Raus aus der Kleinstadt, weg von der griesgrämigen, männerhassenden Mutter, fort von allem, was sie an die verstorbene Freundin Bea erinnert. – Mit Anfang zwanzig wagt Allegra einen Neustart in München, doch schon bald verlangen das Tempo der Großstadt und die Herausforderung des neuen Jobs ihr viel ab. Während sie sich durch den Großstadtdschungel kämpft, begreift sie, wie schwer es ist, sich abzunabeln. Sie sehnt sich nach der Mutter, gleichzeitig will sie sich jedoch von ihr lösen. Sehnsucht, Hoffnung und Trauer treiben Allegra regelmäßig zurück in die Kleinstadt, und immer lauter tönt die Frage in ihrem Kopf, warum sich Bea umgebracht hat.

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ISBN: 978-9963-53-743-3

Seiten: 249

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C. Hein

C. Hein
Carolina Hein tobt sich gern kreativ aus - ob als Zeichnerin, als Hobbynäherin oder als Autorin. Ihre Essays und Kurzgeschichten erschienen in Anthologien wie z. B. „Schein-Kriterium“ (Hrsg. A. Hilke), „Drachenstarker Feenzauber“ (Hrsg. P. Hartmann) und im Magazin „TextArt“. Im bookshouse Verlag veröffentlicht sie Romane auch unter dem Pseudonym C. Carelly. Die Autorin lebt und arbeitet in München.

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Kapitel 1
Vom Atmen in Glaswatte

Wir laufen und lachen. Lachen und tanzen. An diesem warmen Frühlingstag versprühen wir – Bea, Judith und ich – Lebenslust, Energie und gute Laune. Autofahrer, die an der Ampel warten, lassen die Fenster herunter und beobachten uns. In ihren Blicken liegt Sehnsucht nach Leben, nach Sorglosigkeit, nach uns. Sie beneiden uns um unsere Unbeschwertheit.
   Jeder jenseits der dreißig will unsere Jugend. Da wir immer älter werden, werden sie irgendwann anfangen, sich auf andere zu fokussieren. Aber noch, noch stehen wir im Mittelpunkt.
   Während sie uns nicht aus den Augen lassen, rufen sie stumm: Entführt uns in eure Welt! Rettet uns!
   Die Strahlen drei mächtiger Sonnen wärmen sie, blenden sie, überrollen sie mit ihrer geballten Kraft. Jener Sonnen, die Leben schenken, Leben bewahren, die sich gegenseitig Energie spenden und durch die Dreierkonstellation immer wieder von Neuem geboren werden. In unserer Nähe verglühen die Menschen wie Insekten, die sich in die Hitzequelle stürzen. Ihr Haar, ihre Haut fängt Feuer, und sie verbrennen schreiend.
   Dennoch strömen sie zu uns.
   Tänzelnd dreht sich Bea zu mir und Judith um. »Wir sind auf dem Höhepunkt!«
   Judith grinst. »Aha …«
   »Auf dem Höhepunkt wovon?«, will ich wissen. Von unserer Jugend? Von unserer Schönheit und körperlicher Gesundheit? Bestimmt nicht. Denn wir sind erst um die zwanzig.
   Als ich erneut dieselbe Frage stelle, breitet Bea die Arme aus, als wollte sie alle umarmen. »Wir sind auf dem Höhepunkt!«, schreit sie in die Welt hinaus.
   Ihr Gesichtsausdruck erscheint vor meinem inneren Auge wie ein spontan geschossenes Foto. In ihren aufgerissenen Augen glüht Lebenshunger. Das Lächeln, das ihre weißen Zähne entblößt, ist schöner denn je. So werde ich sie in Erinnerung behalten.

Wenn das eigene Leben erschüttert wird, gerät die Welt nicht aus den Fugen. Die Zeiger der Uhr bleiben nicht stehen, sondern bewegen sich einfach weiter. Unaufhörlich drehen sich die Rädchen im Inneren der Uhr. Verzweifelt sehnst du dich nach einem Zeichen, das beweist, dass die Natur mit dir leidet. Du wünschst dir, dass unerbittlicher Regen die Blätter peitscht und lärmt, als ohrfeigte er jemanden. Du verlangst, dass es blitzt und donnert, als tobte eine höhere Macht, dass Hagelkugeln auf Metall eindreschen und Fensterscheiben einschlagen. Weil dein Inneres nach außen gekehrt ist. Weil sich deine Seele erbricht. Wenigstens könnte die Natur leise weinen in einem starken, aber stillen Regen, wenn es dir dreckig geht. Doch die Natur schert sich nicht um deinen Seelenzustand.
   Draußen scheint die Sonne, als ich nach zwei Stunden sinnlosen Herumirrens nach Hause trotte.
   Lautlos trete ich in die Küche und tauche ein in den grauen Nebel von Zigaretten. Auf dem Fenstersims quillt der Aschenbecher über. Mutter lehnt sich mit dem Rücken gegen den Schrank. Ihr blondes, kinnlanges Haar umrahmt das schmale Gesicht. Unvorteilhaft betont es ihre teigig helle Haut und die violett schimmernden Augenringe.
   Als ich mich an den Tisch setze, stellt sie einen Teller mit kalten Nudeln vor mich hin. Ab und zu öffnen sich ihre Lippen oder legen sich in Falten, wenn sie einen Zug macht und den Rauch ausstößt.
   Nach außen wirke ich gelassen, doch in mir vibriert alles. Ich erhebe mich – nur um wenige Sekunden später wieder Platz zu nehmen. Mir ist, als ob mir jemand die Luft abschnürt. Obwohl sich mein Brustkorb rasch hebt und senkt, glaube ich, an Atemnot zu leiden. Erneut stehe ich auf, reiße das Fenster auf und lasse frische Luft in den Raum strömen.
   Ausdruckslos verfolgt Mutter meine Bewegungen. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit bohrt sie den Rest der Zigarette in den mit Asche bestreuten Friedhofsboden voller weiß-orangefarbener Stummel. Der Nebel dringt in meine Nase und füllt meinen Körper mit wohldosiertem Gift.
   Unruhe treibt mich von einem Schrank zum anderen. Wonach suche ich? Nach etwas, das ich in diesen vier Wänden ohnehin nicht finden werde?
   »Nun iss schon.«
   Gehorsam setze ich mich hin und greife zur Gabel.
   »Helenas Freund Lukas ist fremdgegangen«, teilt sie mir mit. Grausam glitzern ihre Augen. So etwas wie Leben kehrt in sie zurück. »Wundert mich überhaupt nicht. Ich habe schon immer gewusst, wieso er so hart trainiert.«
   Zigarettenqualm und der Geruch von abgestandenem Kaffee benebeln meinen Verstand. Die Nudeln schmecken nach nichts. Wieso esse ich überhaupt, obwohl ich keinen Hunger verspüre? Was Helena, die Tochter unserer Nachbarin, angeht, so interessiert sie mich nicht. Schließlich habe ich seit Jahren keinen Kontakt zu ihr.
   »Ich habe einen Riecher für solche miesen Kerle. Ihnen geht es nur um Sex …«
   Während sie sich in Rage redet, schalte ich innerlich ab. Mich beschäftigt etwas. Irgendetwas passiert in mir, etwas, das ich noch nicht begreife. Meine Eingeweide ziehen sich zusammen, das Atmen fällt mir immer schwerer trotz hereinströmender Luft. Plötzlich scheint der Raum zu schrumpfen. Wie in einer Schrottpresse, wo die Wände von allen Seiten auf mich zu fahren. Wie es aussieht, entgeht es Mutter, dass wir in Kürze wie Kakerlaken in einer Streichholzschachtel zerquetscht werden.
   Schließlich springe ich auf. »Ich kann nicht mehr! Ich kriege keine Luft!«
   Nichts in ihrem Gesicht regt sich bis auf eine Augenbraue, die nach oben wandert. Sekunden vergehen. Sie sieht mich an, ich sehe sie an. Mein Atem kommt stoßweise.
   »Dann geh raus und jogge.«
   »Nein.« Ich raufe mir die Haare. Mein Brustkorb hebt und senkt sich schnell. »Ich muss die Stadt verlassen.«
   Stumm sieht Mutter mich an. Ihre Oberlippe zuckt ein einziges Mal, als möchte sie etwas sagen. Ohne ein weiteres Wort eile ich aus der Küche.
   »Ist es wegen Bea?«, höre ich sie rufen.
   Wie versteinert bleibe ich stehen.
   »Das ist doch Monate her.«
   Ich schüttele den Kopf. Es geht nicht um sie. Nicht darum, dass sie fort ist.
   Während Mutter am nächsten Tag einkauft, schreibe ich fleißig Bewerbungen. Rar sind die ausgeschriebenen Stellen, weil die meisten im Herbst besetzt worden sind. Ich recherchiere über Lifestylethemen und künftige Trends. Ich suche nach alternativen Therapien für Patienten mit chronischen Schmerzen oder Projekten für körperlich Eingeschränkte und verfasse darüber Arbeitsproben, die ich meinen Unterlagen beilege.
   Mein Bachelorabschluss in Kunstgeschichte bringt mir nicht gerade Extrapunkte ein, wenn ich mich um ein Volontariat bemühe. Wie in allen Studienfächern, mit denen man laut Studienberatern und Broschüren nach dem Abschluss »alles« machen kann – was in anderen Worten heißt, dass man für das Berufsleben in keiner Weise qualifiziert ist –, punktet man nur mit praktischen Erfahrungen. Die in Magazinen veröffentlichten Geschichten und Essays, aber vor allem mein einjähriges Praktikum in der Redaktion einer Lokalzeitung werden mir hoffentlich ermöglichen, neue Gewässer zu erkunden.
   In den folgenden Tagen treffen Absagen ein. Aber ich habe auch meine ersten Vorstellungsgespräche.
   Mit dem Bus geht es zum Bahnhof. Ein paar Stunden später stehe ich in einer Redaktion und werde mit stets denselben weniger originellen Fragen konfrontiert: Was haben Sie bisher gemacht? Was reizt Sie an diesem Job? Wie würden Sie sich beschreiben? Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
   Mutter interessiert es kaum, wie die Bewerbungen verlaufen. Wenn sie mich vom Bahnhof abholt, stellt sie praktisch keine Fragen. Genauso wie heute.
   Als ich die Beifahrertür öffne, schlägt mir der Gestank von Zigaretten wie eine Faust ins Gesicht. Kurzzeitig setzt meine Atmung aus. Bevor ich auch nur einen Fuß in den alten Volvo setzen kann, hat sie schon hinter dem Steuer Platz genommen. Die Sonnenbrille schiebt sie sich auf den Hinterkopf und korrigiert die Spiegelposition.
   »Wie ist es gelaufen?«, fragt sie tonlos, ohne mich anzusehen. Mein Herz bebt vor Freude. Ich kann nicht anders, als zu strahlen. »Die Personalchefin Frau Wölding bei U-Bahn-Schacht war total aufgeschlossen und nett. Sie sucht jemanden, weil der letzte Volontär aus privaten Gründen abbrechen musste.«
   Mutter schnalzt mit der Zunge, weil ein Rentner vor uns über den Zebrastreifen schleicht. Ungeduldig tippt sie mit dem Zeigefinger auf das Lenkrad. Ihre andere Hand bildet eine Faust. Innerlich zucke ich zusammen, weil ich damit rechne, dass die Faust auf die Hupe niedersaust. Den gebrechlichen Mann, den die Sorgen der Welt gekrümmt haben, wird der plötzliche Lärm ins Jenseits katapultieren.
   Schon geht es weiter.
   »U-Bahn-Schacht – was ist das für ein Name für ein Magazin?«, bemerkt sie gereizt.
   »Ein akzeptabler«, entgegne ich leicht genervt und überlege, ob ich ihr überhaupt den Gefallen tun sollte, zu antworten. Keine zwei Sekunden später habe ich mich entschieden. »Er spielt auf die Graffitisprayer an, die sich verbotenerweise in solchen tummeln, auf ihre eigene Kultur mit ihren für Laien kaum zu entziffernden Symbolen.«
   Aus einem Augenwinkel heraus sieht Mutter mich an und biegt in eine Seitenstraße ab. »Seit wann begeisterst du dich für Graffiti?«, fragt sie in einem Ton, als halte sie mich für verrückt.
