„Der Tod wäre sicher eine Lösung, aber so einfach komme ich nicht davon. Leider. Oder glücklicherweise.”
Für Marie ist die Liebe zu Pius ein großes, unerwartetes Glück. Doch ein schwerer Schlaganfall verändert alles. Marie ist in ihrem Körper eingeschlossen, kann nicht einmal mehr sprechen und muss sich fragen, ob sie ihren Mann und seine Motive wirklich kennt.

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ISBN: 978-9963-52-513-3

Seiten: 218

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Nora Lachmann

Nora Lachmann
Geboren 1957 in Berlin, ummauert aufgewachsen. Ausgeflogen nach Hamburg und in die Toskana. Viel gelernt, erst Psychologie, später Englische und Deutsche Literatur. Zurückgekehrt, zwei Kinder großgezogen und lange als Psychotherapeutin Menschen begleitet. Nach der Jahrtausendwende den Neuanfang gewagt und seitdem als Autorin und Übersetzerin im neuen Beruf heimisch geworden. In der Zeit, die bleibt, auf den Meeren unterwegs.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1. Kapitel

An Liebe dachte ich nicht, als mein Bruder an einem Winterabend zum Essen einlud – er dagegen schon. Der Frühling nahte, ein kaum wahrnehmbarer Duft nach Frische lag in der Luft, ein Kribbeln und Summen, und Richard trat auf wie Amor persönlich, seine Pfeile surrten durchs Telefon.
   »Marie und Pius, sagt dir das nichts? Das ist Schicksal, Fügung. Die Heilige Jungfrau und der Papst. Wenn das nichts wird, dann weiß ich auch nicht mehr.«
   »Vergiss es. Ich brauche keinen Mann und schon gar kein arrangiertes Date.«
   »Komm schon. Wann hast du den Letzten in die Wüste geschickt? Vor zwei Jahren? Höchste Zeit für Frischfleisch.«
   »Du bist eklig. Ich bin doch kein Monster.«
   »Aber allein.«
   Womit er recht hatte, doch es störte mich nicht. Nicht so sehr, kaum. Ganz ehrlich. Ich hatte Freunde, meinen Laden und eine Wohnung für mich allein, konnte die Tür hinter mir schließen und die Welt draußen lassen. Mehr verlangte ich nicht vom Leben. Mein Bruder war anders, er hatte immer mehr gewollt und auch bekommen. Ich hatte mich im Weniger eingerichtet, hatte mich entschieden, mit dem zufrieden zu sein, was es gab, statt dem nachzutrauern, was ich nie mehr haben würde. Die Tür zu allen schmerzhaften Erinnerungen hatte ich geschlossen, den Schlüssel dreimal umgedreht, um ganz sicherzugehen.
   »Ich vermisse nichts, großer Bruder.«
   »Du mich auch, kleine Schwester. Also, was ist jetzt? Freitag um sieben. Pünktlich. Die ganze Truppe ist da und Pius als Betthupferl. Ein Nein als Antwort lass ich nicht gelten.«
   Und damit war es beschlossene Sache. Gegen meinen großen Bruder war ich noch nie angekommen.
   Am Freitag um halb acht drückte ich auf den glänzenden Messingknopf neben dem doppelten, polierten R – R wie Richard und R wie Roth – und dem etwas kleineren, leuchtenden Schriftzug B-Light. Die rauchfarbene Holztür rührte sich nicht, saß starr im Beton eines der postmodernen Stadthäuser, die um die Jahrtausendwende wie glitzerndes Unkraut nicht nur in Berlin aus dem Boden geschossen waren. Findige Architekten hatten das urbane Dorf entdeckt, Viertel ohne Autoverkehr, in denen Kinder barriere- und angstfrei miteinander spielen sollten. Der Kinderboom war jedoch ausgeblieben. Nach einem schier endlosen Streit um die staatliche Finanzierung von Betreuungsangeboten, um Prioritäten in der Bildung und frühe Förderung, hatte sich die Politik anderen Themen zugewandt und dieses Feld der privaten Initiative überlassen. Im freien Spiel der Kräfte hatte die schwächere Seite nachgegeben. Was hätte sie sonst auch tun sollen? Obwohl Wissenschaftler vor gravierenden Folgen warnten, war der scheinbar unausrottbare Kinderwunsch weiblicher Wesen vor allem bei gut ausgebildeten, jungen Frauen versickert wie Wasser in einem trockenen Brunnen. Und nachdem sich der Staub der Entrüstung über den Egoismus auch in den Medien gelegt hatte, machte niemand mehr uns Frauen Vorwürfe – schließlich gab es Wichtigeres in der Welt. Hinter den energieoptimierten Fassaden der neuen Viertel lebten nun in der Regel gut verdienende, kinderlose Paare ihr zwischen Arbeit und Freizeit optimal abgestimmtes Leben, hielten den smaragdgrünen Rasen schön kurz und genossen die optimale Ruhe sowie die hundertfünfzig Quadratmeter Wohnfläche.
   Als Single lebte ich natürlich bescheidener, aber immer noch besser als die Randgruppe der Familien mit suboptimalem Verhältnis von Einkommen zu Personen im Haushalt.
   Richard bewegte sich am oberen Rand des Spektrums. Deshalb diese Wohnung, besser gesagt das Stadthaus mit der Grundfläche eines Wohnzimmers, in einer Reihe mit zehn identisch aussehenden Einheiten vom Edelstahlkamin bis zu den leeren, runden Wasserbecken im Vorgarten. Im Sommer würde in jedem die exakt gleiche Anzahl von Seerosen blühen. Links von mir raschelte es. Sekunden später strich der Suchscheinwerfer der Überwachungskamera über einen Stadtfuchs. Er schien keine Furcht zu haben, starrte mich mit gelben Augen an und trabte dann gemächlich weiter. Das rotgoldene Fell schlug Wellen wie changierende Seide, helles Gold wurde zu dunklem Rot, ehe der Scheinwerfer weiterzog und mich ins Visier nahm.
   »Da bist du ja.« Richard stand strahlend im Türrahmen, die schwarzen Locken ein wenig zerzaust, als wäre er nur kurz mit den Fingern durchgefahren. Warum musste er nur so verdammt gut aussehen? Schon in der Schule war Richard die Sonne, neben der alles andere verblasste. Kann sich jemand vorstellen, wie beschissen es ist, einen hübschen Bruder zu haben? Vor allem, wenn man selbst eher in die Aschenputtelkategorie gehört. Wenn man vermutet und fast immer bestätigt findet, dass andere Mädchen nur aus einem einzigen Grund Nähe suchen: um zufällig einen Blick auf den Saphiraugenbeau zu erhaschen, um nur einen Moment seine Aufmerksamkeit zu erregen. Wenn man sich Abend für Abend nichts sehnlicher wünscht als ein anderes Gesicht. Und einen anderen Busen, einen anderen Bauch, andere Beine. Wenn man mit dem innigen Glauben einer Zwölf-, Dreizehn- und Vierzehnjährigen bittet, Gott möge einen erhören und wenigstens einen der vielen Fehler ausgleichen. Gott hat mich nicht erhört, er hatte sicher anderes zu tun, als sich um die Nöte einer Pubertierenden zu kümmern, die mit ihrem Aussehen unzufrieden war. Für meine anderen Bitten war er allerdings auch taub gewesen.
   Mach, dass Papa gute Laune hat. Mach, dass Papa wiederkommt.
   Schon lange betete ich nicht mehr, aber Richards makelloses Gesicht weckte immer noch den Wunsch nach eigener Schönheit in mir, gefolgt von dem Bedürfnis, die vollkommene Oberfläche wenigstens durch Kratzer zu verunstalten. Eines war so unmöglich wie das andere, deshalb duckte ich mich schnell unter den ausgebreiteten Armen hindurch und entwischte in die Küche.
   Richards Frau Bettina hatte Sushi gezaubert, bei solchen Gelegenheiten bestand sie auf Handarbeit. Sie pustete eine rötliche Strähne aus der Stirn, strich über den seegrünen Leinenanzug mit hochgeschlossenem Kragen und hauchte einen Kuss auf eine imaginäre Stelle neben meinem Ohr. Ich hauchte zurück. Wir waren keine Freundinnen, obwohl Richard das gern gesehen hätte, aber wir hatten uns arrangiert. Bettina verbarg ihre Verachtung gut hinter einem Lächeln, das man nicht einmal falsch nennen konnte, weil es ganz einfach nichts ausdrückte, ich verkniff mir spitze Bemerkungen über maskenhaftes Make-up und Faltenlosigkeit bis ins hohe Alter. Damit ließen sich gelegentliche Abendessen zu dritt und die üblichen Anrufe zu den Geburtstagen überstehen.
   Bettina trat einen Schritt zurück, damit ich das kunstvolle Arrangement von bunten Fischhäppchen auf schwarzem Stein bewundern konnte. »Nimmst du die zweite Platte? Wir wollten gerade anfangen.« Bettina würde nie einen direkten Vorwurf äußern. Etwas steif stakste sie voraus, ich stolperte mit schlechtem Gewissen hinterher. In den Fugen der blauschwarzen Fliesen funkelten Leuchtdioden wie Sterne. Bettinas Lichtinstallationen waren seit einigen Jahren in regelmäßigen Abständen der Aufmacher in einschlägigen Magazinen. Wer etwas auf sich hielt, ließ sich von Bettina beraten, damit Produkte, Privaträume und Personen perfekt aufeinander abgestimmt den optimalen Eindruck vermittelten, die maximale Aufmerksamkeit erregten. Das Potenzial einer solchen Verbindung hatte mein Bruder sofort erkannt. Zwei Monate nach ihrer ersten Begegnung hatten die beiden das Haus gekauft, zur Einweihung geheiratet und die Homestory bekommen, die ihnen für die nächsten Jahre die Auftragsbücher füllte. Unaufdringlich, doch unübersehbar forderte jeder Zentimeter ihres Heims Bewunderung. Täuschend echt, jedoch ohne hässliche Rußstreifen, leckten Led-Fackeln an glatten Betonwänden, und mit leisem Surren glitt eine Tür aus gefrostetem Glas zur Seite.
   Der lange Tisch im Wintergarten war für acht gedeckt. Dicke Kerzen warfen weiche Schatten auf die Gesichter, dufteten zart nach Zimt und Orangen und spendeten überraschend viel Licht – dezent unterstützt von geschickt platzierten Spiegeln und Lichtleisten. Nur der Gong für unseren Auftritt fehlte. Von Anfang an war mir in dieser Runde die Rolle des verpeilten Schlusslichts zugefallen, weshalb meine Ankunft mit gleichmütiger Gelassenheit aufgenommen wurde.
