„Staller hier. Guten Morgen, Frau Döllinger. Ich rufe an, weil – ja, ja, immer im Dienst! Frau Döllinger, Sie werden sich bestimmt schon gewundert haben, weshalb Ihr Gatte gestern Abend so lange in der Firma geblieben ist, genauer gesagt, weshalb er die ganze Nacht dort verbracht hat beziehungsweise es Ihnen so scheinen musste, als verbrüge … äh … verbrächte … Pardon? … Äh … ich wollte damit sagen, dass Ihr Mann letzte Nacht nicht nach Haus gekommen ist … Nein … Ja, da bin ich ganz sicher.“ Er lockerte seine Krawatte. „Frau Döllinger, Sie müssen jetzt ganz tapfer sein. Ihr Mann ist entführt worden!“ So kann’s kommen. Denn was tut der brave Bürger, wenn sich seine gesamten Ersparnisse bei einer obskuren Geldanlage in Luft aufgelöst haben? Er sinnt auf Wiedergutmachung. Und verspekuliert sich damit unter Umständen ein weiteres Mal, wenn sich auch die scheinbar todsichere Alternative als Flop erweist.

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ISBN: 978-9963-52-549-2

Seiten: 150

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Torsten Prawitt

Torsten Prawitt, geboren 1957, wechselte nach Geschichts- und Politikstudium mit Magisterabschluss vom gespaltenen Dasein als Nebenbei-Schreiber und Nebenbei-Student zur eindeutigen Existenz als ausschließlicher hauptberuflicher freier Autor. Er veröffentlichte nun noch mehr satirische und humoristische Texte in den Printmedien, einige Sammelbände u. ä. sowie als Kurzhörspiele in allen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten; schrieb außerdem viele Nummern für verschiedene Kabarett-Gruppen. Satirische Gedichte, Nonsensgereimtes und Ungereimtes kamen und kommen dazu. Darüber hinaus erscheinen immer mal wieder kriminelle und makabre Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien. In gemeinsamer ehelicher Autorenschaft mit Ute Haese entstanden außerdem mehrere Sachbücher sowie bisher zwei satirische Romane, nämlich „Die Enkelmacher“ und „Die Soßenhobel-Mafia“, die nach einem missglückten früheren Start bei Griff-ins-Klo-Verlagen inzwischen hier bei bookshouse neu erschienen sind. Ein weiteres Betätigungsfeld ist die Fotografie; auch dieses wird publizistisch in familiärer Teamarbeit beackert.

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Ute Haese

Ute Haese, geboren 1958, promovierte Politologin und Historikerin, war zunächst als Wissenschaftlerin tätig. Neben Fachveröffentlichungen verfasste sie zahlreiche journalistische Kommentare zu politischen und sozialen Themen sowie – teilweise gemeinsam mit ihrem Ehemann Torsten Prawitt – mehrere Sachbücher. Seit 1998 arbeitet sie hauptberuflich als freie Autorin und widmet sich inzwischen ausschließlich der Belletristik im Krimi- und Satirebereich sowie inzwischen zusätzlich der Fotografie. Wie die Protagonistin ihrer ersten Krimi-Reihe um die Fast-schon-Privatdetektivin Hanna Hemlokk schreibt sie außerdem als „Tränenfee“ unter mehreren Pseudonymen sogenannte abgeschlossene Liebesromane für diverse Frauenzeitschriften. In einer zweiten Krimiserie, die im Herbst 2013 bei bookshouse startete, bekämpfen Kriminaloberkommissarin Victoria Boll und ihr Team im fiktiven Döhlin an der Diller das Verbrechen. Ute Haese ist Mitglied bei den „Mörderischen Schwestern – Vereinigung deutschsprachiger KrimiAutorinnen", und im SYNDIKAT, der Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Hausse

