Nach seinem Tod findet sich Bert in einer riesigen Halle wieder, die als Auffanglager für Tote dient. In der sogenannten Arena warten die Verstorbenen darauf, ihrer endgültigen Bestimmung zugeführt zu werden. Doch das kann dauern, wie Bert sehr schnell herausfindet. Ein Arrangement mit dem mächtigsten Mann in der Arena, dem adipösen Clanführer Mac Mudi, garantiert Bert ein annehmliches Leben unter den Verblichenen. Trotzdem ist er mit seinem Dasein unzufrieden, denn die meisten anderen Toten vegetieren in unzumutbaren Verhältnissen. Immer brennender wird sein Verlangen, aus der Arena auszubrechen und mehr über das Jenseits zu erfahren. Doch zunächst verliebt er sich in Mac Mudis Assistentin Cora. Genau an dem Tag, als er ihr seine Gefühle gestehen will, bricht in der Arena ein offener Krieg zwischen rivalisierenden Clans aus. Bert und Cora flüchten über einen geheimen Weg aus der Arena und machen sich auf die Suche nach Gott, Teufel oder wer auch immer für die perfiden Nachtodzustände verantwortlich ist.

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Dirk Christofczik

Dirk Christofczik
Dirk Christofczik wurde 1968 im Herzen des Ruhrgebiets geboren. In seinen Adern fließt königsblaues Blut, ein Zeichen seiner Schalker Wurzeln. Seit 1998 lebt er mit seiner Familie in Bochum. Schon in seiner Jugend verfasste er diverse Gedichte, Geschichten und Songtexte. Das Internet diente ihm später als Plattform für die Veröffentlichung seiner Werke, es folgten Beiträge in Anthologien und Zeitschriften.

Autorenseite

Leseprobe

Kapitel I
Oben

1
Kangalfische haben keine Schuppen

Ein Tag wie jeder andere nahm seinen Lauf. Ich war blau wie ein Na‘vi aus dem Film Avatar. Spontane Besäufnisse waren meine Spezialität, obwohl die Spontanität inzwischen der Routine gewichen war. Im Grunde genommen befand ich mich im Dauerdelirium und kuschelte mit meinen Freunden Johnny und Smirnoff in meiner kleinen Wohnung in Gelsenkirchen-Bulmke.
   Draußen fegte der Wind das Laub durch die Luft und es zog durch die Fenster wie Hechtsuppe, während ich mich volllaufen ließ und auf meinen neuen Fernseher wartete, den ich bei Amazon bestellt hatte. Vor Kurzem war ich überraschend zu Geld gekommen. Auf meinem Konto befanden sich mehr Taler, als ich Schuppen in den Haaren hatte, und meine Schultern waren eine wahre Schneelandschaft. Tausende kleine Schuppen, die tagtäglich aus meinen Haaren rieselten. Irgendwo hatte ich gelesen, dass es in der Türkei eine Therme gibt, in der kleine Fische leben, die einem die Schuppenflechte von der Haut knabbern. Kangalfische hießen die possierlichen Tierchen, die so freundlich waren und Menschen die Schuppenflechte von der Haut fraßen. Manchmal war es ein Segen, Mensch zu sein, denn wer würde mit den Fischchen tauschen?
   Obwohl das ganz schnell passieren konnte. Schwups war man tot und wurde als Tier wiedergeboren. Wenn man großes Pech hatte, glotzte man plötzlich aus kleinen Glupschaugen auf eine ausgetrocknete Schuppenflechte. Guten Appetit!
   So schlecht konnte niemand zu Lebzeiten gewesen sein, um mit einem derartig grausamen Schicksal gestraft zu werden. Vielleicht würde ich eines Tages in die Türkei fliegen und es ausprobieren, obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, wie die Fischknabbermethode am Kopf funktionieren sollte. Tauchermaske auf und ein paar Stunden unter Wasser bleiben? So lange, bis sich die Fische den Bauch vollgeschlagen hatten und das Wasser vollreierten?
   Ach ja, meine unerwartete Geldquelle. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich mehr Schotter in der Brieftasche als Leergut in der Besenkammer. Der Grund war ein Buch. Ich hatte dieses Buch geschrieben, als mein Fernseher kaputt war und das Leergut nicht reichte, um einen neuen zu kaufen. Ich liebte es, fernzusehen, vor allen Dingen Verdachtsfälle, Familien im Brennpunkt, Anwälte im Einsatz und andere tolle Sendungen über echte Menschen mit echten Geschichten, aber sport1 war mein absoluter Lieblingssender. Es lag nicht an den albernen Pokershows, in denen alternde Cowboys und Glücksspielprofis backsteingroße Geldbündel in die Tischmitte schoben, auch nicht an den alten, dicken Dartspielern, die Pfeile auf Zielscheiben warfen. Mein Interesse galt einer besonderen Art von Sportübertragung im Fernsehen, den Erotikwerbeclips, die im Spätprogramm von sport1 liefen und heiße, notgeile Frauen anpriesen, die sich nichts anderes wünschten, als angerufen zu werden. Vor allen Dingen liebte ich den Spot, in dem sich zwei rasierte Weibchen wie Wassereis abschleckten. Da ging ich ab wie ein Zäpfchen und meine Schalke-Jogginghose blähte sich wie ein Fallschirm. Hallo? Ich war alleinstehend und Hartz-IV-Empfänger mit fünfzehn Kilo Übergewicht. Was blieb mir anderes übrig, als selbst Hand anzulegen?
   Der Fernsehapparat war also mein Leben, doch der war kaputt. Mir blieben zwei Flaschen Aldi-Wodka und … sonst nichts. Mein Sachbearbeiter im Jobcenter, bei dem ich mich zwangsläufig ab und zu sehen lassen musste, riet mir hinter vorgehaltener Hand, ein Onlinegame anzufangen.
   »Das machen viele Hartz-Vierler«, flüsterte er mir zu. »Und Studenten.« Das sei ein wunderbarer Zeitvertreib, vergleichsweise günstig und obendrein würde man viele nette Leute kennenlernen. Da ich nicht die geringste Ahnung hatte, wovon er sprach, mietete ich mir einen Computer im nächsten Internetcafé und googelte mich zwischen grimmig dreinschauenden Schwarzafrikanern schlau. Was ich dort über Massively Multiplayer Online Role-Playing Games las, kurz MMORPGs, ließ mir die Haare zu Berge stehen. Die Geschichte eines japanischen Jugendlichen schockte mich derart, dass ich aschfahl wurde und fast von dem klapprigen Gartenstuhl gefallen wäre. Angeblich hatte der Junge sein Leben in einem dieser Onlinespiele verbracht, wochenlang sollte er vor dem Monitor gesessen haben, bis er tot vom Bürostuhl fiel. Ich dachte an meinen Sachbearbeiter im Jobcenter, der mir zu diesen Spielen geraten hatte. Seltsame Methode, um die Arbeitslosenzahlen zu drücken.
   Einer der Schwarzen brachte mir freundlicherweise ein Glas Wasser, das zwar seifig schmeckte, meinen Kreislauf aber wieder in Fahrt brachte. Der Schwarze hieß Harald und kam aus Gelsenkirchen. Er hatte das Wappen vom FC Schalke 04 auf seinen dunklen Unterarm tätowiert und war mir auf Anhieb sympathisch. Harald wollte wissen, was ich im Internet entdeckt hätte. Dummerweise sagte ich zu Harald, dass ich nichts erzählen würde, schließlich sei ich in einem Internetcafé und nicht im kirchlichen Männerkreis. Harald und die anderen Schwarzen blickten noch grimmiger aus der Wäsche. Wahrscheinlich dachten sie, dass ich ein Rassist wäre, was abwegig war. Immerhin mochte ich türkisches Essen und hatte früher ein japanisches Auto gefahren. Meine T-Shirts waren aus Bangladesch, mein kaputter Fernseher aus Taiwan, oder war der aus Holland? Egal. Ausland ist Ausland. Ich war genauso wenig Rassist, wie Harald der Spitzenkandidat der NPD war.
   Bevor ich Harald und den Schwarzen meine lupenreine demokratische Gesinnung vermitteln konnte, hatten sie mich zusammengeschlagen, ausgeraubt und aus dem Internetcafé geworfen. Ich schleppte mich nach Hause und trank eine halbe Flasche Wodka, kotzte mir die Seele aus dem Leib und wachte am nächsten Morgen mit dem Kopf in der Klobrille auf. Woher ich das blaue Auge und die dicke Lippe hatte, war mir ein Rätsel. Während ich über meinen weiteren Lebensweg grübelte, leerte ich den Rest der Wodkaflasche. Abgefüllt und ideenlos rutschte ich von meiner Couch und landete mit dem Gesicht in einem halben Pfannkuchen, der mir Wochen zuvor vom Teller gerutscht war. Er roch nicht schlecht, allerdings hatte ich kein Apfelmus zur Hand, also ließ ich ihn, wo er war. Stattdessen fiel mir etwas anderes ins Auge. Unter meiner Couch, gut gepolstert von einer Armada Wollmäusen, entdeckte ich das uralte Notebook, mit dem ich früher durchs Internet gesurft war. Seinerzeit trieb ich mich in Erotikchats herum und gab mich als scharfe Lesbierin Ute aus. Damals gab es noch keine Erotikwerbung bei sport1, dem Sender, der zu dieser Zeit noch DSF hieß.
   Durch das Notebook änderte sich meine Situation gewaltig. Mir kam die Idee, den alten Klotz zu Geld zu machen. Für einen neuen Fernsehapparat würde der Erlös nicht reichen, aber vielleicht für ein paar Flaschen Wodka von ALDI, LIDL oder Kaufland. Also machte ich mich auf den Weg zum nächsten Pfandleiher namens Vahap, der kein richtiger Pfandleiher war. Der Türke handelte mit Handys, die er sich billig bei eBay besorgte. Vahap lachte mich aus, als ich den Laptop aus der Lidl-Tüte holte und wissen wollte, was er für das Teil rausrücken würde. Ich bekam eine ordentliche Krawatte und überlegte kurz, ob ich ihm das Notebook über den Schädel hauen sollte. Ich riss mich zusammen, was möglicherweise mit dem sabbernden Rottweiler zusammenhing, der hinter Vahaps Theke hockte und scheinbar nur darauf wartete, mir die Kehle durchzubeißen. Geknickt trottete ich wieder nach Hause, zurück in meine triste Wohnung, unter dem Arm das Notebook. Für einen Moment überlegte ich, es in den nächsten Mülleimer zu schmeißen, doch ich tat es nicht. Meine letzte Flasche Wodka leerte ich, während ich auf meiner Couch hockte, einen Fuß auf dem vergammelten Pfannkuchen, und den Laptop grübelnd anstarrte. Der Alkohol vernebelte mein ohnehin milchiges Gehirn. Wahrscheinlich war es ein Reflex oder vielleicht Vorsehung, dass ich den Computer aufklappte und anstellte. Der Akku besaß immer noch Energie und der Computer startete anstandslos.
   Seltsam. Manche Dinge passieren einfach. Das Karma nimmt keine Rücksicht auf physikalische Grundgesetze.

2
Toner-Juri

Ihre weißen Zähne waren nicht das Einzige, was Gina Wild entblößte, während sie mich lasziv anlächelte. Das Hintergrundbild auf dem Notebook entsprach meinem Geschmack. Sofort durchstöberte ich die Festplatte nach weiteren leckeren Bildchen, fand aber nur ein altes Foto, auf dem ich besoffen auf dem Boden lag. Ein paar Kumpels hatten mir mit einem schwarzen Filzstift ein Zorro-Bärtchen gemalt und mir die Hose bis zu den Knien hinuntergezogen. Dunkel konnte ich mich an meine Abiabschlussfeier im vergangenen Jahrtausend erinnern. Sogar studiert hatte ich ein paar Semester, zumindest war ich für Literaturwissenschaften eingeschrieben, allerdings war ich selten an der Uni. Oft lag ich bekifft im Bett und träumte davon, einen Bestseller zu schreiben. Allerdings träumte ich mehr, als ich schrieb. Das war schlecht, wenn man ein berühmter Schriftsteller werden wollte.
   Bei meiner weiteren Suche entdeckte ich einen Ordner, der mit Word-Dokumenten vollgestopft war. Zu meiner Überraschung waren es einige meiner Schreibversuche, die ich vor etlichen Jahren angefertigt hatte. Zu dieser Zeit war der Laptop Hightech und kostete gefühlte hunderttausend Mark. Heute würde man für das Geld einen gigantischen Flachbildfernseher bekommen, mit dem man sich die gierigen Lesben in 3-D anschauen könnte. Ich las mir meine geistigen Ergüsse aus einem anderen Leben durch. Ein latentes Wiedererkennen brandete in den verwinkelten Ecken meines Oberstübchens auf. Es reichte ein imaginäres Püsterchen, um die dicke Staubschicht aufzuwirbeln, unter der meine Erinnerungen vergraben waren. Mir fiel wieder ein, dass ich einst die Idee von einem epochalen Werk über einen Zauberlehrling namens Barry Hopper hatte. Ich las den Plot und lachte mich scheckig. Wie gut, dass ich meine Energie nicht mit solch einem Nonsens vergeudet hatte. Wer wollte schon den geistigen Dünnschiss von Zauberstäben, Parallelwelten und bösen Magiern lesen?
   Die Menschen standen auf Geschichten von echten Menschen mit echten Problemen in einer echten Welt, wie im Fernsehen in Verdachtsfällen und so weiter. Roflcopta.
   Ehe ich mich versah, öffnete ich ein neues Word-Dokument und schrieb drauflos. Fünf Tage später hörte ich wieder auf. Ich stank wie ein Katzenklo, mein Gaumen schmeckte verschimmelt und ich fing an, zu halluzinieren. Der Pfannkuchen zwischen meinen Füßen sprach mich an und fragte, ob er in meinem Buch vorkäme. Einfühlsam erklärte ich ihm, dass in meiner Geschichte kein Platz für eine Mehlspeise sei. Wäre er eine Pizza gewesen, hätte ich ihn unterbringen können. Der Pfannkuchen rebellierte, murmelte etwas von Ungerechtigkeit und von Pizzadiktatur. Schließlich wurde es mir zu bunt und ich verputzte ihn ohne Vorwarnung. Um ihn besser zu verdauen, trank ich literweise Leitungswasser, leerte meine Därme und meine Blase und warf einen Blick auf den Wandkalender in der Küche. Noch vier Tage, bis es frisches Geld vom Amt geben würde. Sechsundneunzig Stunden ohne Alk, genügend Zeit, um meine Geschichte zu Ende zu schreiben. Ich setzte mich wieder auf die Couch, warf einen wehmütigen Blick auf den Teppich und spürte einen Stich, als ich an meinen Freund, den Pfannkuchen dachte. Ich spürte ihn im Magen, wo er sich mit aller Kraft gegen meine Magensäfte wehrte. Ein tiefer Rülpser, dann schrieb ich weiter.
   Die vier Tage vergingen wie im Flug. Am Ende hatte ich zweihundertfünfzig Seiten fabriziert, eine Geschichte, die den Verdachtsfällen alle Ehre machte. Lug, Betrug, Sex, Liebe, Inzest und tragische Schicksale. Ein Moloch menschlicher Abgründe, gespickt mit Fäkalsprache, Brutalität und der alltäglichen Bizarrheit des Lebens. Kurz gesagt, ein moderner Roman. Natürlich kamen darin auch Pokerspieler, Lesben und dicke englische Männer vor. Ich nannte meinen Roman Bulls Eye.
   Das Wort Ende schloss meine schriftstellerischen Aktivitäten vorerst ab. Mein letzter kreativer Akt war die Speicherung des Manuskripts.
   Der Erste war da und damit meine monatliche Lebenserhaltungszahlung. Hartz IV. Auf dem Weg zu Aldi kam ich bei meinem alten Kumpel Juri vorbei, der in einem Copyshop arbeitete. Juri war vor einigen Jahren aus der Ukraine nach Deutschland gekommen, um hier einen Raubkopiererring in großem Stil aufzuziehen. Ich lernte ihn zufällig in der Straßenbahn kennen. Er sprach mich an und bot mir aktuelle Kinofilme auf Video an. Juri war technisch nicht ganz auf der Höhe und überrascht, weil niemand seine VHS-Videokassetten kaufen wollte. Von Computern und DVDs hatte er keinen Schimmer. Aus diesem Grund gab er das Raubkopieren auf und meldete sich auf die Stellenanzeige eines Copyshops. Juris Interesse für den Job im Kopiershop kam mir immer seltsam vor. Eines Tages erzählte mir Juri in seinem gebrochenen Deutsch – wenn man die Augen zumachte, glaubte man, einen der Klitschkos vor sich zu haben –, dass er anfangs glaubte, dass es sich um einen Coffeeshop handelte. Juri war ein passionierter Kiffer, aber nur bis zu dem Tag, als er sich mit Toner aus einem der Laserdrucker eine Linie zog. Sein Geruchssinn war seitdem futsch. Ab und zu brabbelte er zusammenhangloses Zeug, verdrehte die Augen und starrte wie ein Irrer minutenlang in die Ferne. Ansonsten war er in Ordnung, auch wenn ich nur die Hälfte von dem verstand, was er sagte.
   Juri war bestens gelaunt, als ich ihn besuchte. Wie immer trank er Tee, der nach Aceton roch. Er bot mir einen an. Ich lehnte dankend ab, obwohl meine Kehle trocken wie das Geschlechtsteil einer alten Jungfer war.
   »Juri«, sagte ich zu ihm. »Ich habe ein Buch geschrieben.«
   »Wos host du? Eine Buch? Wos für eine Buch, Bert?«
   Eigentlich hieß ich Bertram, aber wer mich so nannte, der machte das nur ein Mal. Davon waren meine Eltern natürlich ausdrücklich ausgeschlossen.
   Ich erzählte von meinem Buch und zeigte Juri den USB-Stick, auf dem ich meinen Roman gespeichert hatte.
   »Dorf ich lese?«
   »Hä?«
   »Lese?«
   Sein Deutsch wurde immer besser, vielleicht lag es daran, dass ich zum ersten Mal seit Menschengedenken nüchtern war. Ich erlaubte ihm, das Manuskript zu lesen, dann trank ich doch einen Aceton-Tee und hatte den ganzen Tag Bauchschmerzen.

