Dem arbeitslosen Josef bewilligt seine Gesundheitskasse einen Reha-Aufenthalt mit allen medizinisch notwendigen und sinnvollen Therapien. Ahnungslos unterschreibt er die Aufnahmevereinbarung in der Splenklinik, einem privaten Zentrum für Naturheilverfahren. Der Klinikeigner, Herr Trix-Hinterthür aber lässt nur skurrile Splentherapien von instrumentalisierten Ärzten an skurrile Patienten verkaufen. Dem schüchternen Josef öffnen sich bald die Herzen alter Damen, aber auch das der Barfrau Maria und der zierlichen, um Zuwendung kämpfenden, Frau Antwerpen. Auch der stets alkoholisierte, asiatische Kriegsminister, der durch Knopfdruck Atombomben zünden kann, zählt bald zu seinen Freunden. In einer fast unwirklich erscheinenden Welt, zwischen Therapien und Manipulation, zwischen Gerüchten und Gefühlen ereignen sich Todesfälle, die Josef und Maria in einen Strudel polizeilicher und journalistischer Verdächtigungen ziehen. Das tägliche Geschehen verarbeitet Josef in allnächtlichen Träumen und verquickt es mit seinen Erinnerungen, die Zugang zu seinem Wesen schaffen. Der Autor indes begleitet ihn mit ironischer Sympathie, das Umfeld aber mit böser Zunge, wobei humorvolle Szenen und eine meist unausgesprochene Erotik, den Roman durchziehen.

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ISBN: 978-9963-53-681-8

Seiten: 185

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Rolf Kamradek

Rolf Kamradek
Rolf Kamradek, promovierter Arzt für Allgemeinmedizin, Sportmedizin und Naturheilverfahren, hat erkannt: „Die Menschen sind komisch“. Der in Schleswig Lebende hatte reichlich Gelegenheit, sie zu beobachten. Geboren im Sudetenland, aufgewachsen in Bayern und Schwaben, als Student in Kiel und Marburg, als Mediziner im Allgäu, in Schleswig-Holstein, im Schwarzwald und im Saarland sowie auf zahlreichen Reisen. In seinen Erzählungen legt er das Skurrile in ihnen bloß und begleitet liebenswerte Neurotiker mit Sympathie. Ganz anders in „Die German Angst“. In dem Thriller setzt er sich, zusammen mit seinem Coautor Helmut Fuchs, mit berechtigten und irrationalen Ängsten der Menschen auseinander. Bei seiner siebenjährigen Tätigkeit an einer Naturheilklinik lernte er sie ebenso kennen wie übersteigerte Hoffnungen in die Heilkräfte der Natur sowie deren Instrumentalisierung. • Mitbegründer der überregionalen Autorengruppe CoLibri • 1960 Scheffelpreis Veröffentlichungen: Die Sau im Kirschbaum und andere schwäbische Lausbubengeschichten 1996, 149 Seiten, Theiss-Verlag, Stuttgart, ISBN 3-8062-1200-7 Spätzleduft und Nordseeluft, Neue schwäbische Lausbubengeschichten zwischen Nachkriegszeit und Wirtschaftswunder. Mit drei Zeichnungen von Otto Benoni, 2005, 132 Seiten, Husum Verlag, Husum, ISBN 3-89876-206-8. Pharisäer – unterwegs in komischen Welten. Reiseerzählungen um skurrile Typen. Juni 2012, 179 Seiten, Mohland Verlag, ISBN 978-3-86675-176-7 Erzählungen in Anthologien: Fundstücke - Jubiläumsausgabe Nordbuch 2007: Juana, eine Erzählung aus Bolivien ISBN 978-3-8334-8276-0 Fundstücke – Gesichter der Natur, Nordbuch 2008: Das tote Reh oder Grausamkeit, eine Lausbubengeschichte ISBN 8-783-8370-0681-0 Leben in der Stadt, Anthologie zum „Literaturpreis des Bezirks Schwaben 2008: Von einem der auszog das Schaffen zu lernen. Schwäbisches Schaffen ist nicht einfach Arbeiten Wißner Verlag Augsburg, ISBN 978-3-89639-676-1. Wenn die Biiken brennen: Die Knocheninsel, fantastische Erzählung 2009, Verlag 71, ISBN 978-3-928905-76-3 Fundstücke – Mauern und Grenzen Nordbuch 