»Scheiße!«
   Als würde er von den Schallwellen des ungehemmten Aufschreis davongetragen, segelte ein
   aufgerissener Briefumschlag unter dem bunten Sonnenschirm hervor, dessen kreisrundes Stoffdach aus der Vogelperspektive jede Sicht auf den Urheber versperrte.
   Milvus vermochte diese erste menschliche Äußerung, die er nach der Rückkehr aus dem südafrikanischen Winterquartier tief unter sich wahrnahm, nicht als Schimpfwort einzuordnen, und so stellte er sich auch nicht die Frage nach dem Anlass. Da er ohnehin nicht zu solchen Überlegungen neigte und optische Reize für ihn an erster Stelle standen, zog er weiter im majestätischen Gleitflug seine Kreise. Sie führten ihn in einem immer größer werdenden Radius über die ausgedehnte Reihenhaussiedlung mit ihren akkurat gemähten Rasenflächen, sorgfältig gepflegten Blumenbeeten, winzigen Gartenteichen, in denen Wasser speiende Nymphen oder sonstige Ab- und Ergüsse ihren pseudoantikisierenden Schauder verbreiteten, und hölzerne Gartenhäuser mit südstaatenartigen Verandavorbauten en miniature. Er segelte über kunstvoll arrangierte Ensembles aus Gartenzwergen, Plastikrehen und großnasigen Keramikmaulwürfen, holzschutzgetränkte Carports für gepflegte Klein- bis Mittelklassewagen, aufgemauerte Gartenkamine in sämtlichen Baumarktdesigns sowie alle nur denkbaren Variationen von Holzkohle-, Gas- und Elektrogrills.
   Während jedoch diese immobile, kleinbürgerliche Idylle ihm hoch oben am Himmel letztlich nicht das Geringste bedeutete, zollte er jeder irgendwie gearteten Bewegung am Boden zunächst höchste Aufmerksamkeit, um sie umgehend unter Nahrungsgesichtspunkten zu bewerten. Als absolut unwichtig, weil zu groß, hatte er innerhalb von Sekunden den Postboten eingeordnet, der jetzt das Ende der Straße erreichte. Anders sah es hingegen mit dem weißen Briefkuvert aus, das sich nach seinem torkelnden Segelflug inzwischen an einem leider nicht UV-beständigen und deshalb traurig verblassten Kunststoffkitz verfangen hatte. Doch nach wenigen Sekunden erkannte Milvus, dass auch dieses Objekt nicht essbar und somit für ihn uninteressant war. Denn naturgemäß sagte ihm weder die farbenprächtige fremdländische Briefmarke etwas noch weckten die ungewöhnliche Anrede Señ. Peter Pipke oder der Absender International Development Trust seine Neugier. So entschloss er sich nach einer letzten prüfenden Rundumschau, dieses überbaute Areal mit seinen handtuchgroßen Grünflächen zu verlassen und in einer Gegend mit angemessenerem Zuschnitt sein Jagdglück zu versuchen.
   Kurz darauf überflog er ein deutlich vielversprechenderes Gebiet: weitläufige, fast parkähnliche Grundstücke, auf denen imposante Villen von Reichtum und geschickten Steuerberatern zeugten. Gehegt und gepflegt von einer Armada dienstbarer Geister, präsentierte sich hier das Schaffen höchstbezahlter Gartenarchitekten in makelloser Perfektion. Um schwimmbadgroße Teichanlagen standen originalgetreue Repliken berühmter Kunstwerke, sauber geharkte, absolut unkrautfreie Wege führten zwischen exakt gestutztem Buschwerk und einzelnen mächtigen Laubbäumen zu meisterhaft verzierten edelhölzernen oder gusseisernen Teehäusern nach asiatischem Vorbild. Doppelgaragen als die kleinste Form zur Beherbergung des privaten Fuhrparks glichen in ihrer Ausgestaltung Wohnhäusern der gehobenen Mittelklasse und wirkten in diesem Umfeld trotzdem noch als zierliche Nebengebäude.
   Aus einem dieser Anwesen vernahm Milvus, während er nach seinen Nagern Ausschau hielt, in unregelmäßigen Abständen ein Geräusch, bei dem es sich diesmal zwar nicht um eine verbale Unmutsäußerung handelte, das üblicherweise jedoch trotzdem taktvoll ignoriert wurde. Er konzentrierte sich ohnehin lieber auf das eventuelle verräterische Piepsen eines unvorsichtigen Kleinsäugers statt auf die freigesetzten Winde eines menschlichen Verdauungstraktes.

1.

»Ach, Liebes, weißt du zufällig, wo die Aufnahme von gestern ist?« Heinz-Harald hatte erfolglos die Videos und DVDs im speziellen
   Medienschrank durchsucht und wandte sich nun Hilfe suchend an Susanne.
   Seine Frau saß noch am Tisch in der sogenannten Essecke des hallengroßen Wohnzimmers und warf ihm einen halb mitleidigen, halb vorwurfsvollen Blick zu. »Willst du nicht doch endlich etwas dagegen tun? Du hast nicht mal zu Ende gefrühstückt. Und in deinem Alter …«
   »Susanne, bitte.« Er verzog das Gesicht. »Es sollte Ausweis eines gewissen Niveaus unserer ehelichen Umgangsformen und praktizierter Toleranz sein, bestimmte Themen zu meiden. Außerdem weißt du genau, woran … woran es liegt.«
   Susanne zuckte gleichgültig mit den Schultern ihres teuren bordeauxfarbenen Designerkostüms und widmete sich wieder dem Frühstück. »Oben auf dem Schrank.«
   »Was?«
   Sie seufzte demonstrativ. »Ich sagte, die Kassette liegt oben auf dem Schrank. Du hast sie selbst gestern da hochgelegt, als Raoul und Chantal kamen.«
   Wortlos griff er nach dem gesuchten Objekt und schickte sich an, den Raum zu verlassen. An der Tür blieb er noch einmal stehen. »Du brauchst das überhaupt nicht so komisch zu betonen. Ich wollte nur nicht …«
   »… dass das kostbare Stück kaputtgeht, bevor du es abgeguckt hast. Weißt du, Heinz-Harald, die beiden sind zwar Performancekünstler …«, Susanne erhob die Stimme, als er mit einer Grimasse andeutete, was er sowohl von dieser Einschätzung als auch von einer solchen Beschäftigung an sich hielt, »… die in ihr Schaffen sehr eindrucksvolle Videoinstallationen miteinbeziehen, aber trotzdem hätten sie sich an deiner Kassette bestimmt nicht vergriffen. Allerdings sehe ich durchaus, wie rücksichtsvoll es schon von dir war, dass du die Sache diesmal ausnahmsweise nur aufgezeichnet hast und wir nicht alle mit zuschauen mussten. Davor hat uns wohl lediglich der Umstand bewahrt, dass du es nicht mehr wie früher im Fernsehzimmer machst. Denn sonst wären Raoul und Chantal nebst meiner Wenigkeit zweifellos in diesen ‚Genuss’ gekommen.«
   »Bloß weil du und deine engstirnigen Freunde – ach, was soll’s.« Heinz-Harald winkte resigniert ab.
   »So? Wer sieht denn hier wohl etwas eng? Du bist es doch, dem jedes Verständnis für kreatives Denken fehlt. Du weißt doch nicht einmal genau, was eine Performance ist.«
   »O doch.« Er richtete sich triumphierend auf. »Das ist die Gesamtrendite eines Gelddepots.«
   Susanne warf in gespielter Verzweiflung die Arme in die Höhe, wobei sie sitzend und ohne ein wallendes Gewand allerdings längst nicht den erwünschten dramatischen Bühneneffekt bei ihm erzielte. »Natürlich. Die Definition kennst du.«
   Heinz-Harald ließ betont auffällig seinen Blick durch den Raum schweifen. Nicht zum ersten Mal empfand er, obwohl ihm der Sinn für derartige Dinge weitgehend abging, wie er selbst wusste, den gewissen ästhetischen Bruch dieses Ambientes. Die nicht zuletzt dank einer sauteuren Innenarchitektin in angemessener Weise Wohlstand und gediegenen Geschmack repräsentierende Ausstattung kontrastierte schmerzlich mit den dilettantisch gemalten Bildern an den Wänden, die mit Sonnenuntergängen, Segelbooten und Berglandschaften typische Hobbykunstmotive endlos variierten. Auch die auf dem antiken Sideboard versammelten Töpferarbeiten verschiedenster Art harmonierten lediglich mit den missglückten Gemälden. »Immerhin bezieht sich meine Definition auf den Bereich, dem du es verdankst, ungetrübt deinen ‚künstlerischen Ambitionen’ nachgehen zu können, meine Liebe«, erklärte Heinz-Harald kühl, ehe er endgültig das Zimmer verließ.
   »Arsch«, hörte er seine Gattin zum Abschied noch hervorstoßen, ehe sie krachend in ihr Brötchen biss.

