Der Bauunternehmer Karl Renz ist ein Egomane, ein wohlhabender, selbstsüchtiger Patriarch, der in seinem Leben nichts anderes gesucht hat als den eigenen Vorteil. Und den seiner Familie – soweit sich das eine mit dem anderen vereinbaren ließ … Als sich die Wege seiner Tochter mit denen Viktor Runges kreuzen, einem liebenswert naiven Mitdreißiger und Gelegenheitsarbeitenden, der sein Leben mit einer Handvoll außergewöhnlicher Freunde zu meistern versucht, geschieht dies in einer Katastrophe, in deren Folge Karl Renz unweigerlich von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Am Ende bleibt ihm nicht einmal mehr die Zeit zu erkennen, dass das Leben kein Spielball persönlicher und egoistischer Willkür ist, sondern seine eigenen Regeln schreibt. Und niemals vergisst.

Thomas Christen

Thomas Christen
Thomas Christen lebt in Düsseldorf und studierte Politikwissenschaften, Germanistik und Soziologie an der Universität Trier sowie später Agrarwissenschaften an der Universität Bonn. Nach zwanzig Jahren Tätigkeit in einer Heidelberger Klassikproduktion gründete er im Jahr 2000 das audio-visuelle Konzeptlabel tomtone music. Er schrieb über zwanzig Jahre lang Texte für Künstler wie Udo Jürgens, Milva, Veronika Fischer oder das Bremer Ensemble Mellow Melange und verfasste zwei Drehbücher für Music-Features im Auftrag des ZDF. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Im Jahr 2012 wurde sein Debütroman „Der Abend vor der Nacht“ im secession Verlag Zürich/Berlin veröffentlicht. Des Weiteren sind von ihm die beiden Lyrikbände „Ferngespräche“ (2007) und „Windweit der Mensch“ (2010) sowie der Roman „Winterfieber - oder die Überreizung einer Seele“ (2013) und der Erzählband „Im Schatten der Hundstage“ (2014) erschienen. 2015 veröffentlichte der Hamburger Acabus Verlag den Generationenroman „Die Abendgesellschaft der Quartiersleute“. Des Weiteren erschienen die nicht über den regulären Buchhandel zu beziehenden Werke „Jenseits der Pforten“, ein Roman, der vor dem Hintergrund der sogenannten Mellifont-Verschwörung im Irland der Jahre 1227 und 1228 spielt sowie die Novelle „Die verstörenden Auslassungen eines erhabenen Fremden“. Thomas Christen ist Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller (VS/in ver.di-nrw).

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Leseprobe

Kapitel 1
Februar 2010
Landsbach, Westliche Allee 231, 3. Stock

Er hatte ihr die Tür gewiesen, sie verscheucht, vertrieben, sie hinausgeworfen. Er hatte sie auf die Straße gesetzt, aus seinem Leben entfernt, zum Teufel gejagt. Er hatte sie aus seinem Denken herausgeschnitten. Wortlos. Ohne Wunden. Beinahe erschreckend emotionslos. Ohne Schmerz. Ohne klebrigen Schweiß auf den Handflächen, ohne Sand auf der Stimme und ohne Rückstände in seiner Seele. Ohne eine Spur von Reue oder zweifelndem Bedauern. Ohne sich zu fragen, ob die Straße oder der Teufel jemanden wie sie überhaupt aufnehmen würden. Schweigend, tonlos, endgültig und unmissverständlich. Ohne Fragen, ohne Antworten, ohne Erinnerungen und ohne Pläne. Nur eine Geste seiner Hand und der Ausdruck auf seinem Gesicht, die so eindeutig gewesen waren, dass ihn beinahe kaltes Entsetzen vor sich selbst packte, wenn er daran zurückdachte.
   Sie war gegangen, schrittweise davongeeilt. Sie war aufgestanden, um zögernd aus dem Zimmer zu fließen, klanglos zu fliehen. Sie war lautlos verweht. Ohne Fragen. Ohne Echo. In einer unsichtbaren Wolke aus abgrundtiefer Verachtung und fassungslosem Begreifen war sie erstickt. Verschwunden. Ausgezogen. Sprachlos. Sprachlos! Und es war die Erinnerung an diese Sprachlosigkeit, die fast etwas von einem Blutrausch hatte, ihn hier und da durchströmte wie der fiebrige Geist eines von Irrsinn und Siegeswahn erfassten Barbaren, der, obwohl das Gemetzel längst vorüber ist, noch immer blutüberströmt um sich schlägt und brüllend den Sieg beschwört. Diese Erinnerung war eine Art Droge. Der Abend lag Wochen zurück, aber er konnte nicht anders, als sich dieses Gefühl immer wieder aus dem Fläschchen seiner zurückblickenden Gedanken auf sein Ego zu tropfen, sich daran zu berauschen und sich danach noch Stunden später so hundeelend zu fühlen, dass er sich jedes Mal schwor, das Ganze in Zukunft zu unterlassen. Er war verrückt!
   Sie war sprachlos gewesen. Sie.
   Sie war schweigend, ohne ein Wort aus dem Zimmer gegangen. Sie.
   Er hatte sie nur stumm angesehen und auf die Tür gezeigt. Eine Geste. Ein Fingerzeig. Und als die Tür mit einem leisen Klacken ins Schloss fiel, war das Fallbeil ihrer egomanischen und selbstgefälligen Geschwätzigkeit lautlos gefallen. Es war vorbei gewesen.