   »Hey«, sagten Inga und Paul. Sie saßen eng beieinander, als wären sie mit ihren drei Zentimeter langen weißblonden Haarstoppeln an den Schläfen zusammengewachsen. Vor zwei Jahren hatte Richards Schulfreund das nordische Feenwesen kennengelernt. Sie sagte nur wenig, aber wir lachten viel miteinander. Wenn Inga lachte, wurde es hell im Zimmer, wirklich, ich übertreibe nicht, als wäre sie Lucia persönlich und brauchte nicht einmal den Lichterkranz. Teddybär Knut stand groß, blond und breit am anderen Ende des Tisches, hielt sich an seinem Glas fest und zwinkerte mir zu. Genau wie ich suchte er seit Jahren nach einem Pendant, hatte Fehlschläge hinnehmen müssen und immer wieder neue Hoffnung geschöpft. Den Versuch miteinander hatten wir schon nach dem ersten Abend aufgegeben, weder Romantik noch Begierde reichten aus, uns die Scheu vor dem entscheidenden Schritt zu nehmen. Obwohl wir uns richtig gern hatten. Meine beste Freundin Merle schenkte Knut gerade nach. Ein breites Band aus geflochtenem Silber schlängelte sich in Spiralen von ihrem rechten Handgelenk bis zur Mitte des Oberarms, betonte die in harter Arbeit in Sportkursen erworbenen Muskeln. Weiß wie Schnee war ihre Haut, rot wie Blut Fingernägel und Lippen, schwarz wie Ebenholz Haar und Kleid. Sie grinste und hob den linken Daumen. Mir war nicht ganz klar, ob das meinem Outfit galt, über das wir gestern lange am Telefon diskutiert hatten – nein, ein Pullover geht gar nicht, such was in Rot, mit weitem Ausschnitt – oder dem mir zugedachten Tischpartner.
   Pius Franck lehnte an einem der kunstvoll gerosteten Pfeiler. Mein Bruder kennt mich gut, bei Männern mit blauen Augen werde ich ein wenig wacklig in den Knien. Kommt noch rotblondes Haar dazu, ist es ganz aus. An Pius’ Schläfen war der rötliche Schimmer in strahlendes Weiß übergegangen und auch bei Kerzenlicht waren die feinen Linien auf der gebräunten Haut gut zu erkennen. Er sei geschäftlich öfter in Afrika, hatte er Richard erzählt, als sie auf einer Messe ins Gespräch gekommen waren. Mein Bruder verband gern das Geschäftliche mit Persönlichem, um die Kundenbindung zu festigen, und so war eins zum anderen gekommen. Pius hatte durchblicken lassen, er sei das unstete Leben satt, Richard hatte unauffällig ein paar Bemerkungen über seine noch ungebundene Schwester eingeflochten. Eine halbe Stunde später hatte Pius nicht nur zwei medizinische Hightechgeräte bestellt, sondern auch die Einladung zum Abendessen angenommen. Und nun stand er da, und ich spürte tatsächlich ein Zittern in den Knien. Was aber noch lange keine Garantie für ein gelungenes Date war. Und erst recht keine Garantie dafür, dass so etwas wie ein Date überhaupt zustande kam.
   Wie schon gesagt, ich bin eher Aschenputtel, aber ohne helfende Fee – durchschnittlich groß, schlank, ansehnlich. Meine Haarfarbe pendelt seit Jahren unentschieden zwischen hellbraun und dunkelblond, und die Farbe meiner Augen wechselt von grau zu blau zu grün, je nach Umgebung. Kaum jemand bemerkt mich, niemand erinnert sich an mich. Das merke ich in den peinlichen Momenten, wenn ich jemanden herzlich grüße, der dann im günstigsten Fall irritiert guckt. Merle hat mal gesagt, ich trüge einen Tarnumhang. Kein schlechtes Bild, vielleicht verstecke ich mich wirklich – keine Ahnung, wovor, oder warte, dass ein Zauber mich erlöst – keine Ahnung, wovon. Ab und zu zieht jemand einen Zipfel des Umhangs beiseite, spricht mit mir, fasst mich an. Einen Monat lang, manchmal auch zwei, dann rufen sie nicht mehr an, verschwinden aus meinem Leben wie vom Wind getriebene Wolken.
   Pius’ Augen lächelten, der gletscherblaue Blick zoomte heran wie eine Nahaufnahme aus diesen alten Cinemascopeschinken, farbiger und intensiver als das Leben.
   Ich war froh, eine Aufgabe zu haben, stellte die Platte auf den Tisch und wischte imaginäre Stäubchen vom Holz. Bodenständige Eiche, hundert Jahre alt und verlässlich wie mein großer Bruder, der nun zu Tisch bat. Die Tischordnung war ein netter Versuch von ihm, aber wenn ich ehrlich war, lagen die Chancen, dass es zwischen Pius und mir funkte, auf einer Skala von null bis zehn bei höchstens mickrigen zwei. Daran würde auch die halb transparente Seidenbluse nichts ändern, deren Raffung meinen Busen größer und die Schultern schmaler wirken ließ. Ganz schön, aber um Männerblicke auf sich zu ziehen, brauchte es schon etwas anderes. Seidige schwarze Etuikleider zum Beispiel, wie Merle sie trug – und bei denen ich mich immer fragte, wie zum Teufel sie es machte, dass sie nicht bei der ersten Bewegung zerrissen – oder den Kontrast zwischen Ingas blonden Stoppeln und ihren weiblichen Rundungen unter luftigen Lagen pastellfarbener Tücher.
   Pius’ Augen irrten nicht ab, sein Blick unterlief meine Tarnung mühelos und löste ein Kribbeln in der Magengegend aus, das nicht mehr weichen wollte. Umständlich faltete ich die Serviette auseinander, fuhr mit dem Finger über die japanischen Schriftzeichen auf den glänzenden rotbraunen Holzstäbchen, konzentrierte mich auf das Tischgespräch und vermied es, noch einmal nach links zu blicken. Richard hatte die zigste Gesundheitsreform am Wickel. Eher über kurz als lang würde die Behandlung von Krankheiten zu den Luxusgütern gehören. Irgendjemand brachte die Wissenschaft ins Spiel, den medizinischen Fortschritt.
   »Ihr habt ja keine Ahnung von den Möglichkeiten, die uns heute schon zur Verfügung stehen«, sagte Pius.
   Seine Stimme klang angenehm, gerade tief genug, um ein leichtes Zittern in mir auszulösen, als führe der Wind durch straff gespannte Saiten. Ich blickte kurz nach links und schnell wieder weg.
   »Die meisten Kollegen bleiben aber lieber in gewohnten Bahnen, doktern an Altem herum, statt Neues zu schaffen.«
   »Die tun doch schon viel zu viel, wirbeln mit lebenserhaltenden Maßnahmen rum und fahren den ganzen technischen Voodoozauber auf. Nicht nur im Forschungsbereich, schon im normalen Klinikalltag. Lebende Leichname hängen da an irgendwelchen Apparaten, zum Fürchten, sage ich euch.« Merle steckte eine glänzende schwarze Strähne hinters Ohr, die silberne Schlange glitzerte. »Man kann nur hoffen, dass einem das erspart bleibt. Und mal ganz abgesehen vom einzelnen Patienten sind die Kosten für die Gesellschaft immens, und wer weiß schon, was jemand im Koma wirklich will?«
   Aus den Augenwinkeln sah ich Pius lächeln. »Aber gerade in dem Bereich sind wir sehr weit gekommen. Viele können wir zurückholen, die meisten tragen nur geringe Schädigungen davon.«
   »Und speziell unser Freund Pius hat bahnbrechende Fortschritte erzielt. Man nennt ihn den Komagott«, sagte Richard.
   »Ach, das ist lange her, inzwischen liegt mein Schwerpunkt ganz woanders. Heilung ist ja nur eine Sache. Wie viel besser wäre es, das Übel gleich an der Wurzel zu packen und Krankheiten ganz zu vermeiden?«
   »Ach ja?«, fragte Merle mit ihrer – wenn hier jemand Bescheid weiß, dann ich – Journalistinnenstimme. »Und wie willst du das anstellen? Noch mehr Impfungen gegen Krebs finden?«
   Pius lehnte sich zurück und hob die Hände. »Das ist doch nur Flickwerk. Ich denke da viel grundsätzlicher: Krankheiten sind Symptome von frühen Fehlentwicklungen.«
   Paul hatte nur auf sein Stichwort gewartet. »Na, klar. Umwelteinflüsse, ungesunde Ernährung und so weiter. Der Mensch kann sich dem Fortschritt oder dem, was er dafür hält, nicht mehr anpassen, ganz egal, welche Kapriolen die Wissenschaft schlägt.«
   Paul arbeitete für einen dieser Umweltverbände – alle waren im Prinzip dafür, aber niemand hörte auf sie. Er ließ sich davon nicht beirren, reiste umher und initiierte Kampagnen. Meist trafen seine Worte ins Schwarze oder zumindest auf latente Schuldgefühle, und dann trat ein unangenehmes Schweigen ein. Wie in diesem Moment. Selbst Pius schob nur stumm Garnelenschwänze auf dem Teller hin und her.
   Doch auf Knut war wie immer Verlass, beruflich wie privat glättete er Wogen, was ihm den Spitznamen Kuschel-Knut eingebracht hatte. »Aber vielleicht werden gerade entscheidende Weichen gestellt, und Pius könnte uns darüber aufklären.«
   »Okay, am interessantesten ist doch der Bereich, wo das Leben entsteht. Da läuft es doch im Prinzip noch so wie vor zweitausend Jahren: Mann, Frau, Sex und der Zufall.«
   Richard kicherte. Er lachte nie laut, sondern kicherte immer albern wie ein kleines Mädchen, ein schräger Riss im schönen Bild. »Aber das ist doch das Geniale, das Prinzip muss eben nicht verbessert werden.«
   »Welch Meisterwerk ist der Mensch? Wie edel durch Vernunft? Wie unbegrenzt an Fähigkeiten?«, flüsterte ich mit heißen Wangen.
   »Etwas dermaßen Wichtiges wie das Überleben der Spezies kann man doch nicht dem Zufall oder individuellen Befindlichkeiten überlassen. Die Zeitfenster sind viel zu kurz, die Ausfallrate erschreckend groß. Da liegen unglaubliche Ressourcen brach, aber niemand traut sich ran«, sagte Pius eine Spur zu laut für meinen Geschmack.
   »Und du, würdest du dich trauen?«, fragte Merle.
   »Bei passender Gelegenheit, selbstverständlich.«
   »Na, dann auf Pius Franck und seine Monster!« Richard erhob sein Glas. »Meinen Körper vermach ich dir.«
   Pius rührte seinen Wein nicht an, er hatte nach dem Messer gegriffen und fuhr prüfend mit dem Daumen über die Schneide. »Das mit den Leichen ist doch kalter Kaffee, vorvoriges Jahrhundert. Wir sind schon sehr viel weiter.«
   Ich fror in der dünnen Bluse, als hätte sich die Tür zum Garten kurz geöffnet und kühle Luft hereingelassen. »Engel, gnädige Himmelsboten steht uns bei.«
   Pius neigte sich nach rechts, gefährlich nah den feinen Härchen, die auf meinen Unterarmen in Habachtstellung standen. Ein Hauch von Sandelholz. Heißer Wüstenwind. »Aber nicht doch. Die Wissenschaft bedroht doch niemanden. Sie macht das Leben leicht. Du solltest es mal versuchen.«
   »Ja, versuch’s doch mal mit Pius!« Richard grinste. Inga lachte glockenhell, und es war, als hätte jemand kurz einen Scheinwerfer aufgeblendet, um diesen Moment auszuleuchten.
   Warum nicht?, dachte ich und lüftete den Tarnumhang, lächelte hellen Schläfen und blauen Augen zu. Pius lächelte zurück, die Kerzen flackerten. Das war der Moment, den ich verstreichen ließ und mir stattdessen noch ein Reisröllchen mit Avocado nahm.

