Für seine Mitmenschen ist Lothar Serkowzki einfach nur der Loser. Außer seinem spießigen Kollegen interessiert sich niemand für den übergewichtigen Mittdreißiger, bei dessen Erschaffung der Schöpfer ein wenig geschlampt hat. Die Freizeit verbringt er daher mit den virtuellen Gespielinnen seiner Lieblingswebsite. Seine trostlosen Tage enden erst, als er sich in das Modepüppchen Bella verliebt. Die Schöne lässt sich von ihm allerdings nur aushalten, bevor sie ihn eiskalt abblitzen lässt. Frustriert zieht er nach der Abfuhr durch die Bars und landet schließlich in einem Swingerclub. Aber statt der erhofften Orgie mit paarungswilligen Nymphomaninnen erwartet ihn dort nur eine aus dem Korsett quellende Rubensfrau. Dafür endet sein erster Besuch in einem Fitnessstudio wie geplant in einem fremden Bett. Leider steht es nicht im Appartement einer jungen Sportlerin, sondern in einem städtischen Krankenhaus. Dort lernt er die mollige Nachtschwester Elisabeth kennen, die er nach seiner Entlassung unbedingt wiedersehen möchte. Wird die lebenslustige Frau seiner überstürzten Einladung zu einem Rendezvous im Morgengrauen folgen? Oder wird er weiterhin einfach nur ein Loser sein?

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ISBN: 978-9963-727-28-5

Seiten: 251

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Florian Gerlach

Florian Gerlach
Aufgewachsen bin ich in einer kleinen Stadt in Norddeutschland. Nach dem Abitur habe ich eine Ausbildung zum Buchhändler absolviert und im Anschluss daran ein Studium in München aufgenommen. Später habe ich in der Buchsparte eines Konzerns gearbeitet. Seit vielen Jahren lebe und arbeite ich in Oldenburg. Bücher haben mich mein Leben lang begleitet. Schon in frühen Jahren habe ich eigene Texte in die Tastatur einer mechanischen Schreibmaschine gehämmert. Warum ich seit vielen Jahren schreibe? Weil ich einfach nicht anders kann. Was ich möchte? Einfach nur eine gute Geschichte schreiben. Immer wieder.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1.
Loser

Montagmorgen. Wenn es so etwas wie die Hölle wirklich gibt, dann öffnet sie ihre Pforten um genau 6:23 Uhr mit einer gegen jedes Menschenrecht verstoßenden akustischen Folter. Mein Wecker klingelt. Mühsam wühlt sich meine rechte Hand unter der Bettdecke hervor. Wie so oft verfehle ich auch heute den Schalter der Schlummerfunktion um wenige Millimeter. Meine Hand zollt der Schwerkraft ihren Tribut und knallt gegen den Bettrahmen. Mein Schmerzensschrei wird von dem Piep-Piep-Piep des schwarzen Kastens übertönt, das nach wenigen Sekunden in einen lang gezogenen Heulton übergeht. Wie immer begrüße ich den Tag mit einem fröhlichen Scheißwecker auf den Lippen. Ich erwische die blöde Taste beim zweiten Versuch. Das Folterinstrument verstummt.
   Mit einem leisen Stöhnen drehe ich mich auf den Rücken und blinzle in das grünliche Licht, das durch die halb zugezogenen Vorhänge in den Raum fällt. Die Ampel vor meinem Fenster im ersten Stock hat gerade umgeschaltet. Motoren jaulen auf, als sie von ungeduldigen Autofahrern wie schlafende Hunde getreten werden. Wie jeden Morgen quäle ich mich bei der dritten Grünphase aus dem Bett und tapse an mein Fenster. Durch einen Spalt im Vorhang sehe ich auf die Kreuzung. Der Verkehr brandet unfallfrei an meinem Haus vorbei. Enttäuscht latsche ich ins Badezimmer. Meine Blase muss dringend entleert werden.
   Praktischerweise ist der Deckel meiner Toilette immer hochgeklappt. Zudem pinkle ich auch immer bei runtergelassener Klobrille. Meistens schaffe ich es ohne störende Spritzer. Aber heute ist nicht meistens. Heute ist Montag. Mein Lieblingsspielzeug tropft etwas nach, als ich die Schlafanzughose auf den Boden fallen lasse. Zum Glück werden die Urintropfen vom verwaschenen Baumwollstoff meines Nachtgewandes aufgesogen.
   Im Spiegel begrüßt mich ein nacktes Michelin-Männchen mit dem Gesicht eines Kindes, dessen Körper irgendwann erwachsen geworden ist. Mein Oberkörper ist dabei leider eher in die Breite als in die Höhe gewachsen. Ohne Schuhe bringe ich es nur auf unbedeutende ein Meter siebenundsechzig.
   Ich nehme meinen Elektrorasierer von der Ablage und kratze mir den Flaum von den Wangen. Meine schmutzig blonden Haare hängen wie kalte Fritten in der Stirn. Nach der Rasur scheitle ich sie zur rechten Seite.
   Kurz nach meinem dreißigsten Geburtstag habe ich mir in einem Anfall von vorgezogener Midlife-Crisis ein sündhaft teures Shampoo gekauft. Aber trotz des glibberigen grünen Zeugs, das ich mir sechs Wochen lang in die Kopfhaut massierte, glänzt mein Schädel am frühen Vormittag bereits wieder wie ein in Öl eingelegter Champignon, über den sich auch niemand hermachen würde.
   Mein Aussehen ist ziemlich genau das Gegenteil von männlich-markant. Zum Glück haben sich in meiner Pubertät andere Organe ihren Bestimmungen nach entwickelt. Leider interessiert sich niemand aus der Spezies paarungsbereites Weibchen dafür.
   Großzügig verteile ich Aftershave der Marke MuscleFreak in meinem Gesicht und sprühe mir eine Ladung Deodorant unter jede Achsel. Dann klaube ich die Unterwäsche von gestern wieder auf und verstaue meinen besten Kumpel in seinem Feinripp-Versteck. Die Socken muffeln ein wenig, als ich sie über meine Füße ziehe, aber auch heute wird sich niemand vor mir auf den Boden werfen und sich über den leicht strengen Geruch beschweren.
   Mein Hemd hängt auf dem Bügel an der Duschstange. Als ich die dünnen weißen Knöpfe durch die engen Löcher friemle, fallen mir die Trauerränder unter meinen Fingernägeln auf. Am nächsten Wochenende werde ich wohl wieder eine Generalüberholung meines äußeren Erscheinungsbildes in Betracht ziehen müssen.
   Mein Arbeitsanzug hängt im Flur an der Garderobe. Ich stopfe einen halben Meter weißen Stoff in den Bund der grauen Hose und ziehe mir die vorgebundene Krawatte wie ein Henkersseil über den Kopf. Eines Tages werde ich mich mit dem Kulturstrick noch strangulieren.
   Meine Brille liegt auf der kleinen Kommode im Flur. Es ist ein billiges Kassengestell. Die Bügel drücken wie eine Klammer an meinem Kopf, als wollte sie mir irgendwann die Ohren absprengen. Hinter den dicken Gläsern verschwimmen meine blassblauen Augen zu einer unansehnlich ausgewaschenen Farbe. Zum Glück ist meine Nase klobig genug, um im Notfall statt meiner dunkelbraunen Hornbrille auch zwei Klobrillen tragen zu können.
   Beim Zubinden der Schuhe fällt mir meine Wampe entgegen. Mein Übergewicht stört mich nicht weiter, denn ein hübscher Junge war ich auch bei meiner Geburt vor vierunddreißig Jahren nicht. Dabei bin ich noch nicht einmal wirklich hässlich. Ich bin nur wie ein Nachtfalter, der sich in einem Schwarm bunter Schmetterlinge verirrt hat.
   Ich nehme den Regenmantel vom Haken und ziehe die Tür hinter mir zu. Lothar Serkowzki steht auf meiner Klingel. Aber niemand kennt mich unter diesem Namen. Seit die beiden Streber in der zehnten Klasse mit den Buchstaben meines Namens Scrabble gespielt und die ersten Silben zu einem neuen Begriff zusammengesetzt haben, bin ich einfach nur der Loser. Das klingt zugegebenermaßen irgendwie lockerer als Berschw oder Chrwe.
   Mit hochgezogenem Mantelkragen haste ich durch den Regen bis zur knapp dreißig Meter entfernten Bushaltestelle. Obwohl ich meinen Kopf wie eine Schildkröte in ihrem Panzer unter dem speckigen Kleidungsstück begrabe, rinnt mir das Regenwasser in den Nacken. Gesichtslose Gestalten quellen aus dem Unterstand wie Maden aus einem vergammelten Steak. Ich quetsche mich zwischen zwei alte Fregatten, die ich mit ihren Rollatoren ein wenig zur Seite schiebe.
   Ich kann mich an keinen Montag erinnern, an dem es in den letzten Wochen nicht geregnet hat. An einem anderen Wochentag auch nicht. Man sollte den November in Regenmonat umbenennen.
   Der Bus bringt mich zur U-Bahn-Station Langenweg. Nach drei Zwischenstopps spuckt mich die rollende Blechbüchse auf einen mit Graffitiweisheiten wie Tom hat den längsten oder Angie braucht es mal wieder verzierten Bahnhof.
   Eingekeilt zwischen Pendlern auf ihrer täglichen Wanderung in schlecht klimatisierte Büros trotte ich durch das Gedärm der Stadt. Die Luft in den weiß gekachelten Schächten stinkt nach altem Schweiß, Exkrementen und Gleichgültigkeit. Manchmal wabert eine Wolke billigen Parfüms durch den Mief. Aber auch der künstliche Wohlgeruch kann den säuerlichen Gestank des Erbrochenen nicht überdecken, in den ich gerade reingelatscht bin. Die Überreste einer Feier, die mal wieder ohne mich stattgefunden hat, kleben an meinem rechten Schuh.
   Die Menge schiebt mich auf eine der stählernen Zungen, mit denen sich der Moloch Stadt seine tägliche Nahrung einverleibt. Die blöde Kuh vor mir auf der Rolltreppe spannt ihren Regenschirm auf, obwohl wir uns noch tief in den Eingeweiden unserer Zivilisation befinden. Die Spitze eines Drahtes bohrt sich unangenehm in meine Wange. Ich knicke die Verstrebung einfach ab.
   Von hinten drückt mir jemand seinen Ellenbogen ins Kreuz. Wird wieder einer jener ungeduldigen Vertreter der Generation Cool sein, der seine Hosen in den Kniekehlen trägt und eine umgedrehte Baseballkappe auf den hochgegelten Haaren balanciert. Die Stöpsel in den Ohren dürften mittlerweile in seinen Gehörgängen verwachsen sein. Sein Hirn gleicht dem eines Schimpansen. Sein Gesichtsausdruck auch.
   Letzte Woche Donnerstag hatte ich mehr Glück, denn statt eines kantigen Knochens hatte ich zwei wohlgeformte Naturairbags in meinem Rücken. Ich hätte mich damals nur umdrehen müssen. Aber auch so bin ich mit einem guten Ständer ins Büro gekommen.
   Die Drehtür unserer Hauptverwaltung saugt mich in den Eingangsbereich der EasyMoney Bank. Das architektonische Wunderwerk ist ein vierstöckiger Klotz in der Form eines einfachen Rechtecks. Ich nehme an, dass die Verantwortlichen vorher Gefängnisse entworfen haben. Die Außenfassade besteht aus grauem Beton, der von schmalen Fenstern, die vom Boden bis zur Zimmerdecke reichen, unterbrochen wird. Da man die Fenster nur einen spaltbreit öffnen kann, hat leider keiner der Insassen die Möglichkeit, sich hinauszustürzen. Ich nehme an, dass bei uns deshalb so wenige Stellen frei werden.
   In der großen Eingangshalle hängen bunte Bilder, die das Ergebnis eines Kunstprojektes der örtlichen Waldorfschule oder die Leihgabe eines Kindergartens sein könnten. Aber die Gemälde stammen nicht von einer Gruppe hyperaktiver Spielkonsolenjunkies, sondern sie sind die Arbeiten eines renommierten New Yorker Künstlers, in die der Vorstand das Jahresgehalt der kompletten Vertriebsabteilung investiert hat. Ich finde die intellektuelle Kunstszene wirklich beeindruckend.
   Wenn jenseits des Atlantiks ein drogenbenebelter grobmotorischer Schwachkopf einen Eimer Farbe über eine Leinwand kippt, überschlagen sich die Kritiker, weil man so viel darin erkennen kann. Wenn man will. Ich will nicht. Meine Lieblingsbilder sind eher gegenständlich. Nackte Frauen, die sich im Sonnenuntergang am Strand rekeln. Klar ist das kitschig. Aber darunter kann man prima einschlafen.
   Ich hetze an den Farbklecksen vorbei zum Fahrstuhl, dessen Tür sich direkt vor mir schließt. Entnervt drücke ich den weißen Signalknopf. Als sich der Fahrstuhl nach drei Minuten immer noch nicht wieder in Bewegung gesetzt hat, nehme ich die Treppe. Etwas Bewegung kann mir nicht schaden. Das behauptet zumindest mein Arzt, der sich jedes Wochenende, bekleidet mit einer karierten Hose und einem rosafarbenen Poloshirt, zu sportlichen Höchstleistungen herausfordert. Beim Golfen.
   Durch eine schwere Metalltür trete ich aus dem Treppenhaus auf einen der endlosen Gänge im dritten Stock. Mit klopfendem Herzen sehe ich mich um. Zwei junge Dinger in engen Röcken blockieren den Fahrstuhl, indem sie ihre Taschen vor die Lichtschranke gestellt haben und kokettieren mit wichtig aussehenden Männern in dunklen Anzügen.
   Wenn man sich im Labyrinth der winzigen Zellen, in denen bereits ein einziger Furz ausreicht, um die Luft auf Wochen zu verpesten, von dem richtigen Bewohner vögeln lässt, kann man es später vielleicht zu Frau Abteilungsleiter bringen. Allerdings gelingt nur den wenigsten die Flucht in eine menschenwürdige Unterkunft. Die meisten verbringen ihr Leben in dem muffigen Kabuff, dessen Enge jeden Tierschützer auf den Plan rufen würde. Doch meines Wissens fallen gewöhnliche Mitarbeiter nicht unter den Artenschutz.