*

Das Einzige, was er im Augenblick wahrnahm, war das leise und einschläfernde Rauschen des Computerlüfters unter dem Tisch. Seine Zigarette lag auf dem Aschenbecherrand, und die Asche hatte inzwischen den Filter erreicht. Als er die Maus über das Pad wischte, um etwas Erkennbares auf den Bildschirm zu zwingen, fielen die grauen Krümel in den Aschenbecher, und der Filter kippte lautlos auf die Tischplatte, wo er, einen kaum wahrnehmbaren Rauchfaden hinter sich her ziehend, langsam Richtung Tischkante rollte. Der Bildschirm blieb schwarz.
   Ich kann mir keinen neuen PC leisten, sagte er sich und ließ seinen Blick durch den Teil des Zimmers wandern, den er überblicken konnte, ohne groß den Kopf zu bewegen. Er streifte die mit Magneten und Merkzetteln beklebte Kühlschranktür und machte sich klar, dass ein neuer PC nicht das Einzige war, was er sich momentan nicht leisten konnte. Ich werde noch einmal Müller fragen müssen, dachte er und ließ seine Handflächen auf den Tisch fallen. Auf dem Bildschirm erschien das vertraute bunte Aquarium, und Elwood und Jake sowie die Klitschkos zogen unverändert und behäbig ihre Bahnen. Nach links und kehrtmachen, träge den Winkel ändern, wieder nach rechts und zurück. Die vier Originale waren deutlich schneller und dynamischer unterwegs. Er überlegte einen Augenblick lang, ob er sich nicht doch andere Namen für diese Fische ausdenken sollte.
   Er stand von seinem Stuhl auf, rieb sich sein eingeschlafenes linkes Bein und humpelte zum Fenster, wo sein Camcorder auf einem Stativ thronte und den mausgrauen Winterhimmel jenseits der Scheibe beobachtete. Der Februar hatte sämtliche Farben aus den Häuserfassaden gesogen und die Westliche Allee als einen in beide Richtungen im Nebel verschwindenden schmutzig grauen Graben hinterlassen. Nicht einmal die Reklameschilder und Geschäftsauslagen schienen noch ausreichend Buntes zu enthalten, um ihm den Eindruck zu vermitteln, da unten gäbe es mehr als schwarz-weißen Schneematsch und braun schmelzende Eisbrühe. Er legte ein Auge an den Sucher, drückte die Kamera nach unten und zoomte die Straße herauf. Der O2-Laden, eine Kebabbude, Leerstand. Die Reinigung, die Drogerie und das chinesische Take-away. Leerstand. Die Eisdiele war um diese Jahreszeit noch keine Eisdiele, sondern ein Ein-Euro-Laden. Und natürlich die niemals endende und nur sporadisch unterbrochene Prozession von Autos, Lastwagen und Bussen, die mit ihren Reifen das Schmelzwasser mal nach links und dann wieder nach rechts schaufelten, und manchmal einen schimpfenden Passanten zurückließen. Vielleicht machte die junge Polin in der Reinigung dieser Tage endlich einmal gute Geschäfte. Die Frau war nett. Er hätte es ihr gegönnt. Er hatte sie immer einmal fragen wollen, ob er vielleicht irgendwann Fotos von ihr machen dürfte. Anständige Fotos. An etwas anderem war er nicht interessiert. Oder eine Zeichnung. Aber vielleicht würde sie ihn ja doch falsch verstehen, und eigentlich hatte er keine Lust, seine beiden Mäntel dann in eine andere Reinigung bringen zu müssen. Auch wenn es nur ein oder zweimal im Jahr nötig war.
   Ihn fröstelte. Er kniff das Auge am Sucher zu und blinzelte mit dem anderen in Richtung Fensterscheibe. Er fand nichts, was er nicht schon gekannt hätte. Jahre altes, einfaches Glas. Vertrockneter und teilweise herausgebröckelter Fensterkitt. Kein Wunder, dass ihm unmittelbar vor der Scheibe langsam kalt wurde. Er nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit einen der Jungs nach einer Tube Silikon zu fragen. Oder erledigte man so etwas besser im Sommer?
   Er widmete sich wieder seiner Kamera und fuhr langsam mit ihr die Teile der Westlichen Allee entlang, die er noch scharf gestellt bekam. Dort hinten, in ein paar hundert Metern Entfernung, lag die Trinkhalle, in der er bis vor einigen Wochen noch ausgeholfen hatte. Er hatte tagelang morgens um kurz nach sieben angefangen und bis zehn Uhr abends die Stellung gehalten, weil angeblich die Frau des Pächters im Krankenhaus lag. Dann hatte der ihm ohne Kommentar gekündigt und nur die Hälfte dessen ausbezahlt, was vereinbart gewesen war. Der Typ war ein Arschloch. Der Typ war ein echtes Arschloch. Er würde ein Foto von dem Laden machen und es am Computer bearbeiten. Vielleicht würde er den Kiosk zu einem Pornoschuppen umgestalten und das Bild vervielfältigt wie Werbepost in den Briefkästen der Straße verteilen. Der Gedanke gefiel ihm.
   An der Bushaltestelle standen zwei junge Frauen, hatten die Arme um sich geschlungen und traten unaufhörlich von einem Bein auf das andere. Sie schienen zu frieren. Wie konnten Menschen derart hemmungslos aufeinander einreden? Sie schauten sich nicht einmal an und schienen beide gleichzeitig aneinander vorbeizusprechen. Er war sich sicher, dass diese Frauen in einer Stunde genauso wenig über den Inhalt ihres Gespräches wüssten wie er es hier oben tat. Die Videokamera surrte kurz, als er ein Standfoto der beiden machte. Er würde das Foto mit Kohlestift auf Papier übertragen und den beiden nur noch ihre Mäntel lassen: Nervensägen/Westliche Allee/Winter. Nur mit offenem Mantel bekleidet und darunter völlig nackt. Vielleicht würde ihm der Alte im Rahmenladen mit der angeschlossenen Galerie ja einmal so etwas abkaufen. Er musste sowieso dort vorbeigehen, denn der Mann hatte bisher keine Reaktion auf die Zeichnungen und Fotos gezeigt, die er ihm vor Wochen zur Ansicht gebracht hatte.
   Der 78er kam, und die beiden Frauen verschwanden hinter dem bis über die Scheiben mit Matsch bespritzen Bus. Als er weiterfuhr, standen die beiden immer noch schwatzend an der Haltestelle, und er fragte sich, ob sie den Bus in ihrem Anfall von unbeherrschbarer Logorrhö schlicht übersehen hatten oder wirklich auf eine andere Linie warteten.
   Es war eine Sintflut aus Wörtern gewesen. Wie so oft.