2. Kapitel

Pius hat dennoch angebissen. Glücklicherweise, dachte ich. Pius Franck war anders als die Männer, mit denen ich vorher zusammen war. Ernster, entschlossener. Er würde nicht mit dem Wind verschwinden, nein, Pius würde mir in die Augen sehen, wenn er die Beziehung beendete, da war ich ganz sicher. Aber erst einmal musste es überhaupt zu so etwas wie einer Beziehung kommen. Der Anruf am Nachmittag versprach nicht mehr als einen gemeinsamen Kinobesuch: Ein Klassiker in Schwarz-Weiß, Beginn der Vorstellung um acht, Einlass zehn Minuten früher.
   Ganz allein saßen wir in der dritten Reihe auf tiefrotem Samt, und Pius hielt meine Hand. Gruslig fand ich die Geschichte von Frankensteins Braut nicht, eher tieftraurig. Elsa Lancaster war betörend schön trotz der Narben, und Boris Karloff war so abstoßend hässlich, wie es sich für ein Monster gehörte. Ich konnte die Sehnsucht der Kreatur nach Liebe nachfühlen, die Glückseligkeit, endlich eine Gefährtin zu haben und die Verzweiflung, auch bei dieser nur auf Ablehnung zu stoßen. Ich hatte Mitleid mit dem Geschöpf, das nicht darum gebeten hatte, in die Welt zu kommen, und nun damit leben musste, ein Ausgestoßener zu sein. Pius interessierten ganz andere Dinge. Natürlich könne man aus toter Materie kein Leben schaffen, das sei Humbug und Hybris, dennoch müsse man nicht stehen bleiben, denn auch die Schöpfung habe Fehler, die sie selbst ja ständig korrigiere mittels Auslese und Anpassung. Er sehe es als seine Aufgabe an, diesen Prozess der Optimierung nach besten Kräften zu unterstützen, die Wissenschaft habe dahin gehend Verantwortung, müsse sich über irrationale Ängste hinwegsetzen, die Literatur und Film leider schürten, und mutig voranschreiten. Fantasievoll, ohne Tabu. Manchmal gerate man auf Irrwege, in Sackgassen, aber das liege in der Natur der Sache, sei bei Gottes Werk eben auch nicht anders, das man beileibe nicht als perfekt bezeichnen könne.
   Ich hatte Mühe, den Worten und den langen Schritten zu folgen, mit denen Pius über den Hof einer alten Fabrik stürmte, stolperte hinter ihm in ein kahles Treppenhaus, in dem unsere Schritte so laut hallten, dass ich mich immer wieder umsah, ob uns auch niemand hinterherkam. Die Stahltür im obersten Stock schwang lautlos auf.
   »Willkommen«, sagte Pius mit einer kleinen Verbeugung.
   Fahlgelb leuchtete die halbe Scheibe des Mondes durch die hohen Fenster in ein gräuliches Schattenreich – als befänden wir uns in einem Übergangsstadium, als sickerte Farbe nur ganz allmählich wieder in unsere Welt. Schwungvoll wie ein Dirigent oder Magier hob Pius den Arm. Ich duckte mich. Unerwartete Bewegungen lösten bei mir seit jeher Abwehrreflexe aus, selbst wenn ich gar nichts abwehren wollte, und es auch gar nichts abzuwehren gab, denn Pius drehte mich nur sanft herum. Spots flammten auf – nicht eine Socke auf dem hellgrauen Sofa, kein Teller in der Edelstahlspüle, kein weißes oder gar buntes Blatt auf der schwarzen Linoleumplatte des Schreibtischs. Pius musste eine Putzfrau haben oder Heinzelmännchen, die des Nachts die honigfarbenen Holzdielen polierten, auf Schlittschuhbürsten durch den riesigen Raum rasten.
   Behutsam setzte ich mich auf raues Leder, nahm mit beiden Händen ein großes Glas Rotwein, das sich aus dem Nichts materialisiert hatte, und trank es in einem Zug leer. Mir wurde angenehm schwindlig, was aber auch daran liegen mochte, dass Pius neben mir saß, und ich nach hinten in unerwartet weiche Kissen sank. Es war angenehm, seine Hände zu spüren, seltsam vertraut, die fremde Haut zu berühren. Pius schmeckte salzig, nach Wein und Meer.
   »Gefällt dir das?«, fragte er.
   Und wieder sah ich in Cinemascopeblau, zoomte mein Blick auf das Augenpaar wenige Zentimeter vor mir. Ich nickte. Und wie mir das gefiel. Ob das Medizinstudium Pius solch detaillierte Kenntnisse der weiblichen Anatomie vermittelt hatte? Theoretische Kenntnisse hätten allerdings nicht ausgereicht, da gehörte auch Übung dazu, viel Übung. Sowie ein gewisses Einfühlungsvermögen. Egal, beschloss ich eine Sekunde später, Hauptsache, er würde weitermachen – da und da und auf jeden Fall da.
   Als ich am nächsten Morgen in die Sonne blinzelte und das fremde Schlafzimmer erkannte, schloss ich schnell die Augen und genoss die Wärme, den leichten Druck auf der Hüfte, die sanft kreisenden Bewegungen, mit denen sich eine Hand von meinem Bauchnabel nach unten schob. Ich lag ganz still, um den Zauber nicht zu zerstören. Der Morgen danach ist ein schwieriger Moment, um es mal vorsichtig auszudrücken. Man wacht nackt neben einem eigentlich fremden Menschen auf, mit dem man noch vor wenigen Stunden intimste Dinge geteilt, sich zumindest an intimen Stellen berührt hat. Was soll frau sagen? Wie sich verhalten? Mich wundert, dass noch niemand einen Ratgeber für den Morgen danach geschrieben hat. Vor dem Frühstück zu verschwinden, war meiner Erfahrung nach das Beste, ersparte verlegene und verlogene Pseudokonversation – Was machst du so? Nein, wie interessant. Doch an jenem Morgen wollte ich nicht fort, ganz im Gegenteil, und groß geredet haben wir auch nicht.
   Pius war ein Mann der Tat, wie ich mit Vergnügen feststellte. Als die Welt gefühlte Stunden später wieder Formen annahm, und ich zum ersten Mal einen Blick auf das Zimmer warf, in dem wir irgendwann im Laufe der Nacht gelandet waren, blendete mich klinisches Weiß. Pius’ Körper einmal ausgenommen und meiner erst recht. Ich weiß noch, wie irritiert ich über diesen Begriff war, der sofort in meinem Kopf auftauchte: klinisches Weiß. Weiß stimmte auf jeden Fall. Weiße Wände, ein weißer Schrank und ein blütenweißes, wenn auch zerknittertes Laken.
   »Zufrieden?«, fragte Pius und rollte das R wie ein Spanier.
   »Sehr«, sagte ich, eine Katze in meiner Lage hätte geschnurrt.
   »Rutsch runter, ich mach uns Frühstück.«
   Nein, ich würde mich nicht bewegen, ich würde einfach auf dem warmen Körper liegen bleiben. Doch der entzog sich mir und hüllte sich in einen Morgenmantel, weiß natürlich. Arztspleen, dachte ich, drehte mich wieder auf den Bauch und schloss die Augen.
   Am Abend gab es Spaghetti alle vongole. Ich kann noch heute jederzeit das Bild von Pius abrufen, der mit gekreuzten Beinen auf dem Bett sitzt, kunstvoll die Gabel dreht und mir einen Bissen nach dem anderen in den Mund schiebt. Wie ein kleines Kind habe ich folgsam immer wieder den Mund geöffnet, gekaut und geschluckt. Obwohl es köstlich schmeckte, konnte es mir nicht schnell genug gehen. Wenn der Teller leer wäre, würde Pius mich wieder in den Arm nehmen, mit den Fingerspitzen über die feinen weißen Linien an Oberschenkeln und Bauch streichen, zärtlich und ohne Fragen zu stellen, die mir rote Flecken ins Gesicht getrieben hätten. Richard hatte recht … es war wirklich lange her.

