Ein fesselnder historischer Roman. Eine abenteuerliche Reise von der Alten in die Neue Welt. Voller spannender, unheimlicher und bewegender Momente.
Das dunkle, von Nebelschwaden durchzogene Höllental im Schwarzwald der 1870er Jahre: Der gescheiterte Überfall auf eine Kutsche ist der Ausgangpunkt zu einer dramatischen Reise von der Alten in die Neue Welt. Tobias, als Waise aufgewachsen, versucht, das Rätsel seiner Herkunft zu lösen. Dabei ist er einer geheimnisvollen Dame auf der Spur, die den Helden seiner Jugend getötet hat und vieles über Tobias’ Abstammung zu wissen scheint. Die Verfolgung wird zum Abenteuer seines Lebens. Schwarzes Blut, die geheimnisvollen Kräfte der Krähen und ein Bärenmedaillon kommen ins Spiel. Tobias begegnet nicht nur einem mysteriösen Familienfluch, sondern auch seiner großen Liebe. Doch die Dämonen, die ihn verfolgen, müssen erst besiegt werden ...

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ISBN: 978-9963-52-301-6

Seiten: 373

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Oliver Becker

Oliver Becker
Der aus Blumberg im Schwarzwald stammende Oliver Becker lebt mit seiner Familie in Frankfurt am Main. Er schreibt Romane der unterschiedlichsten Genres – ob pralles Historienabenteuer, Kriminalroman, Komödie oder auch sozialkritische Tragödie. Für Becker liegt der Reiz des Schreibens gerade darin, immer wieder Neuland zu betreten. Oder wie er es sagt: „Das Einzige, worauf ich mich festlegen lasse: dass ich mich nicht festlegen lasse.“ Zu seinen bekanntesten Büchern zählen die Romane um die „Krähentochter“, eine Trilogie, die im Schwarzwald während des 30jährigen Krieges spielt.

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Leseprobe

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Kapitel 1
Der stechende Blick eines Toten

Tobias betrachtete den Mann, der auf einem Felsvorsprung stand, lässig auf das Gewehr gestützt, und hinunter ins Tal blickte. Seine Bewunderer nannten ihn Adler, seine Feinde Geier. Der Grund für beide Namen war das auffälligste Merkmal seines schmalen, scharf geschnittenen Gesichtes: die lange Nase, die über dem dichten Schnurrbart hervorsprang wie der Schnabel eines Jagdvogels. Er war nicht ganz so groß, wie er in den umliegenden Städten und Dörfern beschrieben wurde, auch nicht ganz so breitschultrig. Aber er war zäh und sehnig, und man sagte, dass er über einen sechsten Sinn verfügte, dass er Ereignisse vorhersehen konnte wie eine Hexe.
   Unter ihnen zog sich das Tal zwischen den dicht bewaldeten Hängen hindurch. Fetzen grauen Nebels blieben an den Wipfeln der höchsten Tannen hängen. Die Luft war feucht, trug bereits den Herbst in sich, und das Grün der Landschaft war von Ocker und Rot durchsetzt. Bedeckt der Himmel, scheinbar die ganze Welt in tiefer Stille, als wüsste sie, dass bald etwas geschehen würde.
   Tobias trat lautlos näher. Der Mann drehte sich um, als ob er den Blick spürte, der auf ihm lag. Er grinste Tobias an. »Kein Grund, aufgeregt zu sein, Kleiner. Ein Überfall ist ein Überfall. Mehr nicht.«
   Heute war der Tag, an dem Tobias endgültig kein Junge mehr sein würde, an dem er dazugehören sollte. Er, der Junge ohne Namen, ohne Herkunft. Dazugehören zur Bande, als vollwertiges Mitglied dieser berüchtigten Truppe, die Kusterberg-Bande genannt wurde.
   Der Anführer, Johann von Kusterberg, vor dem man sich im ganzen Schwarzwald fürchtete, zog sich von dem Felsvorsprung zurück. Ohne ein weiteres Wort ließ er sich vom Dunkel des Waldes verschlucken, um wieder zu seinen wartenden Männern zu gehen.
   Tobias blieb allein zurück, postierte sich an der gleichen Stelle wie zuvor Kusterberg, ahmte dessen Haltung ebenso nach wie dessen Blick, der über das gesamte Höllental hinweg geschwebt war, um abzuwägen, welche Stelle die beste für den Überfall wäre. Sein Blick folgte dem erwarteten Weg, den die Kutsche aus dem nicht weit entfernten Freiburg zurücklegen würde.
   »Ein Überfall ist ein Überfall. Mehr nicht.«
   Für Tobias war es viel mehr. Von diesem Tag an würde er nicht mehr der Kleine sein, der die Waffen reinigte und Gertrud in der Küche zur Hand ging, der die toten Hühner bis zur letzten Feder rupfte, der stundenlang Feuerholz hackte und der das Haus ausfegte, das die Bande als Versteck nutzte.
   Nach einer Weile zog er sich von dem Felsvorsprung zurück, um ebenfalls in die schwarze Wand aus Bäumen einzutauchen. Einige Meter weiter im Dickicht fand er die übrigen Männer der Kusterberg-Bande, die auf der Erde lagen, die Beine ausgestreckt. Sie lachten, machten Scherze, aber das gelegentliche, fast beiläufige Überprüfen der Waffen zeigte, dass ihre Gedanken schon eine oder zwei Stunden vorauseilten. Fast alle besaßen Dreyse-Gewehre. Johann von Kusterberg hatte außerdem eine alte Pistole, Modell 1850, eine einläufige Vorderladerpistole, die ebenso zu ihm zu gehören schien wie sein rechter Arm. Sie steckte im Bund der Hose. Auf einen Ellbogen gestützt, lag er auf dem weichen Waldboden und sah Tobias entgegen. Seine Augen glitzerten ebenso wie die Messingknöpfe der Jacke, schillernde Punkte in der ansonsten dunklen Umgebung.
   Tobias setzte sich, legte die Unterarme auf die Knie und wich diesen Augen aus. Sie besaßen eine Kraft, als könnten sie ihn wie eine Lanze durchbohren. Obwohl Tobias wegsah, spürte er, wie Kusterbergs Blick auf ihn gerichtet blieb, sich aber veränderte. Es schien sich eine eigenartige Melancholie in die kraftstrotzende Urwüchsigkeit, in das unerschütterliche Selbstbewusstsein zu mischen. Eine Melancholie, die nicht zu Kusterberg passte.
   Tobias fragte sich, wie er sich am Abend fühlen mochte, wenn alles vorbei sein würde. Zum ersten Mal überhaupt hatte es Zweifel an einem Plan ihres Anführers gegeben. Woher wollte Kusterberg wissen, dass die Kutsche außergewöhnlich Wertvolles geladen hatte? Sonst hatte er seine Pläne immer klar erklären können, doch diesmal blieben seine Angaben vage. Niemand außer ihm wusste, wer sich in der Kutsche befinden würde. Über deren mögliche Wachmannschaft hatte sich Kusterberg ungenau geäußert. Dennoch hatten sie beschlossen, ihm zu folgen. Wie immer.
   Inzwischen konnte die Kutsche nicht mehr weit entfernt sein, doch noch immer machten Kusterbergs Männer Witze. Die Sprüche waren ihre Art, sich von dem abzulenken, was bevorstand. So vertraut fühlten sich die Stimmen für Tobias an, als wären sie das Erste gewesen, was er je gehört hätte. In gewisser Weise war es so. Seine Erinnerung reichte nur bis zu jenem Moment zurück, in dem Johann von Kusterberg ihn an den Oberarmen packte und in die Höhe stemmte, die stechenden Augen auf ihn gerichtet.
   Tobias war vier Jahre alt geworden, als die Kusterberg-Bande in sein winziges Schwarzwalddorf einfiel. Auf tobenden Pferden und schreiend in die Luft schießend, hatten sie innerhalb von Minuten das Anwesen eines Fürsten um alle halbwegs wertvollen Gegenstände erleichtert. Kusterberg hatte sich nicht an dem Überfall beteiligt, sondern ritt zu einem Waisenhaus. Er wechselte ein paar Worte mit der Nonne, die in diesen Minuten Aufsicht hatte. Dann ging er mit langen entschlossenen Schritten auf ihn zu. Vor Tobias baute sich der Mann auf, den man fürchtete, bewunderte, der bereits damals zu einer Legende geworden war.
   Er starrte auf ihn herab. Eine ewige Sekunde lang. »Du bist also Tobias.« Johann von Kusterberg stemmte ihn in die Höhe. »Willkommen in deinem neuen Leben.«
   Neu war in der Tat alles, was Tobias erwartete. Das düstere Haus im Wald, die immer gleichen, ebenso düsteren Menschen, die sich dort einfanden, die düstere Kammer unter dem Dach, in der er schlief. Hell dagegen war das Lachen Gertruds. Sie kümmerte sich um ihn, wischte ihm den Mund ab nach dem Essen, lachte mit ihm, erzählte ihm vor dem Einschlafen Geschichten, wies ihn in seine ersten Aufgaben ein, wie etwa das morgendliche Einsammeln der Eier in dem Hühnerstall nebenan. So wuchs er auf, ohne eine Schule zu besuchen, ohne Freunde, inmitten des Schwarzwalds, dort, wo er am undurchdringlichsten und finstersten war.
   Nachts hörte er das Stöhnen aus Gertruds Nachbarkammer, wenn sie Besuch hatte von den Männern der Bande, die sie hintereinander beehrten, wobei dem Anführer immer der erste Besuch zustand. Manchmal fragte Tobias Gertrud, ob die Männer ihr wehtaten, sie womöglich schlugen, schließlich klinge ihre Stimme in jenen Nächten anders als sonst.
   »Nein, Liebling.« Gertrud lachte. »Sie tun mir nicht weh. Na ja, einer von ihnen schon. Aber nicht, weil er mich schlägt.«
   »Wie dann?«
   »Indem er mir das Herz bricht.«
   Tobias verstand nicht, wie ein Mensch dem anderen das Herz brechen konnte, aber aus einem sicheren Gefühl heraus war ihm zumindest klar, dass dieser eine Mann nur Johann von Kusterberg sein konnte.
   Nach jedem Raubzug feierte die Bande in dem Haus im Wald. Bier und Wein und Schnaps flossen, sie sangen Lieder, tanzten mit Gertrud, einer nach dem anderen, genau wie bei den Besuchen in der Kammer, und wirbelten sie dabei durch den Raum, als würde sie nichts wiegen.
   Tobias versorgte sie mit Essen und Nachschub an Getränken, und der schönste Moment in solchen Nächten war immer, wenn Kusterberg ihm ein paar Münzen in die Hosentasche steckte. Nicht wegen des Geldes an sich, sondern weil sich Tobias in diesen Augenblicken größer, älter und wichtiger vorkam. Er sammelte die Münzen unter seiner strohgefüllten Matratze, aber er träumte nicht von Dingen, die er sich davon kaufen konnte. Er sehnte sich allein danach, ein Mitglied der Bande zu werden.
   Ab heute brauchte er nicht mehr davon zu träumen. Die zurückliegenden Jahre kamen ihm merkwürdig vor, als wären sie zu schnell vorübergezogen. Dabei hatte es den Anschein gehabt, die Zeit würde stillstehen.
   Geräusche ließen Tobias aus seinen Gedanken hochschrecken. Blätter und Zweige raschelten, ein tiefes Schnaufen erklang. Jemand näherte sich dem Schlupfwinkel der Bande, und Tobias wusste sofort, wer es war.
   Im nächsten Moment schob sich ein langer, schmaler Körper durch die Sträucher. Tobias erschauderte leicht. Obwohl er den Mann, der sich der Bande näherte, schon lange kannte und ihn gewohnt war, wirkte er auf Tobias wie bei ihrer allerersten Begegnung: Unheimlich, undurchschaubar, wie jemand, der durch Beschwörungsrituale Überschwemmungen und Scharlachwellen auslösen konnte.
   Er hieß Erasmus, und mehr als diesen Namen wusste man nicht von ihm. Er gehörte zu der Kusterberg-Bande und auch wieder nicht. An Überfällen beteiligte er sich so gut wie nie. Gelegentlich tauchte er auf, versorgte Johann von Kusterberg mit Neuigkeiten aus den Ortschaften und mit Hinweisen, wo reiche Beute anfallen könnte. Erasmus war ein Einäugiger. Der Blick aus diesem einen grauen Auge wirkte beinahe unmenschlich.
   Der merkwürdige Mann mit der Augenklappe kam auf Tobias zu, umweht von einem löchrigen Umhang, das wirre graue Haar von einem Schlapphut verborgen. Erasmus hielt ihm eine einläufige Schrotflinte hin und er ergriff sie mit einem weiteren Erschaudern. Der Alte hatte versprochen, ihm für seinen ersten Überfall eine gute Waffe zu besorgen. Er hielt Wort.
   »Geladen«, sagte Erasmus leise. »Geh behutsam mit der Flinte um. Damit du mit ihr schießt und nicht sie mit dir.«
   »Danke.«
   Tobias befühlte den kalten Stahl, das abgegriffene Holz des Kolbens. Der Wald kam ihm bei der Berührung finsterer, bedrohlicher vor.
   Über ihren Köpfen ertönte ein Rascheln. Sie schauten nach oben und entdeckten einen Vogel, der sich im Flug zwischen den dicht stehenden Bäumen verfangen zu haben schien. Seine Schwingen schlugen gegen Äste, sein Schnabel spuckte heisere Schreie aus.
   »Eine Krähe«, stellte Tobias fest.
   Erasmus riss ihm das Gewehr aus den Händen und schlug mit dem Lauf auf die Äste ein, die den Vogel festzuhalten schienen. Dabei rief der sonderbare Mann Laute, die nur er verstand und die wohl nur für ihn einen Sinn ergaben.
   Beiläufig nahm Tobias wahr, wie die Männer über Erasmus lachten. Der Alte schlug ein paar Mal in die Äste, dann hatte er es geschafft. Die Krähe war frei, hob sich in die Luft, über ihr der dunkel gewordene Himmel.
   »War das wieder einer jener Toten«, rief einer der Bande, »die die Gestalt einer Krähe angenommen haben?« Alle lachten. »Das denkst du doch, du alter Spinner, oder?«
   Erasmus achtete nicht auf das Gerede, sondern flüsterte vor sich hin, offenbar zu sich selbst. Er reichte Tobias das Gewehr.
   Tobias wusste, dass Erasmus Krähen besondere Kräfte zuschrieb. Der Alte schien alle ihre Eigenarten zu kennen und ließ oft Bemerkungen über sie fallen.
   Wieder machten die Männer Scherze über ihn und seinen Aberglauben. Merkwürdigerweise war es Kusterberg, der das Geplänkel mit einigen barschen Worten beendete. Für gewöhnlich hatte er nicht das Geringste gegen ein bisschen Spaß einzuwenden, aber sein Gesicht wirkte in diesem Moment seltsam ernst. Erneut glaubte Tobias diese eigenartige, bislang ungekannte Melancholie in den stechenden Augen wahrzunehmen.
   Gleich darauf gab Kusterberg den Befehl zum Aufbruch. Die Männer erhoben sich, folgten ihrem Anführer still tiefer in den Wald. Tobias reihte sich als Letzter ein, wie es seinem Rang entsprach. Als er losging, legte sich eine Hand auf seine Schulter, die so kalt war, dass er es durch Hemd und Jacke spüren konnte. Das Auge von Erasmus tauchte vor seinem Gesicht auf. »Die Krähe. Sie war ein Zeichen.«
