Alice tut alles, um ein möglichst normales Leben zu führen. Sie engagiert sich ehrenamtlich in einem Jugendzentrum und möchte nach ihrem Studienabschluss in der Kunsttherapie arbeiten. Doch was niemand über sie weiß: Ihr fehlt die Erinnerung an drei Jahre ihres Lebens – ihre Jugendzeit. Auf der Suche nach ihrer Vergangenheit stößt sie überall auf Schweigen. Sie ahnt, dass sie an etwas rührt, das für immer im Dunkel bleiben sollte – und je mehr sie herausfindet, desto mehr zweifelt sie an sich selbst. Ist sie wirklich die, die sie zu sein glaubt?

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ISBN: 978-9925-33-221-2

Seiten: 355

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Anne Mehlhorn

Anne Mehlhorn
Anne Mehlhorn, Jahrgang 1990, wuchs im Erzgebirge auf und studierte an der HTWK Leipzig erfolgreich Verlagsmanagement und Informatik. Inzwischen arbeitet sie als Softwareentwicklerin für eine Cybersecurity-Firma. 2013 erschien ihr Verlagsdebüt „Die Seele des Stachelschweins“. Seitdem hat sie mehrere Kurzgeschichten aus dem Krimi-Genre in Anthologien veröffentlicht. Sie liest regelmäßig im Raum Leipzig, u. a. auf der Leipziger Buchmesse.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Am liebsten würde sie sich die Hände auf die Ohren schlagen, die Augen schließen und weglaufen, doch sie ist wie erstarrt, kann keinen Muskel rühren.
   Stöhnend saugt er nach Luft. Ein Gurgeln dringt aus seiner Kehle. Im Lichtkegel der Taschenlampe schimmern seine Lippen bläulich.
   Er hustet, und ein Schwall Blut ergießt sich über sein Kinn. Leuchtendes Rot auf weißgrauer Haut. Erst dieser Anblick zerfetzt die Leere in ihrem Kopf, und ihr wird plötzlich klar, dass sie einem Menschen beim Sterben zusieht.

Kapitel 1
Im schwarzen Zug

In wenigen Minuten würde das Jugendzentrum schließen. Hefte, Bücher, Stifte, und Papiere lagen übereinandergestapelt am Rand der Arbeitsflächen, die Stühle waren ordentlich zusammengeschoben. Nichts erinnerte mehr an die aufgeregten Stimmen, das Lachen, Schreien und Plappern, das noch vor einer Stunde alle Räume erfüllt hatte.
   Schweigend beobachtete Alice den Jungen, der ihr gegenübersaß und wie hypnotisiert mit dem Pinsel über das ausgebreitete Blatt strich. Er saß so tief über den Tisch gebeugt, dass seine Nasenspitze beinahe die feucht schimmernde Oberfläche des Papiers berührte. Seine dunklen Locken hingen ihm in die Stirn und verbargen den Ausdruck in seinen Augen. Er hob den Pinsel, hielt inne und mischte dann auf der Palette mehr Schwarz in die blaue Farbe.
   Auf seinem Bild waren die Umrisse eines Körpers zwischen Wellen und Luftblasen zu erkennen, kräftige schwarze Striche ohne jedes Detail. Die Figur trieb über den Meeresgrund, zwischen Seegräsern hindurch, die sich um Arme und Beine wanden. Den Kopf hatte sie in Richtung Oberfläche erhoben – wünschte sie sich dort hinauf?
   Während ihrer ehrenamtlichen Arbeit im Zentrum hatte Alice schon viele Kinder und Jugendliche dabei begleitet, ihre Gefühle durch Kunst auszudrücken. Für manche war es einfacher, sich in Bildern statt in Worten mitzuteilen.
   Draußen dämmerte es bereits. Das hereinfallende Licht malte die Blumenmuster der Gardinen nur noch undeutlich an die Wände. Bis auf den Jungen und Alice war fast niemand mehr da. Nur drei Mädchen standen noch schwatzend am Billardtisch, und Stefanie, die heute den ganzen Nachmittag über Nachhilfe in Mathematik gegeben hatte, wischte mit einem feuchten Tuch die Arbeitsflächen ab.
   Nachdenklich wandte sich Alice wieder dem Jungen zu, der weiterhin in seine Arbeit vertieft war und nichts um sich herum mitzubekommen schien. Nach wie vor trug er mit wellenförmigen Bewegungen dunkles Blau auf sein Bild auf.
   »Hey«, sagte Alice leise.
   Er zuckte zusammen und sah blinzelnd zu ihr hoch, als hätte er vergessen, dass sie da war.
   »Du musst jetzt langsam nach Hause.«
   Wie in Zeitlupe legte er den Pinsel beiseite, rückte mit dem Stuhl vom Tisch zurück und betrachtete stirnrunzelnd sein Bild.
   »Ich lege es nach drüben zu den anderen, da kann es in Ruhe trocknen, und nächste Woche malst du es fertig, in Ordnung?«
   Mit dem Unterarm strich der Junge sich die Locken aus der Stirn, die farbbefleckte Hand weit abgespreizt. Alice bemühte sich um einen längeren Blickkontakt, doch schnell wich er ihr aus.
   »Ist jemand da, wenn du nach Hause kommst?«
   Er legte den Kopf leicht schräg und nickte kaum merklich. Sie wusste, was das hieß: Keine Ahnung.
   Mit spitzen Fingern nahm er das Blatt vom Tisch und brachte es zu den Arbeitsflächen nahe der Heizung, wo die Bilder anderer Kinder trockneten. Dann zog er seine Jacke von der Garderobe, ergriff seinen Rucksack und war mit einem »Bye« aus der Tür verschwunden, bevor sie ihn daran erinnern konnte, dass er Pinsel und Palette noch ausspülen musste.
   Alice säuberte die Malutensilien und räumte sie in den Schrank. Im Vorbeigehen warf sie noch einmal einen Blick auf das Bild des Jungen, die dunkle Gestalt am Meeresgrund. Sie war nicht sicher, warum sie das Motiv so beschäftigte. Während sie das Blatt betrachtete, spürte sie ein unangenehmes Prickeln auf der Haut. Rasch wandte sie ihren Blick ab und rieb mit den Händen über ihre Arme, um das Gefühl zu vertreiben.
   Als sie mit allem fertig war, schnappte sie sich ihre schwarze Lederjacke und die Mütze vom Kleiderständer. »Kommst du nächste Woche auch zum Herbstfest?«, fragte sie Stefanie, die Hand schon auf der Türklinke.
   Stefanie strich sich eine Strähne aus der Stirn und grinste. »Worauf du dich verlassen kannst! Ich lass mir doch keine selbst gemachte Erdnussbutter entgehen.«
   Lachend verließ Alice das Jugendzentrum und zog die Tür hinter sich ins Schloss.
   Dunkle Wolken türmten sich unheilverkündend in der Ferne auf und wurden vom Wind zur Stadt getrieben. Alice zog ihre Strickmütze tief in die Stirn und eilte über die Straße, den Gehweg entlang in Richtung der nächsten Straßenbahnhaltestelle, vorbei an einem kleinen Park, dessen Sträucher und Bäume sich vor dem Wind tief verbeugten. Der Sturm löste das auf dem Pflaster wie ein rotbrauner Teppich haftende Laub und klebte die Blätter auf die Windschutzscheiben parkender Autos.
   Als Alice die Haltestelle bereits im Blick hatte, rauschte die Straßenbahn auf den Gleisen neben ihr vorbei. Sie begann zu rennen, wich einem Fahrradfahrer aus, der plötzlich aus einer Seitenstraße hervorschoss und erreichte in letzter Sekunde die Tür zum hintersten Abteil. Sie schlüpfte hinein und ließ sich auf einen Platz am Fenster fallen. Lautlos schlossen sich die Türen, und die Bahn fuhr los.
   Alice lehnte ihren Kopf an die Fensterscheibe und beobachtete, wie die ersten winzigen Regentropfen gegen das Glas trommelten. In dünnen Rinnsalen flossen sie abwärts, vom Fahrtwind getrieben, in unvorhersehbaren, kurvigen Verläufen.
   Die Straßenbahn hielt, dutzende Menschen stiegen zu, die ersten fanden bereits keine freien Sitzplätze mehr. Eine alte Frau blickte sich nach allen Seiten um und blieb unschlüssig stehen. Alice erhob sich und deutete auf ihren Platz.
   Die Frau lächelte. »Vielen Dank, junger Mann«, sagte sie, während sie sich setzte.
   »Keine Ursache«, antwortete Alice und konnte sich beim Anblick des verblüfften Gesichts der Frau ein Grinsen nicht verkneifen.
   »Oh, bitte entschuldigen Sie, ich dachte …«, begann die Frau.
   »Kein Problem«, gab Alice zurück, »das ist mir schon öfter passiert.«
   Was nicht gelogen war. Wenn sie ihre langen Haare unter einer Mütze verbarg und wenig figurbetonte Kleidung trug, war sie schon häufig fälschlicherweise für einen Mann gehalten worden.
   Ruckelnd hielt die Straßenbahn erneut. Das war ihre Haltestelle.
   Alice stieg aus und wurde sofort wieder vom prasselnden Regen empfangen. Zwar hatte sie einen Schirm dabei, aber bei diesen Böen war es sinnlos, ihn auch nur herauszuholen. Stattdessen beschleunigte sie ihre Schritte, stemmte ihren Körper gegen den Wind und überquerte die Straße.
   Von der Haltestelle bis zu ihrer Wohnung waren es kaum zehn Minuten, aber bei diesem Wetter war jede einzelne davon zu viel. Sie hastete vorüber an grauen Wohnblöcken und einem verwahrlosten Spielplatz und erreichte die letzte Kreuzung vor ihrer Wohnung.
   Plötzlich hörte Alice Schritte, dann Stimmen.
   »Haut ab, lasst mich in Ruhe!«, rief ein Mann verärgert.
   Kurze Stille, dann die Stimme eines anderen Mannes. Seine Worte gingen im Rauschen einer Böe unter. Alice blieb stehen und lauschte, drehte sich um ihre eigene Achse, doch sie konnte niemanden entdecken.
   Wieder ertönten Stimmen, jemand schrie etwas wie »verdient«, Schritte knallten auf dem Asphalt, ein lautes Scheppern, dann noch mehr Schreie. Diesmal war Alice sicher, dass die Geräusche aus einer engen Gasse wenige Meter entfernt gekommen waren. Sofort kehrte sie um und rannte zum Eingang der Gasse.
   Sie brauchte einige Sekunden, um die Situation zu erfassen: Etwa dreißig Meter vor ihr standen zwei junge Männer. Der kleinere wandte Alice den breiten Rücken zu, auf seiner roten Jacke erkannte sie einen Route 66-Aufnäher. Der Größere trug ein Basecap und schwarze Springerstiefel. Er hatte einen dritten Mann, der älter war als die beiden und eine Brille trug, am Kragen gepackt und schrie etwas Unverständliches. Er war es, dessen Stimme sie zuletzt gehört hatte.
   Plötzlich schubste er den älteren Mann brutal gegen einen Müllcontainer am Rand der Gasse. Der Mann stieß einen Schrei aus. Er versuchte, seinen Sturz mit den Armen abzufangen, und wurde im nächsten Augenblick von dem Jugendlichen mit dem Basecap in den Bauch getreten.
   Alice war unfähig, sich zu bewegen. Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen, als wäre sie es gewesen, die den Tritt abbekommen hatte. Sie starrte auf das Geschehen und konnte nicht fassen, was sie sah. So etwas konnte doch nicht passieren, einfach so, zwei Blocks von zu Hause?
   Der Mann, der ihr den Rücken zugewandt hatte, trat mit großen Schritten an den Container heran und verpasste dem Älteren ebenfalls einen Tritt.
   Scheiße, die würden ihn noch umbringen! Hörte das denn niemand? Alice blickte hoch zu den Fenstern der Häuserblöcke. Ihr Herz pochte hart gegen ihre Rippen.
   »Jetzt hast du nicht mehr die große Schnauze, was?«, rief der Typ mit dem Basecap, der andere lachte. Mit einem selbstgefälligen Grinsen warf er einen Blick über die Schulter und sah Alice direkt in die Augen.
   Scheiße. Immer noch stand sie wie eingefroren da, tat nichts weiter, als ihn anzustarren.
   »Hey, was gibt’s da zu glotzen, Arschloch?«, brüllte der Kerl und machte einen Schritt auf sie zu. Automatisch wich sie zurück.
   Hau ab!, schrie etwas in ihrem Kopf, doch dann sah sie wieder zu dem Mann am Boden. Er lag zusammengekrümmt auf dem Asphalt, die Hände vor den Bauch gepresst.
   Nein, sie würde nicht weglaufen. Sie atmete tief durch und erinnerte sich an die Worte ihres Trainers, als stünde er direkt hinter ihr: Verbale Deeskalation muss immer der erste Schritt sein. Geht niemals in einen Kampf, wenn ihr es vermeiden könnt.
   »Hey Jungs«, rief sie. Ihre Stimme flatterte. »Ich mach euch bestimmt keinen Ärger.«
   Der Kerl drehte sich zu seinem Freund um. »Alter, das ist ‘ne Tusse!« Er lachte abfällig.
   »Seht mal, ihr habt doch gewonnen«, fuhr sie unbeirrt fort. »Der Mann liegt am Boden und kann sich nicht wehren. Ihr habt gewonnen, belasst es doch einfach dabei.«
   Der Kerl mit dem Basecap runzelte die Stirn und schien ernsthaft über ihre Worte nachzudenken. Würde es tatsächlich so einfach funktionieren?
   »Was geht’s dich an, Schlampe?«, blaffte der kleinere der beiden jedoch sofort. »Verzieh dich, oder willst du auch was aufs Maul?« Er kam zwei Schritte auf sie zu und hob die Faust.
   Alice spürte ihren Herzschlag bis in ihre Kehle. Keine Panik. Wieder die Stimme ihres Trainers. Du kannst das, denk nicht darüber nach.
   Unwillkürlich ballte sie ihre Hände zu Fäusten. Wie weit würden die beiden gehen? Der Typ mit dem Basecap schien wütend, aber auch verunsichert zu sein. Ihm ging die Sache inzwischen wohl zu weit. Der mit der roten Jacke dagegen war aggressiv und angetrunken. Er trat noch einen Schritt näher, jetzt war er nur noch drei oder vier Meter von ihr entfernt. Würde er versuchen, sie zu schlagen oder zu Boden zu stoßen? Sie hob die Arme auf Brusthöhe.
   »Bleib stehen!«, sagte sie laut.
   Der Kerl griff in die Tasche seiner Jacke. Alice erkannte einen schwarzen Gegenstand, nicht länger als ein Bleistift. Während sie sich noch fragte, was das sein konnte, schwang er den Gegenstand mit einer lässigen Handbewegung, und eine silberne Klinge schnappte hervor.
   Unwillkürlich wich sie einen Schritt zurück. Ihr Herz hämmerte noch heftiger, Hitze stieg in ihrem Kopf auf.
   Der Kerl hielt den Arm weit ausgestreckt vor sich, die Klinge auf sie gerichtet, aber er tat nichts. Er hatte wohl erwartet, dass sie weglaufen würde, sobald er das Messer zog.
   »Bleib stehen!«, wiederholte Alice. Blut rauschte in ihren Ohren.
   Er blinzelte verwirrt.
   Plötzlich machte er einen Satz nach vorn und stieß mit der Klinge nach ihr. Alice wich zur Seite aus und schlug mit den Fingerknöcheln hart auf die Rückseite seiner Hand. Sofort löste sich sein Griff, das Messer flog nach hinten weg und klirrte über den Asphalt.
   Verdutzt blickte er ins Leere, dann drehte er sich wieder zu ihr und hob die Fäuste. Sein Gesicht war rotfleckig und vor Wut verzerrt.
   Blitzschnell trat sie auf ihn zu, ließ ihren Ellenbogen nach oben schnellen, direkt zwischen seinen Armen hindurch auf das Kinn. Knochen prallte auf Knochen. Er brüllte, taumelte zurück, fiel aber nicht. Blut sickerte über seine Lippen.
   Wieder holte er aus, ließ seine Faust auf Alice zuschnellen. Sie wich zurück, packte ihn am Unterarm und lenkte den Schlag seitlich weg. Gleichzeitig rammte sie ihm ihr Knie in den Magen. Mit der linken Hand hielt sie seinen Arm fest, den rechten Ellenbogen drückte sie ihm ins Genick, er verlor das Gleichgewicht und fiel.
   »Du scheiß Fotze!«, kreischte er und versuchte, sich aus ihrem Griff zu befreien.
   Alice drückte seinen Arm noch weiter zurück. Sie spürte seinen Körper unter sich erzittern, er schrie lauter. Noch ein paar Zentimeter mehr und der Knochen würde brechen.
   Sie warf einen Blick nach hinten, wo der andere Kerl wie versteinert stand und sie anstarrte.
   Keuchend beugte sie sich über die Schulter des Angreifers, so tief, dass ihre Lippen fast sein Ohr berührten. »Hau ab, du Scheißkerl. Hau ab oder ich breche dir deinen beschissenen Arm!«
   Der Mann sog scharf Luft ein und fluchte, doch dann gab er Geräusche von sich, die eher wie ein Wimmern klangen.
   Sie lockerte ihren Griff nur wenig, bereit, sofort wieder mit aller Kraft zuzupacken, sollte er sich wehren.
   »Ich hau ab, ist ja schon gut!«, rief er.
   Alice ließ seinen Arm los, stürzte von ihm weg und griff nach dem Messer, das hinter ihr in einer Pfütze lag. Sie rutschte ab, fasste in die Klinge, doch dann schlossen ihre Finger sich um den Griff und sie riss es an sich, hielt die Hand eng am Körper, damit er es nicht wegschlagen konnte.
   Als sie sich umwandte, war er bereits aufgestanden und rannte tatsächlich zum Ende der Gasse. Sein Kumpel blickte verwirrt von Alice zu ihm und wieder zurück, dann stürzte auch er davon.
   Sekunden später war sie allein mit dem alten Mann und dem unaufhörlichen Regen.
   Sie hörte ihren Atem, stoßweise und laut. Ihr Herz schlug so heftig, als würde es gleich platzen. Benommen blickte sie auf das Messer in ihrer Hand. Wie in Zeitlupe perlten Regentropfen über das stumpfe Metall. Blut quoll aus dem Schnitt in ihrer Handfläche, auch die Klinge war damit benetzt.
   Mit einem Mal schien alles um sie herum eingefroren zu sein. Der Regen prasselte nicht mehr, und das Pfeifen des Windes war verstummt.
   Eisige Kälte drückte ihr die Kehle zu, zog sich die Brust hinab, füllte ihre Lungen.
   Was geschah da mit ihr?
   Die enge Gasse mit den aufragenden Häuserreihen zu beiden Seiten rollte erst langsam, dann immer schneller auf sie zu. Ihr nach strömte ein Schwall Dunkelheit, und plötzlich saß Alice allein in einem schwarzen Zug, der durch die Nacht donnerte. Aus den Augenwinkeln sah sie an den Fenstern verwischte Schemen vorüberrauschen. Nicht mehr als stroboskopartig aufblitzende Farben und Bilder, die Alice nicht erfassen konnte.
   Etwas drückte auf ihr Herz, so fest, es war unerträglich. Eine Woge aus Schmerz und Angst rollte über sie hinweg und riss alle klaren Gedanken mit sich. Sie wollte schreien, aber kein Laut drang aus ihrer Kehle.
   Mit einem heftigen Ruck hielt der Zug, ihr Oberkörper wurde nach vorn geschleudert, prallte aber sofort zurück, als wäre sie gegen eine unsichtbare Wand gestoßen. Zitternd drehte sie den Kopf und blickte nach rechts aus dem Fenster. Auf den ersten Blick erkannte sie nichts. Draußen wurde die Dämmerung von weißem Rauch verschleiert. Kein Nebel, da war sie sicher. Vielmehr schienen die Schwaden in der Fensterscheibe selbst zu sein, die Alice von dem Geschehen trennte.
   Sie kniff die Augen zusammen, näherte ihr Gesicht der Scheibe. Plötzlich sah sie die Umrisse einer Hütte, klein und flach, zwischen krumm gewachsenen Bäumen.
   Ihr Kopf explodierte. Es war, als hätte jemand einen Stein gegen die Scheibe geworfen. Unter ohrenbetäubendem Klirren zersprang sie, zersprang das ganze Bild, und Alice wurde zurück ins Hier und Jetzt geschleudert.
   Sie stand wieder in der Gasse. Auf zittrigen Beinen ging sie einige Schritte in Richtung des Containers, unter dem immer noch der Mann lag. Sie wollte zu ihm, wollte ihm helfen, doch sie taumelte, dann sank sie auf die Knie. Ihre Hose sog augenblicklich das Wasser am Boden ein, Kälte kroch über ihre Waden, die Oberschenkel entlang und fraß sich ihre Wirbelsäule hinauf.
   Alice’ Blick suchte Halt an einer Fensterreihe in einem der Blöcke gegenüber, und während sie auf diese Rechtecke aus warmem Licht starrte, rutschten sie höher und höher, sie folgte ihnen mit den Augen, noch höher, jetzt waren sie über ihr, leuchteten grell, dann erstarb das Licht mit einem Mal und Alice versank in Dunkelheit.