   »Damit hat das Magazin weniger zu tun«, stelle ich klar und fixiere eine Frau mit einem hellen Labradorwelpen, um meinen aufkeimenden Ärger zu unterdrücken. »Viel eher geht es um den Untergrund, um Musik, Kunst und Literatur jenseits des Mainstreams.«
   In diesem Moment stößt Mutter kaum hörbar ein spöttisches Lächeln aus. So leise, dass es vom Brummen eines Sportwagens neben uns übertönt wird. »Was willst du in München, Allegra? Du bist ein Kleinstadtkind. So wie ich.«
   Meine imaginären Stacheln richten sich auf. »Das war ich, Mutter. Das war ich.«
   Für den Rest der Fahrt ziehe ich es vor, zu schweigen. Mutter stört es nicht. Im Wagen ist es still. Nur der Motor brummt, und wenn Mutter beabsichtigt, abzubiegen, vernehme ich ein diskretes Ticken des Blinkers. Meine Hand wandert zum Radio.
   »Nicht«, sagte sie leise, doch die Mahnung in der Stimme ist unüberhörbar. »Wenn du selbst am Steuer bist, dann kannst du den Lärm so lange ertragen, wie du willst.«
   Ich stoße ein missmutiges Schnauben aus.
   Nach einer Weile fragt sie, was ich essen möchte. Ihr Ton klingt versöhnlich. Die Knöchel ihrer Finger, die sich um das Lenkrad gelegt haben, treten nicht mehr weiß hervor.
   Da ich nicht antworte, ergreift sie das Wort und schlägt Spaghetti Bolognese vor. Langsam lasse ich den Blick über den Spielplatz schweifen, an dem wir gerade vorbeifahren.
   »Was hältst du von Kartoffelbrei und Fischstäbchen?«, versucht sie es erneut. Ich verdrehe die Augen. Wie kommt sie da drauf? Dieses Gericht habe ich im Alter von sieben, acht Jahren geliebt.
   »Rindersteak«, sage ich. »Rindersteak mit Knödeln und Pilzrahmsoße. Dazu einen Tomaten-Mozzarella-Salat.«
   »Wie bitte?«, entgegnet sie. »Weißt du denn, was das Fleisch heutzutage kostet? Außerdem werde ich ganz bestimmt nicht Knödel kneten, auch wenn ich morgen eine Stunde früher heimkomme … Aber ich könnte uns einen Gemüseauflauf zubereiten.«
   Ich zucke die Schultern. »Wie du meinst.«
   Den Vormittag des nächsten Tages verbringe ich im Rathaus, damit, Akten zu sortieren und Formulare herzurichten. Den Job im Rathaus habe ich nur angenommen, um etwas zu tun und über die Runden zu kommen. Von Anfang an hatte ich mir fest vorgenommen, sofort zu verschwinden, sobald ich etwas Vernünftiges gefunden hätte. So vergingen Monate.

Im Archiv, wohin es mich später verschlägt, fängt mein Herz an zu rasen, mein Blick irrt ziellos umher, und mir ist, als bohrten sich Scheren von allen Seiten in meine Rippen. Die Hände balle ich zu Fäusten, bereit, auf etwas einzuschlagen, das unter ihnen krächzen und brüllen wird. In meiner Kehle formt sich ein Schrei, den Frustration speist und den Wut und Verzweiflung in mir zu einem Klumpen anschwellen lassen. Gewaltsam ringe ich ihn nieder und zerschlage ihn in tausend Stücke, als er mich zu sprengen droht.
   Ich lehne mich gegen die kalte Betonwand und stoße Luft aus. Mein Brustkorb hebt und senkt sich rasch, doch von Sekunde zu Sekunde wird meine Atmung gleichmäßiger, mein Herzschlag normalisiert sich.
   Ich habe die Panikattacke überstanden. Aber die nächste wird mich bald heimsuchen. Was zur Hölle soll ich tun, um nicht den Verstand zu verlieren?

Stunden später schultere ich meinen Rucksack, verabschiede mich von den Kolleginnen und trete hinaus ins Freie, wo mich Sonnenschein empfängt. Zum ersten Mal an diesem Tag schalte ich mein iPhone ein und erhalte prompt eine SMS, die mich über eine Nachricht auf der Mailbox benachrichtigt. Als ich diese abhöre, schnappe ich tief nach Luft. Kaum hat die Nachricht geendet, höre ich sie noch mal ab. Und wieder und wieder. Während ich mich auf die Worte konzentriere, habe ich das Gefühl, in goldenes, warmes Licht zu tauchen.
   Wie ich nach Hause gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Plötzlich stehe ich in der Diele und lasse mich vom köstlichen Duft von Gekochtem in die Küche locken. Nachdem ich meine Schuhe ausgezogen und die Jacke aufgehängt habe, gehe ich in die Küche, wo Wasser rauscht. Mutter steht mit dem Rücken zu mir und spült ab. Ich grüße sie. Kurz dreht sie sich um, um den Gruß zu erwidern. Schon fährt sie damit fort, etwas zu schrubben. Ich linse an ihr vorbei. Im Glasdeckel über der Pfanne hängen Wassertropfen, doch hier und da erhasche ich einen Blick auf die blubbernde Soße, in der handflächengroße Steaks baden.
   »Mhm!« Ich grinse. »Rindersteaks … und Knödel! Das wolltest du eigentlich nicht kochen.«
   »Ach, ich dachte mir: Die Pfanne hast du schon so viele Wochen nicht benutzt, da könntest du doch Fleisch zubereiten«, sagt sie und klingt, als wollte sie das Offensichtliche überspielen. Dass sie es mir zuliebe gemacht hat.
   Kaum öffne ich den Mund, scheint sie zu ahnen, dass ich etwas Nettes sagen will. Daher kommandiert sie mich ins Badezimmer, damit ich mir die Hände wasche.
   Wenig später sitzen wir am Tisch. Jeweils zwei Knödel gesellen sich auf dem großen Teller zum Salat. Mir läuft das Wasser im Munde zusammen, als Mutter mir das Steak dazulegt und die Knödel großzügig mit der Soße übergießt. Dennoch schafft sie es wie immer, den Salat vollständig von der Soße unberührt zu lassen.
   »Guten Appetit.« Eifrig fange ich an, einen Knödel aufzuschneiden. Hitze entweicht der aufgeschnittenen Kugel. Sogleich steigt mir der Duft von gerösteten Zwiebeln in die Nase. »Ist Onkel Roni nicht längst wieder von der Safari zurück? Soviel ich weiß, lebt er in München. Stimmt das?«
   Mutter hebt eine Augenbraue, die so schmal ist, dass sie einem gebogenen Aluminiumdraht gleicht. »Viele Menschen sind in München zu Hause.«
   Ich rolle mit den Augen, doch dann verziehen sich meine Lippen zu einem Lächeln, und ich unterdrücke meine Verärgerung. »Wird es nicht langsam Zeit, euch zu versöhnen?«
   Mechanisch fährt ihr Messer durch das Steak. Geduldig sehe ich sie an. Obwohl Mutter meinen Blick wahrnehmen muss, lässt sie sich nicht aus der Fassung bringen. Sie macht so lange weiter, bis sie das Fleisch in Stückchen zerlegt hat, die größenmäßig einer Gabelzinke entsprechen. Mein Essen wird kalt, also spieße ich ein Viertel des Knödels auf, tunke ihn in die Soße und führe die Gabel zum Mund.
   »Wir haben uns nicht gestritten.« Ihr Blick streift mich und bleibt schließlich an der Fensterbank hängen, wo ihre Packung Marlboro-Zigaretten liegt.
   Haben sie nicht. Das beteuert Mutter immer wieder, wenn sie in der Laune ist, über Onkel Roni zu sprechen. Meist beschränkt sich unsere Unterhaltung über ihren Stiefbruder auf diese Feststellung, sowie die, dass sich Menschen auseinanderleben.
   Bis vor mehreren Jahren wusste ich nicht einmal, dass ich einen Onkel habe. Eines Tages stand der sportlich schlanke Mann Mitte vierzig vor unserer Haustür und behauptete, mein Onkel zu sein. Er habe ganz Deutschland nach uns abgesucht, um Kontakt aufzunehmen. Dass er in wenigen Monaten zum ersten Mal zu heiraten gedenke, habe er zum Anlass genommen, seine Familie zusammenzuführen. Mutter leugnete, je von einem Roni gehört zu haben. Doch er blieb so lange dran, bis Mutter aufhörte, seine Existenz zu ignorieren. In die Wohnung hat sie ihn jedoch nie gelassen.
   Ich mochte Onkel Roni vom ersten Tag an. Sein Gesicht ähnelte dem des Schauspielers Robert De Niro. Mit seiner direkten Art und seinem Temperament hatte er sich in meinem Mikrokosmos zu einem willkommenen Pendant zu meiner Mutter entwickelt. Mutter missfiel, dass ich mich zu ihm und seiner Verlobten Sylvie hingezogen fühlte. Doch sie konnte mir den Umgang mit ihm nicht verbieten. Erst recht nicht, an seiner Hochzeit anwesend zu sein. Dort lernte ich meinen Stiefopa und meine richtige Oma kennen, eine Frau, die mir demonstrierte, woher Mutter so ein sonniges Gemüt hatte, und die nichts mit mir anzufangen wusste. Vor mir zu stehen erfüllte sie mit solchem Unbehagen, dass sie unruhig wurde und sich ständig nach einem anderen Gesprächspartner umsah.
   »Ich finde es schade, dass ich in letzter Zeit kaum noch etwas von ihm gehört habe«, entfährt es mir.
   »Das konnte er schon immer gut – die Brücken hinter sich abbrechen.« Mutter schneidet ihre Knödel in so kleine Portionen, dass jedes Stück auf einen Backenzahn passt.
   »Was erwartest du?« Ich klinge wie eine Erwachsene, die einem Kind erklärt, wie die Beziehung zwischen Erwachsenen funktioniert. »Wenn man heiratet, hat man andere Dinge im Kopf wie beispielsweise ein Haus zu bauen, Kinder in die Welt zu setzen …«
   Mutters Lippen formen so etwas wie ein Lächeln, als sie mich ansieht. Dabei legt sie den Kopf schräg. Sie muss die Frage nicht formulieren, denn ich höre sie bereits. Hast du wirklich geglaubt, ihm läge viel an der Verbindung zu uns? Zu dir?
   Schweigend essen wir. Es klirrt, als die Gabeln den Tellerboden berühren, es knirscht, als die Zähne Salatblätter zermalmen. Ich frage mich, ob Mutter je bereit sein wird, mich in ihr Inneres blicken zu lassen. Ob sie mir je beantworten wird, warum sie meine Großmutter für tot erklärt und mir meinen Onkel verschwiegen hat.
   »Warum hast du überhaupt gefragt, ob Roni in München wohnt?«
   Es dauert einen Moment, bis ich meine Gedanken sortiert habe. »Weil es ganz nett ist, wenn man schon jemanden kennt.«
   Mutter kaut langsamer. Ihre Finger schließen sich um das Glas. Bevor sie es zum Mund führt, will sie von mir wissen, warum. Während ich beobachte, wie die Flüssigkeit ihre Kehle hinunterwandert, keimen Unruhe und freudige Erregung in mir auf. In meinen Armen und Beinen fängt es an zu kribbeln, als wuselten Bienen in meinen Adern wie in den Gängen ihres Baus.
   »Mein Volontariat als Redakteurin beginnt schon bald«, antworte ich und gebe mich nach außen hin ruhig und gefasst. In Wirklichkeit fahre ich in Gedanken Achterbahn und lache und schreie.
   »Schön«, sagt sie gleichgültig, während sie mir eine weitere Portion auf den Teller klatscht.
   »Ich ziehe nach München«, rufe ich strahlend aus.