   »Ich muss gehen.« Tobias wand sich aus dem Griff des Mannes.
   »Kein gutes Zeichen.« Der Blick des einzelnen Auges schien sich in Tobias’ Gesicht zu brennen, die Kälte der Hand drang ihm bis ins Mark.
   »Die Krähen täuschen sich nie. Das ist kein gutes Zeichen«, zischte Erasmus.
   Während Tobias den übrigen Männern folgte, schaute er über die Schulter zurück in das Gesicht des Alten, der einsam im Wald stand und ihn seinerseits eingehend betrachtete. Für einen Moment hatte Tobias den Eindruck, Erasmus’ Gestalt würde sich vor seinen Augen in Luft auflösen. Dann zwang er sich, stur geradeaus zu blicken.
   Er lauschte in die Stille ringsum und seine Gedanken flirrten weg von Erasmus, hin zu Kusterberg. Zweifellos stimmte heute etwas nicht mit dem Mann, den er verehrte. Etwas lag in dessen scharfen Gesichtszügen, das dort nicht hineingehörte und schimmerte in seinem Blick, das Tobias zusehends beunruhigte. So sehr er versuchte, sich auf das zu konzentrieren, was ihn erwartete, die Erinnerung an Kusterbergs Augen war ihm die ganze Zeit über gegenwärtig.
   Ihr Weg führte sie tiefer ins Tal, zwischen den Bäumen hindurch, er wurde steiler. Hin und wieder kam einer von ihnen auf nassem Laub ins Rutschen. Unten blieben sie, weiterhin von den Rottannen verborgen, stehen. Die Straße hatten sie im Blick. Sie verteilten sich. Jeder wusste, wo er sich verstecken sollte. Kusterberg stand, wenige Schritte von den groben Pflastersteinen der Straße entfernt, auf sein Gewehr gestützt, am weitesten vorn.
   Tobias blickte an seinem Anführer vorbei in die Richtung, wo das Tal eine Kurve beschrieb. Von dort müsste die Kutsche bald kommen. Es war dunkler geworden, ein kühler Wind strich durchs Höllental. Tobias hatte eine trockene Kehle. Auf seiner Stirn stand Schweiß.
   Kusterberg drehte sich um. Er sah von einem der Männer zum anderen. Für eine Sekunde lag sein klarer Blick mit diesem seltsamen Ausdruck auf Tobias. »Haltet euch bereit, es wird gleich losgehen.«
   Als verfügte Kusterberg wirklich über einen sechsten Sinn hörten sie innerhalb der nächsten Sekunden das Klacken beschlagener Hufe auf den Pflastersteinen.
   Tobias versteifte sich leicht. Er fuhr sich mit der Zungenspitze über die trockenen Lippen.
   Die Kutsche kam in Sichtweite. Sie wurde von vier Schimmeln gezogen. Zwei blau uniformierte Reiter davor, zwei dahinter, also keine beeindruckende Schutztruppe. Vor allem, wenn man bedachte, dass sich unter einer der Sitzbänke im Passagierraum eine Truhe befinden sollte – eine Truhe mit Goldbarren, Edelsteinen und Geldmünzen. Das hatte jedenfalls Kusterberg gesagt, und er war nicht gerade bekannt dafür, sich zu irren.
   »Zwischen uns und der Beute gibt es nur das Hinterteil einer adligen Dame, die über der Truhe auf der Sitzbank thront.« Kusterberg hatte gegrinst. »Ich bin sicher, wenn wir die Dame höflich bitten, wird sie für uns gewiss ihre edlen Bäckchen erheben.« Das Gelächter daraufhin hatte ihm gefallen. Trotz der Zweifel, die es diesmal an dem Vorhaben gab, hatte er die Männer auf seine Seite gezogen.
   Mittlerweile war die Kutsche fast auf Höhe der Männer, das Schlagen der Hufe klarer, lauter.
   Tobias’ Herz trommelte. Alles um ihn herum wurde ihm viel deutlicher bewusst als sonst. Das Hufgetrappel erklang so laut, als würden die Geräusche direkt in seinem Kopf entstehen.
   Ein beiläufiges Handzeichen Kusterbergs reichte und die Männer stürmten hervor. Die vier Reiter in den blauen Uniformen wurden schnell und geschickt aus ihren Sätteln geworfen. Vor jedem ihrer völlig verblüfften Gesichter tauchte eine Gewehrmündung auf, und ihnen blieb nichts übrig als wehrlos nach oben zu starren.
   Auch der Kutscher blickte in einen Waffenlauf. Er hatte Mühe, die vier Schimmel im Zaum zu halten, wobei ihn zwei von Kusterbergs Männern unterstützten.
   Tobias hielt das neue Gewehr so fest, dass die Hände beinahe schmerzten. Seine Augen waren jedoch nicht auf die blauen Uniformen gerichtet, sondern wandten sich Kusterberg zu, der sich mit aufreizend gelassenem Schritt der Kutschentüre näherte.
   »Komm, Kleiner, heute ist dein großer Tag«, sagte Kusterberg. »Lass uns gemeinsam herausfinden, ob es sich gelohnt hat. Ich hoffe, du kannst gleich einiges hier heraustragen.«
   Er war gemeint. Tobias konzentrierte sich.
   Mit einem Ruck riss Kusterberg die kleine Kutschentür auf. Tobias sprang rasch zu ihm und spähte an Kusterbergs Schulter vorbei ins Innere der Kutsche.
   »Darf ich bitten, Gnädigste.« Kusterbergs Stimme war voller Hohn, wie immer wenn er bei seinen Raubzügen mit Leuten umsprang, die zur besten Gesellschaft gehörten.
   Die Frau, die er angesprochen hatte, erhob sich langsam von der Sitzbank. Sie trug Handschuhe aus dunklem Samt und ein langes Kleid, wie Tobias nie zuvor eines gesehen hatte. Der Stoff funkelte in einer satten Himbeerfarbe, die durch das schwarze, knapp über die Schultern gelegte Cape beinahe unwirklich zu strahlen schien. Auf ihrem Kopf saß ein üppiger Hut, der mit einem weiten, hauchzarten Schleier bedeckt war, durch den ihre Augen funkelten wie Degenspitzen. Augen, so klar, eindrucksvoll und wunderschön. Tobias fühlte sich wie hypnotisiert, obwohl sie ihn nicht mal ansah.
   Ihr Blick ruhte auf Kusterberg. Geradeaus, ohne Furcht, mit einer Selbstgewissheit, die höchstens der von Kusterberg gleichkam.
   »Na los, raus, Gnädigste. Wir haben nicht Zeit bis morgen.« Nach wie vor gab Kusterberg sich überlegen, spöttisch und lässig, als wäre er auf einer Tanzveranstaltung.
   Die Dame verließ die Kutsche, ohne ihre Augen von ihm abzuwenden. »Deine Zeit ist ohnehin abgelaufen.«
   Tobias hatte nicht erwartet, dass sie sich zu einer Antwort herablassen würde.
   Kusterberg hingegen war weniger überrascht, sondern offenbar belustigt. Er lachte so laut, dass seine Stimme von einem bis zum anderen Ende des Höllentals zu erschallen schien.
   Dann versteifte er sich. Verblüffung schlich sich in seine Züge. Er griff zu dem Schleier der Dame und hob diese leichte, halb durchsichtige Hülle an, um das Gesicht betrachten zu können. »Du!« Sein Erstaunen hüllte ihn völlig ein, war wie mit Händen zu greifen.
   »Was für ein unerwartetes Wiedersehen, nicht wahr?«, sagte sie.
   Kusterberg drehte sich zu Tobias um. »Rein mit dir in die Kutsche. Na los!«
   Er gehorchte sofort. Eine süßlich-schwere Duftwolke hüllte ihn ein, als er in gebückter Haltung begann, die Sitzbänke zu untersuchen. Nie zuvor hatte er Parfüm gerochen. Gertrud duftete nach Bratfett, Kaffee und manchmal ein wenig nach Schweiß. Jetzt kitzelte ihn dieser eigentümliche Duft in der Nase, verwirrte ihn. Allerdings nicht so sehr wie die Tatsache, dass sich keine der Sitzbänke anheben ließ. Nicht einmal, als Tobias mit aller Kraft daran riss.
   Hier war nicht das Geringste versteckt worden. Ratlos wandte sich Tobias wieder seinem Anführer zu.
   Kusterbergs Blick lag abwägend auf der Dame. Hinter seiner Stirn schien es gewaltig zu arbeiten.
   »Was jetzt?«, fragte Tobias ihn.
   »Was ist los?«, rief einer von Kusterbergs Männern.
   Statt einer Antwort griff Kusterberg nach einer Brosche, die das Cape der Dame zusammenhielt.
   »Dieses gute Stück ist dir noch bestens bekannt«, bemerkte sie leise. In ihrer Stimme lag Spott.
   Geschickt löste Kusterberg den golden schimmernden Gegenstand vom Stoff. Er betrachtete ihn ausgiebig, bevor er ihn schließlich in seine Innentasche schob.
   Eine sonderbare Atmosphäre lag in der kühlen Luft. Sie fühlte sich unerklärlich schwer auf Tobias’ Schultern an. Auch wenn das sein erster Überfall war und er die Aufregung allzu deutlich wahrnahm, wusste er, dass hier irgendetwas nicht stimmte.
   Kusterberg und die Dame wechselten einen tiefen Blick. Dieser Moment der Stille wurde von dem gewaltigen, tosenden Krachen etlicher Schüsse zerrissen.
   Tobias sprang aus der Kutsche, mitten hinein in das Durcheinander, das urplötzlich über sie hereinbrach. Reiter in blauen Uniformjacken und weißen Hosen, bewaffnet mit Gewehren. Stofflappen waren um die Pferdehufe gewickelt, deshalb die Lautlosigkeit der Reiter. Weitere strömten wie ein Vogelschwarm aus dem schwarzen, dichten Wald.
   Drei von Kusterbergs Männern sanken getroffen zu Boden, gleich darauf zwei oder drei weitere. Blut spritzte auf. Die vielen Schüsse klangen wie ein einziger endloser Donnerschlag. Pferde gingen durch und Männer rangen miteinander. Plötzlich lag ein kleiner Trommelrevolver mit kurzem Lauf in der zarten, von Samt verhüllten Frauenhand.
   Entsetzt verfolgte Tobias, wie Kusterbergs Blick die Mündung erfasste. Diesmal wirkte er nicht verblüfft. So seltsam es war, sein Gesicht spiegelte jenen rätselhaften und melancholischen Ausdruck wider, der Tobias zuvor im Wald aufgefallen war.
   »Nein!« Sein Schrei vibrierte noch in der Luft, als der Schuss fiel, der Kusterbergs Körper nach hinten riss.
   Ohne Zögern stürzte Tobias zu ihm, packte ihn mit der linken Hand unter der Achsel, während er mit seiner rechten das Gewehr festhielt. Kusterberg kam auf die Beine, die Dame trat näher heran und zielte genau auf dessen Stirn.
   Geistesgegenwärtig stieß Tobias sie mit der Schulter zu Boden.
   Schemenhaft nahm er die Einzelheiten um sich herum auf, wie in einem Traum. Der durch die Luft fliegende Revolver, der auf der Erde landete, das Kleid wie eine Welle himbeerroten Wassers darüber, Kusterbergs Gesicht ganz nah an seiner Wange, dessen Keuchen und gesenkten Blick, als fiele es ihm unendlich schwer, die Lider zu heben. Schüsse, Schreie, das verstörte Wiehern der Pferde.
   Der Geruch von Kusterbergs Blut kroch Tobias in die Nase, vertrieb den Parfümduft. Irgendwie erreichten sie die schützenden Sträucher, die ersten Bäume, während Kugeln über sie hinwegsurrten. Tobias stützte Kusterberg. In den Lungen brannte ein Feuer, der Rücken war in Erwartung eines tödlichen Geschosses derart angespannt, dass er zu platzen drohte.
   Tobias wollte weg von dem Lärm des Kampfes, tiefer hinein in die Düsternis des Waldes. Ein falscher Schritt ließ sie stolpern, und sie lagen auf modrigem Waldboden, Arm in Arm, die Nasenspitzen in der weichen Erde.
   Immer noch wie in einem Traum, nah und fern zugleich, gedämpft und klar in einem, verklangen Pferdegewieher und Gewehrfeuer. Die Stille bedeckte langsam und doch unaufhaltsam alles unter sich, begrub jedes Geräusch, als würde in der ganzen Gegend niemals wieder ein Laut ertönen.
   Erst das Krächzen ließ ihn seine Augen aufschlagen, der Schrei der Krähe, der sich schrill und lang gezogen in den Wald fraß.
   Allmählich ließ der Schock nach, das Blut pulsierte wieder durch den Körper. Seine Gedanken waren nicht mehr zu schnell für ihn. Wie viel Zeit war vergangen? Tobias nahm tief Luft und stemmte sich hoch. Sein Blick fiel auf Kusterberg, der noch immer mit dem Gesicht nach unten dalag.
   Ein eiskalter Schauder rieselte über Tobias’ Rücken. Vorsichtig drehte er den schlaffen Körper herum. Die Jacke mit den zwei Reihen aus Messingknöpfen und das Hemd darunter waren dunkel vom Blut. Das Gesicht war bleich, wächsern, und die Nase schien noch schärfer daraus hervorzustechen als sonst.
   Tot, dachte Tobias. Dieser nackte erbarmungslose Gedanke sorgte für den nächsten Schauder. »Um Himmels willen.« Seine Stimme klang dünn. In diesem Moment öffnete Kusterberg die Augen.
   »Du lebst.«
   »Das ist ja mal eine gute Nachricht.« Kusterberg zwinkerte ihm zu, selbst jetzt zu einem Scherz fähig. Sofort verzerrten sich seine Lippen. Er musste große Schmerzen haben. Langsam schob er die Hand in die Jacke, wühlte in einer der Innentaschen. Er holte etwas hervor und steckte es in eine Seitentasche von Tobias’ Jacke. »Ich muss dir etwas sagen, Kleiner, ich hätte es dir schon lange sagen müssen.« Er zwinkerte nochmals. »Ich hoffe, es bleibt noch ein wenig Zeit, bevor es mit mir aus ist.«
   Erneut das Krächzen der Krähe.
   »Du wirst nicht sterben, ganz sicher nicht.« Tobias sprach flehend. »Ich bringe dich zum Haus, wir werden das schon schaffen und Gertrud …«
   »Halt den Mund.« Kusterberg brachte ihn zum Schweigen. »Hör mir zu. Damals, als ich dich aus dem Waisenhaus geholt habe …« Er hielt inne. Nicht nur aufgrund der Schmerzen.
   Ein Rascheln. Leise, aber nicht zu überhören. Jemand bewegte sich durch den Wald, war in der Nähe.
   Alles, was Tobias sah, waren die Bäume und darüber der immer finstere Streifen aus kaltem Himmel. Die Reiter mit den blauen Uniformen suchten sie. Sie würden sie finden.
   Wie aus dem Nichts schob sich eine Gestalt zwischen Sträuchern hindurch, teilte die Zweige wie einen Vorhang.
   Alles in Tobias erstarrte. Sie hatten sie gefunden.
   Erleichtert atmete er auf, als er den Mann erkannte. Er hatte sich geirrt. Vor ihm stand Erasmus.
   »Tobias.« Der Blick des Alten schoss an dem Jungen vorbei zu dem am Boden liegenden Mann.
   Tobias sah zu Kusterberg, der sich aufrichtete, die Lippen noch verzerrter. Seine Finger krallten sich in Tobias’ Arm, seine Augen gewannen eine fast übermenschliche Klarheit, bevor sie trübe wurden. Der Kopf sank zur Seite. Alles Leben entwich aus dem Anführer der Kusterberg-Bande. Ein Schwall Blut sprudelte aus der Wunde in der Brust. Es war schwarz. Schwarz wie die Tannen im Winter, wie die Nacht, die sie endgültig einhüllte. Nichts war zu hören außer einem neuerlichen Krähenschrei, den Tobias in seinem tiefsten Innern spüren konnte.