3
Gesichtswurst

Juri war einer von diesen Typen, die einem Veganer Gesichtswurst verkaufen konnten. Aber selbst er schaffte es nicht, im dritten Jahrtausend Videokassetten an den Mann zu bekommen.
   Zwei Monate, nachdem ich Juri den Stick mit meinem Manuskript gegeben hatte, stand er eines Tages bei mir vor der Tür. Ich war voll bis unter den Pony, deshalb erkannte ich ihn nicht. Pöbelnd und mit Gewalt drohend wollte ich ihn vertreiben, doch ich kotzte ihm auf die glänzenden Lackschuhe und brach zusammen. Ich wachte in meiner Badewanne wieder auf. Juri hatte mich bis auf die Unterwäsche ausgezogen und mich in eiskaltes Wasser gelegt. Jetzt saß er auf dem Toilettendeckel, paffte eine dicke Zigarre und wartete darauf, dass ich zu mir kam.
   »Challo Bert.«
   Ich kniff ein Auge zu, ein Juri war genug. »Juri?«
   Er nickte zur Bestätigung und pustete blaue Ringe in die Luft. Er griff in die Innentasche seines Jacketts und holte eine weitere Zigarre hervor.
   Erst jetzt fiel mir sein piekfeiner Aufzug auf. Er sah aus, als würde er von seiner eigenen Hochzeit kommen. Juri hielt mir die Zigarre entgegen. Beim ersten Versuch griff ich vorbei, dann schnappte ich sie mir, biss die Spitze ab und steckte sie in den Mund. Mein russischer Freund gab mir Feuer und wir pafften wie die Grauen Herren bei Momo.
   Nach einer Weile fragte ich mich, warum ich in Unterwäsche in der Badewanne saß und Zigarre rauchte. Immerhin war ich Nichtraucher und hasst Nikotin noch mehr als stilles Wasser. Ich drehte den Wasserhahn auf, bis es tröpfelte, löschte die Zigarre und warf sie achtlos über den Wannenrand.
   »Grunde für Jubeln«, sagte Juri mit einem Grinsen, das seine vergoldeten Zähne entblößte.
   »Hä?«
   »Feier, Erfolg!«
   »Wovon sprichst du, Juri?«
   Er erzählte, wie er mein Manuskript an nur einem Abend verschlungen hatte. Er war begeistert von meiner Geschichte, die nichts anderes war als ein Mischmasch aus diversen Verdachtsfällen, Familien im Brennpunkt und natürlich lesbischen Traumvorstellungen.
   »Ich Buch Igor gezeigt«, sagte er.
   »Igor, wer zum Teufel ist Igor?«
   »Igor ist Freund, hat Verlag! Will drucken deine Buch.«
   Juri legte seine Zigarre auf den Rand der Badewanne und griff erneut in die Innentasche seines Jacketts. Er zog ein gefaltetes Blatt hervor und reichte es mir.
   »Ein Vertrag?«
   »Ja. Igor zahlen fünftausend Euro für Buch.«
   So kam es, dass ich wenige Wochen später fünftausend Euro in bar in den Händen hielt. Tausend gab ich Juri, schließlich war er so etwas wie mein Manager. Igor Rodjuk betrieb tatsächlich einen Verlag, den Hotshot-Verlag, um genau zu sein. Dass er ausschließlich Pornomagazine der härtesten Sorte produzierte, die ohne Ausnahme nur unter der Ladentheke zu bekommen waren, machte mir keine Sorgen. Ich hatte jetzt jede Menge Geld.

4
Gnocchi mit Käsesoße

Siebenundvierzig Zoll, LED-Backlight-Technik, Cinema 3-D. Mein neuer Fernseher war endlich da und ich lechzte nach dreidimensionalem Lesbengeschlecke im Großformat. Leider gab es ein Problem, denn das Bild war so beschissen wie meine Unterwäsche. Ich schaltete auf RTL, zufällig lief dort gerade Verdachtsfälle, doch entweder hatten alle Schauspieler schwere Akne oder die Schüssel auf dem Dach hatte beim letzten Sturm einen abgekriegt.
   Was blieb mir anderes übrig, als aufs Dach zu steigen? Ich schlüpfte in meine Adiletten und ging in den Hausflur. Dort traf ich die Alte aus dem Erdgeschoss, die mit einem vollen Wäschekorb die Treppe heruntergewackelt kam. Sie blickte mich schräg an, das tat sie immer, seitdem ich sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf geklingelt hatte, um mir zwei Eier zu borgen. Heute sah sie mich besonders grimmig von der Seite an. Warum, war mir ein Rätsel. Die blaue Trainingsjacke war zwar mit diversen Flecken übersät, aber die Boxershorts, die ich trug, waren nahezu sauber. Vielleicht gefiel ihr mein Dreitagebart nicht, alte Leute waren oft merkwürdig.
   Ich kraxelte durch die enge Luke auf den Trockenboden, quetschte mir etwas ab und stand schließlich auf den glitschigen Dachpfannen. Es regnete in Strömen. Vielleicht war es keine gute Idee, in Unterwäsche und Adiletten aufs Dach zu steigen. Egal, mit dem Streuselkuchenbild hatte ich keinen Spaß an meinen Lieblingssendungen.
   Höhenangst kannte ich nur, wenn ich nüchtern war, und das war Ewigkeiten her. Beschwingt kletterte ich bis auf den First und entdeckte meine Satellitenschüssel, was allerdings nicht besonders schwer war, da sie die einzige auf dem Dach war. Ich fummelte systemlos an der Schüssel rum, und als ich hoffte, die richtige Ausrichtung gefunden zu haben, machte ich mich wieder auf den Weg zur Dachluke. Ich hatte sie fast erreicht, als ich merkte, dass meine Boxershorts langsam hinunterrutschten. Mit einer Hand krallte ich mich an einer Dachpfanne fest, mit der anderen versuchte ich, die Shorts hochzuziehen. Fatalerweise rutschte ich im selben Moment mit meinem rechten Fuß aus, verlor meine Adilette und kam ins Straucheln. Auf einmal hörte ich meinen Lieblingssong von Metallica, den ich als Klingelton auf meinem iPhone eingestellt hatte. Eine Sekunde schien die Welt stillzustehen, ich dachte an Gnocchi mit Käsesoße, dann verlor ich den Halt und schlitterte in einem Affenzahn über die Dachpfannen. Meine mühsam hochgezogenen Boxershorts landeten unterhalb meiner Hüften, ziemlich hipp, mein Ding rutschte über den Gummizug und meine Eier klatschten wie Klickkugeln gegen die Ränder der Dachpfannen, absolut nicht hipp. Die Schmerzen machten mir mehr zu schaffen als ein möglicher Absturz. Ich würde mich einfach an der Dachrinne festhalten und wieder hochziehen. Leider war das ein Schuss in den Ofen, denn als ich die Kante der Dachrinne packen wollte, rauschte sie an mir vorbei. Ich befand ich mich in freiem Fall. Mir war klar, dass ich auf den Boden aufklatschen würde. Ich passierte mein Wohnzimmerfenster und stellte fest, dass das Fernsehbild perfekt eingestellt war. Eine Sekunde später sah ich dem Suffkopp aus der ersten Etage in die blutunterlaufenen Augen. Wie immer stand der Kerl mit einer Pulle Bier an seinem Fenster und glotzte nach draußen. Ich grinste ihn an, er blickte durch mich hindurch. Als ich die fiese Fresse der Alten aus dem Erdgeschoss hinter ihrem Küchenfenster erblickte, betete ich, dass ich nicht in ihrem Rosenbeet landen würde. Von ihrem Gezeter würde ich zwar nichts mehr mitbekommen, doch der Gedanke daran schmerzte in meinen Ohren.
   Der Aufprall war hart. Definitiv nicht das Rosenbeet. Mein Genick brach mit einem verhältnismäßig leisen Knacken. Klar, es tat weh, aber weniger als befürchtet. Glücklicherweise lag ich auf dem Rücken, so hatte ich eine schöne Aussicht auf den stahlgrauen Himmel. Ich entdeckte meine fehlende Adilette, die auf der Fensterbank meines Wohnzimmers gelandet war und über den Sims hinausragte. Während eine unangenehme Kälte von den Füßen meinen Körper heraufwanderte, begann sich vor meinen Augen der Himmel zu drehen. Die Wolken verwirbelten sich wie Zuckerwatte ineinander, wurden immer dunkler und eroberten langsam mein Sichtfeld. Das Licht wurde spärlicher und mir war klar, dass sich meine Rollos für immer schließen würden. Mein letzter Gedanke war, dass dies mein allerletzter Gedanke war. Klappe zu, Affe tot.

Kapitel II
Willkommen im Jenseits

1
Abwärts

Letzter Gedanke? Von wegen. Kaum war ich tot, glühte mein Gehirn wie ein heißer Grill. Plötzlich lag ich nicht mehr auf dem Asphalt vor meinem Haus, sondern stand auf den Beinen. Der Moment dazwischen war fließend. Es war, als ginge man von einem Zimmer in das andere. Ich spürte keinen Schmerz, die Kälte hatte meinen Körper verlassen. Noch immer starrte ich nach oben. Der Himmel war verschwunden, dafür blickte ich in das grelle Licht einer Neonröhre. Reflexartig schloss ich die Augen, Blitze zuckten, Sterne explodierten wie Silvesterfeuerwerk. Eine Weile dauerte es, bis ich es wagte, die Augen zu öffnen. Dazwischen nahm ich nur das monotone Schaben wahr, das alle paar Sekunden zu hören war.
   Einen Moment später blickte ich mich um und runzelte die Stirn. Drei Wände, die mit tristem grauen Kunststoff vertäfelt waren, genau wie die quadratische Decke, dazu kam eine blanke Neonröhre. Dieses Mal zwinkerte ich früh genug und glotzte nur kurz in das Licht. Mein Blick richtete sich nach vorn, auf die beiden silbernen Falttüren mit dem winzigen Spalt in der Mitte, durch den immer wieder weißes Licht schien. War der Spalt dunkel, hörte ich das Schaben.
   Ich war tot, daran bestand kein Zweifel. Ich befand mich in einem Fahrstuhl, in einem uralten Fahrstuhl. Merkwürdig? Skurril passte besser. Was mir viel mehr Sorgen machte, war die Tatsache, dass sich die Klapperkiste abwärts bewegte. Für einen Toten war die Richtung nicht gerade eine rosige Zukunftsperspektive.
   Ich sah an mir hinab und stellte fest, dass sich an meinem Outfit nichts geändert hatte. Mit Boxershorts, Trainingsjacke und einer Adilette auf dem Weg zu Luzifer. Hoffentlich war der alte Beelzebub kein strenger Bursche und vor allen Dingen kein Antialkoholiker.
   Eine Sache stand also fest. Es gab ein Leben nach dem Tod und es fühlte sich nicht anders an als vorher. Von meinem kleinen Unfall war nichts mehr zu spüren, meine Knochen und Muskeln gehorchten aufs Wort, ich konnte klar denken und meine Blase wollte geleert werden. Ich presste meinen Schließmuskel zusammen, denn ich hielt es für keine gute Idee, hier mein Revier zu markieren. Der Fahrstuhl rumpelte weiter abwärts. Mir wurde langweilig und ich hatte Durst. Mein Magen begann zu knurren und ich musste rülpsen. Das Leben nach dem Tod hatte bis jetzt nichts Geheimnisvolles, erst recht nichts Metaphysisches.
   Ich ließ den Blick über die Fahrstuhlwände gleiten. Erst jetzt fiel mir auf, dass es kein Tastenfeld gab, um die Stockwerke zu wählen. Dort, wo sich normalerweise das Kontrollfeld befand, hatte jemand etwas in die Fahrstuhlwand geritzt. Eine winzige Schrift, die ich kaum entziffern konnte. Ich beugte mich nach vorn und betrachtete die Inschrift aus der Nähe. Ich will noch nicht! Euer Jopie.
   Der gute alte Johannes Heesters schien vor mir in diesem altersschwachen Fahrstuhl ins Jenseits gereist zu sein. Ich schlug mir auf die Schenkel und wollte laut lachen, als der Fahrstuhl heftig ruckelte. Dann blieb er stehen. Mein Hintern klatschte an die Rückwand und ich prellte mir das Steißbein.
   »Autsch«, sagte ich und rieb mir mein schmerzendes Hinterteil.
   Meine Schmerzen verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren, denn nun kam der Augenblick der Wahrheit. Die Antwort auf die Frage aller Fragen. Was befand sich hinter der Tür? Ein riesiges Barbecue, um das kleine Teufelchen mit gebogenen Hörnern herumtanzten, Dreizacks in der Hand, mit denen sie mich piesackten, bis der Chef der feurigen Gesellschaft einen Termin für mich freihätte? Ich zog meine Boxershorts über die Hüften, wo sie direkt wieder an meiner jahrelang angesoffenen Fettschürze hinunterrutschte. Dann spuckte ich mir in die Hände und glättete meine Haare. Ich war bereit. Willkommen, Hölle!

2
T-Punkt

Die Fahrstuhltür bestand aus grauem Stahl, in der Mitte ein schmales Fenster aus Sicherheitsglas. Darunter war ein magentafarbenes T gepinselt. Der Horror hatte einen Namen. Ich war bei der Telekom.
   Ich sah genauer hin und entdeckte hinter dem T in winziger Schrift erminal.
   Terminal statt Telekom. Ich überlegte kurz, was das bedeuten könnte, kam aber zu keinem Ergebnis. Skeptisch beugte ich den Kopf nach vorn und sah durch das Fenster. Etwas enttäuscht entdeckte ich einen Gang aus weißem Beton, nicht breiter als die Kabine, in der ich mich befand. Wagemutig stieß ich die Tür auf, die sich mit einem Quietschen meinem Druck beugte.
   Angst? Warum? Ich war tot und wahrscheinlich in der Hölle. Was sollte mir Schlimmeres passieren?
   Der Eingang war enttäuschend. Der Gang war nicht nur schmal, sondern auch miserabel beleuchtet. Blanke Glühbirnen in schäbigen Plastikfassungen baumelten alle paar Meter von der kahlen Decke. Hatten Luzifer oder einer seiner Spießbuben den Grabbeltisch bei Praktiker gefilzt? Oder arbeitete die Beelzebub-Clique in den diversen Ein-Euro-Shops, wo sie gemütlich den Seelenmarkt sichtete, während sie Batterien, Briefumschläge und anderen Billigkokolores verschleuderte?
   Ich kam mir vor wie in einem Spielertunnel in einer Fußballarena, als ich durch den Betonschlauch wankte. Der Boden unter meinen bloßen Füßen war eiskalt. Kälte? Hölle? Entweder war das Feuergeschwafel ein Klischee … oder ich befand mich nicht in der Hölle.
   Eine Tür am Ende des Ganges, etwa zehn bis fünfzehn Meter entfernt. Die Neugier ließ meine Schrittfrequenz in die Höhe schnellen. Unsinn. Ob Hölle oder Himmel, eilig brauchte ich es nicht zu haben. Schließlich war ich in der Ewigkeit angekommen, da sollte Zeit keine Rolle spielen. Ist das so?, fragte mich mein Unterbewusstsein, was ich gelinde gesagt gruselig fand. Ein Schulkollege, schlaues Kerlchen, mit Einser-Abi und blendenden Zukunftsaussichten, fing eines Tages an, mit seinem Unterbewusstsein zu kommunizieren. Ganz offen und mitten in der Öffentlichkeit. Er redete mit Jesus und Alexander dem Großen. Kurz bevor ich starb, habe ich ihn in der Stadt gesehen. Er sprach nicht mehr mit seinem Unterbewusstsein, sondern mit den Mülleimern in der Gegend, die er für Nester von invadierenden Aliens hielt. Aus diesem Grund hatte ich es vorsichtshalber immer vermieden, zu antworten, wenn mein Unterbewusstsein etwas von mir wollte.
   Terminal stand in schwarzen Lettern auch auf der nächsten Tür. Das Dach vom T war abgeblättert, also konnte ich Ierminal lesen, was aber keinen Sinn ergab, zumindest nicht in der Sprache, in der ich dachte.
   Ich überlegte, ob ich anklopfen sollte, und ließ meinen Blick auf der Suche nach einer Klingel über den Türrahmen gleiten. Im Kopf legte ich mir Begrüßungsworte zurecht.
   »Moin, Luzifer, da bin ich«, oder besser noch, »Tach, Herr Teufel.«
   Ich war nervös. Man trat nicht alle Tage dem Herrn der Dunkelheit gegenüber, schon gar nicht in Boxershorts und Trainingsjacke. Die Adilette hatte ich im Fahrstuhl zurückgelassen. Ich legte ein Ohr an die Tür, aber von der anderen Seite war nichts zu hören.
   Plötzlich ertönte ein Piepton und ich zuckte zusammen. Eine Sekunde später war mir klar, was ich hörte. Es war der Benachrichtigungston meines Handys. Offenbar hatte ich eine Mail bekommen. Ich erinnerte mich, das Smartphone in die Jackentasche gesteckt zu haben, holte es hervor und blickte konsterniert auf das Display. Es war kaum zu fassen, aber ich hatte Empfang in der Hölle, im Himmel oder wie immer sich das Jenseits nannte. Während meines letzten Urlaubs auf Usedom war ich zwei Wochen von der Außenwelt abgeschnitten. Und hier? Drei Konnektivitätsbalken. Kaum zu glauben.
   Ich tippte auf dem Smartphone herum und öffnete die eingegangene Mail. Sie haben die goldene Trophäe erhalten. Nehmen Sie fünfhundert EUR!
   Die Betreffzeile sagte schon alles, trotzdem las ich weiter.
   Fünfhundert Euro wurden soeben auf ihr Spielkonto bei Lucky Kasino geladen. Kommen Sie online und fangen Sie an zu gewinnen!
   Spammails in der Hölle! Ich löschte die Mail und steckte mein Handy zurück in die Jackentasche. Danach holte ich kräftig Luft, muffige, abgestandene Luft, und legte eine Hand auf die Türklinke.
   Langsam drückte ich die Klinke hinunter und schob die schwere Tür einen Spaltbreit nach außen auf.

