Um von der Raumstation Ennon zu fliehen, stehlen Adrian und Minkas ausgerechnet das Raumfahrzeug eines Starkochs. Die Automatik lässt sie direkt im Hangar des Kaiserhofs andocken. Sofort treffen die ersten Menübestellungen ein. Während Adrian den Hochadel mit Hausmannskost entzückt, verliebt sich Minkas in die Tochter eines Lords und steht eines Tages sogar dem Kaiser persönlich gegenüber. Doch dann verschwindet ein kostbares Schmuckstück. Unbekannte verüben ein Attentat auf den jungen Prinzen Anel von Hasfenion. Sofort verdächtigen die vollkommen zerstrittenen Geheimdienste die beiden neuen Köche. Und so finden sich Adrian und Minkas in einer Intrigenküche wieder, der sie nur lebend entkommen können, wenn sie die wahren Schuldigen überführen.

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ISBN: 978-9963-724-68-0

Seiten: 288

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B. C. Bolt

Beatrice Cecily Bolt hat sich durch ihre Kindheit gewissermaßen hindurchgelesen, bis sie mit 14 Jahren selbst zu schreiben begann. Inzwischen türmen sich auf ihrem Schreibtisch viele Manuskripte und es werden immer mehr. In einem anderen, parallelen Leben schlägt sie sich mit den Problemen herum, die Kinder und ihre Eltern mit unserem Bildungsystem haben können - zum Beispiel mit Leserechtschreibstörung, Rechenschwäche und anderen Lernschwierigkeiten.