*

»Du machst dir keine Vorstellungen davon ich dachte das sei nur so ein blöder Running Gag etwas von dem alle erzählen und meinen das wäre typisch für solche Essen dass es aber eigentlich nicht gibt und dann sitzt man wirklich vor so jemandem das ist dann nicht einfach nur so ein Gesprächsthema in Runden in denen die Gesprächsthemen zu fehlen scheinen es war widerlich was diese Meier alles in sich hinein geschaufelt hat und vor allem wie sie das gemacht hat es war einfach widerlich und die meisten von uns haben sich irgendwann kaum noch getraut ihr dabei zuzusehen sie haben einfach nur ihren eigenen Teller angestarrt die Meier hat das nicht im Geringsten gestört mit vollem Mund weiterquatschen ist die kleinste Übung für die diese Meier ist die von der ich dir schon einmal erzählt habe diejenige die nie etwas versteht und dann immer allen sagt man solle es eben besser erklären die mit dem Typ der wie ein Pfau seinen gebrauchten Porsche durch die Gegend fährt er hat sie letztens ins Büro gebracht es hat gerade noch gefehlt dass sie ihren Galan an dem Abend mitgeschleift hätte ein paar hatten ja ihre Freunde oder Männer dabei im Büro gibt sie immer die Umweltbewusste aber ich mache jede Wette dass sie diesen Typen das Leergut mit dem Porsche zum Container fahren lässt ich meine es ist eine Sache auf Firmenkosten essen zu gehen und eine andere sich dann so vollzufressen als gäbe es morgen nichts mehr zu kaufen bist du so nett und gießt mir noch etwas nach danke dir und dann du glaubst es wirklich nicht dann hat sie sich dermaßen an einer Gräte sie hatte irgendein Fischfilet bestellt an einer Gräte verschluckt dass sie so fürchterlich husten musste dass das halbe Lokal gedacht haben muss die bricht gleich tot zusammen und diese ekelhafte Völlerei war ja nicht das Einzige auch wenn ich zugeben muss dass wir natürlich an dem Abend alle ein wenig mehr als sonst getrunken haben aber jeder weiß doch dass das so ist hat ja keiner etwas gesagt aber ich finde es kommt wirklich besonders peinlich wenn man dermaßen aus der Rolle fällt und vor kaum einer Woche noch getönt hat dass man die kommende Fastenzeit endlich einmal zum Abnehmen nutzen wolle du müsstest sie mal sehen ich möchte nicht wissen was unser Neuer ich glaube er heißt Afdal ich habe noch nicht viel Gelegenheit gehabt mit ihm zu sprechen er gehört zum Außendienst aber ich habe dir von ihm erzählt auf jeden Fall hätte mich vielleicht doch interessiert was er als Moslem von so einer hält wobei ich nicht weiß ob er überhaupt Moslem ist ist ja auch nicht wichtig er hat auf jeden Fall den ganzen Abend neben Rainer Wendling gesessen beide sind letzte Woche Vater geworden und hatten genug Gesprächsstoff um einfach in ihrer neuen Windelwelt zu verschwinden ich habe die beiden fast beneidet und sie haben prompt Witze gemacht ich könnte ja auch du lieber Himmel ich bin dann irgendwann einfach aufgestanden und habe mich kurz zu meinem Chef gesetzt der übrigens eh ich das vergesse gefragt hat ob wir nicht einmal Lust hätten uns auf ein Bier zu treffen ich habe das offen gelassen und gesagt wir könnten ja mal schauen weil ich dich erst fragen wollte du hast ihn einmal getroffen als wir zusammen zum Billard mit den Jungs gefahren sind im Bus erinnerst du dich wir können uns das ja überlegen er ist Hobbyfotograph wie du ich habe ihm noch einmal erzählt was du so machst und das du außerdem Bilder malst so jemandem kann ich das irgendwie besser erklären als den anderen die dann eigentlich doch kein echtes Interesse zeigen übrigens habe ich mir eben kurz deine neue Mappe angeschaut bist du zufrieden die Zeichnung von Charly in seiner Pommes Bude finde ich sehr treffend mein Chef meinte auf jeden Fall dass er es schön fände wenn wir uns einmal sehen würden ich weiß du bist da nie so für zu haben aber lass uns doch mal schauen irgendwann in den nächsten vierzehn Tagen weil ich nächste Woche für zwei Tage zu Menckemann muss die wollen über ein neues Projekt sprechen meine Mutter wird sich zwar beschweren dass ich wieder nicht zu ihrem Geburtstag da bin aber ich kann es nun mal nicht ändern du kannst ja wenn du daran denkst ist aber auch nicht schlimm wenn nicht bei Müller einen Blumenstrauß mitnehmen den bringe ich ihr dann vorbei wenn ich zurückkomme und der hält ja dann auch ne Weile irgendwie ist im Augenblick der Teufel los ich muss zusehen dass ich ein paar Sachen abgeben kann und außerdem habe ich ausgerechnet jetzt auch noch meine Tage bekommen und du weißt ja …«
   Die Worte Teufel und abgeben waren die beiden letzten Tropfen gewesen. Große Tropfen. Gigantische Tropfen. Er hatte sie laut und deutlich in diesem verbalen Sturm gehört, bevor der Damm gebrochen war.
   Er hatte sie nur stumm angesehen und auf die Tür gezeigt. Eine Geste. Ein Fingerzeig. Ein paar Sekunden fast absoluter Stille, in der man nur das Rauschen der auf der Straße vorbeiziehenden Autos hörte. Dann war sie aufgestanden, um zögernd aus dem Zimmer zu fließen, klanglos zu fliehen. Ihr Handy und der Terminkalender lagen noch immer dort auf dem Schrank, wo sie beides hingelegt hatte, als sie gekommen war. Er würde wieder einmal aufräumen müssen, gründlich.
   Die beiden Frauen an der Bushaltestelle waren verschwunden. Er lehnte sich, halb auf der brüchigen Fensterbank sitzend, mit dem Rücken an die Scheibe und verschränkte die Arme. Wie war es möglich, dass man binnen kürzester Zeit Dinge sah und hörte, die man bis jetzt schlichtweg abgestritten hätte? Dinge, die man, wäre man auf sie angesprochen worden, abwiegelnd auf das Neidkonto geiler Freunde gebucht hätte. Nur Heinz hatte Chris nie gemocht. Von Anfang an nicht. Auch wenn er ihm, wie alle anderen Jungs, mit bewunderndem Lächeln auf die Schultern geklopft hatte. Wer weiß, was sich der sprichwörtlich stille Heinz seinerzeit gedacht hatte. »Schön. Schön aufgesetzt und schön offen«, hatte er damals gesagt. Vielleicht hätte er öfter mal mit ihm reden sollen. Offen war sie. Darüber hatte sie ihn nie im Zweifel gelassen. Und wie offen sie war. In jeder Hinsicht. Es behagte ihm ganz und gar nicht, dass er sich eingestehen musste, dass es vielleicht nur diese hemmungslose Rammelei war, die ihn bei dieser Frau gehalten hatte. Auf der anderen Seite, es war doch möglich gewesen. Mein Gott, hatte diese Frau reden können, ohne ein Wort dabei zu verlieren! So einer war er nicht. Aber im Augenblick hätte er Heinz nicht treffen wollen, nicht, wenn der nur schweigend vor ihm stehen und ihn wissend angrinsen würde. Es gab Situationen, da waren Worte durchaus angesagt. Es mussten eben die richtigen sein.
   Mit einem Ruck stieß er sich von der Fensterbank ab, nahm Lederjacke und Schal vom Stuhl und griff sich seine Mappe. Er würde den alten Antiquar jetzt überzeugen, ihm endlich etwas abzukaufen. Danach eine Portion Fritten bei Charly, und später wären die Jungs sicher schon bei ihrer Billardrunde im Masl. Er ging noch einmal zurück und schraubte den Camcorder vom Stativ. Zustechende Queues und herumrasende Kugeln. Vielleicht ließ sich daraus etwas machen. Er warf sich die Tasche über die Schulter, zog sich seine Mütze an und schloss die Wohnungstür. Im Flur polterten ihm Schritte durch das Treppenhaus entgegen. Schritte, die immer zwei Stufen auf einmal zu nehmen schienen. Die schwarzen Locken waren das erste, was er von dem Jungen sah. Einen Herzschlag später tauchte das puterrote und schnaufende Gesicht auf der letzten Stufe auf.
   »Hallo Max, welche Monster sind denn hinter dir her?«, fragte er.
   »Oh, hallo Viktor. Wie geht’s? Ich glaube, ich habe mich vertrödelt. Und ich fürchte, das gibt jetzt wieder ziemlichen Stress oben«, kam die Antwort. »Hast du an das Bild gedacht? Den Schneemann. Du hast gesagt, du malst mir einen echt coolen Typen. Hast du es fertig?«
   Viktor legte theatralisch eine Hand auf den Mund und die Stirn in Falten.
   »Du hast es vergessen. O Mann. Gib’s zu!«, beschwerte sich der Junge.
   »Ich habe das Bild aus Versehen auf die Heizung gelegt, und du kannst dir ja denken, was dann passiert ist …«
   Der Junge grinste Viktor an und rannte weiter die Treppe hoch. »Dann eben später. Macht ja nix«, schallte es vom nächsten Absatz. »Nur irgendwann will ich …« Das Ende des Satzes bekam Viktor schon nicht mehr mit.
   Er blieb eine Weile vor der Haustür stehen. Es hatte wieder angefangen zu schneien, und er zog sich die Mütze über die Ohren und tiefer ins Gesicht. Die Westliche Allee war ein einziges kakofonisches Rauschen aus Spritzwasser und Motorengeräuschen. Der nächste 78er Bus kroch langsam in einer Schlange auf der anderen Straßenseite neben ihm her. Er begann zu laufen, musste alle paar Meter irgendjemandem ausweichen und seine Videotasche festhalten, die ihm sonst unweigerlich von der Schulter gerutscht wäre. Die Fußgängerampel war rot, und die Autoketten fraßen sich unerbittlich von links und rechts durch den eisigen Dreck. Der Bus hatte kurz angehalten und war dann weitergefahren.
   Na schön, dann eben der Nächste, sagte er sich und überquerte mit den anderen die Straße.

Der Laden des alten Bilderrahmers mit angeschlossener Galerie, und dieser Zusatz schien Oskar Dipento, dem Besitzer des Etablissements äußerst wichtig zu sein, denn es war bisher kein Besuch vergangen, bei dem er nicht mehrfach darauf hingewiesen hatte, lag vier Stationen weiter, mit der Haltestelle unmittelbar vor dem Eingang. Schon beim Aussteigen konnte Viktor erkennen, dass der Mann allein hinter seiner Theke stand. Er überlegte, ob ihm zwischen all diesen Rahmenmustern und Bildern überhaupt jemals ein Kunde begegnet war und wovon dieser alte Glatzkopf eigentlich lebte. Kein Mensch konnte diese grottenschlecht gemachten Rothkokopien, Acryluniversen und mediterranen Landschaftsscheußlichkeiten ernsthaft gegen Geld eintauschen wollen. Es war ihm sogar manchmal ein wenig peinlich gewesen, wenn er den Jungs erzählt hatte, dass er seine Sachen ausgerechnet zu diesem Bilderrahmer mit angeschlossener Galerie-Kunsthändler gab. Aber es war das einzige Geschäft dieser Art in seiner Nähe. Er musste sich schleunigst nach Alternativen umsehen. Er war einfach zu bequem. Manchmal. Ihn fröstelte.
   Viktor betrat den leeren Laden und räusperte sich.
   Als der Mann ihn erkannte, winkte er ihm zu und kam eilfertig hinter seiner Theke hervor, auf der er irgendwelche Ösen und winzigen Metallhaken sortiert hatte. »Guten Tag, Viktor. Wie geht es Ihnen? Ein lausiger Februartag. Fürchterlich.« Es entstand eine Pause. In diesem Geschäft entstanden immer Pausen.
   »Und?«, fragte Viktor. Ihm stand nicht der Sinn nach Small Talk, aber einen Augenblick befürchtete er, dass diese nur aus einem Wort bestehende Frage zu unfreundlich geklungen hatte.
   Dipento, der Antiquar und Gallerist, kniff die Lippen zusammen und zuckte kaum merklich mit den Achseln. »Ich habe sie mir angesehen. Sie sind …«
   »Was sind sie?«, unterbrach ihn Viktor.
   »Na ja, das lässt sich schwer in zwei, drei Worte fassen«, erwiderte der Mann.
   »Ich hätte Zeit. Vielleicht geht es in zwei, drei Sätzen«, sagte Viktor und war sich absolut sicher, das Ergebnis dieser Unterredung bereits zu kennen.
   »Sie sind – ich denke, sie sind – sehr provozierend! Manche sind auf eine schwer zu erklärende Art …« Er knetete seine Hände und suchte nach Worten. »Unzugänglich. Es sind …«
   »Fotos! Es sind Fotos. Und Bilder, die ich von einigen male. Manche sind echte Fälschungen«, aber Viktor hätte schwören können, dass dieser glatzköpfige Antiquar und Galerist solche Witze nicht verstand.
   »Schauen Sie, Viktor, ich habe hier … Meine Klientel wohnt überwiegend in dieser Stadt. Sie kennen doch Landsbach! Das hier ist nicht Hamburg oder München. Was ich verkaufen kann, sind Dinge … na ja, das Tagesgeschäft mit den Rahmen trägt sich so eben, und die angeschlossene Galerie … tja …«
   »Nichts für ungut. Alles klar.« Viktor deutete wie zufällig auf die rot-weiß gemusterte Fliege des Mannes. Vielleicht hingen in der angeschlossenen Galerie ja die falschen Bilder.
   »Es tut mir wirklich leid. Viele Ihrer Arbeiten sind äußerst interessant. Aber …« Er war hinter die Theke gegangen und hatte eine Kladde aus einer Schublade gezogen, die er Viktor unschlüssig vor die Brust hielt. »Sie möchten Ihre Mappe vielleicht zurückhaben. Andererseits könnte ich sie einigen …«
   Viktor nahm die Mappe an sich und drehte sich zur Ladentür um. »Danke schön. Vielen Dank für Ihre Mühe. Besten Dank.«
   »Ich würde mich freuen, wenn Sie wieder einmal …«
   Viktor hatte die Tür bereits hinter sich geschlossen, drei Schritte an die Bushaltestelle des 78er gemacht und die Mappe in den dort hängenden Papierkorb geworfen.
   Bevor er die Jungs im Masl treffen würde, musste er seine üble Laune loswerden. Er würde einen Spaziergang machen. Einen längeren Spaziergang. Wetter hin oder her, aber so weit war Charlys Bude nicht. Und sein Appetit hielt sich im Augenblick in Grenzen.