2009, Das Selbstportrait. Ein skurriler Alter erzählt deutsch-dänische Grenzlandgeschichte, ISBN 0 783 839 12 4352 CoLibretto – lest doch was ihr wollt, Anthologie der Autorengruppe CoLibri: Die Annonce und Der Pümpel Zwei Erzählungen um einen liebenswerten Neurotiker. Mosaik aus Miniaturen, Lebenssplitter in Einzelschicksalen seit 19452009. ISBN 9 783839 127773 Weihnachtsgeschichten für Erwachsene III, Mohland Verlag, 2009: Der Weihnachtsbaum oder Kavaliere und Der Sixshooter oder die Verunsicherung, ISBN 978-3-86673-103-3 Zeitschrift "Schleswig Kultur": (Meist satirische oder humorvolle) Lyrik, regelmäßig  in den beiden jährlichen Ausgaben 1 und 2:  2006, 07, 08, 09, 10, 11, 12 Als Herausgeber: Geschichten aus dem alten Prag von Hans Kamradek mit 45 Illustrationen von Otto Benoni,  Freiburger Echo Verlag 2000, ISBN 3-86028-718-4 Der Idiot von Landskron, deutsch-böhmische Kleinstadtgeschichten von Josef Benoni, neu bearbeitet von Rolf Kamradek, BOD 2001, ISBN 3-8311-2393-4 CoLibretto, Lest doch was ihr wollt, Anthologie der Autorengruppe CoLibri, BOD 2009, ISBN 9 783839 127773

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Josef

Das erste Mal traf ich Josef, als ich eine Wanderung auf dem Rennsteig wegen schlechten Wetters abbrach. Sein drahtiger Freund Heinz hatte den kleinen und korpulenten Mann, dessen Rücken sich unter einem riesigen Rucksack krümmte, bei strömendem Regen, auf aufgeweichten Pfaden hinter sich hertappen lassen. Dabei ignorierte er die fast flehenden Bitten des Kleinen um eine Pause, ja ich glaube, mich der Worte des Drahtigen zu erinnern. »Das hat man nun davon, wenn man mit so einem …«, wobei ich allerdings nicht mehr hören konnte, mit was für einem er losmarschiert war.
   Das zweite Mal traf ich Josef überraschend auf einer Party bei Direktor Achterkamp. Der Unternehmer hatte den Buchhalter an dessen freiem Wochenende in sein privates Heim beordert, damit er seine zahlreichen, zum Teil illustren Gäste – unter ihnen eine Sekretärin aus Josefs Büro – bediene. Als Achterkamp, zugegeben in Weinlaune, aber dennoch eindeutig sexistischer Weise, die immerhin von ihm abhängige und sich deshalb nur leicht wehrende Sekretärin auf seinen Schoß zog, stieß er mit dem Ellenbogen die Silberschale des servierenden Josef so, dass deren Inhalt – Fischhappen und Krabbensalat in Mayonnaise – auf den Boden klatschte. Achterkamp, aus irgendeinem Grunde erregt, schrie nun den wie erstarrt dastehenden Josef barsch an und fragte ihn, wann er »seine Schweinerei« endlich beseitigen wolle, wobei er noch den ärgerlichen Ausruf hinzufügte »Sie sind doch ein …«, wobei ich auch diesmal nicht genau verstehen konnte, wer oder was Josef sei. Der kleine Mann, eine Entschuldigung murmelnd, ließ sich daraufhin sofort auf die Knie nieder und sammelte, seinen Rücken tief gebeugt, und unter dem gutmütigen, teils aber auch angeekelten Gelächter der Umstehenden – auch dem der Sekretärin – die Fischhäppchen auf, strich den Krabbensalat mit der Hand zusammen, patschte ihn auf das Tablett und wischte zuletzt den Teppichboden mit seinem kleinen weißen Taschentuch nach Möglichkeit sauber. Danach richtete er sich mühsam auf und hielt den Gästen die Silberschale mit klebrigen Händen hilflos entgegen.
   »Ja sollen wir Ihren Schweinkram« – tatsächlich waren es ja Meeresfrüchte – »jetzt etwa essen?«, fuhr ihn Achterkamp an. »Und waschen Sie sich gefälligst Ihre Hände«, rief er kopfschüttelnd dem sich nun hastig Entfernenden, ich würde fast sagen Fliehenden, nach.