*

Dolores trat gerade aus dem Wirtschaftsraum, als Döllinger, eine altertümliche Videokassette leicht verkrampft in der Hand haltend, fast schon gehetzt den Flur entlangschritt. »Kann ich abräumen, Herr Doktor?«
   »Nein, äh, die gnädige Frau ist mit dem Frühstück noch nicht fertig.« In diesem Moment wirkte Dr. Heinz-Harald Döllinger in seinem maßgeschneiderten dunkelblauen Anzug keineswegs wie der Vorstandsvorsitzende von JedBam, dem größten börsennotierten Soßenhobelhersteller der Welt, sondern verkörperte mit seiner Mischung aus Unkonzentriertheit und Unsicherheit eher den klassischen Typ des im privaten Umfeld leicht überforderten Managers.
   Dolores bedachte zunächst die für einen Endfünfziger immer noch ungewöhnlich straffe Gestalt ihres Arbeitgebers und anschließend die Videokassette mit einem wissenden Blick. »Dann mach ich erst die Betten.«
   »Ja, tun Sie das.« Döllinger eilte weiter, stoppte aber noch einmal, den rechten Zeigefinger in der für ihn typischen Geste an den Nasenflügel gelegt. »Ach, Dolores?«
   »Ja, Herr Doktor?«
   »Keine Störung in der nächsten Viertelstunde.«
   Obwohl sie den Knicks nur andeutete, fiel er trotzdem eine Spur zu tief aus. »Sehr wohl, Herr Doktor.«