Als er bei Charly ankam, fror er bis auf die Knochen und hatte nasse Füße. Viktor stellte sich hinter den Windschutz, warf dem Mann in der Bude einen grüßenden Fingerzeig zu und wartete, bis er an der Reihe war.
   »Hi, Viktor. Alles top?«
   »Mhm. Alles wie immer.« Viktor atmete in seine Hände.
   »Scheiß Wetter! Jedes Jahr ein paar Gasflaschen mehr«, beschwerte sich Charly. »Ketchup oder Mayo?«
   Viktor schüttelte den Kopf. »Nur Essig.«
   »Und? Hast du eins verkauft?«, fragte Charly und schaufelte die Pommes auf einen extra großen Pappteller.
   Viktor blickte die Straße entlang. »Jau! Eins. Einen Schneemann. Is’ aber noch nicht ganz fertig.«
   »Und noch was dazu?«, kam die Frage aus der Bude.
   »Vielleicht. Mal sehen«, erwiderte Viktor.
   »Ob du noch was dazuwillst!« Charly grinste.
   »Äh, nein, nein, danke«
   »Die Jungs haben nach dir gefragt.« Charly reichte ihm die Pappschale, wo auf den Fritten eine Frikadelle thronte.
   »Ich seh sie nachher, denke ich.« Viktor fingerte an den Pommes herum und versuchte, sich nicht zu verbrennen.
   »Auf’s Haus!« Charly deutete von oben auf die Bulette. »Februar Specials!«
   Viktor kaute schweigend und nickte.
   Charly schüttete neue Pommes in die Fritteuse und wandte sich an den nächsten Kunden. Als sich Viktor auf den Rückweg machte, hörte er, wie Charly ihm hinterherrief: »Bitte!«
   Viktor hob die Hand und wedelte mit dem Zeigefinger durch die kalte Luft. »Vielleicht sehen wir uns ja noch. Tausche Frikadelle gegen ein Bier.« Und dann wollte er nur noch aus der Kälte hinaus und in seine Wohnung.

Kapitel 2
Februar 2010
Landsbach, Das Masl

»Graue, Nebel verhangene Wintertage sind die perfekte Schminke für die unübersehbaren baulichen und städteplanerischen Wunden, die ein so exklusiv wie dubioser, vermutlich von Größenwahn, Unfähigkeit oder beidem heimgesuchter ortsansässiger baumeisterlicher sogenannter Kreativpool in diese Stadt geschlagen hat, ein Kreis, der seine architektonischen Albträume auf dem Bauteppich seiner egomanischen Selbstverwirklichungsfantasien auslebt – und das seit Jahrzehnten und mit Duldung oder gar Unterstützung unserer fragwürdigen Politiker. Lebenswert war gestern! Macht Schluss damit! Damit Landsbach nicht zu einem optischen und olfaktorischen Totalschaden verkommt! Diesmal Alternative Liste für Landsbach.«
   Viktor war stehen geblieben und hatte das Flugblatt dreimal gelesen. Er bezweifelte, dass diejenigen, die diesen Totalschaden bewohnten, sich von den Autoren derart zusammengeschraubter Zeilen angemessen vertreten fühlten. Vor allem bezweifelte er, dass die meisten der Betroffenen in ihren mit Graffiti beschmierten Stahlbetontürmen oder noch nie renovierten Altbauwohnküchen, die diesen Zettel lasen, überhaupt verstanden, was ihnen da gesagt werden sollte. Er musste an den bröselnden Fugenkitt seines Fensters denken. Der Mann hatte ihm das Blatt hastig in die Hand gedrückt und war schnell weitergelaufen. Immerhin – das passende Wetter hatte sich die Alternative Liste für Landsbach ausgesucht. Viktor betrachtete die beiden Wahlplakate, die an dem Laternenpfahl angebunden waren, vor dem er stehen geblieben war, als der Mann ihm den Zettel aufgezwungen hatte. Dr. Robert Hausmann – Für ein lebenswertes Land. Für ein lebenswertes Landsbach. Und über den Buchstaben l und e schwebte ein kleines hinzugefügtes i und machte aus dem Wort lebenswert die Variante liebenswert. Aha, dachte Viktor. Welche Kraft und Botschaft doch manchem Worte innewohnten – und wie sehr er diese klugscheißenden Politiker verachtete. Entweder man faselte in völlig verdreht verknoteten verbalen Gesinnungsgirlanden, oder man faselte, indem man absolut sinnentleerte Einworthülsen ausatmete. Na gut, und es gab noch Menschen, die faselten, indem sie unaufhörlich springflutartige Verbalattacken fuhren. Er hatte nicht an Chris denken wollen und zwang seine Gedanken in eine andere Richtung.
   Er betrachtete den Bauzaun auf der anderen Straßenseite, auf dem das lächelnde Alternativprogramm seine Hoffnungsträger-wie-du-und-Ich plakatiert hatte. Dr. Anke Schreiber-Berghoff. Dr. Jens Leitmeier (MdL). Zu was Titel und Bildung doch führen konnten. Immerhin bekam man Hitlerbärtchen, Zahnlücken und Nickelbrillen aufgemalt. Niemals mehr werde ich eines dieser völlig sinnlosen Kreuzchen machen, sagte sich Viktor. Wählen war, als rührte man Jahrzehnte in einem Güllesilo, in der Hoffnung, dass es jetzt, dieses nächste Mal endlich, endlich nach Rosenwasser duftet.

Ohne Zweifel, die Liste der Gegenden und Stellen, an denen Landsbach ein gewisses Flair ausstrahlte, war übersichtlich und kurz. Aber es gab diese Stellen. Ein paar. Wie so vieles, war das Ansichtssache, aber die Jungs und er waren sich einig, dass das Masl eine solche Ausnahme war. Zugegeben, dort wohnte man nicht, sah man einmal vom stillen Heinz ab, dessen Stiefmutter das Lokal gepachtet hatte. Dennoch, auf irgendeine Art war es ein zweites Zuhause. Eigentlich wohnte Heinz auch nicht dort, aber es gab ein Zimmer im ersten Stock, das er manchmal benutzte, wenn der Zapfhahn abends gewonnen hatte. Und eigentlich war es auch nicht seine Stiefmutter, sondern einfach die Freundin seines Vaters, die der in Wien kennengelernt hatte und die Heinz von Anfang an mit der Bezeichnung Stiefmutter aufgezogen hatte. Nur manchmal, wenn alle Mann beieinander waren, sagte er unser aller Masl, und keiner wusste so genau, ob er nun das Lokal oder die Frau meinte.
   Schreibwarenhandel, Mini-Maxi, Schlüsseldienst, Leerstand, Leerstand, Pizzeria Da Gianni, Douglas, Leerstand. Es sah überall gleich aus. Nur dass jetzt die Auslagen und Schaufenster erleuchtet waren, weil das Wetter und dieser Februartag seit Längerem schon das Licht ausgeschaltet hatten. Viktor machte sich auf den Weg und ärgerte sich, dass er seine Schuhe nicht noch einmal an die Heizung gestellt hatte.