   Natürlich bieten die zwei Begegnungen zu wenig Fakten, um Josef wirklich kennenzulernen, aber immerhin sind sie ein Ansatz, uns ihm zu nähern und wir möchten annehmen, dass solche und ähnliche Belastungen seines Rückens das Leiden verursachten, das zu krankheitsbedingten Fehlzeiten und letztendlich zu seiner Entlassung und Arbeitslosigkeit führte. Es ermöglichte auch die Rehabilitationsmaßnahme, zu der wir ihn einundzwanzig Tage lang begleiten wollten, woraus allerdings nur vierzehn Tage wurden.

1. Tag
1,1 Ambiente

»Der Arzt«, sagt Heinz, »ist ein Idiot. Der will dich doch nur in die Psychoschublade stecken, wie Ärzte das so tun, wenn sie ihr Cortison
   verspritzt haben. Rückenschmerzen! Pah!«
   Josef leidet daran, seit er arbeitslos ist.
   »Rückenschmerzen sind rein statisch bedingt, das sollte auch ein Arzt wissen. Da hilft nur eines. Wechseln.« Heinz ist da eiskalt, fährt mit dem Zeigefinger über seine Kehle. »Einfach den Kerl wechseln!« Noch einmal der Kehlenschnitt, und diesmal sägt der Finger sogar.
   Der neue Arzt, von Heinz empfohlen, schüttelt beim Anhören von Josefs Vorgeschichte nur erschüttert den Kopf. Unbürokratisch und ohne eine erneute, eh nur verzögernde Untersuchung, befürwortet er die von Heinz empfohlene Reha-Maßnahme in der von Heinz ausgesuchten Naturheilklinik, wo man – Heinz hat den Prospekt gelesen – Josef nicht gleich wieder bis zum Hals mit Medikamenten vollpumpen oder sogar abspritzen werde.

Nach geplatztem Zuganschluss, klebrigen Toiletten, nach Überklettern junger Rucksacktouristen in unsauberen Gängen und einer Rumpelfahrt durch ein finsteres Tal mit schwarzen Tunneln, nach verzweifelten Telefonaten mit der Klinik, in denen er sich versichern ließ, dass man ihn, den Verspäteten, noch abholen werde, nach einer ganz normalen Bahnfahrt also, fühlt sich Josef müde und schmutzig, als der Zug endlich in einem Bergdorf neben einem Sägewerk endet. Ein kleiner Mann hält eine Tafel mit seinem Namen hoch, ergreift seinen Koffer und führt den sich mühsam Schleppenden zu einem Kleinbus, auf dessen Seite in großen Buchstaben das Wort Splenklinik prangt. Die Plätze sind fast alle von älteren Herrschaften belegt, die auch die Ablagen für das Handgepäck mit ihren Kleidungsstücken vollgestopft haben. Vor einer jüngeren Dame, deren makelloses, von dunklem und scharf geschnittenem Haar gerahmtes Gesicht ihm trotz seiner Erschöpfung auffällt, lässt Josef sich in einen freien Sitz fallen, stellt seine Tasche auf den Schoß, die Rückenlehne zurück, nicht ohne die Dame müde zu fragen, ob es ihr nicht zu eng werde.
   »Aber überhaupt nicht«, beruhigt sie ihn. »Ich sitze gern so – die Beine breit.«
   Im Halbschlaf vernimmt er, dass er sich unter Patienten der Splenklinik befindet, die heute einen Ausflug in die Berge und auf ihrem Rückweg einen ungeplanten Umweg zum Bahnhof machten, um ihn, den verspäteten Neuen, abzuholen.