Vom Montagmorgen bekam ich nicht allzu viel mit. Etwas benommen verkaufte ich Bücher und fühlte mich erstaunlich wohl dabei – mal abgesehen von einem leichten Brennen in der Magengegend, das ich als Sehnsucht identifizierte. Das war gar nicht gut. Zu früh, viel zu früh. Hatte ich denn nichts gelernt in den letzten Jahren? Pius hatte kein zweites Treffen vorgeschlagen, ich natürlich auch nicht. Denn er musste Interesse an einer Wiederholung zeigen. Das gehörte zu den Regeln, die Merle und ich für das Liebesleben einer Frau mit Selbstachtung aufgestellt hatten:

1. Sich nie aufdrängen.
2. Sich nie zu etwas drängen lassen.
3. Sich nie von etwas drängen lassen.

Sie hielt sich strikt daran, ich bemühte mich redlich, was mir vor allem am Anfang gelang. Weswegen ich keinesfalls den Hörer in die Hand nehmen und anrufen würde – selbst wenn ich Pius’ Nummer gehabt hätte.
   »Untersteh dich«, sagte Merle, als wir uns in ihrer Mittagspause zum Rapport trafen – wie immer in der pink-weißen Frozen-Yoghurt-Bar auf halbem Weg zwischen meinem Laden und ihrem Sender. Etwas anderes als frischer Ingwertee kam Merle tagsüber nicht über die Lippen. Als Moderatorin war sie per Vertrag zu Kleidergröße 36 verpflichtet. Äußerlich entsprach Merle Sander ganz dem Bild des zarten Schneewittchens, doch in ihr steckte eine disziplinierte Diana, stets auf der Jagd nach Nachrichten und Männern in genau dieser Reihenfolge. »Du wirst schön warten«, sagte sie und rührte im Glas. Die Ingwerstücke tanzten, beim bloßen Anblick wurde mir wieder schwindlig.
   »Aber, wenn …?« Vorsichtig verquirlte ich Himbeertopping und Yoghurteis, bis der Becherinhalt ebenso rosarot wie die Wand war.
   »Dann freu dich über ein nettes Wochenende und hak ihn ab. Andere Väter haben auch schöne Söhne. Und jetzt die Details.«
   Als ich bei den Spaghetti angelangt war, holte sich Merle doch einen Becher Eis, allerdings die kleinste Größe und nur mit verschwindend wenigen Mangostückchen garniert.
   »Kochen kann er auch noch. Der ist wirklich zu gut, um wahr zu sein. Bitte sag, dass er irgendwo eine Warze hat oder seltsame sexuelle Vorlieben.«
   »Nur kein Neid.«
   »Ach, woher denn. Du hast lange genug darben müssen.«
   Ganz im Gegensatz zu Merle. Wenn ich noch richtig informiert war, gab es aktuell zwei Liebhaber, die sich brav wöchentlich abwechselten.
   »Und was habt ihr den Rest der Nacht gemacht?«, fragte Merle, die nicht eher ruhen würde, bis sie über jedes Stöhnen und jedes Beben Bescheid wusste.
   Zum Glück schwebte gerade eine gute Fee herein, in violette Wollschichten gewickelt und einen regenbogenfarbenen Turban auf dem blonden Stoppelhaar. An der Hand hielt Inga einen kleinen, ebenso bunten Kobold. Blonde Zöpfe standen schräg vom Kopf des kleinen Mädchens ab, blauer Lidschatten umrandete große Augen, silberner Glitter lag auf den rosigen Wangen. Der Mund war tomatenrot wie das große Tuch um den Leib, aus dem giftgrüne Stiefelchen hervorguckten. Rumpelstilzchen und Königin in einer Person, frisch aus der Spielecke im Hansson, Ingas Boutique, in der sich die zahlreichen Nichten und Neffen vergnügten, während mamma und pappa in Berlin shoppten. Mir brach der Schweiß aus.
   »Hej, Flickorna«, rief Inga. »Wie schön. Das ist Annika. Könnt ihr kurz auf sie aufpassen?«
   Sie flüsterte der Kleinen etwas zu und schwirrte ab.
   Annika hob die Arme. Drei, höchstens vier, ein schreckliches Alter. Merle schüttelte den Kopf und wies mit beiden Zeigefingern auf ihren hellgrauen Wollmantel. Es blieb also an mir hängen. Ich stellte den Becher ab, griff unter die kleinen Achseln und hob das Kind auf die Bank mit den vielen Kissen. Das kleine Mädchen kniete sich hin – Kinder blieben ja nie sitzen – und patschte erst mit den Fingern und dann mit beiden Händen auf die Glasscheibe, lehnte sich weit nach vorn – unter ihr das schwarz-weiße Schachbrettmuster der Fliesen, auf die sie jeden Augenblick aufschlagen konnte. Warum stand die Bank nicht näher am Fenster? Ich griff nach dem roten Tuch und hoffte, dass der Knoten fest genug war. Die Kleine hustete.
   »Wenn du nicht locker lässt, erwürgst du sie noch«, sagte Merle.
   Erschrocken ließ ich los. Prompt kippte Annika nach vorn gegen die Scheibe. Im letzten Moment fing ich sie ab und setzte sie ordentlich hin, doch sie rutschte von der Bank und lief weinend zum Tresen.
   »Sch, ist doch nichts passiert.« Keine Chance. Die Kleine verstand mich ja nicht, hinterließ auf dem Weg eine kindbreite Schneise von Leuten, die ihre Becher hochrissen.
   »Du hättest sie auf den Schoß nehmen müssen«, sagte Merle, angelte ein Stück Mango aus ihrem Becher und steckte es in den Mund.
   Niemals. Ebenso gut hätte man mir ein Löwenbaby in den Arm drücken können.
   »Annika, schau mal, was es gibt.« Inga stellte einen Becher mit dampfender Schokolade ab, auf der kleine Inseln Marshmallows schwammen, und einen Teller mit Waffeln, turmhoch beladen mit Kirschen und Sahne. Sie setzte sich neben mich auf die Bank, hob die Kleine auf den Schoß, ohne sich um das verschmierte Gesicht zu kümmern, und drückte ihr einen Löffel in die Hand. Sahne und Kirschen schwebten gefährlich wacklig über Teller und Tisch und gesellten sich um Annikas Mund zu Lippenstift und Glitter. »Ist sie nicht süß?«, fragte Inga.
   Merle zuckte die Achseln.
   »Hast du keine Angst, dass sie sich verschluckt?«, fragte ich. So viel und so schnell konnte doch kein Kind essen.
   Inga fiel fast vom Stuhl vor Lachen. »Quatsch. Annika ist doch schon groß.« Annika nickte und kaute. »Heute Abend schläft sie bei uns. Paul kocht und dann schauen wir einen Märchenfilm.«
   Annika nickte so heftig, dass etwas Sahne an Nase und Kinn hängen blieb. Wenn nun noch die Schokolade dazukam, musste bei Inga und Paul erst mal eine Grundreinigung stattfinden.
   Mein Handy klingelte.
   »Pius«, meldete sich die Stimme, auf die ich gewartet hatte. »Freitagabend gehen wir in ein Konzert. Um halb neun hole ich dich ab. Ich freue mich.«
   Und ich mich erst. »Wir gehen Freitag in ein Konzert!« Ich küsste Merle, umarmte Inga und die kleine Annika, lachte über die bunten Flecken auf meinem Pullover und holte mir eine Tasse heiße Schokolade mit Chili.