Blinzelnd öffnete sie die Augen. Weit über ihr flackerte eine Straßenlaterne.
   An. Aus. An.
   Von irgendwoher drang das Heulen einer Sirene.
   »Ist alles in Ordnung mit Ihnen?«
   Ein Gesicht erschien in Alice’ Blickfeld. Erst sah sie nur verschwommene Schemen, dann klärte sich ihr Blick allmählich.
   Es war der alte Mann mit der Brille. Er presste eine Hand auf seinen Bauch, offenbar hatte er Schmerzen. »Ich bin froh, dass Sie aufgewacht sind.«
   Das Heulen wurde lauter, steigerte sich zu einem unerträglichen Kreischen. Blaulicht durchflackerte die Nacht wie ein gespenstisches Stroboskop.
   Die Zeit zerfloss vor Alice’ Augen. Sie konnte nur ein paar Wimpernschläge getan haben, da standen plötzlich mehrere Menschen um sie herum. Einige trugen Polizeiuniformen, andere orangerote Rettungsdienstbekleidung. Ein kräftiger Mann mit sanfter Stimme redete beruhigend auf sie ein und half ihr, sich aufzurichten. Der Boden unter ihren Füßen schwankte.
   »Sind Sie verletzt?«
   Alice schüttelte den Kopf, obwohl der Schnitt in ihrer Hand dumpf pochte.
   Der Mann führte sie zu einem Polizeiwagen, ließ sie auf dem Rücksitz Platz nehmen und reichte ihr eine Decke. Erst, als Alice den weichen Stoff um ihren Oberkörper schlang, wurde ihr klar, dass sie am ganzen Leib zitterte.
   Die Rettungssanitäter halfen dem alten Mann auf eine Trage und schoben ihn in den Krankenwagen. Einige Sekunden später fuhren sie los, diesmal ohne Blaulicht.
   »Geht es ihm gut?« Ihre Stimme klang eigenartig verwaschen.
   »Sie wollen nur sichergehen, dass er keine inneren Verletzungen davongetragen hat.« Der Polizist zog ein Klemmbrett vom Beifahrersitz und blickte Alice ernst an. »Ich würde Ihnen gern ein paar Fragen stellen.«
   Sie tat ihr Möglichstes, ihm das Geschehen zu erklären, doch es war, als würde sie einen Traum nacherzählen. Je mehr sie versuchte, alles in eine logische Reihenfolge zu bringen, desto wirrer wurde ihre Erinnerung, Details entglitten. An irgendeiner Stelle kam der Aufnäher vor, an einer anderen hörte sie sich das Wort »Klappmesser« flüstern.
    »In Ordnung«, sagte der Polizist schließlich sanft. »Meine Kollegen bringen Sie jetzt ins Krankenhaus. Sie scheinen noch unter Schock zu stehen.«
   »Nein«, murmelte Alice und erhob sich. »Nein, mir geht’s gut. Ich wohne gleich um die Ecke.«
   »Nun, es ist Ihre Entscheidung, aber …«
   »Ich möchte nach Hause.«
   Er nickte, bestand jedoch darauf, sie bis zur Tür zu bringen. »Ist jemand da, der sich um Sie kümmert?«
   »Ja, mein Mitbewohner. Er wartet sicher schon.«
   Sie war froh, dass er sie in dem warmen Auto bis vor das Haus fuhr und auch nach drinnen begleitete. Obwohl er sie stützte, konnte sie die Stufen im Treppenhaus nur langsam nach oben steigen. Ihre Beine fühlten sich schwer an. Bei jedem Schritt schmatzte das Wasser in ihren Schuhen.
   Als sie den vierten Stock beinahe erreicht hatten, kam Flo ihnen entgegen. Er musste das Polizeiauto vor dem Haus gesehen haben.
   »Alice, du …« Mit offenem Mund starrte er sie an, dann wanderte sein Blick zu dem Polizisten. Auf seinem weißen »Better call Saul«-Shirt zeichneten sich dunkle Schweißflecken ab. »Scheiße, was ist denn passiert?«
   Der Polizist blieb vor der Tür stehen und erklärte Flo in sachlichen, ruhigen Worten, was geschehen war. Alice trat an ihnen vorbei in die Wohnung, ohne ihr Gespräch richtig wahrzunehmen. Ein intensiver Geruch nach Knoblauch und Zwiebeln stieg ihr in die Nase. Stimmt, Flo hatte heute ja für sie beide kochen wollen. Sie wischte sich eine feuchte Strähne aus der Stirn und streifte die Lederjacke ab.
   Wie von weit weg hörte sie den Polizisten das Wort »Messer« sagen, Flo keuchte hörbar. Etwas berührte Alice’ Knöchel, und sie blickte nach unten. Mia, Flos schwarze Katze, strich um ihre Beine und miaute. Alice beugte sich zu ihr hinab und streichelte über das weiche Fell.
   »… und behalten Sie die junge Frau bitte noch ein paar Stunden im Auge. Falls es ihr schlechter gehen sollte, rufen Sie die Ambulanz.«
   »Ja. Ja, natürlich.«
   Der Polizist verabschiedete sich, drückte Flo noch einen Zettel mit einer Nummer in die Hand und zog die Tür hinter sich ins Schloss.
   Langsam drehte Flo sich zu Alice um. »Scheiße«, murmelte er und schüttelte den Kopf. Mit zögernden Schritten kam er zu ihr und nahm sie in den Arm. Sie fühlte die Wärme seines Körpers. »Scheiße, Mann, das hätte übel ausgehen können.« Er löste sich von ihr, trat zurück und musterte sie, als suchte er nach Anzeichen einer Verletzung.
   »Ich weiß«, erwiderte Alice. Sie bemühte sich, ohne viel Erfolg, ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. »Aber ich musste einfach was tun. Die hätten ihn sonst vielleicht …« Sie brachte es nicht über sich, das Wort umgebracht auszusprechen.
   »Hm, ja.« Flo nickte betreten. »Das war echt mutig von dir. Du hast dem Mann vielleicht das Leben gerettet.« Er schenkte ihr ein Lächeln. »Ich schätze, dieser Kampfsport, den du machst …«
   »Krav Maga.«
   »Ja, genau. Schätze, das hat dir Sicherheit gegeben, oder?«
   »Denk schon.« Ihr jahrelanges Training hatte ihr geholfen, fokussiert zu bleiben und den Kerl zu entwaffnen. Aber es hatte sie nicht gegen das wappnen können, was aus ihr selbst gekommen war – diese dunklen Bilder und Gefühle, die Fahrt im schwarzen Zug.
   Alice begann wieder zu zittern, ihre Klamotten und Haare waren immer noch nass und kalt.
   Flo huschte ins Bad und kam mit einem heizungswarmen Handtuch zurück, das er Alice reichte. Sie rubbelte ihre Haare trocken und schlüpfte in ihr Zimmer, um sich frische Klamotten aus dem Schrank zu holen. Als sie wieder herauskam, stand Flo bereits in der Küche. Sie warf einen Blick in die Töpfe auf dem Herd. Mit einem hölzernen Kochlöffel schob Flo klein geschnittene Tomaten in die Pfanne.
   Alice hatte sich auf das Essen heute Abend gefreut, doch nach allem, was passiert war, verspürte sie keinen Hunger. Sie rieb noch einmal ihre Haare ab, dann warf sie das Handtuch um ihre Schultern und nahm auf einem Stuhl Platz.
   »Du siehst wirklich furchtbar aus«, bemerkte Flo und drehte einen seiner schwarzen Ohrstecker zwischen den Fingern, »du solltest morgen zu Hause bleiben. Lass die Uni mal einen Tag lang sausen.”
   Entschieden schüttelte Alice den Kopf. »Auf keinen Fall. Morgen werden die Projektmappen ausgewertet. Ich hab wochenlang daran gearbeitet. Das kann ich nicht verpassen.”
   »Dann sag wenigstens dein Training ab und komm direkt nach der Uni heim.”
   Alice zuckte mit den Schultern. Sie fühlte sich nicht in der Lage, jetzt eine Entscheidung zu treffen. Ihr war immer noch übel und etwas schwindlig.
   Einige Minuten lang schwiegen sie beide. Alice beobachtete Flo beim Ein- und Ausräumen, Wischen und Schneiden. Das leise Klappern des Bestecks, der Schüsseln und Pfannen beruhigte sie.
   Sie stand auf, ging zur Spüle und füllte sich ein Glas mit Wasser, dann setzte sie sich wieder.
   Regen prasselte unaufhörlich gegen die Fensterscheiben. Alice’ Blick glitt durch die Küche, über die Uhr an der Wand, die Kräutertöpfe auf den Fensterstöcken und die Pfanne, in der Tomatensoße köchelte und den Glasdeckel von innen mit roten Spritzern besprenkelte.
   Rot … Hatte sie nicht auch etwas Rotes gesehen, an dem Messer in ihrer Hand? Rot wie … Blut?
   Alice war nicht fähig, ihren Blick von den roten Linien zu lösen, die die Soßentropfen beim Hinabperlen auf dem Glas hinterließen. Eine unnatürliche Stille legte sich über den Augenblick, die Wohnung verdüsterte sich.
   Diesmal rollte ihre Umgebung nicht auf Alice zu, sondern wurde von ihr weggerissen. Erneut tauchte sie in Dunkelheit, doch diesmal sah sie keine Lichtblitze, keine Bilder. Stattdessen roch sie etwas, das nichts mit Flos Essen zu tun hatte … Tannennadeln? Der Geruch wurde immer intensiver. Übelkeit stieg in Alice auf, und wieder diese Kälte, die auf ihre Brust drückte.
   Etwas Nasses klatschte auf ihre Wange. Der Tannennadelgeruch vermischte sich mit dem von Regen und feuchter Erde. Der Druck auf ihre Brust war unerträglich. Sie rang um Luft, nahm all ihre Kraft zusammen.
   »Aufhören!« Ihr Schrei zerschnitt die Schatten, der Geruch verflog so rasch, wie er gekommen war, und sie saß wieder in der Küche, ihr gegenüber Flo, der sie entsetzt anstarrte.
   Ihr Herz schlug ihr immer noch bis zum Hals, ihre Hände zitterten unkontrolliert.
   »Alice«, sagte Flo leise. »Was war das gerade? Was ist los mit dir?« Er sah sie an, sie las Angst in seinen Augen.
   Angst um sie. Was hatte sie getan, während die Dunkelheit sie gefangen gehalten hatte? Kreidebleich und zitternd am Küchentisch gesessen und ins Leere gestarrt? Laut geschrien?
   Plötzlich spürte sie heiße Tränen in den Augenwinkeln. Sie konnte sich nicht dagegen wehren, versuchte blinzelnd, sie zurückzuhalten, doch da perlten sie schon ihre Wangen hinab und tropften auf die Tischdecke.
   Flo wirkte noch bestürzter als zuvor. Noch nie hatte sie vor ihm solche Schwäche gezeigt, geschweige denn geweint.
   »Bitte, Alice, sag mir, was los ist.«
   »Ich weiß es doch selbst nicht.« Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.
   Aber stimmte das? Wusste sie es wirklich nicht? Schon während des Gesprächs mit dem Polizisten hatte sich eine diffuse Ahnung in ihr ausgebreitet. Nun wurde diese Ahnung fassbarer, doch wenn es wirklich das war, was sie befürchtete … Wie um Himmels willen sollte sie Flo das erklären?
   Mit Tränen in den Augen blickte sie zu ihm auf. Seit dem Beginn ihres Studiums, ganze fünf Jahre nun, kannte sie ihn. Wenn es einen Menschen gab, dem sie vertraute, dann war es Flo. Sie wusste, welche Musik er am liebsten hörte, wie er unter der Trennung von seiner Ex gelitten hatte und wie eifersüchtig er auf seinen Bruder war. Wie er sein Psychologiestudium liebte und aus dem Kopf Hunderte von Studien zitieren konnte. Sie kannte den Leberfleck an seinem Hals, die chronischen Ringe unter seinen Augen, seine verstrubbelten Haare am Morgen, wenn er mit einem Kater an der Kaffeemaschine stand. Er würde ihr glauben, ihr zuhören und sie nicht für verrückt halten.
   »Flo?«, fragte Alice. Unfassbar, wie dünn ihre Stimme klang. Das ging ja gut los.
   »Ja?« Sein Tonfall war weich. Nicht fordernd, aber interessiert.
   Sie hatte sich bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit im Jugendzentrum stets bemüht, genauso zu klingen, wenn sie vermutete, dass eins der Kinder ihr etwas Ernstes anvertrauen wollte.
   »Ich, also, ich muss dir was sagen.« Sie hob das Wasserglas an die Lippen, doch sie trank nicht, sondern blickte nur hinein, um Flo nicht ansehen zu müssen. »Aber vorher musst du mir versprechen, dass sich dadurch zwischen uns nichts ändert. Ich meine, ich will nicht, dass du mich deswegen für eine total Gestörte hältst.« Sie atmete tief ein. »Ich hab das noch nie jemandem erzählt. Es fällt mir verdammt schwer.«
   Die Ringe unter Flos Augen schienen plötzlich noch dunkler zu werden. »Ich versprech’s dir«, sagte er. Keine großen Worte, kein Bedrängen. Er sagte nur das, was sie hören wollte.
   »Okay.« Sie starrte noch immer in das Glas. Auf der Wasseroberfläche tanzten Lichtflecken vom Schein der Küchenlampe. Das erinnerte sie für einen Augenblick an das aufblitzende Messer. Dieses verdammte Ding.
   »Also, ich …«, sie wusste nicht, wie sie es formulieren sollte, sodass es nicht verrückt klang, »mir fehlen Erinnerungen. Erinnerungen an früher. Ich weiß Dinge nicht mehr, die ich wissen sollte. Wichtige Dinge, keine Kleinigkeiten. Es ist mehr als nur das normale Vergessen von Details.« Hilflos knetete sie die Wachstischdecke zwischen ihren Fingern. »Ich meine, mir fehlt praktisch jegliche Erinnerung an einen ganzen Abschnitt meines Lebens.«
   Flo blickte sie weiterhin aus seinen dunklen Augen an. Er wartete einige Sekunden ab. »Wie lang ist dieser Abschnitt, kannst du das in etwa sagen? Wochen, Monate?«
   Alice hatte das Gefühl, als würde ihr jemand die Luft abdrücken. Jetzt, sie musste es jetzt sagen. Sie war schon so weit gekommen.
   Als sie schließlich die Worte fand, waren sie kaum mehr als ein Hauch. »Fast drei Jahre.«
   Die Stille, die darauf folgte, war kaum zu ertragen. Alice traute sich nicht, Flo anzusehen, starrte nur unvermindert auf die Tischplatte, lauschte dem Prasseln des Regens gegen das Fenster, dem monotonen Summen des Kühlschranks.
   »Wow. Das ist krass«, sagte Flo nach einer Ewigkeit, wie es ihr vorkam. Er klang überrascht, aber nicht abgestoßen, und er schien sie auch nicht für eine Lügnerin zu halten.
   »Ja, ich weiß«, sagte sie nur.
   »Welcher Zeitraum fehlt dir?«
   »Meine Jugendzeit. Damals habe ich mit meiner Familie in einem Dorf gelebt, in Sassheim. Ich weiß noch, wie meine Mutter gestorben ist, da war ich dreizehn. Dann klafft da diese Lücke, und irgendwann, ich glaube mit sechzehn, setzt meine Erinnerung wieder ein, kurz nachdem ich mit meinem Vater aus dem Dorf weggezogen bin. Ich wollte keinen Kontakt mit irgendjemandem von früher, weil …« Sie stockte, hob den Kopf und schaffte es endlich, Flo in die Augen zu blicken. Zu ihrer Überraschung wirkte er nicht geschockt oder verwirrt, sondern vielmehr traurig.
   »Ich meine«, fuhr sie fort, »die würden mich doch für total bescheuert halten. Wer vergisst schon drei Jahre seines Lebens?«
   »Und du hast es nicht einmal deinem Vater gesagt?«, fragte Flo leise.
   Alice schüttelte den Kopf. »Du weißt ja, das Verhältnis zu ihm ist nicht gerade toll.«
   Nachdenklich ließ Flo seinen Blick durch den Raum schweifen. »Hat dein Vater einmal angedeutet, dass du schwer erkrankt warst? Oder einen Unfall hattest? Amnesie kann durchaus körperliche Ursachen haben.«
   Wie gern hätte sie das geglaubt. Sie sah auf ihre Arme hinab, die auf dem Tisch lagen, die Hände fest ineinander verhakt. Sah auf die blasse Haut und die feine, weiß schimmernde Narbe, die sich vom Handballen in gerader, wie mit dem Lineal gezogener Linie bis weit den Unterarm heraufzog. Alice hatte keine Ahnung, woher diese Narbe stammte, aber sie war das einzige Zeichen einer Verletzung, das sie nicht zuordnen konnte.
   »Ich glaube nicht. Ich wüsste nicht wie oder wann. Ich …«, sie rang mit den Worten und spürte wieder Tränen aufsteigen. »Obwohl ich nie das Gefühl hatte, Zeit zu verpassen, bin ich eines Morgens aufgewacht und, na ja, es ist nicht so, als wäre ich überrascht gewesen, mit einem Mal drei Jahre älter zu sein oder so. Ein Teil von mir hatte schon ein Gefühl dafür, wer ich war und wie viel Zeit vergangen war. Nur …« Sie wusste nicht, wie sie es beschreiben sollte, »nur war eben alles … alles wie hinter einer Milchglasscheibe. Wie in einem dichten Nebel. Egal, wie sehr ich mich darauf konzentriert habe, und das habe ich verdammt oft getan, manchmal habe ich stundenlang nur dagesessen, an die Wand gestarrt und versucht, irgendetwas zurückzuholen. Aber ich habe nur Kopfschmerzen davon bekommen.«
   Er nickte. Hörte ihr geduldig zu und nickte.
   Sie war ihm dankbar für diese Reaktion. Dafür, dass er sie ernst nahm, dafür, dass er einfach da war. »Ich hab aufgegeben«, gestand sie. »Ich dachte, dann ist es eben so. Ich lebe jetzt einfach weiter, blicke in die Zukunft und vergesse dieses schwarze Loch in meiner Vergangenheit. Ich wollte am liebsten alles abschneiden. Das Studium beginnen und so tun, als hätte es vorher nie eine Alice gegeben. Das hat auch ganz gut funktioniert, bis … na ja, bis vorhin eben.«
   Nun stutzte Flo. »Vorhin? Du meinst, als du die zwei Kerle überrascht hast?«
   »Ja«, flüsterte sie. Allein bei der Erinnerung an den schwarzen Zug begann sie wieder zu zittern, obwohl in der Küche eine angenehme Wärme herrschte. »Ich war total angespannt, hatte Angst, und dann hab ich auf das Messer in meiner Hand geschaut, das Blut daran gesehen und … Dann waren da diese Bilder.«
   Während Alice gesprochen hatte, war Flo immer näher an den Tisch gerückt und hatte sich weiter nach vorn gelehnt, die Hände fest ineinander verschlungen.
   »Es war furchtbar«, sagte Alice leise. »Ich hab plötzlich so schreckliche Dinge gefühlt. Nur, dass es keinen Grund gab, so zu fühlen. Als wäre ich im Körper von jemand anderem. Es hat so wehgetan, ich dachte, ich würde sterben.«
   Die Küchenuhr tickte laut in der plötzlich entstandenen Stille. Jedes Ticken war wie der Aufprall einer Sekunde auf die Gegenwart. Mit langsamen Bewegungen stand Flo vom Küchentisch auf. Er drehte sich von Alice weg und kippte das Fenster. Der Regen war stärker geworden, trommelte nun regelrecht auf die Fensterstöcke.
   »Das klingt übel. Könnte eine Art Flashback gewesen sein«, sagte er. »Und dasselbe ist eben gerade wieder passiert?«
   Sie nickte. »Vorher jahrelang nichts, und nun plötzlich gleich zweimal hintereinander.« Eine Gänsehaut breitete sich auf ihren Oberarmen aus.
   »Du warst wie weggetreten«, sagte Flo. »Es war unheimlich.« Mit langsamen Schritten ging er zum Herd, wo die Tomatensoße immer noch gemächlich vor sich hin köchelte. Wortlos schüttete er die Nudeln aus dem Topf ab, verteilte sie auf zwei Teller und gab etwas Soße darauf. Er stellte das Essen vor Alice auf den Tisch.
   »Hier, komm. Auch wenn’s dir schlecht geht, du fühlst dich besser, wenn du was im Magen hast.«
   Alice zwang sich dazu, zwei Gabeln mit Spaghetti in ihren Mund zu schieben. Es schmeckte nach gar nichts, aber immerhin tat die Wärme gut.
   Während sie aßen, sprach keiner ein Wort. Die Bilder, die sie im schwarzen Zug gesehen hatte, drängten sich immer wieder vor Alice’ Augen. Allmählich manifestierte sich ein Gedanke in ihrem Kopf. »Da war eine Art Scheibe«, flüsterte sie.
   Flo blickte fragend von seinem Teller auf.
   »Als ich diese Bilder gesehen habe, in der Gasse. Eine Art Fensterscheibe war zwischen mir und den Dingen draußen. Und dann – dann ist sie zerbrochen.«
   Flo legte seine Gabel beiseite. »Zerbrochen? Wodurch?«
   »Ich weiß nicht. Sie ist wie … explodiert. Und jetzt …«, sie wusste nicht, wie sie ihm dieses Gefühl begreiflich machen sollte, »jetzt bin ich nicht mehr abgetrennt von diesen Erinnerungen. Jetzt können sie zurückkommen, jederzeit.«
   Irgendwo draußen fuhr ein Motorrad vorbei, dann herrschte wieder Stille.
   Alice biss sich auf die Unterlippe. Jetzt, wo sie es ausgesprochen hatte, fühlte sich das alles noch bedrohlicher an. Ein Damm in ihr war gebrochen, und nun fluteten irgendwelche Bruchstücke aus ihrem Unterbewusstsein unkontrolliert in ihr Leben. Sie fühlte sich ausgeliefert. »Irgendetwas Furchtbares muss passiert sein«, sagte sie. Obwohl sie nichts mehr aus diesen drei Jugendjahren wusste, stand diese Tatsache fest. »Deshalb habe ich alles vergessen.«
   »Ja«, murmelte Flo, »das klingt einleuchtend.« Er sah sie an. »Was wirst du jetzt tun?«
   »Ich weiß es nicht.«