   Als der Bus hält, blinzelt Josef in die große Glasfassade und kneift die Augen vor der sich in ihr spiegelnden Sonne, die soeben die dichte Wolkendecke gesprengt hat, zusammen. Steif steigt er als Letzter aus, entziffert, den Kopf im Nacken und die Hand gegen die Blendung haltend, den großen goldenen Schriftzug »Mehr Sein als Schein«, der über der mächtigen Drehtür des »Europäischen Zentrums für Splenologie« prangt, die sich ihm lautlos öffnet. Teppichgedämpft durchschreitet er eine Galerie glitzernder Vitrinen, auf deren Inhalt – Toilettenartikel, Seniorenschmuck und silberbehangene Trachtengewänder – er nur einen gelangweilten Blick wirft, selbst den schicken Hahnenfederhut scheint er zu ignorieren, so dem Koffer tragenden Hausdiener zeigend, dass er sich in gewohntem Ambiente befindet. Die dezente Erkennungsmelodie einer TV-Klinikserie, die aus der Holzdecke mit den messinggefassten Deckenleuchten dringt, weckt in ihm das stolze Gefühl, sich endlich an dem seinem Leiden angemessenen Ort zu befinden, einem Ort, auf den er Anspruch hat, und den seine Gesundheitskasse bezahlt. Erstmals lassen die Rückenschmerzen nach.
   Die bunt gedirndelte Splendame am Empfang begrüßt ihn freudig und händigt ihm neben Hauszeitschrift und Veranstaltungskalender seine Plastik-Splenkarte mit dem Namen des ihm individuell zugeteilten Splenarztes aus. Diese, so sagt sie, ersetze auch den Schlüssel zu seinem Appartement, auf dem er übrigens eine kostbare, doch kostenlose Flasche »Splens Gesundheitswasser« als Aufmerksamkeit des Hauses vorfinden werde. Und nachmittags dürfe man ihn doch sicher zur »Fröhlichen Teestunde« zu einer Tasse »Splens Gesundheitstee« – umsonst selbstverständlich und nach freier Wahl – erwarten. Auch die täglichen Vorträge der Splenärzte seien eintrittsfrei, wie auch der Auftritt des Zauberers am Samstagabend. Leider – einen Moment wirkt die Dame bekümmert – müssten die »Sieben Splenschritte« käuflich erworben werden, er verstehe sicher – die Druckkosten. Sie zeigt auf einen gleißenden Chromständer, gefüllt mit glänzenden Büchern.
   Über diese beugt sich eine alte Dame so, dass sich die durchsichtige weiße Bluse über ihrem gewölbten Rücken spannt. Auf ihr erinnern gleichmäßig verteilte, rotbraune Flecken an geronnenes Blut.
   Alle Buchtitel, so kann Josef erkennen, der sich mal links mal rechts an der alten Dame vorbeibeugt, alle Buchtitel beginnen mit den Worten »Die Sieben Splenschritte gegen …«. Sie stehen unter Fotos fröhlicher, junger Menschen, die eben diese Schritte ganz offensichtlich lustbetont und auf Hochglanzpapier ausführen. In der obersten Reihe etwa wandern sie mit Rucksack gegen Darm- und Frauenleiden, hüpfen darunter fröhlich entspannt über eine Almwiese, und das trotz Rheuma, Arthrose und Störungen der Durchblutung, reißen auf dem nächsten Buchcover lachend die Münder auf, so den Bronchialleiden was hustend; hierunter wieder, lassen sie, dynamisch ein Knie hebend, Nieren- und Harnwege wieder lustig laufen – dies natürlich nicht abgebildet – und versichern gleich daneben, dass man Allergien, Krebs und Haarausfall jetzt umgehen könne. Auch das chronische Pankreas sei sieben Mal einschreitend in den Griff zu bekommen, und ein schlankes Mädchen misst seinen Bauchumfang und zeigt, wie man Problemzonen umwandelt. Schließlich, besonders hervorgehoben, kann man mit ebenfalls nur sieben Splenschritten gegen Umweltschäden, Depressionen und Immunschwäche vorgehen, ja sich gleichzeitig das Rauchen schrittweise abgewöhnen. Kurz, es gibt kaum eine Krankheit, die man nicht angehen könnte, auch wenn Josef noch immer nicht weiß, welchen der Wege er gegen seine speziellen Rückenprobleme einschlagen muss.
   So kauft er sowohl die gegen Arthrose als auch die gegen Rheuma, hätte gern auch die gegen Depressionen erstanden, erwirbt stattdessen, auf Rat der dirndeligen Splendame, das »besonders gut gelungene Werk gegen Immunschwäche, das gern genommen wird«. Leider muss der Nichtraucher Josef auch die darin enthaltene Raucherentwöhnung mitkaufen – insgesamt drei Bücher, eine erhebliche und nicht einkalkulierte Ausgabe, die er jedoch tragen will, da ja seine Gesundheitskasse, die zu entlasten Josef grundsätzlich bereit ist, alles Übrige übernehmen wird – die Ausführung der Splenschritte sozusagen. Im Übrigen zeigt ja auch die Splenklinik mit der kostenfreien Begrüßungsflasche ihre Großzügigkeit.