*

Mit einem Aufatmen schloss Heinz-Harald die WC-Tür hinter sich. Er hatte heute allerdings keinen Sinn für die vergoldeten Armaturen, die teuren Spielereien aus Chrom und Glas. Ebenso wenig konnte er sich in diesem Moment an der zweckmäßigen Ausgefeiltheit der übrigen Einrichtung erfreuen.
   Neben der eigentlichen Toilette war über dem Papierrollenhalter ein Telefon montiert, ein Regal bot zugriffsfreundlich Raum für mehrere Aktenordner, Firmenprospekte sowie andere betriebswirtschaftliche Unterlagen. An der Wand gegenüber dem Toilettensitz prangte ein riesiger Flachbildschirm.
   Etwas hektisch betätigte Heinz-Harald einen Druckknopf darunter, woraufhin sich eine Nische öffnete, aus der eine Video-DVD-Kombination herausfuhr. Er legte die mitgebrachte Kassette ein und wartete ungeduldig darauf, dass das Gerät wieder in seiner Versenkung verschwand. Sekunden später ließ er sich mit einem tiefen Seufzer auf die Brille sinken, tastete nach der Fernbedienung, die in einer Art Plastikhalfter an dem Regal mit den Aktenordnern hing, und startete das Video.
   »Dem Himmel sei Dank, es hat geklappt«, entfuhr es ihm, als in einer Bildschirmecke die Senderkennung CC – the Cash Channel bestätigte, dass es ihm am Vorabend tatsächlich gelungen war, den Rekorder wunschgemäß zu programmieren.
   Doch gleichzeitig spürte er neben der Zufriedenheit darüber wieder jenes beklemmende Angstgefühl, das ihn schon seit Monaten beim Betrachten seiner nach wie vor unstrittigen Lieblingssendung Share in your life begleitete und zweifelsfrei die Ursache seiner massiven Darmbeschwerden war. Auch diesmal litt er bereits in Vorausahnung dessen, was da gleich an schrecklichen Meldungen über Leben und vor allem Sterben auf dem Aktienmarkt über ihn hereinbrechen würde. Trotzdem konnte er nicht von seiner Leidenschaft lassen, auch wenn er dafür jedes Mal einen hohen vegetativen Preis zahlen musste.
   Während des Vorspanns – Aktienhändler, die ekstatisch die Arme in die Luft warfen, strahlende Broker beim Telefonieren, Menschen, die ihr Glück mit Aktienspekulationen gemacht hatten und sich nun alle Wünsche erfüllen konnten, steil nach oben zeigende Grafiken, positive DAX-Notierungen, florierende Unternehmen mit glücklichen Arbeitern und Angestellten –, begann Heinz-Harald wie hypnotisiert, rhythmisch auf seinem Sitz hin und her zu zucken und unbewusst den abgewandelten Text eines bekannten Gospels He’s Got the Whole World in His Hands, mit dem der Vorspann unterlegt war, leise mitzusingen.
   »We’ve got our whole fortune in our hand / the rule of shareholder value molds the land …« Er verstummte erst, als auch auf dem Bildschirm der Trailer endete und stattdessen Bernhard Grabstöcker, Börsenguru und unumstrittener Star bei CC, hinter seinem kanzelartigen Pult erschien.
   »Failing to plan means planning to fail.« Der charismatische Finanzmarktexperte mit den schlohweißen Haaren und dem dezenten Stehkragen hob trotz seines schweren Siegelrings mit telegener Leichtigkeit eine Hand und wies mahnend hinter sich, wo dieser Spruch formatfüllend eingeblendet wurde. »Willkommen, liebe Shareholdergemeinde. Nicht ohne Anlass habe ich meinem heutigen Wochenrückblick gerade diesen Satz vorangestellt. ‚Der Verzicht auf Planung ist die Grundlage jeder Pleite.’ Eine Banalität, so werden Sie vielleicht sagen und sich gelangweilt abwenden. Nein, schauen Sie her! Wenden Sie sich nicht ab, sondern öffnen Sie Ihre Herzen für ein Trauerspiel, gegen das jede griechische Tragödie zu einem heiteren Schwank mutiert.«
   Heinz-Harald stöhnte auf, als in der Rückprojektion der Schriftzug von JedBam sichtbar wurde, und gab erste, noch recht dezente Blähgeräusche von sich.
   »Schmerzenden Herzens müssen wir schon seit Längerem beobachten, wie ein Unternehmen, das in der Vergangenheit die Gnade ungebremsten Wachstums erfuhr, nun ebenso unaufhaltsam an Boden verliert.« Grabstöcker sandte durch die dicken Gläser seiner massiven Bifokalbrille einen besonders bedeutungsschweren Blick in die Kamera, was Heinz-Harald in seinem Büro-WC einige weitere erheblich weniger verhaltene Töne entlockte.