   Meine Pumpe schlägt immer noch wie das Herz eines Sperlings nach einer Dosis Amphetaminen, als ich die gläserne Tür zu meinem knapp zweihundert Quadratmeter großen Büro aufstoße. Leider muss ich den Raum mit siebenunddreißig anderen Leuten teilen. Stimmengewirr, vermischt mit dem Klingeln der Telefone, quillt aus dem Türspalt. Der Geräuschpegel ist mit dem Frankfurter Flughafen zur Hauptreisezeit vergleichbar.
   Schnaufend betrete ich den Raum und hänge meinen Mantel an die Garderobe. Mit dem Erscheinungsbild eines Managers, der die letzten drei Nächte auf einer Parkbank verbracht hat, lege ich die siebzehn Schritte bis zu meinem Schreibtisch zurück.
   Das zerschrammte Möbelstück steht im zweiten Drittel des Raums, der durch große Behälter mit Hydrokulturpflanzen unterteilt ist. Ich habe mir fest vorgenommen, an meinem letzten Arbeitstag aus Protest gegen das langweilige Büroleben in einen der grauen Pflanzenkübel zu schiffen. Manchmal muss man einfach Zeichen setzen.
   Akten stapeln sich vor meinem Monitor. Ich ziehe den Schreibtischstuhl zurück und lasse mich darauf fallen. Staub wirbelt auf. Ich niese. Seit meiner Kindheit plagt mich eine Hausstauballergie. Ich krame ein Taschentuch aus der obersten Schublade und schnäuze mich geräuschvoll. In den nächsten acht Stunden werde ich meine Lebenszeit mit Listenabhaken, Kreuzchenmachen und Zahlen-in-kleine-graue-Computerfelder-eingeben vergeuden. Saldieren kann das System selbst. Inzwischen bin ich wohl auch zu blöd dazu.
   Rückblickend habe ich es in meinem Leben als einfacher Sachbearbeiter bei einem internationalen Kreditinstitut nicht sonderlich weit gebracht. Vielleicht hätte ich doch auf meine Mutter hören und in der Schule besser aufpassen sollen.
   Aber wer hört schon auf eine zeternde Alte, wenn man knackige junge Dinger auf dem Rücksitz seines rostigen Golfs vernaschen kann? Theoretisch zumindest. Praktisch habe ich nur meine besoffenen Kumpel kutschiert.
   Allerdings hätte ich es auch mit Abitur nicht bis ganz nach oben gebracht, weil mir für eine Karriere der nötige Ehrgeiz fehlt. Ich finde das morgendliche Aufstehen schon anstrengend genug. Zudem bekomme ich den Gesichtsausdruck der Wichtigtuer einfach nicht hin. Ich habe ihr Grinsen, bei dem die Lippen wie bei einem Geburtsfehler nach hinten gezogen werden, einmal in meinem Bad geübt. Mein Spiegelbild wirkte mit dem gekünstelten Lächeln so einnehmend wie Quasimodo mit Zahnschmerzen.
   Mit einem Studium hätte ich vielleicht eine der begehrten Klokabinen mit Schreibtisch ergattern können. In dieser Gehaltsgruppe hätte ich dann für den Rest meines Lebens eine Hypothek auf ein Reihenmittelhaus in der Vorstadt abstottern können, in der mich abends eine Frau im geblümten Kittel mit dem nervtötenden Gequatsche über ihr langweiliges Mittelklassevorstadtleben empfängt.
   Eigentlich habe ich mit meiner kleinen Zweizimmerwohnung in Zentrumsnähe alles richtig gemacht. Die knapp sechzig Quadratmeter beherbergen ein Wohnzimmer mit offener Küche, ein Schlafzimmer und eine Nasszelle. Aus beiden Fenstern habe ich einen wunderbaren Blick auf die Kreuzung. Wenn ich Glück habe, kann ich direkt nach dem Aufstehen den ersten Unfall beobachten. Es gibt kaum etwas Schöneres als den ungläubigen Gesichtsausdruck eines Menschen, der fassungslos eine verbeulte Stoßstange oder eine Delle in seinem Kotflügel begutachtet.
   Mitte März hat ein Geländewagen einen alten Knacker übersehen, der mithilfe seines Krückstocks gerade die schwere Hürde vom Gehweg bis zur Straße gemeistert hatte. Der knochige Alte hatte sich mit der Geschwindigkeit einer arthritischen Schildkröte genau zwei Schritte auf dem nassen Asphalt der Straße fortbewegt, als die Fußgängerampel wieder umschaltete und das schwarze Blechmonster mit quietschenden Reifen anfuhr. Wie in einem Zaubertrick verschwand der arme Kerl unter dem Wagen, nur um wenige Sekunden später als blutiges Bündel in den Rinnstein zu rollen.
   Der Fahrer verlangsamte kurz das Tempo, als wollte er sich mit einem Blick in den Rückspiegel vergewissern, dass er den Kerl wirklich erwischt hatte. Dann gab er Vollgas und verschwand rechts in der Wiedemannstraße. Meines Wissens hat man ihn nie erwischt.
   Nachdem ich das Taschentuch wieder in der Schublade verstaut habe, blickt Martin kurz von seinen Akten auf und sieht mich an. Bei meinem Kollegen hätte ich manchmal auch gern einen Geländewagen.
   »Schon Mittag?« begrüßt er mich wie jeden Morgen. Martin ist immer der Erste im Büro und hält sich daher für unverzichtbar. Ich ignoriere seine Bemerkung. Stattdessen niese ich noch mal und wische mir mit dem Handrücken den Rotz aus dem Gesicht.
   »Du siehst aus, als ob du einen Kaffee brauchen könntest.«
   »Was ich brauche, ist illegal oder nur auf Rezept erhältlich.«
   Wie bei allen anderen Büroinseln steht Martins Schreibtisch meinem direkt gegenüber. Mit dieser Tischordnung hat die Leitung eine ständige Beobachtung jedes Mitarbeiters sichergestellt. Ich kann mich aber nicht beklagen. Eigentlich ist Martin ganz in Ordnung.
   Wenn seine Eva, die ihn in einem akuten Anfall von Torschlusspanik vor fünf Jahren auf das Standesamt gezerrt hat, ihn ein wenig von der Leine lässt, kann man mit ihm sogar eine Menge Spaß haben.
   Mit seinen dunkelbraunen kurz geschorenen Haaren und der hageren Figur wäre er ein viel beachtetes Ausstellungsstück auf jeder Ü30 Veranstaltung. Während ich unbeachtet in einer dunklen Ecke hocken würde, hätten ihn bindungswillige Frauen irgendwo im alterslosen Niemandsland zwischen beginnender Cellulitis und einsetzender Menopause längst umgarnt.
   Damit genau das nicht passiert, darf er seine Abende zusammen mit Schnutziputzi vor der Glotze verbringen. Gelacht wird zu albernen Shows und geschunkelt zu volkstümlichen Melodien. Geknabbert wird an leckeren Selleriestangen, zu denen Eva magere Kräuterdips serviert, die hervorragend zu dem Tomatensaft aus dem Reformhaus schmecken. Um dem vegetarischen Wahnsinn zu entfliehen, hat sich Martin vor sieben Monaten in einem elitären Fitnessklub angemeldet. Ohne mit der Wimper zu zucken, bezahlt er einen knappen Hunderter Monatsbeitrag, nur damit er sich nach dem Training im McDonalds nebenan mit ein paar Big Macs mästen kann.
   Als er im letzten Sommer mit einem kurzärmligen Hemd ins Büro kam, konnte jeder seine Entwicklung vom Strichmännchen mit bleistiftdünnen Ärmchen zu einem muskulösen Kerl mit dem Oberarmumfang einer Bockwurst mitverfolgen.

Ich schiebe den Aktenstapel auf die linke Schreibtischseite. Bei meiner Arbeit bin ich ein Pedant. Links stapeln sich die unerledigten Aufgaben, direkt vor mir ist die Computertastatur, die Computermaus und mein Kaffeebecher. Die bearbeiteten Akten kommen später auf die rechte Seite. Natürlich ist das kleinlich, aber nur so kann ich mit den streng vorgegebenen Arbeitsprozessen klarkommen.
   Schon seit Jahren hefte ich mit jedem Blatt Papier auch etwas von meiner Persönlichkeit in die Akten, bis ich irgendwann nichts weiter bin als eine leere Hülle, in die die Geschäftsleitung ihre Regeln und Anweisungen stopfen kann. Manche nennen diesen katatonischen Zustand auch gern den perfekten Mitarbeiter.
   Ich fische erst mal meinen Kaffeebecher aus der obersten Schublade. Das ehemals weiße Gefäß sieht von innen inzwischen aus wie eine schlecht geschrubbte Kloschüssel. An der oberen Kante ist eine kleine Ecke herausgebrochen, an der ich mir schon zwei Mal meine Lippe aufgerissen habe. Trotzdem werde ich das gute Stück nicht in den Müll werfen, denn das wirklich Innovative an der Tasse ist der Henkel, der bereits einen kleinen Riss hat.
   Irgendwann wird der Griff abbrechen und die dunkle Plörre wird mir die ganzen Akten einsauen. Seit drei Wochen freue ich mich schon auf diesen Tag.
   Mit dem Becher in der linken Hand mache ich mich auf den Weg zu der ehemaligen Abstellkammer, in der auf einem wackeligen Tisch eine ausrangierte Kaffeemaschine neben einem einfachen Waschbecken steht. In dem großspurig als Küche bezeichneten, fensterlosen Raum riecht es nach einem Gemisch aus Reinigungsmitteln, Kaffee und ihrem Parfüm. Sie kann noch nicht lange weg sein. Vorsichtig sehe ich aus der Tür.
   Statt Bella hastet ein bärtiger Kollege vorbei, der mich so fröhlich ansieht wie seinen Urologen nach einer Prostatabehandlung. Eigentlich kenne ich Bella nicht. Ich weiß nur, dass sie ihre Tage irgendwo in den Katakomben unseres Gebäudes verbringt. Außer einem »Guten Morgen«, bei dem mir die Buchstaben wie herausgeschlagene Zähne nach einem Boxkampf aus dem Mund gefallen sind, habe ich noch keinen weiteren Kontakt zu ihr geknüpft.
   Offen gestanden habe ich seit meiner Schulzeit keine Frau mehr angesprochen. Währenddessen allerdings auch nicht. Den letzten engeren Kontakt zu einem weiblichen Wesen hatte ich in der dritten Klasse, als ich Annemarie auf dem Pausenhof verdroschen habe.
   Bella habe ich vor zwei Wochen zufällig hier getroffen, als sie sich ihren Diddlbecher mit der öligen Brühe aus der Kaffeekanne füllte. Lächelnd drehte sie sich damals zu mir um und drückte mir mit einem »Kaffee ist alle« die leere Kanne in die Hand.
   Mein Verstand versuchte, auf ihre Bemerkung mit einem intelligenten, humorvollen oder originellen Spruch zu reagieren. Idealerweise sogar mit einer Bemerkung, die alle drei Anforderungsprofile gleichermaßen umfasste. Leider fiel mir spontan außer einem lockeren »Sie haben einen echt geilen Arsch« kein Kompliment ein. Also starrte ich sie nur an, während mir ein Speichelfaden aus meinem linken Mundwinkel lief.
   Mit ihrer makellosen Figur und den langen schwarzen Haaren würde sie jede Modelshow aufmischen. Bella ist kein in Kleidergröße sechsundfünfzig gezwängtes Speckmonster, das auf ihren Pumps mit der Eleganz eines Elefanten auf Stelzen über die Flure stakst. Seit unserer ersten Begegnung ist sie der Star meiner Tagträume. Und wie ich an meiner Morgenlatte unschwer erkennen kann, beschäftigt sich auch mein Unterbewusstsein mit ihren im Überfluss vorhandenen weiblichen Reizen.
   Ich schnuppere noch ein paar Mal, bevor ich mit einem randvollen Becher lauwarmen Kaffees und erotischen Fantasievorstellungen zu meinem Arbeitsplatz zurückkehre. Die Tasse stelle ich auf den linken Aktenstapel. Leider fällt sie nicht herunter. Dafür schwappt ein wenig der braunen Brühe über den Rand und hinterlässt einen schönen runden Fleck auf dem obersten Pappdeckel.
   Während ich an meinem Computer die Arbeitsprogramme öffne, schütte ich mir das Getränk in den Rachen. Das Zeug schmeckt wie Katzenpisse und hat auch dieselbe Temperatur. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann ich zum letzten Mal einen wirklich heißen Kaffee getrunken habe.
   Dabei muss ich nicht mal weit in die Vergangenheit reisen, um die Unzuverlässigkeit meines Langzeitgedächtnisses zu dokumentieren. Die tägliche Passworteingabe reicht dazu vollkommen aus. Ich arbeite mit fünf verschiedenen Programmen, die untereinander nicht kompatibel sind. Dafür wollen alle mit verschiedenen Passwörtern aktiviert werden.
   Ich krame meinen Schmierzettel aus der Schublade und tippe den ersten Code ein. Das System bedankt sich mit einem roten Fragezeichen. Wahrscheinlich habe ich die Eingabe wieder mit einem Zahlendreher verfeinert. Auch der zweite Versuch findet keinen Zuspruch. Dafür blinkt das Fragezeichen erneut auf. Ein Textfeld am unteren Bildschirmrand weist mich auf die Systemsperrung bei einer weiteren Fehleingabe hin. Langsam tippe ich noch einmal jedes Zeichen in die Tastatur und drücke auf Enter. Endlich reagiert die Software. Mit der Meldung, dass mein Zugang gesperrt ist.
   Wütend knülle ich den Zettel zusammen und werfe ihn in die Schublade. Er landet neben dem Briefumschlag, auf dem ich mir am Freitag das neue Passwort notiert habe.
   Keine zwei Stunden und gefühlte dreiundsiebzig Telefonate später haben die Kollegen aus der internen Abteilung meinen Arbeitsplatz wieder freigeschaltet. Nicht ohne den Hinweis, mir meine Passwörter zukünftig doch besser zu merken.
   Ich bedanke mich höflich für den Tipp, indem ich dem Telefonhörer den ausgestreckten Mittelfinger präsentiere.