*

»Charly ist verrückt. Er verschenkt den halben Laden.«
   »Unsinn! Hier und da eine größere Portion. An handverlesenes Publikum. Das ist alles. Er wird wissen, was er macht. Charly ist in Ordnung.«
   »Ich weiß, dass Charly in Ordnung ist, und vielleicht weiß er auch, was er macht. Trotzdem ist er verrückt! Er verkauft wenig und verschenkt das Doppelte. Jeder hier weiß das.«
   Die Kellnerin kam vorbei, und Matz fischte sich wortlos ein Bier vom Tablett.
   »Hey, das war nicht für dich!« protestierte die Frau.
   Matz pustete ihr einen Handkuss durch die Luft und deutete auf die beiden Männer am Nachbartisch. »Gib ihm meins!« Dann griff er sich den Queue, ging in die Hocke und studierte auf Augenhöhe mit der Tischplatte die Lage der Kugeln.
   »Die Tittenhefte, die verschenkt er nicht. Das echt heiße und fettige Zeug, das behält er für sich! Glaub’s mir, Müller!«
   Stefan verzog das Gesicht. »Mein Gott, soll ich dir eins kaufen? Oder frag ihn, ob du ein altes kriegst. Vielleicht wickelt er dir ja auch dein Würstchen ein.«
   »Toller Witz! Ganz großartig, Müller«, grantelte Matz zurück, »aber lass gut sein. Charly ist der genialste Ökonom in ganz Landsbach.«
   Früher, als alle noch zur Schule gingen, kurze Hosen trugen, ein Februar noch doppelt so warm und Landsbach nur halb so tot gewesen war, war das Masl ein Caféhaus gewesen. Kleine runde, mit Plastikblumen geschmückte Holztische hatten um zwei kolossale, stuckverzierte Säulen gestanden, an der Decke hing ein riesiger Kronleuchter, und im durch einen kleinen Gitterzaun zum Saal abgetrennten Schaufenster waren Kunststofftorten verstaubt, um die sich im Frühjahr Schokoladenhasen und ab Mitte Dezember Weihnachtsmänner tummelten. Außerdem hatte das Caféhaus Jakob Satz, das jeder nur das Cafesatz nannte, eine kleine Bühne an der Stirnseite des Saales gehabt, auf der einmal im Monat Sonntag nachmittags ein Streichquartett aufspielte und dafür sorgte, dass jeder Stuhl besetzt war. Das Durchschnittsalter der fast ausschließlich weiblichen Besucher hatte jenseits der sechzig gelegen, und diese Besucher hatten ausnahmslos ihre Hüte beim Verzehr ihres Tortenstückes aufbehalten.
   »Jungs, Partnertausch. Jetzt stoßen wir.«
   Stefan und Matz schauten sich kurz an, aber keiner sagte etwas. Zweideutigkeiten waren eigentlich nicht Sache des stillen Heinz. Vielleicht war er einfach nur bestens gelaunt und freute sich für seine Stiefmutter, dass das Masl heute Abend gut besucht war.
   »Hoho«, kommentierte Matz kindisch, leerte sein Glas und winkte der Kellnerin zu. »Das sag ich deiner Alten. Dann lässt sie ihn erkalten!«
   Die anderen schwiegen und sahen Matz gelangweilt an.
   Der stille Heinz nickte den Mann am Tisch, an dem er eben noch gesessen hatte grinsend zu sich. »Komm, Luca. Showtime. Das Gequatsche hört von allein auf, wenn sie verlieren. Los geht’s!«
   »Das isse noch nicht perfetto!«, ulkte Matz über den Tisch und sortierte die Kugeln in das Plastikdreieck.
   Müller gab ihm einen freundschaftlichen Klaps auf den Hintern. »Aufhören! Spielen!«
   Anna Leitner hatte das Masl quasi halbiert. Im hinteren Teil standen vier Billardtische, drei für Poolbillard und ein Karambolagetisch. Die Bühne verhüllte ein riesiger, von der Decke hängender roter Samtvorhang, auf dem in großen Stickbuchstaben zu lesen war … es hätte schlimmer kommen können, was bei den wenigen Anlässen in den vergangenen Jahren, bei denen jemand dort oben etwas zum Besten gegeben hatte, am Ende regelmäßig zu erheblichem Gelächter und anerkennendem Pfeifkonzert geführt hatte. Im vorderen Teil standen Tische in abgetrennten Nischen, und eine mannshohe, mit Bildern und Fotos behängte Holzwand separierte die Kugeln versenkenden aktiven Säufer von den stillen Zechern. Und über allem schwebte der Leuchter mit seinen glitzernden Metallkerzen.
   »Der hot a Masl!«, sagte der stille Heinz, als Müllers Kugel wie in Zeitlupe im Loch verschwand.
   »Von wegen Masl! Alles perfekte Beherrschung des geführten Stabes, genauso wie …«
   »Wissen wir doch, Matz. Wissen wir doch alle schon«, unterbrach ihn Heinz und wanderte langsam um den Tisch herum.

*

Im Stimmenwirrwarr, das aus dem vorderen Teil herüberwehte und dem andauernden Klacken sich berührender Billardkugeln hatten sie ihn nicht kommen hören.
   »N’abend, die Herren«, sagte Viktor und hängte seine Jacke und die Videotasche über einen Stuhl. »Und Grüße aus dem Frittenland. Vielleicht kommt er noch vorbei.«
   »Allerbesten Dank, der Herr. Satt geworden?«, ätzte Matz und stemmte sich auf seinen Queue.
   »Halt’s Maul, Matz, und mach zu. Du bist dran.«
   Luca runzelte missmutig die Stirn. »Später als sonst! Alles klaro bei dir?«
   »Alles klar. Und hier ja wohl auch«, sagte Viktor und schmunzelte.
   »Druckbefüllung!«, sagte Müller leise und nickte schweigend in Matz’ Richtung.
   »Verstehe. Mal was anderes. Dann sollte ich mir wohl schnellstens ein Bier besorgen, damit ich euch besser verstehe.« Viktor machte der zwei Tische weiter kassierenden Bedienung ein eindeutiges Zeichen.
   »Willst du übernehmen?«, fragte Luca.
   Viktor schüttelte den Kopf. »Spielt mal die Runde zu Ende. Vielleicht gleich.«
   Eine Weile versenkten die Männer schweigend ihre Kugeln. Als der stille Heinz das Dreieck abermals auf den grünen Filz legte, um ein neues Spiel zu beginnen, ging Viktor zu Stefan Müller, der sein Bier auf den Nachbartisch gestellt hatte.
   »Kannst du mir morgen deinen Wagen leihen? Ich würde gern ein, zwei Stunden auf das Horn, um ein paar Fotos zu machen. Falls das Wetter besser ist. Wenn Schnee liegt, ist es da oben sehr schön! Im Dunkeln kann man von dort sogar Landsbach für eine Perle halten.«
   Müller zuckte mit den Schultern und nippte an seinem Bier. »Meinetwegen. Aber ich habe übermorgen eine Fuhre und brauche die Karre später zurück. Sicher! Und das Zeug ist dann auch schon drin. Schließ halt ab, wenn du ihn irgendwo abstellst. Und mit dem Sprit wie immer.«
   Matz machte eine Spielpause und lehnte mit seinem Bier an der Tischecke. Er kniff ständig die Augen auf und zu und wischte sich mit der Hand über den Mund. »In voller Schönheit! Ooohne Bumms! Sonst sind die ganzen Stengelchen geknickt …« Aber keiner beachtete ihn.
   »Danke«, sagte Viktor. »Vielleicht besorge ich dir einen Strauß Blumen.«
   »Komiker. Drunten in der Kalau!«, sagte Müller und lächelte. »Andererseits. Mach mal. Warum nicht. Der ist aber dann nicht aus Plastik wie meine!«
   Sie begannen eine neue Runde.
   »Vielleicht hätte ich einen Job für dich.« Der stille Heinz hatte seinen Stoß vergeigt und sah Viktor an. »Nix Geiles. Ein paar Euro. Mein Schwager renoviert seinem Chef die Bude. Irgendetwas mit Kunst im Badezimmer. Ich habe ihm gesagt, dass ich jemanden kenne, der so etwas draufhat.«
   »Nix Geiles … Ohoo!«, aber die Runde schien Matz’ alkoholisierte Einwürfe nicht mehr zur Kenntnis zu nehmen.
   »Du kannst ja mal vorbeischauen.«
   »Mach ich. Mach ich vielleicht wirklich. Danke, Heinz.«