*

Nebelschwaden legten sich wie ein Trauerflor um die Bäume des Schwarzwalds. Der Mond, voll und rund, tauchte die Nacht in ein milchiges Licht. Tobias sah durch das Fenster hinaus, im Rücken die Flammen des Kaminfeuers, an seiner Seite Gertrud und Erasmus. Zum ersten Mal in seinem Leben schien es, als hätte das alte, versteckt im Wald gelegene Haus all seine Behaglichkeit verloren.
   In Gertruds treuherzigen Augen standen Tränen. Schon seit Stunden weinte sie um Kusterberg, seit Erasmus und der Junge das Versteck der Bande erreicht und ihr alles berichtet hatten. Nur allmählich wurde ihr klar, dass die Kusterberg-Bande nicht mehr existierte.
   Nachdem dem Anführer der letzte Atemhauch über die Lippen geströmt war, hatte Erasmus den Ort des Überfalls untersucht. Nur dass es nicht viel zu untersuchen gab. Ein totes Pferd und viele Blutlachen – ansonsten war die gepflasterte Straße leer. Die Leichen der Räuber hatte man ebenso schnell weggeschafft wie die wenigen Bandenmitglieder, die noch am Leben waren.
   »Ich habe alles mit angesehen«, sagte Erasmus, begleitet vom Knistern des Feuers. »Ihr wart zum Untergang verurteilt, vom ersten Moment an.«
   Tobias musterte ihn. »Wer waren diese Reiter?«
   »Den Uniformen nach preußische Kavallerie. Sie waren eine Eskorte und müssen zu der Dame gehört haben, die in der Kutsche saß.«
   Tobias nickte leicht. »Wenn sie die Eskorte waren, wieso waren sie zuerst nicht bei der Kutsche?«
   Der Einäugige lachte leise. »Bist du noch nicht darauf gekommen? Das war eine Falle.«
   »Dann hätte man von dem Überfall wissen müssen.«
   »Auf jeden Fall war man darauf vorbereitet.«
   »Warum? Kusterberg hatte doch geschworen, dass die Kutsche und ihr Inhalt ein Geheimnis waren.«
   Wieder das Lachen von Erasmus, leise, knirschend. Sein einzelnes Auge schien Tobias aufzuspießen. »Geschworen? Ja, geschworen hat er es. Geschworen hat er auch, dass sich eine sehr wertvolle Truhe unter einer der Sitzbänke befinden würde.«
   Tobias seufzte. »Da war rein gar nichts. Eine ganz gewöhnliche Kutsche.«
   »So gewöhnlich nicht, wenn man bedenkt, wer in ihr mitfuhr.«
   »Erasmus, weißt du, wer diese Frau ist? Diese feine Dame?«
   Der Alte erhob sich von dem alten rohen Holzblock, auf dem er saß. »Gib mir Zeit. Ich werde mich umhören, aber sei darauf vorbereitet, dass für dich nichts mehr so sein wird wie bisher.«
   »Das weiß ich auch so. Jetzt, da Kusterberg tot ist.« Sein Blick huschte zu Gertrud, auf deren Wangen neue Tränen schimmerten. Im nächsten Moment war Erasmus durch die Tür verschwunden, flink und behände, geräuschlos wie ein Geist, als wäre er nicht da gewesen.
   Zurück blieben Gertrud und Tobias, für die mit Kusterberg ein großer Teil der eigenen Welt gestorben war. Gertrud saß eine scheinbare Ewigkeit auf dem abgewetzten Holzstuhl, der normalerweise der Platz des Anführers gewesen war, regungslos und wortlos. Dann jedoch kehrte Leben in sie zurück und sie versuchte, die Trauer mit dem zu bekämpfen, was sie am besten konnte. Sie hantierte mit Töpfen und Geschirr, und kurz darauf roch es verlockend nach Blutwurst, Kartoffeln und Rüben, nach gerösteten Zwiebeln und Apfelringen.
   »Essen ist immer die beste Antwort«, sagte sie in einer Wolke aus Bratendampf. Sie hatte zwar vertränte Augen, aber auch ein schwaches Lächeln um die vollen Lippen. Der Duft tat seine Wirkung und Tobias, der angenommen hatte, nie wieder einen Bissen essen zu können, spürte, wie sich Hunger in ihm breitmachte.
   Sie aßen zu zweit, wie früher oft, jeder von ihnen eine riesige Portion, Gertrud schmatzend, Tobias in aller Stille kauend. Es war die traurigste Mahlzeit, die sie jemals miteinander geteilt hatten. Die herzhaften, stark gepfefferten Leckerbissen konnten nicht das Gesicht verdrängen, das über dem Tisch schwebte, jenes schmale, selbstbewusste Antlitz mit der Raubvogelnase und dem Schnurrbart. Tobias beschlich ein jähes Gefühl, als würde es nicht nur das traurigste, sondern auch ihr letztes gemeinsames Essen sein.
   Anschließend saßen sie sich gegenüber, mit schweren Bäuchen und geröteten Wangen. Es wurde ihnen jetzt erst so richtig bewusst, dass Johann von Kusterberg und seine Männer nie wieder polternd durch die Eingangstür hereinströmen würden, die Taschen voller Geld, die Augen leuchtend von den ersten Schlucken Schnaps nach einem gelungenen Raubzug.
   Es war stiller als je zuvor in diesem einsamen Haus, das umgeben von Wald und tiefster Nacht so weit von der Welt entfernt schien wie die Sterne, die über dem Schindeldach durch den weiterhin dichten Nebel stachen.
   Gertrud und Tobias wechselten einen langen Blick. Während Gertrud ein paar kleinere Scheite im rußgeschwärzten Kamin nachlegte, begann sie zu erzählen. Wie sie Kusterberg erstmals begegnet war, in einer Schenke in einem kleinen Dorf am Rande des Glottertals, wie er sie verzaubert hatte, als wäre er ein Hexenmeister, mit seinen Augen, seinem Lachen, seiner Großspurigkeit. Bald darauf hatte sie dieses Haus betreten, mit dem legendären Anführer der Kusterberg-Bande das Zimmer geteilt, plötzlich anscheinend für immer an dieses verborgene Fleckchen Erde gebunden. Sie hatte für alle gekocht, Kleidung geflickt, die Bettdecken der Schlafstellen gewechselt und gewaschen und dabei ständig an den einen gedacht. Diesen einen, der ihr oft so nah war und doch für immer unerreichbar blieb.
   Tobias hörte zu, ohne ein Wort zu erwidern. Sie schilderte mehr sich als ihm ihr Leben als gute Seele der berüchtigten Bande. Als er später, nachdem das Feuer endgültig heruntergebrannt war, in seiner winzigen Kammer lag, erinnerte er sich daran, dass Kusterberg ihm etwas in die Tasche geschoben hatte. Es war stockdunkel in dem Raum, Tobias musste sich auf seinen Tastsinn verlassen. Der Gegenstand in seiner Jackentasche war kleiner als seine Handfläche, flach, hart und rau. Er war eiskalt, so kalt wie Kusterbergs Augen im Moment des Todes.
   Ein Schmerz durchzuckte seine Fingerspitze, er blutete. Schlagartig sah er Kusterbergs schwarzes Blut vor sich. Tobias erschauderte und ließ den Gegenstand zurück in die Tasche sinken.
   Holz knarrte. Er erschrak. Ein Schatten huschte in die Kammer.
   Alles in Tobias spannte sich an.
   Der Schatten näherte sich, warf mit einer raschen Bewegung seine Decke zurück.
   Tobias Gedanken rasten. Der Schatten legte sich neben ihm, verwandelte sich in warmes, fülliges, menschliches Fleisch.
   Haar kitzelte seine Nase, eine Hand ergriff seine, um sie zu einem nackten großen Busen über einem klopfenden Herzen zu führen. »Gertrud.« Jetzt fiel ihm der Geruch nach Bratenfett und salzigen Tränen auf. Kochen war nicht das, was die gute Seele der Kusterberg-Bande am besten beherrschte.
   »Essen ist nicht immer die beste Antwort.« Gertrud flüsterte. »Manchmal nur die zweitbeste.« Sie kicherte.
   »Gertrud.« Dem ersten Überfall seines Lebens folgte die erste Nacht, die er nicht allein verbrachte. Während Gertrud und er sich aneinanderschmiegten, um ihre Trauer zu vermischen, hatte Tobias die ganze Zeit über das eigenartige Gefühl, Johann von Kusterberg würde unsichtbar neben ihnen stehen und sie mit seinem schwelenden Blick beobachten. Doch je stärker sich Gertrud um ihn kümmerte, desto schwächer wurde dieser Eindruck.
   Als Tobias am nächsten Morgen die Augen aufschlug, war er allein. Für einen dämmrigen Moment glaubte er, Gertruds Besuch geträumt zu haben. Seine Nacktheit unter der Decke räumte allerdings rasch mit diesen Zweifeln auf. Er meinte, Rühreier und Speck zu riechen. Was würde Gertrud sagen, wenn er bei ihr in der Küche auftauchte? Wie würde sie ihn ansehen? Anders als sonst?
   Während er sich anzog, dachte er an Kusterberg. Er hatte das Gefühl, gestern mehr erlebt zu haben als in seinem gesamten bisherigen Leben.
   In der Küche angekommen, musste Tobias feststellen, dass Gertrud verschwunden war. Für immer. Er wusste es sofort, es lag einfach in der Luft.
   Der Essensgeruch war allerdings keine Täuschung gewesen. Sie hatte ihm ein Frühstück zubereitet, großzügig einen Teller gefüllt und ihn auf den Tisch gestellt. Das war wohl Gertruds Art, Lebewohl zu sagen.
   Tobias setzte sich, doch er bekam keinen Bissen hinunter.
   Einsamkeit. Die tiefste, hoffnungsloseste Einsamkeit, die es gab. Tobias konnte sich nicht vorstellen, dass sich irgendein Mensch auf der Welt jemals so allein gefühlt hatte.
   Das Haus strahlte etwas Seltsames aus, als wäre es seit Langem unbewohnt. Tobias sah sich im Raum um und alles, was ihm vertraut war, kam ihm jetzt fremd vor.
   Er nahm die Blutkruste auf der Spitze des Zeigefingers wahr, stand auf und nahm die Stufen nach oben. In der Kammer durchwühlte er die Taschen seiner Jacke, fand, was Kusterberg ihm zugesteckt hatte.
   Eigentlich hätte er schon nachts darauf kommen müssen, um was es sich handelte: Die Brosche, die der Dame aus der Kutsche gehörte. Sie war weder auffällig noch schien sie sonderlich wertvoll zu sein. Zwar vergoldet, aber offenbar aus gewöhnlichem Metall. Das Gesicht eines Bären, glatt die Nase, rau das Fell, vertieft die Augen. Auf der Rückseite eine stabile Anstecknadel, die Tobias’ Haut in der Nacht aufgerissen hatte.
   Ratlos verstaute er die Brosche wieder in der Tasche. Anschließend wühlte er unter der Matratze den kleinen Sack hervor, der früher mit Salz gefüllt gewesen war. Darin bewahrte Tobias die Münzen auf, die Kusterberg ihm in den vergangenen Jahren zugesteckt hatte. Der Sack spannte sich um seinen Inhalt. Tobias hatte sich nie weit vom Haus entfernt und deshalb keine Gelegenheiten gehabt, das Geld auszugeben.
   Die Münzen, die Schrotflinte. Das war sein gesamter Besitz – und die merkwürdige Bärenbrosche. Sie stellte keinen Reichtum dar, war aber die letzte greifbare Erinnerung an Kusterberg.
   Was sollte er tun, nicht nur in diesen leeren Momenten, sondern mit seinem ganzen Leben? Er versteckte den Salzsack in einer geheimen Tasche im Jackeninnenfutter. Gertrud hatte die Tasche eingenäht. Für Notfälle, hatte sie gesagt. Tobias hatte das Gefühl, eine größere Not könne es für ihn nicht geben.
   Plötzlich fühlte er Blicke aus schwarzen Augen auf sich, Kusterbergs stechende Blicke. Als er den Kopf hob, war niemand da.
   Tobias ging ins untere Stockwerk, die Jacke über dem Arm, die Flinte in der Hand. Er betrat die Essküche und zuckte zusammen. Jemand saß am Tisch. Offenbar hereingekommen, ohne ein Geräusch zu verursachen.
   Das einzelne graue Auge nahm Tobias aufs Korn, anders als sonst. Abwägender, vielleicht neugieriger. »Lass dich nie vom Schreck lähmen.« Erasmus deutete auf Tobias’ Gewehr. »Du darfst nie vergessen, was du in der Hand hältst. Schon gar nicht, wenn es eine Waffe ist.«
   »Überrascht hast du mich tatsächlich.« Tobias entspannte sich. »Du hättest sicher nicht gewollt, dass ich vor Schreck auf dich schieße, oder?«
   »Im Leben wartet oft Schlimmeres als eine Ladung Schrot, mein Junge.« Der Mund des Alten lächelte, doch sein Auge blickte unergründlich wie eh und je. »Bevor du dich zu mir setzt: Reich mir den Teller, den Gertrud so prächtig gefüllt hat.«
   Während Erasmus den kalten Berg Rührei mit großen Bissen verschwinden ließ, saß Tobias ihm still gegenüber, ungeduldig wartend, dass der Alte zu sprechen begann. Endlich spülte Erasmus das Essen mit einem Krug Milch nach.
   »Was hast du herausgefunden?«
   »Viel und doch wenig.«
   Die Antwort war nicht gerade aufschlussreich. »Was ist mit unseren Männern?«
   Erasmus lächelte mit bitterem Zug um die Lippen. »Ich hatte nach dem Überfall beobachtet, dass kaum jemand von uns am Leben war. Die paar Überlebenden, die es gab, waren schwer verwundet und sind in der Nacht gestorben. Die Bande ist Geschichte, meine Junge.«
   »Ich kann es nicht glauben.«
   »Die Leute in Freiburg können das auch nicht. Ich war auf dem Markt auf dem Münsterplatz, ich war in einigen dunklen Kaschemmen, ich war hier und da. Überall spricht man von Kusterberg. Man bezweifelt, dass er wirklich tot ist, weil seine Leiche fehlt. Man ist schon dabei, einen Unsterblichen aus ihm zu machen. Es heißt, er wird zurückkommen, mit einer neuen Bande und neuen waghalsigen Überfällen, die die Reichen schwächen werden. Und man sagt, er wird noch mehr von seiner Beute unter den Armen verteilen als früher.«
   »Stimmt das eigentlich tatsächlich?«
   Erasmus schenkte sich Milch nach und richtete sich kurz seine Augenklappe. »Was, mein Junge?«
   »Dass Kusterberg so viel Geld an Arme verschenkt hat?«
   »Weißt du das nicht selbst?«
   »Ich war ja nie dabei.«
   Jetzt lachte Erasmus auf. »Das gefällt mir.«
   »Also, stimmt es?«
   »Nein, es ist natürlich nicht wahr. Nichts als Legende. Kusterberg hat die unterstützt, die ihn unterstützt haben. Die ihm Unterschlupf gewährt, ein Pferd überlassen, mit Essen versorgt haben. Er hat die Reichen nicht beklaut, um den Armen davon zu geben, sondern weil nur bei den Reichen Beute zu holen ist. Er war ein Räuber, meine Junge. Gewöhn dich an die Wahrheit.«
   Es war schon schwer, sich daran zu gewöhnen, über Kusterberg in der Vergangenheit zu sprechen. Jetzt erfahren zu müssen, dass er nicht so edelmütig gewesen sein sollte, wie Tobias es sich immer gewünscht hatte, war noch schwerer. »Ich glaube trotzdem, dass Kusterberg ein guter Mann war.«
   »Ein guter Mann? Gut und schlecht, das ist manchmal gar nicht so leicht zu unterscheiden.«
   »Bis gestern hättest du nicht gewagt, so über ihn zu sprechen.«
   »Da gebe ich dir recht.« Erasmus nickte. »Denn ob gut oder schlecht – mit Gewissheit lässt sich sagen, dass Kusterberg vor allem ein gefährlicher Mann war.«
   »Er hat mich vor dem Überfall auf eigenartige Weise angesehen«, bemerkte Tobias leise. »Als die Dame auf ihn schoss, hatte er diesen Ausdruck noch mal in den Augen. Wirklich eigenartig. Er schien nicht überrascht zu sein, als hätte er die Katastrophe vorher irgendwie gespürt.«
   »Gut möglich, dass er das hat. Kusterberg war ein Mensch, wie es nicht viele gibt. Ein Mensch mit unberechenbaren Kräften und Fähigkeiten.«
   »Was hast du sonst gehört? Was sagen die Leute in Freiburg noch?«
   Erasmus sah ihn an, erst grinsend, dann wieder ernsthaft. »Die Weiber weinen, dass ein solcher Prachtkerl tot ist, und die Männer freuen sich, dass sie nachts ruhiger schlafen werden. Übrigens – wie hast du heute geschlafen?«
   Tobias wurde rot. Erasmus wusste von Gertruds Besuch. Als könnte der Alte in seinen Gedanken lesen wie in einem Brief.
   »Gertrud jedenfalls«, fuhr Erasmus mit wissender Stimme fort, »werden wir hier nicht wiedersehen.«
   »Ja, das scheint mir auch so.«
   Der Blick aus dem grauen Auge umschloss Tobias geradezu. »Ab jetzt bist du auf dich allein gestellt.«
   Tobias nickte. »Ich habe keine Angst.« Er hoffte, Erasmus würde nicht bemerken, dass er sich bei der Antwort auf die Unterlippe biss.
   »Junge, warum fragst du eigentlich nicht nach der Frau?«
   »Klar, die feine Dame. Das war auch so ein seltsamer Moment, als Kusterberg sie wiedererkannt hat. Er war verblüfft, sie zu sehen.«
   Erasmus blickte auf. »Bist du dir sicher?«
   »Sie haben sich gekannt. Für mich war das offensichtlich.«
   »Weshalb hast du mir das nicht gestern gesagt?«
   Tobias hob die Achseln. »Ich weiß nicht. Bei all der Aufregung habe ich nicht daran gedacht. Hast du etwas über die Dame in Erfahrung gebracht?«
   »Das habe ich vorhin gemeint, als ich sagte, ich hätte viel und gleichzeitig wenig herausbekommen. Es gibt einige Gerüchte über diese Dame, nichts Handfestes. Mysteriös, das alles.« Erasmus fing an, seine langstielige Pfeife zu stopfen. »Niemand weiß, wer sie wirklich ist. Man sagt, sie sei eine Gräfin mit Verbindungen zu hohen Herren. Deshalb auch die Eskorte, die die preußische Kavallerie für sie gestellt hat. Sie hatte sich einige Tage in der Gegend aufgehalten und sich öfter nach Kusterberg erkundigt, weil sie sich vor einem Überfall seiner Bande fürchtete. Anscheinend hat sie dabei sehr deutlich gemacht, dass sie über eine ausgesprochen wertvolle Fracht verfügen würde. Du verstehst, was ich meine?«
   »Ja, sie hat Gerüchte gestreut, um Kusterberg anzulocken. Und das ist ihr gelungen.«
   Erasmus nickte. »Meine Vermutung mit der Falle war von Anfang an richtig gewesen. Diese Gräfin traf ihre Vorbereitungen. Sie ließ ihre Eskorte verborgen im Hintergrund reiten. Die Hufe der Pferde wurden mit Stoff umhüllt, damit sie um einiges leiser als sonst vorankommen konnten. Die Dame saß in der Kutsche, in der nichts Wertvolles mitgeführt wurde, und sah dem Überfall entgegen, vor dem sie in Wahrheit keine Angst hatte, sondern den sie erhoffte.«
   »Um Kusterberg zu töten.«
   »So sieht es aus. Wie ich bereits erwähnte: überaus mysteriös, diese Dame.«
   Tobias rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Es gab viele Einzelheiten, mit denen er nichts anzufangen vermochte, die ihn verwirrten. »Ich möchte wissen, warum sie ihn umgebracht hat.«
   Eine graue Wolke Pfeifenqualm durchzog die Essküche. »Junge, denk nach. Ist dir etwas Bestimmtes aufgefallen, bevor die Reiter auftauchten?«
   Bedächtig, um keine Kleinigkeit auszulassen, erzählte Tobias von dem Überfall. Er begann bei dem Moment, als Kusterberg die Frau aufforderte, die Kutsche zu verlassen, und endete mit Kusterbergs Tod. Tobias legte die Brosche vor Erasmus auf den Tisch.
   Mit seinem krummen Finger strich Erasmus beinahe zärtlich über den goldenen Bärenkopf. Er stieß Rauch aus und betrachtete seine Pfeife, als wäre sie ein Orakel. »Von Anfang an hatte ich kein gutes Gefühl bei diesem Plan, mit dieser verdammten Kutsche.« Der Alte blickte mit seinem grauen Auge ins Nichts. »Im Moment ist alles im Nebel, aber bald werden wir mehr wissen. Ich spüre es.« Rauch umwölkte sein zerfurchtes Gesicht. »Es gibt ein Geheimnis, ein großes Geheimnis, denn ich habe noch ein bisschen mehr herausbekommen. Ob dieses Rätsel jemals gelöst werden kann, das vermag ich beim besten Willen nicht zu sagen.«
   »Was soll das alles heißen? Wovon sprichst du? Ich verstehe kein Wort.«
   »Das kannst du auch nicht. Noch nicht. Es geht nicht nur um Kusterberg und diese Dame. Es geht auch um dich.«
   Erstaunt sah Tobias ihn an. »Um mich?«
   »Ja. Du bist ein Teil des Geheimnisses. Die Dame aus der Kutsche ist der Schlüssel zu seiner Lösung. Auf der Reise wirst du mehr erfahren.«
   Seine Verwunderung wurde noch größer. »Auf welcher Reise?«
   »Die Reise, zu der du aufbrechen musst.«
   »Wohin denn? Wer sagt, dass ich eine Reise machen muss.«
   »Ich sage es.«
   »Woher willst du das wissen?«
   Die raue Hand des Alten legte sich auf seine. Genau wie am Vortag, kurz vor dem Überfall, konnte Tobias die Kälte fühlen, die von ihr ausging. »Junge, ich spüre es. Ich weiß es. Eine Reise.«
   »Wann?«
   »Du kannst heute aufbrechen. Hier gibt es nichts mehr, was dich hält. Und ich werde dich begleiten.«