   Während meiner Systemsperrung habe ich drei weitere Tassen von dem lauwarmen Zeug runtergewürgt. Wie jeden Tag fühle ich mich an meinem Arbeitsplatz wie in einem Zeitraffer. Immer wieder beschleicht mich das Gefühl, dass meine Lebenszeit in diesem Büro zu schnell verrinnt.
   In knapp sieben Jahren wird mir ein Grinsepeter aus der Personalabteilung ein kleines Kästchen als Dankeschön für fünfundzwanzigjährige Betriebszugehörigkeit in die Hand drücken. In der Plastikschachtel befindet sich allerdings kein Scheck über fünfundzwanzigtausend Euro, sondern eine Anstecknadel meiner Firma. Wenn man vierzig Jahre bei dem Verein durchhält, ohne vorher den Verstand zu verlieren, gibt es ein Halstuch für die Dame und eine Krawatte für den Herrn. Natürlich in den Betriebsfarben. Die Krawatte empfinde ich als sinnvolles Geschenk, denn damit kann man sich immerhin noch erhängen. Was mit einem Halstuch leider nicht möglich ist. Vielleicht ist die Wahl der Firmenpräsente sogar mitverantwortlich für die statistisch längere Lebenserwartung der Frauen.
   Bis zum späten Vormittag habe ich endlich die erste Akte bearbeitet. Durch die Systemsperre hinke ich meinem Tagespensum hinterher. Ich füttere den Computer mit einer endlosen Zahlenkolonne, während ich an Bella denke und mir ein Kompliment für unser nächstes Zusammentreffen überlege.
   Missmutig gebe ich die letzten Ziffern in die Liste auf meinem Bildschirm ein und bestätige mit der Entertaste. Das System bedankt sich mit einem Server Error und fordert mich auf, die komplette Eingabe zu wiederholen. Wütend knalle ich die Akte auf den rechten Stapel. Für mich ist der Vorgang erledigt.
   »Was ist denn mit dir los?« Martin schüttelt tadelnd den Kopf. Mit seinen braunen Augen sieht er in diesem Moment aus wie ein Wackeldackel, der auf der Hutablage eines Wagens neben einer Klopapierrolle mit Häkelüberzug unentwegt vor sich hinbangt.
   »Hast du wieder das falsche Formular benutzt?«
   Ich antworte nicht. Das merkt mein Kollege aber ebenso wenig wie die Worte, die ihm immer wieder unkontrolliert aus dem Gesicht fallen. Versteckt in seinem Speichel wie die Füllung einer Praline, die niemand genießen kann. Am Abend wirkt sein Arbeitsplatz, als hätte ein heftiger Regenschauer seinen Schreibtisch mit einer schmierigen Schicht überzogen. An seiner Stelle hätte ich einen Monitor mit Scheibenwischer beantragt. Und eine feuchtigkeitsresistente Tastatur.
   In der Hoffnung, heute doch noch einen Blick auf Bella zu erhaschen, latsche ich wieder in die Küche. Aber statt ihres Duftes wabert nur das aufdringliche Rasierwasser des Schönlings durch den Raum, der immer schneller arbeitet als alle anderen. Irgendwann werde ich ihm wohl die Finger brechen müssen.
   Auf dem Rückweg werfe ich einen Blick auf seinen Schreibtisch. Sieben Akten hat er heute bereits bearbeitet. Damit liegt er genau sechs Arbeitsvorgänge in Führung. Frustriert knalle ich meinen Becher auf den Schreibtisch und widme mich meinem nächsten Auftrag.
   »Hallo? Jemand zu Hause?« Martins Inbegriff eines coolen Spruchs. Ich habe gar nicht bemerkt, dass er aufgestanden und neben mich getreten ist. Mein Kollege schlägt mir mit der Hand gegen den Hinterkopf und wiederholt sein Sprüchlein.
   »Was willst du?« Ich drehe den Kopf zur Seite.
   Sein ausgestreckter Arm verharrt einen Moment reglos in der Luft, bevor er wie ein morscher Ast herunterfällt und nutzlos an seiner Seite baumelt. »Mittag.«
   »Jetzt schon? Was gibt’s denn?«
   Martin ist ein lebender Speiseplan. Seit Jahren kann er schon am Montag alle Gerichte der Woche aufsagen wie ein mühsam erlerntes Weihnachtsgedicht. Nur bei den Salaten braucht er gelegentlich eine Souffleuse. Das Grünzeug interessiert mich jedoch nicht, denn ich esse nichts, das verwelken kann.
   »Hähnchengeschnetzeltes mit Curryreis. Rindsroulade mit Kartoffelbrei und Erbsensuppe.«
   »Hähnchen klingt gut«, antworte ich und stehe auf.
   »Mahlzeit«, ruft Martin durch das Büro.
   Frau Goldner, unser Quotengrufti, zuckt wie unter einem Stromschlag zusammen. Mit ihren siebenundfünfzig Jahren läuft sie außerhalb jeder Konkurrenz. Aus ihrem schlecht sitzenden Kostüm quillt faltige Haut wie ein Hefeteig.
   »Können Sie den Unfug bitte unterlassen«, ruft sie meinen Kollegen zur Ordnung wie eine strenge Gouvernante. »Das Geschrei muss doch wirklich nicht sein.«
   »Ich wollte nur sichergehen, dass Sie mich auch hören. Sie wissen doch, in ihrem Alter …«
   Die anderen Kollegen reagieren nicht auf die kleine Auseinandersetzung. In einem Großraumbüro ist ein Kommentar zu einem Disput in etwa so sinnvoll wie eine Diskussion mit ein paar besoffenen Skins über die multikulturelle Gesellschaftsform. Vor allem, wenn sie sich gerade mit ein paar Einwanderern aus Südafrika amüsieren.
   Die Glastür fällt hinter uns ins Schloss. Auf dem Flur herrscht eine beruhigende Stille. Die meisten Kollegen gehen erst eine halbe Stunde später in die Mittagspause. Nur vereinzelte Gestalten huschen mit gesenktem Kopf über den Gang, als würden sie ihre Pause nicht in der Kantine, sondern im nächsten Puff verbringen. Vielleicht gibt es ja ein Betriebsbordell für besonders verdiente Mitarbeiter. Nach dem Essen werde ich den Wichtigtuer darauf ansprechen. Immerhin war er im letzten Jahr sieben Mal Mitarbeiter des Monats.
   Vor dem Fahrstuhl bleiben wir stehen. Martin drückt wie ein hyperaktives Kind im Millisekundentakt auf den Knopf und hampelt von einem Bein auf das andere, als müsste er dringend auf die Toilette. Als sich die Kabine kurz darauf öffnet, springt er hinein. »Jetzt komm schon.«
   Für meinen Kollegen ist ein guter Tag ganz wesentlich mit seinem Platz an der Essensausgabe verbunden. Wenn er nicht als erster Mitarbeiter von der unfreundlichen Küchenhilfe seine Pampe auf den Teller geklatscht bekommt, ist er für den Rest des Tages ungenießbar.
   Wie immer setzt sich Martin auf seinen Stammplatz direkt neben der staubigen Plastikpalme. Ich nehme an, dass sich die Sitzfläche des Stuhls in den letzten Jahren längst seinem Allerwertesten angepasst hat.
   Lustlos stochere ich in meinem Essen. Das Hühnchenfleisch schmeckt wie Sägespäne. Der Curryreis hat die Farbe meines Morgenurins und die Soße die Konsistenz von Gelee. Ich schiebe den Teller zur Seite und mache mich über den Nachtisch her. Götterspeise in Knallrot. Meine Lieblingsgummibärchenfarbe.
   Nach meiner Rückkehr finde ich auf meinem Schreibtisch einen mit weiblicher Handschrift bekritzelten Zettel. Nur bittet mich der Papierfetzen nicht zu einem geheimen Rendezvous, sondern in das Büro von Frau Dr. Biedermann, unserer Abteilungsleiterin.
   Mit ihren streng zurückgekämmten rostbraunen Haaren und der schlanken Figur, die in dem engen Kostüm besonders gut zur Geltung kommt, wäre ihr neben Bella eine Hauptrolle in der Kategorie Schmutzige-Büroträume-niederer-Angestellter sicher.
   Leider zerstört ihr Charakter jede erotische Fantasie schon im Ansatz. Mit ihren achtundzwanzig Jahren ist sie erst im letzten Sommer im Rahmen eines Karriereprogramms bei uns eingestiegen.
   Statt eines Coachs, der sie durch das Labyrinth unseres Unternehmens begleitet, hätte man ihr im Interesse der Mitarbeiter besser einen Beobachter von Amnesty International an die Seite gestellt.
   Frau Dr. Biedermann ist der Inbegriff einer Karrierefrau, die in jeder Diskussion die Meinung vertritt, dass eine Frau im Dschungel der Arbeitswelt besser sein muss als hundert Männer. Und die sich aus genau diesem Grund allen männlichen Kollegen überlegen fühlt. Ich nehme an, dass sie nur einen besonders ausgeprägten Penisneid hat, weil sie sich beim Weitpinkeln als Kind immer auf die Schuhe geschifft hat. Leider bin ich für sie das Paradebeispiel eines nichtsnutzigen Schwänzchenträgers.
   »Sie wollten mich sprechen?«
   Ein manikürter Zeigefinger drückt ihr randloses Brillengestell zurück auf die Nase. Eine Weile betrachtet sie mich schweigend. Wahrscheinlich überlegt sie, wie sie mich am einfachsten feuern kann.
   »Von wollen kann keine Rede sein. Leider haben wir beide wieder etwas zu besprechen. Schließen Sie doch bitte die Tür.«
   Als ich die Klinke der Glastür hinter mir ins Schloss drücke, habe ich das ungute Gefühl, mit einem hungrigen Raubtier in einem Käfig eingesperrt zu sein. Unschlüssig bleibe ich vor dem Ausgang stehen. Sie bietet mir keinen Platz an.
   »Ich habe mir die Monatsstatistiken angesehen.« Sie wedelt mit einem Computerausdruck. »Sie belegen wie immer den letzten Platz.«
   Ich zucke mit den Schultern. »Ich weiß.«
   »Und?«
   »Und was?«
   »Was wollen Sie dagegen tun?« Meine Vorgesetzte funkelt mich zornig an.
   »Ich mache nur meine Arbeit« verteidige ich mich halbherzig.
   »Das nennen Sie arbeiten? Kollege Störenbeck schafft das siebenfache Pensum. Warum ist das wohl so?«
   »Weil ich gründlicher arbeite?«, versuche ich, eine Lösung anzubieten, die Frau Doktor der Betriebswirtschaft aber nicht mal in Erwägung zieht.
   Statt über meine Antwort nachzudenken, klemmt sie sich eine widerspenstige Haarsträhne hinter das rechte Ohr und schüttelt den Kopf. »Wollen Sie damit vielleicht andeuten, dass Ihr Kollege schlampig ist?«
   »Ich meine nur, ich wollte sagen, dass ich …« Wie immer in solchen Gesprächen verirre ich mich im Gestrüpp der Sprache.
   »Schluss jetzt. Die Geschäftsleitung erwartet Ergebnisse von mir. Und ich von Ihnen.«
   »Ich kann doch nicht … ich meine, dass ich …«
   »Hören Sie mit Ihrer Stammelei auf. Das ist ja armselig.«
   »Tschuldigung. Ich wollte …«
   »Ich sage Ihnen jetzt, was Sie wollen. Sie wollen im nächsten Monat ganz weit oben auf meiner Liste stehen. Haben wir uns so weit verstanden?«
   Ich nicke betreten und schaue interessiert auf meine Schuhspitzen, die dringend wieder geputzt werden müssen.
   »Dann machen Sie sich jetzt an die Arbeit. Hopp hopp!«
   Sie klatscht in die Hände, als wäre ich ein Dressurpferd, das nun ein besonderes Kunststück aufführen soll.
   Betreten schlurfe ich zu meinem Platz. Als ich mich frustriert auf meinen Stuhl fallen lasse, wagen sich die ersten Wörter aus der Deckung. Bald ist in meinen Kopf ein Buchstabenschwarm, mit dem ich dem Ich-habe-alle-Rhetorik-Seminare-besucht-Miststück locker Paroli geboten hätte.
   Leider zählt Schlagfertigkeit gegenüber Vorgesetzten nicht zu meinen herausragenden Eigenschaften.
   In den nächsten Stunden vergrabe ich mich in die Formulare und füttere den Computer mit endlosen Zahlenschlangen. Gegen 15:47 Uhr trennt mich nur noch ein Kaffee von meinem Feierabend. Als ich in der schmalen Tür der winzigen Küche stehe, höre ich ihr Kichern. Mein Herz springt wie ein gedoptes Känguru in meinem Brustkorb. Bis es leblos zusammensackt. Er ist bei ihr. Seine Duftwolke vermischt sich mit ihrem Parfüm. Seine Worte verhaken sich in den ihren. Sie flirten.
   Ich werde auf den letzten Kaffee des Tages verzichten. Auf meine restliche Arbeit auch. Mit hängendem Kopf trotte ich zu meinem Platz zurück. Viel schlimmer kann dieser Montag nicht mehr werden. Als ich am Schreibtisch des Bürobesten vorbeikomme, trete ich gegen seinen Aktenstapel, den er fein säuberlich neben seinem Rollcontainer aufgebaut hat. Wie in Zeitlupe bricht sein Kunstwerk in sich zusammen. Papiere rutschen aus den Ordnern und verteilen sich auf dem Fußboden. Ich nehme meinen Mantel und lege ihn über den Schreibtischstuhl.
   »Du willst schon gehen?« Martin runzelt die Stirn. »Das wird unserer Einpeitscherin gar nicht gefallen.«
   »Willst du wissen, wo mir das vorbeigeht?« Mit der rechten Hand deute ich auf meinen Hintern. Dann fahre ich meine Computerprogramme herunter, schlüpfe in den Mantel und verlasse das Büro. Im Spiegelbild der Glastür sehe ich, wie Frau Dr. Biedermann einen Zettel auf meinen Schreibtisch legt. Von mir aus kann sie mir ein ganzes Buch voller Nachrichten hinterlassen, denn der restliche Tag gehört mir.

2.
FlatRatTel

Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich mich damals wirklich auf den Feierabend gefreut. Aber auf dem Heimweg wusste ich noch nicht, dass der Montag sein Pulver noch lange nicht verschossen hatte. Im Gegenteil. Er hatte noch jede Menge Munition. Und eine Zielscheibe. Mich. Aber der Reihe nach.