Langsam leerte sich das Masl. Der stille Heinz war zu Anna gegangen und hatte einen Teller mit Käsewürfeln besorgt, die er aber fast allein verdrückte, weil die anderen kein großes Interesse daran zeigten. Viktor filmte das Hin und Her der bunten Kugeln und machte Nahaufnahmen von Händen und zuckenden Queues.
   Irgendwann hielt ihm Müller die Hand vor das Objektiv. »Sendeschluss! Ich mach mich dünn. Soll ich dich heimfahren, oder bleibst du noch?«
   »Ich denke, ich komme mit.«
   Sie verabschiedeten sich von den anderen und winkten Anna Leitner ein »Bis dann« zu.
   Draußen schlug ihnen böiger Schneeregen entgegen, und Viktor schüttelte sich. Winter war noch nie seine Jahreszeit gewesen. Als er die Tür des alten Kastenpeugeots zuzog, musste er lachen. Müllers Kunstblumen – Ein Leben lang Frühling, stand auf der Flanke des Wagens. Wenn das so einfach wäre.
   »Manchmal habe ich das Gefühl, Charly verschenkt den halben Laden«, sagte Viktor leise in die Dunkelheit der Fahrerkabine. Eine Weile waren sie schweigend neben dem 56er hergefahren.
   »Den ganzen, Viktor. Den ganzen!«, sagte Müller.