Kapitel 2
Die Krähe weist den Weg

Tobias sah über die lang gezogene Ebene hinweg. Braun das abgestorbene Gras, weiß die vereinzelten Flecken frühen Schnees und grau der Horizont, der sich in der Ferne auflöste. Nie hatte Tobias eine solche Sicht gehabt wie hier. Die Weite war ihm fremd, sie verunsicherte ihn. Im Schwarzwald war der Blick begrenzt. Ein Hügel, ein Waldstück, ein karstiger Gebirgszug, an dem sich das Auge festhalten konnte.
   Sie hielten inne, zwei einsame Gestalten, eingehüllt in dicke Stoffe und dennoch frierend, seit Tagen unterwegs, erst versteckt von Wäldern, dann auf offenem Land. Taschen hatten sie rechts und links am Körper hängen und eine eingerollte Schlafdecke über die Schultern gebunden. Erasmus stützte sich auf einen Stock, während Tobias’ Arme frei waren. Sein Gewehr hatte er auf Anraten des Alten zerlegt, verstaut und somit fremden Blicken entzogen. Was nicht unbedingt nötig gewesen wäre, denn sie vermieden Straßen und bekannte Wege. Keine einzige Menschenseele war ihnen begegnet.
   Tobias hatte Hunger, doch sie aßen immer nur morgens, wenn sie aufbrachen und am Abend, wenn die Dunkelheit einsetzte und mit herbstlicher Kälte über sie hinwegzog. Jetzt, als sie in ihrem monotonen Schritt weitergingen, war es erst Nachmittag.
   Die Sonne schickte ein paar schwache Strahlen durch den farblosen Himmel. Wind blies über die Landschaft, die sich nach zwei Stunden stillen Marsches allmählich veränderte. Einsame Pappeln ragten auf, kündigten einen Kiefernwald an, von dem sich Tobias und Erasmus aufsaugen ließen. Sie tranken an einem plätschernden Bach und folgten seinem geradlinigen Verlauf nach Norden. Seit sie gemeinsam das Haus im Schwarzwald verlassen hatten, zogen sie in diese Richtung.
   Zuerst waren sie nach Freiburg gegangen. Erasmus hatte sich umgehört, wie er es nannte, während Tobias am Rande des Marktes auf dem Münsterplatz auf ihn wartete. Nie zuvor hatte er so viele Menschen auf einem Flecken gesehen. Sie wuselten, tratschten, brüllten, feilschten, lachten. Alte, junge, dicke, dünne, reiche und arme. Wie hypnotisiert stand Tobias da, regungslos, abgesehen von seinen Augen. Sein Blick huschte ständig hin und her. Zwei junge blonde Mädchen, mit Hauben wie Gertrud manchmal eine getragen hatte, riefen ihm etwas zu. Sie kicherten und er beeilte sich, in eine andere Richtung zu sehen. Als Erasmus wieder da war und sie sich von dem großen Platz zurückzogen, war es für Tobias eine Erleichterung, dem Gewimmel zu entfliehen. Dennoch – das Treiben inmitten der größten Stadt, in die er je einen Fuß gesetzt hatte, war faszinierend gewesen.
   Selbst jetzt, in der Stille des Waldes, war Tobias das Stimmengewirr der vielen Menschen gegenwärtig. Erst nach und nach wurde ihm bewusst, wie weit sie die Gegend, aus der er stammte, hinter sich gelassen hatten. Mit Unbehagen sah er dem Abend entgegen, der so ablaufen würde wie die vorangegangenen. Erasmus stellte zwar das letzte erreichbare menschliche Wesen in Tobias’ winzigem Universum dar, aber dieser Mann besaß etwas Furcht einflößendes.
   Am Lagerfeuer, nachdem sie Dörrfleisch und Rüben gegessen hatten, war jedes Mal die Zeit für Erasmus gekommen, mit Wesen in Verbindung zu treten, von denen Tobias bezweifelte, dass sie existierten. Der Alte starrte in die Flammen, flüsterte Zaubersprüche und sah Dinge, die nur er sehen konnte.
   Doch Tobias hatte durch ihn einiges erfahren, was ihm vorher unbekannt gewesen war. Darunter Einzelheiten über Johann von Kusterberg. Der bis vor Kurzem gefürchtetste Mann von Südwestdeutschland hatte stets ein Geheimnis um seine Herkunft gemacht. Niemand durfte etwas über seinen Ursprung wissen, doch Erasmus verfügte über Quellen, die so manches ans Tageslicht brachten.
   Gebannt hörte Tobias zu, als Erasmus davon berichtete, dass Kusterberg von einer reichen Familie abstammte. Wegen einer schlimmen Tat, die er nicht begangen hatte, wurde er von dieser Familie zu Unrecht verstoßen. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ein neues Leben anzufangen. Ein Leben jenseits der geachteten Gesellschaft, zu der alle Verbindungen gekappt wurden, inmitten von Galgenvögeln und Halunken. Kusterberg ging mit einer Zielstrebigkeit voran, als hätte er sich genau das immer gewünscht. Vom kleinen Eierdieb, der Bauern und Trödler um ein paar Alltagswaren erleichterte, bis hin zum Entführer und Lösegelderpresser, Kutschenräuber und Einbrecher. Ein Hasardeur und Verführer, auf dessen Ergreifung hohe Prämien versprochen wurden, die nie ausgezahlt werden mussten. Zunächst ein Einzelgänger, dann der Kopf einer Bande, die geschickt zuschlug wie eine Spinne und die den gesamten Schwarzwald als ihr Netz betrachtete. Ein Leben voller Gefahr, Nervenkitzel und mit der ständigen Bedrohung, entdeckt und gefasst zu werden. Es war ein Leben weit weg von dem, was Kusterberg in den Jahren seiner Kindheit und Jugend gewöhnt war. Zu Lebzeiten wurde eine Legende aus ihm.
   Tobias staunte. Nicht nur über das, was Erasmus berichtete, sondern auch darüber, dass er sich nie gefragt hatte, wo Kusterberg herkam und was ihn zu dem gemacht hatte, der er war. Er hatte seine kleine Welt hingenommen, wie sie sich ihm darstellte. Nun war sie für immer verloren.
   Der Bach beschrieb eine Kurve nach Osten. Erasmus führte sie weiter geradeaus in nördlicher Richtung, nach wie vor zwischen den kahlen Kiefern hindurch, begleitet von Stille und Kälte.
   »Wir machen bald Rast«, sagte der Alte, wie Tobias es erwartet hatte. Die Dunkelheit setzte ein, durchzog den unbekannten Wald mit den ersten tiefen Schatten.
   Noch weit erstaunter als über die Einzelheiten aus Kusterbergs Vergangenheit war Tobias über das gewesen, was Erasmus am Vorabend verkündet hatte. Seit Beginn ihrer merkwürdigen Wanderschaft hatte Tobias nach deren Grund und Ziel gefragt, ohne eine einzige klare Antwort zu erhalten.
   Ohne Drängen hatte Erasmus von selbst von dem Überfall angefangen. »Ich habe dir nicht alles verraten, was meine Quellen mir zugetragen haben.«
   Tobias hatte gewartet, ohne ein Wort zu äußern.
   »Ich sagte dir, dass die Gräfin aus der Kutsche sich nach Kusterberg erkundigt hat.« Der Alte senkte seine Stimme, als könnten sie in ihrer Einsamkeit belauscht werden. »Jedoch nicht nur nach ihm, auch nach jemand anderem.«
   Erasmus sprach nicht weiter, ließ seine Worte wirken.
   »Nach wem noch?«
   »Sie stellte merkwürdige Fragen. Sie wollte wissen, ob es in der Kusterberg-Bande nur erwachsene Männer gäbe oder auch einen etwa siebzehnjährigen Jungen.«
   Tobias runzelte die Stirn. »Es gab keinen Jungen in der Bande. Moment! Einen gab es. Mich.«
   »Richtig, einen gab es. Diese Dame kannte nicht nur sein Alter. Als sie nach diesem Jungen fragte, erwähnte sie blonde Haare und auffallend blaue Augen. Nun ja, dein Spiegelbild ist dir vertraut.«
   »Aber niemand hat die geringste Ahnung, dass es mich gibt. Außerdem war ich noch kein echtes Bandenmitglied. Warum sollte jemand nach mir fragen?«
   »Das ist es, was mich unablässig beschäftigt.« Erasmus schüttelte leicht den Kopf. »Du weißt nicht mehr als das, was auch ich über dich weiß, nicht wahr? Du weißt nicht, aus welchem Grund dich Kusterberg aus dem Waisenhaus holte? Er hat sich dir nie offenbart?«
   Offenbart? »Nein, er hat nie mit mir darüber gesprochen. Kurz bevor er starb, wollte er mir etwas mitteilen. Er gab mir die Brosche, aber … es kam nichts mehr über seine Lippen.«
   »Deshalb sind wir unterwegs.«
   »Das verstehe ich nicht.«
   »Warum nicht? Kusterberg ist tot. Bleibt also die Dame.«
   »Diese Gräfin? Wieso?«
   »Weil sie offenbar gezielt nach dir gefragt hat. Weil sie der einzige Mensch auf der Welt zu sein scheint, der sich je nach dir erkundigt hat, Junge. Sie ist der Schlüssel.«
   »Aber, vielleicht ist das alles ein Missverständnis. Wer weiß schon, wen die Dame gemeint hat. Vielleicht hat sie …«
   »Ja, vielleicht. Vielleicht auch nicht. Deswegen bist du zu deiner Reise aufgebrochen.«
   »Bei deinen Nachforschungen bist du nicht auf ihren Namen gestoßen?«
   »Offenbar ist sie auf Anonymität bedacht. Sie versteht es bestens, sich zum Gesprächsthema zu machen und trotzdem im Dunkeln zu bleiben. Eine seltene Gabe. Angeblich wurde sie in Freiburg als Gräfin angesprochen. Doch obwohl sie viele Geheimnisse um ihre Person aufbaut, habe ich etwas über sie herausgefunden. Die Gräfin kam aus dem Norden des Landes zu uns. Dorthin hat sie sich, nachdem der Überfall vorüber und Kusterberg tot war, hinbringen lassen. Das erfuhr ich in dem Mietsstall, wo ihre Kutschpferde untergebracht waren. Allem Anschein nach lebt sie in Hamburg.«
   »Hamburg?« Tobias’ Magengrube fühlte sich plötzlich ganz kalt an. »Wir gehen doch nicht etwa nach Hamburg? Ich weiß nicht viel über die Welt, aber Hamburg ist sehr weit entfernt, oder?«
   »Zweifellos, das ist es.«
   »Mein Gott …«
   »Keine Angst, das schaffen wir.«
   »Wir könnten wenigstens die Kutsche nehmen, und wenn es nur für ein Teilstück ist.«
   Erasmus verzog das Gesicht. »Nein, es ist besser für mich, wenn ich Gesellschaft meide. Die Menschen reagieren seltsam auf mich – und ich reagiere seltsam auf die Menschen.«
   »Wir könnten uns Pferde besorgen«, schlug Tobias das bereits mehrmals angeregte vor. »Ich bin noch nie geritten, aber es wäre bestimmt eine Erleichterung.«
   »Nein. Ich muss den Boden unter meinen Füßen spüren, ich traue Pferden nicht. Sie sind merkwürdige Kreaturen. Sehe ihnen niemals in die Augen und halte dich fern von ihnen.«
   »Warum tust du das überhaupt? Warum führst du mich auf dieser Reise? Du hast keine Veranlassung dazu.«
   »Weil du niemanden hast und es meine Bestimmung ist.«
   »Deine Bestimmung?«
   »Selbstverständlich. Nichts im Leben ist Zufall, alles ist vorherbestimmt. Es ist kein Zufall, dass du als Einziger den Überfall überlebt hast, dass ich diese Kleinigkeiten über die Gräfin ans Tageslicht gefördert habe und dass sich die Gräfin nach dir erkundigt hat. Ich werde in den nächsten Tagen nochmals die Geister befragen müssen. Eines jedoch steht fest: Hamburg. Denn das ist deine Bestimmung.«
   Jedes einzelne Wort dieses Gesprächs hallte in Tobias’ Kopf wider, auch jetzt noch, fast vierundzwanzig Stunden danach.
   Er hatte Zweifel an allem, was Erasmus gesagt hatte, doch da war auch etwas anderes, das Tobias wehrlos machte in der Gegenwart des Alten, das ihn dazu brachte, ihm weiterhin zu folgen. Tatsache war, dass er nicht wusste, was er sonst tun, wohin er gehen sollte.
   Tobias erinnerte sich an die Gräfin, an ihre Augen, schön und schwarz funkelnd. Er hielt es für unmöglich, dass ausgerechnet diese Person sich nach ihm erkundigt haben sollte. Nach ihm, dem Jungen ohne Namen, ohne Herkunft. In der Tasche seines Hemdes lag schwer der metallene Bärenkopf, und von Neuem sah er, wie Kusterberg die Brosche von dem Cape der Gräfin gelöst hatte.
   Sein Leben war klar und übersichtlich gewesen. Und jetzt? Binnen eines Tages schien alles zu einem einzigen großen Rätsel geworden zu sein. Was soll nur werden, fragte er sich, während er Erasmus grübelnd durch den Kiefernwald folgte.
   »Halt.«
   Die Stimme des Alten riss ihn aus seinen Gedanken. Erasmus war stehen geblieben und starrte auf den Boden. »Tobias, sieh dir das an.«
   Viel gab es allerdings nicht zu sehen, jedenfalls für gewöhnliche Menschen. Erasmus ging langsam in die Knie, seinen Blick auf etwas gerichtet, das vor ihm lag. Er begann zu wispern, unverständliche Laute, die wie eine Beschwörung über seine schmalen Lippen kamen.
   Vor dem Alten lag eine tote Krähe.
   Flüsternd, griff Erasmus nach dem Vogel, drückte ihn an seine Brust, um ihn dann in eine seiner Taschen zu stecken.
   »Was willst du denn damit?«, fragte Tobias verständnislos.
   Erasmus erhob sich und warf einen Blick in den dunkler werdenden Himmel. »Ich bin sicher, dass diese Krähe uns etwas zu sagen hat.«
   Tobias hob leicht die Schultern. »Wenn du meinst.« Mittlerweile war er an das wunderliche Wesen des Alten gewöhnt. »Übrigens, mein Bauch könnte echt was vertragen. Wir wär’s …«
   »Sei still! Die Krähe beginnt zu sprechen.«
   »Bestimmt sagt sie, wir sollten uns einen Schlafplatz suchen und …«
   »Still!« Die Stimme des Alten klang scharf. Er lauschte aufmerksam in den Wald, das graue Auge geschlossen. »Hörst du nichts. Junge?«
   »Nein, da ist nichts.«
   »Ich bin mir sicher, ich hätte etwas gehört.«
   »Wahrscheinlich bloß das Brummen meines Bauchs.«
   Sie setzten ihren Weg fort, Erasmus sichtlich angespannt. Im nächsten Moment trug die kalte Luft die Fetzen fremder Stimmen zu ihnen.
   Erasmus blieb stehen. Eine Pistole lag in seiner Hand, eine altmodische, einläufige Waffe, die Tobias gut kannte. Es war Kusterbergs Pistole.
   »Ich habe gar nicht bemerkt, dass du sie an dich genommen hast.«
   »Sorg dafür, dass deine Flinte einsatzbereit ist.«
   Tobias begann die Schrotflinte zusammenzusetzen, Kolben, Schloss und Lauf, so wie er es jeden Abend am Lagerfeuer geübt hatte.
   In gebückter Haltung schlichen sie weiter, bis die Stimmen klarer wurden.
   Sie näherten sich einer Lichtung, die an eine Geröllstraße grenzte. Ein Pferdegespann, ein Wagen, davor eine Gruppe von Menschen.
   Verborgen von Bäumen hielten sich Tobias und Erasmus im Hintergrund, die Waffen im Anschlag.
   »Eine Rast«, flüsterte Tobias. »Was sollen wir tun?«
   »Eine Rast?« Der Alte lachte mit einem leisen Zischen. »Das ist ein Überfall, du Einfaltspinsel.«
   Jetzt entdeckte Tobias die Waffe, eine Schrotflinte, ähnlich seiner eigenen. Ein Mann zielte damit auf eine kleine dicht beieinanderstehende Gruppe, offensichtlich eine Familie. Eine Frau mit dunklem Umhang und Haube, ein Mann mit weiß werdendem Haar und anscheinend ihre Tochter, ein junges Mädchen. Der Vater trug einen schwarzen Anzug unter dem knielangen Mantel, eine Fellmütze, weißes Hemd mit aufgesetztem Kragen und eine Schleife unter dem Adamsapfel. Ein Mann, der gewissen Wohlstand ausstrahlte, aber keine Protzigkeit. Selbst Tobias erkannte das.
   Der Mann mit der Waffe hingegen war ein Wegelagerer, eine Gestalt, wie sie zur Kusterberg-Bande bestens gepasst hätte. Schlapphut, verdreckte Schaftstiefel, Kleidung aus derbem Stoff, ein unrasiertes Gesicht mit gehetzt wirkenden Augen.
   »Mehr Geld haben wir nicht«, sagte der Vater in diesem Moment zu dem Mann. »Lassen Sie uns nun bitte in Ruhe.«
   Ruhig die Stimme, gefasst, überhaupt nicht dieser Situation angemessen.
   Tobias Blick fiel auf das Gesicht der Tochter. Es wurde von einem Tuch umrahmt, unter dem sich langes volles, leuchtend rotes Haar über ihre Schultern ergoss. Ein hübsches Mädchen, eher eine junge Frau.
   »Wir verschwinden.« Erasmus zischte.
   »Was? Aber das geht nicht.« Tobias protestierte heftig.
   »Das ist nicht unsere Sache.« Der Alte wandte sich ab.
   Tobias, seit Tagen gewohnt ihm zu folgen, tat es ihm gleich, allerdings widerstrebend.
   »Stimmt.« Eine weitere Männerstimme sprach in seinem Rücken. »Euer Geld habe ich. Jetzt brauche ich etwas fürs Herz. He, du kleiner Rotschopf, komm her zu mir.« Ein widerliches Lachen. »Wir beide werden viel Spaß miteinander haben.«
   Tobias zwang sich, auf den Rücken von Erasmus, auf dessen braunen Umhang zu starren.
   »Unterstehen Sie sich!« Eine Frauenstimme, schrill, voller Furcht. »Nicht meine Tochter, nicht mein Mädchen.«
   Tobias zwang sich, seine Ohren zu verschließen, nichts zu hören. In der Stille seines Kopfes tauchte ein Gesicht auf, eines mit Schnauzbart, Hakennase und Augen wie Kristalle. Was würde Kusterberg jetzt tun? Tobias wusste die Antwort. Er drehte sich um und kehrte mit langen Schritten zurück zu der Lichtung.
   »Halt, Tobias!«
   Er achtete nicht auf Erasmus’ Ruf, trat hinter dem Wagen mit dem Zweiergespann hervor, den Gewehrkolben an die Schulter gedrückt, den Finger am Abzug. »Schluss damit!« Seine Stimme stand dünn und einsam in der Luft, sodass er selbst beinahe erschrak.
   Der Wegelagerer ließ von dem rothaarigen Mädchen ab, das er eben noch gepackt hielt. Im selben Moment lag in seinen Händen das Gewehr.
   Einander gegenüberstehend, Mündung in Mündung, starrten sie sich an. Ein Augenblick durchdringender Lautlosigkeit.
   Dann verzog der Mann seinen Mund zu einem lauten Lachen. »Wen haben wir denn da?« Ein weiteres Lachen. »Jüngelchen, ist dir deine Flinte auch nicht zu schwer?«
   »Schluss damit«, wiederholte Tobias. Ihm wurde bewusst, dass seine Stimme noch verlorener klang als zuvor. Die Blicke der Familie klebten an ihm, ebenso der Blick des Mannes, der einen Schritt auf ihn zuging. »Was denkst du, du halbe Portion, wie’s jetzt weitergehen soll?«
   »Waffe runter!« Tobias’ Stimme und Hände zitterten.
   Der Mann bleckte die Zähne wie ein Wolf und kam einen Schritt näher. »Einer von uns beiden muss jetzt schießen, Jüngelchen.«
   Tobias brachte keine Antwort hervor, seine Hände zitterten stärker.
   Der Blick des anderen veränderte sich, wurde härter, klarer, machte sich bereit für den Schuss, den er gleich abfeuern würde.
   »Schieß doch«, rief das Mädchen, die Augen verzweifelt auf Tobias gerichtet.
   »Ich kann nicht.« Tobias antwortete leise. Alles in ihm war gelähmt.
   »Ich wünsch dir eine schöne Fahrt in den Himmel. Grüß den lieben Gott von mir.«
   Ein Schatten flog heran, dunkel, wie aus dem Nichts. Im nächsten Sekundenbruchteil traf den Mann am Hinterkopf ein trocken knackender Schlag, der ihn vornüber auf den Boden sinken ließ.
   Über ihm stand Erasmus, der wehende Umhang wie eine schwarze Wolke hinter sich, in der Hand die alte Pistole Kusterbergs.