Entschieden zu langsam vergingen die Tage, selbst die Bücher verkauften sich zäher, als hätte die Welt einen Gang heruntergeschaltet, als würde sich die Erde nur zögernd drehen. Dabei war ich richtig stolz auf meinen Laden, liebte den leicht staubigen Geruch, der alten Büchern zu eigen ist, das raue Gefühl in den Fingerspitzen, wenn man an den Narben auf alten Buchrücken entlangstrich, das flüchtige, leise schabende Geräusch beim Umblättern der Seiten. Deckenhohe Regale mit Schmökern, Schwarten, Wälzern waren ein sicherer Hort, Buchrücken schmiegte sich verlässlich an Buchrücken, und zwischen Ledereinbänden, festem Leinen und manchmal auch nur dickerer Broschur fand ich Geschichten, die mich faszinierten, in denen ich verschwinden konnte – Abenteuer erleben, Trunkenheit ohne Kater, Leidenschaft ohne Schmerz, Romantik ohne böses Erwachen. Doch nun ertappte ich mich beim Blick auf die Uhr, ehe ich versinken konnte. Selbst bei Beratungsgesprächen irrte ich ab in Überlegungen, was ich am Freitag anziehen sollte, als wäre ich fünfzehn und nicht fünfunddreißig, als wäre es mein erstes Date mit dem Traumjungen, dem Schwarm der Schule. Es musste am Essen liegen, noch nie hatte ein Mann für mich gekocht, so lecker schon gar nicht. Mir lief das Wasser im Mund zusammen.
   »Hallo Traummariechen. Wohin entschwebst du denn gerade?«
   Knut hatte ich vollkommen vergessen. Seit unserer Doch-nicht-Affäre trafen wir uns einmal pro Woche. Wenn wir Lust auf einen Videoabend hatten. Wenn einem von uns zu Hause die Decke auf den Kopf fiel und das Singledasein überhaupt keinen Spaß mehr machte. Wenn wir einfach mal quatschen wollten. Wir mochten alte Filme und begeisterten uns für alte Bücher, für Klassiker, die sich Knut bei mir auslieh. Es war also Mittwoch. Es war schon Mittwoch. Es war erst Mittwoch. Ich holte das vorbereitete Päckchen aus dem Hinterzimmer.
   »Zu mir oder zu dir?«, fragte Knut. »Essen holen wir uns unterwegs.«
   »Zu mir.« Das hieß Thai-Ente für Knut und Pho-Bo-Suppe für mich von Mr. Wong schräg gegenüber. Lümmeln auf dem Großvater-Ohrensessel aus abgewetztem Samt (ich) und den orientalisch angehauchten Kissen am Boden (Knut). Und zum x-ten Mal die Hits unserer Allzeit-Krimi-Bestenliste anschauen. Knut stand auf depressive Kommissare, ich mehr auf leisen, untergründigen Schrecken, schräg und absurd lag uns beiden.
   »Was läuft eigentlich mit dir und diesem Pius?«, fragte Knut, als der cholerische Schurke im Film das Bein seines Komplizen in den Gartenschredder steckte.
   »Wir waren Samstag im Kino.«
   »Aha.«
   »Montagmorgen war ich wieder zu Hause.«
   Pause. Der Schredder ratterte, Blut floss in den Schnee, die schwangere Polizistin zog die Waffe.
   »Wann trefft ihr euch wieder?« Knut starrte gebannt auf meinen kleinen Fernseher.
   »Freitag.«
   »Aha.«
   »Wir gehen in ein Konzert.«
   »Viel Spaß. Wird sicher ein nettes Wochenende.« Am Film konnte es nicht liegen, dass Knut den Blick nicht vom Bildschirm abwandte – die Szene hätten wir beide noch im Schlaf nachspielen können.
   »Alles okay?«
   Knut ließ die Polizistin ihre Arbeit tun und sah mich an. »Klar, sicher. Ganz ehrlich, ich freue mich für dich.« Und das war nicht gelogen, das wusste ich genau. Knut Kaminski war immer ehrlich, er konnte gar nicht anders.
   Der Fall war gelöst, die meisten tot. Ich brauchte dringend etwas Süßes. »Lust auf Schokoeis mit Whiskey?« Das Eisfach in meinem kleinen Kühlschrank war überdimensioniert, aber stets bis zum Anschlag voll mit den wichtigsten Dingen zum Überleben: Schokoladeneis, Schokoladeneis mit Nüssen, Schokoladeneis mit Keksen.
   Schweigend löffelten wir. Knut und ich konnten gut zusammen schweigen, beieinandersitzen, Zeit vergehen lassen. Ich hatte schon eine ganze Weile nicht mehr auf die Uhr gesehen. Ohne dass ich es bemerkt hatte, war der Mittwoch fast vorbei. Zufrieden rollte ich mich im Sessel zusammen, schloss die Augen und lauschte Knut, der Worte meiner Kindheit zitierte, Klänge, die so tief in mir verwurzelt waren wie bei anderen Hänschen klein.
   »Mein warst du nur in holder Träume Reich, da war ich König; wach – dem Bettler gleich!«
   Vaters Stimme abends im Wohnzimmer, als wir noch eine Familie waren. An den Abenden, an denen er Sonette gelesen hatte, war ich beruhigt eingeschlafen.
   Knut und ich wechselten uns ab, ein gewohntes, ein tröstendes Spiel.
   »Solang ein Mensch noch atmet, Augen sehn, solang lebt dies und heißt dich fortbestehn.«
   Spät in der Nacht machte sich Knut auf den Weg. Groß und breit stand er in der Tür, die Bücher in der Hand. »Zieh am Freitag das rote Kleid an, das steht dir fantastisch«, sagte er leise.