Kapitel 2
Die Fremde

Obwohl Alice kaum zwei Stunden geschlafen hatte und sich wie gerädert fühlte, kämpfte sie sich beim Weckerklingeln am nächsten Morgen aus dem Bett. Sie zog ihren dicksten grauen Pulli und die gefütterten Stiefel an und schleppte sich zur Universität.
   Der Himmel schien sich leer geregnet zu haben. Die Luft war kalt und feucht, die Wolken hatten sich verzogen, und die aufgehende Sonne zeichnete die Schattenrisse der Neubaublocks gestochen scharf nach. Trotz ihrer Winterkleidung fror Alice von der Sekunde an, als sie das Haus verließ. Sie kannte das schon – wenn sie keinen Schlaf bekam, war ihr immer kalt, und sie litt unter Kopfschmerzen.
   Wie üblich wartete ihre beste Freundin Sophie am Haupteingang der Universität, ihre türkisblauen Haare leuchteten schon von Weitem zwischen den steingrauen Wänden hervor. Wie immer hielt sie eine Zigarette in der Hand und trug übergroße Kopfhörer, die sie erst abnahm, als Alice nur noch wenige Schritte entfernt war. Elektromusik tönte weiter blechern aus den Ohrmuscheln.
   »Hey Alice«, grüßte Sophie. »Was ist denn mit dir los?«, fügte sie mit gerunzelter Stirn hinzu.
   Offenbar sah Alice so übel aus wie am Vorabend. Sie fühlte sich nicht in der Lage, von der Begegnung in der Gasse zu erzählen, geschweige denn von den beiden Flashbacks. Inzwischen bereute sie fast, es Flo gebeichtet zu haben. »Ich glaub, ich hab eine Grippe«, erklärte Alice, ohne Sophie anzusehen.
   »Mann, dann leg dich ins Bett und werd gesund!« Sophie trat ihre Zigarette aus und stemmte die Hände in die Hüften. »Echt mal, du siehst aus, als hätte dich jemand ausgekotzt.«
   »Danke.« Alice rieb sich die Schläfen. »Ich will die Auswertung der Mappen nicht verpassen.«
   Sophie verdrehte die Augen. »Klar, logisch. Studium geht vor. Du würdest noch mit abgerissenem Beinstumpf in die Uni kriechen.«
   Sie lachte, und Alice wusste, wieso. Sie kannte Sophies brutalen Humor, den sie auch in ihrer Kunst häufig ausdrückte. Wahrscheinlich stellte sie sich gerade vor, wie es aussehen würde, wenn Alice blutüberströmt über die Stufen zum Haupteingang robbte, lose Muskelfasern und Sehnen hinter sich her schleifend.
   Sophie stutzte, als Alice nicht in ihr Lachen einstimmte. »Okay, du bist eindeutig krank. Komm, lass die Uni heute mal Uni sein, geh heim und entspann dich.«
   Was für ein wunderbarer Ratschlag. Als hätte sie nur die geringste Chance, sich zu entspannen. Alice schüttelte den Kopf, verkniff sich aber eine Bemerkung. Sophie konnte ja nicht wissen, dass Alice hauptsächlich zur Uni gekommen war, um nicht allein zu Hause bleiben zu müssen – allein mit ihren kreisenden Gedanken.
   Die Vorlesung im Fach »Künstlerisch-therapeutische Identität« war eine der interessanteren dieses Semesters, dementsprechend viele Kommilitonen hatten sich im Hörsaal eingefunden. Der Dozent kam einige Minuten zu spät und begann sofort mit der Rückgabe der Mappen. Nach ein paar allgemeinen Worten über das Projekt schaltete er den Beamer an und warf die Fotos einiger Werke an die Wand, damit sie gemeinsam darüber diskutieren konnten.
   Obwohl Alice solche Diskussionen liebte, fiel es ihr schwer, sich zu konzentrieren. Immer wieder schweiften ihre Gedanken ab zu der Frage, die Flo ihr gestern Abend gestellt hatte: Was wirst du jetzt tun?
   Im Grunde gab es nur zwei Optionen: Sie konnte es aussitzen und hoffen, dass keine weiteren Flashbacks folgten, was ihr nicht sehr erfolgversprechend erschien. Sie spürte, dass die Erinnerungen nur knapp unter der Grenze ihres Bewusstseins schlummerten und dort nicht ewig bleiben würden.
   Die zweite Möglichkeit wäre, sich aktiv mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen und die Lücken zu schließen. Doch davor hatte sie Angst. Zu lange hatte sie jeden Kontakt zu ihrer Jugendzeit vermieden. Wenn sie einmal anfing zu graben, was würde sie dann finden?
   »Bis zum zehnten Dezember erwarte ich von jedem ein weiteres Projekt«, durchschnitt die Stimme des Dozenten ihre Gedanken.
   Alice spähte auf die Uhr, die Vorlesung war gleich zu Ende.
   »Das Medium bleibt Ihnen freigestellt. Wichtig ist, dass die Arbeit etwas mit Ihnen selbst zu tun hat. Mit Ihrer Biografie. Ich werde Ihnen beim nächsten Mal mehr dazu erklären, aber ich möchte, dass Sie schon jetzt darüber nachdenken.«

Der Zug hielt an einem endlosen Bahnsteig, auf dem sich nichts außer einem heruntergekommenen Wartehäuschen befand.
   Alice stieg aus und machte sich auf den Weg. Eigentlich hatte sie nach der Uni gleich nach Hause fahren wollen, um es noch einmal mit Schlafen zu versuchen. Doch dann war ihr eine Idee gekommen, und ohne groß darüber nachzudenken, war sie in den nächsten Zug Richtung Süden gestiegen. Sie wollte zum Haus ihres Vaters – dem Haus, in dem sie nach dem Wegzug aus Sassheim noch einige Jahre lang gelebt hatte. Mit schnellen Schritten lief sie durch die Unterführung, die Hauptstraße entlang, über die Schienen und vorbei am Markt.
   Ihr Vater lebte in einem unauffälligen Häuschen mit grau verputzten Wänden, einem roten Ziegeldach und einem winzigen Vorgarten. Alice klingelte nicht, sondern schloss die Tür mit dem Schlüssel auf, den ihr Vater ihr zum Auszug in die Hand gedrückt hatte.
   Sie streifte ihre Schuhe ab und betrat die Wohnung. »Hallo? Jemand zu Hause?« Niemand antwortete. Sie öffnete alle Türen, sah in alle Räume, doch die Wohnung war leer. Ihr Vater arbeitete heute vermutlich länger. Umso besser.
   Alice lief in ihr früheres Zimmer. Hier hatte sich nichts verändert, Vater schien es seit ihrem letzten Besuch höchstens zum Staubsaugen betreten zu haben. Wie immer, wenn sie sich in diesem Raum aufhielt, durchströmte Alice ein starkes Gefühl von Fremdheit. Jahrelang hatte sie hier gewohnt, und dennoch hatte nichts hier etwas mit ihr zu tun. Die Poster von Marylin Manson und Slipknot stammten aus der ausgelöschten Zeit, ebenso die Zeichnungen an der Pinnwand, die CDs und Bücher, selbst einige der Möbel.
   Damals, als Alice kurz nach dem Umzug festgestellt hatte, wie groß die Lücke in ihrer Erinnerung war, hatte sie sich an diesen Dingen festgehalten, die ihr altes Ich offenbar gemocht hatte, obwohl sie selbst nichts damit anzufangen wusste. Sie hatte die alten Poster wieder aufgehängt, die alte Musik gehört und darauf gehofft, dass ihr das helfen könnte, die Lücken nach und nach zu schließen.
   Zielstrebig steuerte Alice auf das Bücherregal zu und überflog die Titel auf den Buchrücken. Einige Stephen King-Romane, etwas von Richard Dawkins, ein Sammelband von Franz Kafka und ein Fachbuch über christlichen Fundamentalismus. Schließlich fand Alice, wonach sie gesucht hatte: eine schmale Papphülle mit abgestoßenen Ecken, notdürftig zusammengehalten von ausgeleierten Gummibändern. Sie enthielt mehrere Fotografien, die während einer Klassenfahrt aufgenommen worden waren. Nur einmal, vor Jahren, hatte sich Alice diese Bilder kurz angesehen, sie dann aber sofort wieder zurück zwischen die Bücher gesteckt.
   Nun zog sie die Fotografien mit spitzen Fingern hervor. Auf der Rückseite der ersten stand mit schwarzem Kugelschreiber: Klasse 9 c, Klassenfahrt 2008. Alice drehte es um und betrachtete eine Gruppe von Schülern vor irgendeinem Denkmal. Der Himmel war unnatürlich blau, als stammte das Foto aus einem Prospekt und wäre am PC nachbearbeitet worden.
   Sich selbst fand Alice schnell: Ein Mädchen mit dunklen Haaren und ebenso dunkler Kleidung, das demonstrativ nicht in die Kamera blickte und nicht lächelte. Ihre gesamte Haltung strahlte Ablehnung aus, als wäre ihr alles um sie herum zuwider. Minutenlang betrachtete Alice ihr Gesicht, den kalten, abschätzigen Ausdruck in ihren Augen. Ein bitterer Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus. Es fühlte sich surreal an, dieses Mädchen zu sehen, das aussah wie eine jüngere Version ihrer selbst, und zugleich nichts über sie zu wissen. Was hatte dieses Mädchen gedacht, was gefühlt, wovon geträumt? Für Alice war sie eine Fremde.
   Nach einer Weile glitt ihr Blick weiter zu den anderen Jugendlichen. Sie musterte jedes einzelne Gesicht und versuchte, irgendetwas mit ihnen zu verbinden. Einen Namen, ein Gefühl, vielleicht auch nur ein Wort. Doch da war nichts.
   Sie ließ das Foto sinken und betrachtete das nächste. Wieder eine Gruppe von Schülern, diesmal standen sie neben einem Bus, im Hintergrund ein Gebäude – ihre frühere Schule. Die erkannte Alice. Sie war dort schon unterrichtet worden, bevor sich das Dunkel in ihre Erinnerungen gefressen hatte.
   Im Hintergrund standen noch einige andere Menschen: Lehrer, Jugendliche, Eltern. An dem Geländer, das zur Eingangstür der Schule wies, lehnte ein rotes Fahrrad.
   Plötzlich ratterte irgendwo draußen ein Rasenmäher los. Alice starrte weiter auf das Bild. Das Rattern wurde lauter, und ihr war, als stiege ihr ein Geruch in die Nase, der Geruch von frisch gemähtem Gras an einem heißen Sommertag.

Alice bleibt kaum fünfzig Meter vom Eingang entfernt stehen. Dort, am Geländer, wo wie immer unerlaubterweise Fahrräder abgestellt sind, stehen drei ihrer Mitschülerinnen. Sie sehen in ihre Richtung, tauschen Blicke aus, beginnen zu tuscheln. Alice spürt ihre Abneigung beinahe körperlich.
   Sie zieht das Kabel ihres MP3-Players hervor und steckt die Ohrstöpsel ein, ohne die Musik einzuschalten. Sie sollen denken, dass sie ihre dummen Bemerkungen nicht hören kann.
   Langsam setzt sie sich in Bewegung und nähert sich dem Eingang. Das Brummen des Rasenmähers wird lauter, schwillt in ihrem Kopf an, während sie den ersten Fuß auf den gepflasterten Weg zur Eingangstür setzt. Die Mädchen weichen vor ihr zurück, nur ein wenig, doch sie bemerkt es. In ihren Blicken liegt mehr als die übliche Häme. Ist es … Angst? Alice starrt auf den Boden und setzt mechanisch einen Fuß vor den nächsten, bis sie den erlösenden Schatten des Vordachs erreicht.
   Hinter sich vernimmt sie Stimmen. Tuschelnd, gehässig: »… die sich traut, hier noch aufzutauchen …«
   »… wird bestimmt von der Schule geschmissen …«

Alice taumelte ins Bad und spritzte sich am Waschbecken eiskaltes Wasser ins Gesicht. Es half. Die Erinnerung, die noch eben so plastisch und in allen Details vor ihrem geistigen Auge aufgestiegen war, verschwand. Sie stand im Badezimmer, der Wasserhahn war immer noch voll aufgedreht. Sein Rauschen klang beruhigend.
   Alice blickte in den Spiegel. Ihr eigenes Gesicht zu sehen gab ihr Halt, auch wenn sie durch die Blässe, die nassen Strähnen, die ihr in die Stirn fielen, und den gehetzten Ausdruck in ihren Augen ein bisschen verrückt wirkte. Immerhin war sie es und nicht die andere, die fremde Alice, in die sie für einige Sekunden geschlüpft war. Ein unheimliches Gefühl. Einerseits hatte ein Teil von ihr gewusst, dass es bloß eine Erinnerung war, gleichzeitig aber hatte sie sich gefühlt wie die damalige Alice. Sie hatte ihre Beklemmung gespürt, ihre Unsicherheit, aber auch – und das war viel beunruhigender – eine starke Verachtung gegenüber den Mädchen am Geländer, die über sie getuschelt hatten. Ein Gefühl, das Alice von sich nicht kannte.
   Mit zittrigen Schritten lief sie zurück in ihr früheres Zimmer. Die Fotografie der Schule lag auf dem Boden, daneben die aufgeschlagene Mappe.

»Es war ganz anders als gestern«, erzählte sie Flo am Nachmittag, als sie auf dem Balkon saßen. Alice hatte sich eine dicke Jacke übergezogen, Flo saß wie immer kurzärmelig am Tisch. Er schien einfach niemals zu frieren. »Es war eine richtig klare Szene, keine verschwommenen Bilder oder so. Ich habe dieses Foto angeschaut, und plötzlich war alles einfach wieder da.«
   Flo nickte und nahm einen Schluck aus seiner Bierflasche. »Dann hat der Flashback anscheinend wirklich eine Art Blockade gelöst. Deine Erinnerungen können jetzt Stück für Stück zurückkommen.«
   Alice kritzelte auf einem Fetzen Papier herum. Das tat sie häufig, um sich zu beruhigen oder zu konzentrieren. Kleine Zeichnungen, mal abstrakt, mal figürlich. Ganze Hefte voller Kritzeleien lagen in den diversen Schubladen ihres Zimmers. »Ich denke, wenn ich mich mit Dingen von früher beschäftige, erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass meine Erinnerungen zurückkommen. Meinst du, das sollte ich tun?«
   Die Balkontür knarzte, und Flos schwarze Katze Mia schlüpfte durch den Spalt ins Freie. Mit einem Satz sprang sie auf den Tisch. Flo schob sie unwirsch wieder hinunter. Er hatte es nie geschafft, ihr das auszutreiben.
   »Ich weiß nicht«, sagte er, während er Mia entschuldigend über den Rücken strich. »Ich hab darüber nachgedacht, was du mir gesagt hast, Alice. Und was ich so über Amnesie weiß. Fakt ist, solche Fälle wie deiner sind selten. Drei komplett verlorene Jahre, das ist verdammt viel, aber es kommt hin und wieder vor.« Er schob seine Brille hoch, wie immer, wenn er gleich einen längeren Vortrag halten wollte. »Das Vergessen ist ein Schutzmechanismus der Psyche. Etwas, womit der Mensch nicht umgehen kann, wird abgeblockt. Man nennt das dissoziative Amnesie. Normalerweise löscht das Bewusstsein nur Erinnerungen an einzelne traumatische Ereignisse. Aber es kann vereinzelt vorkommen, dass großflächiger gelöscht wird: Alles und jeder, der mit dem Ereignis in Verbindung stand, wird sozusagen ausradiert, damit man nicht in Gefahr gerät, wieder damit konfrontiert zu werden.«
   Alice nickte. Dissoziative Amnesie. Das klang ganz gehörig nach Dachschaden.
   Flo senkte den Blick auf die Tischplatte. Es schien ihm schwerzufallen, das zu sagen, was er sich vorgenommen hatte. »Alice … Solche Amnesien treten auf bei Opfern von schwerstem Missbrauch, bei Soldaten oder Überlebenden von Naturkatastrophen. Menschen, die in Lebensgefahr schwebten oder selbst getötet haben.«
   Sie wünschte, er würde aufhören, so zu reden. Sie wollte das nicht hören.
   »Wenn du dich aktiv mit deiner Vergangenheit auseinandersetzt, wird das vielleicht einiges zurückbringen. Es kann aber auch sein, dass du zwar manches wieder erinnerst, das eigentliche Trauma aber trotzdem verschüttet bleibt. Auf jeden Fall solltest du dir professionelle Hilfe suchen. Einen Psychotherapeuten, der dich bei dem Prozess begleitet.«
   Ja, das klang vernünftig. Wahrscheinlich hatte Flo recht. Aber das war ein verdammt großer Schritt nach all der Zeit. Allein die Vorstellung, in einer Praxis anzurufen und denen zu sagen, was ihr Problem war … Wäre sie überhaupt in der Lage, sich einem Therapeuten zu öffnen? Sie machte solche Dinge lieber mit sich selbst aus. Flo davon zu erzählen, war schwer genug gewesen, und ihn kannte sie immerhin seit gut fünf Jahren.
   Vorsichtig nickte Alice. Sie musste unwillkürlich an den Jungen aus dem Jugendzentrum denken, der genau auf diese Weise genickt hatte, die eigentlich nur eins bedeutete: Keine Ahnung.