Eine gute halbe Stunde, nachdem ich das Büro verlassen habe, werfe ich meinen Schlüssel in das kleine Kästchen auf der Kommode. Den Mantel lasse ich zu Boden fallen. Rasch schlüpfe ich aus den Schuhen und pelle mich aus meinen Klamotten. Der Anzug kommt auf den dafür vorgesehenen Bügel. Das Hemd hänge ich zusammen mit der Krawatte an meine kleine Garderobe. Ich werde es diese Woche noch tragen müssen. Nur mit meiner Unterwäsche bekleidet schlurfe ich auf Socken zum Kühlschrank, der nach meinem Wochenendeinkauf noch gut gefüllt ist. In den obersten beiden Fächern befindet sich mein Biervorrat. Mit zwei Dosen des kühlen Getränks mache ich es mir auf dem Sofa bequem. Auf dem kleinen Glastisch davor steht mein Laptop. Während sich das Gerät mit einem leisen Surren hochfährt, leere ich die erste Bierdose. Mit einem Doppelklick öffnet sich die faszinierende Welt des Internets. Ich könnte mich stundenlang von einem Link zum nächsten hangeln.
   Doch im Moment will ich mich nicht in der bunten Bilderwelt verlieren. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht tippe ich die Adresse meiner persönlichen Lieblingsseite ein. Die Mitgliedschaft in dem exklusiven Erotikportal ist sündhaft teuer, aber der Spaß ist es mir wert. Die dafür benötigten Benutzerdaten habe ich auf keinem Zettel notiert, weil sogar ich die wirklich wichtigen Dinge nicht vergesse.
   Während das System die Zugangsberechtigung prüft, genehmige ich mir einen großen Schluck aus der zweiten Dose.
   Die Homepage von willigeweiber.com baut sich auf. Drei Neuzugänge ködern mich mit lüsternen Fotos. Neben der Webseite hat sich auch mein Kumpel aufgebaut und lugt aus dem Bund der Doppelfeinrippunterhose. Wie immer entscheiden wir heute gemeinsam, mit wem wir uns später in einen intimen Chat zurückziehen werden. Aber noch während die Damen auf der virtuellen Bühne um unsere Gunst buhlen, fällt der Vorhang in Form eines grauen Kästchens, das mich darauf hinweist, dass mein Laptop keine Internetverbindung mehr herstellen kann.
   Das darf doch nicht wahr sein. Dabei habe ich erst vor drei Wochen meinen Anbieter gewechselt. Eigentlich wollte ich von der netten Blondine, die mich in der Fußgängerzone angesprochen hatte, nur die Telefonnummer. Statt eines kleinen zerknüllten Zettels drückte sie mir kurze Zeit später einen Stapel Papiere in die Hand, auf dem ich irgendwo unterschrieben hatte. Die Seiten füllten winzigste Buchstaben, die auf den ersten Blick wie Fliegendreck wirkten und nur mit einem Elektronenmikroskop lesbar sind. Ihre Telefonnummer war natürlich nicht dabei. Statt des Marilyn-Monroe-Verschnitts stand drei Tage später ein unrasierter Strippenzieher vor meiner Tür, der seine letzte Dusche vermutlich nach dem Schulsport in der Grundschule gehabt hatte. Er stellte mir einen Plastikkasten auf das Regal neben dem Fernseher und stöpselte ein paar Kabel ein. Dann legte er mir eine Rechnung über 128,57 Euro auf den Küchentisch und verschwand. Wenn ich mich recht erinnere, hatte Blondchen mit einer kostenlosen Installation geworben. Es war aber auch möglich, dass ich bei ihren Erklärungen nicht genau zugehört hatte, denn mein Hirn war während des Gespräches mit der Übermittlung ihrer visuellen Sinneseindrücke vollkommen ausgelastet. Zudem entschädigte mich bis jetzt ein funktionierender Internetanschluss für die Kosten.
   Während ich fassungslos auf das graue Rechteck starre, überlege ich fieberhaft, ob die Telefongesellschaft so etwas wie eine automatische moralische Zensur hat. Bei der Anlagestrategie des Vatikans wäre eine Beteiligung an Telefongesellschaften durchaus denkbar. Natürlich mit der Auflage, dass pornografische Seiten automatisch abgeschaltet werden. Verzweifelt rufe ich mit eBay und Amazon nicht anrüchige Webseiten auf. Aber der Plastikkasten ignoriert meine mit zitternden Fingern gemachten Eingaben. Mein Internet ist verschwunden. Wie meine Feierabenderektion.
   Wütend springe ich auf und laufe zum Telefon. Zumindest versuche ich es. Leider erweist sich ein Sprint mit heruntergelassener Hose als eine ziemlich blöde Idee. Beim zweiten Schritt komme ich ins Stolpern. Im Fallen erwische ich noch die Stehlampe, die sich allerdings als wenig standhaft erweist.
   Kurz bevor ich unsanft auf dem staubigen Laminat lande, kracht meine IKEA-Leuchte in das Glasregal mit den teuren Spirituosen. Wie in Zeitlupe beugt sich das schmale Regal der Schwerkraft. Zum Glück kracht es nicht direkt auf den Boden, sondern wird von einer weichen Masse aufgefangen. Von mir. Wie eine Cartoonfigur liege ich zappelnd unter meinem Regal, während um mich herum drei Whiskyflaschen wie Bomben zerbersten und mich mit ihrem scharfen Alkohol benetzen. Was für eine Verschwendung.
   Einen Moment lang bleibe ich benommen liegen. Bei YouTube würde ich es binnen weniger Stunden in die Liste der meistgeklickten Videos schaffen. Dem Meisterwerk würde ich den Titel Notgeiler Angestellter verheddert sich in seiner Doppelfeinripp und fällt stilecht auf die Fresse geben.
   Zum Glück habe ich meine integrierte Laptop Kamera immer ausgeschaltet, seit ich mich einmal unwissentlich beim Masturbieren gefilmt habe. Martin hatte die Datei ein paar Tage später bei einem seiner unangekündigten Spontanbesuche auf meinem Rechner entdeckt. Seine Verschwiegenheit hat mich eine Kneipentour gekostet.
   Ich stemme das quer über meiner Brust liegende Regal in die Höhe und lasse es neben mir auf den Boden fallen. Zwei tiefe Risse ziehen sich durch die Seitenwände, ein Regalboden ist zerbrochen. Vier Flaschen haben das Unglück überlebt. Mit dem flüssigen Bewegungsablauf einer an schwerer Arthritis erkrankten Schlange robbe ich bis zur Wand neben dem Sofa und lehne mich dagegen.
   Mit der rechten Fußspitze angle ich nach einer der nicht zerbrochenen Flaschen und genehmige mir einen großen Schluck von meinem treuen Begleiter Johnnie Walker. Dann ziehe ich mich an der Sofakante hoch. Mit zittrigen Fingern nehme ich das Telefon aus der Station neben dem Fernseher. Inzwischen bin ich ernsthaft sauer auf das blonde Miststück. Natürlich habe ich nur auf ihre aus der Bluse quellende Auslegeware gestarrt und die Worte, die sie wie lästige Insekten umschwärmten, ignoriert.
   Trotzdem haben sich einige Begriffe wie »keine Anschlussgebühr«, »kostenlose Installation«, »Freiminuten« und »sichere Datenleitung« in mein Gedächtnis eingebrannt.
   Das mit der kostenlosen Installation war wohl ein Missverständnis, wie mir der menschgewordene Gestank mitteilte, als er mir die Rechnung präsentierte.
   Die Freiminuten interessieren mich nicht, weil ich sowieso nicht telefoniere. Außer meiner Mutter wüsste ich auch niemanden, den ich anrufen könnte.
   Aber keine Anschlussgebühr bedeutet für einen einfach gestrickten Menschen wie mich eben das, was es ist. Keine Anschlussgebühr. Nicht jedoch für die Telefongesellschaft, die mir am nächsten Montag genau diese Gebühr von meinem Konto abbuchte. In der kostenpflichtigen Hotline erklärte mir dann eine mechanisch klingende Stimme mit ostdeutschem Akzent, dass tatsächlich keine Gebühr zu entrichten sei. Nur müsse das Geld aus organisatorischen Gründen erst einmal eingezogen werden. Nach einer SMS an die Nummer 123GeldZurück würde man mir den Betrag sofort wieder gutschreiben. Leider war diese Nummer nicht erreichbar.
   Als ich mich nach unzähligen Versuchen zehn Tage später darüber beschwerte, teilte mir eine sonore Stimme mit bayrischem Einschlag mit, dass das großzügige Angebot einer Gebührenerstattung leider mit Ablauf der ersten Woche verfallen ist.
   Unter dem Wohnzimmertisch steht noch der Karton mit den Vertragsunterlagen. Mit dem ganzen Papier kann ich mir zwei Jahre lang den Hintern wischen. Was ich vielleicht tun sollte. Zunächst einmal verstaue ich meinen verschrumpelten Freund wieder in seiner vertrauten Feinrippumgebung. Ich ertrage seinen erbärmlichen Anblick nicht.
   Dann wuchte ich den Karton auf meinen Sofatisch und blättere in den Unterlagen nach einem Hinweis zu einer technischen Störung, den ich in einer Fußnote auf Seite siebenunddreißig finde. Allerdings hilft mir die Information – die Telefonnummer für technische Störungen finden Sie auf unserer Homepage – in meiner momentanen Situation nicht weiter.
   Verärgert wähle ich die Hotline des Kundenservice, um mich intern verbinden zu lassen. Aber der Telefonhörer ist nur eine stumme Plastikschale. FlatRatTel hat vorsichtshalber auch gleich meine Telefonleitung gekappt. Während ich den Hörer wieder in die Station stelle, verändert sich mein Gemütszustand auf der nach oben offenen Skala von ziemlich verärgert auf wütend.
   Statt entspannt meinen Feierabend zu genießen, hat sich mein Schwanz in der stattlichen Größe eines Erdnussflips in seine Behausung zurückgezogen. Zudem sieht meine Wohnung aus wie eine heruntergekommene Bar nach einer Kneipenschlägerei.
   Auf dem Küchentisch liegt mein Handy, auf dessen Prepaidkarte ich erst gestern noch fünfzig Euro aufgeladen habe. Online natürlich. Ich hacke die Nummer der Hotline mit derselben Inbrunst in die Tasten, mit der Rambo den Abzug seines Maschinengewehres durchzieht.
   Als sich eine Mitarbeiterin von FlatRatTel meldet, zerfetze ich ihre Ansage mit Worten, in denen sich einige nicht jugendfreie Ausdrücke befinden. Geduldig hört sie sich mein Anliegen an. Vielleicht hat sie auch nur die Stummtaste gedrückt und lackiert sich die Nägel.
   Nachdem ich meine Wut in den Hörer gekotzt habe, geht es mir besser. Ich entschuldige mich sogar für einige meiner unflätigen Ausdrücke. Die Mitarbeiterin des Callcenters bedankt sich auf ihre Art für die eher unfreundliche Kommunikation, indem sie mich mit der Bitte um Geduld in eine Warteschleife drückt. Eine Begriffsdefinition, die bei FlatRatTel anscheinend die menschliche Entwicklung vom Einzeller bis zum Computernerd umfasst.
   Aber ich habe Glück. Bereits nach dreiundvierzig Minuten in einer Warteschleife, die mit einfachen Tonfolgen eines vollkommen talentfreien Komponisten unterlegt ist, höre ich eine weitere Frauenstimme, die seltsamerweise genau so klingt wie ihre Kollegin vorher. Wahrscheinlich sitzen in den Callcentern nur geklonte Mitarbeiterinnen mit derselben Stimme, demselben Wortschatz und derselben Hirnzelle.
   Ich schildere mein Anliegen erneut, wobei ich Wörter wie Miststück, Schlampe und Scheißladen vermeiden möchte. Leider gelingt es mir nicht. Meine jugendgefährdende Wortwahl kann allerdings auch an meinem Freund Johnnie Walker liegen, mit dem ich während der Warteschleife ein längeres Gespräch geführt habe. Ich stupse die leere Flasche mit dem Fuß an. Sie rollt über das Laminat, bis sie in einer klebrigen Pfütze zwischen zwei großen Scherben liegen bleibt.
   Auch meine aktuelle Telefonpartnerin reagiert nicht auf meine verbalen Entgleisungen. Möglicherweise ist sie gut geschult. Ich vermute allerdings eher, dass auch sie mir nicht zuhört.
   Als ich eine kurze Pause mache, um nach Luft zu schnappen, versichert sie mir mit vollkommen emotionsloser Stimme, dass FlatRatTel mein Problem verstanden hat und sich umgehend um eine Lösung bemühen wird.
   Dann hänge ich wieder in der Warteschleife, aus der mich nach weiteren dreiundzwanzig Minuten eine männliche Stimme befreit, die sich höflich für die lange Wartezeit entschuldigt. Und mich damit vollkommen aus dem Konzept bringt.
   Plötzlich höre ich mich Dinge wie, »Das macht doch nichts« und »Sie machen doch auch nur Ihren Job« stammeln. Wahrscheinlich haben die Abzocker von FlatRatTel unterschwellige Botschaften in die Warteschleifenmusik eingebaut und mir damit eine Gehirnwäsche verpasst.
   Langsam bekomme ich Routine in meiner Problemschilderung. Im Hintergrund höre ich, wie jemand die Tasten seines Computers malträtiert, um meine Leitung zu prüfen. Natürlich kann kein Fehler erkannt werden. Der Techniker vermutet, dass sich das Modem aufgehängt hat. Er empfiehlt mir einfach den Stecker zu ziehen, und zehn Sekunden später wieder einzustöpseln. Als er mir einen schönen Tag wünscht, wird er von der mechanischen Stimme meines Prepaid Anbieters unterbrochen, die mir mitteilt, dass mein Guthaben nur noch 1,28 Euro beträgt und ich meine Karte wieder aufladen soll. Die Computeransage empfiehlt, diesen Vorgang direkt online zu erledigen.
   Vorsichtig balanciere ich durch die Scherben und ziehe den Stecker des Modems. Dann zähle ich langsam bis zehn, bevor ich den grauen Zauberkasten wieder an die Stromverbindung anschließe. Damit hätte ich mein Problem gelöst.