   »O Meister, sprich es nicht aus«, murmelte er mit zitternden Lippen.
   »Es geht um JedBam«, rief Ihre Deutungshoheit mit unheilschwangerer Betonung. »Ja, liebe Shareholdergemeinde, die Aktien des weltweit größten Herstellers von Soßenhobeln aller Art befinden sich seit Monaten auf einer rasanten Talfahrt. Rrrruschsch!« Der gnadenlose Analyst unterstrich diese lautmalerische Darstellung mit einer ebenso anschaulichen Armbewegung, die seinen gesamten Oberkörper mit überraschender Gelenkigkeit fast bis auf den Studiofußboden hinabzog.
   Heinz-Haralds leises Wimmern, begleitet von mehreren Verpuffungen, erfüllte das zwangsläufig nur wenig schallschluckende, weil voll verkachelte Badezimmer, als neben dem JedBam-Logo zusätzlich ein Foto eingeblendet wurde.
   »Unter der Leitung seines Vorsitzenden Dr. Heinz-Harald Döllinger«, fuhr Grabstöcker fort, nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte, nun in sachlichem Tonfall, »hat sich der traditionsreiche Konzern, vor mehr als hundert Jahren von Alois Schluppmeyer selig voller Zuversicht in Zauselstadt gegründet, zu einem echten Problemfall entwickelt. Wie wir alle wissen, kommt Hochmut vor dem Fall, und so wäre es pure Heuchelei, diese Entwicklung als schicksalhaftes Unglück darzustellen. Nein, sprechen wir es offen aus, liebe Shareholdergemeinde. Die Ursache für diesen Absturz liegt klar zutage, kein Mysterium verbirgt sich hinter diesem Menetekel, keine geheimnisvollen Kräfte sind am Wirken.«
   Eine gnadenlose Bildregie legte den Eingangsspruch wie ein Kainsmal über die Stirn des Porträts, während es Heinz-Harald auf seiner Brille schier zerriss.
   »‚Failing to plan means planning to fail.’ Wer nicht richtig plant, geht mit dem Arsch auf Grundeis. Die Malenga-Übernahme durch JedBam im vergangenen Herbst dokumentiert die Selbstgefälligkeit eines Unternehmens, das nach Jahren, ach, was sage ich, nach Jahrzehnten unglaublicher Erfolge jegliche kritische Eigendistanz verloren hat. In grenzenloser Hybris hatte man gemeint, sich auf einem firmenfremden Gebiet betätigen zu können, einem unbekannten Terrain, das so wenig mit dem Soßenhobelmarkt zu tun hat wie ein Chemielabor mit einer Frittenbude, obwohl es in beiden blubbert.«
   »Frittenbude«, wiederholte Heinz-Harald, wiederum untermalt von einem besonders heftigen Luftaustritt, fassungslos.
   »‚Erkenne dich selbst!‘, hätte man dem gesamten Management von JedBam zurufen mögen.« Bernhard Grabstöcker hatte die Hände in einer verzweifelten Geste emporgeworfen, ehe er in sich zusammensackte wie eine Marionette, der man die Fäden durchschnitten hat. »Obwohl – es wäre vergeblich gewesen. Mahnende Worte hätten nichts bewegt, denn aus einschlägigen Kreisen drang diese dunkle Kunde an unser Ohr: Dr. Döllinger, so munkelt man, habe sich zwar entschieden gegen diese Ausweitung der Aktivitäten gewandt, letztlich aber dem Druck seiner Vorstandskollegen nachgegeben. Er wusste es besser und tat doch das Schlechtere.« Wieder fuhren die Analystenarme in die Höhe. »Und so kam die Strafe über JedBam, und es regnete Negativrekorde, und finster ward es in den Bilanzen. Ja, liebe Shareholdergemeinde, hilflos müssen wir den Niedergang eines einstmals unangreifbar scheinenden Unternehmens mit ansehen, und nur ein Wunder kann diesen Abwärtstrend noch aufhalten.« Grabstöcker verharrte mit Leichenbittermiene, bis sich hinter seinem Rücken die Illustrationen zum Thema JedBam aufgelöst hatten. Dann begann er, wie ein Honigkuchenpferd zu strahlen. »Ganz anders dagegen die Entwicklung bei dem jungen aufstrebenden …«
   Heinz-Harald schaltete den Rekorder aus und starrte vornübergebeugt vor sich hin. Er veränderte seine niedergeschlagene Haltung auch nicht, als es an der Tür klopfte.
   »Herr Doktor? Ich weiß, Sie wollten nicht gestört werden, aber die gnädige Frau lässt bestellen, dass die Vernissage bei Aglos in einer halben Stunde beginnt.«
   Sein vegetatives Nervensystem reagierte laut und heftig.