   Mutter entgleisen die Gesichtszüge. Einen Augenblick lang steht sie wie erstarrt da, dann dreht sie sich um, um den Topf abzustellen. Sie nimmt am Tisch Platz, bedient sich aus der Salatschüssel und fängt an zu kauen. Mechanisch mahlt sie mit den Kiefern, ohne auf meine Worte zu reagieren. Als hätte ich ihr eben nicht eröffnet, dass für mich ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Ich sehe sie an und warte. Immer mehr entrückt ihr Blick in die Ferne.
   Ich lehne mich vor. »Und …?«
   Zwischen zwei Bissen schiebt Mutter den Einwand, ich würde innerhalb von zwei Wochen keine Wohnung finden. Dem pflichte ich bei, weise sie allerdings darauf hin, dass ich notfalls vorübergehend in einer Jugendherberge wohnen könnte.
   »Von welchem Geld?«, fragt sie.
   Daraufhin entgegne ich, dass ich etwas zur Seite gelegt habe. Sie wirft mir einen überraschten Blick zu, doch nur Sekunden später wirkt sie erneut geradezu desinteressiert.
   »Eine Großstadt«, sagt sie nachdenklich und dreht den Kopf zu mir. »Du kommst nicht allein klar. Das schaffst du nicht. Bisher warst du nur auf Schulausflügen so weit von daheim entfernt.«
   »Na und? Dann lerne ich es eben. Mit fast zweiundzwanzig Jahren wird es Zeit.«
   »Du bist eine Kleinstadtpflanze.«
   »Aber eine, die überall Wurzeln schlagen kann«, halte ich dagegen und vergleiche mich laut mit einem Samen. Erkläre, dass Körner auf fruchtbarem Boden wachsen und gedeihen, dass sich ihre Wurzeln sanft durch die Erde graben, um von kostbaren Stoffen ihrer Umgebung zu profitieren. Ihre Stämme verdicken sich und sie spannen Blätter auf, um möglichst viel Sonnenlicht einzufangen.
   »Du bist kein Samenkorn mehr, Allegra.«
   »Von mir aus.« Ich schiebe das Kinn vor und verschränke die Arme vor der Brust. »Dann bin ich eben eine Passionsblume. Genau wie sie sich entwickelt, um sich vor den Raupen bestimmter Schmetterlinge zu schützen, werde auch ich mich verändern.«
   »Interessant.« Fast lautlos lacht sie auf. »Also willst du mutieren.«
   Herausfordernd schaue ich sie an und nicke. Was braucht eine Pflanze, um auszutreiben? Licht, Bauelemente und ein sicheres Umfeld. Lianen beispielsweise beweisen, dass nicht alle Pflanzen auf einen massiven Stamm angewiesen sind, um zu sprießen, sondern einen stabilen Partner brauchen, der seinen Arm um sie ausbreitet. Für ein solides Fundament werde ich mich mit anderen Pflanzen vernetzen, mit kräftigen Dschungelpflanzen, die das Klima gewöhnt sind.
   »Lass es lieber«, entgegnet Mutter. »Du bist wie ich: ängstlich und unsicher.«
   Falsch. So bin ich nicht. Unter dem Tisch forme ich eine Faust. Ich bin die Stärkere von uns. Die Energie, das Licht, das Leben. Das starke Ich. Das bessere Sie. Das beste Wir.
   »Eigentlich solltest du dich für mich freuen«, sage ich leise, klinge dabei erbärmlich beleidigt wie ein Kind. Dafür könnte ich mich ohrfeigen.
   »Ich freue mich ja …« Ihren Worten mangelt es an Überzeugung. Als sie kurz den Kopf hebt, fange ich die Botschaft auf, die ihr Blick sendet: Traurigkeit. Für den Bruchteil einer Sekunde legt sie ihren Panzer aus Gefühlskälte und Pessimismus ab und lässt mich in ihr Inneres blicken.
   Sie kaut voller Inbrunst, nimmt immer mehr Knödelstückchen und Fleisch in den Mund, um sie mit Mühe hinunterzuschlingen. In ihren Augenwinkeln glaube ich, etwas glitzern zu sehen. Bestimmt irre ich mich. Dennoch will ich aufspringen und meine Arme um sie legen. Trotz allem, was zwischen uns vorgefallen ist. Da Mutter jedoch Gefühlsausbrüche hasst, bleibe ich sitzen.
   »Weißt du noch, wie du dir gewünscht hast, dass ich … aus deinem Leben verschwinde?«, fragt sie leise.
   Innerlich zucke ich zusammen.
   »Das waren doch deine Worte, nicht?«
   Während ich sie anstarre, beschleunigt sich mein Herzschlag. Meine Lider weiten sich. »Wie kommst du jetzt da drauf? Damals war ich zehn. Ein wütendes Kind.«
   »Erinnerst du dich?«, bohrt sie nach. »Ich wünschte, du wärst tot, hast du gesagt …«
   Ich werfe die Arme in die Luft. Wie kann sie mich damit konfrontieren?
   Wie kannst du es wagen, mein Make-up zu benutzen, Allegra? Willst du so aussehen wie die kleinen Schlampen auf der Straße? Ja, willst du das? Aber weißt du, was geile Böcke mit frühreifen Flittchen anstellen …?
   Ich hasse dich! Ich wünschte, Papa wäre am Leben und du wärst tot!
   »… tja, ab jetzt werde ich nicht mehr für dich da sein«, beendet sie ihren Satz.
   Mir schießen Tränen in die Augen. Ich flüchte aus der Küche.
   In den kommenden Tagen besichtige ich acht Wohnungen, Ein-Zimmer-Apartments und WGs. Ich erhalte drei Zusagen von Vermietern, die nur ein Zimmer zu vergeben haben, was mich das folgende Resümee ziehen lässt: Wenn du als Frau ohne Kind oder größeres Haustier nach einem neuen Zuhause suchst, bist du willkommen. In den vergangenen Tagen haben Mutter und ich nicht viel miteinander geredet. Onkel Roni hat mir geholfen, mein Hab und Gut in die neue Wohnung zu transportieren.
   Am letzten Abend vor der Abreise sitzen Judith und ich in meinem Zimmer. Wir schwenken die Gläser. Jeder Schluck Rotwein benebelt unsere Sinne. Wir kichern wie Erstklässlerinnen. Dabei fällt Judith fast vom Stuhl, worauf ich mich vor Lachen biege. Erst als Beas Gesicht vor meinem inneren Auge auftaucht, verfliegt meine Heiterkeit, die mir der Alkohol beschert hat. Auch Judith hört auf zu lachen und wischt sich die Tränen aus den Augenwinkeln. Sie fischt eine Zigarette aus der Verpackung, reißt mein Fenster auf und nimmt Platz auf dem Fenstersims. Mich erstaunt es jedes Mal, dass Judith, eine Frau von großer Statur mit ausladendem Hintern, Platz auf wenigen Quadratzentimetern findet.
   Ich wickele eine Strähne um den Finger. Wann war ich eigentlich das letzte Mal bei einem Friseur, um mich blondieren zu lassen, um meinem Haar die Farbe wiederzugeben, die seit bald anderthalb Jahrzehnten nicht seine ursprüngliche ist?
   »Welchen Tipp kannst du mir geben?«, frage ich und unterdrücke das Kichern, das sich seinen Weg durch meine Kehle nach oben bannt.
   »Als jemand, der Städte wie Berlin oder Stuttgart ein paar Mal besucht hat, rate ich dir: Lauf, Baby, lauf!«
   Jetzt fange ich wieder an, albern zu glucksen. Was für ein Rat.
   Wir verfallen in Schweigen und lauschen der melancholischen Stimme des Sängers, der von seinem Weltschmerz erzählt. Einen Augenblick lang bilde ich mir ein, Mutter hinter der geschlossenen Zimmertür rufen zu hören, ich solle die Stereoanlage ausschalten. Schon wird mir klar, dass ich es mir einbilde, denn Mutter verbringt den Abend bei einer Nachbarin.
   Judith zündet die Zigarette an, macht einen Zug und bläst den Rauch hinaus in die kalte Märznacht. Wind strömt herein und verteilt den beißenden Geruch im Raum. Ich lasse mich auf meinem Schlafsofa nieder. »In einem Monat und zwei Wochen.«
   Eine graue Wolke verlässt Judiths Mund und verflüchtigt sich in der Dunkelheit. Das Haar hat sie nachlässig frisiert. Ihr Pferdeschwanz sieht zerzaust aus, als hätte er seit Tagen keine Bürste gesehen. Ihre Augen glänzen, die Wangen glühen. »Was ist dann?«
   »Mitte Mai. Vor vielen Jahren«, beginne ich und fixiere eine Staubfluse auf dem Boden. »Erinnerst du dich?«
   Fragend schaut sie mich an.
   »Wir waren vierzehn, als uns eine neue Mitschülerin vorgestellt wurde.«
   »Prinzessin Beatrice.« Aus Judiths Mund klingt die Bezeichnung, die wir der Bürgermeistertochter vor ihrem Umzug in unsere Stadt verpasst haben, so zärtlich wie ein Kosewort. Dabei erinnere ich mich genau daran, mit welcher Geringschätzung wir Prinzessin Beatrice ausspien, wenn wir über das Mädchen sprachen, das wir von den Fotos in Zeitungen und Magazinen kannten. Dort stand sie neben den Großeltern, Großcousins und –cousinen und weiteren Verwandten, die eine Vorliebe für Leinen, Tweed und Seide hatten, wie ein Püppchen im Seidenkleid und lächelte, wobei es gerade so viele Zähne zeigte, dass es noch als vornehm durchging.
   »Weißt du noch, wie Emma abgegangen ist?« Judith macht einen weiteren Zug. »Da kommt die Trulla in ihrem Chanel-Kleid, mit Hermès-Tüchern und Louis-Vuitton-Taschen«, rief sie.«
   Wie gemein wir doch mit vierzehn waren. Mit dem Finger fahre ich über die Sofalehne und zeichne eine helle Linie. Als ich den Finger betrachte, sehe ich Staub.
   Judith lässt den Tag vor meinem inneren Auge wiederaufleben. »Und dann betritt Beatrice Karlsfeld das Klassenzimmer. Hager, mit kurzem, stacheligem Haar, in einem Shirt und in ausgewaschenen Jeans mit Löchern.«
   »An den Schuhen klebt getrockneter Schlamm«, erinnere ich mich.
   Im stechenden Blick, den sie über uns, ihre Mitschüler, schweifen lässt, liegt etwas Wildes, etwas, das uns warnt, sie nicht auf den bayrischen Adel und ihre Herkunft anzusprechen. Im Unterricht sitzt sie lässig da, schaut niemanden an und demonstriert nonverbal, dass sie kein Interesse hat, dazuzugehören. Dennoch wagen ein paar Mädchen Annäherungsversuche. Und werden zurückgewiesen.
   »Hätte sie auf dem Heimweg keine Fahrradpanne gehabt, hätten wir uns wahrscheinlich nie mit ihr angefreundet.«
   In Gedanken pflichte ich Judith bei und schenke ihr Wein nach. Die Musik tönt noch trauriger, was meine Stimmung verdüstert. »Ich wünschte mir, sie hätte heute mit uns gefeiert. Ehrlich gesagt, hatte ich mir vorgestellt, dass wir stets zu dritt auf die großen Dinge in unserem Leben anstoßen.«
   Ich ziehe die Beine an und lege meine Arme um sie. Niemand von uns sagt etwas. »Haben wir überhaupt unser Bestes gegeben?«, stelle ich schließlich jene Frage, die mich seit Beas Tod beschäftigt.
   Judiths Blick wird glasig und trüb. »Du weißt doch, wie Bea war.«
   Haben wir nicht …, ist mein letzter Gedanke an diesem Abend, bevor ich in einen traumlosen Schlaf falle.
