von Göteborg aufpassen. Damals machte eine Diebesbande die Gegend unsicher. Gottlieb hatte zwar niemanden erwischt, doch es wurde auch nichts aus dem Lager gestohlen.
   Er zuckte zusammen. Das Geräusch kam von der hintersten Fassreihe. Es erinnerte ihn an einen Mann, den er erst vor wenigen Wochen in New York beobachtet hatte. Er hatte vor einer billigen Kneipe gehockt. Seine zerlumpte Kleidung kennzeichnete ihn als Obdachlosen, der von den Almosen der vorbeigehenden Menschen lebte. Um die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zu lenken, hatte er unaufhörlich mit zwei Holzstäben auf ein Blech getrommelt. Das Trommeln, das er nun vernahm, klang fast genauso.
   Gottlieb drehte sich zu Lorensen um, der jedoch von der Dunkelheit verschluckt wurde. Obwohl er ihn nicht erkennen konnte, deutete er in Richtung des Geräusches. Lorensen würde schon verstehen. Daraufhin schlich er näher an das Geräusch. Er war nicht einmal zwei Schritte gegangen, als die Sturmlaterne zu flackern begann. Der Schein der Flamme tanzte über die Wände des Kielraums, wobei die Dunkelheit einen immer größer werdenden Raum gewann. Plötzlich erlosch die Flamme.
   »Was ist los, Gottlieb?«, vernahm er die Stimme Lorensens aus der ihm umgebenden Schwärze.
   Das Geräusch war verstummt.
   Die Stille kratzte an seinen Nerven wie ein Stück Kreide über eine Tafel. Die Dunkelheit schien ihn zu erdrücken. In seiner Jackentasche musste er noch eine Packung Zündhölzer haben.
   Er tastete nach einem der Fässer und stellte die Sturmlaterne vorsichtig darauf ab. Mit schweißnassen Händen griff er in beide Taschen. Nichts. Er atmete erleichtert aus, als er die kleine, eckige Schachtel in einer seiner Hosentaschen ertastete.
   Auf einmal erklang das Trommeln nur wenige Meter von ihm entfernt. Voller Panik fingerte er ein Streichholz heraus, wobei mehrere auf den Boden fielen. Er tastete nach dem Rand der Schachtel, rieb das Zündholz daran. Nichts! Das Trommeln kam direkt auf ihn zu. Er versuchte es ein zweites Mal. Ein lautes Zischen ertönte und eine gleißende Explosion blendete seine Augen. Er spürte eine unerträgliche Hitze. Dann schrie er auf.

*

Lorensen starrte in die gespenstische Dunkelheit. Er hörte, wie Gonderschall versuchte, ein Streichholz anzuzünden. Plötzlich erhellte eine fauchende Stichflamme den Frachtraum.
   Gonderschall stand in Flammen. Er rannte brüllend auf ihn zu.
   Lorensen wich entsetzt zur Seite. Sein Landsmann hetzte durch die Luke, er raste den Gang entlang und über den Niedergang hinauf an Deck.

*

Martens und Lorenzon trauten ihren Augen nicht, als sie eine menschliche Fackel schreiend über das Deck rennen sahen. Gonderschall rannte kreischend kreuz und quer auf die Reling zu, setzte darüber hinweg und sprang in den Ozean.

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