   Leider weiß das Internet nichts davon. Auf dem Monitor blinkt jetzt ein rotes Kästchen und informiert mich über einen Server Error. Etwas hat die Stromunterbrechung also doch bewirkt.
   Während ich die Nummer der Hotline erneut in mein Handy hämmere, verändert sich mein Gefühlszustand von wütend zu verdammt wütend. Aber bevor eine der Cyborg-Callcenter-Mitarbeiterinnen den Anruf entgegennehmen kann, wird die Verbindung unterbrochen. Meine Prepaidkarte ist leer. Die nach oben offene Aggressionsskala klettert von verdammt wütend zu Die-Kontrolle-Verlieren.
   Die Drecksäcke von FlatRatTel haben mir innerhalb einer Stunde meine persönliche Feierabendentspannung versaut, meine Wohnung ruiniert und einen Teil meiner Alkoholvorräte vernichtet. Zudem habe ich fünfzig Euro Telefongebühren verpulvert, ohne dass mein Problem in irgendeiner Weise gelöst wurde. Wie soll ich nach einem solchen Montag den Rest der Woche überstehen?
   Als ich mein Mobiltelefon auf den Küchentisch werfe, ist es 17:37 Uhr. Bis 18:00 Uhr kann ich Blondchen in der FlatRatTel Geschäftsstelle in der Innenstadt noch einen Spontanbesuch abstatten. Rasch ziehe ich meine Trainingshose und die dazu passende Jacke über meine Unterwäsche und schlüpfe in die Schuhe.
   Das Schicksal meint es ausnahmsweise einmal gut mit mir. Die mit Graffiti verschmierte städtische Limousine der Linie 34 fährt gerade in die Haltestelle ein, als ich aus der Haustür trete. Zudem erwische ich jemanden aus der seltenen Spezies freundlicher Busfahrer. Während die meisten seiner Kollegen sich einen Spaß daraus machen, die Tür genau eine Zehntelsekunde vor dem Einsteigen des Fahrgastes zu schließen und sich ohne zu blinken in den Berufsverkehr einfädeln, erwartet mich der junge Bursche mit einem Lächeln. Wahrscheinlich ist er noch in der Probezeit.
   Nach fünf Stationen sprinte ich aus dem Bus. Wozu habe ich denn meine Turnschuhe an? Vielleicht hätte ich mir vor meinem überhasteten Aufbruch noch die Zeit zum Zubinden meiner Schnürsenkel nehmen sollen, denn ein Turnschuh bleibt im Rinnstein liegen, während ich mit einem Ausfallschritt in den nächsten Hundehaufen trete.
   Der Schuh gibt schmatzende Geräusche von sich, als ich ihn über die mit Hundekot verschmierte Socke stülpe und meinen Sprint fortsetze. Nach wenigen Metern schlägt mein Herz wie das einer Maus auf einem LSD-Trip, und ich beginne zu schwitzen. Wobei schwitzen der falsche Ausdruck ist. Über meinen Körper laufen Sturzbäche an Wasser, gegen die die Niagarafälle nur ein kleines Rinnsal sind. Meine Unterhose hat sich längst als nasser Klumpen Stoff in meine Arschritze verzogen und scheuert beim Laufen. Doch ich erreiche mein Ziel rechtzeitig. Um 17:57 Uhr betrete ich den Laden.
   Das blonde Miststück erkennt mich nicht wieder. Was möglicherweise an meinem leicht veränderten Aussehen liegt. Meine Haare sind voller Glassplitter und mein Unterhemd hat sich mit dem Alkohol der ausgelaufenen Flaschen vollgesogen. Zudem erinnert mein Schweißgeruch an eine seit Wochen nicht geöffnete Umkleidekabine eines Fußballvereins. Das besondere Aroma verströmt aber die Hundescheiße aus meinem rechten Schuh.
   Sie mustert mich wie eine Kakerlake, die es sich gerade auf ihrem Kopfkissen bequem gemacht hat. Außer mir sind noch fünf weitere Kunden in dem Kabuff und versuchen der abgestandenen Luft noch etwas Sauerstoff zu entziehen.
   Ein Geschäftsmann in einem blauen Anzug kämpft sich gerade mithilfe des blonden Giftes durch ein Antragsformular. Hinter einem dürren Kerl mit langen dunkelbraunen Haaren, die er aus Rücksichtnahme auf seine Mitmenschen in ein mit Pubertätseiterbeulen verunstaltetes Gesicht gekämmt hat, steht eine Frau mittleren Alters, die trotz beginnender Mumifizierung in ihrem grauen Businesskostüm gar nicht mal schlecht aussieht. Die letzte Person in der Schlange besteht eigentlich aus zwei ineinander verschlungenen Körpern, die ihre Lippen und Hände nicht voneinander lassen können. Die Verliebten arbeiten schon seit Monaten unaufhörlich an ihrem finanziellen Ruin vor Vollendung des dreiundzwanzigsten Lebensjahres, indem sie beinahe täglich neue Kredite für die wichtigen Dinge im Leben wie den Flachbildschirm und den Kühlschrank mit Eisspender aufnehmen.
   Seit drei Wochen vögeln sie auch nicht mehr auf der IKEA-Matratze, sondern im Wasserbett, über dem ein Bild ihres letzten Maledivenurlaubs hängt. Insgeheim bewundere ich sie. Immerhin hatten sie ihren Spaß, wenn sie im nächsten Jahr ihre erste Privatinsolvenz anmelden müssen.
   Hinter mir betritt ein alter Mann in einem zu großen Mantel die Zelle. In der knochigen Hand hält er einen Telefonhörer. So langsam sollte die Schnepfe ein Wegen-Überfüllung-geschlossen-Schild an die Tür hängen. Ich drängle mich bis zu dem schmalen Verkaufstresen vor, hinter dem sich die Blondine verschanzt hat. In meiner Aufmachung sehe ich aus wie Michael Myers auf seinem letzten Rachefeldzug.
   »Dein Platz ist da hinten.« Der junge Bursche probt den Aufstand.
   »Halt’s Maul.« Ich bedenke den lebenden Eiterpickel mit einem unfreundlichen Blick und baue mich vor der Mitarbeiterin von FlatRatTel auf.
   »Würden Sie sich bitte hinten anstellen?« Ihre Hirnzellen arbeiten auf Hochtouren, um sich die im großen Nichts verschwundenen Fragmente der wichtigsten Lektion ihres Unternehmens wieder in Erinnerung zu rufen.
   Erster Tag. Erste Stunde. Erstes Thema. Umgang mit Kundenbeschwerden. Ich hoffe, dass ihre Synapsen bei der geistigen Anstrengung nicht durchbrennen, denn ihr Hirn scheint für komplexe Denkprozesse nicht ausgelegt zu sein.
   Statt ihrer Bitte nachzukommen, quetsche ich mich hinter den Verkaufstresen und stelle mich neben sie. Unwillkürlich rümpft sie die Nase. Meine Körperausdünstungen und die Fäkalienreste an meinem Fuß sind im Moment aber ihr geringstes Problem.
   Der Typ im Anzug sieht mich irritiert an. Als Gentleman möchte er der Dame natürlich beistehen, aber sein innerer Feigling ist stärker als sein Beschützerinstinkt. Er ist einer von der Sorte, die sich auch eine Vergewaltigung bis zum Ende ansehen würden und sich später beim Eintreffen der Polizei an nichts mehr erinnern können. Ich ignoriere ihn und drücke der Angestellten den Telefonhörer in die manikürten Finger. »Du wirst jetzt sofort jemanden anrufen, der meine Leitung wieder freischaltet!«
   »Dazu haben wir extra eine Kundenhotline, die …«
   »Ich weiß. Dort kann mir nur niemand helfen.« Das Lächeln, das meine Worte begleitet, würde ganze Heerscharen von Psychologen in Entzückung versetzen und mir einen neuen Wohnraum sichern. In einem Zimmer mit gepolsterten Wänden und Gittern vor den Fenstern.
   »Wir haben Mitarbeiter, die sich um ihr Anliegen kümmern.«
   »Richtig Schätzchen. Mitarbeiter wie dich. Und darum wirst du dich jetzt ganz persönlich um mich kümmern.«
   »Ich bin doch nur für die Kundenakquise zuständig.«
   »Herzlichen Glückwunsch. Dann bist du gerade eben befördert worden.«
   »Aber ich kann doch nichts für Sie tun.«
   »Falsche Antwort.« Ich lege meinen Arm um ihre Schulter und deute auf den Telefonhörer in ihrer Hand.
   »Was halten Sie davon, wenn wir morgen um zehn Uhr einen Termin vereinbaren? Dann können wir Ihr Problem in Ruhe besprechen. Zudem waren die anderen Herrschaften vor Ihnen da. Und ich habe seit zehn Minuten Feierabend.«
   Auch wenn sie mir statt eines Termins eine schnelle Nummer angeboten hätte, wäre ich nicht interessiert gewesen. Im Moment will ich nur einen funktionierenden Internetanschluss. Der Typ mit dem Anzug steht immer noch regungslos da und starrt mich an.
   »Möchten Sie gelegentlich telefonieren?«, wende ich mich an ihn. »Und im Internet surfen?« Er nickt eifrig. Wahrscheinlich hat er in der Schule immer in der ersten Reihe gesessen.
   »Dann sind Sie hier falsch.« Ich nehme sein ausgefülltes Antragsformular und zerreiße es. Während die Papierschnipsel wie Konfetti zu Boden regnen, sehe ich ihn herausfordernd an. Sein innerer Schweinehund rät ihm zu einem taktischen Rückzug. Wortlos dreht er sich um und verschwindet. Der Langhaarige folgt ihm.
   Die Geschäftsfrau sieht mich an wie ein Alien aus einer fernen Müllgalaxie. Ihrer Grimasse nach zu urteilen werden wir heute wohl keinen Sex mehr haben.
   »Meine Leitung ist auch tot«, informiert sie die Mitarbeiterin von FlatRatTel. »Ich habe bereits sieben Mal bei der beschissenen Hotline angerufen, aber es passiert einfach nichts.«
   »Wie kann ich Ihnen helfen?« Blondchens monotone Stimme erinnert mich an ein elektronisches Spielzeug mit einem eingebauten Sprachchip.
   »Ich will den verdammten Vertrag annullieren lassen.«
   Die Ausdrucksweise des Kostümhäschens gefällt mir. Ihr Körper auch. »Wir können der Kundin doch bestimmt helfen. Meinen Sie nicht auch?«
   Die Mitarbeiterin von FlatRatTel bewegt ihren Kopf vor und zurück, wie eine dieser Vogelfiguren aus Glas, die ich als Kind hatte. Wenn man den gläsernen Spielzeugen ein Glas Wasser auf den Tisch stellte, tauchten sie ihren Schnabel dort ein, bevor sie wieder zurückwippten. Das konnten die Viecher stundenlang machen, ohne schwindlig zu werden. Bei ihr habe ich da meine Bedenken.
   »Die Stornierungen sind unten in der Schublade.«
   Die willige Helferin des Abzockervereins befreit sich aus meiner Umklammerung und geht in die Hocke. Zwischen Papiertaschentüchern, aufgerissenen Gummibärchenpackungen und einem angeschimmelten halb leeren Joghurtbecher kramt sie ein zerknittertes Formular hervor. »Die brauchen wir hier nicht so oft.«
   »Ich würde mir besser einen großen Stapel davon zulegen.«
   Sie beachtet mich nicht. Stattdessen füllt sie die Textfelder umständlich mit den Personen- und Anschlussdaten.
   Ich nehme an, dass sie die letzten Buchstaben des Alphabets erst kurz vor ihrem Schulabschluss gelernt hat. Nach wenigen Minuten verlässt die erste wirklich zufriedene Kundin mit einem annullierten Vertrag das stinkende Kabuff.
   In der Beratungsstelle klammert sich inzwischen nur noch der alte Mann verzweifelt an sein Telefon.
   »Was kann ich denn für Sie tun?« So langsam gefällt es mir hier.
   »Mein Telefon ist kaputt.« Er streckte mir den Hörer entgegen.
   »Kein Problem.« Ich deute auf die verschiedenen Telefonanlagen, die in den offenen Regalen stehen. »Suchen Sie sich einfach einen Apparat aus.«
   »Das kann ich mir nicht leisten.«
   »Doch, das können Sie. Ist ein Geschenk des Hauses.«
   Sofort greifen sich die klauenartigen Finger die teuerste Anlage und verstauen sie in der Manteltasche. Dann nickt er mir kurz zu und verschwindet mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit. Manchmal ist es so einfach, jemandem eine Freude zu machen.
   Leider verschwindet mit ihm auch das blonde Miststück. Eine Weile kann ich noch ihre auf dem Asphalt klappernden Absätze hören, bevor sich die Geräusche im Feierabendverkehr verlieren.
   Ich krame ein weiteres Formular aus der Schublade, fülle es aus und stemple es ab. Dann lege ich meine Vertragsstornierung gut sichtbar auf den Verkaufstresen. Eine Kopie stecke ich vorn in meine Jogginghose. Dort geht nichts verloren.

3.
Supermarkt

Den Rest der Woche verbringe ich im Büro und vor der Glotze. Frau Dr. Biedermann schlendert jeden Abend wie zufällig eine knappe Stunde, nachdem ich auch den letzten Kollegen beim Beamtenmikado besiegt habe, an meinem Arbeitsplatz vorbei. Mit einem wohlwollenden Nicken nimmt sie den Aktenstapel zur Kenntnis, der hüfthoch an meinen Schreibtisch lehnt. Nicht ahnend, dass ich die Unterlagen darin nicht bearbeitet habe. Im Moment habe ich Wichtigeres zu tun, als den Server mit Datenmaterial zu füttern. Ich muss mich um einen neuen Internetanschluss kümmern.
   Noch am Dienstag habe ich mir einen Stapel Vertragsunterlagen verschiedener Anbieter besorgt. In den ersten beiden Tagen war ich fest entschlossen, mir jede einzelne Klausel zu merken und mit den anderen Unterlagen zu vergleichen. Aber bereits am Mittwochabend hatte ich mich endgültig im Dschungel der Tarifinformationen verirrt. Nach einem weiteren Tag meldete mein Gehirn die bedingungslose Kapitulation an. Inzwischen verstehe ich zumindest, dass die einfache Bereitstellung einer Leitung nicht auf einer einzelnen Vertragsseite abgehandelt werden kann, weil allein die in den Fußnoten versteckten Kosten mehrere Seiten füllen. Zudem würde dann jeder Trottel seinen Vertrag verstehen. Und das kann nun wirklich niemand wollen.