   Ich schlage die Decke zurück. Mein Herz wummert, in meiner Magengegend kribbelt es. Heute ist es so weit. Mit der vollgestopften Tasche werde ich mich in ein neues Abenteuer stürzen. Freudige Erwartung und Nervosität verursachen ein Prickeln auf meiner Kopfhaut, als zerplatzten Millionen Kohlensäurebläschen. Langsam ziehe ich die Jalousien hoch und blicke in die Sonne, lasse mich vom gleißend hellen Licht des festen, brennenden Balls wärmen. Er ist perfekt. Ohne einen Anfangs-, ohne einen Endpunkt. Seine geballte Energie schwappt auf mich über. Ehrfürchtig atme ich ein und aus.
   Obwohl ich die Wohnung weder geistig noch physisch verlassen habe, treibt mich nagende Sehnsucht zurück in diese nach Zigarettenrauch riechenden Räume mit vergilbten Wänden. Mein Brustkorb hebt und senkt sich schnell. Ich will nicht gehen. Will dieses elende Kaff ohne jegliche Zukunftsperspektive voller bitterer Erinnerungen an zerfetzte Träume nicht aufgeben. Noch ehe ich einen Fuß über die Schwelle gesetzt habe, vermisse ich bereits den mit Watte gefüllten Kokon, der sich mein Zuhause nennt. Nur weiß ich, dass sich in der Watte Nadeln verbergen, dass mir jede falsche Bewegung stechende Schmerzen durch den Körper jagen wird.
   Unsere Verabschiedung fällt wortkarg aus. Ich erinnere mich nicht mehr genau an das, was ich zu Mutter sage, obwohl es nur ein paar Worte sind. Aber ich weiß noch, wie ich sie umarme. Flüchtig drückt sie sich an mich, ohne mich richtig zu umschließen.
   »Ich rufe dich an, sobald ich da bin«, verspreche ich.
   Die Hände hat Mutter um die Oberarme gelegt, als tröstete sie sich selbst. Ihre Augen wirken trüb und leer. »Mach das.«
   »Ich …« Ein wenig ratlos stehe ich da. Was will ich eigentlich sagen? Egal.
   Ich verlasse die Wohnung mit dem Nötigsten, das ich in die Tasche gepackt habe. Doch ein Stück von mir bleibt in den Zimmern zurück, in denen ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe.

Kapitel 2
Welcome to the Großstadtdschungel

Stunden später steige ich aus dem Zug. Zur Begrüßung schenkt mir die Stadt ein Bouquet aus Lichtern, Lauten und Gerüchen. Hier und da blinkt etwas. Das Gemurmel von Leuten geht unter im Rauschen und Dröhnen der Züge. Sanfte Smartphonemelodien dringen in meine Ohren. Der Duft von gebratenem Hühnchen, frittierten Pommes und starkem Kaffee mischt sich mit dem Gestank von Zigaretten und Urin.
   Meine Reise geht mit der S-Bahn weiter. Ich stürze mich in das Getümmel. Desorientiert, wie ich bin, verlaufe ich mich und stehe plötzlich auf den Stufen eines der vielen Eingänge. Ich beschatte die Augen mit der freien Hand und blicke hinaus in die Welt, für die endlich bereit bin.
   Die Großstadt atmet laut. Zischt, sirrt, brummt, murrt, grunzt, gurrt, ächzt, stöhnt, faucht, pfeift, trällert, singt, summt, schnurrt.
   Ehrfürchtig schnappe ich nach Luft, drücke das Kreuz durch und will schreien: Hier bin ich! Nimm mich auf, München! Lehre mich, fördere und fordere!
   Ich will alles, und von allem noch mehr.
   Überwältigt von den Eindrücken taumle ich zum Nächstbesten und frage ihn nach dem Weg zur S-Bahn. Zweihundert Meter, Rolltreppe, lautet seine Antwort.
   Im Dschungel kommen bestimmte Tierarten gut miteinander aus. Groß und Klein leben in mehr oder weniger friedlicher Koexistenz, indem gewisse ungeschriebene Gesetze eingehalten werden. In der Großstadt gibt es ebenfalls Regeln, die man beachten muss. Man verinnerlicht sie relativ rasch.
   Auf dem Weg zur S-Bahn merke ich, dass sich die Menschen auf der Rolltreppe möglichst nicht großflächig verteilen, sondern sich hauptsächlich nach rechts stellen. Auf diese Weise bleibt ein schmaler Durchgang, der es Schnelleren ermöglicht, ungehindert die linke Spur zu benutzen. Wichtig ist auch, dass man nicht anhält. Zumindest nicht plötzlich. Das stört den normalen Fluss der Massen. Diese Regel lerne ich, als ich stoppe, um mich zu orientieren.
   Sofort, als hätte jemand den Taktstock geschwungen, fängt die Menge an zu seufzen und zu murmeln. Verlegen sehe ich in die Augen genervter Menschen und komme mir vor, als wäre ich die Einzige auf einer Theaterbühne, die ihren Text vergessen hat.
   Rechts stehen, links gehen. Fast wie auf der Autobahn.
   Ich beeile mich, aus der Schusslinie zu fliehen.
   Endlich gelange ich zur S-Bahn-Linie, die mich meinem neuen Zuhause näher bringt. Aus der Vogelperspektive sehen die Bahngleise aus wie silberne Adern, durch die rote Boten sausen. Wenn sie anhalten, spucken sie eine Ladung Ameisen aus.
   Die letzten Meter lege ich zu Fuß zurück und schleppe die Tasche, die scheinbar von Minute zu Minute an Gewicht gewinnt, zwei Stockwerke hoch. Mein Herz klopft vor freudiger Erwartung, als ich die Haustür aufschließe. Hier ist sie, meine erste Wohnung! Was Papa dazu sagen wird, wenn ich sie ihm zeige?
   Dieses Mal ist er mitgereist.
   All die Zeit über habe ich mir vorgestellt, dass mein erster Tag in der neuen Wohnung mit Musik beginnt. Meine Lieblingssongs, die ich auf eine CD gebrannt habe, sollen aus den Boxen perlen.
   Zu Hause duldet meine Mutter keine Musik, weshalb ich Kopfhörer aufsetzen muss, wenn ich Musiksender anschaue. Mutter hasst melodische Töne nicht, nehme ich an. Als Kind stieß ich beim Durchwühlen der Sachen in der Wohnung mal auf eine Schachtel, die ein paar unbeschriebene Kassetten enthielt. Aus Neugier spielte ich sie im alten Walkman ab. Die eintönigen Lieder des jungen Schlagersängers – es war immer derselbe Sänger – gefielen mir einfach nicht. Bis heute habe ich keine Ahnung, wer der Künstler ist und warum meine Mutter die Kassetten noch immer versteckt, als handelte es sich um eine Pornosammlung.
   Schade, dass meine Stereoanlage nicht angeschlossen ist. Leider haben Onkel Roni und ich sie nicht ausgepackt, was daran liegt, dass ich vergessen habe, in welchen der unbeschrifteten Kartons ich sie gesteckt habe.
   Nachdem ich meine Jacke aufgehängt und die Schuhe ausgezogen habe, inspiziere ich mein kleines Reich. Okay, jetzt dämmert es mir, dass mir die Wohnung in meiner Euphorie wegen des bevorstehenden Neuanfangs wesentlich größer vorgekommen ist.
   Im Badezimmer kann man sich nicht umdrehen, ohne dabei den Schrank aus der Wand zu reißen, die Duschkabinenwände durchzuschlagen und von der Waschmaschine lebensgefährlich verletzt zu werden. Meine Küche ist zugleich mein Wohn- und Schlafzimmer. Oder umgekehrt, wenn man so will. Mich freut jedoch, dass die Wände frisch gestrichen sind. Außerdem habe ich ein Spülbecken, einen Wasserhahn und einen Kühlschrank mit Kühlfach. Letzteres füllt allerdings eine Packung Spinat vollständig aus.
   Doch mal ehrlich: Für diesen Chinchillakäfig zahle ich ernsthaft sechshundert Euro Miete?
   Ich packe meine Sachen aus, knabbere Chips und lasse den Fernseher laufen. Gegen Abend telefoniere ich mit Onkel Roni und Judith.
   Mit Mutter wechsle ich ebenfalls einige Worte.
   »Gut angekommen?«, fragt sie.
   »Ja, lief alles glatt. Die Verbindungen sind top. Innerhalb kürzester Zeit erreiche ich alle wichtigen Punkte.«
   »Mhm hm.«
   »Ist nicht wie bei uns in der Kleinstadt«, plappere ich. »Dort kommt nämlich nur jede halbe Stunde ein Bus. Hier kann man flexibler sein, auch ohne eigenes Auto. Jeden Tag sind so viele Menschen unterwegs. So viele!«
   Stille.
   Mittlerweile werden die Schatten immer länger. Im Halbdunkel des Zimmers kann ich kaum etwas erkennen. »Was hast du heute gemacht?«, frage ich sie.
   »Gekocht, aufgeräumt und Blumen umgepflanzt.« Ihre Antwort klingt ein wenig, als sehnte sie das Ende des Gesprächs herbei.
   »Freut mich zu hören.« Ich lächele. »Hast du am Abend etwas vor?«
   Natürlich hat Mutter nichts vor. Das hat sie fast nie. Irgendwas muss ich jedoch sagen, denn ich habe das Gefühl, sie zu verlieren. Gleich legt sie auf.
   »Ich sehe fern.«
   »Einen Krimi?«
   »Mhm.«
   Nach einer kurzen Pause verabschiedet sie sich von mir und legt auf.
   Zu Abend esse ich ein Fertiggericht und sehe mir langweilige Shows im Fernsehen an. Gegen elf Uhr bereitet sich das Rentner-Ehepaar, das über mir wohnt, intensiv darauf vor, sich darauf vorzubereiten, ernsthaft in Erwägung zu ziehen, demnächst ins Bett zu gehen. Als ich den Lärm vernehme, denke ich, dass wohl überraschend die Verwandtschaft gekommen ist, und nun sollen in einer kleinen Wohnung Schlafmöglichkeiten arrangiert werden.
   Im Alter von siebzig, achtzig wird das Schlafengehen zu einem Event, das gewisse Planung erfordert. Scheppernd zieht sich das Geschirr in den Schrank zurück. Knarrend wandern Stühle von einem Raumende zum nächsten. Einige Male meldet sich quietschend die Tür, in der Toilette rauscht es, und der Fernseher lebt ein letztes Mal mit Musik und Geplauder auf, um dann abrupt zu verstummen.
   Trotz körperlicher Erschöpfung kann ich nicht einschlafen. Vermutlich wegen des aktiven Rentnerpaares. Oder weil mich zu viele Gedanken nicht zur Ruhe kommen lassen. Ich liege im Bett, die Decke bis zum Kinn hochgezogen. Mein Nachthemd riecht nach Zigaretten. Heute ist der Gestank wie eine ätherische Umarmung.
   Ich schalte das Licht an und greife zum Bilderrahmen. Hinter dem Glas zeigen einzelne Fotos Bea, Judith und mich. Auf fast allen Fotos lachen wir. Sie zeigen uns in Klubs, in Bars, auf Partys zusammen mit anderen Gästen.
   Ich stelle den Bilderrahmen wieder hin und nehme einen anderen in die Hand, einen kleineren, in dem ein Foto mit niemandem den Platz teilt – das Foto von Papa.
   Er sieht so jung, so glücklich aus. Man merkt, wie das Leben durch seine Venen fließt, wie es ihn mit Freude, jungem Übermut und Optimismus erfüllt.
   Er ist irgendwo draußen. Unscharf erkenne ich Baumblätter im Hintergrund. Es ist eine spontane Aufnahme, als hätte jemand gerufen: »Dreh dich um, Markus.«
   Es ist der perfekte Moment. Sein Lächeln, das der Fotograf an jenem späten Sommernachmittag festgehalten hat, sprüht vor Energie. Wind fährt durch sein volles schwarzes Haar und weht es ihm aus dem Gesicht. Die grünen Augen und die Grübchen habe ich von ihm, die gerade Nase und die ovale Gesichtsform von meiner Mutter.
   Mutter hat mir nie erlaubt, das Bild aufzustellen. Wahrscheinlich, damit keine meiner Freundinnen, die mich ohnehin selten zu Hause besucht haben, ihn sehen konnte.
   »Ich will einfach nicht, dass es hier steht«, sagte sie stets.
