Robert ist Lehrer an einer Gesamtschule und mit seinem Leben zufrieden, bis die 15-jährige Maja in seine Klasse kommt. Obwohl er genau weiß, dass er berufliche und ethische Grenzen überschreitet, beginnt er, um Maja zu werben. Tatsächlich zeigt sie Interesse an Robert und lässt sich schließlich auf eine Affäre ein. Er scheint am Ziel seiner Wünsche, doch dann kontaktiert ihn das Jugendamt. Offenbar wird Maja missbraucht. Ist sein verbotenes Verhältnis aufgeflogen? Vorsichtig forscht er nach und findet heraus, dass es ein dunkles Geheimnis in Majas Leben gibt: einen Mann, der vor nichts zurückschreckt. Robert macht sich auf die Suche nach dem Unbekannten, ohne zu ahnen, dass er damit nicht nur seine berufliche Existenz, sondern auch Majas Leben aufs Spiel setzt.

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ISBN: 978-9963-52-655-0

Seiten: 209

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Isabell Bordermann

Isabell Bordermann studierte in München Literaturwissenschaft. Beruflich ist sie in der Bildungsbranche tätig, daneben schreibt sie seit vielen Jahren Werbetexte, Kolumnen, Artikel, Kurzgeschichten und Lyrik. Nun folgt ihr erster Roman - ein Thriller, der im Schulmilieu spielt. Isabell Bordermann lebt mit ihrer Familie in Berlin und Frankfurt am Main.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Teil 1

»Isch esch scho rischtisch?« Ängstlich blickte sie nach oben zu ihrem Peiniger.
   »Ja, so ist es richtig, immer schön weiter so.« Der
   Maskierte stieß tiefer in ihren Mund hinein. Ihre Haare um seine Fäuste gewickelt, führte er ihre Bewegung. »Okay, dreh dich um!«
   Er klickte ihre Handfesseln in die Halterung ein und zog das Seil fest. Dann spuckte er sich auf die Hand und fuhr erst mit einem, dann mit zwei Fingern in ihren Anus.
   Rein, raus, rein, raus.
   Der überdimensional große Penis des Maskierten drückte sich tief in den Anus des Mädchens.
   Rein, raus. Rein, raus.
   Das Mädchen jammerte laut, schrie dann auf.
   »Schrei nur, du Hure! Ich fick dich tot. Dich hört niemand.«
   »Bitte nicht, bitte nicht …«
   Die Fesseln wurden fester gezogen.
   Erneut verschwand der Penis im Mund des Mädchens, wurde tief in ihren Schlund gedrückt, dass es würgte und mühsam nach Luft rang.
   »Schlucken, Baby, alles schlucken.«
   Das Mädchen sah tränenüberströmt zu ihm auf.
   Der Maskierte tätschelte ihren Kopf.

Echt hammergeil. Er knüllte die Zeitung zusammen, auf die er sich ergossen hatte, stand auf und schaltete den Computer ab.
   Das Mädchen könnte noch jünger sein, würde mehr für die Community bringen. Und auch sonst …
   Er dachte an den Abend, die Nacht, die vor ihm lag.
   Genau das mache ich nachher mit ihr. Und wenn sie nicht will …

*

Die Scharniere des Haupttores knirschten. Vor ihm erstreckte sich das weitläufige Schulgebäude. Ein typischer Zweckbau aus den Siebzigerjahren aus Sichtbeton, kombiniert mit Bäumen, Büschen und Rasenflächen. Der grau-orange Anstrich der zweigeschossigen Bauten war erst kürzlich aufgefrischt worden. Er glänzte makellos im frühen Licht. Eine leichte Brise strich über das Grün der Grashalme und blies Muster hinein.
   Obgleich ein langer und anstrengender Arbeitstag vor ihm lag, war Robert in gehobener Stimmung. Das Leben fühlte sich gut an. Endlich.
   Im Lehrerzimmer angekommen, grüßte er freundlich. Die meisten Namen hatte er bereits parat. Eigentlich war er schüchtern und dieses leutselige Getue war ihm fremd, aber er bemühte sich. Er wollte sich aufgeschlossen und positiv geben. Selbst wenn das ziemlich anstrengend für ihn war.
   Er winkte Katharina zu und lächelte. Sie verkörperte in seinen Augen die klassische Sexbombe. Wer wollte es ihm verübeln, dass er sich zu ihr hingezogen fühlte?
   Die langbeinige Blondine hatte ihm an seinem ersten Tag die Schulgebäude gezeigt und die Besonderheiten des Schulbetriebs erläutert, nicht ohne ihn sofort mit Klatsch zu versorgen.
   Sie hatte ihn außerdem nach dem Grund seines Schulwechsels gefragt.
   Er hatte schnell abgelenkt. Niemand würde erfahren, weshalb er die andere Schule verlassen und den Wohnort gewechselt hatte.
   Niemand durfte davon erfahren. Schließlich arbeitete er an sich.
   Er wandte sich ab und sah das Postfach durch. Eine Einladung zu einer Fortbildung zum Thema »Gewalt unter Jugendlichen – Happy Slapping«, eine Aufforderung, den »Fluchtwegeplan im Brandfalle« in seiner Klasse zu erläutern, eine Einladung zur Fachkonferenz in der übernächsten Woche …
   Er griff den gesamten Stapel und stopfte ihn in seine Tasche.

*

Mama, du willst doch, dass wir reden, wenn wir uns streiten. Damit wir uns vertragen.
   Aber was mach ich, wenn mir die Drecksau was in den Mund stopft?