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Leseprobe

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Kapitel 1 – Ins Unbekannte


Sie sprangen durch die kleine Öffnung in die blockierte Schleuse hinab. Ein Handschuh trieb in der Schwerelosigkeit. Wer immer ihn getragen hatte, musste längst ins weite All davongedriftet sein.
   Minkas benötigte all sein Können, um sich einen Durchgang zu erzwingen. Endlich gab die innere Schleusenluke nach. Er tastete sich vor Adrian in den dunklen Gang. Schon nach wenigen Schritten stolperte er über etwas Weiches, schaltete die Lampe ein und machte einen hastigen Satz nach hinten. Vor ihnen lag die Leiche eines Mannes, maskiert, bewaffnet, und ganz offensichtlich von Laserstrahlen getötet. Hässliche Schnitte hatten Haut und Fleisch freigelegt.
   »Ein Unfall scheint das nicht gewesen zu sein«, sagte Minkas über Funk.
   »Es gibt eben noch andere, die unbedingt auf den Planeten hinunterwollen. Die scheuen sich nicht, die Waffe zu gebrauchen.«
   Minkas betrachtete die Laserwunden und war froh um seinen alten, gebraucht gekauften, aber verspiegelten Raumanzug.
   »Wer immer die waren – sie haben nicht mit einer postaktiven Programmierung gerechnet.«
   Sie kletterten über den Toten hinweg und öffneten eine Schottverriegelung. Obwohl Minkas vorgewarnt war, erschrak er, als sie ins Sperrfeuer roter Strahlen gerieten. Nur dank ihrer veralteten Raumanzüge überstanden sie den Beschuss und konnten sich Richtung Steuerzentrale vorarbeiten.
   In der Kuppel stießen sie auf den toten Piloten – noch aufrecht in seinem Andrucksitz. Ganz in der Nähe lag ein zweiter Maskierter. Wie sein Komplize war er von Laserstrahlen unschön zerschnitten worden. Minkas gab sich den Rat, den Brechreiz auf keinen Fall über seine Vernunft siegen zu lassen, sonst würde er seinen Anzug von Hand reinigen müssen.
   »Zieh los«, sagte er. »Hol dir einen Hubwagen und schaff die Toten zu einer Schleuse. Ich helfe dir nachher, sie rauszukippen, aber ich muss zuerst dafür sorgen, dass uns die Programmierung nicht doch noch erwischt. Lass den Anzug an, bis ich dir Entwarnung gebe.«
   Adrian betrachtete den Toten und nickte lustlos.
   »Und beeil dich«, fügte er an. »Wir haben schätzungsweise eine halbe Stunde, dann tritt das Schiff in den Überwachungsbereich ein.«
   Adrian begann, den Raumpiraten in den Gang zu schleifen, was ihm sichtlich schwerfiel, denn er war schmächtig, jung und durch den Raumanzug behindert.
   Minkas hievte den Piloten von seinem Platz und quetschte sich zwischen die Armlehnen. Mit den behandschuhten Fingern drückte er ungelenk auf makellos polierten Touchpoints herum. Langsam reagierte das Schiff auf seine Kontaktversuche. Erleichtert begann er, Befehle einzugeben.
   Sie schafften es in letzter Minute.
   Minkas hatte sich aus seinem Anzug gewunden und eine violette Robe angelegt, das Teuerste und Eleganteste, was er auf Ennon hatte auftreiben können, und dazu schlichte, aber gute silberne Schuhe. Adrian, der aus noch ärmeren Verhältnissen stammte, trug seinen einzigen Anzug, einen matten Zweiteiler mit Kapuze.
   »Das wird‘s tun müssen«, sagte Minkas. »Hundert Jahre aus der Mode. Vielleicht ist es schon wieder in, wer weiß.«
   »Egal«, gab Adrian ungeduldig zurück. »Hauptsache, wir kommen endlich nach Essatin und können in irgendeinem Gully verschwinden, bevor einer merkt, dass wir nicht sind, wer wir sein sollten.«
   »Na, hoffentlich nicht ausgerechnet in einem Gully.« Minkas fuhr liebevoll über die Ärmel seiner Robe, die mit silbernen Fäden durchwirkt waren.
   Der Leitstrahl erfasste das Schiff. Es identifizierte sich automatisch und eine Stimme knisterte aus den Lautsprechern.
   »Sie sind spät, Henriette!«
   »Wir hatten Probleme mit einem Müllcontainer, der eine unserer Luken beschädigt hat.« Kollisionen mit Raummüll waren eine häufige Ursache für Probleme in der Umlaufbahn.
   »Verstehe, Henriette. Wir führen das Schiff jetzt durch die Kontrollen. Beachten Sie bitte, dass sich nichts Lebendiges außerhalb der Steuerkabine befinden darf.«
   »In Ordnung.« Minkas hatte sich selbst davon überzeugen dürfen, dass es auf der Henriette außer seinem Freund und ihm nichts mehr gab, was atmete.
   »Die scheinen aber ganz schön viel zu prüfen«, sagte er nach Ablauf von weiteren dreißig Minuten zu Adrian. »Hoffentlich ist das kein Schiff mit Schmuggelware.«
   Adrian zuckte die Achseln. Er kaute auf einem Energieriegel herum, der neben dem Piloten auf der Konsole gelegen hatte. Aber als sie weiter und weiter über den Leitstrahl gezogen wurden, begann es auch ihm unheimlich zu werden. »Die werden uns doch nicht gleich an eine Gefängnisschleuse leiten, oder?«, fragte er. »Der Hafen liegt jedenfalls längst hinter uns.«
   Dann sog es sie in eine weiße Parkbucht. Die Schleuse öffnete sich mit aufdringlichem Zischen. Ein cremefarbener Teppich wies die Richtung auf eine weitere Schleusentür.
   »O weh«, murmelte Minkas. »Was ist das?«
   »Vielleicht ein Hotel.«
   Notgedrungen schritten sie über den weichen Läufer, durchquerten die Tür und gelangten in eine schwarz und golden gehaltene Empfangshalle. Drei Leute warteten auf sie. Zwei verneigten sich.
   Der Dritte grüßte mit einer eleganten Geste. »Willkommen, Maître, herzlich willkommen! Schön, dass Sie zu uns gefunden haben. Ich bin Rial di Nidare, der Kämmerer. Zu meiner Linken Monsinoretta Galena, meine Assistentin, und zu meiner Rechten der Leiter der technischen Cocinerie. Wen haben Sie uns mitgebracht?«
   »Äh, das ist Adrian Koeg, mein … Assistent«, log Minkas eilig und fragte sich, was eine Cocinerie war.
   »Sie werden alles gerichtet finden, Maître. Sie können Ihren Wirkungskreis sofort besichtigen. Meine Assistentin führt Sie herum und ist auch Ihre erste Ansprechpartnerin für alle Wünsche.« Der Kämmerer runzelte ein wenig die Stirn. »Anfangs, so lautet meine Anweisung, mögen Sie sich ausruhen und klein beginnen. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, Maître. Vorerst beschicken Sie mit Ihren Leuten den table informelle.«
   Da er aussah, als erwartete er einen Wutausbruch, blinzelte Minkas hochmütig. »Ich bin niemand, der sich vordrängt.«
   »O, bitte, Maître!« Rial di Nidare riss die Arme hoch. »Nicht gekränkt sein. Glauben Sie mir, es war nicht meine Entscheidung – die Prewards …«
   »Schon gut«, erwiderte Minkas, den die Erwähnung der gefürchteten Spezialeinheit beinahe dazu gebracht hätte, sich umzudrehen und sofort irgendeinen Ausgang zu suchen, der ihnen noch die Flucht ermöglichen würde.
   »Ich bin sicher, alles wird wunderbar verlaufen«, flötete Rial di Nidare. Er schob die junge Frau nach vorn, die weiße Lackkleidung mit kleinen roten Wappen auf den Aufschlägen trug. »Monsinoretta Galena wird Ihnen jetzt alles zeigen.«
   »Ja, kommen Sie bitte, Maître D’ete.«
   Die Führung brachte Minkas aus der Fassung. Er nickte immer wieder, ohne ein Wort herauszubringen und sah Adrian sich ein paar Mal das Lachen verbeißen. Dann verneigte sich die junge Frau noch einmal und verließ sie.
   Minkas lehnte sich gegen eine abweisende Front aus Cerastahl. »Und jetzt? Was machen wir in einer Küche?«
   Adrian grinste. »Jetzt, Maître, würde ich mal in die Schränke sehen, damit du weißt, wo die Butter ist, falls der Erste sein Omelette bestellt.«
   »Ich kann nicht kochen«, knurrte Minkas. »Und worauf auch? Ich sehe keinen Herd.«
   »Da drüben«, erwiderte Adrian. »Sie hat es doch vorgeführt – ein Express-Cocinomat mit allen Funktionen außer Dauerwelle.«
   »Nichts wie raus aus diesem Laden«, zischte Minkas. »Da hinten sind die Notausgänge.«
   Sie durchquerten den beängstigend großen Raum, öffneten die rot gekennzeichnete Tür und liefen durch einen Gang. Dahinter empfingen sie zwei bewaffnete Wächter.
   »Aber, Maître«, sagte der eine mit forcierter Geduld. »Der Zugang zu Ihrer Suite ist auf der gegenüberliegenden Seite. Das ist einer der Notausgänge. Bitte, passen Sie zukünftig auf, das gibt einen Alarm und wir müssen endlose Formulare ausfüllen …«
   »Tut mir leid«, sagte Minkas. Sie kehrten in die riesige Küche zurück. »Und? Was machen wir? Das sind Prewards, die Spezialeinheit des Kaisers. Wo sind wir gelandet? Wie kommen wir hier raus?«
   »Könnte schwierig werden. Prewards gibt es nur im goldenen Quartier. Am Hof also. Hier kann man ganz bestimmt nicht einfach über eine Mauer klettern.«
   »Himmel und Unterwelt«, murmelte Minkas.
   Ein Mann in weißer Lackuniform trat aus einem Seitengang. »Seine Lordschaft würde gern eine Kostprobe Ihrer berühmten Kunst serviert bekommen, Maître D’ete«, sagte er nach einer kleinen Verneigung. »Nichts Aufwendiges nach Ihrer langen Reise von Xerxes. Drei Gänge, Wein, Dessert. Wie viele Assistenten soll ich Ihnen schicken? Wie viel Geschirr sollen wir bereitstellen? Darf der Kellermeister Seiner Lordschaft schon vorsprechen, damit die Weine aufs Menü abgestimmt werden können?«
   Minkas zwickte sich ins Kinn, fand aber trotzdem keine Antwort.
   »Schicken Sie den Kellermeister«, sagte Adrian an seiner Stelle. »Und keine Assistenten. Der Meister nimmt keine, die er nicht vorher handverlesen hat.«
   »Sehr wohl.«
   Der Fremde ging und Minkas atmete die krampfhaft angehaltene Luft aus. »Das war schnell reagiert«, lobte er. »Aber das rettet uns auch nicht lange. Was machen wir mit dem Kellerdingsbums?«
   »Horchen wir ihn aus«, riet Adrian. »Und dann koche ich eben, was meine Tante mir beigebracht hat. Drei Gänge – mal sehen. Spiegeleier mit Essigsoße, dazu Creme aus Gemüse. Dann Fleischimitat, fein geschnitten und frittiert. Und dann … hm, die haben hier bestimmt echtes Gemüse. Und als Nachtisch versunkenen Kuchen. Den habe ich tausendmal gemacht.«
   »Wetten, die haben hier kein Fleischimitat? Wetten, die haben hier nichts von dem, was wir kennen?«
   Adrian ging zur nächsten Lade und zog sie heraus. »Gemüse. Genau wie zu Hause.« Er nahm einen Kunststoffbeutel heraus. »Lin… Lingera. Was auch immer das ist.« Er stöberte in einigen anderen Fächern. »Hier, das sind Pilze. Die können wir schon mal rauslegen.«
   Minkas stand nur still am selben Platz. Ihn hatte vorerst jede Zuversicht verlassen. So stand er immer noch, als ein weißhaariger Mann auf ihn zukam.
   »Maître?«, fragte der Mann höflich.
   Minkas nickte kraftlos.
   »Ich bin Tinnel Oden, der Kellermeister Seiner Lordschaft.«
   Minkas nickte wieder, nicht weil er unhöflich oder abweisend wirken wollte, sondern weil er keine Worte fand.
   Der Weißhaarige verneigte sich leicht. »Was wird denn auf den Tisch kommen? Ich habe einen exzellenten Chablis von Tepgalo bekommen, den Seine Lordschaft noch nicht kosten konnte. Leichte Gewürznoten und insgesamt nicht zu kräftig …«
   »Pilze«, brachte Minkas heraus.
   »Oh, Pilze«, wiederholte der Kellermeister ohne Begeisterung. »Dann lieber den Drachengarten von 132, kräftig und herb mit einer erdigen Note, die mit den Pilzen zurechtkommen dürfte. Sind die Pilze Vorspeise?«
   »Ja«, sagte Adrian. »Der Meister dachte daran, Pilzspießchen zu machen. Mit Bauchspeck.«
   »Bauchspeck?« Dem Kellermeister blieb der Mund offen stehen.
   Adrian lächelte gewinnend. »Eine Spezialität.«
   Tinnel Oden bemühte sich um eine neutrale Miene. »Also den Drachengarten. Und was danach?«
   »Spiegeleier.«
   Oden verbarg seine Unkenntnis und nickte schnell. »Raffiniert. Dazu … äh, den Chablis?«
   »Warum nicht? Und danach etwas, das zu kross gebackenem Fleisch passt.«
   »Nun, da nehmen wir einen Grünen«, sagte der Kellermeister erleichtert. »Ein Verde 130, aus der Provinz Albassa, ein gedrungener Wein mit feiner Säure über einem stabilen Körper. Leicht über Zimmertemperatur dekantiert. Darf man fragen, was als Dessert vorgesehen ist?«
   »Da dachten wir mehr an einen guten Kaffee.«
   »Kaffee? Oh, nun, dann will ich dem Kaffeemeister Bescheid sagen. Was für ein Kuchen … nein, besser, er kommt selbst. Darf ich nach dem Essen einen Cognac vorsehen? Oder würde das …«
   »Das passt«, erwiderte Adrian freundlich. Nachdem der Kellermeister gegangen war, trat er Minkas fest gegen den Knöchel. »Komm zu dir, du Schlammwühle. Wir müssen hier ein paar Wunder vollbringen und du könntest wenigstens mit den Leuten reden, während ich koche.«
   Minkas nickte. »Kaffeemeister«, sagte er. »Haben die auch jemanden, der dir die Dusche temperiert?«
   »Dem Kaiser bestimmt. Und jetzt reiß dich zusammen.«

*

Am nächsten Morgen trat Rial neben Seine Majestät, den Kaiser der Hundert Republiken. Thanaton saß gerade beim Frühstück. »Majestät – Maître D’ete ist eingetroffen«, sagte er leise.
   Der Kaiser spießte das getrüffelte Brüstchen eines Babyperlhuhns auf und betrachtete es.
   »Das wurde Zeit«, sagte er. »Dieses Zeug hängt mir zum Hals heraus. Babyperlhuhn. Mehr fällt all meinen hochdekorierten Köchen nicht ein.« Anklagend wies er auf den Beistelltisch mit kleinen, glasierten Häppchen. »Möchte nicht wissen, was man noch alles mit Gelatine überziehen kann.« Er fixierte Rial. »Und wie ist der Maître? Ist er wirklich so ein enfant terrible? Tolle Garnituren?«
   Rial hüstelte und neigte sich noch ein wenig vor. »Gar keine Garnituren, Majestät. Purer Minimalismus. Seine Lordschaft war sprachlos. Der erste Gang bestand aus Pilzen mit Speck auf Spießen gebraten. Der zweite aus je drei nackten Spiegeleiern. Seine Lordschaft musste seinen Koch kommen lassen, um sich erklären zu lassen, was das ist. In die Pfanne gesetzt und einfach zu weißen Kreisen mit gelbem Mittelpunkt gebacken. Und nichts sonst. Salz und Paprika, glaube ich.«
   Thanaton lüpfte die Augenbrauen.
   »Wie ich andeutete: Minimalismus ohne jeden Schnickschnack«, sagte Rial.
   »Nun«, der Kaiser warf das Babyperlhuhnbrüstchen in den Tischeimer, »Lord Raden soll Euch auf dem Laufenden halten. In drei Tagen erwarte ich einen abschließenden Bericht. Bleibt unser junger Wilder der Kochkunst bis dahin seinem Stil treu, soll er mir einen Kaffeenachmittag für die Familie ausrichten.«
   »Sehr wohl, Majestät.« Rial entfernte sich gemessenen Schrittes von der kaiserlichen Tafel.