Die Flammen knisterten, die Luft war klar und kalt, und bei jedem Wort, das gesprochen wurde, entstanden dünne Atemwölkchen, die sich gleich auflösten.
   Tobias fühlte sich wohl, so gut wie lange nicht mehr.
   Die Wirkung jenes schauderhaften Augenblicks, als er dem Wegelagerer gegenüberstand, hatte nachgelassen. Er hatte sich erholt, nur seine Fingerspitzen kribbelten noch leicht vor Anspannung.
   Die Wolldecken, auf denen er im Schneidersitz hockte, waren dick, sodass sie die tiefe, aus der Erde strömende Herbstkälte von ihm abhielten. Er genoss jeden einzelnen Bissen. Seit dem traurigen Abendessen mit Gertrud hatte er nicht mehr so viel gegessen.
   Es war ein schönes Lagerfeuer, größer und heller als jene von Erasmus, der sie immer schwach hielt, um nicht irgendwelche unliebsamen Wesen der Nacht anzulocken, wie er sich ausdrückte. Herr Thorwald hatte es entfacht und seine Frau hatte Kartoffeln in der Asche erhitzt. In einem gusseisernen Topf über dem Feuer köchelten die letzten Reste eines leckeren Schweinegulaschs, dessen würziger Duft sich mit der Luft mischte. Tobias konnte nicht widerstehen und holte sich zum vierten oder fünften Mal Nachschlag.
   Im Gegensatz zu Erasmus, der von den Speisen nichts nahm. Der Alte war beleidigt. Mit grimmigem Gesicht saß er weit von den anderen und vom Feuer entfernt, sodass ihn die Hitze kaum erreichen konnte. Als wäre er übertrieben streng darauf bedacht, nichts von diesen Fremden anzunehmen, nicht mal eine einzige wärmende Flamme.
   Nachdem er den Wegelagerer bewusstlos geschlagen hatte, versuchte er, Tobias zu überzeugen, dass es Zeit wäre weiterzuziehen. Wilhelm Thorwald, der sich und seine Familie vorstellte, bestand darauf, die beiden unverhofft aufgetauchten Retter zu einem großzügigen Abendessen einzuladen. Der Hunger in Tobias war einnehmender als die drängenden Worte aus dem Munde von Erasmus, selbst als der finsterste Blick aus dem einzelnen grauen Auge.
   Während der Alte dumpf vor sich hinbrütete, berichtete Wilhelm Thorwald, dass er ein Kaufmann sei, der mit unterschiedlichsten Gütern Handel treibe. Er befinde sich mit seiner Frau Adelheid und seiner Tochter Elisabeth auf dem Weg nach Norden. »Ich habe einige Pläne, die es zu verfolgen gilt.« Die Erleichterung über das Erscheinen von Erasmus und Tobias war ihm noch anzumerken, ebenso den Frauen.
   Tobias mochte den Mann, seine vornehme Art zu reden und wie er ihn offen ansah. Die Begegnung mit der Familie Thorwald gab ihm einen Eindruck von dem Leben, das ihm verwehrt gewesen war. Rechtschaffenheit, Strebsamkeit, familiäre Zusammengehörigkeit. Er hörte nicht nur den Worten des Mannes zu. Genauso aufmerksam nahm er in sich auf, wie diese drei Menschen miteinander umgingen, mit welchen Gesten sie sich verständigten, wie sie vertraute Blicke wechselten.
   Blicke, die ab und zu versteckt den Einäugigen streiften. Erasmus war ihnen unheimlich. Er konnte das gut verstehen, ihm selbst erging es nicht anders. Zu ihm fassten die Thorwalds Vertrauen. Er konnte das in ihren sanften Augen lesen.
   Als vom Gulasch endgültig nichts mehr übrig war, erhoben sich die Eheleute. Frau Thorwald spülte das Geschirr an einem nahe gelegenen Bach ab und zog sich anschließend in den Wagen zurück, während ihr Mann die Pferde mit Hafer und Wasser versorgte. Dann kümmerte er sich um den Wegelagerer, der zwar wieder bei Bewusstsein war, aber gefesselt an Füßen und Handgelenken und um seine Diebesbeute erleichtert unter dem Wagen lag. Herr Thorwald beabsichtigte, ihn bis zur nächsten Ortschaft mitzunehmen und dort der Polizei zu übergeben.
   Erasmus saß an Ort und Stelle, ohne sich zu bewegen, ab und zu einen drängenden Blick zu Tobias schickend. Im Schein des schwächer gewordenen Feuers blieben Tobias und Elisabeth zurück und die Gegenwart der jungen Frau wurde ihm umso deutlicher bewusst.
   »Du hast deinen Namen nicht genannt.« Ihre Stimme klang angenehm, ein wenig keck.
   Tobias wich ihren Blicken aus. Er hatte noch nie zuvor solche grünen Augen gesehen. »Ich heiße Tobias.«
   »Und dein Familienname?«
   »Ich habe keinen.«
   »Jeder hat einen Familiennamen.«
   »Ich nicht. Ich habe auch keine Familie.«
   »Du bist ein Waisenjunge.«
   Er nickte ohne ein Wort, ohne sie anzusehen.
   »Wie alt bist du?«
   »Siebzehn.« Er hob nicht den Blick. »Und du?«
   »Ich bin sechzehn. Und wer ist«, ihre Stimme war eine Spur leiser geworden, »der Herr …?« Mit dem Kinn deutete sie dezent in die Richtung von Erasmus.
   »Er heißt Erasmus und ist …« Wie sollte er erklären, wer Erasmus war?
   »Sicher nicht dein Stiefvater, oder?«
   »Nein.«
   »Ihr sprecht nicht gern über euch, habe ich recht?«
   »Vielleicht.« Er spürte ihr Lächeln mehr, als das er es sah.
   »Du bist ein komischer Vogel, Tobias Ohnenamen.«
   Ihre Stimme klang nett. Keck und neugierig.
   »Elisabeth, komm bitte in den Wagen.«
   Diese Stimme klang wie ein Befehl. Frau Thorwald stand im Freien und musterte sie mit einem prüfenden Blick.
   Elisabeth erhob sich und ging zu ihr. »Gute Nacht, Tobias Ohnenamen.«
   Er sah ihr hinterher, folgte jedem einzelnen ihrer geschmeidigen Schritte. Sie zog sich die Stola, die sie über die Schultern geschwungen hatte, fester um den Körper und verschwand im Wagen, begleitet von ihrer Mutter.
   Er besaß nicht nur keinen Namen, sondern auch keine Lebensgeschichte. Mit leerem Blick starrte er in die Flammen. Bisher war er Erasmus ziemlich willenlos gefolgt, jetzt kam er zu dem Schluss, dass es das einzig Richtige war. Vielleicht würde diese Reise tatsächlich Licht in das Dunkel seines Lebens bringen. Was hätte er getan, wenn er im Schwarzwald geblieben wäre? Er wusste es nicht. Seine Gedanken schnellten zu der Dame im himbeerroten Kleid. Ihre Augen sah er vor sich, die durch den dünnen Schleier vor ihrem Gesicht blitzten, ihre schmale Hand im schwarzen Samt. Wie konnte eine geheimnisvolle Gräfin eine Spur zu seinem Leben sein?
   »Gedanken können so schwer wiegen wie Felsbrocken, stimmt’s?«
   Tobias schreckte auf. Wilhelm Thorwald setzte sich auf eine der Decken, die die Familie rund ums Feuer für alle ausgebreitet hatte. »Mein Junge, ich möchte dir und deinem schweigsamen Begleiter nochmals für euer mutiges Einschreiten danken. Du sollst wissen, dass ich das unbedingt gutmachen möchte.«
   »Wir haben es gern getan.«
   »Umso mehr stehen wir in eurer Schuld. Da ihr offenbar ebenfalls auf dem Weg nach Norden seid, könntet ihr morgen bei uns auf dem Bock des Wagens mitfahren.«
   Bevor Tobias antworten konnte, stand Erasmus bei ihnen. »Nein danke, mein Herr, wir bleiben lieber für uns.«
   Seine Stimme klang, als gäbe es für Tobias keine Möglichkeit, sich gegen ihn durchzusetzen. Sein Blick lag unerbittlich auf ihm. »Wir werden die Nacht am Feuer verbringen und bei Morgengrauen aufbrechen.«
   Tobias äußerte nichts.
   »Wie ihr wünscht«, sagte Herr Thorwald freundlich. Er brachte erneut seine Dankbarkeit zum Ausdruck und zog sich in den Schutz des Wagens zurück.
   »Warum bist du dagegen, dass wir mitfahren?«, flüsterte Tobias dem Alten zu. »Wir kämen schneller voran und es wäre eine große Erleichterung. Meine Füße tun mittlerweile ziemlich weh.«
   »Wir bleiben für uns.« Erasmus ließ sich beim Feuer nieder und legte ein paar gesammelte Äste und Zweige nach.
   »Das sind nette Leute.«
   »Wir bleiben für uns. Leg dich hin. Der Schlaf ist dein Freund. Genieße ihn.«
   Tobias seufzte und rollte sich ohne weiteren Widerspruch in die Decke. Die Mahlzeit hatte ihn müde werden lassen, doch nun, in der Ruhe der Nacht, die durch das Prasseln der Flammen verstärkt wurde, schien der Schlaf immer weiter von ihm wegzurücken. Ständig sah er sich der Gewehrmündung des Banditen ausgesetzt, der inzwischen harmlos unter dem Wagen schnarchte. Er hätte tot sein können. Diese Erkenntnis breitete sich mit ihrer gesamten Macht in ihm aus.
   Irgendwann kam der Schlaf, unruhig und erfüllt von wilden, schemenhaften Bildern und Fratzen.
   Eine eiskalte Hand auf seiner Schulter ließ Tobias hochschrecken, erleichtert, die wirren Träume abgeschüttelt zu haben. Erasmus blickte auf ihn herab, über sich den Mond und die Äste der Bäume, die ein Luftzug leicht schwingen ließ.
   »Warum weckst du mich? Ist es schon Morgengrauen?«
   »Nein, dazu fehlt bestimmt eine gute Stunde. Wir brechen trotzdem auf.«
   »Warum? Was sollte das bringen?«
   »Wir müssen sprechen.«
   »Dazu haben wir tagsüber gewiss genügend Zeit. Außerdem sollten wir uns von den Thorwalds verabschieden.«
   »Hoch mit dir. Nicht wir müssen miteinander sprechen. Jemand will uns etwas mitteilen.«
   »Wer?«
   Erasmus ließ ihn los. »Das wirst du gleich sehen. Bevor die ersten Sonnenstrahlen kommen, werden wir mehr wissen.«
   In aller Stille gingen sie los. Tobias warf einen letzten Blick über die Schulter. Auf das Feuer, die Pferde und den Wagen. Verdutzt gestand er sich ein, dass er gern nochmals in Elisabeths grüne Augen gesehen hätte.
   Etwa eine Stunde später befahl Erasmus eine Rast. Sie befanden sich nach wie vor im Wald, waren der Straße nicht direkt gefolgt, hatten sich aber an deren Richtung gehalten.
   »Weshalb eine Pause? Mir ist kalt, lass uns weitergehen.«
   Statt eine Antwort zu geben, ließ sich Erasmus auf dem kalten Waldboden nieder. Er begann, ein Feuer zu entfachen, flink und geübt. Ohne Schwefelholz oder Feuerstein, nur indem er Zweige aneinander rieb, die er unter seinem Hemd getragen und so getrocknet hatte.
   »Du machst ein Feuer? Was soll das? Erasmus, warum jetzt, warum hier?«
   »Halt den Mund und setz dich.«
   Ratlos hockte sich Tobias dem Alten gegenüber hin. Eine neue Welle von Müdigkeit schwappte über ihn hinweg. Die Erde war kalt. Selbst weiterhin durch diesen kahlen Wald zu gehen, wäre angenehmer, als hier herumzusitzen.
   Erasmus wühlte in seiner Tasche und hielt plötzlich die tote Krähe in den Händen, die Tobias längst vergessen hatte.
   »Nichts ist Zufall. Alles ist vorherbestimmt. Die Krähe will zu uns sprechen. Ich spüre es deutlich. Die Krähe weist den Weg.« Er verfiel in ein unverständliches Gemurmel.
   Mit einem Mal lag ein Messer in seiner Hand. Er trennte den Krähenkopf mit einem einzigen raschen Schnitt ab, verstaute ihn in seiner Jacke. Den toten Körper warf er ins Feuer. Er begann wieder zu murmeln, Fetzen seltsamer Worte, seine Stimme schien plötzlich eine andere zu werden.
   Unheimlicheres als sonst ging von dem Alten aus. Die Kälte, die sich in Tobias ausbreitete, kam nicht allein vom Boden.
   Erasmus zog seine Augenklappe herunter. Zum ersten Mal sah Tobias ihn ohne diesen schwarzen ovalen Schutz. Ein Anblick, der sich tief in sein Gedächtnis einbrannte. Das weiße Loch, in dem einst das Auge geruht haben musste, war tief und leer. Für einen sonderbaren Augenblick erschien es Tobias, als sähe er durch dieses Weiß hindurch bis ans Ende der Welt.
   Das Gemurmel des Alten, der stärker gewordene Wind und das eigenartige Licht aus züngelnden Flammen und gelbem Mond vermischten sich verstörend. Hinzu kam ein widerlich süßlicher Geruch, der von dem versengenden Krähenkörper ausströmte. Tobias starrte auf den Rumpf des Vogels, der in Sekunden zerfiel, sich mit einem Knistern auflöste.
   Als nichts mehr davon zu sehen war, begann Erasmus zu sprechen. Er hielt sein gesundes Auge geschlossen, die leere Augenhöhle wirkte unnatürlich groß. Kein konfuses Gemurmel, sondern klar verständliche Silben, die von der rauen Stimme zu Worten verschmolzen wurden. Tobias saß da, nichts wahrnehmend, weder Kälte, Gerüche noch Bilder, nur diese Stimme.
   »Ich sehe … ein Meer der Ewigkeit. Ich sehe ihn, den Mann mit den stechenden Augen, der Hakennase und dem Schnurrbart. Ich sehe ihn klar, inmitten dieses endlosen Meeres. Eine Wunde in seiner Brust. Sie blutet. Er ist nicht tot, er lebt, seine Augen zucken. Jemand nähert sich ihm. Es ist ein Junge mit blonden Haaren und blauen Augen. Der Junge, der kein Junge mehr ist, hält etwas in seiner Hand. Eine Waffe. Der Junge geht auf den Mann zu. Der Mann sieht ihn, erkennt ihn. Ich sehe sie deutlich. Der Mann lacht, und der Junge zielt mit der Waffe auf ihn. Er schießt, der Mann fällt. Er ist tot. Ich sehe, wie Wind das Meer wogen lässt. Ich sehe den Jungen, der kein Junge mehr ist. Ich sehe ihn, wie er da steht. Er blickt hinab auf den Toten. Um ihn herum tobt das grenzenlose Meer.«

*

Beinahe wie ein Trugbild entstand die Stadt am Horizont. Größer und breiter, als Tobias sie erwartet hatte, nahm sie Gestalt an, eine riesige dunkle Wand, mit spitzen Türmen und mächtigen Dächern, Gebäude so gewaltig wie manche Bergkuppe des Schwarzwalds.
   Es hatte geregnet, viele Stunden ohne Unterlass, manchmal war der Regen in Schnee übergegangen. Der Himmel klebte wie schmutzige graue Watte über der Stadt, nass und schwer, und die Luft war eine andere geworden. Kraftvoll umfing sie Tobias, sie kratzte rau an seinen Wangen, ließ seine Lippen rissig werden.
   Viele Tage waren sie unterwegs. Ihr Aufbruch schien eine Ewigkeit zurückzuliegen.
   Sie näherten sich den ersten Häusern. Tobias’ Herz schlug einen Trommelwirbel. Vor ein paar Tagen war ihm Freiburg groß vorgekommen und nun lag Hamburg vor ihm, als wäre es ein eigenes Land für sich. Die Masse aus Stein mit ihrem menschlichen Gewimmel wirkte zugleich anziehend und abschreckend, faszinierend und beängstigend.
   Je weiter sie in die Stadt vordrangen, desto verwirrender wurden die Eindrücke, die Tobias sammelte. Die Leute sahen anders aus, auch wenn er nicht sagen konnte, was sie von den Freiburgern auf dem Münsterplatz unterschied. Sie schienen sich anders zu bewegen und redeten mit eigenem Zungenschlag. Irgendwie lustig hörten sich die Stimmen an, als würden die einzelnen Wörter durch die Nasenlöcher gepresst.
   Mindestens ebenso verwirrend war für Tobias die Sicherheit, mit der Erasmus sie durch die Straßen führte, von einer engen Gasse zur nächsten wechselte, eine überfüllte Kreuzung nach der anderen überwand.
   »Du bist schon hier gewesen?« Tobias sah sich erstaunt um, während sie über nasses Kopfsteinpflaster gingen und erneut leichter Regen einsetzte.
   »Ich bin fast überall gewesen, von Preußen bis hinunter in die Wälder der Bayern, von Nord nach Süd, von West nach Ost. Ich kenne mich aus, mein Junge. Auch in Hamburg.«
   Tobias blieb stehen. Es war, als würde sich ein riesengroßer Vorhang öffnen, als würden die hoch emporragenden Bauwerke zur Seite treten. Sie gaben den Blick frei auf ein langes bleifarbenes Band aus Wasser, das sich in die Ferne erstreckte, weiter als das Auge zu sehen vermochte.
   Tobias war zu keiner Bewegung fähig, den Mund geöffnet, schaffte er es nicht, alles zu erfassen.
   Das Wasser, das alle Flüsse und Bäche des Schwarzwalds vergessen ließ, die vielen geschäftig umherschwirrenden Menschen raubten ihm den Atem. Ebenso die Schwärme der Seemöwen, die unzähligen, zum Verladen bereiten Kisten, die verblüffend großen, majestätisch wirkenden Schiffe, die mit mächtigen Tauen festgemacht waren und leicht hin und her schwankten, manche davon mit Segeln wie weiße Flügel.
   »Der Hamburger Hafen.« Erasmus begann, seine Pfeife zu stopfen.
   Tobias hatte es die Sprache verschlagen.
   »Und die Elbe, die zum Meer führt.«
   »Meine Güte.« Tobias suchte nach Worten.
   »Ich wollte dir diese Aussicht nicht verwehren, aber eigentlich müssen wir ganz woanders hin in dieser Stadt.«
   »Wohin?«
   »Ich kenne mich aus«, sagte der Alte erneut. »Und ich habe überall meine Quellen. Komm, es geht weiter.«
   Sie kehrten dem grauen Wasser den Rücken zu, tauchten von Neuem ein in das Labyrinth der Straßen, in die Schatten der Häuser, von denen viele aus roten Steinen gebaut worden waren.
   Eine beeindruckende Stadt. Tobias ließ aufmerksam den Blick kreisen. Eine verdammt kalte Stadt. Ihm fiel auf, dass sie durch keine gute Gegend kamen. Fäulnis lag in der Luft, Unrat auf dem Pflaster. Die Menschen, die ihnen entgegen kamen, starrten sie misstrauisch, mitunter feindselig an.
   Sie passierten etliche Kaschemmen, aus denen Schreie, lautes Gelächter und Qualmwolken nach draußen wehten. Ein Haufen verdorbener Fische war achtlos neben einem Eingang weggeworfen worden. Tobias’ Blick fiel auf eine tote Katze, die unter einem Haufen leerer löchriger Säcke lag.
   Eine Frau rief Erasmus und ihm aus einem Fenster ein paar Bemerkungen zu, die Tobias nicht verstand. Der Alte gab keine Antwort, sah sie nicht mal an. Ein Mann lag auf der Straße, sie mussten über ihn hinwegsteigen. Den Geruch des Schnarchenden kannte Tobias nach durchzechten Nächten von Johann von Kusterberg.
   Erasmus bog in einen Hinterhof ein, dicht gefolgt von Tobias, dessen Sinne wachsamer wurden. Der Alte öffnete das schief in den Angeln hängende Holztor eines schäbig und verlassen wirkenden, sehr breiten, aber nur einstöckigen Bauwerks mit flachem Dach.
   Sie traten in fast völlige Dunkelheit. Aus den wenigen winzigen Fensteröffnungen, deren Glas aus Splittern bestand, drang kaum das ohnehin grau getränkte Tageslicht ein. Stroh lag auf dem Boden, schulterhohe Holzwände teilten den großen Raum in viele kleine Zellen auf. Offensichtlich ein Pferdestall.
   Erasmus führte Tobias in die hinterste Ecke, zur letzten dieser vorgesehenen Zellen.
   »Was wollen wir hier, Erasmus?«
   »Wir? Nichts.« Der Einäugige sah sich misstrauisch um. »Du wirst hier auf mich warten. Ist nicht gerade ein Palast, aber zumindest müsstest du in Sicherheit sein. Ich kenne diesen Stall von früher, habe hier manche Nacht ungestört verbracht. Für gewöhnlich hält sich hier niemand auf.«
   Tobias schluckte. Die Bilder aus den Gassen, die hinter ihnen lagen, nahmen vor seinem inneren Auge Gestalt an. In Sicherheit? Hoffentlich. »Was hast du vor?«
   »Ich weiß, wo sich in dieser Stadt die Neuigkeiten am schnellsten herumsprechen. Abwarten, vielleicht wissen wir bald mehr über eine gewisse Gräfin. Und damit auch über dich.«
   »Ich muss dich wieder fragen: Du tust das alles nur für mich?«
   Der Blick aus dem grauen Auge lag auf Tobias. »Ich weiß nicht, warum ich das tue. Nicht für mich auf jeden Fall. Also wohl für dich. Vielleicht auch für Johann von Kusterberg. Ich glaube, er wäre dankbar, dass ich mich um dich kümmere.« Erasmus wirkte grübelnd. »Weshalb hat er dich damals in das Haus im Schwarzwald und zu seiner Bande gebracht? Jahrelang habe ich keinen Gedanken daran verschwendet, heute jedoch wüsste ich es allzu gern. Nun ja, womöglich sieht er uns zu, der legendäre Adler des Schwarzwalds. Sieht über unsere Schultern, bei jedem Schritt, den wir deinem Geheimnis näher kommen.«
   »Er sieht uns zu? Du meinst, vom Himmel aus?«
   Erasmus gab ein kurzes scharfes Lachen von sich. »Kusterberg im Himmel? Nein, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.«
   Damit verschwand er, dieser undurchschaubare Mann mit dem einen Auge. Tobias fühlte sich nicht wohl in dieser Fremde, die sich für ihn als nicht weniger undurchschaubar erwies.
   Unschlüssig sah er sich im Stall um, saugte die Luft ein, die aus Pferdegerüchen bestand. Er kauerte sich in der hintersten Pferdezelle auf den Boden.
   Um überhaupt etwas zu tun, kramte er aus einer Tasche Zwiebelringe hervor, die er aus dem Haus im Schwarzwald mitgebracht hatte. Gertrud hatte sie geröstet, getrocknet und in einem großen Steinkrug gelagert. Normalerweise aß er sie gern, doch in seiner Anspannung nahm er den Geschmack kaum wahr. Die Erinnerung an Gertrud hatte etwas Tröstliches. Für wen mochte sie gerade eine Mahlzeit zubereiten?
   Seine Gedanken wanderten zu einer anderen Frau, der mysteriösen Gräfin, die Johann von Kusterberg kaltblütig vom Leben in den Tod befördert hatte. Damit dachte Tobias unweigerlich an jene seltsame Zeremonie, die Erasmus in dem abgelegenen Kiefernwald durchgeführt hatte, als das kleine Feuer mit der toten Krähe herunterbrannte und ein neuer Tag heraufzog. Jene Zeremonie, die der Alte ehrfurchtsvoll eine Vision genannt hatte und die Tobias die schlimmste Gänsehaut seines Lebens beschert hatte.
   »Warum siehst du ein Meer?« Bestürzt und verwirrt hatte er in der Morgendämmerung Erasmus angestarrt. Der hatte mit klarem Auge seinen Blick erwidert und sich die Klappe übergestreift. »Wer ist der Mann mit dem Schnurrbart? Das kann nur Kusterberg sein, oder?«
   »Ich weiß es nicht. Möglich ist es.
   »Aber – Kusterberg ist tot. Was hat das zu bedeuten?«
   »Eine Vision ist kein Zeitungsbericht, mein Junge. Eine Vision ist eine Vision.«
   »Kannst du den Jungen genauer beschreiben? Blond, blauäugig. Ist das alles? Soll das etwa ich sein?«
   »Auch das ist möglich.«
   »Warum sollte ich auf Kusterberg schießen? Ich habe verhindert, dass die Dame ein zweites Mal auf ihn feuern konnte.«
   »Frag mir keine Löcher in den Bauch, verdammt.« Erasmus’ graues Auge hatte leer über ihn hinweg gespäht, irgendwohin im heller werdenden Wald. »Ich sage es dir noch einmal: Eine Vision ist eine Vision. Es kommt auf uns an, sie richtig zu deuten.«
   Das Piepsen umherstreifender Ratten holte Tobias zurück in die Gegenwart. Sein Blick fiel auf vertrocknete, wie versteinert wirkende Pferdeäpfel. Tief in seinem Inneren wüteten Fragen, die ihn seit jenem Augenblick nicht mehr losließen, als der sterbende Johann von Kusterberg ihm Wichtiges mitteilen wollte und vom Tod abgehalten wurde. Wer war er? Woher kam er? Warum hatte Kusterberg ihn damals aus dem Waisenhaus geholt? Was war sein Geheimnis?
   Ein Geräusch, diesmal nicht von Ratten verursacht, schreckte Tobias auf.
   Ein schlurfendes Geräusch. Jemand schien über den Hinterhof zu gehen. Erasmus?
   Das Ächzen des sich öffnenden Holztors, das gleich geschlossen wurde. Ein Husten.
   Tobias drückte sich fester in seine Ecke, versuchte, sich kleiner zu machen. Dieses Husten hatte nicht zu Erasmus gehört. Die Schrotflinte befand sich zerlegt in einer seiner beiden Taschen. Wie dumm er war.
   Wieder ein Husten. »Ach ja, geschafft, jetzt ein paar Stunden aufs Ohr gelegt, und dann …« Ein kurzes Kichern. »Und dann sehen wir weiter, altes Haus.«
   Offenbar ein Selbstgespräch. Die schlurfenden Schritte wurden deutlicher, kamen näher.
   Tobias hielt die Luft an, starrte gebannt auf die Holzwand der Pferdezelle.
   Ein Schatten schob sich am Ende der Wand vorbei, gefolgt von der hoch aufgeschossenen Gestalt eines Mannes, der wie angewurzelt stehen blieb. Ein Blick aus wässrigen Augen lag auf Tobias, der ohne zu atmen an dem Mann hinaufsah. Zerfetzte Schnürschuhe, löchrige Hosen, ein langer Mantel und eine einfache Mütze. Strähnig fiel das Haar in die Stirn und um die Ohren.
   »Sieh mal einer an, was haben wir denn da?«
   Tobias biss sich auf die Unterlippe.
   »Na, Kleiner, was machst du in meinem Versteck? Das kostet dich Miete, das ist dir doch klar, oder?« Ein neuerliches Kichern, das von einem weiteren Husten beendet wurde. Ein Holzstück lag in der Hand des Mannes, eine kurze, dicke Schlagwaffe. »Los, Kleiner, stülp deine Taschen um, sonst muss ich nachhelfen.«
   Tobias richtete seinen Oberkörper langsam auf. Als der Fremde erneut etwas sagen wollte, schoss er nach oben. Er raste los, zwischen der Stallwand und dem Mann hindurch. Der war davon offensichtlich nicht sonderlich überrascht. Tobias hatte ihn höchstens einen oder zwei Schritte hinter sich gelassen, als von seinem Hinterkopf ein Blitzschlag aus Schmerz ausging, der durch den gesamten Körper bis in die Zehenspitzen zuckte und sich in ein düsteres, stilles, tiefes Nichts verwandelte.