   Schade, dass es nichts Spezielles für den Rücken gibt, denkt Josef. Doch da tut er der Splenklinik unrecht, denn schon bei seinem ersten Rundgang – nur kurz hat er sich in seinem Appartement erholt – blickt er ins »Splen-Erlebnis-Bad« und da sieht er Rücken über Rücken, nackte natürlich, meist alt und faltig, alle übersät von unzähligen Insektenstichen, wie Josef zunächst glaubt. Teils sind diese zartrosa und klein, manchmal geradezu geometrisch angeordnet, andere fließen handtellergroß als flammend rote Quaddeln willkürlich ineinander, lassen so den gesamten Rücken als entzündlich verquollenes Stück Fleisch erscheinen, an welchem Josef zwar keine Falten mehr, aber auch kein Stückchen normale Haut erkennen kann. Nein, Rücken werden nicht vernachlässigt, und auch Josefs beginnt wieder zu schmerzen.
   Leicht schaudernd beobachtet er einen alten Herrn, der seinen weißen Bademantel so auf eine Marmorbank wirft, dass man die frischen Bluttupfer auf dessen Innenseite erkennen kann, die genau dem Quaddelmuster auf seinem Rücken entsprechen.
   Er komme gerade von der Splen-Organtherapie, ruft der alte Herr einer dürren alten Dame zu, deren Rücken eine Girlande und deren Unterarm ein riesiger Bluterguss ziert, die im gelben Bikini im Wasser steht, auf welchem ihre, trotz der Hals- und Gesichtsfalten, noch vollen Brüste zu schwimmen scheinen.
   Der Herr erklärt laut, dass das Blut auf seinem Rücken schon fast trocken sei.
   Dann könne er ja ruhig schon ins Wasser kommen, ermuntert ihn die Dame, und das tut er.

1,2 Die Fröhliche Teestunde

Die »Fröhliche Teestunde« teilt Josef mit einigen wenigen älteren Herren in beigen Anzügen und zahlreichen alten Damen.
   »Oh, der Neue!« Die Dame mit dem Unterarmhämatom, deren dünne Beine jetzt in hautengen Wollhosen, sogenannten Leggins stecken, nimmt ihn beim Arm. »So jung und schon hier«, bedauert sie ihn und empfiehlt Splens Harntee, ihr habe er immer gutgetan – und eine Tasse sei ja umsonst.
   Josef nimmt Splens Harntee, woraus die alte Dame folgert, er sei inkontinent, und als er das entschieden zurückweist, blickt sie ihn nur an, und Josef, obwohl völlig unschuldig, fühlt sich durchschaut.
   Er brauche sich deshalb doch nicht zu schämen, mischt sich die Dame vom Bücherstand ins Gespräch, die mit der blutbefleckten Bluse, in keinster Weise, denn dieses Leiden sei weiter verbreitet, als aus Scham zugegeben werde, und sie erkundigt sich, welchem Splenarzt Josef denn zugeteilt sei, und als er seine Splenkarte in seiner Jacketttasche gefunden, sie gegen das Licht gehalten und mühsam, denn er ist weitsichtig, »Dr. Butt« buchstabiert hat, sagt sie nur bedauernd »oje«.
   Als sie Josefs ernstliche Beunruhigung gewahrt, erklärt sie, dass dieser Mediziner ihren hohen Blutdruck partout mit Medikamenten habe behandeln wollen. »Stellen Sie sich vor, mit reiner Chemie!« Natürlich habe sie sich sofort einen Termin beim Chefarzt geben lassen.
   »Das nutzt überhaupt nichts«, unterbricht die Dame mit dem Bluterguss. »Der ist ja auch nur Arzt. Da müssen Sie schon zu Herrn Trix-Hinterthür selbst gehen, dann kriegt der liebe Doc eine auf den Deckel – und Sie bekommen einen neuen Therapeuten.«
   Josef erfährt, dass Herr Trix-Hinterthür Klinikeigner und zugleich Geschäftsführer ist, nein, kein Arzt, einfach nur ein Mensch, der durchgreift, und dass dieser Dr. Butt den Darmpilz der Dame nicht ernst genommen habe, nur weil er ihn in ihrem Stuhl nicht habe nachweisen können. »Liest der Mann denn keine Zeitung?« Der neue Arzt, Dr. Strunz, habe jedenfalls den Pilz sofort behandelt, da auf Laborwerte ohnehin kein Verlass sei. Sie sei übrigens das fünfte Mal hier und wechsle den Doc jedes Mal, schon um sich eine second opinion einzuholen.