2.

»Nein, Ilona, du kommst nicht mit.« Peter wollte den Hund ins Haus zurückschieben, aber der entwand sich mit einer eleganten Drehbe-
   wegung dem Zugriff und stürmte hechelnd in Richtung Carport, wo er sich erwartungsvoll neben die sichtbar in die Jahre gekommene Mittelklasselimousine setzte. »I-lo-na!« Mit einer befehlenden Geste wies Peter auf die Haustür. »Ab!«
   »Ilonaschätzchen, wir sind ja bald wieder da«, versuchte es Sabine mit einschmeichelnder Stimme.
   Doch weder männliche Autorität noch weibliche Sanftheit verfingen. Mit der wachen Aufmerksamkeit einer intelligenten Promenadenmischung, die Peter in diesem Moment jedoch überhaupt nicht zu würdigen vermochte, äugte Ilona zu ihren zweibeinigen Rudelmitgliedern herüber, ohne sich zu rühren.
   »Also gut.« Peter bedachte Sabine mit einem Blick, als trüge sie die Schuld an ihrer sturen Hausgenossin. Behutsam stellte er eine prall gefüllte Plastikeinkaufstüte auf dem Boden ab und zog sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche. »Fünfzig Cent.« Er nahm die Münze und warf sie, von Ilona kritisch beobachtet, in den Schlitz am Kopf des sitzenden Kunststoffhundes neben der Haustür. »Und jetzt …«
   Ilona eilte herbei, schnüffelte kurz an ihrer Spardose, aus der sie unter anderem ihre Hundekekse finanzierte, und verschwand folgsam im Flur.
   Kopfschüttelnd schloss Peter die Haustür ab, ehe er sich wieder die Tüte schnappte. »So, dann können wir endlich …« Er brach ab, als Sabine ihm warnend die Hand auf den Arm legte.
   »Krauslowski«, raunte sie kaum wahrnehmbar.
   Er folgte ihrer unauffälligen Kopfbewegung. Im absolut makellosen Vorgarten des Nachbargrundstücks besserte der hagere Mittsiebziger mit einem winzigen Pinsel kleinste Lackschäden an einem Pfosten des trennenden Zauns aus.
   »Wir schleichen uns von hinten ans Auto«, flüsterte Peter.
   Sabine nickte zustimmend. Vorsichtig bewegten sie sich auf ihr Ziel zu.
   »’n Abend.«
   Sie zuckten zusammen, als der fordernde Gruß ihnen militärisch knapp entgegengeschleudert wurde, und blieben pflichtschuldig stehen.
   »Oh, guten Abend, Herr Krauslowski«, flötete Sabine mit gekünstelter Freundlichkeit und schob sich nervös eine Strähne hinters Ohr. Gegen den akkuraten Haarschnitt ihres Gegenübers, der seine hundertprozentige Entsprechung in den sauberen Rasenkanten fand, war ihre halblange Pagenfrisur fast schon die wilde Mähne eines männermordenden Vamps. Sie versetzte Peter einen auffordernden Stoß.
   Er bemerkte, dass er seine freie Hand unbewusst an die Hosennaht gelegt hatte, und hob sie schnell zu einer angedeuteten Begrüßung. »Guten Abend, Herr Krauslowski«, echote er etwas verspätet und bemühte sich vergeblich, seine Anspannung zu unterdrücken.
   Der Nachbar ließ den Pinsel sinken. »Na, noch im Lande? Sonst ging’s um diese Zeit ja immer ab in den Süden. Sie haben doch Urlaub, oder?« In der Frage schwang unüberhörbar ein Hauch von Vorwurf mit.
   »Ja, aber ich, äh …« Trotz seiner zweiundvierzig Jahre fühlte sich Peter plötzlich wie ein kleiner Junge.
   »Wir haben beschlossen, diesmal zu Haus zu bleiben«, sprang Sabine für ihn ein, obwohl sie wussten, dass der ehemalige Leiter der Materialausgabe bei einer Saatgutproduktionsanlagenfirma das Gespräch mit einer Frau im Prinzip für absolute Zeitverschwendung hielt.
   »Kann ich verstehen.« Krauslowski nickte. »Da hat man endlich mal Zeit, all die liegen gebliebenen Kleinigkeiten zu erledigen.«
   Er sah in unmissverständlicher Weise zu ihrer Haustür hinüber, was Peter unwillkürlich dazu brachte, sie seinerseits mit dem kritischen Ansatz eines Fremden zu betrachten. Neben dem Eingang hing über der Hundespardose ein getöpfertes Keramikschild mit dem Text ‚Hier wohnen Sabine, Peter, Fabian und Tabea Pipke mit Ilona‘. Darunter war reichlich lieblos und ebenso schief ein schäbiger Pappstreifen mit der Ergänzung ‚und Hermann Pipke‘ geklebt worden. Sonnenlicht und Regen hatten ihm heftig zugesetzt, aber es reichte noch aus, um zu erkennen, dass die Schriftzüge eine gewisse Aggressivität ausstrahlten.
   Der Rentner richtete das Augenmerk wieder auf Sabine und Peter, deren Ungeduld er souverän ignorierte. »Ist mir früher auch so gegangen, als ich noch im Dienst war. Zwei, drei Tage ausspannen – na gut. Aber dann kribbelt’s einem wieder in den Fingern. Irgendwas ist an so einem Haus ja immer zu machen.«
   »Wohl wahr.« Peter seufzte, nachdem er erkannt hatte, dass an ein kurzfristiges Entkommen nicht zu denken war.
   »Hatten Sie nicht beim letzten starken Regen Probleme?«
   In der Tat ließen sich die massiven Schäden an einer Reihe von Dachziegeln, die für die Undichtigkeit verantwortlich gewesen waren, nicht übersehen.
   »Da ist damals am falschen Ende gespart worden«, verkündete Krauslowski tadelnd. »Ich sag ja immer – auf Dauer zahlt sich das nicht aus. Sie sollten den ganzen Krempel runterschmeißen und neu decken lassen.«
   Peter tauschte mit Sabine einen eigentümlichen Blick, den ihr Nachbar allerdings falsch deutete.
   »Ich weiß, ich weiß, ist nicht billig. Da zögert man schon. Aber dafür brauchen Sie sich die nächsten dreißig Jahre keine Sorgen mehr zu machen.« Er widmete sich wieder der Feinstarbeit an seinem Zaunpfosten.
   »Das … äh …« Peter holte tief Luft. »Wir werden das vielleicht noch diesen Sommer in Angriff nehmen.«
   Krauslowski schielte über seine Brille hinweg auf einen kaum sichtbaren Kratzer. »Na, wollen wir hoffen, dass die Sache nicht zu viel Staub aufwirbelt.«
   Wieder sahen sich Peter und Sabine beklommen an.
   »Tja, wir … wir werden uns dann mal auf den Weg machen«, sagte sie mit aufgesetzter Lockerheit.
   »Wo soll’s denn hingehen?«, erkundigte sich Krauslowski, ohne den Blick von seinem Pfosten zu lösen. »Noch schnell in den Baumarkt?«
   »Ja, äh … nein, äh … wir, äh …« Peter verstummte.
   »Wir sind bei Freunden eingeladen«, antwortete Sabine mit fester Stimme.
   Wortlos musterte Krauslowski ihre alten Jeans und derben Pullover.
   »Zu einem Grillabend. Ganz rustikal.«
   Peter hob seine Plastiktüte etwas an. »Jeder bringt was mit.«
   »Na, denn man viel Spaß.« Krauslowski hatte sich bereits wieder auf seinen Pfeiler konzentriert.

3.