   Weder Großmutter noch andere Verwandte konnten mir etwas über Papa erzählen. Laut Onkel Roni hat ihn niemand aus der Familie gekannt. Als sie Papa an einem Sonntagnachmittag in einem Park kennenlernte, wohnte sie längst nicht mehr bei den Eltern.
   Markus Buchenwalder bleibt für alle außer Mutter ein mysteriöser Mann. Die Romantikerin in mir hat längst ihre eigene Version der Geschichte erfunden: In meiner Fantasie verbringen sie gemeinsam eine wundervolle Zeit und schmieden aufregende Zukunftspläne. Doch das Schicksal reißt sie auseinander. Mit Anfang zwanzig verunglückt Papa in Italien, als er die Kontrolle über das Auto verliert und mit einem Lastwagen zusammenstößt. Meine Mutter, die zu diesem Zeitpunkt in Deutschland ist, erfährt fast am selben Tag, dass ihr Geliebter gestorben und dass sie schwanger ist. Kitschig, ohne Zweifel. Aber es ist meine Rekonstruktion der Geschichte meiner Eltern, meine fiktive Erinnerung, und sie darf so sein, wie ich sie haben will.
   Um am nächsten Tag überhaupt aus den Federn zu kommen, schlürfe ich etwa eine Kanne Kaffee. Meine Sucht kriege ich einfach nicht in den Griff. Aber heute nützt es nichts, dagegen anzukämpfen, denn für die Erkundung des Großstadtdschungels benötige ich einen wachen Geist.
   Nach einem bescheidenen Frühstück mache ich mich auf die Suche nach ein paar Lebensmittelgeschäften. Im Dschungel kommt man ohne einen Kompass nicht aus. In der Großstadt ist man ohne einen Stadtplan – egal, ob als App oder auf Papier – aufgeschmissen.
   Unterwegs lerne ich haarsträubende Lektionen. Je weiter wir in das Herz der Stadt vordringen, desto verrückter erscheinen mir die Leute. Mit angehaltenem Atem verfolge ich, wie ein Pärchen in meinem Alter über die Straße hechtet, den Bus nicht aus den Augen lässt, aber dafür auf den Verkehr nicht achtet. Hupend bleiben Fahrzeuge stehen. Müssen sie ja, denn wer will schon ein zerdrücktes Gesicht auf der Frontscheibe? Vorsichtig kriechen die Autos weiter und stoppen wieder, weil drei weitere Wahnsinnige mit manischem Glanz in den Augen zum Bus rennen.
   Offensichtlich ist es völlig legitim, Autofahrer in Schrecken zu versetzen, sich in Lebensgefahr zu begeben, indem man sich mehr oder weniger freiwillig gegen das entgegenkommende Auto schleudert, über die Motorhaube rollt und weiterrennt, als wäre nichts geschehen, nur, um rechtzeitig den Bus, die Tram oder die Bahn zu erwischen.
   Ich sehe, wie jemand um die Ecke brettert, mit kreischenden Reifen die Kurve nimmt und beinahe einen Fußgänger von den Beinen fegt. Erschrocken springt der Mann zurück und flucht lautstark. Meine Kehle ist wie ausgetrocknet, meine Zunge lässt sich mit Mühe vom Mundboden lösen. Mit einem Mal bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich wirklich aussteigen soll. Auf ein Leben in der zivilisierten Wildnis hat mich niemand vorbereitet.
   Wachsam gehe ich los. Der Lärm und die Objekte, die sich permanent in meinem Sichtfeld bewegen, irritieren mich. Zrrrinnn, macht etwas. Als ich herumfahre, setzt mein Herz für einen Schlag aus. Eine Tram rollt auf mich zu. Mit einem entsetzten Schrei springe ich auf den Bordstein, schnappe nach Luft und versuche, mich innerlich zu beruhigen. Alles okay, alles okay. Alle Körperteile unversehrt.
   Bei uns in der Kleinstadt taucht ein Polizist wie ein Zeuge Jehovas wie aus dem Nichts auf, sobald man nur bei Rot über die Straße geht. Auf der Bayerstraße bestimmt die Menschenmasse die Ampelphasen. Sobald die Metallmaschinen in Unterzahl sind, spürt das Volk seine Macht und nutzt sie aus. In Scharen überqueren Männer und Frauen jeden Alters die Straße bei Rot. Notgedrungen, jedoch hupend, lassen Autofahrer sie vorbei.
   Artig warte ich, bis das grüne Licht aufleuchtet. Erst dann gehe ich mit ein paar anderen los, die sich an Verkehrsregeln halten.
   Immer mehr und mehr spricht dafür, dass die Großstadtmenschen ein mürrisches Volk sind. Sie sind immer in Eile. Egal, wie viel Zeit ihnen zur Verfügung steht – alles muss schnell erfolgen. Manche überholen mich, streifen mich, stoßen mich versehentlich zur Seite. In unserer Kleinstadt entschuldigt man sich, wenn man jemanden angerempelt hat. Hier verschwenden die Leute keine Zeit mit solchen Nichtigkeiten.
   Mit meiner Größe von einem Meter sechsundsiebzig blicke ich über die Köpfe kleinerer Menschen hinweg. Ich sehe einen jungen Mann mit einem Rucksack auf mich zulaufen. Die Männer und Frauen vor mir weichen rechtzeitig aus. Mein Körper hingegen ist nicht auf rohe Gewalt eingestellt. Die Reflexe versagen, als er mich in der Manier eines adrenalingeladenen Football-Spielers mit dem Rucksack rammt. Meiner Kehle entweicht ein schriller Ton, und ich drehe mich unfreiwillig um die eigene Achse. Wütend starre ich ihm hinterher und reibe die getroffene Stelle.
   Am Stachus folge ich der Masse die Treppe hinunter. Wohin alle gehen, dort gibt es sicher etwas Feines. Von der Schwarmintelligenz profitiert jeder. Vor mir breitet sich unter der Erde eine neue Welt aus. In der Nähe eines Mülleimers, wo ich den Menschenstrom am wenigsten störe, bleibe ich stehen und lasse alles auf mich wirken. Bunte Lichter, laute Stimmen, Schritte, Rascheln von Tüten. So viele Menschen, so viele Geschäfte. Pizza, belegte Brötchen, Smoothies, farbige Wäsche, Weinflaschen, Pralinen, Elektrogeräte, glänzender Schmuck hinter den Schaufenstern.
   Aber wo zur Hölle finde ich einen stinknormalen Lebensmittelladen?
   Die Massen bewegen sich in unterschiedliche Richtungen. Mir scheint es fast unmöglich, von hier den nächstbesten Laden zu erreichen, ohne dabei von jemandem umgerannt zu werden. Dennoch wage ich es und stürze mich in die Menge. Nach drei-, vierhundert Metern, die mich gegen meinen Willen vom Geschäft meiner Wahl weggeführt haben, fange ich langsam an zu begreifen, wie ich mich verhalten muss.
   Wenn man vorankommen möchte, muss man sich einer Gruppe anschließen und sich von ihr leiten lassen, auch wenn sie nicht exakt jenes Ziel ansteuert, das man ins Auge gefasst hat. Schon bald verlässt man den Schwarm und wählt einen anderen, der in die gewünschte Richtung unterwegs ist. Dabei muss der Übergang fließend erfolgen. In anderen Worten: Bloß nicht stehen bleiben.
   Dass ich immer wieder abrupt anhalten muss, liegt nicht nur an mir, weil ich das perfekte Gleiten noch nicht beherrsche, sondern auch an anderen Leuten, die sich nicht an die Regeln halten.
   Meine Beobachtungen ergeben, dass weniger als vier Individuen, die für sich eine kleine, dynamische Einheit bilden, es nicht leiden können, wenn ihnen ein Fremder eine Weile lang in den Einkaufspassagen folgt. Dennoch lasse ich es mir nicht nehmen, mich an jemanden zu heften. In diesem Fall wird eine ältere, sehr schnelle Dame zu meiner Begleiterin.
   Im Abstand von weniger als einem Meter folge ich ihr und registriere voller Genugtuung, dass die Menschen kurzzeitig bremsen müssen, um uns vorbeizulassen. Hätte ich mich allein quer durch den Menschenstrom gewagt, hätte ich doppelt so lange gebraucht, um durchzukommen.
   Nach etwa zehn Sekunden wechsele ich in eine andere kleine Gruppe, passe mich ihrem Tempo an und lande im anderen Flügel des unterirdischen Reiches.
   Nachdem ich alle Geschäfte abgeklappert habe, bin ich erschöpft. Weit und breit kein günstiges Lebensmittelgeschäft. Schließlich wende ich mich an mindestens fünf Leute, von denen mir ein paar weiterhelfen können.
   Zwei Fahrten mit dem Bus und der S-Bahn und drei Kaffeebecher später bin ich erleichtert und zufrieden. Alles, was ich vorerst zum Überleben brauche, teilt sich den Platz in zwei Tüten.
   Einige Zeit später empfängt mich Stille in einer spartanisch eingerichteten Wohnung. Traurigkeit schleicht sich in mein Herz. Kaum habe ich das Essen in den Kühlschrank gestopft, greife ich zum iPhone und wähle Judiths Nummer.
   »Da habe ich mit Gustav rumgeknutscht. Er ist siebzehn. Ganz schön pervers, hm?«, erzählt sie, nachdem wir ein paar Worte gewechselt haben.
   »Na ja …«
   »Nächsten Samstag will er mich wiedersehen. Soll ich mit ihm ausgehen?«, fragt sie. Wie ich sie kenne, weiß sie die Antwort schon. »Nein, lieber nicht.«
   Judith und ich haben gemeinsam das Abitur gemacht. Im Gegensatz zu mir jedoch hat Judith eine kaufmännische Ausbildung absolviert und arbeitet seit ein paar Jahren als Assistentin in der Nachbarstadt. Wovon andere träumen, es aber nie wagen, hat sie schon getan: Bungee-Jumping, Fallschirmspringen, Aktfotos, in einer Telenovela mitspielen, es mit einem Jungen im Bettabteil eines Kaufhauses treiben, der Erzfeindin eine Faust ins Gesicht rammen, Joints rauchen und besinnungslos auf der Straße tanzen. Und nun macht sie mit einem noch nicht Volljährigen rum. Ob es eine ihrer neuen Herausforderungen ist?
   Judith, Bea und mich verband, dass wir so verschieden und einander doch so ähnlich waren.
   Judith war seit ihrem sechzehnten Lebensjahr in einen Jungen aus der Nachbarschaft namens Simon verliebt. Ständig schwärmte sie von ihm in meiner Gegenwart. Ihm gegenüber unterdrückte sie jedoch ihre überbordenden Gefühle und begegnete ihm erstaunlich distanziert und desinteressiert. Sexuelle Fantasien lebte Judith mit anderen aus und genoss die körperliche Nähe, ohne einem ihrer Freunde einen Blick in ihr Inneres zu gewähren. In ihren Tagträumen war sie hingegen stets mit Simon zusammen.
   Auf diese Weise blieb ihre Beziehung zum Objekt der Begierde perfekt, rein und erfüllend. Nie stritten sie sich darüber, wer den Müll entsorgte, wer wieder mit dem Einkaufen dran war, und wer wie viel in die Haushaltskasse gab. Indem sie sich nicht auf das Abenteuer einließ, mit ihm eine Beziehung einzugehen, lief sie auch nicht Gefahr, von ihm verletzt oder wie ihre Mutter verlassen zu werden.
   Mit Bea hatte es das Leben nicht besonders gut gemeint, erkannten Judith und ich, je besser wir die Jugendliche kennenlernten. Wie Bea mit ihrer Mutter, Madeleine Karlsfeld, geborene von Brommingen, klargekommen war, wussten Judith und ich nicht. Zu selten hatte Bea von ihr gesprochen, doch die Fotos, die sie ab und zu hervorkramte, ließen keinen Raum für Zweifel, dass Bea ihre Mutter geliebt hatte. Strahlendes Lachen, Umarmungen, Wangenküsse – es existierten beinahe nur Bilder, die innige Verbundenheit zwischen Mutter und Tochter ausdrückten.