*

Adrian stand in der Küche und empfing Bewerber für den Posten eines Küchenhelfers. Er hatte schon rund dreißig Leute abgelehnt, die alle deutlich bewiesen hatten, dass sie sich in der kaiserlichen Küche bestens auskannten und alle Raffinessen beherrschten. Jetzt kamen die wenig aussichtsreichen Kandidaten, jedenfalls aus der Sicht der Monsinoretta, die die beiden jungen Leute mit einem verlegenen Heben der Schultern an der Tür vorgestellt hatte.
   »Name?«
   »Padrin, Meister.«
   »Küchenerfahrung?«, fragte Adrian.
   »Wenig.« Der Junge errötete. »Ehrlicher gesagt: Keine. Ich bin erst seit acht Tagen hier.«
   »Fein. Ich mag es, wenn einer ehrlich ist. Du fängst sofort an. Weißt du schon, wie man den Desinfektor benutzt?«
   »Ja, Meister.«
   »Dann räum das Geschirr ein. Und ich bin nicht der Meister. Adrian genügt.«
   Padrin nickte eifrig und eilte an der endlos langen Reihe der Geräte entlang bis zum Desinfektor. Dort sortierte er Töpfe ein, während Adrian mit der jungen Frau sprach, die als Letzte kam.
   »Name?«
   »Ell«, piepste sie.
   »Küchenerfahrung?«
   Sie blickte auf den Boden. »Keine, Meister.«
   »Gar keine?«, fragte Adrian freundlich.
   Sie schielte seitlich zu ihm auf. »Ich hab daheim gekocht. Für die Geschwister. Aber ich weiß, das zählt hier nicht. Ich könnte sauber machen.«
   »Was hast du denn gekocht?«
   »Molmer Pudding und Krapfen. Und Fadennudelsuppe mit F… Fisch …«
   »Gut.« Adrian lächelte ihr zu. »Du wirst meine Assistentin – Gemüse putzen, rühren und die Geräte holen, Einsätze montieren und was sonst so anfällt.«
   Ell küsste seine Hand, doch er schüttelte sie schnell ab. »Nicht doch. Das ist unhygienisch«, sagte er und drehte sich weg, damit sie seine Betroffenheit nicht sah. Das war also der Kaiserhof. Er fuhr sich über den Handrücken. »Kennst du noch jemanden wie dich hier? Jemanden, der richtig kochen kann – nicht wie die Leute am Hof?«
   »Mondran«, sagte Ell sofort. »Ich darf das eigentlich nicht verraten, aber er hatte eine Kneipe, also ein Speiserestaurant, im Bodino-Viertel.« Sie lief rot an, sicher, weil sie das Wort Kneipe gebraucht hatte. »Da hat er alles mit Fisch gemacht, weil es doch am Hafen ist.«
   »Dann hol mir diesen Mondran«, befahl Adrian und die junge Frau rannte auf die Tür zu, bevor er noch etwas sagen konnte.

*


   Minkas stand auf dem Balkon seiner Suite und starrte in den Nachthimmel. Er hatte sich ganz vorsichtig nach Fluchtmöglichkeiten umgesehen, aber keine entdeckt. Vielleicht konnte man einkaufen gehen? Köche kauften besondere Zutaten doch wohl selbst?
   »Was für ein Wahnsinn«, sagte er leise.
   Aber er gestand sich auch ein, dass er diese Suite vom ersten Moment an geliebt hatte – so groß, so … er fand keinen Ausdruck dafür. Die Suite sah aus wie etwas, das er aus interaktiven Spielen kannte. Taubenblau und Zartgrün, kombiniert mit Cremeweiß und dicken geflochtenen Schnüren, die von allem herabhingen. Lackkommoden. Eine Partikeldusche. Minkas grinste. Er hatte minutenlang herumprobiert, um Wasser aus diesem Duschkopf herauszubekommen, bis er begriffen hatte, was das war. Eine richtige Partikeldusche. Und er verfügte über einen echten Robo. Nicht so ein tumbes Ding, das nur den Dreck wegsaugte, sondern ein wirklicher Robo, der ihn mit Maître ansprach und ihm jeden Handgriff abnahm.
   Minkas umklammerte mit beiden Händen die vergoldete Geländerstange seiner Balustrade, als er plötzlich ein leises Schaben hörte. Ein Schatten stieg an der Wand auf. Ein Wandläufer mit seinem Reiter. Er kam von einem anderen Balkon auf ihn zu. Minkas starrte das Tier an. Er kannte Wandläufer bisher nur aus Animationsholos im Kino der Raumstation.
   Er sah sich nach einer Waffe um, dann war der Wandläufer schon bei ihm, taxierte ihn mit ausdruckslosen Echsenaugen und entblößte sichelförmige Zähne. Vom Sattel des geschmeidigen Tieres aus musterte ihn ein Mann mit dunkler Seidenmaske.
   »So, Meister D’ete«, sagte eine harte Stimme. »Ihr seid also wohlbehalten angekommen.«
   »Und?«
   »Es ist natürlich zu früh. Viel zu früh. Haltet die Augen offen und lernt die Wege kennen, auf denen alles von Saal zu Saal geht. Ich komme wieder auf Euch zu.«
   »Weswegen?«
   »Vorsichtig? Das ist gut.« Lautlos und blitzschnell eilte der Wandläufer die glatte Oberfläche wieder hinab und verschwand über die Brüstung eines anderen Balkons.
   Minkas ging zurück in seine Suite und stellte die Sicherheitsanlage auf wachsam.