Kapitel 3
Das schlafende Ungeheuer

Viele verschiedene Eindrücke stürmten auf Tobias ein. Der strenge Geruch, wie er nur von Tieren stammen konnte. Die Kälte, die unter seine Haut kroch. Das Augenpaar, das ihn betrachtete, mit unnatürlich stechendem Blick, den er körperlich zu spüren schien.
   Diese Augen. Sie gehörten Kusterberg, konnten nur ihm gehören. Ihm oder der Gräfin, die an einem frühen Abend im Höllental hart durch ihren zarten Schleier geblickt hatte. Noch mehr Kälte, die seinen Körper umschloss, eine schwere, lähmende Nässe. Als die schwarzen Augen zu einem einzelnen grauen wurden, war Tobias wieder bei Bewusstsein.
   Er betrachtete die flache Holzdecke über sich, die Pferdezelle. Endlich begriff er, dass er den Schwarzwald weit hinter sich gelassen hatte, dass er in der Fremde war.
   Erasmus kniete neben ihm, drückte ihm einen mit Wasser getränkten Stoffballen auf den Kopf und zischte unverständliche Laute.
   Tobias lag auf dem Rücken, das Gesicht zur Seite gedreht, Beine und Arme von sich gestreckt. Im Hinterkopf pochte es, gleichmäßig, dumpf und schmerzhaft. Erst jetzt kam die Erinnerung an den Fremden. »Mein Schädel tut so weh.«
   »Sei froh, dass dein Köpfchen überhaupt noch auf den Schultern sitzt. Wenigstens blutet deine Wunde nicht mehr.«
   »Mir ist kalt.«
   »Kein Wunder, man hat dir die Jacke ausgezogen.«
   »Ein Mann, er war auf einmal da.«
   Der Schmerz blieb, doch Tobias fühlte sich langsam besser, aufnahmefähiger. Was es allerdings festzustellen gab, war ernüchternd.
   Der spurlos verschwundene Räuber hatte den prall mit Münzen gefüllten, im Jackenfutter versteckten Salzsack entdeckt. Deshalb hatte er Tobias die Jacke abgestreift.
   »Mein ganzes Geld.« Tobias wollte kein Junge sein, der weinte. Doch die Tränen waren zu stark, kullerten bereits an seinen Wangen herunter. Schniefend berichtete er Erasmus von seinem kleinen Schatz, der aus Johann von Kusterbergs erfolgreichen Beutezügen bestanden hatte. Auch die beiden Taschen, von denen eine die Schrotflinte enthielt, waren mitgenommen worden. »Ich habe nichts mehr.«
   »Besser er hat dein Geld genommen als dein Leben«, versuchte Erasmus, ihn zu beruhigen.
   Mit dem Ärmel wischte sich Tobias die Tränen aus dem Gesicht. Langsam setzte er sich auf, als ihm etwas einfiel. Seine Hand fuhr in den Schaft seines rechten Stiefels. »Die Brosche mit dem Bären«, erklärte er. »Nachdem wir in dem Wald dem Banditen begegnet waren, habe ich die Brosche nachts aus der Hemdtasche genommen und in meinen Socken geschoben. Verrückt, oder? Als hätte ich etwas geahnt. Wenigstens sie bleibt mir.«
   »Womöglich nicht so verrückt, wie es scheint. Du weißt, ich glaube nicht an Zufälle. Vielleicht ist das ein Zeichen.«
   »Ach was, wieso sollte das ein Zeichen sein?«
   »Vergiss nicht, die Brosche stammt von Kusterberg. Vielleicht ist sie bei dir geblieben, weil sie dir noch wertvolle Dienste leisten wird.«
   Sie saßen inzwischen nebeneinander an die Holzwand gelehnt.
   »Genau genommen stammt die Brosche von der Gräfin.«
   Erasmus nickte. »Richtig, unsere Gräfin. Sag mir noch mal, wie sie aussah.«
   »Das weißt du doch. Ich habe dir schon oft genug gesagt, dass sie schön war, dass sie dunkle funkelnde Augen hatte. Sie war eine … na ja, sie war keine gewöhnliche Frau.«
   »Aber sie hat keine Erinnerung bei dir ausgelöst? An die Zeit, bevor Kusterberg anscheinend ohne Grund in dein Leben getreten war?«
   »Das weißt du auch. Ich habe überhaupt keine Erinnerungen. Nur an die Bande und an das Haus im Schwarzwald.« Tobias forschte im Gesicht des Alten. »Wieso fragst du? Hast du Neuigkeiten über die schöne Frau?«
   Erasmus lachte leise. »Schön war sie, was? Schön wie eine Perle?«
   »Warum betonst du das so komisch?«
   »Pauline von Perl.«
   »Was?«
   »Hast du den Namen schon mal gehört?«
   »Nie.« Tobias betrachtete ihn aufmerksam. »Heißt sie so?«
   »Namen kann man abstreifen wie Kleidungsstücke«, antwortete Erasmus vieldeutig. »Sicher ist, dass eine Frau vor Kurzem in Hamburg aufgetaucht ist, die hier gut bekannt ist. In einer Kutsche, die von vier Schimmeln gezogen wurde. Eine offenbar reiche Frau. Eine überaus schöne Frau, wie man hört.«
   Tobias lauschte gebannt der leisen Stimme, das Pochen in seinem Kopf vergaß er.
   »Es würde mich wundern, wenn diese Dame nicht jene wäre, die wir suchen. Andererseits«, Erasmus hob die Hand, »sollte man sich niemals allzu sehr auf etwas verlassen. Vergiss nie, mein Junge: Das Leben ist der unberechenbarste Geschichtenerzähler.«
   »Weißt du, wo sie sich aufhält?«
   Der Einäugige schüttelte den Kopf. »Das nicht. Aber die Dame, die mit der Kutsche in der Stadt angekommen ist, besitzt ein Anwesen. Gräfin Pauline vor Perl. Unter diesem Namen ist sie ein Mitglied der feinen Hamburger Gesellschaft. Sie ist die Witwe eines Grafen, der Verbindungen zu wichtigen Adelshäusern hatte. Verbindungen nach Preußen und in deine Heimat, nach Baden.«
   Ohne ein Wort zu sagen, sah der Junge vor sich hin.
   »Also nicht unbedingt jemand«, fuhr Erasmus fort, »von dem man erwartet, so vortrefflich mit einer Handfeuerwaffe umgehen zu können.«
   Tobias blieb stumm.
   »Dieses Anwesen liegt außerhalb der Stadt.« Erasmus sah Tobias eindringlich an. »Angeblich nicht allzu weit.«
   Tobias richtete sich auf. »Und jetzt?«
   »Was schon. Wir werden diese Dame aufsuchen.«
   Tobias schluckte. Ihn erschreckte dieser Gedanke, obwohl sie deswegen aufgebrochen waren. »Was ist, wenn sie so stark bewacht wird wie auf der Fahrt durchs Höllental? Und was ist, wenn wir wirklich zu ihr vordringen können? Was, um alles in der Welt, sollen wir sie fragen? Denk daran, sie hat Kusterberg erschossen.«
   »Anscheinend hatte sie ihre Gründe.« Erasmus grinste ironisch.
   »Ich habe plötzlich so ein komisches Gefühl.« Ein kalter Schauder legte sich auf Tobias’ Schultern.
   »Dieses Gefühl nennt man Angst, mein Junge. Ich kann dich verstehen.«
   »Kannst du das wirklich? Aber ich nehme an, wir müssen trotzdem zu ihr, oder?«
   Erasmus nickte mit ernstem Blick. »Niemand kann seiner Bestimmung entfliehen.«