*

Robert öffnete die Tür.
   Im merkwürdig diffusen Licht der fensterlosen Klassen vermittelte die laut rauschende Klimaanlage ein unwirkliches Gefühl. Ein Gefühl wie in einem Sarg, der bereits ins Grabloch abgelassen wurde. Leider hatte man seiner Klasse genau diesen Raum zugewiesen. Da er neu war, hatte er nicht vor, Ansprüche zu stellen.
   Schüler standen oder saßen zusammen in kleinen Gruppen und unterhielten sich, wie jeden Tag. Und doch: Irgendetwas war anders als sonst. Ein Flirren zog durch den Raum, kaum spürbar. Ein unbekannter Geruch.
   Daniel unterhielt sich mit einer Schülerin, die Robert vorher noch nicht gesehen hatte. Einige Schüler hatten Ohrstöpsel ihrer Musikgeräte im Ohr, die sie nun hastig verschwinden ließen.
   Er nahm zu einzelnen Schülern Augenkontakt auf, während er nach vorn zum Lehrerpult ging. Sein Verhalten sagte: Ich bin da, also setzt euch hin, packt alles weg, hört auf zu reden, macht euch bereit zum Unterricht.
   Es war ein Code, den alle Schüler verstanden. Ob sie ihm allerdings Folge leisteten, stand auf einem anderen Blatt. Bei ihm hatte es bisher stets geklappt.
   Möglicherweise lag es an seinem konzentrierten Karateblick, bei dem man den anderen stets taxierte, niemals den Blick abwandte. Nicht mal während der Verbeugung vor und nach dem Kampf. Vielleicht spürten die Schüler, dass er jederzeit aus einer vermeintlichen Ruheposition heraus blitzschnell agieren konnte. Oder war es seine Fähigkeit, im Bruchteil einer Sekunde zu töten?
   »Guten Morgen.«
   »Guten Morgen, Herr Schönauer«, erwiderte die Klasse im Chor.
   Er ließ den Blick in die Runde schweifen. Der zuvor freie Platz hinten war heute besetzt. Das Mädchen, das sich mit Daniel unterhalten hatte. »Ein neues Gesicht?«, fragte er freundlich, während er im Klassenbuch blätterte.
   Die Schülerin stand auf und kam nach vorn, blieb vor seinem Pult stehen und reichte ihm ein Blatt. »Ich bin Maja, ich war krank. Hier ist meine Entschuldigung.«
   Er horchte überrascht auf. Irgendwie kam ihm die Stimme bekannt vor. Er hob den Kopf und betrachtete sie. Nein, er hatte sie nie zuvor gesehen.
   Ihr Gesicht wirkte unschuldig und sinnlich zugleich. Eine kleine, kindlich wirkende Nase und volle Lippen, feine Gesichtszüge. Zwei klare blaue Augen sahen unter einem langen Pony hervor. Ihre langen dunkelblonden Haare hingen seitlich von den Schultern hinab.
   Plötzlich blitzten ihre Augen auf.
   Oder halt, das war es, natürlich, damals. Diese Ähnlichkeit mit ihr, von damals … es war unglaublich.
   Robert fühlte unwillkürlich seine Mundwinkel nach oben gehen. Sie lächelten einander an. Sein Herz begann kräftiger zu schlagen. »In Ordnung«, sagte er langsam. Er nahm das Papier und legte es auf das Pult.
   Ein seit langer Zeit tief verborgenes, aber doch bekanntes Kribbeln keimte auf.
   Nein, bitte nicht. Nicht dieses Gefühl. Nicht hier, nicht bei ihr.
   Maja drehte sich um und ging zu ihrem Platz zurück. Ihr ärmelloses Top zeigte wohlgerundete Schultern. Die Haare teilten sich nach vorne, der Nacken lag frei. Rosafarbene Shorts aus einem leichten Baumwollstoff, darunter in zarter Andeutung ein weißer Slip mit erhabenen Konturrändern, ein kleiner Po. Ein Paar schlanke Beine, die ein wenig x-förmig zu ihrem Platz zurückstaksten. Der Gang wirkte unbeholfen, die Hüften wiegten sanft hin und her.
   Roberts Blick folgte ihr, bis sie sich umdrehte und setzte. Jeder ihrer Schritte war eine erotische Verheißung.
   Er war bis in die Haarspitzen elektrisiert.
   Hastig schlug er sein Buch auf und begann mit dem Unterricht.
   Das Thema, die Interpretation einer Kurzgeschichte, interessierte Maja offensichtlich. Die Geschichte drehte sich im Wesentlichen um einen Jungen namens Martin, der sich gegen die Bedrohungen und Misshandlungen seiner Mitschüler nicht zur Wehr setzte, sondern sie stillschweigend erduldete. Robert beobachtete Maja verstohlen, während er das Unterrichtsgespräch entwickelte.
   Adriana meldete sich.
   »Ja?«
   »Warum sagt dieser Martin seinen Eltern nichts davon? Er muss ja nicht unbedingt ausgerechnet seiner Klassenlehrerin davon erzählen.«
   Adriana hatte vermutlich ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern und konnte ihre Probleme zu Hause ansprechen. Nicht jedem Teenager war so viel Glück beschieden.
   »Wir geben die Frage an die Klasse zurück. Was meint ihr, warum die Hauptfigur so handelt? Warum redet Martin mit niemandem über sein Problem, nicht mal mit den Eltern?«
   Nachdenkliches Schweigen, bis sich zögerlich einige Finger hoben.
   »Adam?«
   »Er hat nicht gemerkt, dass es immer mehr in diese Richtung geht, dass es gefährlich für ihn werden kann. Deshalb wartet er ab und hofft, dass der andere Junge von allein damit aufhört.«
   Robert wiegte den Kopf. »Felix?«
   Felix grinste. »Vielleicht gefällt ihm, wie er behandelt wird.«
   Robert verzog keine Miene.
   Maja meldete sich.
   »Maja?« Ihr erster Beitrag im Unterricht. Er hielt den Atem an.
   »Er glaubt nicht, dass seine Eltern ihm helfen werden. Dass sie ihm überhaupt glauben.«
   Dumm war sie auch nicht. Robert ließ den Atem vorsichtig entweichen. »Was meinst du dazu, Adriana?«
   Adriana überlegte, schließlich nickte sie.
   »Ich denke ebenfalls, dass wir es so stehen lassen können«, sagte Robert. »Welche Möglichkeiten hat er, um seine Lage zu verbessern?«
   Robert beobachtete weiterhin jede von Majas Regungen. Sie blickte jedoch nur auf den Text im Buch, ohne sich nochmals zu Wort zu melden. Gern, sehr gern hätte er mehr von ihr gehört. Mühsam brachte er den Lernstoff voran. Die Minuten verstrichen langsam, zwischendurch musste er sich mehrmals mit dem Ärmel die Stirn wischen.
   Endlich ertönte der Gong zum Ende der Stunde.
   Er lief durch die Flure mit den weitläufigen Fluchten, strich beinahe an der Wand entlang. Demut. So hatten es ihn die Nonnen gelehrt.
   Aber war denn etwas passiert? Oder bildete er sich das ein? Was war los mit ihm?
   Die Räume kommunizierten mit ihm. Robert, flüsterten sie, Robert, bleibe gelassen. Bleibe sachlich, wachse mit dem Raum. Betrachte dich im Zusammenhang mit dem Ganzen, sieh nach vorn, nicht zurück.
   Er streckte sich, fand die Mitte des Ganges, hob den Kopf ein wenig höher.
   Langsam gewann die innere Gelassenheit der vergangenen Tage Oberhand. Das leise Glücksgefühl, das er bei Betreten der Schule verspürt hatte, war jedoch verschwunden.