*


   Reuben Penjin saß Lady Leonza auf der Dachterrasse gegenüber. Ihr kühler Charme und ihre Intelligenz hatten ihn sofort beeindruckt, als ihn Lord Raden vor vielen Jahren in seinen Sicherheitsdienst berufen hatte. Er war stolz darauf, sich inzwischen bis zur Spitze dieses Dienstes hinaufgearbeitet zu haben, auch wenn es Zeit und List erfordert hatte. Und natürlich die Protektion Ihrer Ladyschaft.
   Sie musterte ihn mit der Miene eines Menschen, der ohnehin alles wusste.
   »Etwas stimmt also nicht mit unserem guten Maître?«, fragte sie gelangweilt.
   »Nun, das ist wohl so. Wir haben uns das Schiff vorgenommen …«
   »Und?«
   »Auf den ersten Blick schien alles in Ordnung, aber wir fanden schnell Kampfspuren. Die Geschichte mit dem Müllcontainer ist schlicht erlogen. Die Geräte zeigten an mehreren Stellen Hämoglobin an. Es muss schnell gemacht worden sein, denn bei der Routineüberprüfung am Fyneman-Gürtel war noch alles in Ordnung. Keine Hinweise auf ein Eindringen oder Beschuss. Es ist also im Orbit passiert, denn da kam es zu der angeblichen Lukenbeschädigung durch den treibenden Container.«
   »Und was schließt du daraus?«, fragte Lady Leonza.
   »Man hat den Maître und seinen Assistenten gegen zwei Ersatzleute ausgetauscht. Zweifellos treiben gewisse Leute, über deren Pläne wir schon gesprochen haben, ihr Mordkomplott voran.«
   Ihre Ladyschaft lächelte. Ihre zart-rot geschminkten Lippen weiteten sich zu einem aparten Doppelbogen, dessen Anblick Reuben Schauder über den Rücken jagte. Er hatte sie bisher noch nicht oft lächeln sehen.
   »Das ist doch ausgezeichnet. Mein Mann ist von Maître D‘ete sehr beeindruckt. Das Skandalöseste, was er seit Jahren im Bereich der Kochkunst erlebt hat.« Ihr Mundwinkel zuckte kurz. »Sorge dafür, dass niemand sonst die Spuren im Schiff registriert, und ersetze deinen Bericht durch ein Routineexemplar!«
   »Wir sollen nichts unternehmen, Eure Ladyschaft?«
   »Weshalb denn? Der wilde Maître wird in keinem Fall versuchen, jemanden am table informelle zu vergiften. Er wird auch nicht sofort zuschlagen, denn solche Dinge benötigen Zeit und Vorbereitung. Du wirst dich darum kümmern, dass jeder Zweifel, der sich über diesen Mann erheben sollte, sofort zerstreut wird. Bis auf die beschädigte Luke darf nichts Auffälliges am Schiff zurückbleiben. Ganz egal, was diese beiden Männer vorhaben, wir werden es nutzen, um dich in der Hierarchie des Hofes noch weiter nach oben zu bringen.«
   »Sehr wohl, Eure Ladyschaft. Und was soll ich Seiner Lordschaft sagen?«
   »Sage, du habest alles einwandfrei vorgefunden. Sorge auch dafür, dass die Computeridentifikation entsprechend abgeändert wird. Herzog Attin könnte Bilder oder Gehirnwellenmuster abrufen. Als Sicherheitschef des inneren Hofes hätte er jedenfalls die Aufgabe.«
   Reuben nickte nachdenklich.
   »Es dürfte nicht schwer sein, ihn zu täuschen. Da nur ein Datenknoten den Palast versorgt, kann der Rest der Welt so viele Informationen über den Maître besitzen, wie er will – am Hof wird nur verfügbar sein, was das Filterprogramm durchlässt. Ich werde meinen Programmierer entsprechend anweisen. Er ist ebenso schnell wie zuverlässig. Das Schwerkraftfeld von Nuples sorgt ja ohnehin dafür, dass wir so gut wie keine brauchbaren Daten von Xerxes empfangen. Attin hat längst nicht mehr genügend Biss, um ernsthaft nachzuforschen. Er muss uns keine Sorgen machen.«
   Lady Leonza nickte Reuben großmütig zu. »Ich wusste, dass du mich auch diesmal nicht enttäuschen würdest.«
   Reuben verneigte sich tiefer als sonst und stieg wieder in den Sattel des Wandläufers, der ihn zur Terrasse hinaufgebracht hatte, und mit dem er ebenso unauffällig in die Reitställe Seiner Lordschaft zurückkehren würde.

*


   Wohlwollend betrachtete Hamilton die Strohkörbchen mit frisch gebackenem Brot und die Platten mit kaltem Braten, der fein aufgeschnitten und mit sauren Gürkchen umsteckt worden war. Die Butter stand in silbernen Eisschälchen bereit, die einen reizvollen Kontrast zum rustikalen Flechtwerk abgaben.
   Hamilton biss herzhaft ab und genoss die Konsistenz der ungewohnten Kruste. »Erfrischend originell. Mir scheint beinahe, dieses Brot ist mit irgendeinem ursprünglichen Verfahren hergestellt. Es schmeckt nicht nach dem üblichen Backaroma.«
   »Wie bemerkenswert.« Seine Frau Mia betrachtete die Stangen Roggenbaguette wie ein seltenes, aber möglicherweise gefährliches Tier, während der junge Earl Gonde genießerisch an einer Scheibe schnupperte.
   »Ein radikaler Küchenkünstler«, sagte er anerkennend. »Ich mag das.«
   »Da werden wir bald Eure Flotte mit beglücken müssen, so wie Sie schwärmen, mein lieber Warlord«, meinte der Earl.
   Hamilton nickte mit einem aufgesetzten Lächeln. »Seht, da kommt der nächste Gang!«
   Die Bediensteten rollten silberne Servierwagen herein. Unter den juwelengeschmückten Abdeckungen quoll ein nahrhafter, ländlicher Duft hervor. Der Koch Seiner Lordschaft hob eine davon an und versuchte offenbar zu identifizieren, was sich seinen Blicken bot. Er näherte sich Lord Raden respektvoll.
   »Ein Gemüse, Eure Lordschaft. Man nennt es Zucchini. Es ist schnell wachsend und wird hauptsächlich angebaut, um die ärmere Bevölkerung zu versorgen. Maître D’ete hat sie blanchieren, aushöhlen, mit fein zerkleinertem Bauchspeck und dem Fruchtfleisch füllen lassen, mit Tomatenjulie übergossen, mit Brotkrumen bestreut und dann überbacken.«
   »Hört sich superb an«, sagte Lord Raden. »Was haben wir für einen Wein?«
   »Einen Vulkanbrunnen, Jahrgang 131, Erzeugerabfüllung.«
   »Ich glaube, ich habe seit Jahren keinen so herzhaften Wein mehr im Glas gehabt«, sagte Seine Lordschaft zu seiner Gattin, die ihm zuprostete. »Und diese … wie heißen sie?«
   »Zucchini, mein Herz.«
   »Ah, diese Zucchini, die erinnern mich an unseren Jagdausflug nach Tepgalo. Erinnerst du dich?« Er kniff ihr zart in den Unterarm. Sie kicherte und Seine Lordschaft ließ sein Glas auffüllen.
   Als dritten Gang trugen die Bediensteten Schinken mit Melone auf. Das feine Aroma der Melonen sagte Hamilton ebenfalls zu. Es erinnerte an Honig. Er genoss es und folgte eher schweigend der Diskussion über die provozierenden Gerichte.
   »Aber das Zeug wuchert doch überall auf den Gartenmauern«, klagte Mia.
   »Köstlich«, sagte der Earl, und der Supervisor der kaiserlichen Gärten flüsterte seiner Frau ins Ohr: »Ganz schön schlau unser Maître. Das nenne ich preiswertes Kochen. Und natürlich stopfen sich alle Gartengehilfen täglich damit den Bauch voll. Das werde ich ihnen bald verbieten müssen.«
   Hamilton hatte seine Portion im Nu vom Teller geputzt und lächelte zufrieden, als der Nachtisch serviert wurde: Schokoladenpudding, noch warm und mit ein wenig Cognac begossen. »Ob sie davon wohl noch ein Schälchen in der Küche haben?«

*


   Minkas aß aus einer 2-Liter-Schüssel Schokoladenpudding, als der Koch seiner Lordschaft hereingestürmt kam.
   »Es ist eine Schande! Eine Frechheit ohnegleichen! Wie könnt Ihr es wagen, ordinäres Puddingpulver für ein Dessert zu verwenden, das Seiner Lordschaft vorgesetzt werden soll?«
   Minkas tunkte seinen Löffel ein. Er war entschlossen, aus der Not eine Tugend zu machen und Adrians Hausmannskost als Blüte einer überaus verfeinerten Gourmetschule zu verkaufen.
   »Was hätte ich denn nehmen sollen? Das Zeug, das ich hier vorgefunden habe?«
   »Vorsicht«, zischte der Koch. »Ich habe diese Küche mit allem bestücken lassen, was ein erstklassiger Profi benötigt, um für Feinschmecker wahre Köstlichkeiten zu zaubern. Und was macht Ihr? Das billigste Gemüse ist Euch gerade recht. Bauchspeck! Brot aus dem Ofen! Wisst Ihr denn nicht, dass solche Röststoffe krebserregend sein können?«
   »Meine nicht«, sagte Minkas und schluckte Pudding.
   Der Koch verlor noch mehr Farbe. »Wofür haltet Ihr Euch eigentlich?«
   Minkas leckte sich die Mundwinkel. Er stellte die Schüssel ab und näherte sich dem Koch mit hochmütigem Lächeln. »Ich? Ich will dir sagen, wer ich bin! Ich bin kein kleiner kriechender Lackaffe, der sich zu fein ist, seine manikürten Fingernägel zu beschmutzen, wenn er kocht. Ich brauche keine dreißig Gehilfen, um etwas auf den Tisch zu bringen. Ich fasse das Zeug an, drücke drauf, ob es frisch ist, und pule es nicht aus einer Vakuumverpackung. Mein Assistent hat mehr Können in den Enden seiner Küchenschürze, als du in deinem ganzen anämischen Schädel. Vielleicht solltest du mal etwas essen, das nicht aus einem Schockfroster kommt. Röststoffe? Du hirnlose Echse! Was ist denn in einem anständigen Kaffee? Oder filtert ihr das vorher auch noch heraus?«
   Der Koch, mit dem wohl niemals jemand in einem solchen Ton gesprochen hatte, drohte ohnmächtig zu werden und musste mit etwas Cognac wieder auf die Beine gebracht werden.
   »Nehmt es dem Maître nicht übel«, sagte Adrian mit schadenfroher Höflichkeit. »Er ist eben ein großer Mann.« Sein Lächeln drohte in ein hämisches Grinsen überzugehen. »So sind sie eben, die Genies.«
   Minkas machte sich mit noch mehr Eifer daran, die große Schüssel zu leeren.
   Als der Koch sich nach draußen geschleppt hatte, kam Ell vom Cocinomaten, wo sie Gemüse gedämpft hatte. »Die Gehilfen haben Angst vor ihm. Er ist sehr streng. Meister Gerard heißt er. Er ist der Oberkoch Seiner Lordschaft. Man sagt, er habe schon als ganz junger Beikoch hier angefangen und sich den Weg nach oben … na … freigeboxt.«
   »Ein mieser Typ«, ergänzte Padrin.
   »Eben durchschnittlich«, sagte Minkas und klatschte in die Hände. »Was machen wir morgen, Freunde? Ich möchte ein paar Vorschläge von euch.«