Kapitel 3
Landsbach, Hexenhorn
Februar 2010

Jede Straße in östlicher Richtung aus Landsbach hinaus mündete auf einer Strecke von kaum zwei Kilometern unweigerlich auf dem Hexenbesen, einer vierspurigen Ausfallstraße, die kurz vor dem Landsbacher Gewerbegebiet über die Nees führte und sich wenig später, exakt am Ortsausgangsschild, in eine Landstraße verjüngte. Jeder, der in Landsbach ein Fahrzeug besaß, kannte den Hexenbesen als Rennstrecke, auf der sich die wenigsten an die innerörtliche Geschwindigkeitsbegrenzung hielten. Und jeder motorisierte Landsbacher hatte sich irgendwann einmal gefragt, warum sich seine Stadt diese sprichwörtliche Großspurigkeit geleistet hatte, die nach zweitausend Metern abrupt in der L 258 endete und die das mäßige Verkehrsaufkommen zu keiner Zeit gerechtfertigt hatte. Eine Zeit lang hatte es damals Proteste gegeben. Anhörungen. Bürgertreffen. Samstagsmärsche unter spärlicher Beteiligung. Flugblätter. Und dann war der Hexenbesen eingeweiht worden, und man hatte die handgemalten Protestschilder entlang der Straße abgerissen.
   Jenseits des Gewerbegebietes folgte die Straße eine Weile dem Verlauf der Nees und stieg dann langsam in lang gezogenen Kurven und einer Handvoll Spitzkehren in den Wiesbronner Holz. Eine der höchsten Erhebungen dieses ausgedehnten Waldgebietes war das Hexenhorn. Parkte man seinen Wagen am Ausflugslokal, waren es noch knapp zehn Minuten zu Fuß, bis man den Felsen und seinen Aussichtsturm erreichte. Von hier oben aus konnte man weit in die Ebene schauen, und von hier aus hatte sogar Landsbach etwas Einladendes und beinahe Charmantes. Jetzt lag der Wald, soweit man sehen konnte, unter einer weißen Schneedecke, das Ausflugslokal war geschlossen, und das Hexenhorn hob den besucherlosen Turm schweigend in den Februarhimmel.
   Tanja parkte ihren schwarzen Mini am Straßenrand, denn der Platz vor dem Haus war hoffnungslos überfüllt. Würden die Falschen die Party zuerst verlassen wollen, gäbe es ein chaotisches Fahrzeugrücken. Sie prüfte ihr Make-up im Rückspiegel und sah, wie Tim die hell erleuchteten Fenster des Hauses studierte.
   »Wie alt wird Hannes eigentlich?« fragte er.
   »Vierzig«, antwortete sie. »Und versprich mir, dass du Kevin dieses Mal nicht ständig ärgerst.«
   Hannes Rosskopf war ein älterer Kollege aus der Kanzlei und einer derjenigen, die sich irgendwann einmal entschlossen hatten, lieber in Wiesbronn zu wohnen und jeden Tag nach Landsbach ins Büro zu fahren.
   Als die Tür geöffnet wurde, überrollte sie eine Welle aus heißer Luft und viel zu lauter Musik.
   »Hey, die Schneekönigin Renz!«, begrüßte Hannes sie. »Ich schmelze dahin. Du siehst wie immer großartig aus. Kommt herein. Und du, mach nicht so ein frostiges Gesicht, Prinz Eisenherz. Heute Abend sind nur heiße Typen angesagt, okay? Kevin ist oben und wartet schon, dass du ihm ins nächste Level hilfst.«
   Tim verschwand auf der Treppe, und Hannes führte Tanja ins Wohnzimmer, in dem es kaum noch einen Stehplatz zu geben schien.
   »Was trinkst du?« fragte er.
   Sie blickte ihn unschlüssig an. »Ein Glas Sekt sollte erlaubt sein. Ich muss noch zurückfahren.«
   »Hallo Tanja. Wenn es dir so geht, wie du aussiehst, will ich auf der Stelle wissen, wie er heißt!«
   Tanja lächelte zurück. Hannes‘ Bruder war ein netter Kerl, aber seine dummen Sprüche hatten sie schon immer gestört.
   »Was ich nicht weiß, macht dich nicht heiß«, antwortete sie und nahm sich ein Glas Sekt vom Tablett, das Hannes ihr unter die Nase hielt.
   Die meisten der Gäste kannte sie. Einige nur vom Sehen oder von früheren Feiern. Ein paar Gesichter sagten ihr nichts. Sie drängte sich an zwei unbekannten Frauen vorbei und zielte auf eine kleine Gruppe, aus der man ihr bereits zugewinkt hatte.
   »Guten Abend, die Herren. Na – hat Peter euch mit der Tatsache konfrontiert, dass er eure falsch geparkten Schlitten abschleppen lassen wird? Ich bin sicher, er zieht die Anklagen gegen ein kleines Entgeld zurück!«
   »Guten Abend, Du Rabenaas. Ich hoffe trotzdem, dass es dir gut geht.«
   »Seht ihr«, lächelte Tanja kokett, »Peter ist ein lieber Anwalt!«
   Sie stießen mit ihren Gläsern an, und Tanja stellte dankbar fest, dass jemand die Musik leiser gedreht hatte.
   »Ich habe gestern Abend deine Eltern in Bielheim in der Oper gesehen. Dein Vater schien begeistert zu sein. Ich wusste gar nicht, dass er auf so etwas steht.«
   »Doch, Oper ist Vaters Ding, je dramatischer, desto besser«, sagte Tanja und fischte sich ein neues Sektglas vom Tablett, das Hannes‘ Haushaltshilfe durch die Menge trug.
   »Wie geht es Tim?« Irgendjemand wollte Addicted to Love lauter hören und hatte den Lautstärkeregler wieder höher gedreht.
   »Ich denke, bestens. Er sitzt oben mit Kevin am Computer«, rief Tanja zurück.
   Peter hatte sie zur Seite gezogen, in eine Ecke, die nicht ganz so überfüllt wie der Rest des Raumes war, und sich dort auf die Lehne eines Sessels gesetzt. »Alles okay?«, fragte er leise, und sie hatte Mühe, ihn überhaupt zu verstehen. »Brauchst du etwas?«
   Tanja seufzte und schaute kopfschüttelnd an ihm vorbei in den Raum. »Danke Peter. Alles ist bestens. Alles im roten Bereich. Und mir reicht der Schnee, der draußen liegt. Ich brauche wirklich nichts.«
   »Ich habe nur gefragt.« Er hielt abwehrend die Hände vor sich. »Ich hole mal flüssigen Nachschub.«
   Tanja schlenderte durch die Menge ins Esszimmer und schaute in den dunklen, verschneiten Garten. Es behagte ihr nicht. Ganz und gar nicht. Peter war praktisch ihr Chef. In der Sozietät war er nahezu überkorrekt. Es war hier und da sogar vorgekommen, dass er sie gesiezt hatte. Und bei Gelegenheiten wie dieser verwandelte er sich in einen völlig anderen Menschen. Seit dem Tag, als Jan verschwunden war, hatte sich alles verändert. Ich habe es nie verstanden, aber ich habe es verwunden, dachte sie. Ich glaube es wenigstens. Und irgendwie reißt ihr alles immer wieder auf. Warum waren diese Typen nichts anderes als heimtückische Fallensteller?
   Hannes‘ Bruder zog mit einem beladenen Teller und einem Bier an ihr vorbei. »Nicht vergessen, du schuldest mir einen Namen!«
   Sie zog eine Grimasse und verzichtete auf einen Kommentar.
   »Und? Kleine Pause im Affentheater?«
   Tanja zuckte zusammen. Sie hatte nicht gemerkt, dass der Mann hinter sie getreten war. »Wie bitte?« fragte sie spröde. »Und wehe, Sie sagen jetzt, dass ich Sie an jemanden erinnere.« Sie überlegte, fand aber keinen passenden Namen. Hannes hatte eine Menge Bekannter. Diesen kannte sie nicht.
   »Verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich hatte irgendwie das Gefühl, diese Art von Irrenhaus ist auch nicht gerade Ihre zweite Heimat.«
   Tanja zögerte einen Augenblick. »Sie sehen aber auch nicht gerade aus wie der Wärter.«
   Der Mann lachte. »Nein, das stimmt wohl. Michael.« Er hielt ihr seine Hand entgegen, und Tanja ergriff sie reflexartig. »Hannes und ich kennen uns von der Uni. Wir haben uns vor Kurzem zufällig wiedergetroffen, und er hat mich auf seine Geburtstagsparty eingeladen. Irgendwo muss ich ja anfangen, wenn ich nicht den ganzen Abend stumm in der Ecke verbringen möchte.«
   Tanja musste lächeln. Es waren immer dieselben Sprüche. Immer dieselbe Art. »Also wirklich kein Wärter. Eher so etwas wie der Vizedirektor!«
   »Ach was.« Michael winkte ab.
   »Sondern?«
   Es entstand eine Pause, in der Michael sie zu mustern schien. »Du lieber Himmel! Ich befürchte, die Wahrheit werden Sie mir sowieso nicht abnehmen.«
   Tanja legte die Stirn theatralisch in Falten und hob die Hände. »Also doch ein Insasse …!«
   Michael sah sie grinsend an. »Mein Vater ist vor wenigen Tagen gestorben. Er hatte ein Bestattungsinstitut …«
   Tanja musste sich ein lautes Lachen verkneifen. »Ach du meine Güte!«
   »Das dachte ich am Anfang auch«, erwiderte Michael trocken. »Aber auch solche Leute haben manchmal Kinder, für die sie glauben, eine Existenz aufbauen zu müssen.«
   Tanja sah ihn an, und eine Sekunde lang dachte sie, verfluchter Hund, das ist mal eine andere Tour. »Sie meinen, Sie hatten die Chance, sich in einen gemachten Sarg zu legen.«
   »Hm …« Michael fuhr sich mit zwei Fingern über die Eckzähne, und jetzt musste Tanja wirklich lachen. Dann drehte er den Kopf und betrachtete nachdenklich die Menge. »Letztendlich ist es doch gleichgültig, wo man stirbt. Und ehrlich gesagt, ich habe nicht die blasseste Ahnung, ob ich es machen soll. Was raten Sie mir denn? Soll ich?«
   Tanja begann Gefallen an dem Gespräch zu finden. »Wissen Sie, ich weiß es auch nicht. Sie sind der Erste Ihrer Art, den ich kennenlerne. Jemanden wie Sie habe ich bisher nie gebraucht.«
   »Ich kann mir lebhaft vorstellen, was Sie denken«, erwiderte Michael. »Kein Wunder, dass der sich hier fehl am Platze vorkommt. Im Himmel kann man schlecht Grabesreden einstudieren.«
   Tanja überlegte, ob sie sich noch etwas zu trinken besorgen sollte. »Nur, weil es nicht das Paradies ist, muss es nicht gleich die Hölle sein!«
   »Na ja, ist ja auch keine schlechte Fete, und ein paar Engel scheint es ja zu geben.«
   Ich wusste es!, dachte Tanja und trat unwillkürlich einen Schritt zurück. »Das war hoffentlich kein Angebot für eine Geschäftsbeteiligung. Ich bin absolut ungeeignet …«
   »Nein, nein, nein«, unterbrach Michael sie. »Es war – nur ehrlich gemeint. Wenn ich uns etwas zu trinken besorge, habe ich dann Chancen, Sie hier wiederzufinden?«
   Tanja ließ ihren Blick über die Menge schweifen. »Ich fürchte, die Fluchtwege sind hoffnungslos verstopft.«
   Michael verschwand in der Küche. Tanja überlegte einen Moment, ob sie wirklich warten sollte oder nicht doch besser wieder zu den anderen ging. Bestatter!
   Ihr Handy klingelte, und sie fragte sich, wie viele Male sie es bei dem Krach überhört haben mochte. Sie zog es aus der Jackentasche und sah auf das Display. Es war eine SMS. Sie rief die Mitteilung ab und rollte mit den Augen.
   Was ist ein Kontaktmarkt? Tim.
   Sie steckte das Handy zurück.
   Michael war zurückgekommen und hielt zwei Drinks in den Händen. »Ich hatte vergessen zu fragen, was Sie möchten. Trinken höhere Wesen überhaupt Alkohol?«
   Tanja nickte. »Manchmal schon. Aber ich fürchte, jetzt nicht. Sind Sie mir böse, wenn ich gehen muss? Ein anderer Engel muss schleunigst ins Bett.« Irgendwie war sie froh darüber, dass sie ihm zum Abschied nicht die Hand geben musste, weil er immer noch die beiden Gläser vor sich hielt.
   »Machen Sie’s gut. Vielleicht ja ein anderes Mal. Bis dahin haben Sie sich an schwarze Anzüge gewöhnt.«
   »Ich denke eher nicht.« Tanja wandte sich zum Gehen und wollte nicht wissen, ob er ihr nachsah. Sie ging durch den Flur und stieg die Treppe hinauf. »Was treibt ihr beiden eigentlich da?«, fragte sie verärgert in das dunkle Zimmer, in dem nur der Bildschirm leuchtete. »Los jetzt, Tim. Wir müssen nach Hause.«
   Widerwillig maulend griff Tim seine Jacke und folgte ihr nach unten. »Und? Was ist jetzt ein Kontaktmarkt?«
   »Nichts für dich!«, schnauzte ihn Tanja an, »jetzt gib Ruhe. Vielleicht fragst du morgen deinen Großvater. Ich bin sicher, der kann dir eine Antwort geben. Kam das etwa in einem von Kevins Videospielen vor? Unglaublich!«
   »Quatsch!«, maulte Tim, »wir haben Need for Speed gespielt«, aber Tanja glaubte ihrem Sohn nicht so recht. Sie verabschiedete sich auf die Schnelle bei denen, die im Flur und der Küche herumstanden und bat Hannes Bruder, den anderen Grüße auszurichten.
   »Hast du getrunken?«, fragte Tim, als sie in den Wagen stiegen.
   »Nicht genug! Und jetzt sei still. Ich muss mich auf die Straße konzentrieren.«
   Die Scheibenwischer fegten einen dünnen Schneefilm von der Frontscheibe. Sie wendete den Wagen und schaltete die Heizung hoch. Irgendwann würde sie Hannes einmal sagen müssen, dass er ein Auge auf die Spielesammlung seines Sohnes werfen sollte. Weiße Schneeflocken rasten ihnen durch das Scheinwerferlicht entgegen.
   »Wie im Weltall! Warp 5«, meinte Tim leise von hinten.
   Schlafen, dachte Tanja. In spätestens einer halben Stunde will ich schlafen.

*

Karl Renz legte beide Hände auf das Lenkrad und wartete, dass die Ampel auf Grün sprang. Das Gefühl, das ihn immer noch durchströmte, hatte etwas Gravitätisches, es war eine den ganzen Körper von innen heraus wärmende Erhabenheit, die Gewissheit, von angemessener Überlegenheit durchflossen zu werden. Er liebte diese Oper über alles, kannte jeden Ton und jede Zeile. Mozart war ein Genie gewesen, und einem Genie gebührte uneingeschränkter Respekt.

Ho fermo il cuore in petto: non ho timor: verro!
Dammi la mano in pegno
Eccola! Ohime.
Cos’hai?