»Ganz normal und unauffällig losfahren«, mahnte Sabine, als sie die Einfahrt hinunterrollten, und winkte Krauslowski zum Abschied mit
   einem bemühten Lächeln zu.
   Der erwiderte den Gruß gleichgültig, indem er lediglich die Hand mit dem Pinsel leicht anhob.
   In angespanntem Schweigen durchquerten sie das Stadtzentrum. Es herrschte wenig Verkehr um diese Zeit. Für die Berufspendler war es schon zu spät, und darüber hinaus nutzten an einem Freitag natürlich alle Arbeitnehmer, die es irgendwie einrichten konnten, die Gelegenheit, um das Wochenende etwas früher zu beginnen. So kamen Peter und Sabine gut voran, auch wenn er es mehrfach schaffte, den Motor an der Ampel abzuwürgen.
   »Nun reiß dich doch zusammen«, zischte Sabine ungehalten. »Wenn du so weiterfährst, ist es nur eine Frage der Zeit, bis uns der nächste Bulle hopsnimmt.«
   Peter sah seine Frau verblüfft an. »Ich hab dich noch nie so …«
   »Pass auf!«
   Ein alter Mann hatte am Straßenrand seinen Krückstock wie das Heilige Schwert in die Luft gestochen und war nach diesem Fanal ohne zu zögern auf die Fahrbahn getreten.
   Mit quietschenden Reifen brachte Peter den Wagen im letzten Moment zum Stehen. Der betagte Artus schien kurz zu überlegen, ob er seine Langwaffe als erzieherische Maßnahme auf die Motorhaube knallen sollte, entschied sich aber dagegen und setzte stattdessen seinen Weg empört vor sich hinbrummelnd fort.
   »Das hätte uns gerade noch gefehlt«, sagte Sabine vorwurfsvoll. »Konzentrier dich endlich!«
   »Was muss der Opa um diese Zeit auch hier herumtapern«, gab Peter unwillig zurück, während sie ihre Fahrt fortsetzten. »Der gehört längst vor den Fernseher.«
   »Du solltest nicht immer von deinem Vater auf andere alte Menschen schließen.«
   »So? Daran werde ich dich erinnern, wenn du dich mal wieder pauschal über das ‚Fressverhalten seniler Gebissträger’ auslässt, obwohl er …«
   »Wer muss denn Hermanns bekleckerte …«
   Sie verstummten.
   »Hast du auch nichts vergessen?«, fragte Sabine einlenkend.
   Peter deutete auf die Plastiktüte auf dem Rücksitz. »Alles dabei. Gesichtsmasken, Handschuhe, Pistole, Elektrokabel, Augenbinde, Klebeband, Schere, Nummernschilder – Himmel, die Nummernschilder!«
   Sabine stieß einen Schreckensruf aus, als er das Auto mit einem gewagten Schlenker auf den fast leeren Parkplatz eines Supermarktes steuerte. Lediglich die Fahrzeuge einiger Anwohner aus der näheren Umgebung, die das Areal in Ermangelung anderer Möglichkeiten über Nacht als kostenlosen Stellplatz nutzten, waren weitläufig über das Gelände verteilt.
   Mit leicht unkoordinierten Bewegungen schob sich Peter aus dem Wagen und huschte zum Heck. »Jetzt«, raunte er, nachdem er sich verschwörerisch umgesehen hatte. Aus der spaltbreit geöffneten Beifahrertür reichte Sabine roboterartig die Plastiktüte heraus. Nach einem zweiten prüfenden Blick über die Schulter schlich Peter gebückt zu ihr hin, ergriff unter mehrmaligem nervösen Umschauen den Beutel und kehrte ebenso geduckt zum Fahrzeugheck zurück, wo er sich niederkniete.
   Von Sabine mit angespannter Miene im Rückspiegel beobachtet, zog er aus dem Kunststoffbeutel ein aus Pappe gefertigtes Nummernschild hervor. Erst nach zähem Kampf mit einer widerspenstigen Klebebandrolle gelang es ihm, das neue Kennzeichen über dem Original zu befestigen.
   Nachdem er mit kaum geringeren Problemen auch an der Frontseite den Wechsel vorgenommen hatte, warf er sich mit einem erleichterten Stoßseufzer wieder auf den Fahrersitz. »So, das wäre geschafft.« In einem Anfall plötzlich aufkeimender Dynamik schleuderte er die Plastiktasche auf die Rückbank und startete den Motor. »Weiter geht’s.«
   Schwungvoll ignorierte er die Bodenschwelle an der Parkplatzausfahrt und schoss wieder auf die Straße hinaus.
   Sabine knetete nervös ihre Finger. »Du bist wirklich ganz sicher, dass Dr. Döllinger um diese Zeit noch in seinem Büro … äh … aktiv ist?«
   »Und wie aktiv.« Peter grinste anzüglich. »Das wissen alle bei JedBam. Jeden Freitagabend …«, er versuchte, eine ebenso coole wie schmierige Miene aufzusetzen, »… schiebt der Herr Vorstandsvorsitzende in seiner Sekretärin Überstunden, hähähä.«
   »Peter!«
   Hastig korrigierte er seine Gesichtszüge. »Na, jedenfalls ist um diese Zeit niemand sonst im Haus. Ich bin seit fünfzehn Jahren in der Revisionsabteilung, und in dem Punkt hat sich nie etwas geändert. Glaub mir doch endlich – da kann nichts schiefgehen.«
   »Genug Arbeit haben wir in die Vorbereitungen ja auch reingesteckt«, meinte Sabine.
   »Eben! Überleg mal, wie lange du allein an den Wollmützen gestrickt hast.«
   »Und deine Mühe mit den Nummernschildern.«
   »Du hast die ganze Dachkammer noch mal durchgeputzt.«
   »Und du das Auto gesaugt.«
   »Ganz abgesehen von den Unkosten.«
   »Du meinst das Klappbett und die Zahnbürste.«
   »Vergiss nicht das Chemieklo. Und seriöserweise sollte man auch das obere Bad wenigstens zum Teil mitrechnen, selbst wenn wir es damals nur für Hermann ausgebaut haben. Aber spätestens jetzt hätten wir es auf jeden Fall machen müssen.«
   »Stimmt, da hast du recht.« Sie schüttelte verwundert den Kopf. »Unglaublich, was da alles zusammenkommt. Davon macht man sich zu Anfang überhaupt keine Vorstellung. Hätten wir das geahnt … Na, wäre auch egal gewesen. Nachdem das mit unserem Aktienfond passiert war, mussten wir ja was unternehmen.«
   »Diesen sogenannten Anlageberater bei der Sparkasse werde ich mir trotzdem noch mal vorknöpfen. ‚Steigen Sie jetzt ein. Das ist eine solide Sache.’ Ha!«
   »Vielleicht hättest du doch besser auf ihn gehört und das Geld nicht stattdessen in diese Geschichte auf den Antillen gesteckt«, wandte Sabine zaghaft ein.
   »Sag ich ja«, erwiderte Peter. »Wenn der Mann seinen Job verstehen würde, hätte er mich nämlich überzeugt. Aber eine ‚solide Sache’? Da weiß man doch sofort, dass der mickrige Wertzuwachs höchstens den Inflationsverlust ausgleicht. Wenn überhaupt. Das klang bei diesem International Development Trust ganz anders.«
   »Und das Inserat erschien in einer seriösen Zeitung.«
   »Eben. Wir haben uns da überhaupt nichts vorzuwerfen.«
   »Aber das Geld ist trotzdem futsch«, resümierte sie und seufzte.
   »Genau das ist die Sauerei!« Peter wies erneut auf die Rückbank. »Deshalb holen wir es uns zurück. Mit einer angemessenen Rendite.« Er tätschelte ihr das Knie.
   Nachdenklich begann Sabine, an ihrer Unterlippe zu nagen. »Wo Krauslowski das schon wieder erwähnte – wir brauchen auch noch was für das Dach. Was meinst du, wie viel das kosten wird?«
   Peter überlegte. »Oh, … puh … ich fürchte, da liegt er gar nicht so daneben. Das wird nicht billig. So mindestens … doch … da muss man wohl mit einigem rechnen.«
   »Dann verlangen wir lieber gleich ein bisschen mehr. Immerhin geht schon ein ganzer Teil für den Urlaub und die Anschaffungen und so weg.«