Kapitel 2 – Die Kaffeetafel


Rial betrat das Arbeitszimmer des Kaisers, trat zügig an Thanaton heran und beugte sich vor. »Gleichbleibend radikal«, sagte er. »Ich hörte, der Maître habe die wilden Melonen von der Mauer des alten Gartens holen lassen und sie Lord Raden mit Schinken serviert. Wild und süß, hieß es.«
   Der Kaiser sah unglücklich auf eine Diginotiz. Rial erkannte mit einem Seitenblick die sofortige Anweisung zu einem Eilverfahren.
   »Melonen? Haben wir da Melonen?«, fragte der Kaiser zerstreut.
   »Hunderte, Majestät.«
   Thanaton schrieb in seiner großen schwungvollen Schrift ein Memo an seinen Justizminister und reichte das Digital seinem ersten Sekretär, der es zur Stirn führte, ehe er es fortbrachte. »Melonen«, sagte er träumerisch. »Ich erinnere mich wieder. Als ich ein Junge war, Rial, da haben wir die herausgedreht und mit dem Messer aufgeschnitten. Der Saft klebte und war süß wie himmlischer Nektar. Wie uns die Erinnerungen an die Kindheit doch manchmal verloren gehen.«
   Rial lächelte. »Ja. Die Gehilfen pflücken sie nach einiger Zeit, damit sie nicht verfaulen, und werfen sie fort. Vielleicht essen sie sie auch heimlich.«
   »Lasst nach einer schönen Melone schicken und bringt sie mir! Und der Maître soll für morgen Nachmittag Punkt vier Uhr eine Kaffeetafel für die engste Familie ausrichten. Nur die Kaiserin, meine Kinder, Lady Tepdo und ich. Sage ihm, ich vertraue darauf, dass er sich einmalige Dinge ausdenkt.«
   »Ich werde ihn entsprechend anweisen, Majestät.«

*

Minkas saß vor der Computerstation, einem unglaublich luxuriösen Ding, das farblich auf das Mobiliar abgestimmt war, und das allein mit der Stimme gesteuert werden konnte. Das irritierte ihn immer wieder, denn er war es gewöhnt, einen Touchscreen zu benutzen.
   »Was sucht Ihr, Maître?«, erkundigte sich das Menü mit warmer Frauenstimme.
   »Den Sinn von allem«, witzelte Minkas.
   Der Computer betrachtete die Anfrage offenbar als ernst. Die wohlklingende Stimme bot ihm an, verschiedene Texte der Philosophischen Fakultät aufzurufen oder einen Gesprächspartner für ihn zu finden, der ähnlich tiefsinnige Fragen zu erörtern wünschte.
   »Vergiss das! Kannst du mir Informationen über die Strukturen bei Hof verschaffen? Was ist der table informelle? Solches Zeug.«
   »Selbstverständlich, Maître.«
   Bilder erschienen auf dem Schirm.
   »Der table informelle ist die Mittagstafel des Adels, der ständig bei Hofe weilt. So wird er genannt, weil er inoffiziell ins Leben gerufen wurde, als Kaiser Rinardon 112 aus Ersparnisgründen anordnete, der Kämmerer möge dem anwesenden Adel nur noch eine Mahlzeit pro Tag gewähren.«
   Ein Bild zeigte den Kaiser, ein anderes einen prunkvoll ausstaffierten Saal.
   »Lord Famel sammelte damals eine große Zahl unzufriedener Adliger zum Mittagsmahl und am table informelle wurde die berühmte Deklaration der Lords verfasst, in der die Abdankung des Kaisers zugunsten seines Sohnes Adelardin gefordert wurde.«
   Das hilfsbereite Programm blendete Portraits der Beteiligten auf.
   »Ihr werdet Euch erinnern, Maître, dass Kaiser Rinardon 113 auf Druck des Hochadels tatsächlich auf sein Amt verzichtete und es Adelardin übergab, der sieben Jahre auf dem Thron saß, bis er unter ungeklärten Umständen verschwand und für tot erklärt werden musste.«
   »Ich erinnere mich nicht«, sagte Minkas. Wie die meisten Bewohner der Station Ennon hatte er weniger über die Politik am Kaiserhof erfahren als Siedler weit entfernter Planeten.
   Dank der Stimmcodierung hörte man dem Computer keine Entrüstung an. »Schade, Maître. Ich darf sagen, dass die Herrschaft unseres glorreichen Kaisers Thanaton eine dunkle Epoche der Unterdrückung beendete und eine Zeit der Freiheit und des Wohlstandes einläutete.«
   »Klar«, murrte Minkas. »Ist ja auch überall im Reich zu spüren.«
   »So ist es«, gab die nette Stimme zurück.
   Minkas war froh, dass seine Ironie anscheinend unbemerkt geblieben war. Dem glorreichen Kaiser war zuzutrauen, dass er seine Untertanen vom Hofdatensystem belauschen ließ und Kritik höchst nachhaltig zum Schweigen gebracht werden würde.
   »Lord Famel behielt die Einrichtung des gemeinsamen Mittagsmahls bei. Auch heute werden dort politische Themen diskutiert. Natürlich hat Kaiser Thanaton sofort nach seiner Krönung verfügt, dass die Kosten für die Speisung des Adels an seinen Kämmerer weitergeleitet werden. 124 trat Lord Raden die Nachfolge seines Vaters an und führt den table informelle bis heute fort. Konnte ich Euch mit diesen Informationen weiterhelfen, Maître?«
   »Ja, danke.« Minkas schaltete ab. Er nahm den Lift der Bediensteten und fuhr bis ins Tiefgeschoss. Von dort aus gelangte man in zwei der achtzehn Gärten. Er sehnte sich nach ein wenig frischer Luft.
   Im zweiten Garten fand er sauber gezogene Gemüsebeete und kleine umfriedete Vierecke, die mit Kräutern bepflanzt waren. Es roch herb und nahrhaft. Minkas schlenderte an den Reihen entlang und bestaunte die Vielfalt, die sich bot. Er identifizierte kaum etwas von dem, was hier wuchs. Obwohl er es teilweise wohl nur nicht erkannte, weil es ihm lediglich aus Tüten und Verpackungen vertraut war. Er zog an einem grünen Büschel, das aus der Erde ragte, und an dem eine dreckige, orange Wurzel hing. Was aß man davon, das Grün oder den starkfarbigen Teil? Wahrscheinlich das Grün. Er probierte vorsichtig und entschied, dass er es ein wenig klein gehackt über Fleisch streuen könnte.
   Schuldbewusst, aber auch trotzig richtete er sich auf, als neben ihm Schuhe ins Blickfeld kamen.
   »Hallo.«
   »Hallo«, sagte die Frau.
   Sie trug einen blauen Pullover, eine grüne Hose und einen cremefarbenen Chiffonschal locker um den Hals. Die Farben seiner Suite. Vielleicht lag es daran, dass er sie als etwas betrachtete, das in seinen Lebensbereich gehörte. »Was für ein Garten ist das?«
   »Der Garten der medizinischen Hochschule TAV.«
   »Was heißt TAV?«
   »Nach Tradition des Planeten Verdissimo.«
   »Den Planeten gibt es doch nicht.«
   »Es ist ein virtueller Ort, den Perle Idemeneo geschaffen hat, um dort Pharmakologie und Phytotherapie zu lehren«, erklärte die junge Frau bereitwillig, machte ihn damit aber um keinen Deut klüger, denn er wusste nicht, was die Begriffe bedeuteten.
   »Ob ich wohl etwas von allem für die Küche haben könnte? Es riecht herrlich frisch und echt, nicht wie das Zeug in den Schubfächern da oben.«
   Sie lachte. »Wenn Perle es verschreibt. Aber ich glaube kaum, dass sie dem halben oder gar dem ganzen table informelle die kostbaren Lehrstücke verschreiben wird, obwohl einige der Gäste es wahrlich brauchen könnten. Ihr seid also der viel gerühmte Maître. Ja?«
   »Der viel geplagte Maître«, verbesserte Minkas mit mattem Lächeln. »Da oben finde ich nur schlaffes Zeug in Plastik. Aber wenn das hier praktisch Medizin ist …«
   Sie betrachtete ihn neugierig. »Wenn Ihr mir sagt, was Ihr kochen wollt, dann suche ich Euch ein paar gute Kräuter. Wie wäre das?«
   »Prima, wenn ich nicht ausgerechnet morgen backen würde. Der Kaiser möchte eine Kaffeetafel für sieben Personen. Da komme ich mit Kräutern nicht weiter.«
   Sie führte ihn zu den beschrifteten Beeten. »Da wäre ich nicht so sicher«, sagte sie augenzwinkernd. »Ich habe gelesen, früher habe man Rosmarin und Kräuterblüten über Torten gestreut und sogar Lavendeltörtchen zubereitet.« Sie pflückte einen dicken Strauß aus frischem Grün. »Damit könnt Ihr ein wenig experimentieren. Das liegt Euch doch.«
   »Oh, ja. Ich habe Abenteurerblut.« Minkas schnupperte an dem Bündel und fühlte sich fast berauscht von den vielfältigen Aromen. »Ich bringe das nach oben und denke ein bisschen nach. Vielen Dank für die Anregung und die Kräuter.«
   »Gern geschehen.«
   »Du bist ein wirklich knuffiges Orimoni, mein Herz«, sagte er und sie grinste. Er winkte ihr zu und lief zum Aufzug zurück. Wirklich, dieses Mädchen hatte die faszinierenden, dunklen Augen eines Orimoni, eines der flauschigen, aber nicht ganz ungefährlichen Tiere, die es auf Ennon gab. Er war sich ziemlich sicher, dass er nichts dagegen haben würde, dieses dunkeläugige Orimoni mit dem wundervoll glänzenden braunen Haar wiederzusehen. Nur zu dumm, dass er sie nicht nach ihrem Namen gefragt hatte.