   Da ich von meinem Denkapparat in dieser Angelegenheit keine weitere Unterstützung mehr erwarten kann, verlasse ich mich am Freitagnachmittag auf meine fünf Sinne. Wobei dem Sehen die größte Bedeutung zukommt. Was den Tastsinn sehr kränkt, weil er sich bei der Vertragsunterzeichnung in Anwesenheit der jungen Verkäuferin eindeutig benachteiligt fühlt.
   In meiner Wohnung lege ich die Durchschrift meines neuen Telekommunikationsvertrages auf den Küchentisch und öffne den Kühlschrank. Eine so wichtige und wohlüberlegte Entscheidung muss natürlich gebührend gefeiert werden.
   Leider hatte sich mein eisiger Kumpel nicht auf eine wilde Party vorbereitet. Lächerliche sieben Dosen Bier warten im oberen Fach auf ihre Bestimmung. Darunter liegt ein Stück Käse, das noch genau so aussieht wie bei meinem Kauf vor drei Wochen. Dafür wölbt sich der Deckel des Joghurts bedrohlich. Ich werfe das mit rechtsdrehenden Milchsäuren verseuchte Dreckszeug in den Mülleimer und öffne eine Dose Bier. Mit dem Stück Käse und meinem Lieblingsgetränk fläze ich mich auf das Sofa und betrachte die Sauerei in meinem Wohnzimmer. In den letzten Tagen habe ich keine Zeit zum Saubermachen gefunden. Meine Wohnung riecht noch immer wie eine seit Wochen nicht gelüftete Kneipe. Was mir eigentlich ganz gut gefällt.
   Zum Glück erweist sich mein Fernseher als treuer Freund. Ich kann mir ein Leben ohne meinen Flachbildschirm nicht mehr vorstellen. Besonders gern beobachte ich gut gebaute junge Menschen, die, ohne den Ballast eines halbwegs funktionierenden Gehirns, durch die Serien stolpern.
   Lustig finde ich auch die neuen Castingshows, in denen sich die Kandidaten vor laufender Kamera zum Volldeppen machen, um sich nach ihrem Auftritt von einer geltungssüchtigen Jury erklären zu lassen, dass sie in diesem Leben zu wirklich nichts zu gebrauchen sind.
   Heute Abend begebe ich mich mit ein paar talentfreien Schauspielern auf Verbrecherjagd. Die Drehbuchautoren haben ihnen ihre Rollen perfekt auf den trainierten Leib geschrieben. Sätze mit nur drei Worten werden in eine Geschichte gewebt, der ich auch mit meinem in Alkohol badenden Resthirn noch problemlos folgen kann.
   In ihrer Schlichtheit erinnern mich die Dialoge an die Haushaltsdebatten im Bundestag. Nur dass ich dort niemanden in Badehose sehen möchte. Auch nicht im Bikini.
   Stunden später holt mich ein grau melierter Mann in der schlimmsten Phase seiner Midlife-Crisis aus meinem bierseligen Schlummer, indem er mir die Vorzüge eines Maniküresets erläutert. Meines Erachtens könnte man mit den Werkzeugen in der Kunstledermappe auch eine Operation am offenen Herzen durchführen. Als er von einem dürren Klappergestell in einem Trägerkleid abgelöst wird, suche ich fieberhaft nach der Fernbedienung. Natürlich habe ich nichts gegen ein Dekolleté. Allerdings sollte es gut gefüllt sein. Die halb verhungerte Seniorin könnte mit ihren in den Fummel gezwängten Lappen auch die Fenster putzen.
   Mit einem leichten Druck auf die Power-Off-Taste lasse ich das verschrumpelte Wesen in der Twilight Zone der Fernsehstudios verschwinden. Mühsam rapple ich mich auf. Mein Unterhemd ist biergetränkt, weil ich wieder mit einer Dose in der Hand eingeschlafen bin. Die leere Getränkehülle finde ich neben dem Sofakissen. Die anderen liegen zwischen den Scherben in der klebrigen Alkoholbrühe. Ich werde mich später darum kümmern, denn jetzt habe ich eine wichtige Aufgabe zu erledigen.
   Existenzsicherung. Nahrungsbeschaffung. Krieg.
   Heute muss ich mich auf dem Schlachtfeld behaupten. Dabei ist die Hölle aus plärrendem Nachwuchs, geifernden Müttern und über Einkaufswagen gebeugten und jeder Würde beraubten Männern noch irgendwie zu ertragen.
   Aber die in grellen Farben gehaltenen blinkenden Hinweisschilder, die von sinnentleerten Werbejingles begleitet werden, fressen sich jedes Mal wie Parasiten in mein Gehirn. Die Stimmen aus den versteckten Lautsprechern haben mich bei meinem letzten Besuch sogar bis in die Toilettenkabine des Einkaufszentrums verfolgt.
   Während ich auf der zersprungenen Plastikbrille hockte, wurden mir von einer erotischen Frauenstimme drei Pfund Gehacktes angeboten. Ich war nahe dran, den Kopf in die Kloschüssel zu stecken und mich darin zu ertränken.
   Mit der Eleganz eines gestrandeten Wals rutsche ich vom Sofa. Als ich mich aufrapple, wird mir schwindlig und mein übersäuerter Magen presst halb verdauten Alkohol zurück in die Speiseröhre. Zum Glück gibt es ein gutes Mittel gegen die morgendliche Übelkeit nach einer durchzechten Nacht. Kaltes Bier. Mühsam trotze ich der Schwerkraft und wanke zum Kühlschrank. Zwei Dosen habe ich gestern nicht mehr geschafft. Ich lasse mich auf den Stuhl fallen und reiße eine Lasche auf. Schaum quillt heraus. Ohne zu zögern, setze ich die Dose an die Lippen und schlucke. Kühl rinnt die Plörre in meinen Körper und bringt das Verdauungssystem vollkommen durcheinander. Achtlos lasse ich die leere Dose fallen und widme mich der nächsten. Mein Magen startet einen erneuten Rebellionsversuch. Ich schicke das unverdaute Zeug mit ein paar Schlucken Bier wieder in die Eingeweide und frische meinen Restalkohol auf.
   Nach der zweiten Dose bin ich in der richtigen Stimmung. Sogar für die Werbejingles wird es schwer, sich nicht in meinem Alkoholnebel zu verlieren. Manchmal vermischen sich Wortfragmente dieses penetrant fröhlichen Klangbreis mit biergetränkten Visionen zu netten kleinen Vorstellungen, die das Einkaufen beinahe angenehm machen.
   So habe ich mir letzte Woche vorgestellt, wie die fette Fregatte in der Schlange vor mir sich ihre fingerdicke Orangenhaut mit der angepriesenen Körperlotion einschmiert, um danach als hemmungsloses Sexbiest nackt durch die Gänge zu tollen. Als ich daraufhin laut gelacht habe, hat mich das Schwabbelmonster mit einem bösen Blick bedacht. Als könnte sie meine Gedanken lesen.
   Die leere Dose lasse ich auf dem Küchentisch stehen und mache mich auf den Weg ins Bad. Nach dem Pinkeln ziehe ich mir meine Jogginghose über die Boxershorts, in der ich geschlafen habe. Das legere Beinkleid leistet mir schon seit über zehn Jahren treue Dienste. Man kann sie prima mit der Kordel zuziehen und mit einer Doppelschleife sichern. Den Bauch kann ich locker darüber hängen lassen, ohne dass eine Gürtelschnalle schmerzhaft in die Haut schneidet.
   Mit den Fingern bringe ich meine Fettfransen in Form. Dann setze ich meine Brille auf und schlüpfe in die zur Hose passende Jacke. Den Reißverschluss lasse ich offen, damit mein biergetränktes Unterhemd noch ein wenig trocknen kann. Zu dem dunkelblauen Trainingsanzug wähle ich wie immer meine schwarzen Turnschuhe mit den aufgedruckten Flammen an der Seite. Eine Frau hätte allein mit der Wahl der richtigen Schuhe eine halbe Stunde ihrer Lebenszeit vergeudet. Ich habe nur dieses eine Paar.
   Wie an jedem Samstag stopfe ich zwei leere Alditüten in die Jackentaschen. Dann mache ich mich auf den Weg. Scheppernd fällt die Wohnungstür hinter mir ins Schloss.
   Mit jugendlicher Frische nehme ich die ersten Treppenstufen. Zumindest versuche ich es. Leider bin ich mit vierunddreißig Jahren nicht mehr jugendlich. Zudem fehlt mir im Moment jede Frische. Auf dem ersten Treppenabsatz stütze ich mich am Geländer ab und versuche, den Kreisel in meinem Kopf wieder zum Stillstand zu bringen.
   Was mir erst gelingt, nachdem ich mein Frühstücksbier über einige Treppenstufen verteilt habe. Wie gut, dass ich erst in vier Wochen wieder Reinigungsdienst habe. Ich wische mir mit dem Handrücken über den Mund und lasse es bei den nächsten Stufen etwas gemächlicher angehen.
   Natürlich regnet es auch heute. Mit gesenktem Kopf lege ich die wenigen Meter bis zur Bushaltestelle zurück. Zwei Frauen rücken widerwillig zur Seite, als ich mich in den Unterstand quetsche. In der Enge benutze ich den Mantel der aufgetakelten Schnepfe neben mir als Lappen, um meine Hand von den unverdauten Frühstücksresten zu reinigen.
   Als der Bus kommt, bringe ich mich für das erste Scharmützel des Tages in Stimmung. Den Rücksichtsvollen bleibt nur ein Stehplatz. Ich sitze auch heute am Fenster und zähle die Regentropfen. Das Gezeter der alten Vogelscheuche, die den sportlichen Vergleich mit mir verloren hat und bei jedem Bremsvorgang wie ein Skelett in der Geisterbahn durchgeschüttelt wird, vermischt sich mit dem Motorengeräusch des Busses.
   Nach knapp zwanzig Minuten Fahrzeit bläst mir das Einkaufszentrum seinen stinkenden Atem ins Gesicht. Immer wieder habe ich das Gefühl, durch die Luftschleusen direkt in das Gedärm eines Riesen zu kriechen.
   Nach wenigen Schritten sehe ich den Stand mit den Einkaufswagen. Ein letztes, mit Werbeprospekten gefülltes Schlachtross wartet auf seinen Einsatz.
   Mit einem geübten Blick taxiere ich die junge Mutter vor mir, die ihr etwa dreijähriges Kind wie ein kaputtes Spielzeug hinter sich herschleift. Sie will an dem älteren Mann vorbei, der zielstrebig auf den Einkaufswagen zueilt. Innerlich bereite ich mich in Sekundenbruchteilen auf den nun folgenden Nahkampf vor. Adrenalin durchflutet meinen Körper und vermengt sich mit dem Alkohol zu einem explosiven Gemisch. Locker sprinte ich an der Frau vorbei, deren Kind sich gerade in einer Trotzreaktion zu Boden geworfen hat. Schade. Ich habe gern würdige Gegner.
   Der Alte dreht sich zu mir um. Ein Fehler, den viele Anfänger machen, denn das Zurückschauen kostet wichtige Meter, die auf einer Kurzstrecke entscheidend sind. Tack-Tack-Tack schlägt sein Stock im Stakkato auf den schmutzigen Boden, als er seine dürren Beinchen zu Höchstleistungen zwingt. Er berührt den Einkaufswagen noch mit den Fingerkuppen, bevor ich ihn erfolgreich zur Seite dränge. Sein Einkaufschip fällt zu Boden und rollte vor die Füße der Mutter, die sich ihr schreiendes Kind inzwischen unter den Arm geklemmt hat.
   Ich schütze den Einkaufswagen mit meinem Körper, während ich einen Plastikchip aus der Tasche krame. Die Prospekte werfe ich auf den Boden. Mit der stolzen Haltung eines siegreichen Feldherrn schiebe ich das Drahtgestell zum Drehkreuz. Begleitet werde ich dabei nicht von Jubelgesängen, sondern von der Schimpftirade der Fortpflanzungsfanatikerin, deren unflätiger Wortschatz das Heulen ihres verhütungsfreien Wochenendes übertönt.
   Unterbrochen wird das Gequake von gelegentlichen Ups-Lauten des Alten, der nach Luft japsend an der Wand lehnt und jeden Moment in sich zusammenzufallen droht. Meines Wissens sollten Menschen in seinem Alter Aufregungen besser vermeiden. Ich lasse mir meinen Triumph nicht von den Lästereien und den nach Mitleid heischenden Grunzlauten des Klappergestells verderben. Von den halbwüchsigen Idioten allerdings schon.
   Das Drehkreuz im Eingangsbereich ist die erste wirklich ernst zu nehmende Hürde. Diese Dinger sind so eng, dass mir kaum Luft zum Atmen bleibt, wenn ich meine Wampe zwischen die Bügel gequetscht habe. Während ich mich Zentimeter für Zentimeter durch das Drehkreuz schiebe, drücken die Stahlrohre unangenehm in meinen Bauch. Bis sie sich mit einem Ruck in eine Brechstange verwandeln.
   Zum Glück schützt mein reichlich vorhandenes Fettpolster die Rippen wie ein Airbag. Mit hochrotem Kopf japse ich nach Luft. Die beiden Jugendlichen, die das Drehkreuz mit voller Kraft gegen meine Laufrichtung gedreht haben, nehme ich nur für einen kurzen Moment wahr. Dann klappe ich in der Mitte zusammen und hänge wie ein Lumpenbündel aus der Altkleidersammlung über dem Bügel. Nachdem ich wieder halbwegs normal atmen kann, kratze ich meinen letzen Rest Würde zusammen und befreie mich aus dem verdammten Ding.