3
Streuselkuchen

Eine dröhnende Kakofonie von Stimmen und Geräuschen drang mir entgegen.
   Vorsichtig lugte ich auf einen weiteren Gang, der etwa zwanzig Meter breit, taghell erleuchtet und voller Menschen war. Ein schwindelerregender Geruch raubte mir den Atem. Es stank nach Exkrementen, Schweiß und verschiedensten Essensgerüchen. Das liebliche Aroma von Alkohol beglückte meinen Geruchssinn.
   Voller Vorfreude leckte ich mir die Lippen, ließ die Tür aufschwingen und traf einen Kerl in einem knallroten Overall, der mit Werbung bepflastert war, an der Schulter.
   Der Typ trug einen gelben Integralhelm, durch dessen Visier er mich böse anstarrte. Er pöbelte ein unverständliches Schimpfwort und zeigte mir den Mittelfinger.
   Ich wollte mich entschuldigen, doch der Mann ließ mich links liegen und ging weiter.
   »Eigentlich ist Ayrton ganz nett«, sagte jemand.
   Ich drehte mich zur Seite. Neben der Tür hockte ein junger Mann auf dem Boden und qualmte ein Zigarillo.
   »Wer?«
   »Ayrton.«
   »Senna?«
   »Jo.«
   »Echt?«
   »Jo.«
   »Wow!«
   Mit großen Augen sah ich dem weltbekannten Rennfahrer hinterher, der 1994 auf der Rennstrecke in Monza ums Leben gekommen war.
   »Was macht Senna in der Hölle?«, fragte ich meine rauchende Bekanntschaft.
   »Hölle? Hier?«
   »Ist das hier nicht die Hölle?«
   »Nö.« Der junge Mann spuckte einen dicken braunen Speichelklumpen zwischen seine Füße. Sein Zigarillo landete einen Augenaufschlag später in der Spuckelache, wo es zischend verglühte. Er stand auf und ich stellte fest, dass er jünger war, als ich zunächst gedacht hatte. Ich schätzte ihn auf achtzehn, höchstens zwanzig Jahre. Sein Gesicht sah aus wie ein Streuselkuchen, übersät von knallroten und teilweise aufgekratzten Aknepocken. Ich konnte meinen Blick nicht von seinem entstellten Gesicht wenden, als er herüberkam und mir seine Hand entgegenstreckte.
   »Sieht gruselig aus, ne?«, fragte er mit einem Grinsen, während wir uns die Hände schüttelten.
   Einen Moment überlegte ich, was ich antworten sollte, am Ende entschied ich mich für die Wahrheit. Ich nickte. »Ja, sieht Scheiße aus.«
   Einen Moment sah mich der Junge an, ernst und ohne Regung in seinem monströsen Gesicht. Meine Hand hatte er noch nicht losgelassen und ich befürchtete, dass er sie mir jeden Moment brechen würde. Auf einmal zog er seine Mundwinkel nach oben. »Endlich einer, der ehrlich ist.« Er ließ meine Hand los und klopfte mir heftig auf die Schulter. »Ich bin Paul.«
   »Bert, mein Name ist Bert.«
   Paul zeigte auf sein Gesicht. »Haste zufällig Hautcreme mitgebracht?«
   Ich schüttelte den Kopf.
   »Schade. Habe mir extra ’ne Kugel in den Kopf gejagt, damit ich meine Fresse nicht mehr sehen muss und dann geht die Scheiße hier unten weiter.«
   »Du hast dich umgebracht?«
   Paul rümpfte die Nase und musterte mich von oben bis unten. »Klar, du nicht?«
   »Nicht, dass ich wüsste. Ich wollte auf dem Dach meine Satellitenschüssel richten. Bin abgerutscht und runtergefallen.«
   »Wieder ein Falscher«, sagte Paul schulterzuckend.
   »Was meinst du damit?«
   »Du gehörst hier nicht hin, meine ich.«
   »Was ist Hier?«, fragte ich unfreundlicher als gewollt.
   Paul griff in seine Jackentasche und holte eine silberne Zigarettendose hervor. Er öffnete sie, nahm einen Zigarillo heraus und steckte ihn in den Mundwinkel. Mit einem Zippo steckte er das schmale braune Stäbchen an und blies mir eine Rauchwolke entgegen.
   »Das Terminal oder die Arena. Such dir aus, wie du das Drecksloch nennen willst. Am besten passt Suzi-Palace, so nennen wir hier unten unser Zuhause.«
   »Wer ist Suzi?«, fragte ich und musste wie ein Hirntoter aussehen, denn Paul schüttelte den Kopf und fasste sich genervt an die Stirn.
   »Bist nicht der Hellste, was?«
   Halt’s Maul, Pickelfresse, lag mir auf den Lippen, doch ich hielt den Mund. »Ey, ich bin gerade auf den Kopf gefallen.«
   »Suzi. Suizid. Selbstmörder.«
   Wenn ich den pickligen Jungen richtig verstanden hatte, befand sich hier die erste Anlaufstelle für Selbstmörder. Musste es ja geben. Meine Laune stieg, denn scheinbar gab es eine moralische Instanz nach dem Tod. Allerdings war bei mir etwas falsch gelaufen. Ich hatte mir definitiv nicht das Leben genommen. Keine Frage, bei so vielen Toten konnte hin und wieder ein Fehler passieren. Da waren bestimmt ein paar Pullen Wodka drin, als Entschädigung, und Proviant für die Reise zu meinem richtigen Bestimmungsort.
   »Wie gesagt, ich habe mich nicht umgebracht. An wen muss ich mich wenden, damit ich wieder rauskomme?«
   Der Junge schüttelte den Kopf und schnalzte mit der Zunge. Dann zog er die Augenbrauen nach oben und sah mich bemitleidend an. »Wann starb Ayrton?«
   »Was?«
   »Wann ging Senna drauf?«
   »In den Neunzigern, glaube ich.«
   »War es Selbstmord?«
   Ich schüttelte den Kopf und würgte einen Kloß hinunter, der so groß war wie Sennas Integralhelm. Die Erkenntnis traf mich wie eine Dampframme. Paul brauchte nichts mehr zu sagen, ich wusste, worauf er hinauswollte.
   »Wenn du hier unten bist, gibt’s kein Zurück. Die kümmern sich einen Dreck darum, ob du hier hingehörst oder nicht.«
   Es war ein weiterer Schlag in die Magengrube.
   »Wer sind Die?«, hörte ich mich fragen, während ich krampfhaft versuchte, meinen Magen an seiner Position zu belassen.
   »Die sind Die«, antwortete er kryptisch mit einem Schmunzeln in seinem Pickelgesicht. »Die, die die Regeln aufstellen und alles regeln, in der Regel nichts Gutes.«
   »Es können nicht alle für immer hier unten bleiben. Irgendwann muss die Hütte doch voll sein.«
   »Habe ich gesagt, dass man ewig hierbleibt? Die Arena ist nur eine Zwischenstation, eines Tages wird …« Paul wurde durch einen Gong unterbrochen.
   Ein blecherner Ton, der plötzlich allgegenwärtig war. Alle Toten blieben stehen, Paul sah mich an und legte seinen Zeigefinger auf die Lippen.
   »Jeremias Klein zur Abfertigung A zwei, Jeremias Klein zur Abfertigung A zwei«, dröhnte eine monotone Stimme aus unsichtbaren Lautsprechern. Erneut ertönte der Gong, dann war Ruhe und auf dem Gang begann wieder die alte Betriebsamkeit.
   »Jeremias Klein«, sagte Paul melancholisch. »Der hat’s geschafft.«
   »Was hat der geschafft?«
   »Er verlässt die Arena.«
   »Wohin?«
   Paul zuckte mit den Schultern.
   »Keine Ahnung. Man wird ausgerufen und verschwindet.«
   »Für immer?«
   »Ist noch keiner wieder aufgetaucht.«
   »Und wie lange bist du schon hier?«, fragte ich mit einer bösen Vorahnung. Erst jetzt fiel mir seine seltsame Kleidung auf. Der Junge trug einen schwarzen Nadelstreifenanzug, ein Hemd mit steifem Kragen und eine schmale Fliege. An seinen Füßen trug er schwarz-weiße Lackschuhe, die wie Gamaschen aus alten Gangsterfilmen aussahen.
   »Was weiß ich, hier gibt’s keine Kalender.«
   »Wann hast du dir die Kugel in den Kopf gejagt?«
   »Neunzehnvierundfünfzig.«
   Die Antwort traf mich wie ein Leberhaken. Mein Magen zog sich auf die Größe eines Tennisballs zusammen. Kacke. Der Junge wandelte seit siebenundsechzig Jahren in dieser Arena herum. Entweder war das hier die Hölle oder der liebe Gott war nicht lieb.
   Das war zu viel. Den Tod hatte ich mir ehrlich gesagt anders vorgestellt. Ich war zwar kein Moslem und zweiundsiebzig Jungfrauen wären mir zu viel Arbeit, aber jahrzehntelang in einer Wartehalle mit Selbstmördern eingesperrt zu sein und darauf zu warten, dass man seiner Bestimmung zugeführt würde, war nicht das, was ich mir unter einem durchschnittlichen Tod vorgestellt hatte. Wer glaubte mir in siebzig Jahren, oder wann immer mein Name ausgerufen würde, dass ich keinen Selbstmord begangen hatte? Wahrscheinlich würde man mich dann genauso bemitleidend anschauen wie einen lebenslang eingesperrten Knacki, der behauptete, unschuldig zu sein. Wo war ich hineingeraten? Das Ganze konnte man nur mit Alk ertragen. Kaum hatte ich den Gedanken ausgedacht, zog mir wieder der Schnapsgeruch in die Nase. »Gibt’s hier Hochprozentiges?«
   »Klar. Hansi brennt den besten Schnaps weit und breit. Da müssen wir ein Stück laufen. Komm, auf dem Weg erkläre ich dir ein paar Sachen, die du von dem Loch hier wissen musst.«
   Paul lief los, ich trottete ihm hinterher. Mir war alles egal. Hauptsache, ich konnte mir bald den Kopf zudröhnen. Es war wie im Leben, man konnte die Existenz nur im Rausch ertragen.

4
Wo ist Hansi?

Hansi, und vor allen Dingen der von mir dringend benötigte Schnaps, war meilenweit entfernt. Wir liefen und liefen und Paul quatschte und quatschte. Kein Wort drang an mein von Nüchternheit und Aussichtslosigkeit gequältes Bewusstsein.
   Anfangs glotzte ich die Toten an, seltsame Gestalten, die in ihren nostalgischen Anzügen und Kleidern wie Teilnehmer eines Kongresses von Zeitreisenden wirkten. Alle sahen aus, als wären sie putzmunter. Es gab keine Zombies oder halb verweste Gespenster. Es dauerte nicht lange und meine Neugier ebbte ab. Schnell war ich ein Teil der Masse. Es war, als würde ich von einem riesigen Pinsel erfasst, der alles in derselben Farbe strich. Ich gehörte jetzt zu den Selbstmördern, gefangen in einer Art Twilight Zone, einem Zwischenlager für menschlichen Seelenabschaum. Wie lange müsste ich über diesen unendlichen Gang wandeln, bis mein Name von der kalten Stimme aufgerufen werden würde? Fünfzig, hundert oder vielleicht tausend Jahre?
   Plötzlich prallte ich mit der Nase auf Pauls Rücken.
   »Und? Noch Fragen?«
   »Ähm, ja. Kann man hier irgendwo pinkeln?«
   »Gute Idee. Mache mir auch gleich in die Hose. Warte, mal sehen, wo das nächste Scheißhaus ist.«
   Eine Minute später standen wir nebeneinander an einem Pissoir und strullten um die Wette. Es stank nach Urin und Kot, genau, wie man es von einer öffentlichen Toilette erwartete. Vielleicht nicht gerade von einem WC im Jenseits, falls man dort sanitäre Einrichtungen erwartete. Aus einer der beiden Kabinen drangen Laute wie von einem Elefanten mit Verstopfung. Anhand des bestialischen Gestanks vermutete ich, dass der Toilettenbesucher vor nicht allzu langer Zeit eine ordentliche Portion Kohl zu sich genommen hatte. Ich hielt den Atem an und versuchte, einen himmelblauen Klostein zu treffen.
   Ein schier endloser Strahl hellgelben Urins platschte wie ein Landregen auf das gekachelte Pissoir.
   »Gibt es ein System?«, fragte ich Paul, der genauso ausdauernd pinkelte wie ich.
   »Hä?« Ich hoffte, dass er sich nicht zu mir drehen würde. Er tat es nicht.
   »Ein System. Ich meine die Aufrufe. Werden die Leute nach ihrem Eintreffen geordnet aufgerufen?«
   Paul hauchte ein ironisches Lachen. »Was ist denn das für eine blöde Frage?«
   »Wieso?«
   Paul schüttelte Urintropfen von seinem Glied und verpackte es wieder in seiner Anzugshose. Ich tat es ihm gleich und wartete auf eine Antwort. Als wir uns die Hände wuschen, öffnete sich eine der Kabinentüren und der vermeintliche Dickhäuter entpuppte sich als ein kleiner Asiat. Der Mann trug eine lehmfarbene Uniform, auf der die aufgehende Sonne der japanischen Flagge zu sehen war. Er musterte uns feindselig aus seinen Schlitzaugen, brummte unverständliches Zeug und verließ das WC, ohne uns aus den Augen zu lassen. Der widerliche Gestank nach Kohlschiss raubte mir den Atem. Mit schnellen Schritten drängte ich nach draußen.
   »Verdauungsprobleme sind hier allgegenwärtig. Die versorgen uns fast ausschließlich mit Wirsing, Kartoffeln und Kohlrabi«, sagte Paul ungefragt.
   »Ach du Scheiße.«
   »Ganz genau.«
   Ich hasste Kohl wie die Pest. Mir war jetzt schon klar, dass ich hier nicht alt werden würde, was in Anbetracht meines physischen Zustands ohnehin völliger Blödsinn war. »Und?«
   »Was?«
   »Warum war meine Frage gerade blöd?«
   »Ach so«, sagte er, während sich ein fettleibiger Mann an uns vorbeidrängelte und mit gequältem Blick in das Toilettenhaus hastete. Er trug ein OP-Hemd von der Größe eines Zirkuszelts und seine säulenartigen Beine steckten in Thrombosestrümpfen.
   »Also«, lenkte mich Paul von dem Dicken ab. »Du bist vom Dach gefallen und hast das Zeitliche gesegnet. Nun tauchst du hier in der Arena auf, wo eigentlich nur Selbstmörder hingehören. Und du bist nicht die einzige arme Seele, die versehentlich hier gelandet ist. Was schließt du daraus?«
   Ich rieb mir das Kinn, mein Dreitagebart knisterte wie Wunderkerzen.
   »Es ist ganz einfach. Die Leute, die für den Scheiß hier verantwortlich sind, haben den Überblick verloren. Alles geht drunter und drüber. Es gibt kein System. Es herrscht das Chaos, mein lieber Freund. Stell dich drauf ein, dass du hier versauern wirst.« Paul machte eine Pause, leckte sich die Lippen und pulte an einem dicken roten Pickel auf seiner Nase herum. »Zumindest ist das meine Theorie. Dieser Elias Klein, der gerade aufgerufen wurde, der war auf der Titanic. Einhundert von den armen Teufeln sind hier gelandet. Tiefer kann man nicht in die Scheiße greifen. Erst säuft dieser Kahn ab, reißt einen in den Tod und als Krönung kommt man in den Suzi-Palace.« Er schnippte abgeknibbelte Aknereste in die Luft.
   »Verdammte Scheiße, die Titanic ist vor hundert Jahren gesunken.«
   »Gestern wurde einer aufgerufen, der erst seit ein paar Tagen hier war. Der arme Kerl wusste überhaupt nicht, was los war.«
   Dieses Durcheinander bereitete mir Kopfschmerzen und vergrößerte mein Verlangen nach Hochprozentigem. »Wo ist eigentlich dieser Hansi?«
   »In der Arena.«
   Langsam wurde es verwirrend. »Das hier ist also nicht die Arena?«
   »Nö, das hier ist der Kreisel. Die Arena ist da.« Paul zeigte auf eine Tür, die zu einem gläsernen Treppenhaus führte. Tote strömten unaufhörlich durch den Eingang. Hinter den Scheiben schlängelten sich Hunderte von Toten wie ein Lindwurm auf den Treppen. Eine Schlange ging abwärts, die andere kam ihr entgegen und wollte nach oben. »Komm, wir müssen da hoch.«
   Mit Entsetzen sah ich auf das Treppenhaus. Ich hasste enge Räume. Es gab nur eins, was ich noch mehr hasste und das waren Höhen. Langsam legte ich den Kopf in den Nacken und blickte nach oben. Die Treppen reichten im wahrsten Sinne des Wortes bis in den Himmel. Das Treppenhaus durchstieß in schwindelnder Höhe das gläserne Dach des Kreisels, den ich bis eben für die Arena gehalten hatte. Allein bei dem Gedanken, dort hochzukraxeln, spürte ich Pudding in meine Knie fließen. Mir wurde mulmig und ich fing an zu wanken. »Scheiße«, sagte ich krächzend.
   »Höhenangst?«, fragte Paul amüsiert.
   Mehr als ein Nicken brachte ich nicht zustande.
   »Und du bist auf dein Dach geklettert?«
   »Ich war besoffen.«
   »Hansi und sein legendärer Kartoffelschnaps sind da oben.«
   Ich schloss die Augen und holte tief Luft. »Na dann Prost«, sagte ich mit zittriger Stimme.

5
Please hold the Line

In dem Treppenhaus roch es wie in einem Kofferraum voller alter Sporttaschen. Dazu mischte sich das allgegenwärtige Aroma von Kohl, sowohl roh als auch verdaut. Nach einer Weile schmerzten meine Beine, besonders meine Waden fühlten sich an, als wären sie mit heißer Lava gefüllt. Auf einer Zwischenetage machten wir eine Pause. In einem kleinen Erker entdeckte ich einen verrosteten Boiler. Viele der Toten blieben stehen und schöpften Wasser mit einer Kelle, die an einer langen Schnur hing. Die Schnur, bei näherem Hinsehen entpuppte sie sich als ein langes Stück Klingeldraht, war mit einer Schraube an der Wand befestigt. Mit den Schneidezähnen schabte ich über meine vertrockneten Lippen, meine Zunge klebte am Gaumen, als hätte ich Sekundenkleber getrunken. Ich hatte Durst, und zum ersten Mal seit Ewigkeiten lechzte ich nach klarem, reinem Wasser und nicht nach Wodka, Whisky oder einem anderen alkoholischen Getränk.
   Vor mir stand eine lange Schlange von Toten. Als ich endlich an der Reihe war, schnappte ich mir die Kelle, füllte sie mit Wasser und ließ mir das Nass in den Mund laufen. Das Wasser schmeckte herrlich, allerdings nur für den Bruchteil einer Sekunde. Dann bemerkte ich einen seltsam scharfen Geschmack und einen brackigen Geruch, der mir bekannt vorkam. Obendrein war die Plörre warm wie Pisse. Pisse?
   »Keine gute Idee«, sagte Paul in meinem Rücken.
   Ich hielt inne, hängte die Kelle zurück an ihren Platz und schluckte den letzten Rest Wasser mit geschlossenen Augen. Anschließend drehte ich mich und erblickte Pauls hässliches Gesicht. Inmitten des Pickelmeeres waren seine Mundwinkel nach oben gezogen. Er grinste und ich ahnte, dass es Schadenfreude war, die ihn belustigte.
   »Unser Wasser kommt von denen, die auch den Wirsing, die Kartoffeln und den Kohlrabi liefern. Vielleicht interessiert dich das«, sagte Paul, während er sich einen Zigarillo ansteckte und den Rauch durch die Nase ausblies. Der Qualm stank wie Gülle, übertünchte aber wenigstens die schwindelerregenden Düfte im Treppenhaus. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich wollte gerade wieder die Kelle ergreifen. »Ein Teil des Wassers zumindest.«
   Im Zeitlupentempo zog ich meine Hand zurück und kratzte mich an der Nase.
   Pauls haselnussbraune Augen funkelten. Sein noch breiteres Grinsen zeugte von diebischer Freude.
   »Und der Rest? Wo kommt der her?«
   »Recycling.«
   »Wovon?«, fragte ich, obwohl ich ahnte, was er antworten würde.
   »Uri…«
   »Vergiss es«, unterbrach ich ihn. Wie ein Flummi hüpfte ich von dem Boiler weg und stellt mich neben Paul. Ich versuchte, mir mit der Zungenspitze den Mund auszuwaschen. Mit rotierenden Kiefern versuchte ich, Speichel zu erzeugen und spuckte einen gelben Klumpen Auswurf durch den schmalen Spalt zwischen den Treppenstufen. Einen Moment verfolgte ich meine fallende Spucke, bis eine Frau, die sich über das Gelände beugte und nach oben starrte, den Speichelurinrecyclingwasserpropfen mitten ins Gesicht bekam. Blitzschnell hob ich den Kopf und spielte den Unbeteiligten.
   »Sau«, rief jemand von unten. Eine Frauenstimme, eine wütende Frauenstimme. Was glotzte die Alte so blöd nach oben?
   Plötzlich tippte etwas an meine Schulter. Paul wedelte mit einer Plastikflasche vor meinem Gesicht herum. Skeptisch beäugte ich die klare Flüssigkeit, die darin hin und her schwappte.
   »Recycelt?«, fragte ich unsicher.
   Der Pickeljunge schüttelte den Kopf und hob Mittel- und Zeigefinger zum Schwur. »Himmlisch reines Wasser!«
   Ich schnappte mir die Flasche, schraubte sie auf und nahm einen vorsichtigen Schluck. Dieses Mal gab es kein böses Erwachen. Der Schluck war lang und ergiebig. Nach gefühlten fünf Minuten setzte ich die Flasche ab und rülpste wie ein Bergarbeiter. Das Wasser schmeckte in der Tat himmlisch, aber als mein Durst gestillt war, dachte ich nur noch daran, endlich diesen Hansi aufzustöbern, um mein Blut wieder mit Alkohol zu verdünnen. Mir war scheißegal, woraus die hier den Schnaps machten, Hauptsache, er knallte richtig schön in die Birne. Anders war dieses erschreckende und verwirrende Jenseits nicht zu ertragen.
   »Ihr trinkt also eure Pisse?«, fragte ich Paul.
   »Stimmt.«
   »Das ist ekelhaft.«
   »Besser, als zu verdursten.«
   »Kann man noch toter als tot sein?«
   »Darauf kannst du wetten.«
   »Ach ja? Weißt du, lass uns lieber diesen Hansi suchen.«