Minkas blieb an diesem Abend lange in der Küche. Nur das kleine Licht am Cocinomaten brannte. Er verspürte ständig Angst, jemand könnte ihn bemerken und hereinkommen. Dann hätte dieser Jemand gesehen, wie der berühmte Maître hilflos zwischen dem Ausdruck eines Rezepts und den Zutaten hin und her lief und auch nach mehreren beherzten Versuchen nur jämmerliche, blasse, zusammengefallene oder verbrannte Ergebnisse vorzuweisen hatte. Ein Geruch nach allzu dunkel geratenem Gebäck waberte durch den großen Raum.
   Ihm war überaus mulmig zumute, als er die Aufreihung seiner Kunstwerke abschritt. Er spielte ein wenig am Küchencomputer herum und fand lange Anweisungen zur Herstellung von Büffets und schließlich Bilder. Mit einer Mischung aus Faszination und Entsetzen betrachtete er, was andere Köche vor ihm auf die kaiserlichen Tische gebracht hatten: Wunder, aus aufgetürmten Cremes, Schnitten, in der Form von Raumschiffen, Puddings, die das Reichswappen darstellten, Platten mit Leckereien, die zusammen einen Plan des Palastes ergaben … getrüffeltes Geflügel, ein ganzer Meerwels, drei Meter lang und in dieser stolzen Pracht hereingetragen. Beim Tranchieren erschienen im Bauch des großen Fisches Hunderte kleinerer, die filetiert und serviert wurden …
   Minkas wischte sich die schweißnasse Stirn. So ging das nicht weiter.
   Er fuhr mit dem Lift in die vierte Etage hinauf und drückte den Summer an Adrians Tür. Adrian brauchte fast eine Minute, bis er öffnete, wahrscheinlich, weil die Suite so unglaublich groß war.
   »Was ist?«, fragte er und ließ ihn eintreten. Offensichtlich hatte er noch nicht geschlafen. Er trug Hemd und Hose und seine Augen sahen hellwach aus. Zum Glück!
   Minkas warf sich in einen Sessel und lud all seine Frustration, seine Wut, seine Ängste vor Adrian ab, sein Entsetzen beim Anblick der üppigen Arrangements … »Die wissen längst, dass ich kein Koch bin. Die amüsieren sich nur irgendwie über uns. Das wird ein dickes Ende geben, ganz sicher.« Er strich über den schönen weichen Tiffany-Samt und fühlte sich elend und leer.
   Adrian brachte ihm einen Gin-Flip aus der Hausbar und legte sich wieder in den Schwingsessel. Rezepte flatterten zu Boden. Er wippte auf und ab. »Wie ist deine Suite?«
   »Toll«, knurrte Minkas. »Aber was hat das damit zu tun?«
   »Viel. Vielleicht möchtest du deine tolle Suite ja noch ein Weilchen genießen. Ich für meinen Teil habe nicht vor, jetzt wegzulaufen. Mann! Endlich habe ich einen richtigen Job. Nicht immer diese Sachen, die ein paar Tage laufen und dann bekommst du nicht mal dein Geld. Keine Liftschächte putzen, keine Raumschiffe desinfizieren, keine Kurierdienste, wo sie dir bei Ablieferung eine Laserpistole an die Stirn drücken.«
   »Wenn die uns auf die Schliche kommen, kostet es uns garantiert den Hals.«
   »Dann können wir immer noch abhauen. Außerdem malst du das alles viel zu schwarz. Wahrscheinlich werfen sie uns einfach raus.«
   »Da wäre ich mir nicht so sicher.« Minkas erzählte von seinem seltsamen abendlichen Besucher auf der Terrasse. »Wir werden in eine Verschwörung hineingezogen.«
   Adrians Sessel schwang stärker. »So?«
   »Was soll das heißen?«, fauchte Minkas.
   »Das war mir doch vom ersten Augenblick an klar, nachdem wir erst mal kapiert hatten, wo wir sind. Jeder ist hier in Sachen verwickelt. Wir haben die Wahl, uns verwickeln zu lassen oder selbst ein bisschen mit zu wickeln.«
   »Bist du total durchgedreht? Wie willst du mitmischen, wenn du nicht mal weißt, worum es geht?«
   »Das ist doch nicht schwer zu verstehen. Die einen wollen Kaiser Thanaton stürzen, umbringen oder was weiß ich. Die anderen halten ihm die Stange. Dazwischen gibt es Leute, die ihr Fähnchen drehen, wie es gerade passt.«
   »Und was wäre da dein Vorschlag?«, erkundigte sich Minkas.
   »Ganz einfach. Wir unterstützen den Kaiser, denn Macht bleibt Macht. Am Ende setzt er sich durch, weil er mehr Leute hat, weil er Spione hat und weil er Bewaffnete hat. Vielleicht werden wir sogar belohnt.«
   »Du bist ein Idiot!« Minkas stand auf. Das Glas stellte er auf den Teppich und ging zur Tür.
   »Ich bin kein Idiot«, rief ihm Adrian nach. »Ich werde das hier auskosten! Jede Sekunde! Wusstest du, dass ich kochen kann?«
   »Wusste ich nicht und glaube ich auch noch nicht«, sagte Minkas und zog die Tür hinter sich ins Schloss.