   Schlurfend begebe ich mich auf Beutezug. Eine Mauer mit halb nackten Frauen lässt mich den trüben Novembertag und meine Schmach schnell vergessen. Als ich mir drei Packungen der sündigen Versprechungen in den Wagen wuchte, stolpere ich über den Begriff Vollwertmüsli. Mir würden eine Menge Dinge einfallen, die ich mit dem sinnlich geöffneten Mund in Verbindung bringen würde. Für Vollwertmüsli reicht meine Fantasie nicht. Frustriert stelle ich zwei Kartons zurück. Das Bild auf der einen Packung werde ich mir rahmen und in die Küche hängen. Mit dem Müsli kann ich später die Enten im Stadtpark füttern.
   In den dicht befahrenen Gängen fühle ich mich wie in einem Autoskooter. Damals ahnte ich noch nicht, dass mir die Fahrpraxis in den kleinen Vehikeln noch von Nutzen sein könnte. Geschickt umkurve ich dümmlich grinsende Mutanten, die sich ziellos durch die Gänge treiben lassen. Man erkennt die Opfer der Werbejingles an ihren staksigen Bewegungen, mit denen sie an den Regalen vorbeischlendern, bis sie ein beworbenes Produkt finden und es wie ein heiliges Relikt in den Einkaufswagen legen.
   Es wird Zeit, dass die Werbejunkies, die jeden noch so gut verstecken Lautsprecher ausfindig machen, um sich von seinem akustischen Gift berieseln zu lassen, endlich als psychisch kranke Menschen anerkannt und behandelt werden.
   Großzügig umfahre ich ein Pärchen, das mit zitternden Gliedern auf die nächste heilige Botschaft des Konsums wartet, als mich ein Geisterfahrer frontal erwischt und mir die Querstange des Einkaufswagens in meine Fettpolster rammt. So langsam werde ich sauer.
   Ich habe noch nicht einmal den ersten Gang geschafft und schon zwei Tiefschläge einstecken müssen. Mit einer kurzen ruckartigen Bewegung ramme ich meinen Wagen nach vorn. Aus dem schmächtigen Männchen entweicht die Luft wie aus einem aufgestochenen Luftballon. Mit einem leisen Stöhnen geht er zu Boden. Lässig schiebe ich meinen Wagen an ihm vorbei, ohne ihm auf die Füße zu helfen. Was macht der Idiot auch auf meiner Fahrbahnseite? Zu meinen Zeiten als Rebell im Autoskooter hätte ich ihm noch eine ordentliche Abreibung verpasst. Der Blödmann ist bestimmt einer von den Deppen, die auch auf der Autobahn wenden, weil sie den Kuchen für Tante Elfriedes Kaffeerunde vergessen haben.
   Ohne weitere Unfälle gelange ich in den nächsten Quergang, in dem mich meine Freunde Johnnie Walker und Jim Beam bereits erwarten. Ich grüße sie freundlich und genehmige mir einen Schluck auf ihr Wohl. Nach meiner kleinen Stärkung stelle ich die Flaschen wieder ordentlich ins Regal und fädle mich in den Verkehrsstrom des Hauptganges ein, der mich direkt in die Tiefkühlabteilung führt.
   Die Vorratspackungen Rosenkohl, Spinat und Brokkoli ziehen an mir vorbei wie Sträucher am Seitenstreifen einer Autobahn. Vor meiner Lieblingstruhe mit den Tiefkühlpizzas steht eine Hose in verdreckten Schuhen. Der dazugehörige Oberkörper ist in der eisigen Kälte verschwunden.
   Ich kenne diese Treter.
   Sie gehören einem der Idioten, die mir den Metallbügel in den Bauch gerammt haben. Da mich im Moment niemand beachtet, beschleunige ich mein Gefährt und ramme dem Kerl das stählerne Monster mit der unteren Querverstrebung direkt in die Achillesfersen.
   Sein Schrei gefriert zwischen den Thunfischpizzas. Die Truhe ist eines dieser monströsen Dinger, die man mit einem Schiebedeckel öffnen kann. Allerdings kann man die Plastikabdeckung auch wieder schließen.
   Ich ergreife seine Beine und stopfe den schmächtigen Körper kopfüber in die Truhe. Dann ziehe ich die Abdeckung zu. Der Mistkerl liegt darin wie ein ekliges Insekt. Vielleicht sollte ich ihm noch ein Preisschild auf die Stirn tackern. Ich habe nur keine Ahnung, was die Kunden für einen tiefgefrorenen Idioten in altem Schweißüberzug bezahlen würden.
   Ich drücke den Schieber fest in die Gummiummantelung und schiebe meinen Wagen in die Obstabteilung, in der ich über einen Korb Bananen stolpere. Auch wenn diese leicht gebogenen Naturvibratoren gesund sein sollen, mag ich sie nicht. Das hat weniger mit der Frucht zu tun, sondern eher mit der Verpackung. Das Gelb passt nicht zu meiner Kücheneinrichtung.
   Neben den Bananen stapeln sich die Kisten mit Kiwis. Die Dinger sollen noch mehr Vitamine haben als die Gummibärchen, die ich immer in mich reinstopfe. Aber ich kann nichts essen, das aussieht wie kleine Ratten, denen man Füße und Schwänze abgeschnitten hat.
   Manchmal könnte die Natur bei den menschlichen Nahrungsmittelchemikern ruhig ein wenig Nachhilfeunterricht nehmen. Warum soll ich so ein widerlich aussehendes Zeug in mich reinwürgen, wenn es Gummibärchen mit Vitaminen gibt? Ich habe in meinem Leben noch keinen Cent für Dinge ausgegeben, die auf Bäumen oder an Sträuchern wachsen. Wenn eine Tomate inzwischen monatelang haltbar ist, ohne schrumplig zu werden oder ihre knallrote Farbe einzubüßen, halte ich mich lieber gleich an die Chemienahrung aus der Gummibärchentüte.
   Ohne die pestizidverseuchten Lebensmittel weiter zu beachten, lenke ich den Wagen in mein privates Paradies. Ich liebe die Süßwarenabteilung, denn hier gibt es alles, was wirklich wichtig ist.
   Zufriedenheit. Glück. Familie. Käuf1ich wie die Nutten am Bahnhofsstrich. Ich bin umringt von lachenden Frauen mit strahlend weißen Zähnen und sonnengebräunten Samenspendern, die mit ihrer hyperaktiven Brut übermütige Zuckermonster jagen oder auf einer bunten Sommerwiese toben. Natürlich sind die Bilder so verlogen wie die Wahlkampfreden der Politiker.
   Aber wer findet sich schon in der rauen Welt der Globalisierung zurecht? Soll ich den Tag vielleicht mit Kaffee aus Krisengebieten und geschmacksneutralem Müsli vom Biobauernhof beginnen, das ich aus einer selbst getöpferten Schale löffle, während Bob Dylan im Hintergrund auf seiner Klampfe schraddelt?
   Bevor ich mein Hirn mit derart komplexen politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen überfordere, lasse ich mich lieber in der Welt der bunten Bilder treiben. Wahllos fülle ich meinen Wagen mit bunten Naschereien, wobei ich sorgsam darauf achte, auch die Gummitiere mit der Vitaminmischung zu erwischen. Gesunde Ernährung ist mir wichtig. Und dazu gehört Protein, das ich einen Gang weiter in der Wurstabteilung finde.
   Dass die abgepackten Scheiben unter der Plastikverpackung auch nach sieben Wochen noch frisch aussehen, verdanken sie den Konservierungsstoffen, die sich neben Geschmacksverstärkern und künstlichen Farbstoffen in Chemiebomben wie der Original Zillertaler Landwurst befinden. Um die Zutatenliste zu verstehen, sollte man allerdings einige Semester organische Chemie studiert haben.
   Eigentlich unterscheidet sich das Zeug nicht von den bunten Tüten, die ich bereits im Einkaufswagen habe, denn Fleisch befindet sich schon lange nicht mehr in den Verpackungen mit den glücklichen Vierbeinern. Wie immer nehme ich die Wurst mit dem Teddybärengesicht, denn nur damit kann ich mich auch mit meinem Brötchen unterhalten, ohne dass es peinlich wird.
   Die danebenliegende Salami erinnert mich mit ihrer blutroten Farbe an die Fleischbrocken bei einer Zombiefütterung in meinem bevorzugten Filmgenre. Achtlos werfe ich fünf Packungen zu den Gummibärchen, bevor ich zum Regal mit den Molkereiartikeln weitertrotte.
   Vor zwei Wochen habe ich mir in einem kulinarischen Ausraster ein Stück Käse in einem Feinkostgeschäft geleistet. Als ich mir die wabbelige Masse auf einen Teller klatschte, stank meine Bude binnen weniger Minuten wie ein anatolischer Ziegenstall im Sommer. Ich habe den Dreck gleich in den Mülleimer geworfen.
   Dieser Käse ist dagegen vollkommen geruchsneutral und schmeckt wie leicht gesalzene Gummibärchen. Zudem hält er sich noch knapp vier Monate. Dem nächsten Kühlregal entnehme ich zwei Liter Milch. Wenn ich in der Schule richtig aufgepasst habe, kommt bei den Kühen die Milch aus einem Sack mit Zapfhähnen. Was für ein Wunderwerk der Natur. Während der Mensch eine steinige Strecke auf dem Weg der Evolution zurücklegen musste, um die erste Bierzapfanlage zu entwickeln, ist diesen grasfressenden Ungeheuern so ein Ding gleich angewachsen. Manchmal sollten wir Menschen der Natur mehr Respekt entgegenbringen.
   Im vorletzten Gang finde ich weitere lebenswichtige Nahrungsmittel. Knabberzeug. Von der Chipstüte mit der Chiliwürzmischung grinst mir ein gemalter Teufel mit riesigen Möpsen entgegen. Direkt daneben verleibt sich eine schwarzhaarige Amazone mit hüfthohen Lederstiefeln genussvoll ein paar Maisecken ein. Ich nehme zehn Tüten von jeder Sorte, denn ich möchte nicht, dass sich eine der beiden Damen später benachteiligt fühlt.
   Das große Einkaufsfinale erwartet mich mit meterhohen Getränkeregalen und einer Katastrophe in Gestalt einer hübschen jungen Frau, die sich über ihren Einkaufswagen beugt und mir ein Arschgeweih präsentiert, das sich bis zu den Schulterblättern erstrecken muss. Natürlich ist eine Frau in dieser Position streng genommen keine Katastrophe. Dass sie aber die letzten Dosen meines Lieblingsbieres in ihren Einkaufswagen räumt, würde ich ihr auch dann nicht verzeihen, wenn sie im letzten Monat die Titelseite des Playboys geziert hätte. Als sie ihre Beute an mir vorbeimanövriert, entdecke ich zwei komplette Paletten meines bevorzugten Getränks. Ich kann dieser Frau unmöglich meinen Biervorrat überlassen.
   Unauffällig folge ich ihr zurück in die Knabberabteilung. Frau Arschgeweih plant wohl eine größere Party. Wahllos wirft sie ein paar Tüten und ein knappes Dutzend Rollen von den Luxuschips in ihren Wagen, bevor sie sich damit zu einem mir unbekannten Bereich aufmacht. Unschlüssig steht sie vor einem Farbenmeer aus Tönungen und Shampoos. Bei der Wahl ihrer neuen Haarfarbe macht sie allerdings einen entscheidenden Fehler. Sie entfernt sich von ihrem Einkaufswagen. Ich nutze ihre Unachtsamkeit und schiebe den Partywagen in den Nachbargang, in dem mich Hundebabys und niedliche kleine Kätzchen von unzähligen Fotos flehend anstarren. Ich weiß nicht, ob man ihre Kadaver in diesen sündhaft teuren Dosen verarbeitet hat oder ob sie nur darauf hoffen, dass jemand den Mist kauft, um sie damit zu füttern. Mir soll es egal sein.
   Ich wühle mich durch ihr Salzgebäck und bekomme die erste Palette zu fassen. Vorsichtig sehe ich mich um. Im Moment bin ich allein im Gang. Wahrscheinlich haben alle Tierfreunde ihre vierbeinigen Lieblinge schon an der nächsten Autobahnraststätte angebunden und sind verschwunden. Ein paar Tüten fallen zu Boden, als ich die beiden Paletten in meinen Wagen wuchte. Bevor ich mir die letzten Bierdosen sichern kann, zerfetzt eine schrille Stimme meine Gehörgänge.
   »Was machen Sie denn da?«
   Frau Arschgeweih hat sich für eine Tönung in Dunkelrot entschieden. Statt einer Antwort zucke ich mit den Schultern und mache, dass ich hier wegkomme. Zumindest versuche ich es. Aber das linke Vorderrad dreht in einer Tüte Erdnussflips durch. Ich habe das Gewicht des Wagens unterschätzt, denn mit den beiden Bierpaletten ist das Gefährt wirklich schwer geworden. Die Flucht auf den Hauptgang gelingt mir erst in letzter Sekunde. Keuchend fädle ich mich wieder in den fließenden Verkehr ein, während das Arschgeweih mit ihrer Tönung in der Hand fassungslos hinter mir herstarrt.
   Auf dem Weg zur Kasse stelle ich fest, dass eine der beiden Milchtüten unter dem Gewicht der Bierpaletten aufgeplatzt ist und eine weiße Spur hinterlässt, auf der man prima ausrutschen kann. Um nicht in den Schmierfilm zu treten, watschle ich breitbeinig hinter meinem Wagen her.
   Während ich mich darauf konzentriere, nicht in die milchige Naturflüssigkeit zwischen meinen Beinen zu treten, raunzt mich eine Schrulle aus Ökohausen an. Ihr plärrendes Balg trägt sie wie ein Schmuckstück vor ihren winzigen Brüsten. Kein Wunder, dass der Kleine schreit. Prall gefüllte Vorratsschläuche sehen anders aus.
   »Sie verlieren Milch«, gibt sie mir mit einem skeptischen Blick auf meine Einkäufe zu verstehen. Aus ihrem Wagen quillt die halbe Gemüseabteilung nebst Vollwertflocken und ein paar Sojaburgern.
   »Das ist keine Milch«, belehre ich sie. »Das ist Sperma. Ich produziere zu viel davon und laufe manchmal einfach über. Sind Sie interessiert?«
   Für einen Augenblick entgleisen ihre Gesichtszüge und sie presst ihre Lippen aufeinander, als wollte sie die Antwort auf meine Frage hinter ihren Zähnen einsperren. Dann dreht sie sich abrupt um und verschwindet im Gang mit den Haushaltswaren.