An diesem Abend ging Alice früh zu Bett, doch wieder fand sie keinen Schlaf. Stattdessen lag sie ausgestreckt auf der Matratze, nur das Licht der Nachttischlampe tauchte ihr Zimmer in einen gedämpften, orangeroten Schein, der Tupfer durch den Lampenschirm an die Decke warf. Alice betrachtete dieses Muster. Schon seit einer Weile versuchte sie, sich auf diese Bewegungen zu konzentrieren, auf den kühlen Lufthauch, der durch das Fenster über ihre Arme strich, auf ihren eigenen Atem. Sie wollte an nichts denken, wollte die Fragen und Zweifel in ihrem Kopf ruhigstellen. Nur für eine Weile. Nur lange genug, damit sie einschlafen konnte. Doch es funktionierte nicht.
   Immer wieder, fast zwanghaft, wiederholte sie im Geiste Flos Worte. Wie Geschwüre hatten sie sich in ihrem Gehirn festgesetzt und wucherten dort schmerzhaft vor sich hin. Missbrauch. Überlebende. Lebensgefahr.
   Plötzlich wurden die Kreismuster an der Decke von einem hektisch zuckenden Schatten überlagert. Er sprang von der Wand in die Mitte des Raums und wieder zurück. Alice setzte sich im Bett auf. Ihr Kopf schmerzte.
   Vor dem Schirm ihrer Nachttischlampe schwirrte eine weißgraue Motte auf und ab. Sie näherte sich dem Licht, dann flog sie wieder ein Stück weg. Alice betrachtete sie fasziniert. Der bebende Körper, das aufgeregte Gezappel, unkoordiniert, panisch. Plötzlich knallte das Insekt gegen das heiße Glas der Glühbirne und fiel senkrecht zu Boden. Die Beinchen zuckten noch ein wenig, doch die Motte flog nicht wieder los. Alice schaltete die Lampe aus.
   Irgendwann nach Mitternacht schlief sie schließlich ein. Sie träumte, barfuß, nur mit ihrem Nachthemd bekleidet, durch den leeren Wohnungsflur zu laufen. Alle Räume lagen im Dunkel, nur durch das Licht der Straßenlaternen erkannte Alice die Umrisse der Wände, Türen und Möbel. Durch die geöffneten Fenster vernahm sie das Rauschen von Blättern im Nachtwind.
   Etwas zog sie in Richtung Wohnzimmer, eine unbestimmte Ahnung, die sie nicht fassen konnte. Sie öffnete die Tür und blickte in den Raum. Auch hier war kein Mensch, alles sah aus wie immer, und auf dem gläsernen Couchtisch spiegelte sich das Mondlicht.
   Plötzlich wusste sie, was sie hierhergeführt hatte: Der Schrank neben dem Fernseher war nicht einfach nur ein Schrank. Dahinter befand sich etwas. Ein Loch in der Wand, das in einen verborgenen Raum führte, und wenn sie die Schranktüren öffnen würde, könnte sie den Durchgang sehen.
   Noch bevor sie den Fuß über die Türschwelle setzen konnte, entglitt ihr die Szenerie, und sie wachte auf.
   Hitze staute sich unter der Bettdecke. Alice schlug sie zurück und setzte sich auf. Sie tastete nach dem Schalter der Nachttischlampe und knipste sie an. Die tote Motte lag immer noch daneben.
   Ein Blick auf den Wecker: drei Uhr nachts. Sie seufzte.
   Eine Weile starrte sie vom Bett aus durch das Fenster auf den Parkplatz vor dem Wohnblock. Die Äste der Bäume bogen sich im Wind, eine Katze schälte sich aus der Dunkelheit, lief ein Stück im Schein der Straßenbeleuchtung und verschwand unter einem parkenden Auto.
   Die Worte ihres Dozenten fielen Alice wieder ein: Wichtig ist, dass es etwas mit Ihnen selbst zu tun hat. Mit Ihrer Biografie. Vielleicht war das neue Projekt eine Möglichkeit, mit diesem ganzen Mist in ihrem Kopf fertig zu werden. Eine künstlerische Auseinandersetzung. Auch, wenn sie noch nicht sicher war, wie genau sie es anpacken sollte, gab der Gedanke ihr Kraft. Alles war besser, als untätig zu bleiben und abzuwarten.
   Alice streckte sich, stand auf und schaltete die Deckenlampe ihres Zimmers an. Gähnend lief sie zu ihrem Schreibtisch und drückte mit der großen Fußzehe den Startknopf des Computers. Während der Rechner hochfuhr, zog sie die Mappe mit den Fotos, die sie aus dem Haus ihres Vaters mitgenommen hatte, aus dem Rucksack. Sie legte die Fotografien, eine neben der anderen, vor sich auf den Tisch und betrachtete sie.
   Kurz nach dem Aufwachen, das hatte sie einmal gelesen, war das Gehirn besonders entspannt und kreativ. Erneut besah sie die Gesichter ihrer ehemaligen Klassenkameraden und das Schulgebäude. Aber es war wie am Nachmittag zuvor: Sie fand keinen Zugang, konnte keine Verbindung herstellen.
   Eine Weile surfte Alice ziellos im Internet herum, checkte ihre Mails und die aktuellsten Threads des Kunstforums, in dem sie aktiv war. Währenddessen manifestierte sich allmählich eine Idee in ihrem Kopf. Wenn sie sich aktiv mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen wollte, brauchte sie Informationen. Mehr Fotos, alte Zeitungen, Gegenstände, Musik von damals. Und sie musste Kontakt zu ehemaligen Klassenkameraden aufnehmen.
   Sie öffnete Facebook und begann, unter dem Reiter »Registrieren« Daten einzutragen. Nicht ihren echten Namen, diese Vorstellung widerstrebte ihr. Sie hatte sich bis zum heutigen Tag davor gescheut, überhaupt einen Account bei dem sozialen Netzwerk anzulegen. Unter Vorname trug sie »LC«, unter Nachname »Brabbelback« ein. Im nächsten Schritt wurde sie dazu aufgefordert, ihr Profil so ausführlich wie möglich auszufüllen. Sie erfand ein paar Daten, gab aber den Namen ihrer ehemaligen Schule und ihr aktuelles Studienfach korrekt an. Als sie fertig war, stellte sie noch sicher, dass nur Personen, die mit ihr befreundet waren, diese Informationen einsehen konnten.
   Zufrieden betrachtete sie das fertige Profil. Die Auskunft über die Schule, die sie bis 2009 besucht hatte, brachte ihr mehrere Vorschläge für User ein, die sie möglicherweise kannte. Personen, die zur selben Zeit dieselbe Schule besucht hatten oder im selben Ort geboren und in ihrem Alter waren.
   Alice kramte ein altes, leeres Notizbuch aus einer Schublade ihres Schreibtisches und begann, ziellos durch die Liste mit Vorschlägen zu scrollen. Manche waren unter Klarnamen registriert und hatten Bilder von sich im Profil hochgeladen. Keins davon löste ein Gefühl in Alice aus, aber das hatte sie auch nicht erwartet.
   Sie glich die Gesichter mit denen auf dem alten Klassenfoto ab. Keine zehn Jahre lagen zwischen der Aufnahme dieses Bildes und denen der verschiedenen Profile, also sollte es möglich sein, jemanden zu erkennen. Und tatsächlich: Nachdem sie über fünfzig verschiedene Profile durchgesehen hatte, standen die Namen von drei Personen auf der ersten Seite des Notizblocks: Ein schwarzhaariges Mädchen, das sich unter dem Namen Isa Belle registriert hatte, ein Junge mit dem Namen Anton Engelsberg sowie ein dritter, der sich Benjamin B. Deutung nannte. Diesen letzten zu erkennen war am einfachsten gewesen – sein Profilbild war anscheinend schon ziemlich überholt, denn er wirkte kaum älter als auf dem Foto, das Alice besaß.
   Sie öffnete ein Word-Dokument und tippte einen Text, mit dem sie die Unbekannten kontaktieren wollte. Mehrmals löschte sie Sätze, formulierte um, löschte wieder. Minutenlang saß sie da, starrte auf den Bildschirm und überlegte.
   Schließlich war sie zufrieden und schickte an alle drei den gleichen Text:
   Hallo! Ich bin’s, Alice. Wir waren zusammen in der Schule. Wie geht es dir so? Was machst du inzwischen? Ich studiere Kunsttherapie und werde hoffentlich nächstes Jahr meinen Abschluss in der Tasche haben. Momentan arbeite ich an einem Projekt zum Thema Erinnerung und sammle dafür Material aus meiner Schulzeit. Hättest du vielleicht Zeit für ein kurzes Telefonat oder einen Besuch? Eventuell hast du ja auch noch ein paar Fotos von damals oder kannst mir die eine oder andere witzige Geschichte erzählen. Ich würde mich freuen, wenn du dich meldest. LG, Alice.
   Ja, dachte Alice. Das konnte sie so lassen.
   Sie schickte den dreien zusammen mit der Nachricht je eine Freundschaftseinladung.
   Ein Blick auf die Uhr verriet, dass sie fast zwei Stunden am Computer gesessen hatte. Zum Glück war heute Samstag, und sie musste nicht früh aus dem Bett. Sie schaltete den Computer und das Licht aus und kroch zurück unter die Decke.
   Ihr war schon ein bisschen wohler. Tatsächlich etwas unternommen zu haben, minderte ihr Gefühl von Hilflosigkeit. Nun musste sie nur noch auf die Antworten warten, und vielleicht würde sich alles schnell aufklären lassen. Dann könnte sie dieses dunkle Kapitel für immer abschließen. Über diesem tröstlichen Gedanken schlief Alice wieder ein.
   Als gegen sieben Uhr der Morgen herandämmerte, lag sie bereits wieder hellwach im Bett. Gegen jede Vernunft hoffte sie, bereits eine Antwort erhalten zu haben, fuhr ihren Rechner hoch und meldete sich bei Facebook an. Doch natürlich hatte keiner der drei ihr innerhalb von zwei Stunden und noch dazu am Samstagmorgen geantwortet.
   Sie zog sich Jogginghose und Sportshirt sowie eine Nylonjacke an und fuhr mit dem Fahrrad Richtung Wald. Dort schloss sie ihr Rad wie immer an der steinernen Bank neben der großen Ulme an und joggte auf ihrer üblichen Route los. Stück für Stück kämpfte sich das Licht durch die Wipfel der Bäume, tauchte den Weg vor Alice in den typischen sanft rosafarbenen Schein des anbrechenden Tages. Das Zwitschern einiger erwachender Vögel begleitete sie auf ihrem Weg.
   Alice genoss die frische, kühle Luft, die Spannung in ihren Muskeln, lauschte ihrem rhythmischen Atem und dem dumpfen pat pat pat ihrer Schritte auf dem Waldboden.
   Sie begegnete niemandem, was ihr nur recht war, denn so konnte sie eintauchen in einen Tunnel aus Nicht-Denken. Wie immer, wenn sie rannte, achtete sie nur auf ihren Körper, ihren Herzschlag, die feinen Schweißtropfen, die von ihrer Stirn herabperlten.
   Sie blieb erst stehen, als sie den Bach erreichte, der ihre übliche Strecke absteckte. Sie setzte sich auf einen Stein am Ufer, schloss die Augen und spürte, wie sich ihr Puls innerhalb weniger Minuten beruhigte. Alice löste den Gummi aus ihren Haaren, fuhr mit den Fingern über ihre angespannte Kopfhaut und lehnte sich rücklings an einen Baumstamm.
   Die Sonne war höher gestiegen, mehr und mehr Vogelstimmen mischten sich in das Flüstern des Waldes, das Knacken von Ästen, das Hämmern und Rascheln. Zum ersten Mal seit dem Flashback in der Gasse vor zwei Tagen fühlte sich Alice wieder stark und lebendig.
   Sie betrachtete die Bewegungen des Wassers im Bach, wie es sich um Steine und Äste wand und kleine Strudel bildete. Mit geschlossenen Augen lauschte sie dem Plätschern und Rauschen.
   Für den Bruchteil einer Sekunde zeichnete sich auf dem Dunkel ihrer geschlossenen Lider ein Bild ab. Die schwarze Silhouette eines Vogels, stark stilisiert. Einen Atemzug später war der Umriss verschwunden. Alice öffnete die Augen, schloss sie wieder, doch das Bild kehrte nicht zurück.
   Langsam stand sie auf und joggte den Weg zurück. Der Vogelumriss ging ihr nicht aus dem Kopf. Diese Silhouette war das erste Bruchstück aus ihrer Vergangenheit, bei dem ihr nicht kalt und übel geworden war. Im Gegenteil. Etwas daran hatte sich gut angefühlt.
   Irgendwie vertraut.
   Als Alice mit dem Fahrrad zurückfuhr, stand die Sonne schon deutlich höher am Horizont. Sie lenkte in eine Straße wenige hundert Meter entfernt von ihrer WG und stellte das Fahrrad vor ihrer Stammbäckerei ab. Die junge Verkäuferin grüßte Alice freundlich, sie schwatzten kurz, und ein paar Minuten später verließ Alice den Laden mit einem Beutel voller Brötchen.
   Zurück in ihrer Wohnung führte ihr erster Weg sie nicht wie üblich direkt zur Kaffeemaschine, sondern an den Computer. Ungeduldig trat sie neben dem Schreibtisch hin und her, während der Rechner hochfuhr, dann öffnete sie sofort Facebook und loggte sich ein. Tatsächlich. Die Statusleiste in der oberen rechten Ecke verkündete eine neue Nachricht. Mit klopfendem Herzen öffnete Alice das Fenster.
   »Verzichte«, hatte Isa Belle geschrieben. Mehr nicht. Nur dieses eine Wort. Ungläubig las Alice es wieder und wieder. Sie klickte in das Antwortfenster und wollte zurückschreiben, doch ihre Finger schwebten nur regungslos über der Tastatur.
   Verzichte. Genauso gut hätte Isabelle schreiben können: Fick dich. Was sollte man darauf schon antworten?
   Mit einem unangenehmen Ziehen in der Brust schlurfte Alice in die Küche und brühte sich einen Kaffee auf. Sie war nicht sicher, ob sie traurig oder wütend sein sollte. Offensichtlich war Isabelle nicht gerade ein Fan von ihr … Unwillkürlich dachte Alice an die Mädchen vor der Schule, die über sie getuschelt hatten. War Isabelle eine von ihnen gewesen? Sie war sich nicht sicher. Die Erinnerung an die Gesichter war bereits wieder verblasst.
   Nachdenklich schmierte Alice einige Brötchen mit Frischkäse und Nutella und trug sie zusammen mit dem Kaffee auf einem Tablett an ihren Schreibtisch. Noch einmal betrachtete sie das Wort, diese vor Ablehnung triefende Nachricht ihrer ehemaligen Klassenkameradin, dann loggte sie sich aus.
   Den Nachmittag verbrachte Alice damit, für ihre Hausarbeit über Kunsttherapie bei sexuellem Missbrauch zu recherchieren. Dafür suchte sie online und in einigen Fachzeitschriften aus der Bibliothek Informationen über sexuelle Gewalt, Entstehungszusammenhänge und typische Folgen. Obwohl es nicht das erste Mal war, dass sie sich im Kontext ihres Studiums mit diesem Thema auseinandersetzte, fiel es ihr dieses Mal viel schwerer, das Ganze aus einer wissenschaftlich distanzierten Perspektive zu betrachten. Immer wieder las sie Worte wie »Trauma«, »Depression«, »Posttraumatische Belastungsstörung« und schließlich – wie konnte es anders sein – »Dissoziative Störungen«.
   Sie schluckte. Wie oft hatten sie in Seminaren darüber diskutiert, warum es für viele Betroffene eine solche Hürde darstellte, sich professionelle Hilfe zu suchen. Nun erfuhr Alice zum ersten Mal am eigenen Leib, warum das so war.
   Kurzentschlossen minimierte sie das Fenster mit ihren Recherchenotizen und begann damit, psychotherapeutische Praxen aus ihrer Umgebung zu googeln. Schließlich schrieb sie vier verschiedene Telefonnummern in das Notizbuch, direkt unter die Facebook-Namen und die Silhouettenzeichnung des Vogels, die sie aus dem Gedächtnis skizziert hatte. Gleich am Montag würde sie sich einen Termin geben lassen.
   Das Klingeln des Handys riss Alice aus ihren Gedanken. Als das Wort »Papa« auf dem Display erschien, nahm sie den Anruf an.
   »Hi«, sagte sie.
   »Hallo Alice.« Er klang besorgt.
   »Was ist?« Alice bemühte sich, nicht den Eindruck zu erwecken, es gäbe irgendeinen Anlass zur Sorge.
   Sie stand von ihrem Schreibtischstuhl auf und begann, im Zimmer auf und ab zu gehen – beim Telefonieren konnte sie nie still sitzen.
   »Warst du bei mir im Haus?« Die Frage traf sie so unerwartet, dass sie nicht gleich antworten konnte. Sie überlegte kurz, ob sie lügen sollte, entschied sich aber dagegen. »Äh … ja.« Irgendwie unheimlich, dass er es sofort bemerkt hatte. Sie konnte nur unbedeutende Kleinigkeiten verändert haben – die Badezimmertür einen Spalt breit offen gelassen, ein paar Tropfen Wasser über den Waschtisch verspritzt, einen Schluck Orangensaft aus dem Kühlschrank getrunken?
   »Du warst ewig nicht bei mir. Dann kommst du und sagst nichts.« Es klang nicht wie eine Anklage, eher wie eine Feststellung. »Ist irgendwas passiert?«
   Alice verließ ihr Zimmer und lief in die Küche. Erneut wog sie Lüge gegen Wahrheit ab. »Nein, nichts Besonderes. Ich …«, sie öffnete den Kühlschrank, holte eine Flasche Wasser heraus und goss sich ein Glas ein. »Ich habe nach alten Fotos gesucht. Ich brauche sie für ein Projekt an der Uni.« Sie war froh, diese Klippe umschifft zu haben. Sie mochte es nicht, andere Menschen direkt anzulügen.
   »Du hättest mir Bescheid sagen können, dann wäre ich früher von der Arbeit heimgekommen.«
   »Ja, na ja, tut mir leid. Ich hatte selbst nicht viel Zeit und wollte wirklich nur die Fotos abholen.«
   Er atmete hörbar aus, doch er sagte nichts dazu. War er verletzt? Alice trat hinaus auf den Balkon. Die warme Nachmittagssonne ließ die Blätter der Kastanienbäume rot aufleuchten.
   »Wie geht es dir so? Irgendwas Neues von dieser Zahnarzthelferin?«, wechselte Alice das Thema. Vor einigen Monaten hatte ihr Vater erzählt, dass er sich mit einer Frau traf. Alice versuchte, sich für ihn zu freuen. All die Jahre seit dem Tod ihrer Mutter war er allein gewesen.
   »Ja, wir treffen uns noch gelegentlich«, antwortete er ausweichend. »Alice, ist wirklich alles okay? Wenn du Probleme hast …«
   Den Rest des Satzes hörte Alice nicht mehr. Unwillkürlich hielt sie das Handy ein Stück von ihrem Ohr weg, denn plötzlich war da die Stimme ihres Vaters in ihrem Kopf, nur ein wenig anders. Eine Stimme aus einer früheren Zeit. Alice, ist wirklich alles okay bei dir? Die Bäume und der Himmel verloren ihre Konturen, stattdessen sah Alice pastellfarbene Kachelfliesen über einem alten Ofen und …
   »Papa, ich muss Schluss machen!«, rief sie noch, wischte den Anruf weg, dann schleuderte die Erinnerung sie in die Dunkelheit.

Sie steht mit zitternden Knien auf einer Türschwelle. Der Boden unter ihren Füßen besteht aus winzigen Karofliesen. Sie hebt den Blick und sieht ins Innere einer engen Schlauchküche. Am Fenster gegenüber steht ihr Vater. Er hat ihr den Rücken zugewandt.
   Auf dem Tisch, den Arbeitsplatten, in der Spüle und selbst auf den Fensterstöcken stapeln sich Geschirr, leere und halb volle Flaschen, eine aufgerissene Milchtüte, ein Müslikarton, Schneidbretter, Töpfe, ein randvoller Aschenbecher … Es sieht aus, als hätte jemand einfach alles aus den Schränken herausgerissen und dann beschlossen, es gleichmäßig in der Küche zu verteilen.
   Vorsichtig macht sie einen Schritt in den Raum hinein. In diesem Augenblick dreht sich ihr Vater zu ihr um.
   »Alice.« Das ist alles. Keine Freude, keine Fragen, keine Wut.
   »Alice, was ist da eigentlich passiert?« Er zieht aus dem Wirrwarr auf dem Küchentisch ein gefaltetes Blatt hervor, offensichtlich ein Brief. Die Szenerie verschwimmt für einen Augenblick, Worte werden zu weißem Rauschen. Dann wieder die Stimme des Vaters, schwach und hilflos aus der Dunkelheit: »Du musst aufpassen, sonst werfen sie dich noch von der Schule.«
   »Keine Sorge, Papa, ich pass schon auf mich auf.«
   »Es schneit«, sagt er. »Es schneit schon den ganzen Tag.«
   Blitze zerteilen die Dunkelheit, Umrisse der Küche tauchen wieder auf. Jetzt ist nur noch Klirren und Rumpeln zu hören. Keine Stimmen mehr. Haferflocken, Nüsse und Schokostücke regnen prasselnd auf den Boden herab.
   »Scheiße! Ich hasse dieses verlogene Dreckskaff!«
   Ein ohrenbetäubendes Scheppern hallt durch die Küche, Aschewolken wabern wie gleichgültige Geister durch die Luft.