Für den Abend war Robert mit Kollegen in der Jagdschenke Zum Eber in Herthausen verabredet.
   Nachdem er vor einigen Tagen erwähnt hatte, dass ihm die Gegend gänzlich unbekannt war, hatten ihn Kollegen für den heutigen Abend zu ihrem Stammtisch, Motto »Frauenfrei – Spaß dabei«, eingeladen.
   Das Lokal war gut besucht. Er sah sich neugierig um.
   »Bitte sehr, die Herren.« Die Bedienung stellte das Tablett auf dem Tisch ab und verteilte die Biergläser, wobei Robert eigens mit einem strahlenden Lächeln bedacht wurde. Er betrachtete ihren Ausschnitt, der ihm den Blick auf einen üppigen Busen gewährte, und sah zurück zu den Kollegen, ohne die Miene zu verziehen.
   Bei den sogenannten sekundären Geschlechtsmerkmalen der weiblichen Gattung war er ein wenig eigen. Großen Brüsten brachte er bedauerlicherweise nicht mehr als höfliches Interesse entgegen. Begeistern konnten ihn hingegen die taufrischen, kleinen Knospen junger Mädchen. Schnell wischte er den Gedanken beiseite.
   »Also dann!« Sie erhoben die Gläser, prosteten sich zu und tranken.
   »Was hat dich in diese Einöde verschlagen?«, fragte Theo, gegen den Lärm ankämpfend.
   Offenbar konnten sich die Kollegen nicht vorstellen, dass er freiwillig von der Stadt aufs Land gewechselt war. Sie vermuteten Strafversetzung.
   Robert leckte sich den Schaum aus den Mundwinkeln und seufzte. »Nach einer … unglücklichen Beziehung wollte ich dringend Land gewinnen, im wahrsten Sinne des Wortes.«
   Theo und die anderen nickten.
   Sie machten sich ihren eigenen Reim darauf, vermuteten sicherlich, dass er in einer Partnerschaft gelebt hatte, die zu Ende gegangen war, und er sich davon erholen musste.
   Axel, ein hagerer, hochgewachsener Kollege um die dreißig, klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter und versicherte ihm, er habe eine ähnliche Geschichte hinter sich, sei aber inzwischen wieder quietschfidel. »Manchmal ist räumlicher Abstand echt die beste Methode, um eine Sache zu beenden.«
   Robert nickte. Letztlich waren ihre Rückschlüsse gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt.
   »Warum gerade hierher nach Herthausen?«
   Die neue Stelle an der Schule hatte er wegen des renommierten Karatevereins gewählt. Ein Rundgang durch die Schulgebäude nach dem Vorstellungsgespräch hatte seine Entscheidung zusätzlich bestärkt. Robert hatte sich auf Anhieb wohlgefühlt in dem chaotischen Durcheinander von hoch aufgetürmten Arbeitsmaterialien, benutztem Geschirr und persönlichen Utensilien der Kollegen in den vielen unaufgeräumten Nischen und Ecken – anheimelnd und gemütlich wirkte das.
   Seine Wohnung lag ein wenig außerhalb in dem kleinen Dorf Sumpfheim. Der Name machte dem Dorf alle Ehre, ein trostloser Ort durch und durch: zusammengepferchte, windschiefe Häuschen, die sich rechts und links um die enge Dorfstraße wanden. Es gab ein kleines Neubaugebiet aus den Neunzigern des letzten Jahrhunderts, wo ein findiger Makler für Robert eine passable Wohnung aufgetan hatte.
   Einzig erwähnenswert war das abseits gelegene Gutshaus aus dem achtzehnten Jahrhundert, ein massiv wirkender zweigeschossiger Bau, dessen Mittelrisalit ein leicht verwittertes Schild mit der Aufschrift Gaststätte zur stol(t)zen Sumpfheimerin schmückte. Das Gebäude war nur zu Teilen saniert worden und zeigte eine ansehnliche rechte und mittlere Front mit den abends erleuchteten Fenstern des Restaurants. Die linke Seite dagegen war lediglich in den Genuss eines Außenanstrichs gekommen, der bereits verblich. Die Fenster starrten blind und unversöhnlich in eine dunkle Vergangenheit.
   Robert war bereits einige Male auf Spaziergängen vorbeigekommen und hatte sich vorgenommen, irgendwann zum Essen einzukehren.
   Nein, etwas wirklich Aufregendes gab es nicht in der Gegend. Gerade dies war die Voraussetzung, um in aller Ruhe über einige Dinge nachzudenken. Sollte ihm in seiner Freizeit die Decke auf den Kopf fallen, konnte er die gut sechzig Kilometer bis Frankfurt leicht bewältigen.
   »Ich mache gern Karate, der Verein hier ist ziemlich gut.«
   Sie nickten. Von dem Verein hatten sie anscheinend alle gehört.
   »Machst du Karate schon lange? Ich meine, bist du gut darin? Du hast doch bestimmt so einen Gürtel, oder?«, fragte Axel.
   »Dritter Dan.« Robert hüstelte.
   Fragende Blicke richteten sich auf ihn. »Was bedeutet ‚Dritter Dan’?«
   »Äh … na ja, drei Mal schwarz, sozusagen.«
   Nun schienen sie ernsthaft beeindruckt. »Dann bist du ein richtiger Kämpfer, was? Da müssen wir aufpassen.« Theo lächelte gezwungen.
   Robert winkte ab. »Es geht dabei nicht ums Kämpfen, mehr um eine innere Balance. Um mentale Stärke könnte man sagen.«
   Die verstärkte Konzentration auf den Sport im vergangenen Jahr war Teil seiner Selbsttherapie gewesen, vor allem, um innere Spannungen abzubauen und jedem wie auch immer gearteten Kontrollverlust entgegenzuwirken.
   Ein wenig beschämt dachte er an den großen gläsernen Schaukasten in der Ortsmitte, in dem sich die örtlichen Vereine der Öffentlichkeit von Herthausen in der kleinen Fußgängerzone präsentierten. Unter der Überschrift »Ein großer Karatemeister kämpft jetzt für Herthausen« wurde sein Name genannt, daneben hing ein Foto von ihm in Kampfpose. Früher oder später würde jeder Herthausener daran vorbeikommen.
   »Jedenfalls habe ich den Eindruck, dass ich mit dieser Schule eine gute Wahl getroffen habe«, sagte er, bemüht, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben. »Was vorher war, ist weit weg.«
   »Du kannst an dieser Schule allerdings deinen Spaß haben.« Theo grinste. »Da sind ein paar ganz schön scharfe Kolleginnen, die Katharina zum Beispiel. Eine Klassefrau. Ihr Mann ist wieder mal sonst wo. Wobei mir einfällt – die Susanne heute, ich war vielleicht geschockt. Sie hat ja in den Ferien einen fetten Arsch bekommen.«
   »Ach ja?«, entgegnete Michael hitzig.
   Robert war in den vorherigen Tagen nicht entgangen, dass Michael ein Auge auf Susanne geworfen hatte. Allerdings schien Michael generell bei den Kolleginnen nicht besonders gut anzukommen. Susanne war da leider keine Ausnahme. Zu Unrecht, er war im Grunde ein feiner Kerl, soweit Robert das beurteilen konnte.
   Wenn sie das Thema Beziehung fallen lassen könnten, würden sich einige am Tisch bedeutend entspannter fühlen.
   Ganz besonders ich. »Was kann man denn am Wochenende unternehmen?«, fragte er in die Runde. »Außer Karate?«
   Die Kollegen zuckten mit den Schultern. »Drüben in Forst Baber gibt’s einen Puff«, sagte Michael missmutig.

*

Vorhin hab ich der Drecksau und seinen Kumpels dabei zugesehen, wie sie auf dem Hof die Steine weggeräumt haben. Voll der Hass!
   Die Sonne war so heiß. Sie haben geschwitzt wie die Schweine. Alle hässlich, eklig und bäh …
   Nur die Drecksau nicht.
   Ich bin mit Bierflaschen rausgegangen. Die Drecksau guckte gleich böse. Wichser!
   Ich hab Sonnencreme dabeigehabt und die Drecksau gefragt: »Soll ich dich eincremen?«
   »Verpiss dich, du Nutte.«
   Also hab ich Tim gefragt. Er: »Na klar!«
   Während ich die Creme auf seinen Rücken verteilt habe, ist er gleich voll geil auf mich geworden. Ich hab getan, als wär nix. Die anderen haben rumgeglotzt.
   Die Drecksau hat versucht, cool zu tun. Ging aber nicht. »Hau ab, Schlampe, du störst uns, Nutte, wir wollen mal irgendwann fertig werden.« Und so ein Zeug.
   Ich bin wieder reingegangen und hab Tim gehört: »Boah, kann man die mieten? Die ist doch geil auf mich.«
   Und die Drecksau war so wütend! Hass! Hass! Hass!

*

Robert schlug die Autotür zu und öffnete das kleine Eisentor zum Vorgarten. Er ging bis zur Haustür und betrachtete die Klingelschilder.
   Für den heutigen Abend war er mit Katharina zum Essen verabredet. Er wollte dem Ratschlag seiner Schwester Elke folgen, die ihn ermuntert hatte, eine Beziehung zu beginnen. Egal mit wem, solange politisch korrekt. »Niemand von der Schulleitung, keine Schülerin. Es muss ja nicht gleich für die Ewigkeit sein. Hauptsache, es läuft mal irgendwas bei dir.«
   Nach dem gestrigen Vormittag in der Schule war Robert in geradezu fatalistischer Weise motiviert, eine Affäre mit Katharina anzufangen. Er mochte sie, sehr sogar. Sie hatte Charme, sah gut aus und … war verheiratet. Ihr Mann hatte zurzeit eine Gastprofessur in den Staaten und würde eine Weile weg sein. Das Ganze würde also ein Techtelmechtel ohne große Verbindlichkeiten bleiben. Genau das Richtige für seine derzeitige Seelenlage. Wenn es bloß genügend bei ihnen funkte!
   Robert klingelte.
   »Hallo?«, fragte ihre Stimme aus der Sprechanlage.
   Er räusperte sich und beugte sich nach vorn, um zu antworten. »Hallo, Katharina, ich bin es, Robert.«
   »Möchtest du hochkommen?«
   »Wie du willst. Ich kann unten warten, wenn dir das lieber ist.«
   »Nein, nein, komm ruhig rauf.«
   Der Türöffner summte.