Minutenlang erklommen wir die Stufen des Treppenhauses. Tot sein war ziemlich anstrengend. Bleibt lieber am Leben, hinterher ist es nicht besser. Daraus hätte ich einen Lifestyleratgeber machen können.
   Bleibt gesund, sonst lebt ihr tot.
   Das würde eine Menge Geld bringen. Okay, der Zug war abgefahren, ich befand mich jenseits im Jenseits eingesperrt, soff Pisse statt Wasser und lief mir meine Füße wund, um einen Vollpfosten zu finden, der aus Wasser Schnaps fabrizierte, oder aus Kartoffeln, Kohlrabi, Wirsing oder womöglich aus Schweiß oder Rotz. Ich hatte keinen Bock mehr, über mein postmortales Leben zu grübeln. Um seine Aufmerksamkeit zu erregen, trat ich Paul absichtlich in die Hacken.
   »Sprich mich an, wenn du was willst«, sagte er, ohne sich umzudrehen.
   »Zweites Gesicht oder Augen im Nacken?«
   Er überging meine Provokation geflissentlich. Ein heiseres Lachen war seine einzige Reaktion.
   »Darf ich was fragen?«
   »Hab nix dagegen.«
   »Flaschen, Zigarillos und der ganze andere Kram?«
   »Was ist damit?«
   »Woher kommt der ganze Plunder?«
   Paul zuckte mit den Schultern. »Das meiste Zeug ist einfach da, keine Ahnung, wo das herkommt. Andere Sachen bringen die Frischlinge mit, so, wie das komische rechteckige Ding in deiner Jackentasche.«
   Instinktiv griff ich mir an die Jacke und ertastete das Handy, das schwer in meiner Tasche lag und dessen Rahmen sich durch den Stoff abzeichnete. Es war offensichtlich schnöde Beobachtungsgabe statt übersinnlicher Fähigkeiten, die Paul erraten ließ, dass sich etwas Eckiges in meiner Trainingsjacke befand.
   »Was ist das für ein Ding?«, hakte er nach.
   »Ein Handy«, antwortete ich japsend, während ich die nächsten Stufen erklomm. Ich ärgerte mich, dass ich nicht meine Sneakers angezogen hatte, als ich aufs Dach gestiegen war. Sogar meine Adiletten wären besser gewesen. Auf bloßen Sohlen spazierte es sich nicht angenehm durch das Jenseits.
   »Ach, ein Handy. Ist ein Telefon, oder?«
   »Jo«, war das Einzige, was ich herausbrachte. Meine Lungen brannten wie ein Sturmfeuerzeug.
   »Die Dinger sind zu nichts nütze hier unten.«
   Paul hatte kaum ausgesprochen, als Kirk Hammett von der Band Metallica in die Gitarrensaiten haute und das Solo von dem Song One zum Besten gab. Da der gute Kirk Hammett noch unter den Lebenden weilte, war mir klar, dass ich nicht Zeuge eines postmortalen Live-Gigs wurde. Vielmehr wusste ich sofort, dass der Sound aus meinem Handy plärrte, das sich in meiner Jackentasche wie ein Aal wand. Ich zog den Reißverschluss auf und fingerte das Gerät heraus. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, dass Paul stehen geblieben war und neugierig auf mein iPhone blickte. Andere Tote taten es ihm gleich, der Rest drängelte sich an uns vorbei. Vereinzelt vernahm ich Murren und Beleidigungen.
   Ich starrte auf das Display. Toner-Juri, las ich. Mir blieb die Spucke weg, während Kirk Hammett wie ein Irrer seine Gitarre bearbeitete.
   »Was ist los?«, fragte Paul.
   »Ähm …« Ein Frosch steppte auf meinen Stimmbändern. Ich röchelte ihn in die Freiheit und setzte neu an. »Ein Anruf.«
   »Anruf? Wie?«
   »Keine Ahnung, wie. Aber mich ruft ein Bekannter an. Ein lebender Bekannter.«
   »Blödsinn. Wie soll das denn gehen?«
   »T-Mobile. Sauteuer, aber bestes Netz.«
   »Hä?«
   »Vergiss es. Soll ich drangehen?«, fragte ich Paul.
   Erst jetzt bemerkte ich, dass einige der Toten stehen geblieben waren und gespannt beobachteten, was passierte. Neben mir stand ein Schnösel in einem schwarzen Bankeranzug. Seine Haare glänzten wie eine Speckschwarte, seine Haut war von künstlicher Höhensonne gebräunt.
   »iPhone vier?«, fragte er.
   Ich schüttelte den Kopf. »Fünf«, flüsterte ich ihm zu.
   »Geh schon ran«, forderte ein anderer Toter, der einen orangefarbenen Overall und einen seltsamen Rucksack auf dem Rücken trug. Sein Gesicht mit dem dicken Schnurrbart kam mir bekannt vor.
   »Juri?«
   »Hallo, alter Haus. Alles in der Butter?«
   »Ähm, hi Juri.«
   Es war eine surreale und verwirrende Situation. Ich war tot, wurde von zig Toten begafft und sprach mit Toner-Juri, einem Lebenden. Aber ich hatte ihn in der Leitung, also musste ich mit ihm sprechen. Wie oft hörte man, dass Lebende in Kontakt mit Toten traten? Séancen waren out, das mobile Zeitalter offenbar auf dem Siegeszug im Jenseits.
   »Wir treffen wegen Buch«, sagte Juri. Seine Stimme war klar und ohne Störungen. Eine astreine Verbindung, besser als auf Usedom.
   »Ist schlecht im Moment«, sagte ich ausweichend.
   »Dir ist schlecht?«
   »Nein, aber mir ist etwas Dummes passiert. Vorhin bin ich aufs Dach geklettert, um die Satellitenschüssel zu reparieren. Dabei bin ich abgerutscht und runtergefallen.«
   Juri brabbelte Kauderwelsch, wahrscheinlich Russisch. Er klang aufgeregt und war offenbar völlig aus dem Häuschen. »Krankenhaus? Welches du bist?«
   »Nein, Juri, ich bin nicht im Krankenhaus.«
   »Hä? Dein Dach hoch.«
   »Juri, es klingt vielleicht seltsam, aber ich hab’s nicht gepackt. Ich bin gestorben.«
   Eine Weile herrschte absolute Ruhe. Ich hörte Juri atmen, sah ihn mit dem Hörer am Ohr auf seinem Chefsessel im Copyshop sitzen. Wahrscheinlich überlegte er gerade, wann er zuletzt Toner geschnieft hatte. Ich dachte schon, dass er nichts mehr sagen würde, als er dezent hüstelte. »Wir reden, wenn du nicht mehr sein besoffen. Ruf mich an.«
   »Juri!«
   Die Leitung war tot. Juri hatte aufgelegt.
   Ich zog die Augenbrauen nach oben, seufzte leise und steckte das Handy zurück in die Jackentasche. Dann blickte ich auf und bemerkte, dass ich im Fokus unzähliger Augenpaare stand. Der gesamte Aufstiegsverkehr im Treppenhaus war zum Erliegen gekommen. Die Toten starrten mich an, als ob ich der Erlöser wäre.
   »Hey, du, darf ich telefonieren? Ich würde gern noch ein einziges Mal mit meiner Frau sprechen. Du kannst meine Uhr haben, eine Ice-Watch. Total hipp!«
   »Junge«, die Frau hatte eine sehr feuchte Aussprache und spuckte beim Sprechen in mein Ohr, »gib mir eine Minute dein Handy und du kannst mit mir anstellen, was du willst.«
   Ich machte ein Schritt von ihr weg, der Gestank von Kohl aus ihrem Mund ließ mich wanken. Plötzlich zerrten die Toten an mir wie in einem Zombiefilm. Immer wieder musste ich mich losreißen. Kaum hatte ich mich befreit, packte mich der nächste Verstorbene und bettelte um mein Mobiltelefon.
   Alle wollten telefonieren, ihre Kinder, Frauen, Geliebten oder ihre Mütter anrufen. Einer wollte seinen Anlageberater sprechen, eine Frau kringelte sich vor Lachen, weil sie die Idee hatte, eine Pizza zu bestellen, ein Mann in einem königsblauen Trikot zerrte an meinem Ärmel. »Gib das Ding her! Ich will wissen, ob Schalke endlich Meister geworden ist.« Ich wollte ihm nicht die Hoffnung rauben, deshalb erzählte ich ihm nicht, dass Borussia Dortmund gerade zum zweiten Mal hintereinander die Schale geholt hatte. Es war traurig genug, warum sollte ich den armen Kerl damit belasten.
   Schützend legte ich meine Hand über meine Jackentasche. Mir war klar, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis mir die wild gewordenen Toten die Sachen vom Leib reißen würden. Hilfe suchend sah ich zu Paul. Ich hatte keine Lust, dem durchgedrehten Totenvolk mein Übergewicht zu präsentieren. Nicht, dass ich eitel war. Oder doch? Mit einem Handwischer kämmte ich mir die Haare über den kahlen Bierdeckel auf meinem Kopf.
   Mittlerweile drängten sich meine toten Kollegen dicht an dicht an mich. Jemand hielt mir einen dicken Kohlrabi ins Gesicht, offensichtlich als Gegenleistung für ein Telefonat. Plötzlich packte mich jemand an der Schulter und zerrte an mir. Ich blickte den Angreifer wütend an und war froh, Pauls verpickeltes Gesicht zu entdecken.
   »Hör zu«, rief er. »Wir müssen hier weg, sonst machen die Mus aus dir.«
   Eine Tote mit riesigen Brüsten riss an meinem Kragen. Paul verpasste ihr eine Gerade, sodass die Frau in einem Pulk von Verblichenen die Treppe hinunterstürzte.
   »Komm jetzt«, rief Paul und zog mich hinter sich her.
   Wir hasteten die Stufen hoch. Nach kurzer Zeit endeten die Treppen. Ein offenes Tor führte von der Etage hinaus auf eine Art Balkon, der von einer brusthohen Brüstung begrenzt wurde. Mein Blick wurde von Toten begrenzt, die in Massen herein- und hinausströmten. Was hinter der Brüstung zu sehen war, entzog sich meinem Sichtfeld.
   »Schnell«, rief mir Paul zu. »Wir müssen uns verstecken.«
   Die handysüchtige Totenmeute würde nicht mehr lange brauchen, bis sie die Etage erreicht hatte. Wir drängelten uns durch das Tor und missachteten die Flüche der anderen Leblosen, die wir zwangsläufig bei unserer Flucht anrempelten. Schließlich standen wir auf dem Balkon, der sich als etwa fünf Meter breiter Gang entpuppte. Obwohl mich Paul drängte, konnte ich nicht widerstehen, an die Brüstung heranzutreten.