»Alice?« Ihre Beine gaben nach, sie kippte nach vorn und schaffte es erst in letzter Sekunde, sich am Balkongeländer abzufangen. Die Erinnerung war so plötzlich abgebrochen, als hätte jemand einen Filmstreifen mit einer Schere durchgeschnitten.
   »Alice, was ist los?«
   Sie drehte sich um. An der Balkontür stand Flo und blickte sie fragend an.

Kapitel 3
Durch dichten Nebel

Er starrte auf die eng bedruckten Seiten des Wälzers in seinen Händen. Seit Minuten fixierte er dieselbe Textstelle, las sie wieder und wieder, ohne ein Wort davon zu verstehen.
   Etwas störte seine Konzentration: ein Staubkrümel. Er hatte sich in einer Ecke seiner Brille festgesetzt und zog den Blick auf sich wie ein winziger Haarriss auf der Hornhaut. Die Therapeutin hatte ihm gesagt, er solle es aushalten, so lange wie möglich. Gegen den inneren Zwang ankämpfen. Aber er musste diesen Text lesen, das war wichtig. Er konnte nicht noch mehr Zeit verschwenden.
   Behutsam setzte er die Brille ab, zog das weiße Mikrofasertuch aus dem Etui und begann, mit kreisenden Bewegungen die Gläser abzureiben. Sanfter Druck, gleichmäßig. Einmal, zweimal, dreimal. Blinzelnd hielt er die Brille gegen das Licht, fand einen neuen winzigen Fleck ganz am Rand, rieb weiter. Minuten verstrichen, bis er zufrieden war und das Glas makellos durchsichtig.
   Er setzte die Brille wieder auf und packte das Tuch zurück, doch nun waren seine Hände schmutzig. Also ging er ins Badezimmer, drehte den Wasserhahn auf und hielt seine Hände unter den Strahl. Nur lauwarm, seine Fingerkuppen waren schon wieder rot und schwielig. Während er die Nägel mit seiner Bürste und viel Seife schrubbte, zählte er die winzigen Wasserflecke auf dem Spiegel. »Einer, zwei, drei …«, flüsterte er.
   Hör auf, schalt er sich noch in derselben Sekunde und biss sich auf die Lippe. Aber er konnte nicht. Erst, als er wusste, dass es siebzehn Flecke waren – die stecknadelkopfgroßen mit eingerechnet – konnte er seine Hände abtrocknen und zurück ins Wohnzimmer gehen. Er klappte das Buch erneut auf, fand die Textstelle rasch wieder. Doch auch jetzt schaffte er es nicht weiter als drei Sätze, bis seine Gedanken wieder abschweiften.
   Heute war ein besonders schlimmer Tag. Einer dieser Tage, an denen er überhaupt nicht mehr funktionierte. Jedes Mal, wenn er sich durch solche Tage kämpfte, nagte die Angst an ihm, dass aus Tagen Wochen werden könnten, Monate und Jahre. Dass dann die Hülle, die ihn zusammenhielt, Risse bekäme und er beginnen würde zu zerfließen.
   Er blickte nach draußen. Dichter Nebel verschlang die Welt und drückte sich von allen Seiten gegen die Fenster. Der Himmel war weit weg. Es wurde kalt.

*

Alice drehte sich noch einmal auf die andere Seite und zog die Bettdecke bis zur Nasenspitze. Blinzelnd sah sie aus dem Fenster. Kein Sonnenstrahl drang durch den dichten Nebel, der die Kronen der Bäume umhüllte. Durch das fehlende Licht wirkte die Welt wie farb-entsättigt. Selbst das letzte Laub an den Zweigen ließ die Töne von Rot, Gelb und Braun nur noch erahnen.
   Sie rieb sich die Augen, streckte sich und zog mit größter Willenskraft die Decke von ihrem Körper. Sie schlurfte ins Bad und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel. Ihre Haare waren so unmöglich zerzaust wie jeden Morgen, aber ihr Gesicht wirkte nicht mehr ganz so blass, sie ähnelte wieder mehr sich selbst.
   Fünf Tage waren vergangen, seit die letzte Erinnerung über sie hereingebrochen war. Lediglich die Vogelsilhouette war noch mehrmals kurz über ihre Netzhaut geblitzt.
   Alice kämmte ihre Haare und band sie zu einem straffen Zopf. Eine besonders widerspenstige Strähne klemmte sie mit einer Haarnadel hinter ihrem Ohr fest.
   Nachdem sie sich die Zähne geputzt hatte, ging sie zurück in die Küche, kochte sich einen extra starken Kaffee und schaltete das Radio auf einen dieser hyperaktiv-fröhlichen Sender, um munter zu werden. Mit der Kaffeetasse setzte sie sich an den Schreibtisch und startete ihren Rechner. Sie scrollte durch die neuesten Beiträge ihres Kunstforums, checkte ihre E-Mails und rief, ohne jegliche Erwartung, Facebook auf.
   Alice zuckte zusammen. Ein Spritzer Kaffee landete auf dem Tisch, knapp neben der Tastatur. Augenblicklich war sie hellwach. Auf der Statusleiste am oberen Bildschirmrand leuchtete eine rote Eins. Sie hatte eine neue Nachricht erhalten.
   Alice klickte darauf, aber – das war ja seltsam – die Nachricht stammte von keiner der drei Personen, die sie vor einer Woche angeschrieben hatte. Neben einem Avatar, der den Baum der Evolution von Darwin zeigte, stand der Name »Oliver K.« Die Nachricht lautete: »Findest du das vielleicht witzig?« Kein Smiley, das die Schärfe der Worte entkräftet hätte.
   Alice unterdrückte den Impuls, direkt eine Frage zurückzuschreiben. Stattdessen kramte sie ein Taschentuch aus ihrem Rucksack, um den Kaffee vom Schreibtisch zu wischen. Dann rollte sie auf ihrem Drehstuhl zum Fenster und dachte nach, während sich ihr Blick in dem eintönigen Grau des Himmels verfing. Eine Gruppe von Krähen saß bewegungslos wie steinerne Statuen auf den Ästen der Birke am Rand des Parkplatzes, die Umrisse aufgeweicht vom dichten Nebel.
   Schon die zweite negative Reaktion. Wenn sie die tuschelnden Mädchen vor dem Schulgebäude dazurechnete, sogar drei. Dann noch der Brief von der Schule an ihren Vater. Alice’ Blick glitt an ihrem Körper hinab. Sie betrachtete die feine Narbe an ihrem Unterarm. Die Narbe, deren Herkunft ein Geheimnis war.
   Vielleicht hatte sie in eine falsche Richtung gedacht. Sie war davon ausgegangen, dass das Schlimme – was auch immer es gewesen sein mochte – ihr zugestoßen war. Doch … Sie krampfte ihre Hände in den Stoff des Drehstuhlsitzes. Was, wenn sie nicht Opfer, sondern Täterin war? Der Gedanke hatte unterschwellig schon seit Tagen in ihr geschlummert, doch nun traute sie sich zum ersten Mal, ihn klar zu formulieren. Übelkeit kroch ihre Speiseröhre hinauf. Hatte deshalb nie jemand aus der Schule versucht, Kontakt zu ihr aufzunehmen?
   Alice wandte den Kopf wieder dem Bildschirm zu. Neben dem Evolutions-Avatar war ein grüner Punkt erschienen, der anzeigte, dass Oliver jetzt online war.
   Hektisch rollte sie zurück an den Schreibtisch, las seine Frage noch einmal und versuchte, sich in seine Lage zu versetzen. Etwas machte ihn wütend. Sie hatte etwas getan, das ihn wütend gemacht hatte. Nur wusste sie nicht, was.
   Mit zittrigen Fingern tippte sie die Worte: »Nein. Entschuldige bitte« in das Nachrichtenfenster und schickte sie ab. Sie starrte auf den Bildschirm. Würde er ihr antworten?
   Da poppte eine neue Mitteilung auf.
   Oliver K.: Wieso hast du dann diese Nachricht an Benjamin geschickt? Was sollte das?
   LC Brabbelback: Das war echt blöd von mir, sorry. Ich habe dieselbe Nachricht an alle ehemaligen Klassenkameraden in meiner Liste rausgeschickt.
   Warum auch immer er sauer war, dass sie ausgerechnet Benjamin B. Deutung angeschrieben hatte, diese Erklärung würde ihn hoffentlich besänftigen.
   Oliver K.: Okay, verstehe. Denk einfach nächstes Mal darüber nach, was du machst, ja?
   LC Brabbelback: Klar, entschuldige bitte.
   Alice’ Gedanken rasten. Sie kreuzte die Finger unter dem Tisch, dass das Gespräch damit nicht beendet war. Und tatsächlich, er schrieb ihr erneut.
   Oliver K.: Hast du denn schon Material für dein Projekt bekommen?
   LC Brabbelback: Nein, leider meldet sich niemand. :-(
   Oliver K.: Worum geht es in diesem Projekt so richtig?
   Alice’ Herz klopfte schneller. Der erste Mensch aus ihrer Jugendzeit, der ihr nicht komplett negativ gegenüberstand. Jemand, der ihr vielleicht helfen würde!
   LC Brabbelback: Es ist ein Projekt, bei dem man mit Hilfe von Kunst etwas über sich selbst herausfinden soll. Ich möchte ein paar Sachen von damals aufarbeiten. Dinge, die mich heute noch beschäftigen.
   Zu gewagt? Aber sie musste sein Interesse wecken. Immerhin waren ihre Sätze so vage, dass er irgendwie alles hineininterpretieren konnte. Vorausgesetzt, er wusste überhaupt etwas.
   Nachdem Oliver einige Minuten lang nicht geantwortet hatte und es Alice vor Anspannung fast zerriss, setzte sie nach.
   LC Brabbelback: Könnten wir uns vielleicht mal unterhalten?
   Oliver K.: Okay. Du kannst vorbeikommen, wenn du willst.
   Alice sprang von ihrem Stuhl auf und klatschte mit der Hand auf den Schreibtisch. Dann beeilte sie sich, zu antworten.
   Er wohnte immer noch in Sassheim. Sie vereinbarten ein Treffen am nächsten Tag. Alice bedankte sich nochmals, und sie setzten sich gegenseitig auf die Freundesliste.
   Erst, als er bereits offline war, schaute sie sich sein Profil genauer an. Er hatte es nur flüchtig ausgefüllt, ein paar Fotos von Tieren und Jagdgewehren, ein paar verlinkte Musikclips. Zuletzt fiel Alice noch sein Geburtsdatum auf: 1989. Seltsam, er war fast drei Jahre älter als sie. Er konnte unmöglich mit ihr in dieselbe Klasse gegangen sein.

Am Sonntagmorgen bat Alice Flo, ihr sein Auto zu leihen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln dauerte es eine halbe Ewigkeit, um nach Sassheim zu kommen.
   Flo zuckte bejahend mit den Schultern, er ließ Alice gern sein Auto benutzen, da sie es ihm jedes Mal sauberer zurückbrachte als es vorher gewesen war und er ohnehin nur selten damit fuhr.
   »Was willst du dort? Hast du einen Plan?«, fragte er, während sein Blick zwischen ihr und dem Bildschirm seines Fernsehers hin und her wechselte, an dem er gerade ein Ego-Shooter-Spiel auf der PlayStation zockte.
   Alice erzählte ihm von Oliver und dem geplanten Treffen. »Außerdem«, fügte sie hinzu, »möchte ich auch das Grab meiner Mutter besuchen. Vielleicht löst der Anblick irgendwas aus.«
   Flo drückte ein paar Knöpfe, der Kopf eines Soldaten zerplatzte in einer Blutfontäne, dann schaltete er in den Pause-Modus. Er legte den Controller beiseite und wandte sich zu Alice um. »Meinst du, das ist eine gute Idee? Du kennst den Kerl doch gar nicht.«
   »Ja, aber ich kenne eigentlich niemanden von damals. Wie soll ich meine Erinnerungen sonst zurückbekommen?«
   »Hast du versucht, einen Termin bei einem Psychotherapeuten zu kriegen?«
   Alice biss sich auf die Lippe. Sie hatte herumtelefoniert, aber wenn sie ehrlich war, ohne allzu großen Nachdruck. »Ich hab in fünf verschiedenen Praxen angerufen. Die Wartezeit geht bei fünf Monaten los. Auf keinen Fall werde ich in der Zwischenzeit einfach nur Däumchen drehen.«