Zwischen dem Einheitsschwarz der Fangemeinde im Jazzlokal kam ich mir im leuchtenden Rot so passend vor wie ein Tomatenfleck auf der Damasttischdecke eines Nobelrestaurants. Zu Hause hatte ich mir gut gefallen, auch noch auf der Straße und in Pius’ Wagen, doch nun zerlegte ich schon den zweiten Bierdeckel systematisch in zentimetergroße Fetzen.
   Pius hielt meine Hand fest und fegte die Stückchen in den Aschenbecher. Ohne Kommentar. Seit wir das Lokal betreten hatten, schwieg er. Vielleicht, weil ich auf seine Frage, ob ich über unser Gespräch noch einmal nachgedacht hätte, keine Antwort wusste. Mit jeder Minute, die unser Schweigen dauerte, kam es mir noch blöder vor, ihn danach zu fragen, was er gemeint hatte. Ich linste auf schwarze Sakkos, schwarze Rollkragenpullover und schwarze Schals, auf leicht verschwommene Gesichter, die sich gemessen amüsierten, angeregt plauderten. Niemand nahm von uns Notiz. Ich rückte näher zu Pius, steif legte er den Arm um mich. Wenn bloß endlich die Musik anfangen würde. Noch stand das Schlagzeug auf der kleinen Bühne im Dunkeln, waren die zwei Stühle davor leer.
   »Kommst du oft hierher?«, fragte ich Pius, aber ehe er antworten konnte, verstummte das Gemurmel und ein Scheinwerferkegel richtete sich auf die Bühne. Ein hagerer Kerl in Schwarz glitt hinter das Schlagzeug, ein etwas kleinerer griff zur Gitarre, am Mikro stand eine Frau im silbernen Paillettenkleid und mit hochgesteckten dunklen Haaren, wie aus der Zeit gefallen. Glitzernd im grellen Licht, gelassen, die Augen halb geschlossen, lauschend. Gitarrentöne, lang gezogen wie Seufzer, das Schlagzeug verhalten und leise, beinahe sanft, und dann die Stimme – viel zu hell, zu sonnig.
   »Make it go away or make it better.«
   Schön wär’s, doch nichts machte es jemals besser und weg ging es auch nie. Schon gar nicht durch Liebe. Im Märchen vielleicht oder in Hollywoodkomödien oder in Romanen mit Happy End. Die Frau auf der Bühne hatte da auch ihre Zweifel, aber immerhin Hoffnung, und eine Liedlänge durfte ich mit ihr hoffen, durfte ich träumen, mich in der klaren Stimme, dem Spiel mit Worten verlieren.
    Ich summte mit. Mach, dass es weggeht. Schwarze Schultern wichen zur Seite, hell wie ein Stern funkelte die Sängerin, ihr Strahl traf unseren Tisch, traf Pius’ Gesicht, traf sein Lächeln.
   »Mit Haut und Haar«, flüsterte Pius. Trockene, weiche Lippen auf der Innenfläche meiner Hand.
   Du bist der Richtige, wenn alles so furchtbar falsch ist, hätte ich gern mit der gleichen Überzeugung gesagt, aber dann wären Tränen geflossen, was wieder völlig falsch gewesen wäre. Ich schluckte und schwieg, sah leicht verschwommen einen weiten Himmel vor mir, licht und blau. Und es kam mir nicht mehr so abwegig vor, dass im Lied von einem Engel die Rede war, von einem Engel, der blieb, wenn alle anderen Engel längst fort waren.

Spät in der Nacht oder eher ziemlich früh am nächsten Morgen schloss Pius die schwere Stahltür hinter uns und stellte sich an den Herd. Bei Garnelensuppe und scharfem Curry brach mir an allen möglichen und unmöglichen Stellen der Schweiß aus. Ich glühte, und Pius’ Blick genügte, um überall Großbrände zu entfachen.
   »Kochen vereint sinnlichen Genuss und den absoluten Willen zum Perfekten«, sagte er. »Man nimmt die Zutaten und schafft durch geeignete Kombination etwas Neues, ganz ähnlich wie bei den Versuchen im Labor: Hier wie dort isoliert man Komponenten und setzt sie neu zusammen, bis das optimale Ergebnis erreicht ist. Das ist so befriedigend an meiner Arbeit. Man lauscht den Stimmen der Evolution, sieht feinste Entwicklungen, spürt und schmeckt, was daraus Neues entsteht.«
   Auf jeden Fall war das Ergebnis beim Kochen ziemlich beeindruckend, und ich sollte sicherheitshalber etwas sagen, damit Pius nicht wieder in Schweigen versank. »Ich find’s spannend, Neues auszuprobieren.«
   Pius strahlte mich an. »Das hoffe ich doch.«
   Beim Nachtisch hatte ich Gelegenheit, zu beweisen, dass ich es auch wirklich so gemeint hatte. Kühl kribbelte Pistaziencreme auf empfindlichen Lippen, während ich Schritt für Schritt dem Skript folgte, das sich Pius ausgedacht hatte, und mit fordernden Händen und geflüsterten Anweisungen umsetzte. Normalerweise wurde meine Haut schnell taub bei ungewohnten Berührungen, bei zu starken Empfindungen – ein Mechanismus, den ich früh entwickelt hatte. Die Ärzte nannten es Trauma, ich erinnerte mich nur an Unbeweglichkeit, an schmerzhafte Untersuchungen und komplizierte Operationen, an ernste Mienen und Kopfschütteln: Glück im Unglück hätte ich gehabt bei einem Sturz aus solcher Höhe, mit sechs seien die Knochen eben noch elastisch. Keine Ahnung, warum ich auf das Geländer gestiegen war, die Minuten vor und nach dem Unfall waren in meinem Gedächtnis gelöscht. Ein Verlust, den ich nicht bedauerte. Auch mit den eher gedämpften Gefühlen kam ich gut zurecht, lieber nicht zu hoch jauchzen, dann war man auch nur in Maßen betrübt. Ein kaltes Herz hatte mir ein Freund bescheinigt und war hinweggeweht worden wie alle anderen vor ihm. Doch Pius ließ nicht zu, dass ich mich zurückzog, ließ mir keine Zeit, keinen Raum. Seine Hände griffen zu, zwangen mich, zu bleiben, denn sie spielten mit meinen Grenzen, gingen über sie hinweg und wieder einen Schritt zurück, wagten sich weiter vor. Was taub gewesen war, prickelte wie tausend Stecknadeln, erwachte in schmerzhafter Lust, in lustvollem Schmerz. Eis taute, schäumte, brodelte. Unter Pius’ Händen spürte ich … mich – das war ich, und zum ersten Mal in meinem Leben gefiel ich mir.
   Make it go away or make it better. Ich sang unter der Dusche und schloss die Augen, spürte die Wärme in jeder Pore. Nichts war mehr taub, alle Zellen lebendig, zum Bersten voll. Über beide Ohren ... mit Haut und Haar. Ein kühler Luftzug, ein Schauer vom Nacken bis zu den Zehen, warme Hände. Haut an Haut, Mund an Mund.
   »Sing weiter. Ich höre dir gern zu.«
   Warmes, salziges Wasser auf zitternden Lippen. Pius hielt mich fest, und ich sang für ihn. Du bist der Engel, der bleibt, wenn alle anderen längst fort sind.

17. März

Labor Berlin

Wie grausam ist doch oft die Natur, verwehrt Menschen die Fortpflanzung, lässt es zu, dass sich Zellen abnorm entwickeln, tötet, wo Leben entstehen sollte. Bald werden wir dieser Grausamkeit nicht mehr hilflos ausgeliefert sein, bald werden wir der Welt beweisen, dass wir unser Schicksal von der ersten Zellteilung an selbst in die Hand nehmen können.

Start der Phase 0 – positive Reaktionen auf erste Tests.