   Nach ihrem Tod wuchs Bea bei ihrem emotional verschlossenen Vater auf, der sie fast nie in den Arm nahm oder liebevoll tätschelte. Er überhäufte sie mit Make-up, Taschen und Kleidern in schillernden Farben und aus edlen Stoffen, doch zu einer Umarmung war er nicht fähig.
   Was mich angeht, so war ich immer das Bindeglied zwischen den beiden jungen Frauen, die goldene Mitte. Nicht so draufgängerisch, aber gleichzeitig auch ängstlich wie Judith, nicht so launenhaft, rebellisch und risikobereit wie Bea.
   »Du klingst etwas müde«, stelle ich fest.
   »Frag mich, wie lange ich heute schon Kalorien verbrenne! Weiß gar nicht mehr, wie viele Stunden ich in der Horizontalen verbracht habe. Aber jetzt erzähl! Was ist bei dir los?«
   Ich klage über den stressigen Ausflug in die Innenstadt und über den Schuhkarton, in dem ich für viel Geld lebe. Plötzlich kann ich nicht mehr. Meine Stimme zittert, weil ich nach Hause zu meiner Mutter will, um mit ihr irgendetwas Aufgewärmtes zu Abend zu essen, weil ich Angst vor meinem ersten Arbeitstag habe, und weil ich einfach entsetzlich einsam bin.
   Ich kämpfe gegen die Tränen an, reiße mich zusammen, atme tief ein und aus. Meine Sorgen sprudeln aus mir heraus, und Judith hört zu. Und obwohl ich alles loswerde, was mir zusetzt, fühle ich mich schwer.
   Vielleicht erginge es mir besser, wenn ich meine Bedenken mit Mutter geteilt hätte. Vielleicht, wenn sie sie ein einziges Mal nicht als Belanglosigkeit abgetan hätte, sondern gesagt hätte: »Zerbrich dir nicht den Kopf darüber, Allegra.«
   »Baby, Baby«, höre ich Judith sagen, »Das packst du! Du wirst sehen, am Montag wird alles prima.«
   Ich will etwas einwenden, jedoch kommt sie mir zuvor.
   »Nächstes Wochenende besuche ich dich in München. Dann lassen wir es krachen.«
   »Okay«, sage ich schniefend. Schleim läuft mir aus der Nase. Aus Not wische ich ihn mit dem Handrücken ab.
   Meine Gedanken laufen Amok. Ich fühle mich wie eine Astronautin, die von der Station getrennt worden ist und nun im gigantischen Weltraum treibt, verzweifelt und jeglicher Hoffnung auf Rettung beraubt. Mein Atem geht schnell und flach. Noch immer zerreißt mich das Verlangen, die Hände zu Fäusten zu ballen und die Anspannung in einem einzigen Schrei zu entladen, der Gläser zerbricht und das Trommelfell platzen lässt. Ich will brüllen, bis mein Gesicht rot anläuft und die Adern auf der Stirn hervortreten, bis der Brustkorb sich so stark zusammenzieht, dass die Luft den Lungen komplett entweicht.
   Bis es schmerzt. Bis ich nicht mehr kann.
   Doch, was dann? Werde ich mich besser fühlen?
   Langsam atme ich ein und aus. Mein Puls beruhigt sich. Dennoch werde ich die Schwere nicht los, das unsichtbare Gewicht, das mich niederdrückt.
   Als ich aufwache, schießt mir durch den Kopf, dass bald der Ernst des Lebens beginnt. In Kürze darf ich mich offiziell meinen neuen Kollegen vorstellen. Ich schlucke. Daran will ich nicht denken. Sonst bin ich den gesamten Tag über nervös und kann das Treffen mit Onkel Roni nicht genießen. Hätte er sich nicht angekündigt, wüsste ich nicht, was ich mit einem Sonntag anfangen soll. Sonntage sind die besten Tage, um sich in Depressionen zu stürzen.
   Etwa eine halbe Stunde, bevor ich die Wohnung verlasse, um mich mit ihm zu treffen, ruft Gina an. Sieben Jahre lang haben wir in derselben Nachbarschaft gewohnt. Vor einer Weile zog sie zu ihrem Freund, von dem sie sich nur wenige Monate später trennte. Er steckte seine Elektrogeräte ein und räumte das Feld. Nun teilt sie sich die Wohnung mit einer Studentin namens Hannah.
   Gina und mich hält Freundfeindschaft zusammen, wie manche Menschen Hassliebe. Wieso wir den Kontakt aufrechterhalten, liegt daran, dass wir es genießen, aus der Rolle der Freundin in die der Rivalin zu schlüpfen.
   Nach den Begrüßungsfloskeln lebt sie richtig auf. »Letztes Wochenende waren wir in einer Münchner Disko. Jeder zweite Kerl hat mich angelabert. Was für eine Nacht! Wäre ich in München öfter unterwegs, würde ich wohl durchdrehen …« Nun lässt sie eine Pause eintreten, als wartete sie darauf, dass ich mich nach dem Warum erkundige.
   Gelangweilt inspiziere ich meine Fingernägel.
   »Die Stadt ist einfach der Hammer! Nächste Woche …«
   »Ist sie!« Vor Aufregung falle ich ihr ins Wort. »Jetzt rate mal, wo ich bin!«
   »Wo sollst du sein?«
   »In München! Von nun an lebe ich hier«, verkünde ich stolz. Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie Gina die Kinnlade herunterklappt.
   Offenbar dauert es, bis Gina die Sprache wiederfindet. »Warum?«, fragt sie tonlos.
   Ich genieße es, anzugeben. Hier bin ich, in einer großartigen Stadt voller ungeahnter Möglichkeiten und spannender Herausforderungen. Während Gina in ihrem kleinen Büro versauert, schwimme ich bald auf der Erfolgswelle. Ich bin jung, ehrgeizig und auf dem Weg nach oben. Ich werde all meine Träume realisieren. Davon bin ich überzeugt, während ich prahle. In Wirklichkeit weiß ich genau, dass ich in Illusionen bade.
   Ein paar Minuten später herrscht Stille.
   »Jetzt ist Berlin voll angesagt«, bemerkt sie kühl. »Nächsten Monat fahren wir hin.«

Während Onkel Roni und ich am Sonntagnachmittag im Café sitzen und er mir von den Erlebnissen der letzten Monate in der Wildnis erzählt, bin ich geistig mal an-, mal abwesend. Schließlich fällt es ihm auf und er will erfahren, was mich beschäftigt.
   Mein Blick gleitet über Onkel Ronis sonnengegerbtes Gesicht, das beim Lächeln noch stärker von Falten durchzogen wird. Sie stehen ihm gut. Seine leicht zusammengekniffenen Augen verleihen ihm einen skeptischen Ausdruck. Wenn Roni die Augenbrauen zusammenzieht, wie in diesem Moment, und mich durchdringend mustert, fühle ich mich eigenartigerweise nicht unwohl. Er vermittelt den Eindruck, als suchte er im Geiste bereits nach einer Lösung für das Problem, das er überhaupt noch nicht kennt.
   »Was macht dir zu schaffen?«, fragt er erneut.
   Daraufhin erzähle ich ihm von meiner Unterhaltung mit Gina. Obwohl ich ihn lange nicht mehr gesehen habe, habe ich das Gefühl, ihn in alles einweihen zu können, was mir auf der Seele brennt.
   Roni lehnt sich vor. Ein Lid verengt sich zu einem Schlitz, sodass er mich an einen raubeinigen Schiffskapitän erinnert. Fehlt nur noch eine Pfeife im Mundwinkel. »Weißt du, wann ein Mann besonders verwundbar ist?«
   »Wann?«
   »Wenn er auf dem Lokus ist«, antwortet er langsam.
   »Auf dem Klo?« Ich hebe die Augenbrauen.
   »Ganz genau«, sagt er gedehnt, als möchte er, dass ich den Sinn der Worte erfasse.
   »Dann soll ich also Gina auf der Toilette auflauern, um mich für die verbalen Hiebe zu rächen?«, schlussfolgere ich amüsiert.
   Roni lehnt sich zurück und lässt den Blick durch die Gegend schweifen, ehe er mir wieder in die Augen sieht. »Denk daran, diese Frau hat auch einen Schwachpunkt. Also wirst du dich revanchieren, wenn die Zeit reif ist.«
   »Na, die kann sich warm anziehen«, scherze ich und haue auf den Tisch.
   Ich nippe an meinem Latte macchiato und bestelle mir ein Stück Schokokuchen, obwohl mir der Sinn nach Salzstangen oder Chips steht. Gedankenverloren zerteile ich den Kuchen mit der Gabel.
   »Das kommt mir so bekannt vor. Macht es deine Mutter noch immer?«
   »Was?« Verwundert sehe ich ihn an und stelle erst jetzt fest, dass mein Teller voller Schokostücke ist. Keines davon habe ich probiert. Ich winke ab. »Blöde Gewohnheit, nicht wahr?«
   Über Mutter möchte ich mich nicht unterhalten, also wechsele ich das Thema. »Warum ist Sylvie nicht mitgekommen?«
   Hörbar holt Roni Luft. Während sein Blick durch die Gegend schweift, streckt er unter dem Tisch die Beine aus. Dann fixiert er den kleinen Löffel, der auf der Serviette liegt. Um die Wölbung, die auf dem Stoff ruht, hat sich ein hellbrauner Fleck gebildet. Sein Daumen und der Zeigefinger schließen sich um den Griff des Kaffeebechers. Langsam dreht er ihn hin und her. »Wir haben uns getrennt«, sagt er leise.
   »Was?« Meine Stimme tönt schriller, als ich es beabsichtigt habe.
   Er zuckt zusammen und sieht mich überrascht an.
   »Bitte entschuldige.« Ich räuspere mich und richte mich auf. Obwohl es mich nichts angeht, frage ich ihn nach dem Grund.
   »Manchmal funktioniert es eben nicht«, antwortet Roni.
   Ich runzle die Stirn. Diese Antwort enthält so viel Aussage wie die meiner Mutter, wenn sie mir erklärt, warum sie Roni meidet.
   Da er sich nicht mehr dazu äußern möchte, plaudern wir über Trivialitäten.
   Gegen fünf macht sich Onkel Roni auf den Weg.
   »Viel Erfolg morgen«, wünscht er mir.
   Die Zeit rast. Gerade habe ich noch mit Roni einen Kaffee getrunken, dann zu Abend gegessen und mir drittklassige Filme angesehen, und schon sitze ich im Bus auf dem Weg zu meinen neuen Kollegen.
   Ohne jede Vorwarnung drängt sich mir Beas Gesicht auf, das – wie jeden Frühling – Sommersprossen zieren. Ich weiß noch, dass sich Bea Jahr für Jahr über sie aufregt. Obwohl sie sie hasst, denkt sie nicht daran, sie mit Make-up zu kaschieren.
   Wir sitzen in ihrem Zimmer, Bea, ich und ihr neuer fester Freund David. Die schwere Maschine, die Harley-Davidson, gehört diesem Typen mit Tattoos auf den Oberarmen. Während er auf einem Zahnstocher kaut, mustert er mich mit Langeweile, aber ebenso auch mit Geringschätzung, wie sie nur ein von sich überzeugter 26-Jähriger einer fast zehn Jahre Jüngeren entgegenbringen kann. Seine klobigen Stiefel ragen über den Rand von Beas Fernsehtisch. Sein Arm liegt um Beas Hals. Schwach wie ein Pendel, der an Schwungkraft verliert, schaukelt seine Hand über ihrem BH, dessen Konturen sich unter dem hellblauen Shirt abzeichnen.