6
Die Arena

Ich starrte in ein gigantisches Rund. Hunderte konzentrische Gänge schlängelten sich unendlich in die Weite und die Tiefe, bis sie in einem riesigen Platz endeten, der die Ausmaße eines Ozeans besaß, aus dem man das Wasser abgelassen hatte. Der Grund des trockenen Meeres wirkte wie ein riesiger Flickenteppich, aus winzigen Schnipseln verschiedener Farben zusammengefügt. Er reichte, so weit ich sehen konnte und noch darüber hinaus. Dazwischen schienen Ameisenvölker zu wimmeln. Stecknadelgroße Punkte, die sich zwischen den Flicken trollten. Rauch waberte aus einigen der bunten Quadrate in die Höhe, kringelte sich zu pittoresken Gebilden und verflüchtigte sich in den Höhen des monumentalen Stadions. Übrig blieb ein intensiver Geruch nach Fäkalien, durchzogen vom allgegenwärtigen Gestank nach Kohl, Kartoffeln und Kohlrabi. Das Jenseits stank nach Scheiße, garniert mit Drei-K-Ausdünstungen. Schnell nahm ich mein Handy und schoss ein Foto von diesem atemberaubenden Anblick.
   »Komm, du kannst dir die Schüssel nachher angucken«, sagte Paul. Sein Gesicht leuchtete hochrot, und seine Pickel schienen zu glühen. Ich steckte mein iPhone weg und sah auf den Durchgang, durch den wir das Treppenhaus verlassen hatten. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis die Meute oben war. Die Zombies wollten mein Handy, und bei dem Versuch, es zu bekommen, würden sie mich tottrampeln. Hä? Tottrampeln?
   »Hinter mir her!«
   Ich zögerte nicht und folgte Paul, der einige Meter vorausgelaufen war und sich wie ein Slalomläufer um die flanierenden Verblichenen drängelte. Keuchend hängte ich mich an seine Fersen, von ewiger Ruhe konnte ich nur träumen. Je weiter wir liefen, desto voller wurde der Gang. Es wurde immer schwieriger, sich an den toten Menschen vorbeizuzwängen. Meine Kondition war genauso schlecht wie als Lebender. Die Folgen der jahrelangen Sauferei konnte auch der Tod nicht kaschieren. Als ich mir sicher war, jeden Augenblick meine Lungen auszukotzen, lotste mich Paul nach rechts an die Brüstung. Einige Meter weiter bogen wir auf eine steile Treppe ab. Nach ein paar Stufen blieb Paul stehen, stützte sich auf dem Geländer ab und hüpfte mit einem Satz in die Tiefe. Entsetzt sah ich über die Brüstung und entdeckte meinen pickligen Führer nur einen Meter tiefer auf einer Plattform. Winkend forderte er mich auf, ihm zu folgen. Das kleine Plateau, auf dem er sich befand, war nicht größer als zwei Meter im Quadrat, dazu kam die beängstigende Tatsache, dass jegliches Geländer fehlte und hinter dem Rand der Betonfläche die gähnende Leere der Arena drohte.
   »Jetzt spring schon!«
   »Bin ich bescheuert?«
   »Lieber bescheuert, als von der Meute auseinandergenommen zu werden.«
   Mit wackelnden Knien legte ich ein Bein über das Geländer, starrte nach unten, was mir jegliche Kraft aus dem Körper sog. Ich bestand nur noch aus Angst, zusammengehalten von fünfundneunzig Kilogramm Fleisch und Knochen, totem Fleisch und toten Knochen, um präzise zu sein.
   »Mach schon, du Memme! Spring und bald gibt’s Schnaps.«
   Diese Worte wirkten wie ein Aphrodisiakum. Ich schloss die Augen, fokussierte meine Gedanken auf ein Gläschen mit leckerem Wodka, hechtete über das Geländer und landete neben Paul auf der Plattform. Ich öffnete die Augen und sah direkt in die scheinbar unendliche Tiefe der Arena. Mein Aknekumpel packte mich am Kragen, drehte mich um und zog mich zurück.
   »Duck dich!«
   »Was?«
   Zu spät. Ich knallte mit der Stirn gegen die Kante der Treppe und lauschte dem lieblichen Gezwitscher der Vögel, die vor meinen Augen flatterten. In der Zeit, die ich brauchte, um den Vogelschwarm zu verscheuchen, drängte mich Paul unter die unterhöhlte Treppe, wo wir ein sicheres Versteck fanden.
   »Ich sagte doch, dass du dich ducken sollst.«
   »Vielen herzlichen Dank«, erwiderte ich mürrisch, während ich die Beule unter meinem Haaransatz mit den Fingern abtastete.
   Über uns hörte ich das dumpfe Getrappel der Toten, die unaufhörlich die Treppe frequentierten.
   »Geht’s?«, fragte Paul.
   »Halb so schlimm.«
   Er reichte mir die Wasserflasche, die er wie ein Zauberer aus der Innentasche seiner Jackentasche hervorholte. »Roll die Flasche über die Beule, das hilft.«
   »Danke.«
   Eine Weile saßen wir unter der Treppe und schwiegen.
   »Darf ich das Handy kurz sehen?«, fragte Paul plötzlich in die Stille hinein.
   »Klar.«
   Mit einer Hand rollte ich die Flasche über die wachsende Beule, mit der anderen fummelte ich das iPhone aus der Tasche.
   Ehrfürchtig nahm Paul das Handy entgegen und wiegte es in seinen zu einer Schale aneinandergelegten Handflächen wie den Heiligen Gral.
   »Verdammt, es ist kaputt«, sagte er entsetzt und zeigte mir das dunkle Display.
   Ich konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Der Junge kam aus den Vierzigern, es war schon verwunderlich, das er sich überhaupt traute, das Handy in die Hand zu nehmen. Eigentlich müsste ihm das Teil wie ein Ding aus einer anderen Welt vorkommen.
   Verständnisvoll schüttelte ich den Kopf. »Es ist nicht kaputt. Drück den Knopf da unten, dann geht es an«, sagte ich mit einem Fingerzeig auf den Homebutton.
   Vorsichtig bewegte Paul seinen ausgestreckten Zeigefinger auf den Knopf und drückte ihn. Er zuckte leicht zusammen, als das Display zum Leben erwachte und die verschiedenen Icons auf dem Bildschirm erschienen. Unter der düsteren Treppe wirkte das leuchtende Display wie eine Taschenlampe, die den dunklen Raum mit mattem Licht versorgte. Amüsiert beobachtete ich Pauls Augen, die immer größer zu werden schienen, je länger er das Mobiltelefon betrachtete. Er kam mir vor wie ein kleiner Junge, der nachts unter der Bettdecke heimlich Comics las. »Der Akku ist bald leer.«
   Ich sah ihn verdattert an, er starrte zurück.
   »Was ist?«, fragte er mich. »Glaubst du, ich habe noch nie ein Handy gesehen? Jeder Zweite, der hier ankommt, hat eins dabei. Auch, wenn dein Handy besonders ist.«
   »Ist ja auch ein iPhone«, sagte ich und wusste im selben Augenblick, was für eine Grütze ich laberte.
   Paul lachte heiser. »Ja, ja, ein iPhone, ganz tolles Ding.«
   »Willst du jemanden anrufen?«
   Pauls Augen blitzten über dem Rand des Handys auf. Er traktierte mich mit einem Blick, der scharf wie reines Capsaicin war. »Abgesehen davon, dass in den Fuffzigern nur Zeitreisende eine Mobilfunknummer besaßen, kannst du dir sicher denken, dass eine Hackfresse wie ich nicht besonders viele Freunde hatte. Oder meinst du, ich hätte mir das Hirn weggeblasen, weil ich glücklich und geborgen in der Mitte von einem Haufen guter Freunde gelebt habe?«
   Ich musste schlucken. »Und was war mit deiner Familie?«
   Paul grunzte wie ein Warzenschwein bei der Begattung. »Meine Familie? Hör mir mit dem Kroppzeug auf. Meine Mutter war das größte Flittchen im ganzen Viertel. Die hatte zwischen Montag und Sonntag mehr Schwänze zwischen den Beinen, als sie Zähne im Mund hatte. Und glaub mir, ihr Gebiss war das Einzige, was bei ihr noch in Ordnung war.«
   »Was war …«
   »… mit meinem Vater?«, fragte er barsch.
   Ich nickte.
   »Dreckschwein! Mehr fällt mir zu dem nicht ein. Ein fauler Säufer und ein perverser Schläger obendrein. Wenn er besoffen war, also immer, wurde er aggressiv.«
   Mehr brauchte Paul nicht zu sagen, den Rest konnte ich mir ausmalen. Sex, Alkohol und Schläge, der Evergreen unter den Kaputte-Familie-Szenarien und Dauerthema bei meinen Lieblingssendungen auf RTL, SAT.1 und so weiter. Mittlerweile wäre selbst einem Gehirnamputierten klar gewesen, dass es nicht nur Pauls fürchterliche Akne war, die ihn in den Selbstmord getrieben hatte.
   »Wieso bist du nicht abgehauen?«, fragte ich leise.
   »Abhauen?«, sagte er so langsam und betont, als würde er die Sprachausgabe eines Onlinewörterbuchs wiederholen. »Wohin? Es war Anfang der Fünfziger. Der Krieg war erst ein paar Jahre vorbei und alles lag in Trümmern.«
   »Dann hast du dich einfach umgebracht, oder wie?«
   »So ähnlich. Aber jetzt sollten wir uns lieber um das Handy kümmern. Das Ding ist ’ne Goldgrube.«
   »Wie meinst du das?«
   »Überleg doch. Ich habe hier schon viele von den Dingern gesehen, aber mit keinem konnte man Lebende anrufen.«
   Auf den Knien rutschte ich zu ihm hinüber und setzte mich neben ihn. »Noch nie?«, fragte ich und betrachtete den Konnektivitätsbalken auf dem iPhone.
   »Noch nie. Diese Tatsache, mein lieber Freund, eröffnet uns ungeahnte Möglichkeiten.« Paul schmunzelte.
   Mir war schleierhaft, worauf er hinauswollte. »Wovon sprichst du?«
   Er sah vom Handydisplay auf und bedachte mich mit einem mitleidigen Blick, als hätte er einen Schuljungen vor sich, der die einfachsten Aufgaben nicht verstand.
   »Hier in der Arena ist das Leben nicht besonders leicht.«
   Das Leben? Am liebsten hätte ich mein Gesicht in den Händen vergraben.
   »Ungefähr wie in einem Gefängnis. Warst du schon mal im Gefängnis?«
   Ich schüttelte den Kopf.
   »Ich auch nicht, aber ich kenne viele im Suzi-Palast, die ihr halbes Leben im Knast verbracht haben. Viele haben sich umgebracht, weil sie da raus wollten.« Paul lachte höhnisch. »Und dann landen sie in der Arena, dem größten Internierungslager im Jenseits. Witzig! Findest du nicht?« Er wartete nicht auf meine Antwort, sondern erzählte weiter. »Im Gefängnis gibt es zwei Möglichkeiten, um zu überleben. Entweder man ist stark oder man ist clever. Wer etwas zu bieten hat, wird beschützt und bestimmt die Regeln. Im Suzi-Palast ist das nicht anders, mein Freund. Die, die uns hier reingesteckt und vergessen haben, geben uns Nahrung und Wasser, aber nicht genug für alle. Entweder haben sie den Überblick verloren oder wir sind denen scheißegal, wahrscheinlich beides. Wie dem auch sei, man muss sich mit den Gegebenheiten arrangieren. Das bedeutet, dass die Stärksten und Cleversten den Rest der Meute kontrollieren.«
   Paul machte eine Pause und holte tief Luft. Ich hatte den Eindruck, dass er auf eine Reaktion wartete, doch mir fiel nichts ein. Die Fassungslosigkeit über dieses unglaubliche Jenseits machte mich sprachlos.
   »Wie du siehst, gehöre ich nicht zu den Starken«, sagte er leise. Um seine Aussage zu untermauern, drehte er mir sein Gesicht zu. Hinter seiner Maske aus Aknepickeln versteckte sich ein schmaler Kopf, der in einen dünnen Hals überging, in dessen Mitte sich sein Adamsapfel wie eine Pfeilspitze gegen die dünne Haut presste. Mir fielen seine zierlichen Hände mit den griffelartigen Fingern auf, die mein iPhone umklammerten. Paul war kein Bodybuilder, das konnte man auch in dem Halbdunkel unter der Treppe erkennen.
   »Okay, du bist nicht Arnie.«
   »Wer?«
   »Schon gut. Ich gehe davon aus, dass du zu den Cleveren gehörst.«
   »Zumindest brauche ich nicht zu hungern.«
   »Klar, aber was hat das Ganze mit meinem Handy zu tun?«
   Im selben Augenblick ging mir ein Licht auf. Ein Handy, mit dem man aus dem Jenseits Lebende anrufen konnte. Plötzlich Verstorbene, die einen letzten Gruß an ihre Hinterbliebenen richten konnten. Ein Abschiedswort an die Liebsten: Ehefrauen, Gatten, Kinder, Mütter und Väter. Wahrscheinlich würden die Toten ihr letztes Hemd dafür geben, noch einmal mit denen zu sprechen, die sie vorerst nicht wiedersehen würden.
    »Du hast etwas, was viele wollen«, bestätigte Paul meinen Gedanken. »Ein Handy ist selbst hier in der Arena nichts Besonderes, aber ein Handy, das funktioniert und mit dem man die Lebenden anrufen kann, ist einzigartig.«
   Mein iPhone war wahrscheinlich die erste wirkliche Verbindung zwischen dem Jenseits und der Welt der Lebenden. Mit ein wenig Unterstützung und einem vernünftigen Plan konnte man hier unten mit einem funktionierenden Telefon zum König der Toten werden und den ganzen Tag Schnaps saufen, falls dieser Hansi existierte und in der Lage war, halbwegs passablen Sprit herzustellen. Ich nickte. »Wie wollen wir das Unternehmen angehen? Beim nächsten Mal haben wir nicht so viel Glück wie gerade. Ich habe keine Lust, noch einmal zu sterben.«
   »Lass das meine Sorge sein. Organisation ist alles, und das ist meine Spezialität. Fifty, fifty?« Paul streckte seinen Arm aus und bot mir seine Hand an. »Abgemacht?«
   Ich überlegte noch einen Moment, dann schüttelten wir uns die Hände und besiegelten unsere Vereinbarung. Paul reichte mir das Handy. Als ich es in der Jackentasche verstauen wollte, fiel mir etwas ein. »Wir haben ein Problem. Wie du schon sagtest, der Akku ist bald leer. Höchstens zwei oder drei Stunden, dann macht das Ding schlapp.«
   »Keine Angst, dafür gibt es Mac Mudi. Aber vorher muss ich noch schnell was erledigen. Komm.«

7
Schaaaaaalke!

Trotz meines vehementen Widerspruchs bestand mein neuer Partner darauf, dass wir uns zuerst um den Handyakku kümmerten, bevor er mich zu Hansi und seiner Destillerie führte. Mittlerweile trug ich einen giftgrünen Retrojogginganzug, den mir Paul besorgt hatte, damit mich die Totenmeute aus dem Treppenhaus nicht wiedererkannte. An meinen Füßen befanden sich Sneakers von Nike, die eine Nummer zu groß waren und bei jedem Schritt seltsame Knatschgeräusche von sich gaben. Der Rest meiner Tarnung bestand aus einem schwarzen AFRI-Cola-Baseballcap, die ich tief ins Gesicht gezogen hatte. Eine riesige Sonnenbrille, mit Strasssteinen verziert, komplettierte mein neues Aussehen. Ich kam mir vor wie ein billiger Vorstadtrapper, der sein Outfit mithilfe der BRAVO zusammengestellt hatte. Aber es war angenehmer, in dieser Clownsmontur den langen Weg in die Arena hinunterzugehen als in meiner alten Jacke und den schlabbrigen Boxershorts. Vor allem die Schuhe waren ein Segen für meine malträtierten Füße.
   Nachdem wir zurück auf die Treppe geklettert waren, gingen wir die Stufen bis zum nächsten Ring der Arena hinunter. Paul erklärte mir, dass es zwei Möglichkeiten gab, den Hauptplatz der Arena, den er das Tal nannte, zu erreichen. Man konnte die einzelnen Ringe ablaufen, ein langer und beschwerlicher Weg, der einen immer wieder um die gesamte Arena herumführte und einen halben Tag in Anspruch nahm. Wenn man es eilig hatte, ich fragte nicht, warum man es im Jenseits eilig haben sollte, konnte man die Treppen benutzen. Sie führten steil und schnurgerade in die Tiefe, lediglich unterbrochen von den Ringübergängen.
   Offensichtlich war Paul in Eile, denn er entschied sich für die Treppen. Der Pickeljunge legte ein unerwartetes Tempo vor, dem ich nur mühsam hinterherkam. Nach etwa einer halben Stunde waren meine Muskeln sauer wie Kefir und ich japste wie ein Bergmann mit Staublunge. Mein Blut pochte in den Adern, jede Faser in meinem Körper schrie nach Erholung und natürlich nach einer Infusion aus Hochprozentigem.
   »Stopp!« Ich keuchte asthmatisch.
   Paul ließ sich zu einer kurzen Pause überreden. Wir setzten uns neben dem Geländer auf die Stufen, um den laufenden Totenverkehr nicht zu behindern. Trotzdem erwischte mich ein ums andere Mal ein Fuß in der Nierengegend. Nachdem ich einen Schluck Wasser aus Pauls Flasche getrunken hatte, ließ ich den Blick über die gigantische Arena schweifen. Wir befanden uns etwa in der Mitte zwischen Oberring und Hauptplatz. Ich legte den Kopf in den Nacken und lockerte meine Schultern. Das Totsein war eine anstrengende Angelegenheit, um nicht zu sagen, eine quälende Tortur. Unendliches Treppensteigen im nüchternen Zustand war eine ermattende Angelegenheit, vor allen Dingen, wenn man schlecht in Form war. Wer konnte ahnen, dass einem das Jenseits sportliche Höchstleistungen abverlangte? Meine einzige Hoffnung war die Aussicht auf einen erfrischenden Schnaps von Hansi, der meine Lebensgeister (nicht darüber nachdenken) wieder auf Trab bringen würde. Bis dahin musste ich die Zähne zusammenbeißen und versuchen, nicht schlappzumachen. Während ich den Kopf im Nacken hin und her bewegte und der Kakofonie meiner knackenden Knochen lauschte, glitt mein Blick in die Höhe und heftete sich an das Dach der Arena. Es bestand vollständig aus Glas, eine gewölbte Kuppel, so monumental und weitläufig, dass sie den Naturgesetzen zu trotzen schien. Helles Licht drängte sich durch eine dichte Wolkendecke, die wie Zuckerwatte am Himmel klebte. Es war nicht dieser paradiesische Anblick, der mein Interesse weckte, sondern eine Art viereckiger Stahlkäfig, der unterhalb der Kuppel installiert war und ein riesiges Kreuz bildete. Das Gebilde erinnerte mich an die vergitterten Gänge im Zirkus, durch die die Raubtiere in die Manege gelangten. »Was ist das?«
   Paul folgte meinem Blick und zuckte mit den Schultern. »Das Dach?«
   Ich zeigte auf das Stahlgeflecht.
   »Du meinst den Käfig.«
   »Wofür ist das Teil?«
   Erneut zuckte Paul mit den Schultern. »Keine Ahnung. Manche meinen, dass man darüber die Lebensmittel in die Arena transportiert, andere glauben, dass der liebe Gott uns von dort beobachtet, wenn er nachts nicht schlafen kann.«
   »Und was glaubst du?«
   »Sieh dich um. An Gott zu glauben hat sich spätestens in dem Moment erledigt, in dem man an diesem verdammten Ort eintrifft. Woran ich glaube? An ein gutes Geschäft. Komm, lass uns zu Mac Mudi gehen. Es ist nicht mehr weit.«
   »Noch einen Moment«, sagte ich, zückte das Handy und begann zu filmen. Ich machte einen Schwenk durch die Arena, fixierte das Dach und filmte Paul, der sein Gesicht griesgrämig mit den Händen verdeckte.
   »Jetzt reicht es aber. Lass uns weitergehen«, sagte Paul.

Im Tal angekommen, musste ich die Luft anhalten und den Würgreflex hinunterschlucken. Der Gestank nach Kohlblähungen war noch bestialischer. Erst, als meine Augen fast aus den Höhlen sprangen, wagte ich es, Luft zu holen. Es war, als würde ich versuchen, unter Wasser zu atmen, nur dass statt Wasser eine Woge von übelsten Düften meine Lungen verpestete.
   Paul versprach mir, dass ich mich an den Gestank gewöhnen würde.
   »Verdammt«, sagte ich und röchelte, nachdem mein Körper die verfaulte Luft als Sauerstoff akzeptiert hatte. »Das ist höllisch.«
   Paul grinste spitzbübisch. »Wer weiß«, sagte er und marschierte los.
   Ich folgte ihm und atmete flach.
   Das Tal der Arena war nichts anderes als ein gigantischer Campingplatz. Im ersten Augenblick erinnerte mich die Ansammlung von Zelten, die aus abgewetzten bunten Stoffbahnen bestanden, an ein überdimensionales Flüchtlingslager. Schmale Wege führten zwischen den Zelten durch das Lager, gerade breit genug, dass zwei Menschen, beziehungsweise Tote, aneinander vorbeigehen konnten.
   Vor einer der Bretterbuden saß eine dunkelhäutige Frau in einem ehemals blutroten Sari, der vom häufigen Waschen ausgebleicht war. Auf einem Gaskocher stand ein verrosteter Blecheimer, aus dem Hitzeschwaden zogen und den Geruch nach gekochtem Kohl in die ohnehin verpestete Luft trugen. Ich blieb stehen und beobachtete die Frau. Mit apathischer Miene saß sie im Schneidersitz vor dem dampfenden Bottich und schälte Kartoffeln. Obwohl der widerwärtige Gestank meine Sinne betäubte, spürte ich, wie mein Magen knurrte. Ich konnte es kaum glauben, aber ich hatte Hunger. Was immer die Frau in ihrem Topf fabrizierte, es roch nicht übel. Mir lief das Wasser im Mund zusammen und ich leckte meine Lippen. Paul hatte nicht bemerkt, dass ich stehen geblieben war. Er war vorausgelaufen und zwischen den Zelten verschwunden.
   »Hunger?«
   Erschrocken zuckte ich zusammen und drehte mich um. Die Frau hatte aufgehört zu schälen. Ausdruckslos starrte sie mich an. In ihrer Hand blitzte ein Fahrtenmesser, an dessen Klinge Kartoffelschalen klebten.
   »Was?«, fragte ich verwirrt.
   »Hast du Hunger?«
   Ich nickte ängstlich, was die Frau mit einem angedeuteten Grinsen quittierte. Ich kam mir vor wie ein Schuljunge, dem man an der Wursttheke eine Scheibe Mortadella anbot. Nur war keine Mama neben mir, die mir über den Kopf streichelte und die Wurstscheibe für mich entgegennahm.
   »Was hast du mir anzubieten?«, fragte die Frau, während sie einen langen Holzlöffel nahm und den Inhalt des Bottichs umrührte. Ein bisschen wirkte sie wie eine Hexe, die einen Zaubertrank braute.
   »Ich habe kein Geld.«
   »Geld? Guter Witz.« Die Hexe, ähm, die Frau giggelte wie eine, ähm, Hexe.
   Ich grinste und sah mich nach Paul um. Er war immer noch nicht zu sehen.
   »Bist noch nicht lange hier, was?«, fragte die Frau rhetorisch.
   »Stimmt«, sagte ich.
   »Mit Geld kommst du hier nicht weit. Hier zählen andere Dinge.«
   Reflexartig tastete ich nach meinem Handy und war froh, als ich die Beule in meiner Jackentasche fühlte. Vielleicht würde sie mir für ein Telefonat etwas zu essen geben? »Erzähl mir was, dann kriegst du eine Kelle Eintopf.«
   »Was?«
   »Was gibt’s Neues?«
   Ich hatte keine Ahnung, was die Frau meinte. Offensichtlich stellte ich mich dumm an, denn die Frau verdrehte die Augen. »Neuigkeiten von oben, von den Lebenden. Spuck aus, was da los ist.«
   Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Ich drehte mich um und sah zu meiner Erleichterung in Pauls braune Augen. »Wie ich sehe, hast du Bekanntschaft mit Leah gemacht. Ihre Kohlsuppe ist die beste in der Arena. Du solltest sie kosten.«
   »Ich glaube, die ist verrückt«, flüsterte ich.
   Der Pickeljunge grinste so breit, als hätte er eine Melonenschale im Mund. »Warum?«
   Ich warf einen verstohlenen Blick auf Leah, die wieder angefangen hatte, Kartoffeln zu schälen.
   »Sie will, dass ich was erzähle. Von den Lebenden. Als Bezahlung für eine Kelle Suppe.«
   Paul riss die Augen sperrangelweit auf und faltete seine Hände. »Um Gottes willen, die ist ja völlig gaga«, rief er mit offenkundig gespieltem Entsetzen.
   Kaum hatte er ausgesprochen, kicherte Leah wie eine Irre, Paul stimmte ein und boxte mich jovial auf den Oberarm. »Hör zu, mein Freund. Hier in der Arena ticken die Uhren anders als bei den Lebenden. Vergiss alles, was du bisher kanntest. Gold, Silber und Geld zählen hier unten nicht. Vermögen und Werte sind nicht in Münzen aufzuwiegen. Jeder hat seine eigene Währung. Die gute Leah zum Beispiel tauscht ihre köstliche Suppe gegen Informationen, oder besser gesagt gegen Erinnerungen von der Welt, aus der wir kommen.«
   »Erinnerungen?«
   »Ja«, sagte die Alte mit krächzender Stimme. »Erzähl, woher kommst du?«
   Ich zögerte einen Moment. »Deutschland«, antwortete ich vorsichtig.
   »Woher genau?«
   »Ruhrpott.«
   Die Kartoffel glitt aus Leahs Händen, plumpste auf den Boden und rollte mir entgegen. Von der Spitze meines linken Sneakers gestoppt, blieb der Erdapfel liegen. Ich bückte mich, hob ihn auf und machte ein paar Schritte auf Leah zu. Mit ausgestrecktem Arm reichte ich ihr die Kartoffel.
   Die Alte beäugte mich, nahm die Kartoffel und strich mit der Kuppe ihrer knöchrigen Finger über meinen Handrücken. »Ein Pottjunge?«
   Ich nickte.
   »Waschecht. Geboren auf Kohle, in Gelsenkirchen.«
   »Aus Schalke? Mein Gott, was für ein Zufall, da habe ich auch gelebt.«
   Ich musterte die Frau skeptisch. Sie grinste breit, als sie begriff, warum ich so misstrauisch dreinblickte. »Meine Eltern stammten aus Pakistan, aber ich bin ebenfalls auf Kohle geboren. Cranger Straße in Erle. Und du?«
   »Dann waren wir praktisch Nachbarn. Meine Eltern hatten ein kleines Häuschen in der Darler Heide. Wann hast du …?«
   »Gelebt?« Leah half mir aus der Patsche.
   »Jo.«
   »Ich wurde von einem Auto überfahren, genau an dem Tag, als Schalke Meister wurde.«
   »Neunzehnachtundfünfzig?«, fragte ich erstaunt. Davor kamen nur 1942, 1940, 1939, 1937, 1935 und 1934 infrage. Mit einem leichten Nicken bestätigte sie meine Annahme.
   »Hoffentlich bist du nicht so eine unverschämte Arschgeige wie der Letzte, der sich als Schalker ausgab. Stell dir vor, der Typ hat ohne eine Miene zu verziehen behauptet, dass die Knappen seit achtundfünfzig nie wieder Meister geworden wären. Der hat natürlich keine Suppe von mir bekommen. Einen Arschtritt hätte er verdient, aber der war schneller weg als sein Schatten. Jetzt erzähl, wie oft meine Blauen die Schale geholt haben.«
   Scheiße, ich hatte Hunger. Schalke war seit 1958 nie wieder Deutscher Meister geworden, das lag mir mein ganzes Leben wie ein Backstein im Magen. Jetzt verfolgte mich die Misere bis in den Tod. Mir fehlte der Wille, für die Erfolgsflaute meines Fußballvereins mit Hunger bestraft zu werden. Wer lügt, kommt in die Hölle, hatte mein Opa früher immer gesagt, wenn er mich beim Flunkern erwischte. Angesichts meiner Situation war es mir egal, wo ich hinkommen würde. Außerdem würde es keine richtige Lüge sein, wenn ich die Schalker zum Serienmeister erkor, in meinem Herzen waren sie es sowieso.
   »Fünfundsechzig, siebzig, zweiundsiebzig, achtundsiebzig, einundachtzig, fünfundachtzig, neunzig, sechsundneunzig, zweitausendeins, zweitausendzehn. Dazu UEFA-Cup Sieger neunzehnsiebenundneunzig und acht Mal DFB-Pokalsieger«, log ich ohne Skrupel. Immerhin war nicht alles frei erfunden. Während ich sprach, griff sich Leah einen Plastikbecher, den sie aus einer alten Lidl-Tüte neben sich hervorzauberte, und füllte ihn randvoll.
   Die Suppe schmeckte köstlicher als alles, was ich je gegessen hatte. Danach blieb mir nichts anderes übrig, als unzählige ad hoc erfundene Geschichten über Tore, Siege und Meisterschaften des FC Schalke 04 zum Besten zu geben. Immer wieder füllte Leah meinen Becher mit Kohlsuppe auf. Als mein Magen gefüllt war und mir die Anekdoten über Schalke auszugehen drohten, war es Paul, der mich aus dem Konstrukt aus Lügen und Kohlsuppe befreite.