   Josef fragt vorsichtig, welcher Arzt denn Rückenspezialist sei.
   »Ach, Sie sind rückenleidend?«, ruft die Dame. »Das erklärt Ihre Inkontinenz!«, und sie empfiehlt auch hier ihren Dr. Strunz, der habe bei ihr – auch ihre Wirbelsäule sei gonarthrotisch – sofort eine Blutwäsche angeordnet, und sie zeigt auf ihren blaugelben Unterarm. Sie werde gleich veranlassen, dass auch Josef zu Dr. Strunz wechseln könne. Er brauche sich um überhaupt nichts kümmern, sie werde es für ihn regeln. Sie habe nämlich gute Connections zur Splendame am Empfang.
   In diesem Augenblick sieht Josef im Spiegel einer kantigen Säule die sich öffnende Tür des Aufzuges. Zwei junge, bullige Athleten, die Gesichter tief gebräunt, treten heraus, eine Hand im Revers des zu engen Anzugs, sie wittern nach beiden Seiten, nicken, und jetzt erst verlässt ein kleiner, untersetzter Herr die Kabine, dessen weiches, dunkles und volllippiges Gesicht Josef, nun da er den Kopf gewandt hat, genau betrachten kann.
   »Der Herr Kriegsminister«, flüstert die Blutgefleckte und nickt bedeutungsvoll.
   »Er hat das alleinige Entscheidungsrecht …«, erklärt die Dame mit dem Bluterguss mit ebenfalls gedämpfter Stimme. »… über den Einsatz von Atomwaffen.«
   »Stellen Sie sich vor. Nur ein Knopfdruck …«
   Der Mann tritt an die dunkle Eichenholzbar, die rothaarige Splenbardame – auch sie trägt ein Dirndl – holt ihm unverlangt eine volle Flasche Whiskey, nicht etwa aus dem glitzernden Regal mit den Splenwässern, -säften und -tees, sondern unter dem Tresen hervor, und der Herr Kriegsminister reicht sie einem seiner Gorillas, damit er sie öffne und koste, bevor er selbst, das vorgesetzte Glas ignorierend, einen tiefen Zug aus ihr tut, um dann, mit dem Rücken zur Teegesellschaft, in einem orangegold gepolsterten Sessel zu verschwinden. Von ihm ist, wie die Damen und Herren mit gedrehtem Hals erkennen, nur die angefangene Flasche auf dem Beistelltischchen zu sehen.
   »Die wird noch leer«, sagt die Blutbefleckte und nippt an ihrem Gesundheitstee.
   »The same procedure as every day«, ergänzt die Dame mit dem Bluterguss.
   »Gott«, sagt Josef, »verträgt er das denn – und seine Leber …?«
   Wegen der komme der Herr Minister ja extra von Asien bis ganz hierher, erfährt er. »Eigens zur Blutwäsche.«
   »Ich denke, Blutwäsche ist für den Rücken?«, wagt Josef zu fragen.
   Da sprechen alle Damen gleichzeitig auf ihn ein, und so erfährt er, dass eine SplenOzon-Blutwäsche für alle Krankheiten gut sei, grundsätzlich, denn sie optimiere – eine Voraussetzung für jeglichen Heilvorgang – die Durchblutung. Und das tue sie natürlich in allen Organen, im Rücken, ebenso wie in der Leber.
   »Aber der Bluterguss …«, wendet Josef ein und zeigt auf den Unterarm der Dame.
   Doch diese klärt ihn auf, dass man solche infusionstypischen Kollateralschäden in der Splenklinik sogar gern sähe, denn sie stärkten das Immunsystem, genau wie etwa Eigenblutinjektionen oder das Schröpfen.