Die Wohnungstür stand bereits offen, Katharina lehnte im Türrahmen. Sie hatte sich für den Abend elegant zurechtgemacht. Ein luftiges Kleid mit tiefem Ausschnitt, hochhackige Schuhe. Die Haare waren hochgesteckt, an ihren Ohrläppchen klimperten goldene Hänger.
   »Katharina, du siehst toll aus.« Sie ist fantastisch.
   Sie lächelte geschmeichelt. »Oh, vielen Dank. Ich bin gleich soweit. Komm kurz rein.«
   Robert war froh, dass er den grauen Kaschmirschal noch schnell vor dem Weggehen aus einem Umzugskarton gezogen und um den Hals geworfen hatte. Dazu trug er ein dunkelblaues Wolljackett mit dezenten hellen Längsstreifen. Er sah an Katharinas Blick, dass ihr gefiel, was sie vor sich sah.
   Etwas widerstrebend trat er ein. Fremde Wohnungen hatten bisweilen eine verheerende Wirkung auf sein Wohlbefinden. Er fühlte sich dann merkwürdig bedrängt, geradezu vereinnahmt von der Person, die dort lebte. Es war bereits vorgekommen, dass er den Kontakt zu Bekannten abgebrochen hatte, weil ihn die Atmosphäre in ihrer Wohnung angewidert hatte. Am schlimmsten war es, wenn irgendwo ein Christuskreuz an der Wand hing.
   Sein Blick fiel vom Flur aus ins Wohnzimmer, wo auf der Couch eine schwarze Katze lag und ihn träge fixierte. Soso, Katharina lebte also doch nicht ganz allein. Sie hatte als kleinen Trost einen Schmusekater. Das war mehr, als er besaß. Daneben lag eine angefangene Strickarbeit in knalligem Rosa und wartete auf Vollendung. Eine Nadel war herausgeglitten und lag auf dem Boden.
   Katharina wühlte offenbar in der Küche nach ihrem Schlüssel.
   Die Wohnung beeinträchtigte seine Laune nicht, er konnte sich vorstellen, wiederzukommen.
   Heute Abend, später.
   Sofern er in der Lage dazu wäre. Er würde sich Mühe geben.
   »Ich bin so weit«, sagte Katharina.

Robert bot ihr den Arm an, und gemeinsam liefen sie zu dem italienischen Restaurant, das Katharina ausgesucht hatte. Auf dem Weg verfielen sie in ein leichtes Geplauder.
   Angekommen stieß Robert die Tür auf und ließ Katharina eintreten. Das Lokal gefiel ihm. Weiß gedeckte Tische, ein ansehnliches Vorspeisenbuffet in einer Glasvitrine und freundlich nickende Kellner.
   Sobald sie saßen, bestellte er für Katharina und sich einen Aperitif und versenkte sich dann in die Speisekarte, die Katharina für ihn kommentierte.
   Nachdem sie ihre Bestellung aufgegeben hatten, lehnte sich Robert zurück, sah Katharina an und erhob sein Glas. »Auf dich, Katharina, die du mich so nett an meinem neuen Arbeitsplatz eingeführt hast.«
   Katharina lächelte geschmeichelt und nahm ebenfalls ihr Glas. »Es war mir ein Vergnügen.« Sie blickte ihm tief in die Augen.
   Er blinzelte. Ja, da rührte sich was bei ihm. Die Sache mit ihr könnte tatsächlich funktionieren.
   Nach dem ersten Glas Wein lockerte sich die Stimmung. Robert erzählte, dass er augenblicklich sehr beschäftigt sei, insbesondere mit der Abwicklung seiner alten Wohnung und Partnerschaft, ihm aber sehr daran gelegen sei, alles endgültig aufzuarbeiten und zum Ende zu bringen, ohne Altlasten.
   »Bist du froh, dass es vorbei ist?«
   »O ja. Wir hatten uns komplett auseinander gelebt, aber zu spät das Problem erkannt. Da war nix mehr zu machen.« Er seufzte.
   Lügen, Lügen, Lügen. Es war ihm egal, was er Katharina erzählte. Solange sie ihm eine Chance geben würde und sie sich näherkamen.

Die Rechnung schien aufzugehen. Katharina hörte verständnisvoll zu, offenbar erleichtert. Wer wollte sich schon mit einem Mann einlassen, der seine Ex-Angelegenheiten ungeklärt mit sich herumschleppte, sich nach einer anderen Frau zurücksehnte?
   Es wurde der erhoffte harmonische Abend, in dessen Verlauf Robert einige Details über Konflikte zwischen Schulleitung und Kollegium erfuhr.
   Schließlich verstummte ihr Gespräch.
   »Möchtest du noch von den ‚Dolci’?«, fragte Robert.
   »Was möchtest du denn?«
   Er löste ihre Hand vom Stiel des Weinglases und führte sie an seine Lippen, den Blick tief in ihre Augen versenkt. »Lass uns gehen.«
   Sie sah ihn an, den Blick verwischt wie hinter einem Schleier. »Wohin?«
   »Zu dir? Zu mir? Möchtest du?«
   »Ja.«
   »Vielleicht besser zu dir, meine Wohnung ist noch nicht eingerichtet.«
   »Okay«, hauchte Katharina.
   Robert presste ihre Hand. Es schien Katharina nichts auszumachen, dass ihre Wohnung auch die Wohnung ihres Mannes war. Vielleicht hatten sie eine Absprache für die getrennte Zeit, und ihr Mann hatte ebenfalls Affären. Er räusperte sich und winkte dem Ober, der herbeikam.
   »Caffè, Signore?«
   »Die Rechnung, bitte.«
   »Si, Signore.« Der Ober verneigte sich knapp und begab sich zum Tresen.
   Robert streichelte Katharinas Hände, die die Liebkosung sichtlich genoss. Sie lächelte ihn an.
   Ich bin nicht richtig bei der Sache. Dabei ist sie wirklich großartig.
   Er gab sich einen Ruck, hob ihre Hände und drückte einen weiteren zarten Kuss darauf.

Auf dem kurzen Weg zu Katharinas Wohnung schwiegen sie. Robert hatte bereits begonnen, sich auszumalen, was nun folgen wurde und sah sich außerstande, weitere Themen für eine Unterhaltung zu finden. Was wäre, wenn er im entscheidenden Moment versagte?
   Sobald Katharina die Wohnungstür aufgeschlossen hatte und sie eingetreten waren, zog er Katharina mit einem Ruck dicht an sich heran.
   Ihre Gesichter berührten sich beinahe, als er sie betrachtete. »Katharina«, flüsterte er, »Du bist wunderschön. Ich bin verrückt nach dir.«
   Katharina küsste ihn sachte auf den Mund, während sie sich in die Augen sahen. »Ich wollte dich schon in dem Moment haben, als ich dich das erste Mal gesehen habe.«
   Robert presste den Mund heftig auf ihren, zog sie dichter und ertastete ihre Brüste durch das Kleid. Nicht zu groß und schön fest. Er schloss die Augen. Es fühlte sich gut an. Besser, als er zu hoffen gewagt hatte.
   »Robert, lass uns rübergehen.« Sie führte ihn an der Hand ins Schlafzimmer.
   Robert sah sich um. Ja, hier mochte er bleiben. Er ließ sich aufs Bett sinken und zog Katharina zu sich herab.
   Der schwarze Kater schoss mit einem Maunzen an ihnen vorbei aus dem Zimmer.