8
Mac Mudi


Wenige Augenblicke später hetzten wir zwischen den Zelten und Hütten der Arena hindurch. Wieder hallte der Gong durch die Weiten der Betonschüssel und Paul blieb unverrichteter Dinge stehen. Dieses Mal rempelte ich ihn nicht an. Keuchend blieb ich stehen und stemmte die Hände in die Hüften.
   Während eine Doreen Miller ausgerufen wurde, schluckte ich die Kohlsuppe wieder hinunter, die stoßartig meine Luftröhre heraufgeschwappt kam und einen sauren Geschmack hinterließ. Kaum war der Name der nächsten Auserwählten ausgesprochen, drehte sich Paul zu mir. »Wir haben nicht viel Zeit, wir müssen schnellstens zu Mac Mudi. Nicht mehr lange und er sitzt beim Abendessen, dann ist er für Stunden nicht ansprechbar.«
   »Wolltest du nicht noch was erledigen?«
   »Schon geschehen«, sagte Paul lächelnd.

Mac Mudi war etwas Besonderes in der Arena, das merkte ich sofort, als ich seine Bleibe sah. Er bewohnte keine der maroden Behausungen, die ich überall sah. Seine vier Wände bestanden aus solidem aschgrauen Stahlbeton. Sein Domizil befand sich im Fundament des untersten Arenaringes.
   Der Eingang war mit einer verrosteten Metalltür verrammelt. In der Mitte befand sich ein vergittertes Guckloch, das mich an einen Nachtklub erinnerte. Paul klopfte heftig an die Tür, wartete kurz und hämmerte erneut mit der Faust gegen die Tür, sodass sich feine Rostsplitter lösten und durch die Luft wirbelten. Es dauerte nicht lange, bis sich das Guckloch öffnete und eine Nase von der Größe einer Gewürzgurke in dem Sichtfeld erschien. Darüber erkannte ich ein paar dunkle Augen, die misstrauisch nach draußen stierten.
   »Wer ist da?«
   »Ich bin’s. Paul.«
   »Und wer ist der da?« Der Kerl griente mich böse an.
   »Ein Freund. Jetzt mach auf, ich muss zu Mac Mudi.«
   »Der Chef ist beim Abendbrot. Es gibt Hackbällchen, seine Leibspeise. Kommt morgen wieder.«
   Hatte ich richtig gehört? Hackbällchen?
   »Hör zu, Malik, ich habe etwas für den Chef, etwas Besonderes.« Der Türsteher wollte etwas sagen, aber Paul unterbrach ihn. »Heute und nicht morgen, da bin ich mir sicher. Willst du, dass Mac Mudi wütend wird? Womöglich auf dich?« Paul streckte seinen Zeigefinger aus und deutete anklagend auf die Gurkennase des Türstehers.
   Hinter den dunklen Augen des Mannes begann es zu arbeiten. Falten legten sich auf seine hohe Stirn. Nach einer Weile kratzte er sich an seiner riesigen Nase. »Okay, ich gehe zu Mac Mudi. Was soll ich ihm sagen?«
   »Sag ihm, dass Paul mit etwas Besonderem da ist. Stopp! Sag ihm, dass ich ihm etwas Einzigartiges zeigen will.«
   Der Türsteher grummelte etwas Unverständliches und schloss die Luke. Paul drehte sich um. Ein siegessicheres Grinsen lag auf seinem vernarbten Gesicht. Er kam zu mir und rieb sich die Hände.
   Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis die Tür aufgeschlossen wurde und die Gurkennase uns hereinwinkte.
   »Jetzt machen wir Geschäfte, mein Freund«, flüsterte Paul.
   »Ich dachte, es geht um den Akku?«
   »Klar. Und um Geschäfte.«
   Geschäfte waren mir egal, ich wollte Schnaps und wissen, woher der Kerl in dem Betonbau Hackbällchen bekam.
   Mac Mudis Heim erinnerte mich an einen Schrottplatz. Die langen, kellerähnlichen Gänge waren rechts und links bis zur Decke mit selbst gezimmerten Regalen zugestellt, in denen die verschiedensten Alltagsdinge penibel genau sortiert und nummeriert in teilweise hundertfacher Ausführung lagerten. Während Malik uns schweigend durch die Gänge führte, konnte ich meine Augen nicht von den Regalen nehmen. Ich entdeckte ein Regal, das ausschließlich mit Regenschirmen befüllt war. Hunderte nach Farbe geordneter Knirpse ruhten neben ebenso vielen Stockschirmen. In einem weiteren Regal standen unzählige Kisten, die bis zum Bersten mit goldenen und silbernen Fingerringen gefüllt waren. Hüte stapelten sich bis unter die Decke, uralte Zylinder, Melonen und Cowboyhüte, daneben Baseballkappen, Pepitahüte, Barette, Schildmützen, Feuerwehrhelme, Polizeimützen, Sturmmasken und alle erdenklichen Modelle vergangener und aktueller Kopfbedeckungsmoden. Kartons mit Feuerzeugen, Zigarettenetuis, Ketten, Armbanduhren, Kugelschreibern, Flachmännern, Fernbedienungen, Batterien, Büchern, Stofftieren, Schlüsseln, Goldzähnen, Münzen, Kämmen, Zahnbürsten, Parfümflakons und glänzenden Compact Discs waren nur einige der Dinge, die mir ins Auge fielen. Apropos Auge. Besonders beunruhigend wirkte eine Kiste mit Glasaugen auf mich, die neben einer Sammlung von dritten Zähnen, Hörgeräten, Tausenden von Medikamenten und verschiedenen Körperprothesen anscheinend das medizinische Lager des unterirdischen Flohmarkts bildete. Schweigend führte uns Malik durch dieses Kuriositätenkabinett. Wir kamen an einen Abzweig. Ein Gang führte nach links, beschildert mit dem Hinweis Kleiderkammer, der rechte Weg war nicht näher bezeichnet. Er war mit einer Stahltür versperrt, hinter der ich Geräusche zu vernehmen glaubte, die zu einem Wolf oder einem Bären passen würden. Muhen oder Grunzen wäre mir lieber gewesen, dann hätte ich wenigstens gewusst, wie Mac Mudi an seine geliebten Hackbällchen kam. Dem, was sich hinter der Stahltür trollte, wollte ich lieber nicht begegnen. Wer wusste schon, was dieser Mac Mudi alles sammelte? Gott sei Dank führte Malik uns weiter geradeaus. Nachdem wir einen scheinbar endlosen Gang mit weiteren Regalen durchschritten hatten, die mit allen erdenklichen Elektrogeräten und einem unübersichtlichen Sammelsurium von Werkzeugen vollgestopft waren, blieben wir vor einer Tür stehen. Ein Schild mit der Aufschrift Privat war daran befestigt.
   Malik alias Gurkennase blieb stehen und drehte sich zu uns um. »Paul, sag ihm, dass er den Chef nicht ungefragt ansprechen soll.«
   Paul drehte sich zu mir um und grinste. »Sprich den Chef nicht ungefragt an.«
   Ich nickte. Er wandte sich wieder Malik zu.
   »Noch was?«
   »Er soll den Chef nicht unterbrechen.«
   »Aha«, sagte Paul und rieb sich den nicht vorhandenen Kinnbart. »Wie soll er den Chef unterbrechen, wenn er ihn nicht ungefragt anspricht?«
   Malik setzte eine Miene auf, die mich an Stan Laurel erinnerte.
   »Vergiss es.« Paul erlöste den grobschlächtigen Türsteher. Ich bemerkte, dass er ein Grinsen unterdrückte. »Sonst noch was?«
   Malik wollte sich gerade umdrehen, als ich vorsichtig meinen Finger hob.
   »Was ist?«, fragte Gurkennase.
   »Würden Sie mir verraten, wie man hier an Hackbällchen kommt?«
   Paul schnaubte wie ein Walross und hielt sich schnell die Hand vor den Mund. Malik glotzte wie ein Elefant auf Drogen. Ich sah ihm an, dass es in seinem knapp bemessenen Gehirn ratterte. Offensichtlich war ihm nicht klar, ob er gefoppt wurde oder ob die Frage ernst gemeint war. Da ich schon öfter erleben durfte, dass die Antwort solcher Intelligenzbestien wie Malik aus einem kräftigen Fausthieb bestand, versuchte ich, den Mann mit der Gurkennase zu besänftigen. »Sorry«, sagte ich mit erhobenen Händen. »Ich bin neu hier.«
   Malik fixierte mich wie ein Opfer und ich erkannte in seine Augen die pure Angriffslust.
   »Bringst du uns jetzt zu Mac Mudi oder was?«, fragte Paul schnell.
   Es dauerte noch einen spannenden Moment, dann nickte Malik so unmerklich, als wäre sein Kopf mit Beton gefüllt, drehte sich um und schloss die Tür auf.
   »Wartet hier«, befahl Malik, nachdem wir den Raum betreten hatten.
   Das Zimmer war winzig, etwa zwei Meter im Quadrat. Gegenüber der Tür, durch die wir gekommen waren, befand sich eine weitere Stahltür, daneben stand eine Holzbank an der kahlen Wand. An der Decke baumelte eine Glühbirne an einem Kabel und verteilte schummriges Licht.
   »Gemütlich.«
   Paul setzte sich auf die Bank, ich nahm neben ihm Platz. »Malik ist ein Vollidiot, aber nimm dich vor ihm in Acht. Der hat schon für viel weniger zugeschlagen.«
   »Und? Will er mich umbringen?«
   »Nö, aber.«
   »Aber was?«
   Paul seufzte, stand auf und baute sich vor mir auf. Plötzlich hob er den Arm und verpasste mir eine schallende Ohrfeige.
   »Aua, bist du irre?«, rief ich und hielt mir die Wange, die wie Feuer brannte.
   Wortlos setzte sich Paul wieder neben mich. »Stell dir vor, Malik rammt dir die Faust auf die Nase.«
   »Scheiße, was ist das hier für ein mieser Albtraum? Bin ich tot oder nicht?«
   »Eindeutig tot.«
   »Und warum kann ich dann fühlen? Warum habe ich Hunger, warum gibt es hier Scheißhäuser und woher bekommt dieser Mac Mudi Hackbällchen, wenn es in diesem Saftladen sonst nur Kohl, Kartoffeln und Pisswasser gibt? Was ist das für ein beschissener Pseudotod? Kannst du mir das erklären?«
   Paul zuckte mit den Schultern. »Nö, erklären kann ich nix, aber ich habe meine Vermutungen, schließlich bin ich schon eine Weile hier unten.«
   Ich rieb mir meine Wange, die sich immer noch wie ein Nadelkissen anfühlte. »Und?«, fragte ich ungeduldig. »Würdest du mir deine Theorien über diese ominöse Version des Jenseits mitteilen?«
   »Kann ich, aber alles ohne Gewähr.«
   »Ja, ja.«
   Paul streckte seine Beine aus und zog seine Fliege auf. Ein Glas Whiskey in der Hand und er hätte Dean Martin Konkurrenz machen können. Natürlich musste man sich den Streuselkuchen in seinem Gesicht wegdenken.
   »Wir sind tot, das steht fest. Irgendetwas hat sich aus unseren ehemaligen Körpern gelöst, ich nenne es zur Vereinfachung Seele. Die Tatsache, dass wir nach dem Tod weiterhin menschliche Eigenschaften besitzen, führt mich zu der Annahme, dass unsere irdischen Körper nur Hüllen sind. Die Seele ist also nicht nur der Sitz des menschlichen Geistes, sondern auch der Quell aller Körperlichkeit.«
   »Ein Körper im Körper?«
   »Könnte man sagen.«
   »Im Prinzip lebt man einfach weiter, nur auf einer anderen Ebene der Existenz?«, fragte ich ungläubig.
   »Hast du eine andere Erklärung?«
   Ich schüttelte den Kopf.
   »Und wer sind Die? Hast du dafür auch eine Erklärung?«
   »Gott, Teufel, Aliens? Spielt das eine Rolle? Wenn der Gong ertönt und dein Name aufgerufen wird, wirst du es vielleicht erfahren. Bis dahin ist die Arena dein Zuhause. Du musst zusehen, wie du über die Runden kommst. Und du kannst mir glauben, es ist wesentlich einfacher, wenn man Mac Mudi auf seiner Seite hat. Er gehört zu den Leuten, die hier die Fäden in den Händen halten.«
   »Der Jenseits-Pate oder was?«
   »Hä?«
   Ich winkte ab. »Die ganzen Sachen da draußen in den Regalen. Woher stammt das Zeug?«
   »Mac Mudi ist ein Händler und einer von den Leuten, die am längsten hier in der Arena leben. Gerüchteweise soll er in seinem irdischen Leben Stadthalter im Römischen Reich gewesen sein.«
   »Klar. Stadthalter. Römisches Reich.« Ich wartete auf Pauls typisches Grinsen, doch es kam nicht. »Das Römisches Reich?«, fragte ich schließlich ungläubig.
   »Ich kenne nur eines«, antwortete Paul bierernst.
   »Okay, lassen wir das. Ein Händler ist er also? Womit handelt Pontius denn?«
   »Zum Beispiel mit Handys und dem ganzen anderen Kram, den die die Neuankömmlinge anschleppen. Dinge, die sie während ihres Todes bei sich hatten oder berührten. Mac Mudis Männer kontrollieren die verschiedenen Zugänge und sprechen die Neuzugänge an. Die meisten sind verwirrt und brauchen Hilfe. Mac Mudi verschafft ihnen eine Unterkunft, Essen und Kleidung. Im Gegenzug geben sie ihnen ihre weltlichen Mitbringsel.«
   Ich dachte an die Hüte, den Schmuck und das andere Zeug, das ich in den Regalen gesehen hatte. Es machte Sinn, was er erzählte, und obendrein war es eine geniale Geschäftsidee. Ich dachte daran, wie mich Paul bei meiner Ankunft angesprochen hatte.
   »Bist du einer von Mac Mudis Männern?«
   »Nein, ich bin Freiberufler«, sagte er grinsend. »Ich bin schnell und schnappe mir manchen Neuling, bevor Mac Mudis Männer kommen.«
   »Und deine Beute verkloppst du an Mac Mudi?«
   »Das eine oder andere Geschäft haben wir schon abgeschlossen.«
   »Eine Sache würde mich interessieren.«
   »Raus damit!«
   »Was ist mit den Leuten, die nichts dabeihaben, kommen die ebenfalls in den Genuss der wohltätigen Hilfe von Mac Mudi?«
   Er grinste und zog den Rotz in seinem Mund hoch. Einen Augenblick später landete ein dicker, nikotingelber Spuckepfropfen auf dem Boden. Plötzlich kam mir ein unglaublicher Gedanke und der Geruch von gebratenen Hackbällchen zog in meine Nase.
   Paul sagte kein Wort. Er schien seine Spucke zu beobachten, gleichzeitig kratzte er sich eine seiner unzähligen Aknepocken auf. Meine dunkle Vermutung hing in der Luft. Ehe ich Paul fragen konnte, ging die Tür neben uns auf und wir wurden in Mac Mudis Gemächer zitiert.