3. Kapitel

Natürlich vernachlässigte ich meine Freunde. Abgesehen von dem kurzen Treffen in der Frozen-Yoghurt-Bar und dem Abend mit Knut fand ich nicht einmal die Zeit, zurückzurufen oder überhaupt irgendein Lebenszeichen von mir zu geben, suchte aber zugegebenermaßen auch nicht sehr intensiv nach einer Gelegenheit. Niemand sollte ein Haar in der Suppe finden, nichts sollte mich davon abhalten, mir von Pius alles zu holen, was er mir gab, solange er es mir gab.
   Mitten am Tag stand Knut bei mir im Laden. »Entschuldige, dass ich dich so überfalle, aber was bleibt mir denn anderes übrig? Zu Hause erreiche ich dich ja nicht.« Bei Knut war das eine Feststellung ohne jeden Vorwurf, einen besseren Freund konnte frau sich nicht wünschen, doch ich hatte ihn nicht vermisst und fand es auch nicht mehr schade, dass es mit uns nicht geklappt hatte. Ich ließ ihn stehen und düste ins Hinterzimmer, um den vor fünf Wochen – tatsächlich, so lange hatten wir uns nicht gesehen – bereitgelegten Stapel von Krimis aus dem 19. Jahrhundert zu holen. Dort lagerten auch Umwelt- und Verschwörungsschinken, die momentan nicht so gut liefen, und alte Schätze, die ich nur auf Nachfragen rausrückte und die vorn im Trubel des Überangebots nur untergegangen wären. Hier hinten gab es keine Hast, nur das Angebot, sich dem zu widmen, was zu Papier gebracht worden war. Denn Papier ist nicht nur geduldig, es saugt auch auf, was zu viel ist, macht selbst Grausamkeit und Tod zu einer Geschichte, vor der wir uns aus sicherer Entfernung gruseln können – kontrolliert, denn wir entscheiden, was wir lesen, ob wir Absätze überspringen oder das Buch gleich ganz zuklappen. Manchmal wünschte ich mir das auch im wirklichen Leben. In diesem Moment zum Beispiel wäre ich nur zu gern weitergesprungen zum nächsten Kapitel, in dem ich Knut nichts erklären musste, sondern einfach nur bei Pius im Bett lag. In der realen Welt blieb mir nur die Zuflucht zur Espressomaschine, dem einzigen Luxus im Laden, einem Profigerät, das jedem Bistro Ehre gemacht hätte, und das mir jetzt mit Aufheizen, Bohnen mahlen, Siebträger befüllen – dasselbe noch einmal für die zweite Tasse – und dem Milchaufschäumen für meinen Cappuccino genügend Zeit verschaffte, um mir zurechtzulegen, was ich Knut erzählen wollte: die Umstellung, das neue Frühjahrsprogramm der Verlage, die Steuer. Quatsch. Meine Verliebtheit, mein Kreisen um Pius – morgens, mittags, abends, nachts. Ich wollte ehrlich sein.
   Doch Knut riss mich aus meinen Entschuldigungsfantasien, noch ehe ich die Tassen auf dem Tisch abgestellt hatte. »Wird dir sicher nicht gefallen, was ich jetzt sage, aber das ist doch alles nicht normal, irgendwas stimmt doch nicht mit deinem Pius.«
   Eher stimmte etwas nicht mit mir, denn jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, spürte ich Pius’ Hände auf den Oberschenkeln, seine Lippen, seine Zunge … Oder es stimmte alles. Wer wollte das entscheiden?
   »Ich weiß nicht, was du hast. Pius ist ungebunden, hat einen guten Job und liest mir jeden Wunsch von den Augen ab, noch ehe ich überhaupt weiß, was ich mir wünsche.«
   »Und da fragst du dich nicht, ob es wirklich deine Wünsche sind, ob es nicht einen Haken gibt?«
   An dem ich gern hing, mich festhielt, ihn mir immer tiefer ins Fleisch trieb. Eine Hitzewelle stieg in mir auf. »Du hast leicht reden, eine solche Gelegenheit würdest du auch nicht auslassen.« Das war gemein, ich wusste genau, dass sich Knut in letzter Zeit nicht viele Gelegenheiten geboten hatten.
   »Sicher nicht, ich frage mich nur, ob man dafür wirklich alles andere aufgeben muss.«
   Kunststück – was sich einem nicht bot, konnte man leichten Herzens ablehnen. »Vermisst du etwa die gemeinsamen Trauerstunden?«
   Das war noch gemeiner. Knut hatte bei allen Liebeleien und dem gemäßigten Katzenjammer danach stets zu mir gehalten. Nie hatte er meine Wahl kritisiert oder gar gesagt, er habe ja gleich gewusst, dass es nichts hatte werden können.
   »Ach, Unsinn.«
   Doch ich hatte Knut getroffen, hatte das ungeschriebene Gesetz unserer Freundschaft verletzt. Aber warum musste mir gerade der sanfte Knut mit solchen Fragen kommen? Ich wusste selbst, dass ich nicht ins Beuteschema eines Pius Franck passte, konnte mir auch nicht erklären, warum es zwischen uns auf Anhieb gefunkt hatte. Denn das hatte es zweifellos. Ich war völlig verrückt nach Pius, und ihm musste es ähnlich gehen. Fragen konnte ich ihn nicht. Was findest du eigentlich an mir? oder gar Liebst du mich? waren Fragen, die Männer noch schneller vertrieben als mein kaltes Herz, das sich jeden Tag ein Stück mehr erwärmte. Was unsere Beziehung anging, hielt ich mich an das Offensichtliche: Wir sahen uns jeden Tag. Pius hatte mir ein Hightechhandy mit Ortungsfunktion gekauft, dessen Daten ihm in Echtzeit übermittelt wurden, sodass er jederzeit wusste, wo ich mich befand, dann und wann überraschend auftauchte, um mich zum Essen auszuführen oder zu lieben oder beides. So etwas konnte ich Knut natürlich auf keinen Fall erzählen. Abartig würde er das finden, geradezu pervers. Aber ich fühlte mich geschmeichelt, geliebt und ein wenig verrucht. Liebe wagt, was irgend Liebe kann. Knut würde es auch gut stehen, endlich einmal etwas zu wagen. Was er wohl sagen würde, wenn Pius jetzt auftauchte? Mir brach der Schweiß aus.
   Zum Glück kam nicht Pius, sondern eine Stammkundin, eine ältere Dame, die einen ziemlichen Verschleiß an spannender Literatur hatte und den Anachronismus persönlicher Beratung zu schätzen wusste. Etwas zu laut rief ich Frau Schneider zu, sie solle sich einen Moment gedulden, verschwand auf die Toilette, spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht und wartete, bis die Knie nicht mehr zitterten. Frau Schneider stand immer noch geduldig an einem Büchertisch und blätterte in den neuen Taschenbüchern. Sie suchte etwas mit wirklichem Gänsehautcharakter. Ich ging vor in die amerikanische Ecke. Lange schwankte sie zwischen einem blutigen Serienkillerschinken und einem Medizinthriller, bezahlte schließlich beide und verließ mit einem zufriedenen Lächeln den Laden.
   Knut war ohne ein Abschiedswort gegangen. Den Espresso hatte er nicht angerührt, die Bücher lagen verlassen noch am selben Platz. Ich räumte die verschmähten Gaben fort. Der Kaffee zog dunkle Spuren auf weißem Porzellan und verschwand wirbelnd im Ausguss, klares Wasser spülte den körnigen Satz und die Gerüche fort, doch Knuts Worte wirbelten weiter in meinem Kopf. Sollte ich mir Sorgen machen? Pius bestimmte die Regeln unserer Beziehung, und die schlossen die Welt da draußen aus; Freunde oder Kollegen von ihm hatte ich noch nie getroffen. Ich hatte das unserer Verliebtheit zugeschrieben. Wir waren einander eben genug. Ich wollte Pius nicht teilen, er wollte mich nicht teilen, so sah es aus. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Ausnahmsweise gab ich meiner Mutter recht. Pius war ein Geschenk, vielleicht hatte Gott sich entschlossen, mir doch einen Wunsch zu erfüllen. Ich würde weder zweifeln noch zagen, solange es dauerte, war das blinde Huhn, das endlich ein Korn gefunden hatte. Warum sollte ich es nicht in den Schnabel nehmen und schlucken? Pius tat nichts, was ich nicht auch wollte, und er wollte mich so, wie ich war. Jeden Tag und so sehr, dass er die Vorstellung nicht ertragen konnte, nicht jederzeit zu wissen, wo ich war, damit er mich sehen und berühren konnte. Was sollte daran schlecht sein? Auch ich wollte doch bei ihm sein, je öfter, desto besser. Ich hatte die Nase voll davon, mir vorzuspielen, es sei in Ordnung, allein zu sein. Das war es nie, nicht als Kind, nicht als Jugendliche und jetzt mit Mitte dreißig schon gar nicht.
   »Ein Wunder, dass ich dich gefunden habe«, sagte Pius jeden Abend. »Ein Wunder, dass es dich gibt«, flüsterte er mir nachts ins Ohr. Ich brauchte, was er mir gab. Er brauchte, was ich ihm gab. Wozu brauchten wir dann andere? Es gab so viel zu erzählen, so viel zu entdecken. Literatur und Wissenschaft waren nicht so weit voneinander entfernt, wie ich immer geglaubt hatte. Immer war es, als beträte man einen neuen Kontinent, erforschte fremde Kulturen. Staunend hatte ich als kleines Mädchen verfolgt, wie Vater im Lesen eine Welt erschuf, und ebenso gebannt lauschte ich nun Pius’ Worten, wenn er bislang verbotene Wege betrat, mir eine schöne, neue Welt zeigte. Sagte man nicht, das Glück sei schon vorbei, wenn man es bemerkte? Wie ein scheues Tier, das fortlief, sobald man sich näherte. Ein paar Wochen lang hatte ich den Eindruck, ich hätte es gezähmt. Das Glück blieb bei mir, glomm sanft vor sich hin und loderte in Pius’ Nähe auf, bis die Flammen mich verzehrten und ich aus der Asche neu geboren wurde.