Normalerweise brauchte man für die zweihundert Kilometer bis nach Sassheim gut zwei Stunden. Doch der Nebel, der bereits am Tag zuvor die Häuser auf der anderen Straßenseite hinter Milchglas gebannt hatte, war noch dichter geworden. Er schien aus der Erde selbst emporzusteigen und wie ein giftiges Gas in jeden Winkel zu kriechen. Selbst auf der Autobahn konnte Alice nicht schneller als achtzig fahren, dabei orientierte sie sich an den roten Rücklichtern des Lastwagens vor ihr.
   Das letzte Stück nach Sassheim führte eine hügelige Landstraße entlang, zu beiden Seiten erstreckten sich Wiesen und Felder, eingehüllt in dichte Nebelschleier. Eine Gänsehaut breitete sich auf Alice’ Armen aus. Es war eigenartig, hier zu sein. Seit dem Wegzug hatte sie nur wenige Male einen Fuß in das Dorf gesetzt, um das Grab ihrer Mutter zu besuchen. Und jedes Mal war sie nach Einbruch der Dämmerung gekommen, um möglichst niemandem zu begegnen. Der Friedhof wurde glücklicherweise nicht abgesperrt.
   Schließlich erreichte sie die Weidenallee, in die Flos Navigationssystem sie gelotst hatte, eine Pflasterstraße zu deren rechter Seite sich Bauernhäuser reihten, hin und wieder auch ein Stall oder ein größeres Stück Wiese. Links schwebte das dünne Band eines Weidezauns am Fenster vorbei.
   Obwohl es noch nicht einmal vier war, drang die Sonne kaum durch die dichte Wolkendecke und den Nebel, sodass sich eine bleierne Düsternis über die Umgebung gelegt hatte. An einem sonnigen Oktobertag hätten die aus roten Ziegeln gemauerten Bauernhäuser mit ihren Walmdächern wahrscheinlich freundlich gewirkt. Doch während Alice nun im Schritttempo an ihnen vorbeizockelte, um durch den dichten Nebel die Hausnummern zu erkennen, gingen ihr nur Bilder von verlassenen Dachstühlen und Ungeziefer durch den Kopf.
   Gleichgültig verkündete das Navi: »Sie haben Ihr Ziel erreicht.« Alice lenkte den Wagen an den Straßenrand und stellte ihn dort ab. Als sie aus dem angenehm warmen Auto ausstieg, kroch die Herbstkälte augenblicklich durch den Kragen ihrer Jacke ihren Rücken hinunter. Sie fröstelte, schloss das Auto ab und stapfte über das Pflaster zu dem Haus mit der Nummer elf. Die beiden erleuchteten Fenster im Erdgeschoss strahlten wie die Augen eines riesigen Tieres durch den Nebel. Vor der Tür straffte sie sich, zog bewusst die Schultern zurück und atmete mehrmals tief durch.
   Warum war sie so nervös? Er war nur irgendein Typ aus ihrer früheren Schule. Er wusste nicht, was mit ihr los war, und sie würde es ihm auf keinen Fall sagen. Das würde nur dazu führen, dass er sie für eine Lügnerin hielt, die sich wichtigmachen wollte – oder für eine komplett Verrückte.
   Alice betätigte den Klingelknopf über dem Schild, auf dem »Familie Kohl« in geschwungenen, offenbar handgeschriebenen Buchstaben stand. Sie hörte es drinnen schrillen, ein unangenehmer Ton. Unruhig trat Alice von einem Bein aufs andere, bis schließlich ein Schatten hinter dem gemusterten Glasfenster erschien und die Tür geöffnet wurde.
   Vor ihr stand ein junger Mann mit schwarzer Hornbrille. Dunkle, kinnlange Haare hingen ihm leicht zerzaust in die Stirn. Der Drei-Wochen-Bart und das karierte Oberteil rundeten das Bild eines typischen Hipsters ab – hätte Alice nicht gewusst, dass es so etwas wie Hipster in einem Kaff wie Sassheim nicht gab.
   Ernst blickte er sie an. »Hallo.« Seine Stimme klang dunkel und rau, als hätte er sie lange nicht benutzt. »Alice?«
   Sie nickte, und er öffnete die Tür ein Stück weiter. »Pantoffeln sind neben dem Schuhregal.«
   Alice folgte ihm nach drinnen, hängte ihren Mantel an der Garderobe auf und holte sich die besagten Schlappen, die sie unwillkürlich an ihre Großmutter erinnerten.
   Im Haus war es kaum wärmer als draußen, und Alice befürchtete schon, sich bei diesem Besuch eine üble Erkältung einzufangen, doch dann führte Oliver sie in das geräumige Wohnzimmer, in dem ein Holzofen Wärme spendete.
   Er bot ihr einen Stuhl nahe dem Ofen an. »Möchtest du was trinken? Kaffee, Tee?« Er taxierte sie mit einem Blick, aus dem Interesse und Misstrauen gleichermaßen herauszulesen war. Nicht einmal zur Begrüßung hatte er ihr ein Lächeln geschenkt.
   »Ein Tee wäre nett.«
   Wortlos verließ er den Raum. Von nebenan hörte Alice das Klappern von Geschirr und das Brausen eines Wasserhahns. Sie strich sich über die Oberarme, rückte mit dem Stuhl noch ein Stück näher zum Ofen und nutzte den Moment des Alleinseins, um sich im Wohnzimmer umzusehen. Unweit des Ofens stand ein Regal voller Bücher, hauptsächlich Kriminalromane und Naturbildbände. An der Wand hingen vier gerahmte Bilder eines kleinen Ladens, jedes Mal dieselbe Perspektive, aber offenbar aus verschiedenen Jahrzehnten seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Das Gebäude kam Alice bekannt vor, es musste irgendwo in Sassheim stehen.
   Gegenüber waren zwei große Hirschgeweihe an der Wand platziert. Im Flackern des Feuers tanzten die Schatten der Achtender wie feingliedrige Hände über die Tapete. In Sassheim gab es viele Familien, in denen die Jagd noch Tradition hatte. Alice’ Blick fiel auf einen schmalen Metallschrank in der hintersten Ecke des Wohnzimmers. Er wirkte wie ein Fremdkörper in dem ansonsten altmodisch eingerichteten Raum. Ein glattweißer Schrank ohne jegliche Verzierungen, mit einem flachen, runden Verschluss an der Vorderseite, hinter dem sich, wie Alice wusste, ein Zahlenschloss verbarg. Ein Waffenschrank.
   Aus der Küche hörte sie Olivers Schritte. Er trat über die Schwelle, ein Tablett mit zwei dampfenden Tassen in den Händen. Wortlos hielt er es ihr hin, und Alice nahm angespannt ihre Tasse Tee entgegen.
   »Danke.«
   Er stellte das Tablett auf dem Tisch ab und setzte sich ihr gegenüber in einen Sessel.
   Da er nach wie vor nichts sagte, beschloss Alice, die Initiative zu ergreifen. »Also, was machst du inzwischen so?« Sie zwang sich zu einem Lächeln.
   Er runzelte die Stirn. Etwas an der Frage schien ihm komisch vorzukommen – oder bildete sie sich das ein? Er ließ sich Zeit. »Ich habe den Laden übernommen. Vater ist zu krank, um weiter dort zu arbeiten«, sagte er schließlich.
   »Oh, das tut mir leid.« Alice hob die Tasse an ihren Mund und atmete den intensiven Geruch nach Minze ein. Sie pustete, dann nahm sie einen vorsichtigen Schluck. Es schmeckte komisch, etwas bitter, was sie von Pfefferminztee nicht kannte. Vielleicht benutzte Oliver künstliche Süßungsmittel. Im Ofen knackte laut ein Holzscheit. »Also«, bemühte sie sich, den Faden wieder aufzunehmen, »das Haus ist wirklich schön. Wohnst du ganz allein hier?«
   Er schüttelte den Kopf. »Vater schläft oben.« Keine weitere Erklärung, kein und wie läuft’s bei dir so?, kein du hast dich ja ganz schön verändert. Nichts.
   Alice schloss ihre Hände fester um die Tasse. Was sollte sie als Nächstes sagen? Sie nahm noch einen Schluck von dem bitteren Tee und fragte sich plötzlich, was sie sich überhaupt von diesem Gespräch erhofft hatte.
   Eine Weile sprach keiner von ihnen ein Wort. Irgendwann hob Oliver den Blick und sah ihr direkt in die Augen.
   »Klartext jetzt. Was willst du wirklich?«
   Sie zuckte unter der Frage zusammen. Mit so einer forschen Ansage hatte sie nicht gerechnet. Ihre Gedanken rasten. Die Antwort musste unverfänglich sein, irgendwie gleichzeitig alles und nichts aussagen. Sie beschloss, nicht von ihrer Geschichte abzuweichen. Je weniger sie log, in umso weniger Widersprüche konnte sie sich verstricken.
   »Ich habe es dir schon geschrieben. Mich lässt manches nicht los, was damals passiert ist. Das Projekt ist eine sehr persönliche Sache.« Erleichtert stellte sie fest, dass es ihr gelang, ihre Stimme ehrlich und Vertrauen erweckend klingen zu lassen.
   Oliver verengte die Augen und taxierte sie weiterhin. »Ja, du sagtest, du willst Dinge aufarbeiten.« Er senkte den Blick wieder auf seine Tasse und starrte nachdenklich hinein.
   Alice rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. Er wusste irgendetwas, ganz sicher. Das hier würde keine fröhliche kleine Nostalgie-Unterhaltung über alte Zeiten werden.
   »Du hast geschrieben, es gäbe Dinge, die dich heute noch beschäftigen.« Dass er ihre Worte eins zu eins wiedergab, beunruhigte sie. Wie oft hatte er sich den Chatdialog durchgelesen?
   »Hat sich seit damals etwas geändert an deiner Sicht auf die Dinge?« Eindringlich starrte er sie an.
   »Sicher«, erwiderte sie vorsichtig, »man wird älter und gewinnt Abstand, und dann bewertet man manches neu.«
   »Das habe ich nicht gemeint.« Da war Ungeduld in seiner Stimme, als dächte er, sie würde sich absichtlich blöd stellen.
   Alice ließ sich Zeit, sie musste jetzt umso mehr jedes Wort abwägen. »Was hast du denn gemeint?« Sie versuchte zu klingen, als wüsste sie natürlich genau, wovon er sprach, wollte es aber von ihm selbst hören.
   Er beugte sich im Sessel vor und verschränkte die Hände ineinander. Sein Gesicht war ihrem nun näher, zu nah.
   »Hast du eine neue Information bekommen, die etwas … etwas, das passiert ist, in ein neues Licht gerückt hat?« Sein Blick schien sie zu durchbohren, eine Dringlichkeit lag darin, die jeden Zweifel in Alice fortspülte, sie könnte sein Verhalten überinterpretieren. »Oder …«, fuhr er fort, »hast du dich an ein Detail erinnert, das deine Sicht darauf verändert hat?«
   Ihre Sicht auf was? Gott, sie sollte ihn einfach fragen. Aber das ging nicht. So, wie er sich an sie wandte, ging es offensichtlich um etwas, das sie wissen musste. Wenn sie ihn danach fragte, würde er annehmen, dass sie die Dumme spielte und ihn verschaukeln wollte. Das konnte sie nicht riskieren.
   »Nein. Nichts dergleichen.«
   Eine Sekunde lang dachte sie, er würde sich auf sie stürzen. Dann wich mit einem Mal die Anspannung aus seinem Körper. Er sank auf seinem Stuhl zusammen und wandte das Gesicht von ihr ab.
   »Verstehe«, sagte er, nun leiser. Er sah aus dem Fenster ins Innere des Nebels, der das Haus jetzt komplett eingehüllt hatte. »Also wolltest du mir wirklich nichts damit sagen.«
   »Womit?«, wagte sie, nachzuhaken.
   Er antwortete nicht, schüttelte bloß den Kopf.
   »Ich wollte wirklich nur ein bisschen reden. Wegen meines Projektes. Tut mir leid, wenn ich …«
   »Geh jetzt, bitte«, sagte er scharf.
   »Was? Aber …« Scheiße, sie war doch nicht zwei Stunden hierhergefahren, um sich jetzt so einfach abwimmeln zu lassen!
   »Geh!« Seine Stimme war wieder lauter geworden. Düster starrte er an ihr vorbei in den Nebel vor den Fenstern.
   Seine Haltung verriet nur zu deutlich, dass das Gespräch für ihn beendet war. Mit zittrigen Knien stand Alice von ihrem Stuhl auf. »Danke für den Tee«, sagte sie, lief in den Flur zurück, zog ihre Schuhe und die Jacke an und verließ Olivers Haus.
   Erst als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel und sie einige Schritte in Richtung Straße getan hatte, konnte Alice wieder frei atmen. Sie sog tief die kalte, feuchte Luft ein, drehte sich noch einmal zu dem Haus um. Er war ihr nicht gefolgt.
   Mit immer noch unsicheren Schritten kehrte sie zurück zu Flos Wagen und ließ sich auf den Fahrersitz fallen.
   Was auch immer sie erwartet hatte, als sie zu Oliver aufgebrochen war – das war es nicht gewesen. Sie warf einen Blick aus dem Autofenster zur Eingangstür, dann zu dem erleuchteten Fenster daneben, dessen Umriss im Nebel verwischte. Ob er da drinnen stand und wartete, bis sie losfuhr? Ein Zittern ging durch ihren Körper, sie war nicht sicher, ob vor Kälte oder Furcht.
   Alice startete den Motor und blieb noch einige Minuten lang sitzen, bis sich das Innere des Wagens erwärmt hatte. Sie kehrte auf der schmalen Straße um und fuhr zurück, Richtung Friedhof.
   Er lag an einer schnurgeraden Straße, nur wenige Meter vor dem Ortsausgang, versteckt hinter einer Hecke aus dicht gewachsener Eibe. Alice parkte den Wagen direkt neben dem mannshohen eisernen Tor. Es quietschte laut, als sie es öffnete und hindurchtrat.
   Sie nahm den direkten Weg, vorbei an einigen frischen Gräbern, die wohl erst vor Wochen ausgehoben worden waren. Auf einigen lagen Blumensträuße: weiße Rosen, Lilien und Calla. Kränze mit weißem Stoffband, darauf die blutrote Aufschrift: »Unvergessen.«
   Alice beschleunigte ihre Schritte, stieg einige Stufen hoch zum älteren Teil des Friedhofs. Neben ihr erhob sich die alte Backsteinmauer, die diesen Bereich des Friedhofs vom Waldrand trennte. Ihr Blick glitt die Mauer entlang nach hinten, wo Reihen um Reihen von Gräbern im Nebel verschwanden.
   Seltsam … Da prangte schwarze Schrift auf den roten Backsteinen, nicht unweit von der großen Esche, unter der sich das Grab ihrer Mutter befand. War ihr die Schrift vorher nie aufgefallen oder hatte jemand sie seit ihrem letzten Besuch angebracht? Alice trat näher, es schien sich um das Werk eines Sprayers zu handeln.
   Wahrlich, keiner ist weise,
   der nicht das Dunkel kennt,
   das unentrinnbar und leise
   von allem ihn trennt.
   Sie schauderte. Plötzlich hatte sie das Gefühl, dass jemand hinter ihr stand. Sie wandte sich um, doch nur Nebelschwaden zogen gleichgültig über die Gräber dahin. Noch einmal las Alice die Zeilen. Hermann Hesse, seit wann waren Sprayer so poetisch? Kälte breitete sich in ihrem Bauch aus. Sie konnte sich nicht dagegen wehren, die Zeilen schienen für sie geschrieben zu sein! Aber das war Unsinn, alles nur Zufall.
   Mit schwachen Schritten trat sie schließlich an das Grab ihrer Mutter. Nur ein Stück Boden, von Efeu überwachsen. Am Kopfende ein hölzernes Kreuz, das bereits stark verwittert war. Das ehemals helle Holz war dunkel und streifig. Die Schrift, nichts weiter als der Name und das Geburts- und Sterbedatum, kaum noch lesbar. Elf Jahre. Bald würden sie ihre Mutter hier ausheben und jemand neues würde den Platz einnehmen.
   »Hallo Mama«, sagte Alice. Sie fragte sich, wie viel von ihrer Mutter tatsächlich unter diesem Efeugewirr und einer Schicht Erde lag. Ein paar Knochen, nichts weiter.
   Sie hätte jetzt hier sein sollen, um Alice all die Fragen zu beantworten, sie einfach in den Arm zu nehmen und ihre Stirn zu küssen. Alice ballte die Hände zu Fäusten.
   »Mama, was mach ich denn jetzt?« Es gab nun keinen Zweifel mehr. Etwas war passiert, etwas Schlimmes. Den Reaktionen zufolge, die sie bisher erfahren hatte, etwas, das mit ihr zu tun hatte. Etwas, von dem die Leute annahmen, dass sie es wusste. Und niemand wollte mit ihr sprechen, niemand war bereit, ihr zu helfen.
   Alice dachte wieder an die Worte auf der Mauer. Sie wusste, dass es sich um eine Strophe eines Gedichts handelte – Im Nebel, wie passend.
   Seltsam, im Nebel zu wandern. Leben heißt Einsamsein. Kein Mensch kennt den andern. Jeder ist allein.
   Mit einer Hand strich Alice über das Holzkreuz, auf dem sich ein schmieriger Film gebildet hatte. So vieles hatte sie vergessen, aber ihre Mutter war immer noch ein Teil von ihr. Obwohl die Erinnerungen weit weg waren, undeutlich und wahrscheinlich fehlerhaft, würde sie sich an sie klammern, solange sie lebte. Wie sorgfältig Mutter die Decke ihres Bettes glatt gestrichen hatte. Die Streifen der Brotrinden, die sie von Alice’ Schnitten abgetrennt und selbst gegessen hatte. Wie sie kniend die Rosen im Garten gestutzt hatte. Ihre endlosen dunklen Haare.
   »Wie kann es sein, dass alle gegen mich sind? Warum? Was hab ich gemacht?« Sie stellte sich vor, dass ihre Mutter ihr beruhigende Worte zuflüsterte.
   Du bist kein schlechter Mensch, du hast nur eine schwere Zeit durchgemacht. Ja, so konnte es gewesen sein. Sie hatte ihre Mutter verloren, sie musste gelitten und getrauert haben. Hatte denn niemand zu ihr gehalten?
   Ich glaube nicht, dass alle gegen dich sind. Du hattest ganz bestimmt tolle Freunde.
   Freunde … Ja, natürlich! Alice lächelte. Sie dachte an die Vogelsilhouette. Das vertraute, warme Gefühl, das sie bei ihrem Anblick empfunden hatte. Natürlich musste es auch Gutes gegeben haben in ihrer Jugend. Der Vogel war eine glückliche Erinnerung.
   Ein lautes Knacken, unmittelbar hinter ihr. Alice fuhr herum und starrte in das milchig graue Nichts. Sie hörte ein Rascheln – war da ein Schatten?
   »Hallo?«, rief sie und machte einen Schritt vom Kreuz weg. Niemand antwortete, gespenstisch waberte der Nebel zwischen den Bäumen. Wahrscheinlich war es nur eine streunende Katze gewesen, doch Alice musste noch viele, endlose Atemzüge lang warten, bis sich der Knoten in ihrer Brust löste. Sie wandte sich wieder dem Grab ihrer Mutter zu, entzündete das mitgebrachte Grablicht und stellte es am Fuß des Kreuzes zwischen die Efeublätter.

Kapitel 4
Hinter der Tür

Auf seinen weißen Knien klebten noch Reste von Schaum, winzige Bläschen, zwischen den Poren eingetrocknet.
   Er hatte jedes Gefühl dafür verloren, wie lange er schon hier saß, allein in der Badewanne, und auf den beschlagenen Spiegel gegenüber starrte. Längst war das Wasser, in dem er saß, nur noch lauwarm. Auf dem Waschtisch unter dem Fenster lag seine Brille, die Gläser trüb vom Wasserdampf.
   Er hob seine Hände vor die Augen. Die Fingerspitzen sahen aus wie gräuliche Rosinen.
   Den Kopf in den Nacken gelegt, lehnte er sich in der Badewanne zurück, glitt Stück für Stück am Rand hinab, tiefer, bis das Wasser seine Ohren erreichte, die Wangen, den Mund, die Nasenspitze. Sein Gesicht sank unter Wasser.
   Alice. Er hatte sie heute gesehen, an der Bäckerei neben der Universität, mit ihrer Freundin, diesem Mädchen mit den blauen Haaren. Natürlich hatte sie ihn nicht bemerkt, wie immer. War in ihr Gespräch vertieft gewesen und konzentriert auf den Becher Kaffee in ihrer Hand.
   Er öffnete die Augen. Das Wasser über ihm schimmerte grünlich, die Konturen der Fliesen waren durch den trüben Schleier nur noch zu erahnen. Der Druck auf seinen Lungen nahm zu. Um ihm nachzugeben, entließ er etwas Luft durch die Nase. In dutzenden Luftblasen stieg sie zur Oberfläche. Sein Körper sank tiefer und lag jetzt ganz auf dem Boden der Badewanne.
   Alice … Etwas an ihr war anders gewesen als die letzten Male, als er ihr begegnet war. Sie hatte blass gewirkt, ihre Bewegungen seltsam fahrig. Und wenn nun etwas geschehen war, das er nicht bemerkt hatte? Wenn sie plötzlich …?
   Immer deutlicher schrien seine Lungen nach Sauerstoff. Sein Körper verhärtete sich, die Brust schien zusammengedrückt zu werden. Wenn bloß dieser Instinkt nicht wäre, dann könnte alles so einfach sein …
   Mit einem Ruck drückte er sich nach oben, sein Kopf durchstieß die Wasseroberfläche. Gierig saugte er nach Luft, spürte sein klopfendes Herz bis in die Kehle.
   Ihm war kalt.

*

»Ich denke, ich weiß es jetzt.« Alice schob das Notizbuch über den Balkontisch zu Flo und deutete auf die Zeichnung des Vogels.
   Flo blickte fragend zu ihr auf. »Was weißt du?«
   »Was das ist. Ich habe es in den letzten Tagen immer wieder gesehen.« Sie griff nach ihrem Glas Rotwein, setzte es an die Lippen und nahm einen Schluck. »Es ist eine Tätowierung.«
   Erneut blickte Flo auf das Bild und legte den Kopf schräg. »Ja … Das könnte passen.«
   »Ich denke, dieses Tattoo gehört zu jemandem, der mit mir befreundet war. Deshalb ist die Erinnerung daran auch nicht schmerzhaft. Wenn ich diese Person finde, dann kann sie mir alles sagen.«
   Flo schien darüber nachzudenken. Er nahm einen Zug von seiner Zigarette und klopfte die Asche auf den Boden. »Erinnerst du dich an irgendwas im Zusammenhang mit dem Tattoo? Ein Gesicht, einen Namen?«
   Alice schüttelte den Kopf. »Nein. Gar nichts.«
   »Dann könnte das schwierig werden.« Er schnippte die Kippe über das Balkongeländer.
   Alice rückte näher an den Tisch heran. »Genau deshalb brauche ich ja dich.«
   »Mich?« Er hob die Augenbrauen.
   »Na klar, du. Wer ist denn der Psychologie-Crack und macht neben dem Studium noch zig freiwillige Weiterbildungen? Wer liest noch zum Einschlafen Fachzeitschriften? Du bist doch der Experte für mein Problem.« Sie grinste ihn herausfordernd an. »Und dieses Seminar über Hypnose voriges Jahr, du hast mich eine Woche lang damit vollgequatscht.«
   Flo stutzte. »Wie? Du meinst, ich soll …?«
   »Na klar, warum nicht? Du hypnotisierst mich und hilfst mir, mich an die Person zu erinnern.«
   Abwehrend hob Flo die Hände. »Alice, so läuft das nicht. Hypnose wird nicht angewendet zur Behandlung von Traumata.«
   »Aber darum geht es doch gar nicht. Du sollst nicht meine Amnesie behandeln, ich will nur eine einzige Sache wissen, nur ein Detail. Das muss doch möglich sein?«
   Flo blickte über das Balkongeländer in den Hinterhof. An den Wäschestangen hatte jemand eine kanariengelbe Leine aufgespannt. Bettlagen bauschten sich im Wind.
   »Das könnte schon funktionieren.«
   Alice konnte förmlich beobachten, wie es in seinem Kopf arbeitete. Sie wusste, dass er darauf brannte, etwas Gelerntes außerhalb der Seminare anzuwenden. Sie waren Freunde, ja, aber dennoch war ihre Situation für ihn noch mehr – ein spannender und seltener Fall, der seinen Forschergeist herausforderte.
   Er drehte an den schwarzen Ringen in seinen Ohrläppchen herum. »Aber du bist angeknackst, Alice. Ich bin noch nicht mal mit dem Studium fertig. Vielleicht mache ich alles nur noch schlimmer, wenn ich in deinem Unterbewusstsein herumpfusche.«
   »Ach, Quatsch.« Lächelnd schob Alice ihr Weinglas über den Tisch.
   Flo nahm es zögernd und trank einen Schluck.
   »Ich weiß, dass du gut bist. Ich vertrau dir, du kannst das.«
   Nun lächelte auch er.