Ein Haus wie aus einem der Märchen, die Gertrud früher erzählt hatte, damit Tobias besser einschlafen konnte. Ein Haus wie aus einer anderen Welt. Leicht gepudert mit Schnee, umkränzt von Kieswegen und in geometrischen Mustern angeordneten Gartenanlagen, die im fahlen Herbstlicht kahl und trist dalagen. Es war aus rotem Stein gebaut, verschnörkelt mit Ecktürmchen, vielen runden Fenstern und einer großen Terrasse, die in ein Eingangsportal mündete und über das Statuen herrschten, vier Pferde, die Vorderhufe zum Sprung erhoben. Das Dach bestand aus schwarzen Ziegeln und zerteilte sich in viele Dächer, deren Spitzen in den grauen, tief hängenden Himmel zu stechen schienen.
   Nach einem gut zweistündigen Marsch, der Tobias dabei half, den Verlust seines Geldes zu verdauen, waren sie an diesem abgelegenen Fleckchen Erde angekommen, das Eleganz ebenso wie Einsamkeit ausstrahlte. Als wäre seit Wochen niemand hier gewesen.
   Während Tobias wartete, verborgen von Sträuchern, die sich ihr Blattwerk noch bewahrten, hatte Erasmus das Gebäude umrundet, sich näher herangeschlichen, um dann wieder bei ihm zu erscheinen. »Es gibt einen Hintereingang. Den nehmen wir uns vor.«
   »Sieht aber so aus, als wäre kein Mensch drinnen.«
   »Sieht in der Tat so aus, aber wir überprüfen das lieber. Vielleicht stoßen wir auf einen Hinweis, irgendeine Spur, die uns weiterhilft.«
   Tobias holte tief Luft. Mit weichen Knien folgte er dem Alten, der schnell und wendig in einem weiten Bogen das Gebäude umrundete, um geradewegs auf den erwähnten Hintereingang zuzugehen.
   Um sie herum herrschte eine tiefe Ruhe, abgesehen von dem leisen Rauschen des Windes. Nichts bewegte sich, kein einziger Vogel am Himmel.
   Eine Weile machte sich Erasmus am Schloss der Hintertür zu schaffen, behutsam, ohne Eile, dann gab er alle Vorsicht auf. Mit dem Ellbogen zerschlug er das dünne Glas, das einen Teil der oberen Türhälfte einnahm.
   Das Klirren ließ Tobias zusammenzucken. Was passierte, wenn sie die Gräfin wirklich fanden?
   Erasmus griff zwischen Glassplittern ins Innere. »Der Schlüssel steckt von innen.« Er öffnete die Tür. »Ich hatte ihn zuerst nicht bemerkt.«
   Nacheinander betraten sie das Haus. Kalte, abgestandene Luft empfing sie. Nachdem sie langsam einem dunklen Flur gefolgt waren, landeten sie in einer Küche mit Pfannen und Töpfen an der Wand, edel wirkendem Porzellangeschirr und hochstieligen Weingläsern in einem Buffet. Die Regale, Schubladen und Vorratsschränke waren leer.
   »Willst du ein Haus kennenlernen, beginne in der Küche«, sagte Erasmus. »Gertrud würde mir sicher recht geben.«
   Tobias schwieg. Nie war ihm eine Stille derart einnehmend und mächtig vorgekommen.
   Erasmus zog mit dem Zeigefinger eine Bahn durch den Staub auf dem leeren Küchentisch. »Hier hat lange keiner gekocht.«
   Die Leblosigkeit, die sie bereits von außen gespürt hatten, setzte sich in den Zimmern fort, die sie untersuchten. Eine Art Empfangsraum mit leeren Kleiderschränken, ein Wohnzimmer, eine Bibliothek mit unzähligen Büchern, Kammern – alles wirkte unbewohnt. Die Möbel des Wohnraums waren mit weißen Laken bedeckt worden. Überall Staub, dick und unberührt, in den Ecken Spinnweben.
   Dennoch war Tobias beeindruckt. Von den großen Mustern und sanften Farben der Tapeten, von den schweren Teppichen, in die seine abgelatschten Schuhe einsanken wie in Schwarzwälder Gras, von der Vornehmheit der Möbel. Nie hatte er Vergleichbares gesehen. Bloß davon gehört – bei den ausgelassenen Feiern der Bande nach besonders gelungenen Beutezügen.
   Eine breite Holztreppe führte sie nach oben, jeder Schritt, jede Stufe ein durchdringendes Quietschen. Tobias wagte kaum, zu atmen. Im ersten Stockwerk ein langer Flur, rechts und links die Türen zu den vielen Zimmern.
   »Nimm eine Seite«, wies Erasmus ihn an. »Ich nehme die andere.«
   Tobias betrat ein Zimmer nach dem anderen, jedes Mal mit Herzklopfen und dem gleichen Ergebnis: abgedeckte Möbel, Staub, Leblosigkeit. Erneut eine Bibliothek mit langen Bücherreihen, diesmal eine kleinere. Im nächsten Raum ein Doppelbett ohne Bettwäsche, geschlossene Fenster, die Vorhänge aus schweren dunklen Stoffen zugezogen.
   Er erreichte das letzte dieser toten Zimmer und wandte sich dann jenem Raum zu, den Erasmus betreten hatte. Ein rascher Blick in dem kleinen Kaminzimmer genügte – alles war hier anders. Angefangen mit dem Geruch, ein Duft, der ihn im Nu einhüllte. Keine Staubmäuse, sondern im Gegensatz zum Rest des Gebäudes eine große Unordnung. Kleidung wild verstreut auf Bett und Boden, ein kleiner Beistelltisch, überfüllt mit Weingläsern, in denen die letzten eingetrockneten Tropfen dunkelrot schimmerten. Gestapelte Teller mit Krümeln von Brot und Gebäck, abgenagte Apfelbutzen.
   Erasmus kniete vor dem Kamin, Arme, Schultern und Kopf in der rußgeschwärzten Öffnung verborgen.
   »Was tust du da?« Tobias achtete darauf, die Stimme nicht zu erheben.
   Das graue Auge kam zum Vorschein, finster und konzentriert. »Stell keine dummen Fragen. Sag mir lieber, ob sie das ist?« Der Alte deutete zur gegenüberliegenden Wand.
   Tobias drehte sich um. Das Gemälde nahm fast die gesamte Wandhöhe ein. Er starrte auf das Porträt jener Dame, die Tobias in einer Kutsche im Höllental zum ersten und bisher einzigen Mal gesehen hatte. Der Duft in seiner Nase schien intensiver zu werden – eine letzte Bestätigung. Es war der Geruch ihres Parfüms. »Ja, das ist sie.«
   Aufrecht stand sie da, in einem dunkelblauen, bodenlangen Kleid, den Arm angewinkelt, in der zarten Hand ein blütenweißes Rüschentuch. Ihr makellos schwarzes Haar war zu einem kunstvollen Turm hochgesteckt, die Wangen blass, das Kinn stolz ein wenig nach oben gereckt. Ihre Augen funkelten in demselben tiefen Schwarz wie ihre Haarpracht, als wären sie nicht gemalt, sondern lebendig, als würden sie in diesem verwirrenden Moment der Stille zurückstarren und ihn aufspießen.
   »Wahrhaftig, eine außergewöhnlich begehrenswerte Frau.« Erasmus stand auf und stopfte irgendetwas in seine Jackentaschen.
   Tobias war so gebannt von ihrem Abbild, dass er die Schritte beinahe überhörte. Erasmus packte ihn am Ärmel und zog ihn zu sich in eine Ecke des Zimmers, wo ein ausladender, mit Schnitzkunst verzierter Wandschrank sie notdürftig verdeckte.
   Die Schritte kamen näher, klackende Absätze auf den Dielen des Flurs.
   »Wir haben in jedes Zimmer gesehen.« Tobias flüsterte.
   Erasmus wies zur Decke. »Du musst lernen, besser aufzupassen. Er oder sie kommt vom Stockwerk über uns. Still jetzt!«
   Wieder die klackenden Geräusche. Ein Schatten fiel auf das teure Parkettholz des Bodens, das unter Seidenschals und Handschuhen, Spitzenwäsche, Schuhen und Hüten hindurchschimmerte.
   Tobias wagte keinen Atemzug. Die Luft staute sich in seinen Lungen. Sein Herz trommelte gegen die Brust.
   »Ach du lieber Gott, wenn diese hochwohlgeborenen Herrschaften nicht solche Schweinchen wären. Hier sieht’s ja aus wie …«
   Tobias erschrak heftig, als Erasmus hinter der Seitenwand des Schranks hervorsprang und sich auf den Mann stürzte, der sich nach den achtlos auf dem Boden verteilten Kleidungsstücken bückte.
   Der junge Mann, kaum älter als Tobias, der den Raum betreten hatte, wirkte reichlich verblüfft. Bleich seine Wangen, geweitet seine Augen, als Erasmus ihn in den Lauf von Johann von Kusterbergs alter Pistole starren ließ.
   »Nicht schießen.« Seine Blicke hüpften von Erasmus zu Tobias und zurück. »Ich werde euch nicht verraten, ich schwör’s. Ihr könnt alles mitnehmen, was ihr wollt.«
   Tobias trat neben den Alten. Er konnte sich gut vorstellen, wie beängstigend Erasmus auf den Mann wirkte.
   »Wer bist du?«, fragte Erasmus mit einer Stimme, die Tobias nicht kannte. Bösartig.
   »Ich bin ein Angestellter der Gräfin. Ihr müsst mir glauben: Ich werde nichts von euch sagen, kein Sterbenswörtchen über euch verlieren. Ich habe oben ein Nickerchen gemacht, in einem der Zimmer für die Bediensteten. Ich komme einmal die Woche hierher, um nach dem Rechten zu sehen und ein wenig aufzuräumen.«
   »Sonst noch Personal hier?«
   »Niemand ist hier. Sind alle vor Wochen entlassen worden. Ich verdiene mir etwas dazu. Die Gräfin ist ebenfalls seit vielen Wochen nicht hier gewesen. Vor ein paar Tagen war sie plötzlich wieder da. Sie hat nur dieses Zimmer benutzt, in dem wir gerade sind. Die übrigen Räume des Hauses wurden nicht mehr betreten.«
   »Wer ist sie denn, diese Gräfin?«
   »Die Witwe des Grafen von Perl. Er starb vor zwei Jahren. Seitdem ist die Gräfin nur für kurze Zeit hier gewesen, ansonsten war sie auf Reisen. Ihrem Mann gehörte dieses Anwesen, sie hat es von ihm geerbt. Er war ein sehr reicher Mann, Sie haben gewiss von ihm gehört. Sehen Sie sich um: Falls Sie auf große Beute aus sind – es gibt bestimmt einiges zu entdecken.«
   »Du bist zu großzügig, mein Freund«, sagte Erasmus mit spöttischem Zischen. »Übrigens, ich bin anderer Meinung. Wenn wir tatsächlich an Beute interessiert wären, hätten wir kaum Glück. Aber lassen wir das. Sag mir einfach, wann die Gräfin zuletzt hier war.«
   »Ich habe vor zwei Tagen mit ihr gesprochen. Hier in diesem Zimmer.«
   »Wo ist sie jetzt?«
   »Oh, in Hamburg. Sie bereitet eine Reise vor.«
   »Eine Reise? Mit der Kutsche?«
   »Ich glaube nicht. Diesmal scheint eine größere, längere Reise bevorzustehen. Sie hat mich angewiesen, ihr bevorzugtes Zimmer ordentlich aufzuräumen, das Gebäude abzuschließen und nicht mehr herzukommen, bis sie wieder erscheinen würde.«
   »Wann wird das sein?«
   »Das hat sie nicht gesagt. Doch es wird nicht allzu bald sein. Das ist alles, was ich weiß.«
   »Wirklich alles?« Noch eine Spur mehr Bösartigkeit, die in Erasmus’ Worten mitschwang. Hätte Tobias ihn nicht gekannt, wäre er ebenso ängstlich gewesen wie dieser Angestellte, der eifrig nickte.
   »Glauben Sie mir, mehr weiß ich nicht. Ich kenne die Gräfin kaum, ich bin zu der Stelle gekommen, weil meine Schwester früher ein Dienstmädchen des Grafen war.«
   »Wo genau in Hamburg?«
   »Bitte, was meinen Sie?«
   »Wo genau in Hamburg befindet sich die Gräfin?«
   »Das weiß ich nicht. Glauben Sie mir. Ich weiß nur, dass sie vorerst nicht mehr hier anzutreffen sein wird.«
   Erasmus senkte die Waffe und der junge Mann schnaufte vor Erleichterung auf. »Verschwinde, mein Freund.«
   »Verschwinden?« Verdutzt sah er wieder von dem Alten zu Tobias und zurück.
   »Hau einfach ab.«
   »Sehr gern, recht herzlichen Dank.« Der Mann eilte mit großen Schritten zur Tür. »Ich werde vergessen, Ihnen begegnet zu sein.« Er rannte die Treppe nach unten.
   »Vergiss es oder vergiss es nicht.« Erasmus murmelte vor sich hin. »Mich kümmert’s sowieso nicht.«
   »Wir hätten womöglich mehr von ihm erfahren können.« Tobias war überrascht, wie schnell Erasmus die Befragung gestoppt hatte.
   »Den Eindruck hatte ich nicht, aber wir haben dennoch mehr herausbekommen, als du denkst.«
   »Und was?«, fragte Tobias, von Neuem überrascht.
   »Später. Zunächst verschwinden wir von hier.«
   »Wir haben nicht alle Räume gesehen, wir könnten …«
   Erasmus drehte sich um und verließ das Zimmer. Tobias hob ratlos die Achseln, wechselte mit dem Abbild der Gräfin einen letzten Blick und folgte dem Alten hinaus aus diesem großen stillen Gebäude mit all dem Staub. Die Herbstluft empfing sie kalt und windig.
   Der Marsch zurück nach Hamburg verlief ähnlich schweigsam wie der Hinweg.
   Als sie die dunklen Dächer und Türme der Stadt sahen, wandte sich Tobias an den Alten. »Wann wirst du mir endlich mehr sagen?« Er sprach mit aller Bestimmtheit, die er aufbringen konnte.
   Erasmus hielt inne, sah ihn mit einem Zwinkern an. »Hört, hört, unser Kleiner versucht aufzumucken.«
   »Du weißt mehr, als du zugibst.«
   »Warum auf einmal so neugierig?«
   »Es geht um mich, Erasmus. Um meine Vergangenheit, mein Leben.«
   »Schön, dass dir das endlich klar wird.«
   »Es war mir von Anfang an klar.«
   »Daran hatte ich meine Zweifel. Aber gut, ich will dir glauben, mein Junge. Es ist wichtig, dass dir diese Tatsache allzu bewusst ist: Es geht um dich. Eine Ahnung sagt mir, dass du allein das Rätsel lösen kannst, dem wir auf der Spur sind. Dennoch muss ich dich enttäuschen. Ich weiß nicht mehr, als ich dir sage.«
   »Warum erzählst du mir nicht, was du dir in dem Zimmer in die Jacke gesteckt hast.«
   Erasmus antwortete mit einem lauten Lachen. »Sehr gut, mein Junge. Du bist aufmerksamer geworden, viel aufmerksamer als zu Beginn unserer Reise. Vor ein paar Tagen wäre dir das entgangen, da bin ich mir sicher.«
   »Also? Was war das?«
   »Hab Geduld, erst ins Warme, dann werden wir uns weiter unterhalten.«
   »Ins Warme? Ich hoffe, du meinst damit nicht diesen Pferdestall. Der war nämlich ziemlich kalt. Außerdem kennst nicht nur du ihn.«
   Erasmus grinste. »Ich kann mir nicht helfen, aber du veränderst dich. Kann es sein, dass du langsam ein Mann wirst? Du sprichst allmählich wie einer. Das musst du auch, du musst erwachsen werden, und zwar schnell.«
   »Du könntest mir eine Antwort geben.«
   »Wie der Herr wünschen. Den Pferdestall vergessen wir fürs Erste. Du warst nie in einem Gasthaus, oder?«
   »Das weißt du doch. Allerdings habe ich kein Geld.«
   »Ich habe ein paar Münzen. Mach dich also bereit. Eine bärenstarke heiße Mahlzeit wäre nicht schlecht. Anschließend sehen wir uns an, auf was ich im Kamin unserer Gräfin gestoßen bin.«
   Einige Zeit später, als die Dunkelheit sich über Hamburg senkte, saßen Tobias und Erasmus am hintersten Tisch des Walfischs. Das schwach beleuchtete Gasthaus befand sich in der Nähe des Hafens, in einer winzigen, mit Unrat übersäten Seitengasse, durch die giftige Nordwinde pfiffen.
   Seeleute bevölkerten die übrigen Tische, raue, laute Männer mit Wollmützen und Teerjacken. Einer spielte auf einer Ziehharmonika, andere würfelten, alle wirkten betrunken oder zumindest angeheitert. So fern der Schwarzwald auch war, das Bild im Walfisch erinnerte Tobias an die Zusammenkünfte der Kusterberg-Bande.
   Erasmus und er rückten in ihrer Ecke zusammen, ohne von den anderen Gästen beachtetet zu werden. Erasmus’ eigentümliche Erscheinung schien nicht sonderlich aufzufallen. Sie hatten sich mit gebratenem Fisch und Kartoffeln gestärkt und Erasmus hatte sich seine Pfeife angesteckt. Endlich kam der Moment, in dem der Einäugige sein Geheimnis lüftete. Gebannt starrte Tobias auf die Hand des Alten. Erasmus holte etwas aus der Jacke und legte sie gleich darauf auf die abgewetzte Tischplatte.
   Ein Haufen zerknüllter, an den Rändern angesengter Blätter und Papierfetzen kam zum Vorschein.
   »Das ist alles?«
   »Das ist alles.« Erasmus breitete die einzelnen Blätter behutsam aus, bevor er sie übereinanderlegte. »Jemand wollte da wohl einiges vernichten und hat sich nicht besonders sorgfältig angestellt. Wahrscheinlich war das Feuer im Kamin heruntergebrannt, als diese Papiere hineingeworfen wurden. So haben sie überlebt.«
   »Was steht darauf geschrieben?«
   Einen Teil der Blätter, die schwarz bedruckt waren und auf denen Tobias rote Stempel erkennen konnte, verstaute Erasmus achtlos in seiner Tasche.
   »Erasmus, was ist damit?«
   »Das sind Schuldverschreibungen.«
   Ein Begriff, den Tobias nie gehört hatte. »Was?«
   »Es geht offensichtlich um Aktien.«
   Ratlos blickte Tobias ihn an. »Was?«
   »Aktien sind Wertpapiere, etwas Ähnliches wie Geld, wenn du so willst. Anscheinend war unsere Gräfin am Aktienmarkt tätig. Vielleicht auch ihr Ehemann. Auf jeden Fall war sie nicht erfolgreich. Mein Gefühl sagt mir, dass sie nicht so reich ist, wie wir annahmen. Alles, was in diesem Haus außerhalb der Stadt auffindbar war, schien mir ohne großen Wert zu sein. Vielleicht abgesehen von einem Teil der Einrichtung.« Erasmus wirkte, als würde er mehr zu sich selbst sprechen. »Nein, wirklich wertvoll war nichts darin.«
   »Ich verstehe kein Wort.«
   »Auch ich durchschaue das alles nicht so ganz, mein Junge. Aber vielleicht sind diese offiziellen Papiere nicht entscheidend.« Er legte die Hand auf die anderen Blätter, die auf dem Tisch lagen und eigentlich nur aus Fetzen bestanden. »Wir haben ja noch diese hier.«
   Darauf waren keine Stempel, sondern mit schwarzer Tinte geschriebene Worte. Tobias wurde erneut bewusst, wie wenig er vom Leben wusste. Nicht mal lesen konnte er. »Was ist mit diesen Blättern?«
   »Keine offiziellen Papiere, sondern Briefe. Offenbar Ausschnitte davon. Leider sind die nicht nur zusammengeknüllt, sondern auch zerrissen worden. Vielleicht ist ein großer Teil davon verbrannt. Wer weiß.«
   »Von wem wurden sie geschrieben?«
   »Der Schrift nach zu urteilen von einer Frau. Ich werde dir daraus vorlesen. Einige Worte sind mir aufgefallen, deswegen habe ich sie mitgenommen.« Erasmus blinzelte in dem schwachen Licht. Es stammte von ein paar Öllampen, die man auf einige Tische und die Fensterbänke verteilt hatte. »Sperr deine Ohren auf, mein Junge.«
    Tobias ignorierte den Lärm der Seeleute, als Erasmus das erste Blatt nahm.

»… ich fühle mich so allein, alles in mir ist leer. Mir kommt es vor, als stünde ich an einem Abgrund. Ob ich ein Leben, wie ich es hatte, je wieder führen kann? Verflucht, ich bin verflucht, verflucht, verflucht. Wie unsere ganze Familie. Er allein trägt die Schuld daran. Er. Er. Er. Alles ist so …«

Erasmus ergriff den nächsten Papierfetzen. »Diese Zeilen hier scheinen später geschrieben worden zu sein. Möglicherweise erst vor Kurzem. Die Tinte sieht danach aus. Hör zu, mein Junge.« Es war unnötig, das zu sagen.
   Tobias lauschte ohnehin völlig gebannt.

»… ich habe es geschafft. Meine guten Beziehungen nach Preußen haben sich ausgezahlt. So habe ich keine teure Zugfahrt bezahlen müssen und mein letztes Geld blieb unangetastet. Die Reise in der Kutsche durch das ganze Land bis hinunter nach Freiburg war sehr beschwerlich, doch es hat sich gelohnt. Ich habe vollbracht, was ich vollbringen wollte. Vollbringen musste. Ich habe es nicht gern getan. Oder vielleicht doch. Verflucht fühle ich mich immer noch, allerdings auch erleichtert. Doch bevor es so weit war, habe ich Erkundigungen angestellt. Umsonst, wie sich herausstellte. Niemand hat je etwas von diesem Jungen gehört …«

Erasmus’ Blick lag für einen Moment auf Tobias, der sich mit der Zungenspitze über die Lippen fuhr. »Lies bitte weiter.«

»… Dann lief alles wie geplant. Ich habe Gerüchte gestreut, eine Falle vorbereitet. Als der große Augenblick kam und diese Falle zuschnappte, fiel mir auf einmal ein Junge auf. Er könnte dieser Junge sein. Seine blauen Augen, sein Blick. Er könnte es wirklich sein. Doch was aus ihm wird, das werde ich wohl nie erfahren. Alles, was ich weiß, ist, dass ich J. erschoss. Den Moment, als er in mein Gesicht blickte, als ich seine grenzenlose Verwunderung sah, diesen Moment werde ich nie vergessen. Dann habe ich ihm eine Kugel in den Leib gejagt. Trotz allem, was er getan hat, bin ich im Nachhinein selbst erschrocken darüber, wie leicht mir das fiel. Kurz bevor ich abdrückte, schimmerte etwas Eigenartiges in den Augen dieses Mannes auf. Als wäre er überhaupt nicht überrascht, sondern eher, als hätte er das Ende vorhergesehen, als hätte er beschlossen, sich in sein Schicksal zu fügen. Ausgerechnet der Junge verhinderte, dass ich nochmals auf J. schießen konnte. Aber ich bin sicher, dass das nicht mehr nötig war. Seine Leiche ist bislang nicht gefunden worden, aber ich sah, wo die Kugel eindrang. Er konnte das nicht überleben. Noch am selben Abend verschwand ich aus Freib…
   »Was bedeutet J?« Traurig erinnerte sich Tobias daran, wie Erasmus und er den toten Johann von Kusterberg am Abend nach dem Überfall unweit des einsamen Hauses begraben, wie sie dunkle feuchte Erde über sein geisterhaft weißes Gesicht geschüttet hatten.
   »J ist nichts weiter als ein Buchstabe. Er steht für Johann. Für Johann von Kusterberg.«
   Die Ziehharmonika am anderen Ende des Gastraums wurde lauter gespielt, einige Männer grölten dazu, ein paar andere gerieten in Streit. Der Alte und Tobias achteten nicht darauf.
   »Und mit Junge – bin ich damit gemeint?« Tobias betrachtete Erasmus und sah gleichzeitig durch ihn hindurch.
   »Das ist mehr als wahrscheinlich. Trotzdem scheint mir, dass unser Rätsel immer größer wird, anstatt kleiner.«
   Tobias versuchte die Stimme der Dame, so wie sie in seinem Gedächtnis klang, mit den vorgelesenen Worten in Einklang zu bringen. »Hat die Gräfin das geschrieben?«
   »Ich nehme es an, aber ich weiß nicht an wen oder für wen. Und ich habe nicht die geringste Ahnung, warum sie die Briefe in den Kamin geworfen hat. Das scheint keinerlei Sinn zu ergeben.« Erasmus schüttelte den Kopf und schob seine Augenklappe zurecht. »Hier ist noch ein Fetzen, der etwas hergibt.«