Am nächsten Morgen durchsuchte er die Schulbibliothek nach einer geeigneten Lektüre für seine Klasse.
   »Guten Morgen, Herr Schönauer.«
   Robert drehte sich um. »Hallo Adriana.« Er stockte kurz. »Maja.« Er nickte ihnen zu.
   Die beiden lächelten ihn verlegen an und wandten sich dann einem Bücherregal zu.
   Sie ist wirklich verdammt hübsch. Er biss sich auf die Unterlippe und begab sich zur Ausleihtheke der Bibliothekarin. »Diese Bücher möchte ich ausleihen.«
   »Gern«, erwiderte sie freundlich und scannte seinen Ausweis und die Bücher ein.
   Ein Blick über die Schulter sagte ihm, dass seine Schülerinnen ihn beobachteten und miteinander tuschelten.
   Er nickte ihnen nochmals zu und ging hinaus.
   Es ist alles ganz harmlos.
   Leugnen konnte er es dennoch nicht, dieses Vibrieren im Bauch. Seit er Maja gesehen hatte, war es wieder da. Zuerst im Unterricht, als er das erste Mal auf Maja traf, und eben wieder. Hatte es etwas zu bedeuten?
   Hoffentlich nicht. Es war erst seine zweite Woche hier.

Im Lehrerzimmer bereitete er sich mithilfe eines modern und teuer aussehenden Vollautomaten eine Tasse Kaffee.
   Der Gedanke, dass er erneut in alte Probleme verstrickt wurde, ließ sich nicht abschütteln. Nein, das durfte nicht passieren. Er musste dagegen ankämpfen.
   Als er an seinem Schreibtisch saß und an der Tasse nippte, tippte ihm jemand leicht auf die Schulter. Er drehte sich um.
   »Hallo«, flüsterte Katharina und ließ sich neben ihn auf einen Stuhl sinken. Sie vergewisserte sich, dass sie niemand beobachtete, beugte sich vor und gab ihm verstohlen einen Kuss.
   Lächelnd strich er ihr zärtlich mit den Fingerrücken über die Wange. »Es war schön gestern.« Sie nickte etwas verschämt.
   Er hatte geliefert. Und wie. Darüber war er ziemlich erleichtert. Hieß es nicht immer, Sex spiele sich vor allem im Kopf ab? Katharina hatte es ganz offensichtlich gefallen.

Es gongte. Er stand auf, nahm einen letzten Schluck Kaffee, schulterte die Tasche und sah Katharina an. Sie begegnete abwartend seinem Blick. »Morgen Abend bei mir?«, fragte er gedämpft.
   »Ja. So gegen acht?«
   »Freue mich. Aber ich muss dich vorwarnen. Meine Wohnung ist noch ein ziemliches Chaos, fast ohne Möbel, abgesehen von der Küche.«
   »Na prima, dann bekoche ich dich, wenn du magst.«
   »Ich bin begeistert.« Er beugte den Kopf näher zu ihr. »Wenn ich an gestern Abend denke, könnte ich dich auf der Stelle vernasch …«
   »Pscht!«
   Er zwinkerte ihr vertraulich zu und machte sich auf den Weg zu seinem Unterricht.
   Ach, alles könnte so angenehm einfach sein. Könnte. Aber da war ja auch noch Katharinas Ehemann. Auf dem Weg zu seinem Klassenzimmer wurde ihm bewusst, dass er sich vor dem Unterricht in der Klasse zu gleichen Teilen fürchtete und freute. Robert betrat den Raum und erhaschte einen Blick auf Daniel, der sich neben Maja auf den Tisch gesetzt hatte.
   »Komm doch mit, das wird ein Spaß.«
   Maja schüttelte nachdrücklich den Kopf, wandte sich demonstrativ von Daniel ab und sah Robert an.
   Er nahm am Lehrerpult Platz und spürte einen Anflug von Eifersucht. Wie Maja angeschwärmt wurde! Es sollte ihm egal sein. Keinesfalls durfte er sich in diese Angelegenheit hineinsteigern. Doch während des Unterrichts ließ er den Blick stetig durch die Klasse wandern, hielt ohne Absicht immer wieder bei Maja inne.
   Plötzlich hob sie unvermittelt die Augenlider und warf ihm einen herausfordernden Blick zu.
   Es durchfuhr ihn, einem Stromschlag gleich.
   Ich möchte meinen Schwanz zwischen ihre sinnlichen Lippen in ihren Mund drücken.
   Verdammt!
   Entschlossen wandte er den Blick ab, presste die Lippen zusammen und versuchte, an Katharina zu denken. Dazu brauchte es einiges an Selbstbeherrschung, bis es schließlich funktionierte.
   Schluss!
   Ich werde kein einziges Mal mehr zu ihr hinsehen!
   Katharina war eine schöne und kluge Frau, eine passende Gefährtin für ihn. Darauf musste er sich konzentrieren. Er würde sie mit einem schönen Essen verwöhnen, würde sich ihr ganz und gar widmen.
   Als die Unterrichtsstunde endlich vorbei war und die Schüler in die Pause drängten, blieb er sitzen, bis alle gegangen waren und er sicher sein konnte, dass man ihm nichts mehr von seinen Gefühlswallungen anmerkte.
   Seine Fantasie hatte ihn ohne Vorwarnung durchzuckt. Wenn ihm das morgen wieder passierte? Dann hatten sie Sportunterricht, die unangenehmste Situation, die er sich in diesem Zusammenhang ausmalen konnte.
   Es war gut, dass er mit Katharina verabredet war. Offenbar brauchte er sie mehr, als er zuvor hätte ahnen können. Sie würde ihm helfen, mit ihrer Zärtlichkeit, mit ihrer Zuneigung.

*

Heute in Deutsch sollten wir aufschreiben, was wir gern lesen. Adriana hat »Pornos« geschrieben. Nie im Leben hat sie das später abgegeben.
   Ich hab »Bis die Wellen brechen« geschrieben. Das Buch im Unterricht, geil. Wenn die anderen nicht checken, was da abgeht, können sie mich fragen.
   Daniel hat mich heute die ganze Zeit angegafft. Ich hab ihn gefragt, was los sei. Er meinte, dass er mir in der Pause was Wichtiges sagen müsse.
   Ich habe keinen Bock darauf, ich will nicht mit ihm reden! Er will was von mir, das check ich auch so. In der Pause hab ich mich auf dem Mädchenklo versteckt. Danach bin ich einfach an ihm vorbei, als wenn er Luft wäre. Voll gedisst!!!
   Janine ist verknallt in ihn, soll sie ihm doch ihre Futt hinhalten.
   Daniel ist nur ein kleiner Junge. Er hat von nix Ahnung, am allerwenigsten von mir.
   Vielleicht erzähl ich der Drecksau, dass ich Daniel mag. Hass!