   In Davids Gegenwart fühle mich so beklommen, dass ich kaum ein Wort rausbringe. Der Mann riecht nach Moschus, nach Zigaretten und Motoröl. Keine betörende Mischung, denke ich. Dem Bann seiner Pheromone, die aus jeder Pore strömen, kann ich mich dennoch nicht entziehen. Verstohlen starre ich auf seine sehnigen, behaarten Arme und stelle mir unwillkürlich vor, wie sie meine kleinen Brüste umschließen. Wie meine Brustwarzen zwischen seinen Fingern mit ungeschnittenen gelben Nägeln herausragen. Mein Unterleib zieht sich auf eine angenehme Weise zusammen … Eine schrille Sirene reißt mich aus meiner Erinnerung. Mit Blitzlicht rauscht ein Polizeifahrzeug vorbei. Langsam setzt der Bus die Fahrt fort. Warum hat sich mir diese Szene eben aufgedrängt? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, versetze ich mich in Gedanken wieder zurück in Beas Zimmer.
   Sie erhebt sich, dreht die Musik auf und fängt an zu tanzen. Ihren Bewegungen haftet nichts Erotisches an. Ihr geht es nicht darum, ihren Freund zu verführen – sie gibt sich ganz der Musik hin. Und sie verlangt von uns, dass wir mitmachen. Aber David ist zu cool, um sich ihr anzuschließen. Was mich angeht, so schäme ich mich.
   »Gott, seid ihr langweilig!«, ruft sie aus.
   Jemand klopft an die Tür. Bea reagiert nicht. Wieder ein dezentes Klopfen. Keine halbe Minute später geht die Tür auf, und Beas Vater steht vor uns. Die Krawatte ist etwas gelockert. Ihre dunkle Farbe bildet einen starken Kontrast zum gestreiften hellen Armani-Hemd. Das Sakko hängt über seinem Arm und fällt über seinen Aktenkoffer aus Wildleder. Sein Blick streift David und mich und bleibt an Bea hängen. Beas gute Laune stirbt, die Augen werden matt. Sie lässt sich auf das Sofa fallen.
   Herr Karlsfeld grüßt uns, ohne jedem von uns mehr als zwei Sekunden in die Augen zu schauen. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass er David länger ansieht. Mit einem Blick, der dem Motorradfahrer klarmachen soll, dass er in diesem Haus nicht geduldet wird. Doch David zuckt nicht einmal mit der Wimper.
   Nachdem David das Haus Minuten später verlassen hat, stellt sich Bea ans Fenster. Sie winkt. Ich trete zu ihr und beobachte David dabei, wie er ein Bein über das massive, glänzende Metall schwingt. Der Motor röhrt, das Hinterrad dreht sich und schleudert Kieselsteine in alle Richtungen. Schon gibt er Vollgas und rauscht aus der Einfahrt.
   »Wieso bist du eigentlich mit ihm zusammen?«
   »Warum wohl?« Kokett grinsend setzt sich Bea hin und fängt an, sich auf dem Sofa ekstatisch zu aalen. Sofort fixiere ich das Bild an der Wand, das eine deprimierende Landschaft zeigt, einen blätterlosen Baum inmitten von kargen Hügeln.
   »Bestimmt willst du nur deinen alten Herren mit einem Hell’s Angel ärgern«, werfe ich ein.
   Ihr Gesichtsausdruck verrät, dass meine Worte sie nicht erreichen. Provozieren gehört eindeutig zu ihren Stärken.
   »Was der Adel dazu wohl sagen wird?« Schon gebührt mir wieder ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.
   »Die können mich mal! Ich gehe schon seit mindestens zwei Jahren auf keine ihrer Feiern.«
   Also seit dem Tod ihrer Mutter, geht mir durch den Kopf. Madeleine starb, als Bea fast vierzehn war. Nachdem bei ihr Krebs diagnostiziert worden war, war es zu spät, um sie zu retten. Ein halbes Jahr nach dem tragischen Tod sehnten sich Vater und Tochter nach einem Neustart, und so zogen sie in unsere verschlafene Kleinstadt.
   »Von denen zeigt doch niemand sein wahres Gesicht«, fährt Bea in meiner Erinnerung fort. »Weder Onkel Franz, der bei feierlichen Anlässen versucht, seinen krankhaften Kontrollzwang zu verbergen, noch Tante Anna, die mit großer Willenskraft zur Abstinenzlerin mutiert. Dass Großcousin Winfried mit schlimmen Krankheiten zu kämpfen hat, merkt man ihm nur an seiner miesen Laune an. Dabei wäre es für alle viel leichter, wenn sie mit ihren Charakterschwächen, ihren Gebrechen und allem anderen offen umgehen.«
   Ich erinnere sie daran, dass ihre adelige Verwandtschaft nun mal im Mittelpunkt steht. »Kein Wunder also, dass bestimmte Geheimnisse niemals ans Tageslicht gelangen dürfen«, schließe ich ab.
   Beas Miene verdüstert sich schlagartig. Eisern starrt sie auf das hässliche, trostlose Bild an der Wand.
   »Schein, kein Sein«, murrt sie. Schon stiehlt sich ein Lächeln auf ihr Gesicht. »Essen wir heute Abend ein paar Burger im King?«
   Ihr Themawechsel verwundert mich. »Sandwiches im Subway«, antworte ich dennoch prompt.
   »King«, beharrt sie und schaut mich mit leicht schräg gelegtem Kopf an.
   Irgendetwas daran erweckt in mir den Eindruck, ich wäre eine Teilnehmerin eines Manipulationsexperiments.
   »KFC«, halte ich dagegen, weil es mich nervt, dass ständig Bea bestimmt, wo es langgeht. Oder Judith.
   »Aber im King sind die Pommes knuspriger.«
   »Von mir aus!« Ich hebe die Arme.
   Wo wir essen, zählt letzten Endes nicht. »Wenn du mich schon wieder versetzt …« Drohend hebe ich einen Zeigefinger. »… dann kannst du unsere Freundschaft vergessen!«
   Bea reißt in gespielter Furcht die Augen auf, springt vom Sofa und eilt zu mir. Bevor ich weiß, wie mir geschieht, drückt sie mich so fest an sich, dass ich glaube, meine Knochen splittern zu hören. Schmerz durchfährt meinen Brustkorb. Mir ist, als ob meine Augen aus den Höhlen quellen.
   In diesem Moment drängt sich mir der Verdacht auf, sie möchte mich mit Gewalt in sich hineinpressen.
   Schließlich lockert sich ihr Griff, und ich hole tief Luft. »Deine Freundschaft bedeutet mir viel.«
   Ich schmunzele. Wir wissen beide, dass ich ihr nicht nachtragend sein werde, wenn sie unsere Verabredung nicht einhält, allerdings auch nicht absagt. Ich werde ihr verzeihen, wenn sie mein iPhone bei einer wilden Motorradfahrt verliert, wenn sie meine Lieblingsjeans durchlöchert, oder mich erst nach einer Stunde, die ich im Regen verbringe, abholt, weil sie sich nicht aufraffen konnte, früher zu kommen.
   Ich werde ihr sogar vergeben, wenn sie mit ihrem nächsten festen Freund abzieht und mich inmitten von wildfremden Männern auf einer Privatparty zurücklässt, bei der wir die einzigen weiblichen Gäste sind. Ich werde mich fürchten, weil ein paar der Typen dreckig grinsen und immer wieder verlangen, dass ich meine Kleidung ablege. Ich werde Bea und mich hassen, weil ich in dieser misslichen Lage gelandet bin. Doch nachdem der Vernünftige von ihnen dafür sorgt, dass ich heil zu Hause erscheine, werde ich meinen Groll gegen Bea verrauchen lassen.
   Genauso werde ich Bea alles nachsehen, was sie nicht für mich tut, weil sie sich wie üblich ihren Launen hingegeben hat, denn ich liebe sie. Liebe sie wie eine Schwester.
   Meine Haltestelle wird angekündigt. Verärgert verdränge ich weitere Erinnerungen. Stattdessen konzentriere ich mich auf die Straßennamen und –nummern. Recht schnell finde ich die richtige Adresse und stehe auf einmal vor einem schmucklosen weißen Gebäude mit abgedunkelten Fenstern, die in der Höhe mindestens zwei Meter messen. Die nassen Hände reibe ich an den Hosenbeinen und klingle an der Tür. Wenig später begrüßt mich eine junge Frau.
   Während ich der Frau, die sich als Leonie vorgestellt hat, durch den Flur folge, höre ich mein Herz wie wild klopfen. Wie werden die anderen wohl sein? Und werde ich ihnen gefallen?
   Noch ehe sie die Tür öffnet, vernehme ich Stimmen. O Gott. Was ist da bloß los? Mir ist mulmig zumute, als wir hineingehen. Um einen Schreibtisch herum stehen mehrere Männer und Frauen, diskutieren und gestikulieren.
   Vor meinem inneren Auge schießen Farne aus dem Boden, Lianen hängen von den Ästen meterhoher Bäume hinab. Papageien krächzen und mehrere Schimpansen brüllen. Dabei rudern sie mit den Armen und schütteln die Köpfe. Wie es scheint, setzt sich hier nur der Lauteste durch.
   »Das Thema hatten wir erst vor wenigen Monaten auf dem Titelblatt!« Deutlich höre ich die Stimme eines Mannes heraus. Während die anderen um ihn herum auf zwei zusammengeschobenen Tischen sitzen, steht er. Wird wohl das Alphatier sein. Kräftig und laut ist er ja. Langsam krempelt er die Ärmel seines roten Hemds hoch und entblößt stark behaarte Unterarme.
   »Dennoch ist es aktuell«, wendet eine Frau ein.
   »Hatten wir«, sagt er in einem Ton, der keine Widerworte duldet.
   So sieht also der Redakteur aus. Einschüchternd.
   »Darf ich euch die neue Mitarbeiterin vorstellen?« Leonies laute, helle Stimme beendet den regen Gedankenaustausch. Alle fahren herum. »Das ist Allegra Harlinger, unsere Volontärin.«
   Meine Wangen glühen. Wahrscheinlich ist mein Gesicht rot. Gott, ist das unangenehm! Als ich in die Augen des Alphatiers schaue, durchbohrt er mich mit einem fast anstößigen Blick, dass ich mir plötzlich wie unbekleidet vorkomme. Rasch sehe ich weg.
   Nacheinander stellen sich die Kollegen vor.
   »Ah, wunderbar!«, höre ich jemanden rufen und drehe mich um.
   Ein Mann tritt aus einem Büro am anderen Ende des Raums und steuert auf mich zu. In seinem karierten, unmodischen Pullover, in ausgebleichten Jeans sieht er derart unspektakulär aus, dass ich mich frage, wieso alle verstummt sind.
   Sein Gesicht weist milde Züge eines jungen Mannes auf, doch das nach hinten fliehende rote Haar verrät, dass er die Dreißig bereits überschritten hat. Während er mir die Hand reicht, schiebt er seine Brille auf der Nase zurück. »Eugen Walltaner. Schön, dass Sie hier sind.«
   Aha, so sieht mein Chef also aus. Beim Vorstellungsgespräch habe ich mit der Dame von der Eine-Frau-Personalabteilung gesprochen und offenbar bleibenden Eindruck hinterlassen, weshalb Walltaner mich eingestellt hat, ohne mich persönlich getroffen zu haben.
   Höflich lächle ich, als er mich mit den Journalistinnen des Ernährungs-, Lifestyle-, und Kulturbereichs bekannt macht, zu denen Leonie zählt. Julia, die langbeinige Blondine, die Lifestyle-Artikel verfasst, lächelt unablässig, als heiße sie mich tatsächlich willkommen. Doch die Arme hat sie vor der Brust verschränkt.
   Ich schüttele die Hände der Männer, die für Sport und Event zuständig sind, und wünsche mir, endlich aus dem Fokus zu verschwinden. Da will die Crew wissen, was die Neue so treibt. So erzähle ich in wenigen Worten, woher ich komme und welche Artikel ich bisher verfasst habe.
   »Lassen Sie mich Ihnen Ihren Arbeitsplatz zeigen«, sagt Walltaner. »Ach ja, und nenn mich Eugen, Allegra.«
   Ich nicke verlegen.
   »Was die Titelseite angeht, so bleibt sie, wie sie ist«, sagt der Chefredakteur freundlich, aber bestimmt zu seinem Team, bevor wir losgehen. Er sagt es nicht, als müsste er seinen Rang verteidigen, sondern wie ein Mann, der sich seiner Macht bewusst ist, ohne sie demonstrieren zu müssen.