»… ich bin wieder hier, allein auf mich gestellt, hilflos. Meine Mittel sind bis auf diesen Rest erschöpft und erschöpft fühle ich mich auch. Diejenigen, die etwas gut bei mir haben, werden immer mehr, und diejenigen, die mir einen Gefallen schulden, werden immer weniger. Ich sehe nur noch einen einzigen Ausweg, eine allerletzte Chance. Nur einer von unserer unglückseligen Familie ist noch übrig, der mich unterstützen könnte. Ich werde alles daran setzen, ihn zu finden. Die Zweifel, ob es mir jemals gelingen wird, sind entmutigend groß. Alles hängt davon ab, ob ich den Absprung schaffe. Man hat mir versprochen, bis zuletzt eine Kabine für mich freizuhalten. Ich weiß nur noch nicht, ob das Geld reicht und ob ich …«

Tobias lehnte sich auf dem abgewetzten Stuhl zurück. Die Geräuschkulisse des Walfischs drängte sich in den Hintergrund. Die Einzelheiten, vorgetragen von Erasmus’ zischender Stimme, schwirrten in seinem Kopf umher. Er hatte das Gefühl, der Ratlosigkeit, die sich in ihm ausbreitete, niemals Herr werden zu können.
   Erasmus betrachtete Tobias abwägend. »Ich kann mir nicht helfen, mein Junge, aber als ich dich zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich nicht, dass wir jemals so viel Zeit miteinander verbringen würden. Du warst damals verschüchtert wie ein junges Reh, hast Johann von Kusterberg einen Krug Bier gebracht und kaum gewagt ihn anzusehen.«
   Tobias erwiderte nichts und Erasmus lachte. »Du fragst dich jetzt, wie es weitergehen soll, stimmt’s?«
   »Irgendwie frage ich mich alles und gar nichts.«
   »An der Geschichte über Kusterbergs adelige Herkunft scheint jedenfalls viel dran zu sein. Die Gräfin könnte uns einiges darüber erzählen. Wie passt du in das Bild? Das ist mir nach wie vor schleierhaft. Auch darüber weiß diese geheimnisvolle Dame gewiss mehr. Pech, dass wir sie in ihrer Villa nur um zwei Tage verpasst haben.« Das graue Auge des Alten verengte sich zu einem schmalen Schlitz. »Ich denke nicht, dass der ängstliche Lakai gelogen hat.«
   Tobias sah auf. »Wie meinst du das?«
   »Dass sie in genau diesem Augenblick irgendwo in der Stadt ist.«
   »Bloß wo?«
   »Richtig. Wo?« Erasmus blickte zur Decke, an der sich Tabaksqualm zu einer großen Wolke verdichtete. »Eine größere, längere Reise, hat der Bursche gesagt. Vielleicht sollte ich mich am Bahnhof und im Hafen umhören. Die Gräfin geht davon aus – falls dieses Geschreibe tatsächlich von ihr stammt –, dass man eine Kabine für sie freihält.«
   »Was ist eine Kabine?«
   »Möglicherweise genau der Anhaltspunkt, der dir und mir weiterhelfen könnte. Meinst du, du schaffst es, eine Nacht allein hier zu verbringen?«
   »Hier?« Tobias’ Blicke huschten durch den Walfisch, von einer dieser nicht gerade vertrauenerweckenden Gestalten zur nächsten. »Warum ausgerechnet hier?«
   Erasmus grinste, stand ohne ein weiteres Wort vom Tisch auf und begab sich an den Tresen, um mit dem Wirt zu sprechen, einem grobklotzigen Kerl mit grauem Backenbart, Lederschürze und Tätowierungen auf den entblößten Armen. Kurz darauf stand der Alte abermals am Tisch. »Du kannst in einem Zimmer unter dem Dach schlafen, musst es aber mit acht weiteren Männern teilen.«
   Tobias starrte Erasmus an.
   »Es gibt noch eine andere Möglichkeit.«
   »Kann ich nicht mit dir kommen?«
   »Nein, das geht nicht. Ich muss blitzschnell von hier nach da, muss diesen oder jenen Informanten treffen, muss der Krähe folgen.«
   »Der Krähe?«
   »Vergiss nie: Die Krähe weist den Weg.«
   »Was ist die andere Möglichkeit, von der du gesprochen hast?«
   Zufrieden nickte Erasmus. »Das ist eine gute Wahl. Nicht so teuer wie eine Schlafstelle in dem Zimmer unter dem Dach.«
   »Wahl? Ich habe meine Wahl noch nicht getroffen.«
   Erasmus grinste. »Komm, ich zeige dir, wo du die Nacht über bleiben wirst. Beim Morgengrauen bin ich zurück.«
   Die andere Möglichkeit entpuppte sich als Wandschrank mit angelehnter Doppeltür, der auf dem Flur im ersten Stock stand. Ausgesprochen groß für einen Schrank, jedoch ziemlich eng für ein Nachtquartier.
   Dennoch war Tobias erleichtert, die langen Stunden bis zum Morgen hier verbringen zu können. Allein, nicht mit irgendwelchen betrunkenen Matrosen. Der Lärm aus der Gaststube im Erdgeschoss hielt unvermindert an. Rufe, Gesänge, schallendes Gelächter, Drohungen und Beleidigungen. Aus dem Stockwerk über ihm drangen röhrende Schnarchlaute, wahrscheinlich aus dem Neunerzimmer, das ihm glücklicherweise erspart geblieben war. Es roch nach Fisch, gebraten, geräuchert, roh. Die Aromen des Hafens, der Geruch der öligen Mäntel der Seeleute stiegen in Tobias’ Nase. Der Duft der Schrankbretter erinnerte ihn an seine Kammer in dem Haus im Schwarzwald.
   Er zwang sich, nicht an die Gräfin zu denken, nicht an Kusterberg, nicht an all das, was in so kurzer Zeit über ihn hereingebrochen war. Es fiel Tobias schwer, in dieser unbequemen Enge einzuschlafen. Während er, gleichzeitig müde und hellwach, den Geräuschen der Hamburger Nacht lauschte, entstand ein Gesicht vor ihm, das er beinahe vergessen hatte, das ihn nun allerdings geradezu überfiel.
   Grüne Augen, rote Haare, eine Stola über den zierlichen Schultern. »Du bist ein komischer Vogel, Tobias Ohnenamen.«
   Er würde sie nie wieder sehen, da war er sich sicher. Gerade deswegen erschien es ihm wichtig, sich ihre Gesichtszüge, ihr Lächeln, ihre geschmeidige Art sich zu bewegen genau einzuprägen. Wie sie jedes Wort betonte.
   Elisabeth. Ihren Namen lautlos auf den Lippen, schlief er ein.

Ein dumpfer Schlag weckte Tobias. Seine Arme und Beine waren steif, die Zunge trocken. Er blinzelte gegen das grelle Licht an, das durch den Schlitz der Schranktüren auf ihn einstach.
   Eine der Türen schob sich auf und Erasmus’ graues Auge starrte ihn an. »Komm, Junge, genug geschlafen.«
   Langsam dämmerte ihm, dass nicht Sekunden, sondern Stunden vergangen waren. Der Flur war hell vom Tageslicht. Als er sich aus dem Schrank hervorwühlte, wurde ihm die Steifheit seiner Glieder noch bewusster. Er streckte die Arme aus und gähnte ausgiebig. Aus dem Gastraum drang kein Lärm mehr, nur Stille. »Es ist Morgen.«
   »Früher Morgen«, bestätigte Erasmus. »Allerdings vielleicht nicht früh genug. Na los, komm. Für dein wunderschönes Zimmer habe ich im Voraus bezahlt, wir können verschwinden.« Mit großen Schritten lief Erasmus den Flur hinab zur Treppe.
   »Warum hast du es so eilig?« Tobias erhielt keine Antwort, also schlüpfte er in die Jacke, die er nachts als Zudecke benutzt hatte, und folgte dem Alten. Als sie durch eine Seitentür des Walfischs in den Morgen traten, herrschte zum ersten Mal seit ihrem Eintreffen in Hamburg schönes Wetter.
   »Die Sonne«, sagte Tobias erstaunt. »Damit hatte ich nicht mehr gerechnet.«
   »Wer weiß, vielleicht ist sie das gute Zeichen, das wir nötig haben«, entgegnete Erasmus in seiner üblichen Vieldeutigkeit.
   Es war kühl, der mittlerweile vertraute Wind wehte durch die Straßen. Die Sonnenstrahlen wirkten belebend auf Tobias, der Mühe hatte, mit Erasmus Schritt zu halten. »Warum so eilig?«
   »Weil die Zeit drängt«, sagte Erasmus wenig aufschlussreich.
   »Wo hast du die Nacht verbracht?«
   »Hier und da und überall. Übrigens, ich habe jemanden gesehen, vor einer knappen Stunde, und ich muss dir recht geben.«
   »Mir? Wieso mir?«
   Sie folgten den verwinkelten Gassen, in denen so früh am Tag bereits Menschenmassen wimmelten.
   »Weil sie in der Tat atemberaubend schön ist. Genauso wie auf dem Gemälde in ihrem Haus.«
   Erstaunt sah Tobias ihn an. »Du hast die Gräfin gefunden? Wo? Und wie?«
   »Durch einen Zufall, aber du weißt ja, was ich von Zufällen halte. Auf jeden Fall hatte ich meine Suche beinahe aufgegeben und dann sah ich sie, ganz in Schwarz gekleidet.«
   »Wo?«
   Erasmus ging ein wenig schneller. »Dort, wohin wir beide jetzt gehen.«
   »Was machen wir dann?«
   Erasmus lachte freudlos auf. »Bist du bereit für eine große Herausforderung, mein Junge?«
   Tobias nahm tief Luft. »Das weiß ich nicht, solange ich die Herausforderung nicht kenne.«
   Noch eine Gasse, noch eine Straßenkreuzung, hindurch zwischen Pferdefuhrwerken und Fischhändlern, gestapelten Kisten und kläffenden Hunden, Marktfrauen und Matrosen. Die Luft wurde rauer, roch nach dem bleigrauen Band aus Wasser.
   Also waren sie auf dem Weg zum Hafen.
   »Was schließt du aus all den Worten, die ich gestern Abend vorgelesen habe?«, fragte Erasmus unvermittelt.
   Tobias überlegte einen Moment. »Wir hatten recht. Die Gräfin ist mit der Absicht in unsere Gegend gekommen, Kusterberg umzubringen. Sie weiß etwas über mich, das wir nicht wissen.«
   »Was denkst du noch?«
   »Ich vermute, dass sich die Gräfin in einer verzweifelten Lage befindet.«
   »Ja, danach sieht es aus.«
   »Und was denkst du?«
   »Vor allem, dass du von nun an vorsichtiger und aufmerksamer sein musst. Du bist ein gescheiter Junge. Verlass dich auf deinen Verstand.«
   »Das werde ich tun.« Was war hier los? Tobias wurde unsicher. Erasmus wirkte anders als sonst.
   »Aber nicht nur auf deinen Verstand. Erinnere dich an die Situation im Kiefernwald mit diesem armseligen Wegelagerer. Auge in Auge, jeder mit einem Gewehr. Wenn du wieder in so eine Sache hineingerätst, zögere nicht, zu schießen.«
   Tobias nickte stumm, endgültig verunsichert.
   »Diese Welt ist gefährlich, meine Junge. Du weißt nicht viel über sie, aber zumindest das müsste dir klar sein. Schließlich bist du unter Räubern aufgewachsen. Obwohl wir bei unserer langen Reise den Menschen aus dem Weg gegangen sind, haben wir zwei Überfälle erlebt. Den auf diese Familie und auf dich im Stall. Lerne daraus. Traue niemandem.« Erasmus nestelte an seiner Kleidung und hielt Tobias ein Papier vor die Augen, jedoch keines wie am Vorabend. Es war dicker, viereckig und mit blauen Schriftzeichen bedruckt.
   »Was ist das?«
   »Ein Passierschein in ein Abenteuer. Verlier ihn nicht, du wirst ihn nachher brauchen.« Er schob das Papier in die Innentasche von Tobias’ Jacke. »Ich muss dir noch etwas sagen, mein Junge. Auch wenn es nicht mehr als eine Andeutung ist.«
   Tobias verstand überhaupt nichts mehr. Er schwieg und blickte bei jedem Schritt ratlos auf das Kopfsteinpflaster.
   »Johann von Kusterberg ist dem wahren Bösen sehr nahe gekommen. Ich weiß nicht viel darüber, kann dir auch nicht mehr sagen. Aber merk es dir verdammt gut.«
   »Ich verstehe kein einziges Wort.«
   »Natürlich nicht. Irgendwann wirst du mehr verstehen. Womöglich mehr als ich. Hüte dich vor dem wahren Bösen. Hüte dich vor den Dämonen und folge immer der Krähe.«
   Sie erreichten den Hafen. Es war genau wie bei ihrer ersten Ankunft. Das Wasser zog die Blicke magnetisch an. Die Luft war feucht, Seemöwen schrien.
   Erasmus ging gezielt auf ein großes Schiff zu. Die Masse an Menschen wurde dichter. Nicht nur Seeleute waren hier, auch Familien mit Kindern, Männer in eleganten Anzügen, überall sah man Koffer, Truhen und Reisetaschen.
   »Die Phoenix.« Erasmus blieb stehen.
   Tobias heftete den Blick schweigend auf das Segelschiff, auf das Erasmus zeigte.
   »Du hast Glück, dass es ein deutsches Schiff ist und kein englisches. Die englischen haben einen schlechten Ruf. Schlimme Verpflegung, Besatzungen, die nicht ungefährlich sind.«
   »Glück? Wieso Glück?«
   »Weil du in wenigen Minuten mit der Phoenix in See stechen wirst.«
   Tobias hatte das Gefühl, als würde die Erde weich werden und ihn jeden Moment verschlucken. In seinem Bauch saß ein harter, schwerer Klumpen. »Ich will nicht auf diesen Fluss.«
   Erasmus lachte. »Ach, der Fluss. Du wirst sogar das Meer kennenlernen.«
   Mit dieser Ankündigung verlor die Phoenix ihre majestätische Ausstrahlung. Sie ragte mit ihren drei mächtigen Masten riesenhaft vor Tobias auf. Die Segel glichen nicht mehr Flügeln, sondern Waffen. Vor Tobias’ Augen verwandelte sie sich in ein schlafendes Ungeheuer, bedrohlich und unüberwindbar.
   »Aber …«, sagte er atemlos, »du wirst mitkommen, Erasmus, du wirst mich nicht allein lassen, oder?«
   »Doch, mein Junge. Du weißt, ich brauche festen Boden unter mir. Nicht mal in ein Ruderboot würde ich steigen. Außerdem: Hast du eine Ahnung, wie teuer die Karte für eine Überfahrt ist? Ich bin froh, dass das Geld wenigstens für einen von uns reichte.«
   »Du hast für mich bezahlt?«
   Erasmus grinste schmal. »Natürlich hatte ich für einen Platz auf dem Schiff nicht genügend Geld. Aber ich habe heute Morgen nicht nur die Gräfin gesehen. Ich bin außerdem jemand anderem begegnet. Jemandem, der uns überaus dankbar ist.«
   »Wem?« Tobias starrte ihn an. Die Welt war unvermittelt eine völlig andere und der Klumpen in seinem Bauch wurde größer.
   »Streng dein Köpfchen an, dann wirst du von allein draufkommen.« In der Hand des Alten lag Johann von Kusterbergs Pistole. Mit einer blitzschnellen Bewegung ließ er sie, genau wie zuvor das Papier, in der Jacke des Jungen verschwinden. »Sie ist alt, aber trotzdem verlässlich. Halte sie in Ehren. Und hoffe darauf, dass du sie nicht oft brauchen wirst.«
   »Erasmus …« Tobias’ Stimme verlor sich.
   »Hast du das Blut gesehen, das aus Kusterbergs Körper strömte, in jenem Augenblick, als er starb?«
   Tobias nickte.
   »Es war schwarz. Schwarzes Blut.« Der Alte wedelte mit einem Lappen vor Tobias’ Gesicht herum, einem weißen Stofftuch, das von schwarzroten Flecken verschmutzt war.
   »Was soll das?«
   Erasmus ließ das Tuch verschwinden. »Damit habe ich deine Kopfwunde gereinigt, als dieser miese Kerl dich bewusstlos geschlagen hat.«
   Tobias brachte kein Wort hervor.
   »Dein Blut war rot und plötzlich verfärbte es sich schwarz. Schwarze Tropfen, ein kleiner dünner schwarzer Bach. Genau wie bei Kusterberg. Hast du das vorher schon mal an dir bemerkt? Beim Nasenbluten oder einem Kratzer, bei irgendeiner Schramme, die du dir zugezogen hast?«
   »Nein, niemals«, flüsterte Tobias. Seine Augen wurden nass.
   »Nicht weinen, mein Junge.« Erasmus sah ihn an, durchdringender als je zuvor. »Ich würde dir gern sagen, was es mit dem Blut auf sich hat, aber es ist mir selbst nicht klar. ‚Verflucht, verflucht, verflucht‘, hat die Gräfin geschrieben. Glaube mir, das ist nicht einfach nur eine Phrase. Es ist ein Fingerzeig, der zu diesem schwarzen Blut führt.«
   Eine erste Träne bahnte sich ihren Weg über Tobias’ Wange. Er wollte etwas sagen, doch sein Mund war wie ausgetrocknet.
   »Noch eine Sache, bevor wir nie wieder miteinander sprechen werden. Erinnerst du dich an die Vision, die ich in der Nacht in dem Waldstück hatte? Du und Kusterberg inmitten dieses wogenden grenzenlosen Meeres? Ich weiß tatsächlich nicht, was sie bedeuten soll. Aber dass du dich jetzt auf das Wasser begeben wirst, zeigt mir, dass an ihr etwas Wahres ist. Sei vorsichtig. Behalte die Waffe in der Nähe deiner Hand.«
   Tobias schluckte, zu keiner Äußerung fähig.
   »Reihe dich jetzt in die Schlange ein. Wenn du dran bist, gib dem Mann mit der blauen Jacke deine Karte für die Überfahrt. Dann gehst du über diesen Holzweg hoch zum Schiff, so wie die anderen Reisenden es tun. Bleib einfach in der Schlange.«
   »Überfahrt? Wohin fährt dieses Schiff eigentlich?«
   »Nach Amerika, mein Junge.«
   »Amerika?« Ein Wort wie ein Donnerschlag.
   »Die Gräfin wird an Bord sein. Löse das Rätsel um die Gräfin und damit löst du das Rätsel deines Lebens. Sie hat auf dem Schiff eine der Kabinen. Du wirst gemeinsam mit vielen anderen in einem großen Raum unter Deck untergebracht sein, die billigste Möglichkeit, eine solche Reise zu machen. Deine Karte ist auf Tobias Freiburger ausgestellt. Ein anderer Nachname ist mir auf die Schnelle nicht eingefallen.«
   »Erasmus …«
   »Geh jetzt, mein Junge. Die Krähe weist den Weg.«

Tobias stand auf dem Deck der Phoenix. Mit einem tiefen Gefühl der Verlorenheit klebte er an der Reling, eingekeilt zwischen anderen Menschen, die ihren Angehörigen und Freunden auf dem Festland zuwinkten.
   Wind tobte, klatschte in Wellen gegen die Segel. Sein Blick lag auf Erasmus, unter dessen Schlapphut er die Klappe und das graue Auge auf die Entfernung kaum ausmachen konnte.
   Erasmus stand reglos inmitten der fremden, aufgeregt winkenden Menschen. Im Bruchteil eines Momentes war von der Gestalt des Alten nichts mehr zu sehen, als hätte sich dieser sonderbare Mann in Luft aufgelöst.

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