»Sitzt du bequem?« Flo hockte in dem Sessel neben dem Bett, auf das sich Alice gesetzt hatte.
   Sie lehnte mit dem Rücken an der Wand, zwei dicke Kissen in die Lücke zwischen sich und die Tapete gestopft, die Beine leicht angewinkelt, die Arme locker vor dem Bauch verschränkt. »Ja.«
   »Okay.« Flo drückte die Aufnahmetaste an dem Diktiergerät auf dem Nachttisch. Er hatte ihr erklärt, dass es möglich war, unter Hypnose Dinge zu sehen und zu beschreiben, sich danach jedoch nicht mehr daran zu erinnern. Um möglichst viele Informationen zu sichern, wollten sie die gesamte Sitzung aufzeichnen.
   »Bevor wir anfangen, solltest du dir ein Bild von dem zurechtlegen, was du nicht weißt. Das kann zum Beispiel der Inhalt einer Schatulle sein, der Grund eines Brunnens oder ein besonderes Zimmer.«
   Alice dachte nach. Ihr fiel der Traum wieder ein, den sie vor gut einer Woche gehabt hatte. Darin war sie auf nackten Füßen durch die dunkle Wohnung gelaufen. Und dann …
   »Ich hab geträumt, dass es einen geheimen Raum gäbe, hinter unserem Schrank im Wohnzimmer. Keine Ahnung, wie ich darauf gekommen bin, aber es war, als wäre darin die Antwort auf alles versteckt.«
   »Perfekt!«, rief Flo. »Gut, also, dann stell dir vor, hinter dem Schrank führt eine Treppe nach unten und am Fuß der Treppe ist eine Tür. Hinter der Tür liegt das, was du vergessen hast.«
   Alice nickte. Sie schloss die Finger ihrer vor der Brust verschränkten Hände fester umeinander. Während Flo gesprochen hatte, war ihr das Bild der dunklen Treppe, die Stufe um Stufe in die Tiefe führte, plastisch vor Augen getreten. Sie fröstelte. Vielleicht war das Ganze doch keine so gute Idee.
   Flo warf einen Blick auf einen Zettel mit Notizen, den er auf den Nachttisch gelegt hatte. Seine Augen leuchteten vor Aufregung. Er tat es, um ihr zu helfen, und immerhin war es wirklich wichtig. Sie sollte kein solcher Angsthase sein.
   »Okay«, sagte Flo. »Jetzt schließ die Augen und atme ein paar Mal tief durch.« Seine Stimme war leise und gleichmäßig, der Klang der Worte monoton. Sie tat, was er sagte. »Entspann dich. Konzentriere dich auf deinen Atem. Spüre das Auf und Ab deines Bauchs bei jedem Atemzug. Schalte alle störenden Gedanken aus.«
   Vor dem Fenster fuhr lautstark polternd ein Lkw vorbei, Alice zuckte zusammen.
   »Draußen ist es ganz still«, sagte Flo.
   Verblüffenderweise verstummte der Straßenlärm wie auf Befehl.
   »Es ist still und friedlich. Fokussiere dich auf deinen Atem.«
   Sie atmete nun langsamer und tiefer, in den Bauch hinein, wie sie es im autogenen Training gelernt hatte. Spürte der Luft nach, die in ihre Lungen ein- und ausströmte.
   Da erklang wieder die gleichmäßige Stimme aus der Dunkelheit hinter ihren Lidern. »Okay. Jetzt …« Er machte eine Pause, sie fokussierte sich wieder auf ihn, »… visualisiere den Schrank. Stell ihn dir ganz genau vor. Streiche mit den Fingern über das Holz und spüre die Oberfläche.«
   Alice sah den Schrank vor sich, es war Nacht wie in ihrem Traum, und das Mondlicht fiel schräg auf die Holzmaserung. Sie streckte die Hand aus.
   »Gut. Jetzt öffne die Tür.«
   Sie zog an dem silbernen Knauf, langsam öffnete sich ein Spalt, doch dahinter war nichts als Dunkelheit.
   »Vor dir siehst du jetzt eine Treppe, die nach unten führt. Du siehst nur die ersten paar Stufen, alles darunter liegt im Dunkel.«
   Die steinernen Kanten der obersten beiden Stufen wurden vom Mondlicht nachgezeichnet. Ein kalter Hauch schien aus der Tiefe zu Alice emporzusteigen.
   »Ich werde jetzt von zehn rückwärts zählen. Bei jeder Zahl steigst du eine Stufe nach unten. Wenn ich bei null angekommen bin, öffnest du die Tür am Fuß der Treppe.«
   »Gut«, flüsterte Alice. Flos Stimme war wie eine warme Hand, die sie führte.
   Einige Sekunden lang schwieg er. Alice blickte in die Finsternis hinab und fragte sich erneut, ob sie das wirklich tun sollte. Doch da begann Flo auch schon zu zählen, und ihre Beine bewegten sich wie von selbst.
   »Zehn.«
   Sie trat auf die erste Stufe, ihre Schuhe knallten auf den Stein.
   »Neun. Acht.« Seine Stimme zog sie weiter, unwiderstehlich, sie konnte nicht anders, als zwei weitere Schritte die Treppe nach unten zu steigen. Mit jeder Stufe wurde die Luft kälter.
   »Sieben. Sechs.«
   Jedes Wort war wie ein Glockenschlag in der Dunkelheit.
   »Fünf. Vier.«
   Alice war blind, kein Schimmer Mondlicht drang nun mehr nach hier unten. Aber sie hatte keine Angst, ihr Atem blieb ruhig und gleichmäßig, ihr Herz schlug nicht schneller als gewöhnlich. Es war Flo – seine Ruhe übertrug sich auf sie.
   »Drei. Zwei. Eins.«
   Sie war am Fuß der Treppe angelangt und streckte den Arm aus. Ihre Hand ertastete eine Türklinke. Sie war fast da. Hinter dieser Tür war alles, was sie wissen wollte. Alles, was sich ihr all die Jahre entzogen hatte.
   Ihre Hand zitterte.
   »Null.«
   Sie drückte die Klinke nach unten und zog die Tür einen Spalt breit auf. Ein eisiger Luftstrom drang hindurch, umschlang ihr Handgelenk, ihre Brust, ihre Kehle.
   Nein.
   Nein verdammt, sie wollte da nicht rein!
   »Ich will nicht!« Sie drückte die Klinke von sich weg, doch eine unsichtbare Kraft presste sich von der anderen Seite dagegen.
   »Nein! Ich will nicht!« Sie hörte ihre eigene Stimme, obwohl sie den Mund überhaupt nicht geöffnet hatte. Die Kälte füllte ihre Lungen, das Atmen fiel ihr schwer.
   Von irgendwoher drang Flos Stimme, doch sie war jetzt viel leiser, schien weit weg zu sein. Die warme Hand hielt Alice nicht länger fest.
   »Alice, ich werde jetzt bis zehn zählen, und du gehst die Stufen wieder hoch. Wenn ich bei zehn bin, öffnest du die Augen. Okay?«
   Alice warf ihr ganzes Körpergewicht gegen die Tür, aber der Spalt wurde immer breiter.
   »Okay, Alice?«
   Sie wurde zurückgestoßen, die Tür flog weit auf.
   Ohne zu wissen, warum, sprang Alice auf die Beine und rannte los. Sie rannte durch den offenen Türrahmen in die Dunkelheit. Ihr Körper agierte losgelöst von ihrem Willen. Sie rannte immer tiefer in den fremden Raum hinein.
   »Eins, zwei, drei …« Flos Stimme, nur noch von Ferne zu hören, war jetzt hektisch, flatternd.
   Alice! Alice! Eine zweite Stimme. Jemand rief sie, aber es war nicht Flo.
   Ihre Beine schmerzten, ihr Herz schlug viel zu schnell, ihre Lungen brannten. Immer schneller, sie rannte, als ginge es um ihr Leben. Ging es um ihr Leben?
   Alice! Wer war das? Wer war hinter ihr her?
   »Vier, fünf, sechs!« Obwohl Flo fast schrie, hörte sie ihn bloß dumpf, als spräche er durch ein dickes Tuch.
   Der Boden unter ihren Füßen war weich, sie hörte Äste knacken, Laub raschelte. Ein Licht flackerte auf, sprang vor ihr zwischen Baumstämmen hin und her.
   Alice!
   Eine männliche Stimme. Er war hinter ihr, sie hörte seine Schritte.
   Ihre Beine brannten, ihre Brust zerriss beinahe vor Schmerz, doch sie rannte weiter, nicht stehen bleiben, bloß nicht stehen bleiben!
   Ein Zweig schlug ihr ins Gesicht, hinterließ eine brennende Spur auf ihrer Wange.
   »Sieben, acht!«
   Eine Hand fasste nach ihr.
   Sie schrie, legte allen Schmerz in diesen Schrei, ihre Lungen verkrampften. Die Hand zog sie nach hinten, Alice drehte sich um.
   Im Schein einer Taschenlampe erkannte sie zwei Augen, blau leuchtend, blonde Strähnen fielen in das schweißnasse Gesicht, eine Hand umklammerte ihre Schulter wie ein Schraubstock.
   »Neun!«
   Er drehte den Kopf, blickte hinter sich in die Dunkelheit. Sie starrte auf die gebräunte Haut seines Nackens, direkt über dem Kragen seiner Jacke. Dort zeichnete sich ein schwarzer Umriss ab. Ein Vogel, die Flügel weit ausgebreitet. »Nathan?«, keuchte sie.
   »Zehn!«
   Alice schreckte auf, so plötzlich, als hätte jemand sie am Kragen gepackt und aus dem Dunkel hochgerissen. Licht strömte aus allen Richtungen auf sie ein. Das Bild des Vogels entglitt ihr, sie starrte auf die Tapete von Flos Zimmer.
   Flo redete durcheinander, etwas von »hättest nicht« und »solltest« und »gefährlich«, doch sie verstand nichts. In ihrem Kopf wirbelten tausend Gedanken, Bilder, Farben und Gerüche. Erinnerungen stürmten auf sie ein, eine stieß die nächste an, wie Dominosteine fielen sie übereinander, und plötzlich wusste sie es. Wusste, wer er war und was sie verbunden hatte.

Kapitel 5
Adergeflecht

Ein halbes Brötchen, darauf kunstvoll drapiert: Eine Scheibe Käse, ein Stück Erdbeere, eine halbe Weintraube, fixiert mit einem Zahnstocher. Auf der hellgelben Oberfläche hat sich ein dünner Film Wasser abgesetzt.
   Alice hebt den Blick. Der Raum ist klein, die Decke hängt tief. Überall sitzen Menschen an langen Tischen, vor Porzellantellern und cremefarbenen Servietten. Vater, am Ende der Tafel, wirkt apathisch wie immer. Er ist nicht in der Lage, sich um die Trauergäste zu kümmern, Alice’ Tante hat alles organisiert. Sie unterhält, sie reicht Fotos herum, schenkt Saft nach. Vater ist nicht wirklich da, nur seine Hülle sitzt dort, zusammengesunken. Die Hände suchen Halt an der Tischplatte.
   Alice wendet sich ab. Steht auf, geht zur Tür. Sie möchte nicht mehr getätschelt werden, keine mitleidigen Gesichter, keine alten Geschichten über Mama. Sie tritt nach draußen, eine hauchdünne Schneeschicht ist gefallen und bedeckt die Straße. In der Ferne erkennt sie die Friedhofsmauer, weiter hinten beginnt der Wald.
   Auf der Straße rauschen Autos vorbei. Alles geht weiter wie bisher, auch ohne Mama.
   
   Sie sitzt auf dem Fensterbrett und blickt nach draußen. Schnee fällt in dicken Flocken. Auf ihrem Schoß liegt ihr Tagebuch, und sie schreibt, den Kugelschreiber so fest aufs Papier pressend, dass man drei Seiten weiter noch das Relief erkennt.
   Als sie ihre Worte überfliegt, erscheinen sie ihr hohl und nichtssagend. Sie sieht in den Garten hinab, in dem Mama so viel Zeit verbracht hat. Es kommt ihr vor, als würden die Pflanzen und der Boden hier noch die Erinnerung an sie in sich tragen.
   Sie wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Ich weiß nicht, wie ich das alles ohne dich schaffen soll, ist der letzte Satz, den sie geschrieben hat. Nicht annähernd erfasst er das zersetzende Gefühl in ihrem Bauch.
   Erneut blickt sie nach unten. Wie es wohl wäre, wenn jetzt eine Gestalt in schwarzem Mantel zwischen den Beeten hindurchginge, mit diesem leicht federnden Schritt. Und Alice würde wissen, dass sie es ist, und dann würde sie hochblicken, und Alice könnte sie nur für einen winzigen Augenblick noch einmal sehen, noch einmal ihre Stimme hören.
   Es ist so unfair, schreibt sie und legt das Buch beiseite. Immer mehr Tränen machen das Weiterschreiben unmöglich. Was hätte Mama ihr noch alles sagen können? Ratschläge, Weisheiten, Dinge über sich selbst? Geheimnisse, für immer unerreichbar.
   Sie schlingt ihre Arme um die angewinkelten Beine und wiegt sich vor und zurück, dabei schluchzt sie immer lauter, überwältigt von dieser dunklen Angst, nun ganz allein zu sein.
   Ein Knarzen von Holzdielen durchbricht die Stille. Alice hält inne, lauscht. Das Geräusch kommt aus dem Schlafzimmer nebenan, in dem Vater seit gestern Mittag verschwunden ist. Sie zieht ein Taschentuch aus ihrer Strickjacke, wischt sich über das Gesicht und schnäuzt sich.
   Aus der Ferne ertönen die Kirchenglocken. Da fällt es ihr ein: Natürlich, der Gottesdienst. Es ist ja Sonntag. Weil sie schon seit einer Woche nicht mehr in der Schule war, hätte sie es beinahe vergessen. Sie hört die sich öffnende Schlafzimmertür, dann die schlurfenden Schritte ihres Vaters. Noch einmal wischt sie sich das Gesicht trocken, bindet ihre Haare straff zurück und steht auf.
   Vater steht im Flur, als er die Tür hört, dreht er sich zu ihr um. »Alice«, sagt er, aber er blickt durch sie hindurch. »Alice, zieh dich an. Wir müssen zum Gottesdienst.« Er spricht langsam und nuschelt. Allein das Formulieren eines Satzes scheint ihn anzustrengen.
   Alice verschränkt die Arme vor der Brust. »Ich geh nicht mit.« Ihre Stimme ist klar, keine wacklige Silbe deutet darauf hin, dass sie gerade noch geweint hat.
   Es dauert ein paar Sekunden, bis das, was sie sagt, bei ihm angekommen ist. Er runzelt die Stirn. »Du … was?«
   »Ich geh nicht mit zur Kirche. Nie wieder geh ich dahin.«
   »Aber warum denn nicht?«
   Sie macht einen Schritt auf ihn zu, blickt ihm fest in die Augen. »Weil Gott mich mal am Arsch lecken kann!« Ist das nun endlich deutlich genug für ihn? Reicht das, damit er es kapiert?
   Sein Zorn bleibt aus. Die Worte verpuffen einfach in ihm, werden in sein schwarzes Loch gesaugt.
   »Du solltest wirklich mitkommen. Die Leute werden sonst reden«, murmelt er schließlich.
   »Die Leute können mich genauso am Arsch lecken!« Sie wendet sich um, geht zurück in ihr Zimmer und knallt die Tür hinter sich zu. Kurz ist da die Hoffnung, dass er ihr folgen wird, doch dann hört sie seine Schritte vor der Haustür, das Starten des Motors, und durch das Fenster sieht sie ihn wegfahren. Was für ein Feigling.

Alice fläzt auf der Schulbank, den Kopf auf einem Arm abgestützt, mit der freien Hand zeichnet sie einen Comic auf das karierte Papier ihres Blocks. Mit wenigen einfachen Strichen skizziert sie ihre Klassenkameraden als eine Gruppe von Schafen, die vor kleinen Bänken sitzen und mit Glupschaugen nach vorn schauen, wo ein offensichtlicher Wolf mit schlecht sitzender Schafsmaske Bilder von Blümchen und Schmetterlingen vor einer lachenden Sonne an die Tafel malt. Dazwischen stehen Worte wie »Bibel«, »Garten Eden« und »Jesus«. Die Schafe lächeln und träumen. Hinter dem Lehrerpult liegt ein abgerissener Schafsfuß in einer Blutlache.
   »Langweile ich dich, Alice?« Die Stimme ihres Lehrers reißt sie aus ihrer Fantasiewelt. Sie blickt zu ihm auf, er hat die Kreide beiseitegelegt und sieht sie ernst an. Einige Mitschüler haben die Köpfe zu ihr umgewandt.
   »Geht so«, sagt sie, ohne sich aufzurichten. Seit sie vor ein paar Wochen ein Buch von Richard Dawkins gelesen hat, kann sie den Religionsunterricht nicht mehr ernst nehmen.
   Zwei Mädchen in der Reihe vor ihr beginnen zu tuscheln. Der Lehrer geht zwischen den Bänken hindurch auf sie zu und bleibt neben Alice stehen. Er wirft einen Blick auf den Comic, runzelt die Stirn und schnappt nach dem Blatt. Alice sieht zu ihm auf, sie will sich nicht anmerken lassen, dass sie wütend ist.
   »Was soll das hier?« Er hält das Blatt in die Höhe.
   Sie zuckt demonstrativ die Schultern.
   »Alice, ich weiß, du machst eine schwere Zeit durch, aber …«
   Diese beschissenen Phrasen, dieses hohle Gelaber. Es ist unerträglich. Alice schlägt mit der flachen Hand auf die Bank. »Einen Scheiß wissen Sie!«
   Der Lehrer verstummt. Er sieht sie an, als hätte sie ihn geohrfeigt. Ein Raunen geht durch die Reihen ihrer Mitschüler.
   »Vor die Tür. Sofort.«
   Sie rückt den Stuhl lautstark zurück, steht auf, immer noch zwei Köpfe kleiner als er. Mit voller Wucht tritt sie gegen den Stuhl, der polternd zu Boden fällt.

Vater sitzt ihr gegenüber am Küchentisch. Sie essen Spaghetti mit Tomatensoße, die Alice gekocht hat. Er stochert darin herum, schiebt lustlos hin und wieder eine Gabel in den Mund.
   »Schmeckt’s?«, fragt sie.
   »Mhm, sehr lecker.« Es klingt, als würde er absichtlich schlecht schauspielern.
   Alice ballt die Hände zu Fäusten. »Und?«
   Er legt die Gabel beiseite, lässt den Blick einen Moment lang auf dem halb vollen Teller verweilen und sieht dann zu ihr auf. »Die Lehrerin sagte mir, dass du dich sehr auffällig verhältst.«
   Alice schnaubt verächtlich.
   »Sie fragte mich, warum du nicht beim Sternsingen dabei warst. Du würdest dich abkapseln. Sie schlug vor, dass du mit dem Pfarrer einmal darüber …«
   »Ich geh da nicht mehr hin, hab ich dir doch gesagt. Ich bin jetzt Atheistin.« Trotzig senkt sie ihren Blick.
   »Alice …«
   O Mann, was zum Teufel soll das werden? Wenn er streng sein will, dann soll er mal versuchen, nicht wie ein totaler Jammerlappen zu klingen.
   »Alice, auch wenn du wütend bist, das ist nicht klug. Wir wohnen hier, wir gehören zur Gemeinde. Wenn du dich weiter so abgrenzt …«
   Erneut gibt sie ein Schnauben von sich. »So, wir gehören dazu, ja?«
   Als wüsste er nicht genau, dass die Leute im Dorf ihn verachten, seit er seinen Job verloren hat.
   Er antwortet nicht mehr, seufzt, zwingt sich offensichtlich, noch eine Gabel Spaghetti zu essen. »Deine Noten sind auch schlecht. Sie meinte, wenn du dich ab jetzt nicht anstrengst, musst du die Klasse wiederholen.«

Alice sitzt an ihrer Bank in der letzten Reihe, rechts am Fenster. Sie spitzt ihre Bleistifte an, Holzkringelgirlanden und Grafitspäne sind auf der Tischoberfläche verteilt.
   Zwei Jungs vor ihr tuscheln, einer lacht. Plötzlich dreht sich der Lachende zu ihr um. »Hey Alice, warum bringst du dich nicht einfach um?«

Das Schulgebäude taucht hinter sattgrünen Wipfeln auf, als Alice in die Straße einbiegt. Sie schließt ihr Fahrrad an das Geländer der Treppe, die zur Eingangstür führt. Kurz bleibt sie stehen und wirft einen Blick auf die Fenster im ersten Stock, an denen Fensterbilder kleben, Überbleibsel vom Tag der offenen Tür. Es fühlt sich komisch an, wieder hier zu sein, nach sechs Wochen Sommerferien, in denen sie kaum das Haus verlassen hat. Stundenlang hat sie in ihrem Zimmer – nein, ihrem Atelier – gemalt, gelesen und in voller Lautstärke Slipknot und Linkin Park gehört. Den Kampf um die Versetzung im letzten Schuljahr hat sie knapp verloren, sie muss die neunte Klasse wiederholen.
   Heute wird sie das erste Mal ihre neuen Mitschüler treffen.
   Ein paar Jungs eilen an Alice vorbei die Stufen zur Eingangstür hinauf. Einer dreht sich nach ihr um und schüttelt den Kopf. Sie kennt ihn nicht einmal.
   Die neue Klasse wird kein Neuanfang für sie, so viel steht fest. Die Schule ist klein wie das Dorf, gerade so bekommen sie fünfzehn Schüler pro Klassenstufe zusammen, und dafür fahren noch Schüler aus umliegenden Dörfern mit dem Rad hierher. Sie haben von ihr gehört, selbst wenn sie noch nie mit ihr zu tun hatten. Unter dem Motto Jetzt erst recht hat sie sich während der Ferien im EMP-Katalog ein Nietenarmband und schwarze Springerstiefel bestellt. Ihr komplettes Taschengeld ist dafür draufgegangen. Sie gefällt sich damit, sie sieht cool und draufgängerisch aus. Wie jemand, den nichts und niemand verletzen kann.
   Alice hebt das Kinn, tritt fest auf, einen Fuß vor den anderen, gibt vor, niemanden wahrzunehmen. Sie sollen ihre Verachtung ruhig spüren, sollen wissen, dass sie nicht länger versucht, es irgendwem recht zu machen.
   Als sie das Klassenzimmer betritt, stehen schon ein paar ihrer neuen Mitschüler in Grüppchen schwatzend beieinander. Andere sitzen an den Tischen, haben Federtaschen und Bücher darauf ausgebreitet. Sie bleibt einen Augenblick auf der Türschwelle stehen, um ihnen Gelegenheit zu geben, sie anzuglotzen. Irgendwie gar kein schlechtes Gefühl.
   Sie würdigt sie keines Blickes und geht an ihnen vorbei nach hinten. Der Platz am Fenster ist bereits besetzt. Dort sitzt ein blondes Mädchen und liest konzentriert in einem Buch. Hat sie Alice nicht bemerkt?
   »Hey«, sagt Alice, »kann ich mich hier hinsetzen?«
   Es dauert einen Moment, bis das Mädchen den Blick von den Seiten losreißt und zu ihr aufblickt. Alice erkennt sie, hat sie zuvor schon ein paar Mal im Schulgebäude gesehen und weiß, wer sie ist: Magdalena Dilling, genannt Lena. In den Schaukästen vor dem Kunstzimmer werden regelmäßig die besten Werke von Schülern ausgehängt, und Lenas Bilder sind jedes Mal dabei, meist neben denen von Alice. Sie ist wahnsinnig talentiert. Einmal hat sie einen Nachwuchspreis gewonnen, es stand sogar im Regionalteil der Zeitung. Ihr Klassenlehrer sprach eine Woche lang von nichts anderem. Lenas Vater ist auch bekannt. Er ist Küster in der Gemeinde und organisiert alle Feste und Veranstaltungen, die mit der Kirche zu tun haben. Lena malt, Lena spielt Orgel und Klavier, Lena singt im Kirchenchor. Das perfekte, wohlerzogene Mädchen.
   »Kann ich mich zu dir setzen?«, wiederholt Alice ihre Frage.
   Lena mustert sie mit unergründlichem Blick, dann sieht sie sich Hilfe suchend im Raum um, als hoffte sie, jemand würde sie aus der Situation erlösen. »Ähm … lieber nicht«, murmelt sie und schlägt die Augen nieder.
   Das trifft Alice. So sehr sie sich auch einzureden versucht, dass ihr alles egal ist, da ist ein kleiner Stich in ihrer Brust.