*

Katharina betrat den Flur und sah sich um. »Oha, eingerichtet bist du wirklich noch nicht.«
   »Nun ja«, sagte Robert entschuldigend, »Du siehst, ich hab nicht übertrieben. Noch nicht mal Lampen habe ich aufgehängt.« Er duckte sich unter der Glühbirne im Flur und half Katharina aus der Jacke. »Aber so einigermaßen wird es hoffentlich gehen.« Er öffnete die Tür zur Küche.
   »Die Küche sieht klasse aus.« Katharina ließ den Blick anerkennend über den gedeckten Küchentisch wandern. »Was essen wir? Soll ich kochen?«
   »Ich dachte, diesen Teil könnten wir ein wenig abkürzen, zugunsten anderer … äh … Genüsse. Ich habe uns etwas bestellt. Sollte eigentlich jeden Moment …« Robert sah auf die Uhr. »… ja, sollte jeden Moment kommen.«
   »Schön, was gibt es denn?«
   »Von diesem Japaner aus Herthausen. Möchtest du den Rest der Wohnung sehen?«
   Sie nickte. »Japanisch, das passt zu deinem Karate, stimmt’s?«
   Er ging voran und zeigte ihr das Wohnzimmer, sein Arbeitszimmer und den Balkon. Als er ihr sein Schlafzimmer präsentieren wollte, das er sorgfältig für den gemeinsamen Abend präpariert hatte, klingelte es an der Tür. »Moment, das Essen ist da.«
   Robert nahm mehrere Packungen entgegen und trug sie in die Küche.
   »Darf ich das anrichten, damit ich wenigstens einen kleinen Beitrag leiste?« Katharina war ihm gefolgt.
   »Ach was. Obwohl ich nicht gerade geschickt bin.« Mit einiger Mühe beförderte er Fleischspieße auf eine kleine Platte.
   »Na komm, bis jetzt bist du in allem gut, soweit ich es beurteilen kann.«
   Robert lächelte etwas peinlich berührt. Von wegen. In einigen Bereichen war er ein Komplettversager. Frag mich doch mal, wie es in meinem Unterricht war, mit Maja. Wie geil ich auf sie war.
   »Wie war es eigentlich in der Schule? Wie läuft dein Unterricht so?«, fragte Katharina, als sie am Tisch Platz genommen hatten.
   Robert hatte gerade das Glas zum Anstoßen erhoben und ließ die Hand sinken.
   Konnte sie Gedanken lesen? »Alles soweit im grünen Bereich. Allerdings kenne ich meine Schüler bisher kaum. Vielleicht kannst du mir da ein bisschen auf die Sprünge helfen.«
   Katharina nickte.
   Robert erhob sein Glas erneut.
   Sie sahen sich in die Augen, während sie sich zuprosteten, und tranken.
   Der Rotwein war gut. Robert ließ ihn über die Zunge schnalzen, während sie sich den Speisen zuwandten.
   »Was interessiert dich am meisten: Yakitori-Hühnchen mit Mangosoße oder die Garnelen mit Wasabisoße?«
   »Am liebsten hätte ich von allem etwas zum Probieren.«
   Er gab einige Vorspeisen auf beide Teller.
   »Was möchtest du gern wissen?« Katharina knabberte vorsichtig an einer Garnele.
   Robert betrachtete gedankenverloren sein Sushi Hamachi Nigiri. »Ich habe heute ein bisschen in den Schülerakten herumgewühlt, ohne speziellen Anlass. Wie lange unterrichtest du schon in meiner Klasse?«
   »Seit zwei Jahren. Dein Vorgänger und ich kamen bei Weitem nicht so gut klar wie wir.« Sie kicherte und nahm einen Schluck Wein.
   »Und mit der Klasse lief es immer gut?«
   Sie dachte nach. »Ja, doch, bis auf die eine oder andere Ausnahme. Aber nichts Gravierendes.« Sie schob sich einen Rindfleischspieß mit Pflaumensoße in den Mund. »Mmh, lecker.«
   »Erzähl doch ein bisschen. Bis jetzt sind meine Schüler mir noch ziemlich fremd.«
   Katharina gab sich Mühe, ältere und neuere Geschehnisse aus ihrem Gedächtnis hervorzukramen und einige der Schüler näher zu beschreiben.
   Hin und wieder warf Robert eine Frage ein oder machte eine Bemerkung.
   »Möchtest du von der Hauptspeise probieren?«, fragte er dann.
   »Ja, bitte.« Katharina lächelte selig angesichts zweier Gefäße, denen ein köstlicher Duft entwich.
   »Was ist dir lieber, Hei Sei, zu Deutsch: Japanische Gelassenheit, oder Ten, das bedeutet: Der japanische Weg zum Paradies?« Robert grinste.
   »Das Paradies.«
   Sie hatten das Hauptgericht größtenteils hinter sich gebracht, als Katharina aufsah. »Na ja, und Maja ist auch kein einfacher Fall.«
   Er bemühte sich, den Aussetzer seines Herzschlags zu ignorieren. »Ach ja, weshalb denn?« Weiterkauen.
   »Es sind komische Verhältnisse zu Hause bei denen. Das Mädchen ist zu bedauern. Im Grunde ist Maja in Ordnung, aber sie lebt in einer merkwürdigen Familie. Ihre Mutter ist verstorben, der Vater nie zu Hause, arbeitet oft im Ausland. Der ältere Bruder schmeißt den Laden, er musste deshalb früher von der Schule abgehen, ohne Schulabschluss. Er kümmert sich um alles, du wirst ihn vielleicht auf dem Elternabend kennenlernen.« Sie lehnte sich leise ächzend zurück. »So, jetzt reicht es. Ich habe genug gegessen. Mehr geht nicht.«
   Robert war noch damit beschäftigt, den Adrenalinstoß, den Majas Name hervorgerufen hatte, zu neutralisieren. »Das klingt doch nicht so schlimm, solange sich überhaupt jemand um sie kümmert.«
   Sie lächelte ihn bedeutungsvoll an, während sie den Bauch mit kreisenden Bewegungen massierte. »Warte mal, bis du den Bruder gesehen hast.«
   Robert versuchte lieber nicht, sich Majas älteren Bruder vorzustellen. Er schob den Teller zurück. »Was meinst du mit ‚kein einfacher Fall‘? Gab es irgendwelche Probleme mit ihr in der Schule?«
   Die Schülerakte hatte nichts Interessantes oder Auffälliges preisgegeben. Abgesehen von einer Vollmacht, die Majas Bruder Heiko ermächtigte, den »absenten Vater in der Ausübung der elterlichen Sorge für Maja zu vertreten«.
   »Nicht direkt. Jedoch finden viele Kollegen den Umgang mit ihr schwierig. Sie ist psychisch labil. Und natürlich hängen die ganzen Jungs an ihr dran, ein ganzer Fanklub. Bei den Mädchen macht sie das nicht unbedingt beliebt, da hat sie umso mehr zu kämpfen.«
   Soso, die Jungs interessierten sich für Maja, das wunderte ihn keineswegs. Angenehm war der Gedanke dennoch nicht. Aber psychisch labil? Diese Vorstellung war irritierend. Darüber hinaus hatte er ein schlechtes Gewissen, ständig mit Katharina über Maja zu sprechen, bloß weil er am liebsten alles Wissenswerte über sie in Erfahrung gebracht hätte.
   »Hör mal.« Er nahm über den Tisch Katharinas Hand. »Jetzt haben wir genug über Schule geredet. Es gibt schließlich noch andere Dinge im Leben, die mindestens genauso wichtig sind. Möchtest du ein Dessert? Ich habe Eis da. Oder lieber nur einen Espresso?«
   »Eher noch einen Schluck Wein, aber den könnte ich ja auf die Tour durch deine restliche Wohnung mitnehmen, nicht wahr? Mindestens ein Zimmer hast du mir bisher nicht gezeigt.« Sie grinste.
   Robert mochte ihre offensive Art, ihm ihre Bereitschaft zum Sex zu signalisieren. Das machte es herrlich einfach, ohne sich mit moralischen Bedenken herumschlagen zu müssen.
   Seit der ersten Begegnung mit Maja hatte er eine Art psychische Dauererektion, die ihm in regelmäßigen Abständen Stromschläge im Unterleib versetzte. Die Erörterung Majas im Gespräch hatte ein Übriges getan. Er war bereit.
   An der Hand zog er Katharina durch die Wohnung ins Schlafzimmer und bugsierte sie so sanft wie möglich auf sein Bett, schob ihre Bluse nach oben und bedeckte die Brüste mit Küssen. Dann tastete er sich ohne große Umwege zwischen ihren Beinen nach oben. Sie fühlte sich bereits ein wenig feucht an. Er ließ sich schwer auf sie niedersinken.
   »Robert, du bist ja heiß heute.«
   Robert antwortete nicht. Wenn nur die vage Möglichkeit bestand, dass er sein inneres Gleichgewicht durch exzessiven Beischlaf mit Katharina zurückgewann, würde er sie nutzen. Notfalls die ganze Nacht hindurch, selbst wenn sein Ejakulat am Ende bloß noch aus warmer Luft bestand.