   Auf meine Lippen stiehlt sich ein Lächeln.
   Meine erste Aufgabe besteht darin, E-Mails wie zum Beispiel Pressemitteilungen von Verlagen durchzusehen. Manchmal seien ein paar interessante und spannende Buchvorstellungen darunter, erklärt Leonie.
   Kaum hat sie sich an ihren Tisch gesetzt, steuert das Gorilla-Männchen mit den dunkel behaarten Armen auf mich zu. Er war es, dessen Stimme am lautesten tönte. Unwillkürlich erhebe ich mich.
   »Falls du mal ein Problem hast, kannst du dich gern an mich wenden.«
   »Danke, äh …« Mir fällt der Name nicht ein.
   »Gerhard, aber nenne mich Gerd. Hier sprechen wir uns beim Vornamen an.«
   Irgendetwas gefällt mir nicht an ihm. Vielleicht, dass sich seine Lippen beim Lächeln spöttisch wellen. Oder dass er mich merkwürdig grinsend anstarrt. Fast lüstern. Bestimmt ist er ein Weiberheld, der Frauen nicht durch Attraktivität, sondern durch sein extrem selbstbewusstes Auftreten ins Bett lockt. Wenn er mich zwischen seine schmierigen Wurstfinger bekommen will, kann er es sich gleich abschminken.
   Ich zucke leicht zusammen. Es sind ihre Worte, die mir durch den Kopf geistern. Mutters Gedanken, ihre Vorurteile, ihre Ängste haben mich so sehr geprägt, dass ich hinter einem freundlichen Lächeln Absichten vermute, wo überhaupt keine sind.
   Auf einmal gleitet ihm der Stift aus der Hand. Ich muss zugeben, dass es aussieht, als hätte er ihn vorsätzlich fallen lassen. »Hoppla!«
   Während er sich langsam hinabbückt, wandert sein Blick über meine Brust die Beine hinunter und bleibt am, vom Jeansstoff verdeckten Dreieck hängen. Die Hand, mit der er sich am Schreibtisch abstützt, rutscht ein wenig in meine Richtung, während er ungeniert auf meine Muschi starrt. Innerlich winde ich mich.
   Okay, womöglich hat die Stimme in meinem Kopf recht.
   Nach gefühlten zwanzig Minuten erhebt sich Gerd endlich. »Wie gesagt, wenn du was brauchst«, sagt er grinsend, »hab keine Hemmungen. Sag’s einfach. Jemand wird es dir schon besorgen.«
   Aus irgendeinem Grund habe ich plötzlich einen ekligen Geschmack im Mund, als hätte ich eben den Rücken einer Kröte geleckt.
   In der nächsten Stunde höre ich zu, als Eugen mich in die Geschichte des Magazins einweiht. Mir gefällt es, dass er sowohl so spricht als auch so auftritt, als wäre es ihm unangenehm, von den Erfolgen der Zeitschrift zu erzählen, die sie verzeichnet, seit er das Ruder in der Hand hält. Bescheidenheit steht ihm gut.
   Dann übergibt er mich in die Hände der IT-Fachfrau Fiona. Von ihr erfahre ich, mit welchen Programmen im Hause gearbeitet wird. Einen Teil davon kenne ich nicht einmal dem Namen nach, gebe ich unumwunden zu. Fiona lacht schallend und versichert, dass ich mich schnell hineinfinden werde, woran ich allerdings zweifle. Ferner zeigt sie mir, auf welchen Laufwerken sich wichtige Dateien befinden. Von der Fülle der Programme und der Zugangsdaten, von denen nahezu jedes aus mindestens zehn Buchstaben und drei Zahlen besteht, geradezu erschlagen, sehne ich die Pause herbei.
   Als sich die Kollegen guten Appetit wünschen, folge ich ihnen wie jedes Herdentier zur Futterquelle. Nur findet man in der Küche kein saftiges Essen, sondern eine Kaffeemaschine und einen Kühlschrank, in den jeder sein mitgebrachtes Essen stellen kann. Da ich nichts dabeihabe, schließe ich mich Leonie und Fiona an, die sich beim Bäcker um die Ecke etwas kaufen möchten.
   Als wir den Laden verlassen, widerstehe ich dem Drang, meinem Fluchtinstinkt nachzugeben. Am liebsten würde ich mich unter einem Vorwand von den beiden Frauen verabschieden und irgendwo Platz nehmen, um in Ruhe zu essen. Mir graut es davor, am Küchentisch mit fremden Menschen zu speisen, die mich womöglich mit Fragen bombardieren werden. Was sie als Zeichen von Freundlichkeit betrachten, wird mir wie eine Inquisition vorkommen. Allerdings bleibt mir keine andere Wahl, denn ich weiß, wie wichtig eine gemeinsame Mahlzeit für zwischenmenschliche Beziehungen ist.
   Mit Leonie und Fiona gehe ich zurück in die Redaktion. Wenn ich mich jetzt zu den anderen geselle, schaffe ich es vielleicht, zarte Bande zu knüpfen.
   Nach einer Weile nehmen wir unsere Arbeit wieder auf, und die nächsten Stunden verbringe ich damit, mich ein wenig einzuleben.
   Am späten Nachmittag steige ich erschöpft in den Bus. In meinem Kopf hallen die tiefen und hohen Stimmen meiner Kollegen nach. Hin und wieder glaube ich, zwischen den Wortfetzen verschiedene Klingeltöne zu vernehmen, obwohl niemand um mich herum telefoniert. Um die einsteigenden Gäste auszublenden und in mich zu gehen, schließe ich die Augen. Hinter den Lidern fangen Bilder, Zeichen und Zahlen an zu tanzen.
   Als ich die Augen öffne, fällt mein Blick auf eine Gruppe junger Männer, die sich gegenseitig anpöbeln und verhöhnen. Genauso wie im Tierreich blecken die jungen Männer die Zähne, bevor sie kontern. Wenn sie einander anrempeln oder schubsen und dabei den Anschein erwecken wollen, dass sie das lediglich zum Vergnügen machen, dann verraucht ihre Wut für einen Augenblick. Aber sie lauert in ihrem Inneren und wartet, bis sie erneut erglühen kann.
   Ich ziehe mein iPhone aus der Tasche. Kein einziger Anruf, stelle ich enttäuscht fest. Eigentlich müsste es mich nicht wundern, dass Mutter meine Nummer nicht wählt. Das hat sie früher auch nie besonders oft getan. Nur manchmal, wenn sie wissen wollte, wann ich zum Essen komme, und ob sie mir was übriglassen soll.
   Der Trubel des Tages hat mich abgelenkt. Neue Menschen, neue Umgebung, neue Aufgaben. Doch nun, während ich nach Hause trotte, schleichen Gedanken in meinen Kopf, Gedanken, die ich ausblenden will, aber nicht kann. Selbst wenn ich mich auf den Verkehr, auf das Brummen der Motoren, die Stimmen der Menschen um mich herum konzentriere, auch wenn ich auf die Lichter reagiere, die in meinem Blickfeld auftauchen und verschwinden, kann ich Bea nicht aus meinem Kopf vertreiben. Immer wieder kehre ich zu ihr zurück, zur Sonne, deren Wärme mich zu sich lockt und deren Stürme mich auf Distanz halten.
   Wenn ein Stern als Supernova endet, schießt er Sternenstaub voller kostbarer Elemente in das Universum. Aus seinem Staub und Gas formen sich neue Sterne. Planeten erwachen zum Leben. Wenn jedoch eine Megasonne stirbt, jagt sie Gammablitze. Tödliche Energie schießt durch das All und vernichtet alles, was ihr in die Quere kommt. Aus dem Stern erwacht etwas Neues, etwas Gefährliches: ein schwarzes Loch.
   Bea war der hellste Stern, den ich bisher je gesehen habe. Doch zugleich besaß sie eine finstere Seite und eine zerstörende Macht.
   Kaum habe ich die Wohnung betreten, ist sie aus meinem Kopf fort. Ich werfe meine Tasche achtlos auf den Boden. Die Jacke hänge ich auf und hole mein Smartphone heraus, um Judiths Nummer zu wählen. Mit ihr über den ersten Arbeitstag zu reden, erfüllt mich mit dem trügerischen Gefühl von Geborgenheit. Auf einmal glaube ich, Judith gegenüberzusitzen. Wie immer hält sie eine Zigarette in der Hand und fährt sich mit der freien durch das Haar. Röte ziert ihre Wangen.
   »Hast du schon?«, fragt sie mich und ertappt mich dabei, dass ich gedanklich wieder abgeschweift bin.
   »Wie bitte?«
   »Hast du mit deiner Mutter gesprochen?«
   »Nein. Sie hat nicht angerufen«, antworte ich. Ich habe sie verlassen. Wieso sollte sie sich da für mein neues Leben interessieren?
   »Dann wähl ihre Nummer«, fordert Judith mich auf.
   »Warum sollte ich?« Aus dem Kühlschrank hole ich eine Flasche Saft heraus.
   »Ach komm, Allegra.«
   Einen Moment lang beobachte ich schweigend, wie die Lichter der Autos hinter dem Fenster Schattenbahnen in meinem Wohnbereich verschieben. Das Schwarz wandert meine Wand mal schneller, mal langsamer entlang und nimmt schließlich die Ausgangsposition ein.
   »Meldest du dich bei deiner Mutter, nachdem wir aufgelegt haben? Ich wette, sie will erfahren, wie du dich heute geschlagen hast.«
   Spöttisch lache ich auf. Am liebsten würde ich antworten: Mir steht nicht der Sinn nach Masochismus. Stattdessen spreche ich sie auf Gustav an, mit dem sie sich eigentlich nicht treffen will.
   »Ich glaube, ich bin krank«, sagt sie. »Ich stehe auf Minderjährige.«
   Mein Gesicht ziert ein Grinsen. »Lass mich raten, ihr habt euch getroffen.«
   »Haben wir«, ruft sie aus und erzählt mir vom gestrigen Abend. Im Grunde wollte sie nur ein Bier mit ihm trinken gehen. Doch dann sind sie in ihrer Wohnung gelandet.
   »Wie war der Sex?«, frage ich grinsend.
   »Wie mit einem Anfänger. Irgendwie süß«, gibt sie zu. »Ständig fragte er, ob mir das Tempo recht sei und ob mir etwas wehtäte.«
   Ich kichere.
   Judith meint, es sei ihr ebenfalls schwergefallen, bei solchen Fragen ernst zu bleiben. Nichtsdestotrotz habe sie den Abend mit ihm genossen. »Er steht auf Star Wars, Need for Speed und so Zeug, aber für seine Siebzehn redet er fast schon wie ein Erwachsener. Was seinen Kleidergeschmack angeht, kann ich mich nicht beschweren. Irgendwie sieht er in seinem von Mama gebügelten Hemd und der schwarzen Hose niedlich aus – wie ein Junge, der Eindruck schinden will.«
   »Gibt es Themen, die euch beide interessieren?«
   »Wir haben einen ähnlichen Film- und Musikgeschmack, ziehen ein gutes Restaurant einer Pommesbude vor und stehen auf Stellungswechsel beim Sex. Überhaupt reden wir gern über Sex. Auch in einem Lokal.«
   Ich verdrehe die Augen, verkneife mir jedoch, mit der Zunge zu schnalzen. Sie lässt eine Pause eintreten, bevor sie mich mit derselben Frage konfrontiert, die sie mir vor Minuten gestellt hat. Erneut kann sie mir ein Ja nicht abringen. Ohnehin geht mir etwas anderes durch den Kopf. Stille erfüllt den Raum. Ich setze mich auf das Sofa und ziehe die Beine an. Mit einer Hand umschließe ich sie.
   »Ich muss immer wieder an jenen Abend mit Bea denken«, fange ich an.
   »An dem wir zu viel getrunken haben?«
   Ein trauriges Lächeln umspielt meine Lippen. »Wir waren albern, verrückt, aber poetisch.«
   Judith lacht auf. »Alkohol setzt ungeahnte Kreativität frei.«

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