Die Stufen, die vom Pausenhof nach oben zum Sportplatz führen, fühlen sich kalt an Alice’ Hintern an. Sie hockt dort, abseits der anderen, die in Gruppen zusammenstehen und reden.
   Ein Block mit Zeichenpapier liegt auf ihren Knien. Sie skizziert mit einem Stück Kohle, was sie sieht. Das Gebäude, den Hof. Erst letzte Woche hat sie im Kunstunterricht etwas über die Zentralperspektive gelernt, das sie nun umsetzen möchte. Die Schüler und Lehrer sind nur verwischte Schemen, auf sie kommt es ihr nicht an.
   Plötzlich bemerkt sie aus den Augenwinkeln den Umriss einer Gestalt, die sich nähert. Sie blickt hoch – es ist Lena. Sie presst die Arme eng an den Körper, die Hände sind seitlich im Stoff ihres langen Rocks vergraben. Einen Meter vom Fuß der Treppe entfernt bleibt sie stehen und wirft einen Blick auf Alice’ Bild.
   »Du zeichnest toll«, sagt sie. Ihre Stimme ist dünn, die Worte klingen gepresst.
   »Danke.« Alice bleibt sitzen. Sie nimmt an, dass Lena nun wieder gehen wird, doch sie bleibt vor ihr stehen.
   »Ich …«, beginnt Lena zaghaft. »Entschuldige bitte, wie ich mich gestern verhalten habe. Das war nicht richtig.« In ihrem Gesicht spielt sich ein sichtbarer Kampf ab, sie will offensichtlich nicht mit Alice sprechen, fühlt sich aber dazu verpflichtet. »Jesus sagt, dass wir alle Menschen lieben und achten sollen. Selbst die Ungläubigen.«
   Alice verdreht die Augen. »Na dann.«
   »Ich fass es nicht!«, dringt plötzlich ein Ausruf aus dem Stimmengesumm der anderen Jugendlichen.
   Aus Richtung der Tischtennisplatten nähern sich zwei Jungen. Alice weiß, dass sie Felix und Richard heißen.
   Felix, der größere von beiden, ist mit wenigen Schritten an sie herangetreten. Seine kurzen Haare stehen wie Stacheln von seinem Kopf ab und glänzen vom Haargel. »Sieh dir das an!«, höhnt er. »Na, da haben sich ja zwei gefunden.« Er feixt, Richard tut es ihm nach. Seine Zahnspange blitzt in der Mittagssonne.
   Ungerührt bleibt Alice auf den Stufen sitzen, schlägt nur ihren Zeichenblock zu. Lena ist wie zu Stein erstarrt und betrachtet ihre Schuhe, als wären die Glitzersteinchen auf dem weißen Leder ein faszinierendes Naturschauspiel.
   »Hey Mädels, wollt ihr nicht ‘nen Club gründen? Club der gestörten Weiber oder so?«
   Alice umschließt das Stück Kohle in ihrer Faust einen Hauch zu fest, sodass es zerbricht. Als sie die Hand langsam öffnet, ist ihre Haut an der Innenfläche schwarz verschmiert.
   Sie sieht, wie Richard auf Lena zugeht und sie am Arm fasst. »Wir machen nur Spaß, okay?«
   Lena bewegt sich keinen Zentimeter, nur für eine Sekunde hebt sie den Blick und sieht Alice an. Ihre Augen sind vor Furcht geweitet.
   In diesem Moment tritt Felix auf Alice zu und schnappt ihr den Zeichenblock von den Knien. Sie springt auf, will danach greifen, doch es ist zwecklos. Wenn sie nicht Gefahr laufen will, die Bilder zu beschädigen, kann sie mit ihm nicht darum kämpfen.
   Mit breitem Grinsen blättert er durch die Seiten. »Uhh, ganz schön versaut, was?« Er schlägt einige Seiten des Blocks zurück, ganz obenauf liegt nun eine Zeichnung, die Alice vorige Woche angefertigt hat. Ein Akt. Sie hatte kein echtes Modell, deshalb hat sie ein Bild aus dem Internet als Vorlage benutzt.
   »Schau mal, Lena, ist das nicht hübsch?« Felix hält den Block hoch, sodass Lena die Zeichnung sehen kann, doch diese blickt nach wie vor nicht vom Boden auf. Ihre Wangen färben sich rot.
   »Hey, er hat dich was gefragt!« Richards Griff um Lenas Arm wird fester, er zwingt sie näher an Felix und das Bild heran.
   Sie zittert. »Bitte«, sagt Lena leise, doch das Wort geht im Lachen der beiden Jungen unter.
   »Schluss jetzt!« Es ist das erste, was Alice sagt, seit die Jungs aufgetaucht sind. »Lasst sie in Ruhe!«
   Felix grinst breit. »Hey Lena, willst du nicht auch mal Modell stehen für so ein Bild?« Er deutet auf die nackte Frau, die locker an einer niedrigen Mauer lehnt, den Rücken leicht durchgedrückt. Lasziv, fast lustvoll reckt sie dem Betrachter ihre Brüste entgegen.
   Lena windet sich wie ein Tier, das in der Falle sitzt, ihr Blick huscht in alle Richtungen. »Ich … ich muss jetzt wieder rein«, murmelt sie und versucht kraftlos, sich aus Richards Griff zu befreien. Er packt nun noch fester zu.
   »Scheiße, lass sie los!«, schreit Alice.
   Ein paar Schüler blicken in ihre Richtung, Lehrer sieht sie keine.
   Ohne Vorwarnung stürmt sie auf Richard los, packt seine Schultern und schubst ihn von Lena weg.
   Er ist eine Sekunde lang verwundert, dann hebt er die Hände. »Hey, hey, ganz ruhig, Psychotusse …« Er macht einen Satz auf Alice zu, holt weit mit der Hand aus und lässt sie auf Alice’ Gesicht zu rasen.
   Alice hebt schützend die Arme vor den Kopf, doch im letzten Moment bremst Richard seinen Schlag. Er und Felix beginnen lautstark zu lachen. »Oh, hattest du Angst? Drehst du jetzt durch?«
   Plötzlich packt Felix sie von hinten und stößt sie, sodass sie auf das Pflaster des Hofs fällt. Schmerz durchbohrt ihre Kniescheiben.
   Der Schulhof verschwimmt in diffusem Farbenwirrwarr, nur Richard und Felix sind noch da, und Lena, die wie zur Salzsäule erstarrt ist und die Gelegenheit zur Flucht nicht nutzt. Langsam erhebt sich Alice. Richards Augen sind zu gehässigen Schlitzen verengt, sein Blick scheint ihr entgegenzuschreien: Na komm, versuch’s doch! Wir sind zu zweit, du bist allein.
   Sie wendet sich von ihm ab, gibt vor, nach drinnen gehen zu wollen. Dann, im Bruchteil einer Sekunde, schnellt sie herum, packt ihn an den Schultern und schleudert ihn zu Boden. Bevor Felix reagieren kann, rammt sie ihre Springerstiefel in Richards Bauch. »Du mieses Arschloch!«, kreischt sie, bevor sie noch einmal zutritt.
   Felix packt sie von hinten, hält sie fest und zerrt sie von Richard weg, der verkrümmt auf dem Boden liegt, stöhnt und nach Luft japst. Von seinen Lippen tropft ein dünner Speichelfaden.
   Hinter Alice vermischen sich Rufe und Schreie mit dem Klatschen von Schuhen auf dem Pflaster.

Die Tür des Rektorzimmers fällt hinter Alice ins Schloss. Seine Worte klingen noch in ihrem Kopf nach. Ernste Sache … Musste ins Krankenhaus … Mindestens ein Verweis … Drei Tage Schulausschluss … Sie kann noch so oft betonen, dass die beiden sie und Lena bedroht haben, niemand will ihr zuhören.
   Das Schulgebäude ist beinahe leer, es ist bereits später Nachmittag. Sie macht noch einen Umweg zum Kunstraum, vorbei an den gläsernen Schaukästen und betrachtet die Bilder, Stillleben mit Aquarellfarbe. Ihr Werk – eine Anordnung aus Äpfeln und verschiedenen Nüssen – gefällt ihr, sie hat die Oberflächentexturen gut hinbekommen. Aber an Lenas Bild kommt es trotzdem nicht heran. Der Wasserkrug und die Blumenvase dahinter wirken gleichzeitig diffus und realistisch. Wie schafft sie es, dass die Farben so leuchten und es trotzdem ganz natürlich aussieht?
   Nachdenklich läuft Alice durch die verwaisten Flure, ihre Schritte hallen von den steinernen Wänden wider. Lena ist hübsch, wahnsinnig talentiert und ein engagiertes Mitglied der Kirchengemeinde. Sie passt perfekt in die kleine heile Welt von Sassheim. Also warum haben die Jungs gerade sie als Opfer auserkoren? Nur, weil sie es gewagt hat, mit Alice zu sprechen?
   Als sie die Treppen zum Erdgeschoss hinuntergeht, sieht sie Benjamin, einen Jungen aus ihrer Klasse, neben einem anderen Jungen stehen, den sie nicht kennt. Die beiden haben leise miteinander gesprochen, doch als sie Alice’ Schritte hören, verstummen sie sofort und blicken sie abweisend an. Sie tut so, als würde sie ihre Blicke nicht bemerken. Inzwischen hat wohl jeder an der Schule von der Schlägerei gehört. Das wird ihre Beliebtheit in ganz neue Höhen katapultieren.
   Alice tritt aus dem Schulgebäude ins Freie und wird sofort von dem unablässigen Grillenzirpen umschlossen, das im Sommer das ganze Dorf erfüllt. Die Sonne steht noch hoch am Himmel und malt die Streben des Geländers als flaches Kreuzmuster auf den Weg. Am Fuß der Treppe wartet jemand. Alice senkt rasch den Blick, beschleunigt ihre Schritte und läuft an ihm vorbei. Sie will nur schnellstmöglich ihr Fahrrad erreichen.
   »Hey!« Eine männliche Stimme.
   Alice bleibt nicht stehen. Sie hört seine Schritte auf dem Fußweg, er verfolgt sie.
   »He, warte doch mal!«
   »Was denn?«, schnappt sie, dreht sich auf dem Absatz um – und erstarrt. Vor ihr steht ein Junge, einen Kopf größer als sie, in einer grauen Sportjacke. Seine langen blonden Haare hat er zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden, in der Hand hält er eine Zigarette.
   Alice weiß genau, wer er ist: Nathaniel Dilling, zwei Klassenstufen über ihr. Wenn es an der Schule von Sassheim jemanden gibt, der sich einen noch übleren Ruf erarbeitet hat als sie, dann ist er es.
   Er lächelt sie an, seine blauen Augen strahlen. »Hab gehört, was du gemacht hast. Krasse Aktion.«
   »Danke für die Blumen«, erwidert sie zynisch und wendet sich ab. Da spürt sie seine Hand auf ihrer Schulter.
   »Hey, ich mein’s ernst.«
   Sie will ihn abschütteln, läuft einfach los, doch er folgt ihr erneut.
   »Lena hat mir alles erzählt. Das war total mutig von dir.«
   Abrupt bleibt Alice stehen. Lena? Dann trifft es sie wie ein Schlag. Natürlich. Sie ist Nathaniels jüngere Schwester. Eigentlich weiß sie das, aber man kann es leicht vergessen. Es gibt wohl kaum zwei unterschiedlichere Menschen in Sassheim.
   Sie dreht sich wieder zu ihm. »Sie hat es dir erzählt?«
   »Ja. Sie sagte, du hast ihr geholfen.« Er schenkt ihr erneut ein breites Lächeln, sein Mund wirkt ein bisschen schief, aber er scheint es ehrlich zu meinen. »Danke, echt. Hast was gut bei mir.«
   »Kein Problem«, sagt sie leise. Einige Sekunden lang schweigen sie. »Du heißt Nathaniel, richtig?«
   »Gott, das klingt schrecklich.« Er verzieht den Mund, scheint aber eher amüsiert als beleidigt. »Sag einfach Nathan.«
   »Nathan«, wiederholt sie. »Okay. Ich bin Alice.«
   Er nickt, nimmt einen Zug von seiner Zigarette und stößt den Rauch durch die Nasenlöcher aus. »Ich weiß. Dein Ruf eilt dir voraus.«
   »So?« Sie zuckt mit den Schultern. »Na ja, die Leute reden doch eh nur Müll.«
   Wieder dieses schiefe Grinsen. »Da hast du allerdings recht.« Er lacht. Macht er sich über sie lustig? »Hey, kann ich ein Stück mit dir laufen? Du wohnst nicht weit von mir.«
   Sie mustert ihn genauer. Er hat die gleiche schmale, gerade Nase, die gleichen mandelförmigen Augen wie seine Schwester. Der silberne Ring in seiner Unterlippe und sein Dreitagebart verleihen ihm etwas Verwegenes. Aber sie weiß auch, was man über ihn sagt. Dass er Leute verprügelt, dass er klaut und Drogen nimmt.
   Andererseits – von dem, was die Leute über sie und ihren Vater reden, stimmt ja auch kaum ein Wort. Im Dorf muss man von allem, was getratscht wird, sechzig Prozent abziehen, dann kommt man der Wahrheit halbwegs nahe.
   »Okay«, sagt sie zögernd, und gemeinsam machen sie sich auf den Heimweg, die brennend heiße Sonne im Nacken. Ihre Schatten tanzen vor ihnen auf dem Steinboden.
   »Lena hat erzählt, du bist auch ‘ne Künstlerin?«
   »Schätze schon. Ich male viel.«
   »Was denn so?«
   Sie zuckt die Schultern. »Ach, alles Mögliche. Ich steh auf morbides Zeug und düstere Landschaften.« Warum erzählt sie ihm das? Versucht sie, ihn zu beeindrucken? Ganz deutlich spürt sie ihren Herzschlag, ihre Hände sind feucht.
   »Hey, wenn du Inspiration brauchst und mal was anderes sehen willst als die Anstalt hier: Mein Kumpel und ich ziehen am Wochenende manchmal los und suchen ungewöhnliche Orte. Willst du mal mitkommen?«
   »Ungewöhnliche Orte? Wie meinst du das?«
   Er verschränkt die Hände hinter dem Kopf und blickt in den Himmel. Blinzelt gegen die Sonne an. Seine Selbstsicherheit wirkt ganz natürlich, als ob er nur im Moment lebt, ohne jeden Gedanken an die Zukunft oder Vergangenheit.
   »Orte, die versteckt sind, wo kaum jemand hinkommt. Da hat man seine Ruhe.«
   Sie sind vor ihrem Haus angekommen und bleiben stehen.
   Alice steht auf der Türschwelle zur Küche. Sie hat den Brief von der Schule einfach auf den Tisch gelegt und Vater nichts gesagt. Nun steht er dort, am Fenster ihr gegenüber und wendet ihr den Rücken zu. Auf dem Tisch, den Arbeitsplatten, in der Spüle und auf den Fensterstöcken stapeln sich Geschirr, Flaschen, eine aufgerissene Milchtüte, ein Müslikarton, Raviolidosen, Schneidebretter, Töpfe und Schüsseln. Wieso hat er das ganze Zeug aus den Regalen geräumt?
   Vorsichtig macht Alice einen Schritt in den Raum hinein. In diesem Augenblick dreht er sich zu ihr um.
   »Alice.« Er klingt gleichgültig wie immer. Vielleicht hat er den Brief nicht bemerkt.
   »Ja?«, gibt sie zurück und blickt sich genauer in der Küche um. Wieso steht das Bügeleisen mitten auf dem Esstisch? Vater hat noch nie gebügelt.
   Er muss ihren Blick verstanden haben. »Ich dachte, ich räume hier mal bisschen auf.« Ein totes Lächeln, das seine Augen nicht erreicht. Sie wünschte, er würde das lassen.
   Er öffnet einen der Wandschränke, in dem noch Gewürze und Bouillongläser stehen. »Hier drin war alles so durcheinander. Da dachte ich …«
   »Schon gut, Papa.«
   Wieder dieses tote Lächeln. Er stützt sich auf dem Fensterstock ab. Erschreckend, diesen dürren Mann mit dem Menschen zu vergleichen, der Vater noch vor einem Jahr gewesen ist. Das frühzeitig ergraute Haar liegt schlaff auf seinem Kopf, seine gebeugte Haltung ist chronisch geworden.
   »Alice?« So schwach. So hilflos. »Alice, was ist da eigentlich passiert?« Er zieht aus dem Wirrwarr auf dem Küchentisch den Brief hervor. Also hat er ihn doch gelesen. »Da steht, du hast einem Mitschüler in den Bauch getreten?«
   Alice starrt auf den gefliesten Boden, um Vater nicht ansehen zu müssen. Vollkommen zwecklos, ihm irgendetwas erklären zu wollen.
   »Das war nichts weiter. Wir haben uns eben ein bisschen gerauft«, sagt sie tonlos. »Die Jungs kloppen sich andauernd.«
   »Trotzdem ist das nicht in Ordnung.« Erneut hebt Vater den Brief vor seine Augen und überfliegt einen Absatz. »Der Junge musste ins Krankenhaus. Du kannst froh sein, dass du nur einen Verweis bekommen hast.« Nach wie vor keine Spur von Wut, Enttäuschung oder Sorge in seiner Stimme. »Alice, ist alles okay bei dir?« Er lässt den Brief sinken, sie weicht seinem Blick weiterhin aus. »Du musst aufpassen, sonst werfen sie dich noch von der Schule.«
   »Keine Sorge, Papa, ich pass schon auf mich auf.«
   Er nickt und setzt wieder sein Lächeln auf. Dann wendet er sich erneut dem Fenster zu. »Keine Wolke«, sagt er. »Keine einzige Wolke sieht man am Himmel.«
   »Ja, Papa.« Zum Glück kann er nicht sehen, wie sie die Augen verdreht.
   »Ich bin müde. Ich glaube, ich werde mich ein bisschen hinlegen.«
   »Okay. Schlaf gut«, presst sie hervor.
   Er schlurft an ihr vorbei in den Flur und dann quälend langsam die Treppe hinauf. Die Schlafzimmertür wird hörbar zugezogen, dann kehrt die Stille zurück in das Haus. Er haut ab, wie immer. Alice blickt auf das Chaos in der Küche. Ihre Schläfen pochen.
   Sie packt den offenen Müslikarton auf dem Tisch und schleudert ihn gegen die Wand. Haferflocken, Nüsse und Schokostücke regnen prasselnd auf den Boden. Lachend greift Alice nach dem Aschenbecher und schmeißt ihn mit voller Wucht auf die Fliesen. Ein ohrenbetäubendes Scheppern hallt durch die Küche.
   »Yeah!«, schreit sie, tritt gegen einen Stuhl, der krachend umfällt. »Seht mich an, ich kann tun, was ich will! Ich hab den besten Vater der Welt!«
   Sie reißt Gewürzgläser und Tütengerichte aus dem Schrank und wirft sie irgendwohin, ganz egal. Etwas trifft den Ofen, etwas die Lampe. Ihr schaukelnder Schirm lässt Licht und Schatten wild durch die Küche tanzen. Mit einem weiteren Tritt schließt Alice die Küchentür.
   »Ist alles okay?«, imitiert sie höhnisch seine Frage. »Gott, ich hasse dieses verlogene Dreckskaff!«

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