*

Ich wusste gestern die ganze Zeit, was die Drecksau will. Beim Bedienen hat er mich ständig beobachtet.
   Dann ging es runter in den Keller. Ich hab immer Angst, dass er mich darin einschließt.
   Er wollte wieder, dass ich seinen Schwanz lutsche. Ich musste fast kotzen. Er sagte, ich sei eine Nutte, weil ich es mit Tim gemacht habe. Woher weiß er das? Tim ist so was von mies! Erst will er was und dann erzählt er es der Drecksau.
   Die Drecksau sagt immer, ich bin schuld an allem. Kann sein.

*

Am nächsten Morgen in der Pause setzte sich Katharina zu ihm. Sie hatten nicht viel zu erzählen, erst wenige Stunden zuvor hatten sie sich voneinander verabschiedet, vor Katharinas Haustür.
   Es war eine leidenschaftliche Nacht gewesen, die sie körperlich erschöpft hatte. Katharina war augenscheinlich glücklich über die Entwicklung, die sich zwischen ihnen anbahnte, während Robert sich vollkommen leer fühlte und in Grübeleien versank.
   Wie sollte es weitergehen? Katharina war eine faszinierende und sehr attraktive Frau. Eine Beziehung mit ihr könnte viele seiner Probleme auf einen Schlag lösen, soviel war sicher. Sollte er einfach versuchen, das zu lieben, was ihm guttat?
   Leichter gesagt als getan.
   Abgesehen von Katharinas Ehemann, dessen Wiederkehr ihre Affäre spätestens zu einem Ende bringen würde, zweifelte Robert daran, dass er sich dauerhaft für Katharina begeistern könnte. Das freilich lag weniger an Katharina als an seiner verfluchten Neigung.
   Eine zunehmende Anspannung ergriff von ihm Besitz, der Sportunterricht rückte näher.
   Warum kann uns der Verstand bei unseren Leidenschaften nicht gezielter in zukunftsfreundliche Bahnen lenken?
   Er griff nach der Sporttasche. »Wir sehen uns später.«
   Sie nickte, ein Gähnen unterdrückend.

Er betrat die Turnhalle und winkte die Schüler herbei, die sich in einen Kreis um ihn herum auf den Boden setzten.
   »Wir spielen heute Volleyball.«
   Erfreute Ausrufe, größtenteils.
   »Zuerst wiederholen wir die Regeln. Wer kann anfangen?«
   Enttäuscht und erleichtert zugleich registrierte er, dass Maja als einziges Mädchen der Klasse einen kompletten, großzügig geschnittenen Trainingsanzug trug, der seinen verstohlenen Blicken nichts preisgab.
   Gut so, das regte seine Fantasie wenigstens nicht noch mehr an. Es war eh unerträglich heiß draußen.
   Er betrachtete sie unauffällig während des Spiels und bewunderte den Anblick ihrer athletischen Figur und ihrer leichtfüßigen Bewegungen. Zwischendurch erhaschte er einen Blick auf Maja, als sie im Geräteraum breitbeinig auf einem Lederbock wippte. Ihm brach sogleich der Schweiß aus. Wie gelenkig sie war.

Entgegen seiner Befürchtungen wurde nicht der Sportunterricht zur Herausforderung des Tages, sondern die Deutschstunde trug zur weiteren Verwirrung seiner Sinne bei.
   Maja trug einen kurzen orangefarbenen Cordrock, der den Blick auf schlanke und leicht gebräunte Beine preisgab. Ihr T-Shirt zeichnete die hoch angesetzten festen Brüste ab, die von zwei sich wölbenden Brustwarzen geziert wurden.
   Atemberaubend.
   Er zwang den Blick in eine andere Richtung. Immer schön locker bleiben.
   So ansprechend ihr Äußeres war, so seltsam zurückgezogen und müde wirkte Maja, passend zum ziemlich trüben Himmel.
   Er war irritiert. Es war beinahe so, als ob die Mitschüler und er Luft für sie wären.
   Selbst auf seine direkte Aufforderung hin vermochte sie, keine Antwort zu geben, sondern sah ihn entgeistert an. Offenbar hatte sie keine Ahnung, was augenblicklich im Unterricht geschah. »Ist alles in Ordnung, Maja? Fühlst du dich nicht gut?«
   »Ich bin müde«, antwortete sie mit halb geschlossenen Augen. »Hab nicht viel geschlafen.«
   Robert fühlte einen kurzen heftigen Stich bei der Vorstellung, dass sie womöglich den gestrigen Abend mit einem Jungen verbracht hatte, während er ständig darum kämpfte, seine Seele zu befrieden. »Kann ich dich nach der Stunde sprechen?« Er befahl mehr, als dass er fragte.
   Sie nickte, schuldbewusst, wie ihm schien.
   Während des restlichen Unterrichts ließen sie sich gegenseitig nicht mehr aus den Augen.
   Endlich nahm sie ihn wahr.

»Nun …« Er sah Maja an, die nach der Stunde vor ihm stand, ergreifend schön anzusehen mit der frischen Haut und den blauen Augen. »… findest du es hilfreich für deine schulischen Leistungen, wenn du so müde in die Schule kommst?«
   Der besorgt väterliche Tonfall, um den er sich bemühte, misslang völlig. Er rang um Selbstbeherrschung, so nah und persönlich waren sie sich bisher nicht gewesen.
   Die Ähnlichkeit mit ihr, mit dem Mädchen von dem Bild damals, war wirklich unglaublich.
   »Es tut mir leid, aber ich musste bei uns unten in der Wirtschaft helfen. Das wird manchmal spät.«
   Er hielt den Blick gebannt auf ihre vollen Lippen gerichtet, die sich beim Reden kräuselten und strafften, dabei die weißen Vorderzähne hervorblitzen ließen, sich schließlich schlossen und innehielten. »Wirtschaft?«
   »Wir haben doch die Gaststätte in Sumpfheim.« Maja blickte ihn erstaunt an.
   Dass jemand die Lebensumstände der anderen Dorfbewohner nicht aus dem Effeff kannte, schien ihr schwer nachvollziehbar.
   Robert hätte sich beinahe mit der Hand gegen die Stirn geschlagen. Er war wirklich ein begriffsstutziger Volltrottel. Maja Stoltze. Die Gaststätte zur stol(t)zen Sumpfheimerin war der gastronomische Betrieb ihrer Eltern, der ‚Laden‘, von dem Katharina gesprochen hatte. Maja wohnte in seinem Dorf, in dem alten Gutshaus.
   Moment, da war doch was. Ihre Eltern? »Wer verlangt das von dir?«
   Ihre Augen öffneten sich ein wenig mehr. »Ich muss zu Hause helfen. Das ist halt so.«
   »Soll ich mal mit deiner Familie reden? Die Schule sollte doch vorgehen, oder?«
   Ihre Augen weiteten sich und die Pupillen schossen nervös von links nach rechts. »Lieber nicht. Das würde nur Ärger geben. Es heißt immer, der Betrieb muss laufen.«
   Es gefiel ihm nicht, dass er sie in Bedrängnis gebracht hatte. »Okay, wie du willst. Du siehst allerdings tatsächlich ziemlich übernächtigt aus. Auf Dauer wird das vielleicht nicht gut gehen.«
   Sie schwieg.
   »Jetzt sollten wir uns beeilen. Die Pause ist gleich zu Ende.« Er griff nach seiner Tasche, ging zur Tür und hielt sie auf. Draußen folgte er ihr mit einigem Abstand.
   Schließlich wandte sie sich nach links und ging in Richtung Pausenhalle zum Trakt der Naturwissenschaften.
   Robert blickte ihr nach, bis sie um die Ecke bog.
   Sie war unbeschreiblich hübsch. Oder besser gesagt: schön, unbeschreiblich schön. Nein, auch das traf es nicht.
   Sie ist anbetungswürdig. Genau wie sie damals.
   Er war tatsächlich bis über beide Ohren in sie verliebt. Merkte das nicht jeder? Hatte Maja es nicht ebenfalls gespürt? Hoffentlich nicht. Dass er sich damit herumquälte, war bereits schwierig genug.
   Dann resümierte er still für sich: Sie hat im Familienbetrieb gearbeitet. Er als ihr Klassenlehrer hatte seine Bedenken im Hinblick auf ihr schulisches Fortkommen dazu geäußert. Punkt. Alles ganz korrekt.
   Wenn die Familie den Betrieb tatsächlich für wichtiger hielt als ihre Leistungen in der Schule, sollte er nicht intervenieren, beschloss er. Sonst wäre er am Ende schuld, wenn sie vorzeitig von der Schule abgehen müsste.
   Für ihn persönlich würde dies nämlich bedeuten, dass er erneut in seinen drögen Daseinszustand der letzten Zeit zurückfiele, der zwar ohne emotionale Tiefen gewesen war, aber auch ganz und gar ohne Höhen.
   In Gedanken versunken betrat er das Lehrerzimmer. Eventuell gab es auf dem heutigen Elternabend die Möglichkeit, das Thema anzusprechen.