Gegen elf Uhr begab sich Minkas in Richtung Küche. Bereits im Gang duftete es köstlich nach Backwerk. Rasch schlüpfte er durch die Tür.
   »Ausgeschlafen?«, neckte ihn Adrian.
   Minkas betrachtete die beiden großen Blechkuchen, die auf dem Trockengitter standen. Ein süßer Geruch mischte sich mit den Backaromen und schwebte durch den Raum. Sein kleines Team musste bereits seit Stunden am Werkeln sein.
   »Kirschstreusel, Maître«, erklärte Adrian mit eindeutig falscher Unterwürfigkeit. »Mit heißer Aprikosenmarmelade verziert. Findet das Eure Zustimmung?«
   Minkas ging weiter. Neben dem Streuselkuchen waren acht Förmchen zum Auskühlen abgestellt worden.
   »Schokoladenpasteten, Meister.«
   Minkas betrachtete seinen Assistenten aus schmalen Augen. »Ist das alles?«
   »Nein, Maître.« Adrian zeigte ihm eine bestürzend große Menge Hefeteig. »Sie wird sich noch verdoppeln. Das hier werden kleine Plätzchen, die wir später mit Marmelade zusammensetzen. Und Padrin versucht sich an der Herstellung von Blätterteig. Mille foille, Tausend Blätter.« Adrian lächelte maliziös. »Ich hoffe, es ist Euch recht, Meister, dass ich dem Jungen die Chance gebe, diese Kunst von Grund auf zu erlernen. Ausrollen und immer wieder Ausrollen. Ich habe ihm nicht erlaubt, es die Maschine machen zu lassen.«
   »Gesunde Einstellung.« Minkas hätte nun doch beinahe gelacht. Er klopfte Padrin auf die Schulter. »Wacker, wacker, mein Sohn! Ohne Schweiß kein Preis!«
   Padrin warf sich mit noch mehr Eifer über das Nudelholz.
   »Das wird mal ein wahrer Koch«, sagte Adrian, nachdem sich Minkas mit ihm außer Hörweite zurückgezogen hatte. »Ein zähes, kluges Bürschchen. Ich lege ihm das Rezept hin und der holt sich methodisch alles zusammen, rapp-zapp hast du Schokoladenpasteten. Ich dachte, der Blätterteig wäre genau die richtige Herausforderung für ihn.«
   Minkas nickte. Er sah sich in der Küche um. Seine Küche. Ihm lief ein Schauder über den Rücken und er hätte nicht sagen können, ob es Unbehagen oder Abenteuerlust war, was dieses Kribbeln entlang der Wirbelsäule auslöste. »Alles gut und schön. Aber ich habe dir doch erzählt, was die hier so aufzufahren pflegen. Was machen wir da mit einem lumpigen Blechkuchen und ein paar kleinen, unscheinbaren Dingern? Wir brauchen riesige Torten, auf denen prächtige Feuerwerke abbrennen, oder vielleicht einen Kuchen, der wie der Palast aussieht.«
   »Brauchen wir das? Ich glaube nicht. Das kennen die doch schon in- und auswendig. Padrin hat mir erzählt, was sie sagen. Maître ist ein Wilder, einer der provoziert. Sparsamer Stil. Ungewöhnliche Geschmackserlebnisse.« Adrian grinste. »Die fanden es unheimlich spannend, ein Gemüse zu essen, das sonst den Leuten in den armen Vierteln die Vitaminversorgung sichern soll. Wenn wir dem Kaiser jetzt brennende Torten vorsetzen, ist er vielleicht enttäuscht.«
   »Von brennend habe ich nichts gesagt«, murrte Minkas. »Aber wenn du meinst, versuchen wir es eben mit Hausmannskost. Mehr als köpfen kann man uns nicht.«

*


   Rial verneigte sich vor der kaiserlichen Familie. Er war äußerst zufrieden mit sich. Mit großer Geste wies er auf die drei kleinen, schmucklosen Tische. »Die Kreationen des Maître D’ete. Um dem Geist der Präsentation entgegenzukommen, empfehle ich, dass sich Majestät und Hoheiten vom Büffet bedienen. Ich habe eigens Steingutgeschirr kommen lassen, das den rustikalen Charakter unterstreichen dürfte, und der Kaffeemeister hat sich für einen aromatischen, aber nicht zu starken Kaffee entschieden, der von Hand aufgebrüht wurde. Dazu steht Schlagsahne in Steingutkannen bereit.«
   Prinz Anel stand sofort auf. Seine Mutter tadelte ihn leise, aber er schüttelte ihre Hand ab. »Ich dachte, so funktioniert das. Meint Ihr, man könnte diesen Kuchen aus der Hand essen?«
   »Du musst nicht immer gleich übertreiben«, sagte die Kaiserin, aber sie erhob sich ebenfalls von ihrem gepolsterten Sitz und ließ sich von ihrem Ältesten, Genno, zu den Tischchen führen. Lady Tepdo wartete, bis der Kaiser aufstand, machte aber einen ungeduldigen Eindruck, weswegen er ihr den Arm bot.
   »Nun, Schwiegermama, neugierig?«
   »Natürlich«, sagte sie. »Ich habe mir alles über Euren neuen Koch erzählen lassen. Er soll nackt im Garten der Mediziner getanzt haben und was er mit den Küchenhilfen treibt, weiß wohl nur er allein. Ein Umstürzler. Ein Radikaler, der darauf besteht, dass man ihm richtige Eier bringt, wo ich schon bei Sindias Geburt konfektioniertes Ei benutzt habe. Das ist so viel hygienischer.«
   Rial verkniff sich das Augenrollen. Die alte Hexe Tepdo hatte doch immer etwas zu meckern. Der köstliche Duft des Gebäcks ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen, dennoch blieb er steif wie immer am kaiserlichen Frühstückssessel stehen, wie es gewisse Personen von ihm erwarteten. Er vermied den Blick auf die Kaiserinmutter.
   »Vielleicht war es das, Mama«, sagte die Kaiserin. Sie ließ sich von Genno ein großes Stück Nusszopf auf den Teller laden und krönte es selbst mit Schlagrahm.
   »Kinder«, zürnte ihre Mutter. »Sie wissen ja immer alles besser! Anel! Lege deiner Großmutter ein paar von diesen Plätzchen auf einen Teller!«
   »Ja, Lady Tepdo«, sagte er gehorsam, gab ihr das Gebäck und tat dann, was er angedroht hatte, er nahm den Kirschstreusel in die Hand und biss herzhaft ab.
   Kaiser Thanaton schob sich zwischen ihn und die gestrenge Großmutter. Anel lächelte seinem Vater komplizenhaft zu und nahm mit der freien Hand vom Rilla-Beeren-Kuchen. So ausgerüstet zog er sich auf seinen Platz zurück. Genno bediente sich gesittet, genau wie seine Schwester Hannadea. Der kleine Findus krampfte die Finger um eine Banane mit Schokoladenüberzug und wollte sie nicht mehr loslassen. Die Kaiserin hatte überall Schokolade und Buttercreme auf ihrem silbernen Schultertuch, bis es ihr gelang, die Banane aus dem energischen Griff der Kinderhand zu lösen.
   Rial ging zu ihr, verneigte sich und nahm ihr das Tuch ab. Rasch holte er die Amme, die Findus zum Waschen forttrug.
   Lady Tepdo sah entrüstet auf die entblößten Schultern ihrer Tochter und murmelte über ihrem Gebäck irgendwelche Klagen, die den Verfall von Sitte und Anstand zum Thema hatten.
   »Du siehst heute entzückend aus«, bemerkte der Kaiser an seine Frau gewandt und sie errötete. »Soll ich dir eins von den merkwürdigen runden Dingern mitbringen, die da drüben stehen?«
   »Gerne, Thana.«
   Wohl wegen dieser alten, lang nicht mehr gehörten Koseform des kaiserlichen Vornamens verschluckte sich Lady Tepdo so sehr, dass ihr Rial den Arm bot und sie nach draußen führte, wo ein Kammerdiener sich ihrer annahm. Rial kehrte in den Speisesaal zurück und schloss die Tür hinter sich.
   »Welch friedlicher Tag«, sagte der Kaiser. Er untersuchte das gigantische Blätterteig-Teilchen und förderte eine lecker aussehende Vanille-Creme zutage.
   Anel hatte sich noch ein Stück Kirsch-Streusel geholt. »Was für ein Kuchen! Ich hatte das labberige Zeug aus Biskuit und Mousse langsam satt bis oben hin und die Plätzchen von Meister Ethelden schmecken immer wie gepresstes Sägemehl.«
   »Du weißt doch gar nicht, wie Sägemehl schmeckt, mein Schatz«, sagte die Kaiserin und bohrte mutig die Gabelzinken in das vielschichtige Teilchen.
   Ein Diener kam in den Saal und flüsterte Rial etwas ins Ohr. Er verneigte sich vor Kaiser Thanaton. »Ihre Ladyschaft hat darauf bestanden, sich hinzulegen.«
   »Wie bedauerlich. Haben wir noch Kaffee, Rial? Setzt Euch auf den freien Platz und probiert dieses Etwas aus Luft und Creme.«
   »Danke, Majestät.«
   Wie gemütlich konnte es doch sein, sobald der alte Drache nicht mit am Tisch saß. Fürsorglich schenkte Rial zuerst allen Kaffee nach, dann sank er mit einem zufriedenen Gefühl auf den Stuhl neben Genno. »Hoheit«, sagte er und machte sich daran, den Künsten des Maître D’ete selbst auf den Grund zu gehen.


   Eine halbe Stunde später begab er sich in die Küche. Er winkte Minkas zu sich heran.
   »Maître. Die kaiserliche Familie war von Euren Kreationen angetan. Ihr sollt ab morgen die Frühstückstafel der Familie beschicken. Dazu wird meine Assistentin später noch Anweisungen geben. Ich wollte Euch selbst sagen, dass Ihr einen wichtigen Schritt getan habt, mein Freund. Der Kaiser lässt Euch nur daran erinnern, dass eine gewisse Kalorienzahl nicht dauerhaft überschritten werden sollte. Sonst entstehen hohe Kosten in der Schneiderei.« Er lachte, grüßte und verließ die Küche, um sich seinen Obliegenheiten im Arbeitszimmer des Kaisers zuzuwenden.