   Ich sehe ihr amüsiert nach. Dann schiebe ich mein Gefährt auf die Kassenfront zu, vor der bereits siebenundzwanzig überladene Einkaufswagen auf ihre Abfertigung warten. Von den dreizehn schmalen Ausgängen sind vier geöffnet. Neben mir drängen noch zwei weitere Wagen an die Kassen.
   Wie jeden Samstag überbrücke ich die Wartezeit mit einem zweiten Frühstück. Ich reiße eine Bierdose auf und öffne eine Tüte Chips. Als ich die Dose mit gierigen Schlucken zur Hälfte geleert habe, entweicht die Kohlensäure mit einem unüberhörbaren Rülpser.
   Bis auf die beleibte Dame in lilafarbenen Stretchleggins in der Schlange neben mir versucht jeder, meine gesellschaftliche Entgleisung zu ignorieren. Aus ihrem grell geschminkten Gesicht wirft sie mir einen vernichtenden Blick zu. Ohne Brille hätte ich ihre Augen in den Farbklecksen erst einmal finden müssen. Glücklicherweise verweigert meine Netzhaut die Weiterleitung dieser bunten Urgewalt an mein Gehirn und bewahrt mich so vor dem visuellen Overkill.
   »Das müssen Sie bezahlen.« Sie quakt mich mit einer Stimme an, die klingt wie eine Mischung aus Helene Fischer und einem wütenden Donald Duck. »Und aus Ihrem Wagen tropft so komisches weißes Zeug raus.«
   Ich erspare mir einen Kommentar zu der Milch. Immerhin müssen wir die nächsten Stunden miteinander verbringen, denn bis wir die Kassen erreichen, wird es früher Nachmittag sein. Mit viel Glück passieren wir die engen Schleusen noch vor der Mittagspause. Aber Glück und ich sind noch nie gut miteinander ausgekommen.
   Ohne die nervende Walküre weiter zu beachten, reiße ich eine Tüte Gummibärchen auf. Ich picke mir die roten Figuren raus und rolle jeweils drei von ihnen in eine Scheibe Salami. Farblich ist kein Unterschied zu erkennen. Dann stopfe ich mir die Kreation aus Zucker, Salz und Geschmacksverstärkern in den Rachen und spüle das Zeug mit einem weiteren Schluck Bier runter.
   Danach lege ich die gelben Gummibärchen auf den Käse. Im grellen Neonlicht sind nur leichte Farbnuancen zu erkennen. Auch geschmacklich sind die Unterschiede nicht bewegend. Achtlos werfe ich die inzwischen geleerte Getränkedose in den Wagen und öffne eine weitere. Inzwischen sind es nur noch siebzehn Wagen bis zur Kasse.
   Nach einer weiteren Viertelstunde macht sich das Bier bemerkbar. Zum Glück bin ich niemand, dem der Gerstensaft mit seinem Harndrang ein Inkontinenzproblem verschafft. Ich kann das Zeug literweise in mich reinschütten, bevor ich zum ersten Mal pinkeln muss. Allerdings regt das Getränk meine Darmtätigkeit an. Das ist sogar mir etwas peinlich. Inzwischen kann ich den Schließmuskel wie ein Ventil benutzen und den Druck langsam ablassen. Der schwierige Teil ist das Ablenken von der Quelle der Geruchsbelästigung. Von mir.
   Noch während meine Verdauungsgase die Luft anreichern, nehme ich die Anstandsdame neben mir ins Visier und sehe sie böse an. Wie die meisten Menschen senkt sie daraufhin den Blick. Ein entscheidender Fehler, denn das ist das Schuldeingeständnis, auf das die vier Augenpaare gewartet haben, die sie inzwischen aufmerksam mustern. Ich schüttle missbilligend den Kopf und murmele etwas von »Unverschämtheit«, während ich die Luft weiter mit meinen Geruchspartikeln fülle. Vor mir hält eine Mutter ihrem Kind die Hand über die Nase, was ich übertrieben finde. Immerhin handelt es sich nicht um einen Giftgasangriff. Die fleischgewordene Farbvielfalt verteidigt sich halbherzig, indem sie die Hände hebt und dann wieder fallen lässt, als wäre ihr das Gewicht der beringten Finger zu schwer geworden.
   Die inzwischen geleerte Bierdose stopfe ich zu den anderen in meinen Wagen. Die Mutter hat sich mit ihrem Nachwuchs in eine andere Warteschlange eingereiht. Als mich nur noch ein Dutzend Wagen von der Kasse trennen, geht plötzlich ein Raunen durch die Einkäufer. Drei weitere Kassen werden geöffnet.
   Ich liebe die Anarchie, die Momente wie diese begleitet. Die bunte Kuh neben mir vergisst plötzlich jeden Anstand und sprintet los. Sie kommt genau zwei Einkaufswagen weiter, als ein junges Nilpferd auf zwei Beinen in einem knappen roten Rock aus einer anderen Schlange ausschert. Die Wuchtbrumme kann ihr Gefährt nicht mehr rechtzeitig stoppen und rammt den voll beladenen Einkaufswagen mit Karacho in den Allerwertesten ihrer Kontrahentin. Die Masse zieht sich wie ein Airbag zunächst zusammen und beugt sich dann den physikalischen Gesetzen. Das stählerne Gefährt springt wie ein angeschossenes Raubtier zurück und vergräbt sich in der wogenden Masse aus Bauch und Brust, den kaum ein Büstenhalter zu bändigen vermag. Ich nicke anerkennend. Die Runde geht eindeutig an das junge Nilpferd.
   Während sich meine Anstandsdame für einen samstäglichen Schlagabtausch zu dem jungen Ding durchkämpft, entledige ich mich meiner leeren Bierdosen und der aufgerissenen Packungen, indem ich sie in ihren Wagen zwischen die Einkäufe stopfe. An der Kasse wird sie die Sachen schon finden. Und bezahlen müssen.
   Dann mache ich mir das allgemeine Gerangel zunutze und arbeite mich weiter nach vorn, bis nur noch zwei Einkaufswagen vor mir stehen. Bisher ist der Vormittag eigentlich ganz gut gelaufen. Ich habe eine erfolgreiche Schlacht gegen einen aufmüpfigen Bengel geschlagen und zwei Paletten mit Bierdosen erobert. In einer Stunde habe ich meine Einkäufe verstaut und kann mich endlich vor die Glotze hocken. Breit grinsend bugsiere ich den Wagen in den schmalen Gang neben das Fließband. Sogar die alte Wachtel vor mir kramt nicht stundenlang in der Geldbörse, um die letzten Cents ihrer mageren Rente zusammenzukratzen, sondern drückt der Kassiererin ohne mit der Wimper zu zucken einen Fünfziger in die Hand. Dann verstaut sie ihre Einkäufe und verschwindet.
   Als ich meine Bierpaletten auf das Transportband gewuchtet habe und die Chipstüten darauf lege, weist mich die Kassiererin auf ein Schild hin. Kasse wird geschlossen. Bitte nicht mehr anstellen.
   Der Althippie mit John-Lennon-Brille hinter mir dreht sich wortlos um und irrt mit seinen drei Packungen Vollkornnudeln zwischen den Eistruhen und Zeitungsregalen herum wie eine Laborratte in einem Labyrinth. Ich bin immer noch fassungslos.
   »Sie haben das Schild wohl übersehen.«
   Ich wusste gar nicht, dass Kassiererinnen sprechen können. In der Vergangenheit haben sie mein Geld einkassiert, ohne nur eine Silbe an mich zu verschwenden.
   »Bitte wählen Sie eine andere Kasse. Ich habe Pause.«
   Ich sehe mich um. Inzwischen sind wieder nur drei Kassen geöffnet. Die Warteschlangen davor sind entsprechend lang. Wenn ich Glück habe, bin ich zur Sportschau zu Hause. Möglicherweise auch erst zum aktuellen Sportstudio. Beides ist indiskutabel.
   Ausnahmsweise versuche ich es zunächst mit Höflichkeit. Manchmal werden noch die Reste einer humanistischen Erziehung in meine Worte geschwemmt, wie Unrat, der im Meer treibt und plötzlich an den Strand gespült wird.
   »Es wäre nett, wenn Sie die Sachen noch eben kassieren würden. Sie können die paar Minuten doch einfach an die Pause anhängen.«
   Ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, stopft sie sich einen Kaugummi in den Mund und rutscht von ihrem komischen Hocker, der mich immer an einen Melkschemel erinnert. Mit meinem guten Benehmen kann ich mir also wieder den Hintern wischen. Noch vor ein paar Jahren hätte sie mich vollkommen sprachlos zurückgelassen. Jetzt nicht mehr, denn auch ich habe mich den Veränderungen der Gesellschaft unterworfen und beherrsche nun die elementaren Grundlagen einer zielorientierten modernen Kommunikation.
   Inzwischen sind wir allein an dem verwaisten Kassenterminal. Das pulsierende Leben um uns herum könnte auch in einer anderen Galaxie stattfinden.
   Ich ziehe das Schild Kasse wird geschlossen. Bitte nicht mehr anstellen unter meinen Chipstüten hervor und schwinge das Plastikdreieck wie eine Keule.
   »Jetzt hör mir mal genau zu, du dämliches Miststück. Dieses Schild hast du erst auf das Band gestellt, als ich meine Sachen bereits ausgepackt hatte.«
   »Das stimmt nicht«, verteidigt sie sich, während ihre Kiefer den Kaugummi zermalmen.
   »Darum geht es doch gar nicht.«
   Sie blickt mich irritiert an. »Wenn Sie mir hier was unterstellen wollen, hole ich gleich den Chef.«
   »Gute Idee, du Intelligenzamöbe. Und jetzt überleg mal, was der nette Vorgesetzte mit dir macht, wenn ich mich über dich beschwere. Wenn du mir also nicht in der nächsten Woche auf dem Bahnhofsstrich für einen Zwanziger einen blasen willst, wirst du sofort diese Sachen hier einscannen.«
   Ich kann sie förmlich nachdenken sehen. Außerordentliche Herausforderungen lassen sich prima an der Mimik eines Menschen ablesen.
   Als sich die Kassiererin zu einem Entschluss durchgerungen hat, nimmt sie die erste Chipstüte und zieht sie über das Band. Mechanisch greifen ihre Hände nach der Ware, bis sie den halb ausgelaufenen Milchkarton in die Finger bekommt. Weiße Flüssigkeit tropft von dem Kassenband. Ohne einen Kommentar wischt sie sich die Hände an ihrer Hose ab und scannt den Rest meiner Einkäufe.
   »Dreiundachtzigsechsundsiebzig.« Ihre Stimme klingt wie eine automatische Bandansage. Ich taste nach meiner Geldbörse, die ich immer in der rechten hinteren Hosentasche meiner Jeans bei mir trage. Blöd ist im Moment nur, dass die Hose irgendwo im Schlafzimmer auf dem Boden liegt. Bei derartigen liquiden Engpässen helfe ich mir gern mit dem guten alten Kassenzetteltrick.
   »Darf ich mal sehen?« Ich lasse mir den langen weißen Papierstreifen aushändigen und starre angestrengt auf die Zahlenkolonne, als würde ich die einzelnen Positionen auf ihre Richtigkeit überprüfen. Dann suche ich umständlich in meinen Taschen nach dem nicht vorhandenen Geld. Währenddessen verstaue ich den Kassenzettel tief unter meinen angerotzten Tempos. Außer mir greift niemand freiwillig in diese Jackentasche.
   »Das tut mir jetzt wirklich leid.« Ich setze eine schuldbewusste Miene auf. »Meine Brieftasche ist noch im Auto. Kann ich meinen Einkaufswagen hier irgendwo stehen lassen, während ich das Geld hole?«
   Die Angestellte will hier nur verschwinden. Gemeinsam schieben wir den Wagen zur Information. Dort schildert sie ihrer Kollegin die Situation, bevor sie sich in die Pause verdrückt.
   Ich nicke der Mitarbeiterin, deren Namenschild sie als freundliche Gerlinde Schöneberg ausweist, kurz zu und schlendere dann um die nächste Ecke. Jetzt muss ich nur noch auf ihre Ablösung warten.
   Nach wenigen Minuten greift sie zum Telefon und ruft ihre Kollegin aus. Währenddessen fingert sie ungeduldig an ihrer Zigarettenschachtel. Mich hat sie längst vergessen.
   Zwei Minuten später halte ich ihrer gelangweilten Kollegin meinen Kassenzettel unter die Nase und deute auf den Wagen. Vorschriftsmäßig vergleicht sie meine Einkäufe mit den Positionen auf dem inzwischen etwas feuchten Stück Papier, das sie mir kurze Zeit später mit einem Nicken wieder in die Hand drückt. Ich wünsche ihr ein schönes Wochenende und schiebe meinen Einkaufswagen zurück zur Basisstation, an der zwei genervte Frauen mit ihren Fortpflanzungsergebnissen, ein Rentner mit Rollator und ein grau melierter Mittfünfziger auf einen Einkaufswagen warten. Neben dem Quartett steht ein junges Mädchen und schreibt eine SMS. Ich krame die Plastiktüten aus meiner Jackentasche und verstaue die Einkäufe darin. Mit einer Kopfbewegung signalisiere ich dem jungen Ding, dass sie sich den Einkaufswagen nehmen kann. Dankbar drückt sie mir einen Euro in die Hand, den ich in meiner Hosentasche verschwinden lasse.
   Es ist inzwischen der siebenundzwanzigste Werbeplastikchip meiner Bank, für den ich einen Euro bekommen habe. Unter dem Bett habe ich noch einen Karton mit fünfhundert Stück, den ich auf der letzten Tombola einfach mitgenommen habe. Ich betrachte das unfreiwillige Präsent der Bank als Anerkennung für geleistete Arbeit.
   Mit den beiden Tüten an den Armen wuchte ich die Bierpaletten hoch und sehe der Grazie hinterher, die mit dem Handy am Ohr kichernd im gierigen Schlund des Konsumtempels verschwindet. Schnaufend bewege ich mich zum Ausgang.
   Im kalten Regen strecken sich mir drei alte Kaffeebecher von Obdachlosen entgegen, auf deren Grund einzelne Münzen klimpern. Da ich keinen frischen Kaffee habe, drücke ich jedem Bettelnden eine Dose Bier in die Hand. Manchmal kann man Menschen auch mit einfachen Dingen eine Freude machen.

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