Ein Mann im teuren Anzug steckte den Kopf ins Klassenzimmer.
   »Guten Abend, bitte kommen Sie herein«, rief Robert munter.
   Der Vater betrat den Raum und streckte Robert die Hand entgegen. »Sehr erfreut. Mein Name ist Lüher, ich bin der Vater von Daniel.«
   »Schönauer, mein Name. Es freut mich, Sie kennenzulernen. Bitte, suchen Sie sich einen Platz«, erwiderte Robert freundlich und schüttelte die Hand.
   Nach und nach füllte sich der Klassenraum, die meisten Teilnehmer waren Mütter, vermutlich Hausfrauen. Sie begrüßten sich gegenseitig, kannten sich offenbar fast alle. Robert begrüßte jeden Einzelnen persönlich und wurde neugierig beäugt.
   Schließlich gab es nur noch einen freien Platz.
   Wer fehlte? Robert musste nicht lange überlegen. Von Majas Familie war niemand anwesend.
   »Gut, wir sind fast vollzählig. Ich denke, wir fangen an.« Er hatte gerade die Tagesordnung vorgestellt, als die Tür geöffnet wurde und ein junger Mann den Klassenraum betrat.
   Er war um die zwanzig, hatte breite Schultern und wirkte insgesamt massig, wenn auch eher klein gewachsen. Kurz geschorene blonde Haare, kräftige Kieferknochen und stahlblaue Augen, die unruhig durch den Raum streiften. Ein attraktiver Bursche. Majas Bruder?
   Ohne ein Wort ließ er sich auf den letzten freien Stuhl fallen und lehnte sich abwartend zurück.
   Robert räusperte sich. »In Ordnung, beginnen wir zunächst gemäß der vorgestellten Tagesordnung mit der Darstellung des allgemeinen Leistungsstandes der Klasse.«
   Er begann, die verschiedenen Tagesordnungspunkte der Reihe nach abzuarbeiten. Unter dem steten Blick von Majas Bruder war es nicht einfach, sich zu konzentrieren. Warum wirkt er so gehetzt? Ein komischer Kerl. Typen wie er waren beim Kumite, dem Freikampf beim Karate, die leichtesten Gegner. Da konnte jemand einen Körper wie ein Preisboxer haben und in der Technik topfit sein, diese Art von Nervosität war eine Schwäche, die unausweichlich zur Niederlage führte. Die fünfte Karateregel lautete: »Gijutsu yori shinjutsu – Die Kunst des Geistes kommt vor der Kunst der Technik.«
   Auf dem letzten Turnier war Robert in Bestform zum Wettkampf angetreten, körperlich und mental. Er hatte Gegner um Gegner besiegt, bis zum Ende. Nur zu gern erinnerte er sich an das Hochgefühl nach dem Schlusskampf, das tagelang angehalten hatte. Er hatte sich wahrhaft unbesiegbar gezeigt und das Gefühl gehabt, sein Leben wieder unter Kontrolle zu haben.
   Das war vor den großen Sommerferien gewesen. Inzwischen hatte eine neue Zeitrechnung begonnen.
   Die alten Schwächen formierten sich neu, wenn auch bisher vergleichsweise zaghaft, wie alte Freunde, die nach einem Streit versöhnlich gestimmt waren, sofern man ihnen im Konflikt endlich nachgeben würde.
   Warum dachte er über Majas Bruder nach, als ob er sein Gegner wäre?
   Robert ärgerte sich über seine umherschweifenden Gedankenzüge. Offensichtlich fehlte es ihm selbst zurzeit fundamental an geistiger Disziplin.
   So würde er keinen Kampf gewinnen.

Die Fragen einzelner Eltern ebbten ab und es wurde ruhig im Klassenraum.
   »Gibt es weitere allgemeine Fragen von Ihnen, die wir heute Abend erörtern sollten?« Allmählich war Robert etwas abgekämpft.
   Nachdem sich niemand zu Wort meldete, erklärte er die Veranstaltung offiziell für beendet. Einige Eltern kamen an das Lehrerpult, um sich über den Leistungsstand ihrer Kinder zu erkundigen.
   Robert suchte Majas Bruder mit seinen Blicken, erhaschte aber lediglich einen kurzen Blick auf dessen breiten Rücken, während dieser zur Tür hinausging.
   Endlich waren die letzten Gespräche beendet und der Klassenraum lag verlassen vor ihm.
   Robert war erschöpft. Mit geschlossenen Augen ließ er den Abend Revue passieren.
   Es war insgesamt gut gelaufen, er war zufrieden, die Eltern vermutlich ebenfalls. Majas Bruder war die einzige Person am Abend gewesen, die ihn irritiert hatte.
   Schwer erhob er sich vom Stuhl und verließ die Schule.
   Auf dem Weg nach Hause, kurz nach der Ortseinfahrt in Sumpfheim, konnte er sich einen kleinen Schlenker an der Gaststätte vorbei nicht verkneifen.
   Ob er mal hineinsehen sollte?
   Lieber nicht. Der Bruder war wahrscheinlich dort, und dem wollte er ungern heute nochmals begegnen. Aber welch faszinierender Gedanke, dass Maja jetzt anzutreffen wäre. Um Himmels willen, was überlegte er da überhaupt? Er durfte es nicht. Fertig. Robert drückte entschlossen auf das Gaspedal, bevor er es sich doch noch anders überlegte.

*

Die Drecksau hat ein schlechtes Gewissen, guckt mich kaum an.
   Hab heute Morgen meinen kurzen Rock angezogen, bevor ich in die Schule gegangen bin. Meine Knie sehen ganz kaputt aus. Aber niemand hat was gesagt.
   Mein Mund schmeckt komisch. In Sport habe ich meinen Trainingsanzug angelassen, falls ich blute. Dabei war es so warm in der Halle.
   Der Schönauer hat gemeint, dass ich im Unterricht besser mitmachen müsse, nicht so müde sein dürfe. Ich hätte am liebsten gesagt: Sagen Sie das mal der Drecksau.
   Letzte Nacht konnte ich ja nicht schlafen! Hass!

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