Der Tod hatte seine Vor- und Nachteile. Man wurde nicht älter, aber leider auch nicht hübscher. Diese Weisheit ging mir durch den Kopf, als ich Mac Mudi zum ersten Mal erblickte. Der Arenapate war der fetteste Mann, den ich je gesehen hatte. Ich schätzte ihn auf mindestens dreihundert Kilo. Eingehüllt in ein helles Baumwolllaken, das er wie eine Toga um seinen massigen Leib trug, wirkte er wie ein weißer Wal. Gewaltige Speckfalten pressten sich gegen den Stoff und drohten, jeden Augenblick durchzubrechen und alles niederzuwalzen, was sich ihnen in den Weg stellte. Unwillkürlich dachte ich an den Blob, das unheimliche Glibberwesen aus dem uralten B-Movie. Wir blieben in der Tür stehen. Ein bulliger Mann in abgewetztem Lederoutfit versperrte uns mit seinem ausgestreckten Arm den Weg. »Noch nicht«, sagte er barsch.
   Ich nutzte die Zeit und sah mich um. Mac Mudis Wohnzimmer besaß die Ausmaße einer Tiefgarage, aber es parkten keine Autos in diesem kellerartigen Gewölbe. Ich schätzte das unterirdische Loft auf zwei- bis dreihundert Quadratmeter. Im Zentrum des Raumes lag ein quadratischer Flickenteppich und darauf eine Doppelmatratze, auf der Mac Mudi auf der Seite lag und Hackbällchen aus einer Suppenvitrine in sich hineinstopfte. Ab und zu griff er nach einer gläsernen Karaffe und schüttete eine trübe Flüssigkeit in seinen Schlund. Ein lauter Rülpser hallte durch das Gewölbe. Mac Mudi schnappte nach Luft, presste seine wulstigen Lippen aufeinander und schien mit seinen aufsteigenden Magensäften zu kämpfen. Der Anblick ließ mich erschaudern und ich musste meinerseits den Brechreiz im Zaum halten. Ich dachte an die armen Kerle, die in der Arena ankamen und nichts Nützliches bei sich hatten. Konnte es wirklich sein, dass die armen Teufel als Abwechslung im Speiseplan des Fettwanstes auftauchten?
   Ohne mein Handy wäre ich vielleicht auch in dieser hässlichen Terrine gelandet, die mit ihren wulstigen Henkeln wie ein Arsch mit Ohren aussah. Ein kalter Schauder lief durch meinen Körper. Instinktiv betastete ich meine Jackentasche, wo ich erleichtert die Umrisse meines Handys fühlte.
   Als wenn er meine Gedanken lesen könnte, schnellte Mac Mudis gewaltiger Kopf mit einer blitzschnellen Bewegung in meine Richtung, die ich dem Jabba-The-Hutt-Verschnitt nicht zugetraut hätte. Seine heidelbeergroßen Augen fixierten mich mit kalter Neugier, das Mahlwerk in seinem Mund stand kurzzeitig still. Schwerfällig hob er einen seiner elefantösen Arme. Ein Wurstfinger bewegte sich aus der unförmigen Masse seiner Hand und bedeutete uns, zu ihm herüberzukommen.
   Der Arm des Aufpassers neben uns schwang wie eine Schranke nach oben und gab den Weg frei. »Los«, schnauzte er uns an.
   Wir gehorchten und setzten uns nebeneinander in Bewegung.
   »Keine Angst«, flüsterte Paul. »Der ist total nett.«
   Ich hätte ihm gern geglaubt, doch als der Fleischberg immer näher kam und ich sah, wie er uns mit seinen fiesen Rattenaugen musterte, fühlte sich mein Magen flau an. Ich sah mich in einem riesigen Fleischwolf. Ich würde als Gehacktes enden, da war ich mir sicher.
   »Auf keinen Fall lachen«, flüsterte Paul.
   Ich wusste nicht, was er meinte.
   Wir erreichten den Flickenteppich und blieben abrupt stehen, als uns der Kerl an der Tür »Stopp« zurief. Paul gehorchte und ich hielt es für gesünder, es ihm gleichzutun. Mac Mudis Blick ruhte für einen Moment auf Paul, dann taxierte er mich wie ein Stück Rindfleisch, das in der Auslage eines Metzgers lag. Ich versuchte, seinem aufdringlichen Blick zu entkommen, indem ich auf den Boden starrte. Ich dachte an die Terrine mit den Fleischbällchen, schwor mir, ihn nicht zu unterbrechen und auf keinen Fall zu lachen. Ein muffiger Geruch, der nicht von den Fleischklopsen in der Porzellanterrine herrührte, zog in meine Nase. Der Geruch erinnerte an den beißenden Gestank meines linken Fußes, als ich vor ein paar Jahren an Nagelpilz litt. Damals hing der üble Geruch nach Fäulnis wochenlang wie Kletten an mir. Mac Mudi war die Quelle des Gestanks. Ich konnte mir vorstellen, wie der Schmand und die Schmiere zwischen seinen Fettfalten zu einer stinkenden Glibbermasse wucherte. Ängstlich schluckte ich die aufkeimende Übelkeit.
   »Hallo Männer«, sagte Mac Mudi und ich begriff, was Paul mit »Auf keinen Fall lachen« gemeint hatte. Die Stimme des Arenapaten war lächerlich hoch. Er klang, als ob er statt Hackbällchen Helium zum Abendbrot inhaliert hätte. Wäre er lebendig gewesen, hätte er eine Karriere als Synchronsprecher für Animationsfilme einschlagen können.
   »Malik hat gessagt, ihr habt wass Besonderes für mich?«
   Ich musste tief Luft holen, dabei fixierte ich konzentriert die Fransen am Rand des Flickenteppichs. Mac Mudi fistelte nicht nur wie ein Eunuch, obendrein lispelte er wie Schwanzus Longus in Das Leben des Brian. Es fiel mir schwer, nicht in schallendes Lachen auszubrechen. Ich versuchte, an etwas Trauriges zu denken, aber mir fiel nichts ein.
   »Paul, wer isst dein Freund? Willsst du ihn mir nicht vorsstellen? Kommt doch ein wenig näher, du weißt doch, wie schlecht meine Augen ssind.«
   »Hallo Mac Mudi. Schön, dich zu sehen«, sagte Paul zum Fettwanst, stieß mich mit dem Ellbogen in die Rippen und forderte mich auf, ihm zu folgen. Widerstrebend hob ich den Kopf. Sofort fiel mir die Hackfleischbällchenterrine ins Auge. Zumindest war mir nicht mehr zum Lachen zumute. Ich folgte Paul, der sich langsam auf Mac Mudi zubewegte. Gebannt starrte ich auf meine Füße, um den Hackbällchen und Mac Mudis Blick zu entgehen, doch immer wieder blickte ich auf und traf auf die Glupschaugen des Arenapaten und seine ominöse Abendmahlzeit. Nur wenige Schritte und wir standen vor der Matratze, auf der Mac Mudi wie ein gestrandeter Pottwal lungerte.
   »Alless klar?«, fragte mich Mac Mudi mit seiner skurril hohen Stimme. Ich wartete lang genug mit meiner Antwort, dass niemand mir vorwerfen konnte, den Chef des Hauses zu unterbrechen. Ich wartete sogar so lang, dass meine Stimme versagte und ich nicht mehr als ein Krächzen herausbrachte.
   Mac Mudi kicherte schrill. »Ssetzt euch«, sagte der Fettmops fröhlich. Er grinste diabolisch und klopfte mit der flachen Hand neben sich auf die Matratze. Die Vorstellung, neben diesem Schwabbelmonster Platz zu nehmen ließ mich innerlich schütteln. Ich wollte nicht als gebratene Kugel in der Porzellanterrine enden, also überwand ich meinen Ekel und setzte mich neben Paul, der scheinbar keinerlei Ressentiments gegen den widerlichen Kerl hegte.
   »Mac Mudi, darf ich dir unseren neuesten Mitbewohner vorstellen? Der junge Mann neben mir ist Bert, gerade noch auf seinem Dach, jetzt bei uns in der Arena.«
   »Bert«, wiederholte Mac Mudi meinen Namen mit einem Lächeln, das auf seinem wächsernen Gesicht eingebrannt zu sein schien. »Willkommen in meinem besscheidenen Heim, Bert. Nehmt euch eine Bullette«, sagte Mac Mudi freundlich.
   Mir fiel die Kinnklappe hinunter, allein der Gedanke ließ mich würgen. Paul hingegen wartete nicht lange, griff sich einen von den kross gebratenen Klöpsen und biss herzhaft hinein. Mein Magen krampfte sich schlagartig auf die Größe einer Kiwi zusammen.
   »Alsso, Jungs«, sagte Mac Mudi und stopfte sich eine Frikadelle in den Schlund. »Wass habt ihr für mich?«
   Paul wischte sich den Mund mit dem Ärmel seines Jacketts ab, leckte sich die Lippen und setzte sein Haifischgrinsen auf. »Etwas Besonderes, nein, etwas Einzigartiges, mein Lieber. Du wirst Augen machen, wenn du siehst, was mein Freund Bert Schönes in die Arena mitgebracht hat.«
   Mac Mudi rollte gelangweilt mit den Augen und genoss sein widerliches Abendessen.
   »Komm sschon, Paul, die Quatscherei zieht bei mir nicht. Machss kurz und zeig mir, wass ihr habt, dann ssehen wir weiter.«
   Pauls Grinsen wurde immer breiter. Es erinnerte mich an die Grinsekatze aus Alice im Wunderland. Ich war überzeugt, dass hinter seinen Lippen spitze Reißzähne lauerten, doch als er den Mund öffnete und mich ansprach, sah ich nichts anderes als seine gelbstichigen, schiefen Zähne.
   »Los Paul! Hol es raus«, sagte er.
   Ich zögerte, denn mir war mittlerweile klar, dass mein iPhone eine Art Lebensversicherung war, die mich davor bewahrte, in der Pfanne zu landen. Für einen Moment starrte ich Mac Mudi ins Gesicht. Der fette Mann war weiß wie ein Brautkleid. Sein Kopf besaß die Größe eines Basketballs und unter seinem Kinn schlabberte eine Fettschürze, die ihm fast bis auf das Brustbein fiel. Sein kindliches Gesicht erinnerte mich an Kim Schmitz, den dicken Internetdealer, der aus jedem Scheiß Millionen machte und wie eine Katze immer wieder auf die Füße fiel. Ich schluckte einen tennisballgroßen Kloß durch meinen trockenen Hals und schüttelte langsam meinen Kopf.
   »Was soll das?«, flüsterte Paul.
   Aus den Augenwinkeln sah ich, dass sein Grinsen von einem Ausdruck der Verwirrtheit abgelöst worden war. Meine Aufmerksamkeit galt allerdings dem Fleischberg, der von meiner Weigerung belustigt schien. Von einer Sekunde auf die andere begann er laut zu lachen. Seine schrille Stimme stellte meine Trommelfelle auf eine Zerreißprobe. Überraschend schnell erhob er sich aus seiner halb liegenden Lage auf sein gigantisches Hinterteil und schlug mit seiner Pranke so fest auf meine Schulter, dass ich mich am Rand der Matratze festhalten musste.
   »Hasse Schiss, mein Junge?«, fragte er mit kreischender Stimme.
   Ich sagte nichts und starrte Mac Mudi mit pochendem Herz an.
   »Wass iss, bisste sstumm?«
   Ich schüttelte den Kopf.
   »Und? Hasse Schiss?«
   Ich nickte.
   »Mein lieber Bert, Bert ist doch richtig, oder?«
   Erneut nickte ich.
   »Alsso Bert, wovor hasst du Angsst? Doch nicht etwa vor mir? Ach, Quatssch, warum ssolltesst du Schisss vor mir haben? Ich bin ein friedlicher Menssch und könnte keiner Fliege etwass antun.« Der Fettmops machte eine Pause, atmete rasselnd ein, schnappte sich ein Hackbällchen und biss die Hälfte davon ab. Seine Backen blähten sich wie die eines Trompeters auf, was ihn allerdings nicht darin hinderte, weiterzusprechen. »Da ür ha e ich me i eute.« Sein Mahlwerk arbeitete auf Hochtouren. Nachdem er den Mund mit glucksenden Schlucken gespült hatte, öffnete er ihn erneut. »Dafür habe ich meine Leute.«
   Es folgte ein Aufstoßen, das ein Duftgemisch aus Magensäure, Zwiebeln und halb verdautem Fleisch zwischen seinen Lippen hervorquellen ließ. Unter normalen Umständen hätte der Gestank eine Eruption meines Mageninhalts zur Folge gehabt, doch seine unverhohlene Warnung wirkte wie eine Hypnose auf mich. Mac Mudis Augen verengten sich. Das Kauen hatte er eingestellt, stattdessen leckte er sich mit seiner tiefroten Zunge Hackreste vom Kinn. Gott sei Dank löste ich mich schnell genug aus der Stasis, in der ich mich befand, und kramte das iPhone aus der Jackentasche. Als ich es hochhielt, zitterte ich, als wenn der Vibrationsalarm des Telefons auf Hochtouren laufen würde.
   Mac Mudi sah mich ungläubig an, dann richtete er seinen Blick auf Paul, schließlich wieder auf mich. »Ein verficktess Telefon? Wegen diesem Sseiß sstört ihr mich beim Abendesssen?«
   »Ein iPhone. Ein Fünfer«, sagte ich, bevor ich nachdenken konnte.
   »Dann eben ein verficktess iPhone.« Mac Mudi quiekte wie ein gehetztes Schwein. »Ich habe tonnenweise von dem Zeug. Schwarze Iphoness, weißße Iphoness, Ipadss und Ipodss in allen Farben und Variationen. Und ich brauche …«
   »Aber nicht so eins.« Zu spät realisierte ich, dass ich ihn unterbrochen hatte. Ich bereute meine Worte sofort. Eine seltsame, allumfassende Ruhe trat ein. Mac Mudis Arm erstarrte beim Griff in die Hackbällchen-Terrine, Pauls Mund stand offen, ich atmete flach und hörte meinen Herzschlag, der in diesem Moment wie ein Gong durch die Stille hallte. Alle hielten inne.
   »Du hasst Mumm, mein Junge«, sagte Mac Mudi und beendete das Schweigen. Seine ernste Miene verwandelte sich innerhalb eines Herzschlags in ein breites Grinsen, das so ehrlich und fröhlich wirkte, dass ich meinerseits nicht anders konnte, als zu lachen.
   Paul atmete auf und lachte mit.
   Mac Mudi drehte schwerfällig den Kopf. »Hat Malik wieder die Nicht-Unterbrechen-Nummer gebracht?«, rief er seinem Bodyguard an der Tür zu.
   »Keine Ahnung, Chef.«
   »Hau ihm wass aufss Maul von mir.«
   »Ehrlich, Chef?«
   »Vergiss es.« Mac Mudi wandte sich wieder zu Paul und mir. »Ssind nicht die Hellssten, meine Jungss, aber gute Kerle. Alsso, wass macht dein iPhone bessonderss?«
   »Es funktioniert«, sagte ich wie aus der Pistole geschossen.
   »Es funktioniert? Was soll das heißßen?«
   »Netz! Das verdammte Ding hat Netzzugang«, sagte Paul und drängte sich in unser Gespräch.
   Mac Mudi gaffte uns verständnislos an. »Wass für ein Netz?«
   »T-Mobile! Call-and-Surf Complete Mobil S. Datenflat mit hundertzwanzig Freiminuten.« Als ich begriff, dass Mac Mudi keine Ahnung hatte, wovon ich sprach, wechselte ich auf eine niedrigere Erklärebene. »Kurz gesagt, man kann man mit dem Ding telefonieren. Nach Hause telefonieren.«
   Der fette Händler kam nicht aus dem Gaffen heraus. Er marterte mich mit seinem stechenden Blick, starrte dann auf Paul, der grinsend dasaß und nickte, dann war ich wieder Ziel seiner Aufmerksamkeit. In seiner Hand hielt er noch immer eine halbe Frikadelle, von der das flüssige Fett auf seinen Umhang tropfte und kleine, schmierige Flecken hinterließ.
   »Telefonieren? Ich ssags nicht gern, aber ich glaube, ihr braucht tatssächlich eine Abreibung. Wenn ich etwasss nicht mag, dann isst es, verarsscht zu wer…« Die letzte Silbe verschluckte er zusammen mit dem Rest seiner Bulette.
   »Mac Mudi, wie lange kennen wir uns schon?«, fragte Paul.
   Mac Mudi zucke mit seinen mächtigen Schultern, worauf seine gigantische Männerbrust unter seiner Toga wie Wackelpudding vibrierte.
   »Lang genug, um zu wissen, dass man dich nicht verarschen sollte«, sagte Paul und beantwortete damit seine eigene Frage. »Mit diesem Handy …«
   »iPhone«, sagte ich und erntete von beiden Männern genervtes Augenrollen.
   »Mit diesem iPhone«, sagte Paul, »ist es möglich, zu telefonieren. Man kann Lebende anrufen. Ich schwöre es!« Feierlich erhob Paul seine Hand und spreizte Mittel- und Zeigefinger zum Eid.
   Mac Mudi schüttelte den Kopf und ließ seine Pausbacken beben. »Habt ihr beiden euch heute Morgen mit nem Hammer gekämmt oder wass erzählt ihr für einen Blödssinn?«
   Meine Antwort sprach für sich. Ich stellte den Lautsprecher des iPhones an und tippte auf irgendeinen Eintrag im Telefonbuch. Das folgende Freizeichen wirkte wie ein Hypnosependel auf die Anwesenden. Mac Mudis Mund stand offen. Der Brei aus Hackfleisch und Speichel war kein schöner Anblick, definitiv nicht. Paul lauschte wie versteinert dem Klang meines Handys, dabei wirkten seine Augen glasig, als wenn er gekifft hätte. Sogar der Kerl an der Tür schien paralysiert, er stand da, steif wie ein Brett und sah regungslos zu uns herüber. Unbemerkt hielt ich mein iPhone immer höher, so, als wäre es ein Heiligtum oder die Meisterschale der Fußballbundesliga. Der Moment meines Triumphes wurde jäh unterbrochen, als eine Verbindung zustande kam.
   DingelDingelDing. »Herzlich willkommen beim Kundenservice der Telekom. Zur Steigerung unserer Servicequalität zeichnen wir vereinzelt Beratungsgespräche auf. Wenn Sie mit der Aufzeichnung dieses Gesprächs einverstanden sind, sagen Sie bitte Ja.«
   »Ich denke, das reicht, oder?« Eine Antwort erwartete ich nicht, die Frage war rhetorisch. Ich trennte die Verbindung und steckte das iPhone zurück in meine Jackentasche. Ich genoss jeden Moment meines Auftritts, der mich innerhalb von Sekunden auf Augenhöhe mit dem Don der Arena brachte. Für einen Moment dachte ich daran, die Terrine mit den Fleischbällchen zu nehmen und auf dem Betonboden zu zerdeppern, aber das wäre des Guten zu viel gewesen. Es stand nicht in meinem Interesse, nähere Bekanntschaft mit Malik oder dem Typen an der Tür zu machen. Übersteigertes Selbstbewusstsein hatte eine Farbe, und die war rot wie Blut. Mac Mudi kannte jetzt meine Schwanzlänge, ich musste ihm mein Teil nicht in den Mund stopfen.
   »Faszinierend«, sagte Mac Mudi.
   Ich feierte innerlich Lottogewinn und Sommerschluss-verkauf zugleich und konnte förmlich hören, wie sich Paul die Hände rieb.