Es dämmerte bereits stark, als sich vor ihnen endlich die Konzernzentrale von JedBam in ihrer gläsernen Pracht erhob. Mit einem triumphierenden Brummen machte Peter Sabine auf das einzige erleuchtete Bürofenster in der obersten Etage aufmerksam und bog in die Zufahrtstraße ein.
   Eine Schranke versperrte den Eingang zur Tiefgarage, doch nachdem er seine Chipkarte in den Automaten eingeführt hatte, gab sie den Weg frei.
   »Voilà!« Peter trat das Gaspedal durch und ignorierte in seiner aufgekratzten Stimmung auch diesmal die Bodenschwelle, die für eine angemessene Geschwindigkeit der einfahrenden Autos sorgen sollte. Es herrschte gähnende Leere in der unterirdischen Halle, die im Widerspruch zu allen Energiesparbekundungen von der kompletten Alltagsbeleuchtung erhellt wurde. Peter ließ den Wagen in gemäßigtem Schritttempo an den extra ausgewiesenen Besucherparkplätzen vorbeirollen, bis sie in den Angestelltenbereich gelangten.
   »So, da wären wir.« Er schaltete den Motor aus, atmete tief durch und blieb reglos sitzen.
   »Peter …«
   Er fuhr zusammen. »Keine Namen mehr, Sab… Mutti!« Stöhnend langte er nach der Plastiktüte und kramte eine Wollmütze hervor, die er ihr reichte. »Nummer eins.«
   Mit ungeschickten Bewegungen zog sich Sabine die Tarnhaube über den Kopf, sodass nur noch ihre unruhig flackernden Augen durch die beiden sorgfältig umsäumten Sehschlitze zu erkennen waren.
   »Nummer zwei.« Ein Paar Handschuhe folgte, das sie sich ebenfalls leicht zittrig überstreifte.
   Nachdem er sich ebenso ausstaffiert hatte, gab Peter ihr – »Und Nummer drei.« – eine Schere, die sie wie einen rettenden Strohhalm umklammerte. Als Letztes nahm er eine Pistole aus der Tüte und steckte sie sich mittig in den Hosenbund.
   »Sei bloß vorsichtig mit dem Ding. Wenn sich so ein Schuss löst …« Sie klang besorgt.
   »Keine Angst. Die ist doch nur Attrappe.« Noch einmal versuchte er ein verführerisches Machogrinsen, ehe ihm einfiel, dass das unter dem Wollstoff völlig sinnlos war. »Im Gegensatz zu dem Teil, dem offenbar deine Befürchtungen gelten … Mutti!« Kraftvoll stieß er die Fahrertür auf, um sich filmreif wie ein amerikanischer Serienheld hinauszuschwingen.
   »Pet… Vatti?«
   Er verharrte mitten in der Bewegung. »Ja?«
   »Was isst er eigentlich gern, dein Dr. Döllinger?«
   »Was er …?« Peter sank in seinen Sitz zurück und atmete tief durch. Dann fixierte er Sabine durch die Wollschlitze mit maskuliner Entschlossenheit. »Dr. Döllinger wird essen, was bei uns auf den Tisch kommt. Basta!« Er stieg endgültig aus.
   »Mm, ja«, sinnierte Sabine, während sie seinem Beispiel folgte. »Nudeln könnte ich machen. Vielleicht mit Tomatensoße. Oder auch mal mit Hackfleisch.« Sie drückte die Tür ins Schloss. »Und wenn was übrig bleibt, kann ich sie später aufbraten.«

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