»Was wünschst du dir zum Geburtstag, kleine Schwester?« Richard kam immer gleich zur Sache, ganz egal, ob wir uns wochenlang nicht gesehen hatten, ob wir einander gegenüberstanden oder nur Handywellen unsere Stimmen übertrugen. Ich lag auf Pius’ Couch, kuschelte mich in die weiche Decke, die er mir geschenkt hatte, und suchte vergeblich nach einer Antwort.
   »Wahrscheinlich wunschlos glücklich.« Richard lachte. »Ihr Turteltäubchen. Merle hat sich schon bei mir beschwert. Aber ich hab ihr gesagt, bei so viel Liebe könne man ja nur die Hände heben und abwarten. Und wie lebt es sich auf den rosaroten Wolken?«
   »Ich bin noch nie so gut versorgt worden.«
   Pius ernährte sich nach einem genau ausgetüftelten Plan, und da ich nur noch bei ihm aß, kam auch ich in den Genuss einer speziellen Diät. Die depressiven Verstimmungen, unter denen ich früher gelitten hatte, seien bestimmt auf fehlerhafte Ernährung zurückzuführen, hatte Pius diagnostiziert. Verstimmt war ich zwar nicht mehr, depressiv schon gar nicht, aber eine gesunde, ausgewogene Ernährung konnte ja nicht schaden. Ungewohnte Rundungen zeigten sich bei mir. Fett hätte ich es früher genannt, es fühlte sich fremd an, aber Pius gefielen meine neuen fraulichen Formen, wie er sie nannte, das merkte ich an der Art, wie er mich ansah, wie seine Hände ein wenig anders, noch aufmerksamer, noch, ja was eigentlich … ich suchte nach dem passenden Wort.
   »Du hast es verdient, Süße.«
   Ich hörte förmlich den Aufprall des Felsens, der ein paar Kilometer entfernt zu Boden stürzte. Richard hat sich immer verantwortlich gefühlt, jetzt konnte er aufatmen. Und ich konnte dieses Aufatmen nutzen, ein paar Fragen zu stellen, die mir nicht aus dem Kopf gingen. Pius und ich lebten vollkommen im Jetzt, im kleinen Kosmos, der unsere Körper umfasste, meine Bücher und Pius’ Wissenschaft. Über meine Vergangenheit wollte ich nicht sprechen, an die Zukunft wagte ich mich nicht, und Pius hatte sicher Gründe, an keinem von beidem zu rühren, aber Richard ließ sich von so etwas nie abschrecken und hielt absolut nichts von Verschwiegenheit.
   »Hat Pius dir jemals was über seine Familie erzählt?«
   »Gibt keine, er ist mutterseelenallein oder war es zumindest. Warum und wieso habe ich nicht rausbekommen, er hat mich von Anfang an auf die neuen mobilen Geräte festgenagelt.«
   Eigenartig und doch wieder nicht. Richard war ein Tüftler, schon als Junge hatte er kaputte Haushaltsgeräte wieder in Gang gebracht und noch dazu mit neuen Funktionen ausgestattet. In technischen Daten las er wie in einer Partitur, versank in Harmonien und Rhythmen, die außer ihm niemand hören konnte.
   »Ich habe noch keinen Kunden erlebt, der so in die Details gehen wollte. Ein faszinierender Typ, dein Pius, aber du kennst ihn inzwischen sicher besser als ich. Oder kommt ihr gar nicht zum Reden?« Richard kicherte.
   Ich war froh, dass keiner von uns ein Bildtelefon hatte, überzeugend lügen konnte ich noch nie. Jedes Mal schoss mir die Röte so schnell ins Gesicht, dass ich kaum den Satz zu Ende bekam. »Doch, doch, wir reden viel.« Keine Lüge, aber auch nur die halbe Wahrheit.
   »Kommt doch mal vorbei. Bettina und ich würden uns freuen.«
   »Vielleicht irgendwann, sicher irgendwann.« Es war besser, manche Dinge auf später zu verschieben, abzuwarten. Kam Zeit, kam Rat. Irgendwann würden wir sicher wieder mehr ausgehen, irgendwann würde Pius nicht mehr darauf beharren, mit mir allein zu sein. Wenn ich die Enttäuschung in seinem Gesicht sah, obwohl er natürlich sagte, dass ich selbstverständlich tun könne, was ich wolle, er sich aber schon so auf einen Abend nur mit mir gefreut hätte, kam mir mein Wunsch, mein Vorschlag jedes Mal so banal vor. Nicht annähernd wichtig genug, um gleich erfüllt zu werden.
   Richard räusperte sich. »Tja, dann grüße ich Bettina von dir. Und du hast wirklich keinen Wunsch?«
   »Ein Abendessen mit Freunden ist mir genug.« Eine Geburtstagsfeier konnte mir Pius nicht abschlagen, ein einziger Abend war bestimmt nicht zu viel verlangt. Wir würden ausgehen, essen und tanzen, und uns amüsieren, und Pius würde merken, wie schön es auch in größerer Gesellschaft war.

Ein Päckchen machte meine Pläne zunichte. Ein Päckchen auf dem Kopfkissen und Pius’ erwartungsvolles Gesicht hinter dem dunklen Rosa eines fein gewirkten Wollschals, aus dem die Einladung für ein Candle-Light-Dinner fiel. Tisch und Termin waren bereits gebucht. Mein Nicken machte Pius glücklich und tat mir nicht weh, es war nur eine kleine Bewegung mit dem Kopf, und es gab sicher noch andere Geburtstage, die ich mit meinen Freunden feiern konnte. Das sagte ich allen, vertröstete sie auf nächstes Jahr, schwor, mich bald wieder zu melden. Saß an meinem Geburtstag von drei Heizpilzen umgeben in einem superteuren Restaurant am Wannsee, sonnte mich mit kalten Füßen in Pius’ Lächeln, spürte seine rechte Hand auf dem Schenkel und das sanfte Wiegen der Wellen unter den schwimmenden Holzbohlen.
   Pius rückte noch ein wenig näher. »Lass uns zusammenziehen.«
   Dagegen sprach nichts, dafür aber auch nicht viel. Es war doch gut, so wie es war. Never change a winning team. Wir sahen uns jeden Tag, aber freiwillig, wir mussten nicht, wir wollten, und wie wir wollten. Freiheit statt Verpflichtung. Sicherheit gab es sowieso nicht. Mein Vater war auch gegangen, trotz gemeinsamer Wohnung und Kindern. Nichts hatte ihn halten können, nicht einmal ich. Leider. Oder glücklicherweise. Wenn die Liebe vorbei war, musste man gehen. Solange sie da war, sollte man sie genießen.
   Pius’ Hand rutschte höher. Warm, wärmer, am wärmsten.
   »Mir gefällt es so, wie es ist«, sagte ich.
   Bizarre Bogenlampen spiegelten sich im See, bebten schimmernd in den Wellen, die Plattform unter uns schwankte. Wir waren die einzigen Gäste, und der Kellner hatte sich diskret verzogen. Ich beugte mich vor und küsste Pius.
   Das Lächeln verschwand, die Hand zog sich zurück. Kalt, kälter, am kältesten. Ich zitterte im Ostwind und im gletscherblauen Blick.
   »Du bist doch sowieso kaum bei dir. Warum unnütz Geld verschwenden? Worauf noch warten?«
   Gute Frage. Ich trank einen Schluck Wein, um Zeit zu gewinnen und noch einen, um nachzudenken. Ja, schnurrte es in mir, und nein, dachte ich, obwohl ich nicht wusste, warum. Hatte ich mir das nicht immer gewünscht? Der Mann, den ich liebte und der mich liebte, wollte mit mir zusammenleben. Aber warum hatte ich dann das Gefühl, ein Sturm zöge auf und wollte mich vom sicheren Land ins tobende Wasser reißen?
   »Eine Woche müsste zum Packen reichen, den Umzugswagen bestelle ich dann für Samstag.«
   Wind pfiff, Gischt schoss empor. Nur eine Woche. Ich war schon immer ein Schisser. Ganz anders als mein Bruder, ganz anders als meine Mutter und völlig anders als Pius. Er hatte recht: Worauf wartete ich noch? Ich holte tief Luft, sprang in aufgepeitschte Wellen. »Fein, also Samstag.«
   Pius sah mich an, als müsste er sich die Sache noch einmal überlegen. Dann stand er auf, stellte sich hinter mich und legte mir die Hand auf den Nacken. Der Sturm legte sich und aus dem brodelnden See erhob eine Schlange ihr Haupt, wand sich um meinen Hals und glitt Wirbel für Wirbel bis ins Becken.
   »Schön«, flüsterte Pius. »Das wäre ja dann geklärt, aber nun kommt mein eigentliches Geburtstagsgeschenk.« Er schob ein Kästchen aus rötlichem Holz in meine klammen Finger. »Mach es auf.« Eine Melodie, zart wie das Klimpern alter Spieluhren, wenn man die Kurbel drehte.
   Make it go away or make it better.
   »Danke«, sagte ich, und nahm eine goldene Kette mit einem kleinen Notenschlüssel vom schwarzen Samt.
   »Ich habe dich zum Unterricht angemeldet. Du singst viel zu selten, dabei hast du eine so schöne Stimme. Na, was sagst du?«
   »Das ist wunderbar, ganz wunderbar«, sagte ich, als Pius die Kette in meinem Nacken schloss.

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