   »Weißßt du, Bert, wass man ssich von mir erzählt?«, fragte Mac Mudi.
   »Vieles, nehme ich an.«
   »In der Tat«, sagte er amüsiert. »Aber wass ich meine, ssind die Gerüchte über meine Herkunft.«
   »Paul hat mir verraten, dass Sie Stadthalter im Römischen Reich gewesen sein sollen.«
   Mac Mudi kicherte, während er mit seinem voluminösen Hinterteil auf der Matratze hin und her rutschte. Ich tippte, dass er an Hämorrhoiden litt, wollte mir die Vorstellung aber nicht weiter ausmalen.
   »Isst wahr, meine Zeit alss Lebender liegt schon ein wenig zurück, aber das Römissche Reich isst ein wenig weit hergeholt. Obwohl man mit Rom gar nicht sso sschlecht liegt, wenn man über meine Herkunft sspricht. Mein irdisscher Vorgessetzter war Alexander VI., Bisschof von Rom und Oberhaupt der Römissch-Katholisschen Kirche, bessser bekannt alss Rodrigo Borgia. Ich war ssein Zeremonienmeisster, wissst ihr, was dass isst?« Er wartete nicht auf unsere Reaktion, sondern setzte unsere Unkenntnis voraus. »Ich war verantwortlich für die Liturgie und ssämtliche Zeremonien am päpsstlichen Hof. Meine Wenigkeit war ess, die den Leichnam von Alexander VI. begutachtete. Ess rankten ssich viele Gerüchte um den Tod des Papsstes, man ssprach davon, dasss ssein Sohn Cessare ihn vergiftet haben ssoll. Ssein Leichnam ssoll pechsschwarz und aufgebläht gewessen ssein. Klar war er dass, sschließlich lag er tagelang tot in sseinem Bett. Er hatte unss verboten, sseine Gemächer zu betreten und durch einen Geheimgang seine Mätresssen eingelasssen. Alless Paperlapp. Ich ssage euch, Rodrigo Borgia hat ssich totgefickt.«
   Paul und ich wechselten einen fragenden Blick, was Mac Mudi nicht entging und zum Weitersprechen animierte. Allerdings schnappte er sich vorher in einem irren Tempo eine Frikadelle aus seiner idyllischen Porzellanterrine und verputzte sie in Lichtgeschwindigkeit.
   »Wollt ihr wissssen, warum ich euch die alten Kamellen erzähle?« Wir sagten beide nichts. »Zu meinen Lebzeiten war ich ein geachteter Mann, ich kannte viele Leute in ganz Europa. Ich habe Päpste, Kardinäle und Könige kennengelernt. Aber dass ist lange her und all diesse Leute ssind tot. Den ein oder anderen habe ich in unsserer gemütlichen Arena wiedergessehen. C’esst la vie. Jetzt frage ich euch. Wass ssollte ich mit einem Handy anfangen, ob mit Netz oder ohne, außßer ess zu den anderen in irgendeine Kisste zu werfen? Trotzdem bin ich kein Unmensch.« Mac Mudi wandte sich mir zu und sah mir wie ein Hypnotiseur in die Augen. »Eine Stange Zigaretten und drei Flaschen Wodka für dein Handy.«
   Wodka! Was für ein lieblichess Wort.
   »Ich rauche nicht«, sagte ich verunsichert.
   »Gut, dann vier Pullen Wodka.«
   »Stopp!« Paul unterbrach meine Gedanken an leckeren Kartoffelschnaps. »Mac Mudi, Mac Mudi, Mac Mudi.« Seine Stimme säuselte.
   »Wass?«
   »Du willst uns doch nicht übers Ohr hauen?«
   »Ich? Was denksst du von mir?«
   »Dann lass uns ernsthaft verhandeln. Mir brauchst du nichts vorzumachen. Ich weiß genau, wie beschissen die Geschäfte laufen. Die Toten sind nicht mehr so blöd wie früher und lassen sich für ein Teller Kohlsuppe und einen Platz in einem stinkenden Zelt ihre Sachen aus den Taschen ziehen. Mit dem verstaubten Plunder in deinem Lager kannst du vielleicht nostalgische Typen wie mich beeindrucken. Was du brauchst, ist etwas Neues. Eine Sensation, eine einzigartige Attraktion. Einen Knüller! Genau diesen Knüller hat der liebe Bert in seiner Jackentasche. Also, Mac Mudi, komm uns nicht mit Zigaretten und Schnaps.«
   Ich wollte protestieren. Schnaps war genau das, was ich haben wollte. Doch bevor ich etwas sagen konnte, sah ich, dass Mac Mudi eine Schnute zog und uns mit einem bösartigen Blick fixierte. Ich rechnete fest damit, dass er jeden Moment seine Schläger herbeirufen würde, um uns eine Abreibung zu verpassen.
   »Och Menno, du bisst echt ein Fuchss, mein lieber Paul.« Mac Mudi überraschte mich. »Willsst du nicht doch in mein Team kommen? Zussammen könnten wir die Arena richtig aufmisschen.«
   »Nö, bleib lieber selbstständig.«
   »Habe ich mir gedacht«, sagte Mac Mudi nachdenklich. »Alsso, wass verlangt ihr für dass Handy?.«
   Paul war plötzlich mein Manager geworden, denn der fette Arenahändler fragte nicht mich, sondern ihn nach unseren Bedingungen. Ich beobachtete die beiden konzentriert.
   »Wir wollen es nicht verkaufen«, eröffnete Paul die Verhandlungen. »Was wir möchten, ist eine Partnerschaft mit dir. Das Geschäft mit dem Handy funktioniert nur, wenn wir deine und unsere Fähigkeiten bündeln.«
   »Und die wären?«, wollte Mac Mudi wissen.
   »Mein Verkaufsgeschick und das technische Wissen deiner Organisation.«
   »Ach nee«, sagte Mac Mudi und kicherte. »Ihr braucht mich. Isst das Ding kaputt oder wass isst loss? Moment, der Akku. Richtig?«
   Paul nickte und lächelte. Soeben waren die Karten neu gemischt worden. Mac Mudi wusste jetzt, dass wir auf ihn angewiesen waren. Ohne ihn würde der Akku meines iPhones bald so leer sein wie die Gehirne seiner Bodyguards. Jetzt war es Mac Mudi, der die bessere Verhandlungsposition besaß. Wahrscheinlich war Paul doch nicht so clever. Doch er hatte noch ein Ass im Ärmel, das er jetzt ausspielte. »Stimmt, der Akku ist bald leer.«
   »Von den Dingern liegen Taussende in den Regalen.«
   »Ich habe mir sagen lassen, dass man ein iPhone-Akku nicht einfach tauschen kann. Der ist fest verbaut. Entweder man setzt einen neuen Akku ein, dafür braucht man allerdings die notwendigen Fähigkeiten, oder man lädt den vorhandenen auf.«
   Mac Mudi grinste.
   »Kein Problem für meine Leute.«
   Jetzt war es Paul, der selbstsicher lachte.
   »Aber es gibt auch noch andere in der Arena, die das bewerkstelligen können. Vorhin habe ich meinem alten Freund Wilde einen Besuch abgestattet.«
   Ich erinnerte mich daran, dass Paul eine Weile verschwunden war, als ich mit Leah über Schalke sprach.
   »Der alte Spinner ist immer noch da?«
   »Klar, quicklebendig. Und er hat mir gesagt, dass es für ihn überhaupt kein Problem sei, ein Akku zu verbauen.«
   »Wenn man welche auf Lager hat«, sagte Mac Mudi.
   »Einen Tag Neulinge abfangen und ich habe einen ganzen Schuhkarton mit iPhones. Den Rest besorgt Wilde für mich. Also, entweder machen wir das Geschäft oder Bert und ich ziehen die Sache allein durch.«
   »Okay, und warum kommsst du zu mir, wenn du mich nicht brauchsst?«
   »Mac Mudi, wir wissen beide, warum du meine erste Wahl bist. Ich mag dich und du bist eine ehrliche Haut.«
   »Verlogener Ssack«, erwiderte Mac Mudi amüsiert. »Ssag einfach, wass du von mir willsst.«
   »Ganz einfach. Du sorgst für die Instandhaltung des Handys, Bert und ich kümmern uns um den Vertrieb. Die Leute hier unten werden danach lechzen, ihre Liebsten anzurufen.«
   Ich dachte an die Zombiemeute vorhin im Arenatreppenhaus.
   »Dafür werden sie uns alles geben, was sie haben.«
   Mac Mudi fummelte mit einem seiner wurstartigen Fingern im Mund herum und schaute nachdenklich an die Decke seines Lofts. Nach ein paar Sekunden senkte er seinen Blick.
   »Wenn die anderen Clanss Wind davon bekommen, dann isst der Teufel loss. Ich bin gesspannt, wie du die Ssache vor denen geheim halten willsst.«
   »Gar nicht«, sagte Paul.
   Mac Mudi runzelte die Stirn.
   »Wie meinsst du dass?«
   »Ganz einfach, wir beteiligen die anderen Clans an unserem Geschäft.«
   »Jetzt hasst du mich aber neugierig gemacht. Erzähl mal.«
   »Klar, ist ganz simpel. Zuerst trommeln wir alle Clanführer zusammen und präsentieren ihnen das Handy als größte Sensation in der Geschichte der Arena. Das dürfte nicht schwer sein, da das Teil genau das ist. Dann schlagen wir vor, jeden Clan in regelmäßigen Abständen mit dem Handy zu besuchen. Gegen die entsprechende Bezahlung kann jeder telefonieren. Die Einnahmen fließen in einen großen Topf, die eine Hälfte geht an den jeweiligen Clanführer, die andere sackst du dir ein. Na, was sagst du?«
   Der fette Arenapate kratzte sich am Kinn, schnappte sich ein Hackbällchen und verspeiste es genüsslich.
   »So weit, so gut«, sagte er schmatzend, »Und wass isst mit euch? Was verlangt ihr von meiner Hälfte?«
   »Nichts«, antwortete Paul wie aus der Pistole geschossen.
   Mac Mudi schien zu Stein zu erstarren, aber nur einen Augenblick, dann funkelten seine Augen gierig. »Hört sich gut an. Aber dass du ehrenamtlich arbeitesst, kannst du deinem Frisör erzählen. Alsso, wass verlangsst du??«
   »Nicht viel. Du gewährst uns unbegrenzten Zugang zu deinen Lagern in der Arena für mich und meinen Partner Bert. Kleidung, Nahrung, Zigaretten, Spirituosen und alles, was wir für unseren persönlichen Gebrauch benötigen. Das ist alles.«
   Flatratesaufen. Paul war ein Genie. Am liebsten hätte ich dem dünnen Kerlchen einen dicken Schmatzer auf seine verpickelte Stirn verpasst.
   Mac Mudis Antwort auf das Angebot war Schweigen. Er saß, beziehungsweise lag wie Strandgut regungslos auf seiner Matratze und starrte in die Leere. Als ich glaubte, dass sein überbelastetes Herz stehen geblieben war, schnippte er mit seinen Wurstfingern. Es dauerte nur wenige Sekunden, dann erschien aus dem Nichts eine junge Frau, vom Aussehen her nicht älter als zwanzig, was natürlich in Anbetracht der metaphysischen Realitäten keine Rolle spielte. Als ich sah, was sie in den Händen hielt, vollführte mein Herz einen Luftsprung. In ihren Händen balancierte die Frau ein silbernes Tablett, auf dem sich eine Flasche mit einer Flüssigkeit befand, die ich mit Kennerblick als Wodka identifizierte. Neben der Flasche standen drei Schnapsgläser auf der Servierplatte, eines trug den markanten Schriftzug Jägermeister, auf dem anderen erkannte ich den Aufdruck Klarer mit Speck, das dritte Pinnchen war mit kyrillischen Schriftzeichen bedruckt. Zumindest tippte ich auf kyrillisch, denn sie sahen denen ähnlich, die Toner-Juri in seine Kreuzworträtsel kritzelte. Zusätzlich befanden sich drei Untertassen auf dem Tablett, einfaches weißes Porzellan, das mich an Betriebskantinen erinnerte. Der Anblick des klaren Alkohols ließ meine Geschmacksknospen erblühen. Ich spürte schon, wie der Wodka auf meiner Zunge brannte, eine Brandspur in meiner Kehle hinterließ und in meinem Magen ein infernalisches Höllenfeuer auslöste.
   Die Frau trug das Tablett mit leichtem Zittern bis an den Rand des Flickenteppichs. Entweder war sie nicht besonders geübt im Servieren oder sie hatte Angst vor der grauen Eminenz der Arena. Kein Wunder, wenn einem bei etwaigem Fehlverhalten ein Ende als Bulette drohte. Allerdings war mir das in diesem Moment egal, meine Aufmerksamkeit galt einzig und allein dem flüssigen Schatz auf dem Silbertablett.
   »Bessiegeln wir unsser Geschäft«, sagte Mac Mudi feierlich und bedeutete der Frau, das Tablett auf dem Boden abzustellen. Sie befolgte die Anweisung und verschwand wieder. »Lassst unss trinken …«
   Yippieh! Innerlich ballte ich die Faust.
   »Und speissen«, fuhr er fort.
   Was? Ich war entsetzt. Speisen? Mein Blick fiel reflexartig auf die Schüssel mit den widerlichen Fleischbällchen.
   »Bitte Paul, würdesst du unss sservieren?«
   Paul ging auf die Knie. Er nahm die Flasche, öffnete sie und goss die drei Gläser randvoll mit Wodka. Dann nahm er die Untertassen, griff zu meinem Entsetzen in die Porzellanterrine, fischte eine Frikadelle heraus und legte sie auf einen der Teller. Er wiederholte den Vorgang, platzierte einen Fleischklops auf dem zweiten Teller, dann griff er zum dritten Mal in den Topf.
   »Ähm, für mich nicht«, sagte ich und versuchte, zu lächeln.
   Mac Mudi bedachte mich mit einem scharfen Blick. Paul hielt inne, sah auf und schüttelte kaum sichtbar mit dem Kopf.
   »Willsst du mich beleidigen?«
   »Nein, aber …«
   »Kein Aber. Du isst, oder ess gibt kein Geschäft.« Sein Ton war unmissverständlich.
   »Jetzt komm schon«, sagte Paul. »Sind doch nur Frikadellen.«
   »Nee danke. Hab Sodbrennen.« Zum zweiten Mal an diesem Tag log ich.
   »Ein Bisssen.« Das war keine Bitte, sondern ein Befehl.
   Paul legte die Bulette auf den dritten Teller. Einen Teller reichte er Mac Mudi, einen hielt er mir entgegen, ich nahm ihn nach kurzem Zögern, den letzten behielt er für sich.
   »Auf eine erfolgreiche Zussammenarbeit«, sagte Mac Mudi und biss herzhaft in seinen Klops. Schaudernd beobachtete ich Paul, der es dem Händler gleichtat. Ich ahnte, was folgen würde. Beide sahen mich erwartungsvoll kauend an.
   Verzweifelt überlegte ich, wie ich dieser Szenerie entfliehen könnte. Was sollte ich machen? Offensichtlich war es ein Ritual, einen Vertrag mit Speis und Trank zu beschließen. Wenn ich das Ekelfleisch nicht essen würde, wäre nicht nur der Handydeal nichtig, sondern ich hätte den mächtigsten Mann der Arena gegen mich aufgebracht. Vorsichtig zog ich den Unterteller zu mir heran. Langsam bewegte ich meine Nase nach vorn. Aus der Nähe betrachtet sah der Klops genau wie die Frikadellen aus, die meine Mutter mir früher immer gebraten hatte. Zwiebelduft stieg mir in die Nase, dazu gesellte sich das Aroma von gebratenem Knoblauch. Wenigstens etwas. Einmal sollten angeblich Überlebende einer chilenischen Rugbymannschaft nach einem Flugabsturz in den Anden ihre Toten aufgefuttert haben. Die hatten bestimmt keine Zwiebeln und kein Knoblauch. Vielleicht Salz und Pfeffer aus der Bordküche.
   »Gibt’s Ketchup?«, fragte ich.
   Ich bekam keine Antwort. Allmählich wurden die Blicke von Mac Mudi und Paul immer ungeduldiger. Schließlich schloss ich die Augen, neigte meinen Kopf nach vorn und öffnete den Mund. Ich kam vor wie im Dschungelcamp bei RTL, nur dass ich keine Krokodilpimmel oder Straußenhoden essen musste. Als ich mit den Lippen an die Menschenbulette stieß und das würzige Fett schmeckte, seufzte ich hilflos, betete innerlich um Vergebung und biss ein winziges Stück von der Frikadelle ab. Angeekelt kaute ich das Fleisch und war mir sicher, dass meine Lippen in kürzester Zeit von blumenkohlförmigen Herpesbläschen bevölkert sein würden.
   Mac Mudi nickte zufrieden. »Jetzt wollen wir unssere Allianz begießßen.«
   Während Paul die gefüllten Schnapsgläser vom Silbertablett nahm, verwandelte sich das Fleisch in meinem Mund in eine sämige Masse, die ich mit Spucke in einen flüssigen Brei verwandelte. Mein Aknekumpel bediente Mac Mudi mit einem der Schnäpse, gab mir ein Glas und hob seines zum Prost.
   »Einen Moment.« Ich verzog das Gesicht zu einer Grimasse, schloss die Augen und würgte die Fleischmasse hinunter. Nun war ich nicht nur tot, sondern auch ein Kannibale.
   »Prost«, sagte ich und kippte meinen Wodka in einem Zug hinab. Meine neuen Partner taten es mir gleich. Unser Abkommen war beschlossen. Wir tranken einen weiteren Schnaps, während Paul und Mac Mudi ihre Frikadellen aufaßen. Offensichtlich reichte mein Beitrag zu dem Ritual, denn niemand monierte, dass ich meine Bulette verschmähte. Nach dem fünften oder sechsten Wodka sah mich Mac Mudi an. »Schmegt Kagge, wa?« fragte er, bemerkenswerterweise ohne zu lispeln, dafür mit einem leichten Lallen.
   »Hä? Was meinse?«
   »Die Fleichklöpfe, äh Fleischklöpse.«
   »Ähm, ja«, sagte ich reserviert.
   »Tut mir leid, aber wir hatten nix anderes da. Der Typ, der letztens hier unten angekommen ist, hatte ’ne ganze Tasche von dem Zeuchs dabei.«
   Mir war schleierhaft, was Mac Mudi meinte. »Versteh kein Wort.«
   »Na, dat Futo?«
   »Wat?«
   »Tufu, nee, Tufo heißt et. Der Mist, aus dem die Frikadellen sind.«
   Ich sah Mac Mudi an, als hätte er soeben serbokroatisch mit mir gesprochen. »Die Buletten warn aus Tofu?«
   »Klar, tut mir leid.«
   Ich verzichtete auf weitere Kommentare zu Mac Mudis Essgewohnheiten und genoss das Gefühl der Erleichterung. Der Wodka tat sein Übriges und in einem Moment des überschwappenden Hochgefühls war ich drauf und dran, nach einer weiteren Frikadelle zu greifen. Ich verkniff es mir und fokussierte meine Aufmerksamkeit auf die Wodkaflasche, die sich zu meinem Unbehagen wie im Zeitraffer leerte. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als Mac Mudi mit dem Finger schnippte und das junge Mädchen mit einer weiteren Flasche Wodka aus dem Nichts erschien. Wir soffen eine Flasche nach der anderen leer, bis mir schwarz vor Augen wurde und die Säufernacht über mich hereinbrach.