   »Ich könnte Blutwäsche nehmen«, stößt Josef nach kurzem Ringen mit sich hervor. »Meine Kasse zahlt ja.«
   Da wundern sich die Damen alle gewaltig, denn ihnen enthielten ihre Kassen die moderne Medizin bislang vor, und so seien sie privat hier, obgleich sie doch ein Leben lang Beiträge geleistet hätten, und die Dame mit dem Bluterguss musste deshalb sogar ihre Insurance opfern – ihre Lebensversicherung. Selbst ihre behandelnden Professoren, allesamt Spezialisten, die sie gegen die Kasse voll unterstützten, wären da machtlos.
   Josef berichtet nun von seinem Freund Heinz, und dass man nur den Arzt wechseln müsse – fast hätte er den Kehlschnitt angedeutet – um eine Rehabilitationsmaßnahme zu bekommen, und er schreibt der Dame mit dem Bluterguss die Adresse seines neuen Allgemeinarztes auf einen Prospekt der Splenklinik.
   Die Whiskeyflasche ist jetzt bis auf einen fingerbreiten Rest geleert und aus dem Sessel des Herrn Kriegsministers kräuselt Zigarrenrauch.

1,3 Das Abendessen

Nein, der Tisch missfällt ihm. Nicht etwa, weil er ihn mit beiden blutgezeichneten Damen teilen muss – übers Eck haben sie Platz genommen – und schon gar nicht, weil auch die so makellose junge Frau aus dem Bus – auf vierzig schätzt er sie, und sicher ist sie die Jüngste im Haus – sich neben ihm niederließ, zerbrechlich, hübsch und stärker parfümiert, nein, deshalb nicht. Er beklagt vielmehr, und das halblaut, dass er, statt ein erhofftes, prachtvolles Bergpanorama zu genießen, direkt, und ohne ein menschliches Gegenüber, auf eine sich ständig öffnende Toilettentür blicken muss, durch die er, während des nun folgenden Essens, vor allerdings geschmackvoll gefliester Wand, immer wieder Männer gewahren wird, die mit letzten ordnenden Griffen ihre Beinkleidung schließen. Vom eigentlichen Speisesaal kann er jedoch, bei heftiger Kopfdrehung nach links, die anheimelnden Holznischen und Balkendecken erkennen, die ihn, da abgebildet im Splen-Hausprospekt, vor Antritt der Kur, so besonders angesprochen hatten.
   Die Dame mit dem Unterarmhämatom, auf Josefs halblaute Kritik eingehend, lobt jedoch den Tisch. Er sei, sagt sie, günstig bezüglich Aussicht und Preis, denn, so erklärt sie dem verständnislos dreinblickenden Josef, bestens könne man hier, und das gleich dreimal täglich, sowohl den An- wie den Abtritt sämtlicher Patienten erleben, und dies auch noch, dank ihrer Connections zur Splendame am Empfang, ganz kostenlos, und ohne dass man dem Maître einen Schein zustecken müsste, wie etwa für einen Fensterplatz, mit der doch nur immer gleichen Aussicht auf das Gebirge. »Und die stellen Sie sich einmal bei Regen vor!« Und sie verweist noch auf die günstige Nähe der Toilette, nicht unwichtig, bei Josefs Inkontinenz, zu der er sich – er hebt abwehrend die Hände – endlich bekennen solle, denn Krankheit sei keine Schande.
   Die gepflegte junge Nachbarin, er findet ihr Kleid ausgesprochen eng, hauteng könnte man sagen, kräuselt erstmals leicht die Lippen. »Es ist doch alles gehüpft wie gesprungen«, haucht sie.
   Josef studiert nun die Speisekarte, insbesondere die vier Gänge des Splen-Normalmenus beeindrucken ihn, denn er liebt es deftig. Das Programm für Splen-Vollwert- Roh- und Trennkost hingegen überfliegt er nur, während er die Zubereitungen für Vegetarier und Veganer gänzlich übergeht. Die Reduktionskost schließlich, abgestuft von eintausend Kalorien bis hin zur brennwertfreien Fastensuppe – alles nach Dr. Splen – streift er fast scheu und liest erleichtert, dass er Letztere eh nicht einfach so bestellen darf, ebenso wenig wie einige weitere aufgeführte Schon- und Spezialdiäten, da sie nur auf ausdrückliche ärztliche Anordnung gereicht werden. Der Patient möge, so steht es da, getrost mit seinem Splenarzt darüber sprechen, auch dürfe er die Speisekarte mit nach Hause nehmen – als Andenken.