*


   Adrian verbeugte sich tief vor Minkas. »Ich wusste, Maître, Eure Kunst würde sich gegen alberne Windbeutelei durchsetzen.«
   Die drei Küchenhelfer glühten vor Stolz. Minkas klatschte in die Hände. »Ihr werdet ab morgen doppelt und dreifach arbeiten, ihr nichtswürdigen Faulenzer! Aber heute Abend habt ihr frei. Ich werde Helfer kommen lassen, die aufräumen. Ich befördere Padrin zum ersten Beikoch und Ell zur Dessertassistentin. Mondran wird Fischassistent. Für alles andere holen wir uns zusätzliches Personal. Uns stehen noch sechs Leute zu. Ich schätze, drei davon könnte ich bis morgen engagieren.«
   Padrin, Ell und Mondran stürzten auf ihn zu und er merkte, wie ihm die Hitze in die Wangen stieg, als sie ihm nun alle drei die Hand küssten. »Macht nicht so ein Theater«, knurrte er. »Ein höheres Amt bedeutet auch mehr Verantwortung.«
   »Wir werden alles tun, um Euch nicht zu enttäuschen, Maître«, sagte Padrin ernst und Adrian musste Cognac eingeflößt bekommen, damit sein Hustenanfall aufhörte.
   Minkas und Adrian zogen sich kurz darauf in die Suite zurück und tranken gemeinsam eine Flasche Champagner auf ihren Erfolg.
   Minkas hatte ihn einfach beim Kellermeister angefordert und die große Flasche war ihm widerspruchslos ausgehändigt worden.
   Adrian hielt sein Glas gegen das Licht. Es funkelte. »So lobe ich mir das Leben. Siehst du nun, du ängstlicher Bodenrobo, was man aus zwei Leuten machen kann, wenn man nur will?«
   »Mit ein bisschen Glück.« Minkas zwinkerte ihm zu. Kohlensäure bewegte sich angenehm durch seine Speiseröhre. »Komm, holen wir uns den Küchencognac!«
   »Warum nicht?«
   Kichernd und einander schubsend kramten sie in den Ausziehladen der Küche und entdeckten einen Trester, der verlockend scharf in ihre Nasen stieg.
   »Machen wir ihn platt«, sagte Minkas. »Wir können jederzeit neuen anfordern. Wenn ich denke, dass wir auf Ennon immer nur Bier gekriegt haben, da ist so ein Trester schon was anderes. Wie viel Prozent hat der?«
   »Hier steht 45.«
   »Dann lass uns mal sehen, wie der zischt!«

Nachdem Adrian zwei Stunden später davongewankt war, erbrach sich Minkas vor seiner Badezimmertür. Der Robo beseitigte die Bescherung ohne jeden Kommentar, aber Minkas fühlte sich beschämt. Er hätte am liebsten kalt geduscht, aber Partikelduschen erzeugten kein Temperaturempfinden. Also wusch er sich am Waschbecken Arme und Gesicht, putzte sich die Zähne und schlich in den nächtlichen Garten hinaus.
   Dort saß er unter dem Sternenhimmel und versuchte zu ergründen, ob es ein gnädiges oder ein bösartiges Geschick gewesen war, das ihn hierher verschlagen hatte. Im Dunkel zirpte es und die Wandläufer in den Ställen Seiner Lordschaft riefen brünstig in die Nacht. Ein violetter Schatten zog über die glänzenden Umrisse der Station Ennon. Oder war es Eluan? Minkas seufzte.
   Bekam er gerade Heimweh? Wonach sollte er sich sehnen? Nach Armut, Hunger und Schwierigkeiten? Das musste der Alkohol sein, der seinen Verstand vernebelte. So gut wie jetzt war es ihm seit Jahren nicht gegangen. Abgesehen von dem Kater, den er morgen sicherlich haben würde.
   Schritte knirschten auf Kies. Minkas fuhr leise von seinem Sitz auf und schlich geduckt an einem berankten Klettergerüst entlang. Etwas glänzte silbrig im Licht, das die Stationen von der Sonne herabspiegelten.
   Ganz bestimmt ein Messer!
   Er warf sich auf die schmale Gestalt und wollte auf die Hand schlagen, die die Waffe hielt, aber er hatte seine Geschwindigkeit anscheinend überschätzt. Etwas fuhr in seinen Unterarm. Stöhnend krampfte er die Finger über die Wunde. Gerade noch konnte er dem Gegner heftig in die Kniekehle treten. »Warte nur! Ich rufe die Prewards! Mal sehen, wie du mit denen klarkommst.«
   »Maître?«
   Minkas war sicher, dass er purpurrot anlief, auch wenn es zum Glück niemand sehen konnte. Das Orimoni!
   Das Licht einer kleinen Lampe blendete auf. Minkas sah sein Blut über seinen Arm rinnen und ließ sich auf das weiche Moos sinken. Neben ihm lag eine blutverschmierte Schere.
   »Es tut mir leid«, stammelte er. »Ich sah etwas blinken. Ich dachte, ein Attentäter schleicht herum oder ein Dieb oder … Habe ich dir sehr wehgetan?«
   »Nein. Bleib hier sitzen! Ich hole Verbandszeug aus der Pagode.«
   »Meinetwegen«, murmelte er. Peinlicherweise würde er gleich ohnmächtig werden. Das fühlte er. Die Schere hatte seinen Arm fast durchbohrt und Blut lief reichlich.
   Freundliche Finger drückten ihm etwas in die Halsgrube. Ihm wurde noch einmal richtig übel, dann ging es ihm plötzlich besser.
   Die junge Frau säuberte die Verletzung, setzte Nadeln an zwei Stellen am Oberarm, die dort stecken blieben und geisterhaft leuchteten. Der Schmerz verschwand augenblicklich. Sie nahm ein kleines, surrendes Gerät und verschloss die Wunde. Das dauerte einige Minuten und Minkas merkte, wie er darüber einnickte.
   »Bleib liegen«, riet sie ihm, als sie das Gerät wieder in den Notfallkasten zurücklegte. »Dein Kreislauf benötigt Erholungszeit.«
   Im Schein der kleinen Lampe sah sie noch mehr wie ein Orimoni aus. Oder er bildete es sich ein. »Tut mir leid«, wiederholte er. »Tut mir leid.«
   »Es tut mir leid. Hier muss man immer auf Attentäter gefasst sein. Ich habe eine Nahkampfausbildung.«
   »Habe ich gemerkt«, sagte er wütend auf sich, weil er es immer noch nicht schaffte, aufzustehen. »Was machst du im Garten, wenn es so gefährlich ist?«
   »So gefährlich ist es auch wieder nicht. Ich wollte bestimmte Kräuter pflücken, die nachts besonders viele Wirkstoffe enthalten. Außerdem laufen hier nachts eigentlich keine Leute herum.«
   »Außer vielleicht Attentäter«, brummte Minkas. »Es wäre besser, wenn du einen Mann schicken würdest, um deine Kräuter zu besorgen.«
   »Ja, ja.«
   »Bitte«, beharrte Minkas. »Eben hast du es ja gesehen. Es geht so schnell!«
   Sie lachte. »Schnell war nur der Stich in deinen Arm. Womit rührst du morgen deine Cremes, großer Meister?«
   »Ich habe Mitarbeiter«, erwiderte er mit dem letzten Rest Würde, die er aufzubringen vermochte.
   »Ein paar Spülgehilfen. Ich habe mich informiert. Du bist ein kleiner Hochstapler, mein guter Maître.«
   »Dem Kaiser hat’s geschmeckt«, gab er leicht beleidigt zurück.
   »Das habe ich auch gehört.«
   »Sagst du mir, wie du heißt?«, fragte Minkas, als er den Schmerz zurückkehren spürte.
   »Elongata. Und nicht Orimoni. Habe ich etwa Hasenzähnchen?«
   Minkas verkniff sich das Grinsen. »Lass sehen!«
   Sie zeigte ihm die Zähne.
   »Na, schön, keine Hasenzähne«, gab er zu. Es war äußerst angenehm, ihr so nahe zu sein. »Aber du hast Orimoni-Augen. Dunkel und geheimnisvoll. Und beißen kannst du auch.«
   »Sehr wohl, Maître. So, und jetzt helfe ich dem großen Meister der luftgefüllten Gebäcke zurück in seine Suite. Sonst wird ein Kaiser böse auf mich.«