   Josef entscheidet sich, nach längerer Beschäftigung mit dieser, während der die Damen jede eine Handvoll Tabletten vor sich auf den Tisch ordnen – Spurenelemente, Vitamine und Mineralien, aber auch essenzielle Aminosäuren, wie er mit einem Ohr vernimmt – Josef entscheidet sich – wir haben es vorausgesehen – für das ihm herzhafter erscheinende Normalprogramm. Anders als die beiden Blutgezeichneten, die vegetarische Kost ordern, anders auch, als seine zerbrechliche, junge Nachbarin, die, erneut ihre Lippen sanft verziehend, eine reduzierte Vollwertkost bestellt, obwohl, wie sie erneut leise hinzufügt, ohnehin alles gehüpft wie gesprungen sei, was Josef diesmal auf die Kost bezieht. Und tatsächlich erscheinen ihm, dem Ungeschulten, alle die verschiedenen Speisen, als sie endlich von den bunt bedirndelten Splendamen serviert werden, optisch zumindest, fast identisch – alle basieren auf Tofu – wobei allerdings die Beilagen divergieren. Vor allem unterscheiden sich die Gerichte, wichtig für Josef, durch die Größe der Portionen und zweifelsohne ist seine die voluminöseste. Auch empfindet er Tofu zwar nicht gerade wie erhofft herzhaft, doch es mundet durchaus.
   Morgen, sagt die Blutbefleckte, die ihre Pillen einzeln zum Munde führt, werde Josef ja den großen Dr. Splen persönlich erleben – nicht diese jungen Ärzte, die sich sonst allabendlich mit ihren Vorträgen abmühten.
   Die Hämatomdame, die ihre Tabletten alle auf einmal aus der Hohlhand schluckt – full hand sagt sie – wundert sich, als Josef fragend aufblickt, dass er über dieses Ereignis noch gar nicht informiert ist, aber es stürze heute wohl zu viel Neues auf ihn ein. Den großen Dr. Splen werde er also hören, den Klinikgründer mit den Splenideen. Leider sei er schon lange im Ruhestand, aber seine enorme Experience stelle er immer wieder gern zur Verfügung.
   »Ich habe ihn schon dreimal gehört«, sagt die junge Vierzigjährige, wissend die feinen Lippen kräuselnd, aber es sei sowieso gehüpft wie gesprungen. Sie wisse, von was sie spreche, denn auch sie sei Stammpatientin, aber nicht etwa, wie die beiden anderen Damen, durch wiederholte Aufenthalte hier, sondern weil sie schon seit drei Monaten unentwegt in der Klinik lebe und alles sozusagen in- und auswendig kenne. »Es wird mir alles ein bisserl zu viel«, sagt sie leise und lächelt zerbrechlich. »Lieber ziehe ich mich abends früher zurück, das werde ich wohl auch morgen tun.« Es klingt wie entschuldigend und grazil führt sie ihre Gabel zum Mund.
   Herrn Dr. Splen könne man doch nicht oft genug hören, empört sich fast die Blutbefleckte, und die mit dem Hämatom hebt ihre Hände und kann nur den Kopf schütteln. Beide Damen wirken plötzlich eifrig, fast erregt, und Letztere berichtet, wie sie neulich, nichts ahnend, den Lift betreten habe »… und wer stand da? – Der Herr Professor Splen!« Professor Splen also stand höchstpersönlich da, frisch aus der Sauna kommend und in einem weißen Bademantel, und sie macht eine zuziehende Bewegung vor der Brust. »Er hat sich ja wirklich gut gehalten für sein Alter, das muss man schon sagen«, erzählt sie und weiter, wie sie gemeinsam zwei Stockwerke hochfuhren, ganz zwanglos, wobei sie sich blendend unterhielten. »Kein bisschen arrogant, der Herr Professor«, betont sie, »und als ich ihm von meinem Rücken erzählte, empfahl er mir, ganz privat, noch ein zusätzliches Splen-Organserum, das für die Nebennierenrinde.« Mit Daumen und Zeigefinger injiziert sie das Serum in die Luft. »Leider musste ich dann raus …«, sie weist mit der linken Hand in einer fast resignierenden Bewegung in Richtung Toilettentür, deutet mit der rechten zur Decke und seufzt. »… und er musste noch höher hinauf.«