Noch nie hab’ ich gezittert. Ich fürchte nichts, drum sei’s.
Reich’ mir die Hand zum Pfande.
Nimm sie denn
Wohlan?


Er drehte die Lautstärke des CD-Spielers weiter auf und summte leise mit. Sie warteten. Die Ampel ließ sich Zeit.
   »Es wäre mir sehr angenehm, wenn es nicht ganz so laut wäre, Karl. Du hast doch eben alles gesehen. Wir haben doch alles vor kaum einer Stunde gehört.«
   Diese Frau versteht nichts, dachte Karl, aber er reduzierte die Lautstärke. Eine Lappalie. Sie würden gleich zu Hause sein, und es bestand keine Notwendigkeit, sie sein Missfallen spüren zu lassen.
   »Danke, mein Lieber«, sagte Anna, nahm ihre Sonnenbrille ab und wischte sich langsam die feuchten Augen.
   Ihre Makuladegeneration hatte ein Ausmaß erreicht, dass sie sich angewöhnt hatte, die dunkle Brille vom Aufstehen bis zum Zubettgehen zu tragen. Sie mochte nicht, wenn andere in ihren Augen sahen, dass sie sich immer schlechter zurechtfand, und die ständigen Entzündungen taten das Ihre hinzu, um ihr Gesicht zunehmend unansehnlicher zu machen. Licht war etwas, das ihr immer unangenehmer wurde.

Che gelo e questo mai?
Pentiti, cangia vita
E l’ultimo momento!
No, no, ch’io non mi pento
Vanne lontan da me!
Pentiti, scellerato!

Oh weh, wie kalt fasst sie mich an!
Öffne dein Herz der Reue.
Dir schlug die letzte Stunde.
Nicht kenn’ ich Buß’ und Reue.
Hebe dich weg von hier!
Beug’ deinen Sinn, Verruchter!


Die Ampel sprang auf Grün. Mit festem Griff umfasste er das Lenkrad und fuhr an. Es ging immer weiter. Im Leben ging es immer weiter. Die Richtung, die Mittel und die Wege hatten nur Spielbälle zu sein, die in den eigenen Händen verblieben. Er hatte es immer so gehalten. Sein ganzes Leben lang.
   Mochten edelmütige Moralisten, kreative Librettisten und geniale Musikanten von einer Welt erzählen, in der die Waagschalen von Güte und Härte, von Soll und Haben oder Geben und Nehmen am Ende immer gleich beladen waren. Das wahre Leben folgte anderen Regeln, und es hatte zu allen Zeiten der gestalterischen Fantasie derer bedurft, die in der Lage waren, die naiven Träume dieser Geschichtenerzähler wenigstens ab und zu in erlebbare Wahrheit umzuwandeln. Diese Arbeit hatte, wie andere Arbeit auch, ihren Preis. Sein Herz bereute nichts, gar nichts. Aber es beunruhigte ihn, verunsicherte ihn zutiefst. Denn das kränkelnde Eigenleben, das es führte, entglitt seiner Kontrolle, und das machte ihm Angst.
   Seine rechte Hand war unwillkürlich an seine Brust gewandert.
   »Wann hast du am Montag deinen Arzttermin?«, fragte Anna, ohne ihn anzuschauen.
   Der Blinker warf kleine Lichtblitze auf den am Bürgersteig zusammengeschobenen Schnee. Auch diese Ampel stand auf Rot.
   »Um drei«, antwortete er tonlos und wechselte das Thema. »Ich denke, der Abend hat dir gutgetan. Trotz der längeren Fahrt. Ich habe den Spielplan für die kommenden Monate eingesteckt. Es wird noch zwei weitere Mozartopern geben. Don Giovanni war der Anfang. Wie fühlst du dich?«
   »Danke, mir geht es gut. Wir können das gern wiederholen.«
   Die Straßen waren fast leer. Eine Handvoll Schatten drückten sich mit hochgeschlagenen Kragen an den Häuserwänden entlang und verschwanden im Schneegestöber. Neben ihnen rollte ein weißer Kastenwagen geräuschlos an die Ampel. Karl lauschte dem Gesang Komturs und las gedankenversunken den Schriftzug, der sich neben ihn schob: Müllers Kunstblumen – Ein Leben lang Frühling. Als die Ampel den Weg freigab, bogen sie ab und fuhren die Akazienhöhe hinauf.

No, vecchio infantuato!
Pentit!
No!
Si!
No!
Ah! tempo piu non v’e!

Nein, Nein, du törichter Alter!
Bess’re dich!
Nein
Doch!
Nein!
Jetzt naht dein Strafgericht!


In der Auffahrt öffnete er das Garagentor mit der Fernbedienung. Als die Scheinwerfer des BMWs ausgingen, war es für einen Augenblick stockdunkel. Nein, du törichter Alter, dachte Karl, es wird ganz sicherlich kein Strafgericht geben! »Ich glaube, die Firma bereitet irgendetwas Größeres vor«, sagte er, als sie aus der Garage in den Hausflur getreten waren. »Gelhaus hat so etwas durchblicken lassen.«
   »Als hättest du das nicht erwartet, Karl!« Anna hatte ihren Mantel an die Garderobe gehängt und ging langsam in Richtung Wohnzimmer.
   »Ernesto Scali und möglicherweise sogar John Baldwin sind wohl eingeladen. Vielleicht auch noch ein paar andere Geschäftspartner.«
   »Dann kannst du ja mit Scali italienisch palavern.« Anna schaltete eine Lampe im Wohnzimmer an. »Du hast es verdient, mein Lieber. Nach all den langen Jahren hast du es verdient.«
   »Ich gebe zu, es ist ein seltsames Gefühl – aufzuhören.« Karl stand unschlüssig im Zimmer. »Aber andererseits ist es ja nur ein Wechsel und kein Ende. Es würde mich wundern, wenn sie nicht binnen kürzester Zeit vor der Tür stehen, weil irgendetwas nicht so läuft, wie es soll. Möchtest du noch etwas trinken? Ich habe mir übrigens vorgenommen, mich weiterhin regelmäßig mit Jens Leitmeier zu treffen.«
   Anna schüttelte den Kopf. »Erst muss er ja wohl gewählt werden, mein Lieber.« Vorsichtig hatte sie die ersten Stufen in das obere Stockwerk genommen.
   Karl sah ihr nachdenklich hinterher. Natürlich würde Jens Leitmeier wiedergewählt werden. Diese Frau schien es nach all den vielen Jahren immer noch nicht zu verstehen.
   Oben wurde eine Tür geschlagen. Dann fiel Licht auf die Treppe, und wenige Sekunden später gingen sämtliche Lichter im Wohnzimmer an.
   »Tanja?«, rief Karl, »Tanja, bist du’s?«
   Langsam trottete Tim die Stufen herab. »Mami ist noch mal weg. Sie hat gesagt, es dauert nicht lange und ihr kämt ja bald. Ich kann nicht schlafen.«
   Karl hatte den Barschrank geöffnet und goss sich einen Martini ein. Er presste unmerklich die Lippen zusammen und betrachtete sein Glas.
    »Na, dann komm mal mit.« Anna legte den Arm um ihren Enkel und strich ihm mit der anderen Hand sanft über den Kopf.
   »Sie hat gesagt, dass ich morgen mit auf Hannes‘ Party darf, wenn ich jetzt brav einschlafe, aber es klappt einfach nicht. Sie meint, es würde bestimmt lustig werden …«
   Karl hatte sich verärgert umgedreht. »Ich glaube nicht, dass es für einen Neunjährigen lustig ist, mitanzuschauen, wie seine Mutter das Andenken an seinen Vater erfrieren lässt. Und ich glaube noch weniger, dass es lustig ist, Zeuge eines Kontaktmarktes zu werden, auf dem man seine Erinnerungen totsäuft, bevor man sich verkauft oder verschenkt. So fein ist diese feine Gesellschaft nicht!«
   »Karl!«, rief Anna brüskiert, »ich möchte dich bitten …«
   »So, wie es sich mir seit einiger Zeit darstellt, hat sich meine Tochter entschlossen, eine ganze Reihe Fehler zu machen. Und seitdem ihr Mann verschwunden ist, wirft ihr Verhalten mehr Fragen auf, als es Antworten gibt …«
   »Karl, ich möchte dich inständig bitten, nicht vor dem Jungen …«
   »Ich werde mit ihr reden, glaub es mir! Und ich werde ihr deutlich machen, dass wir einen derartigen Lebenswandel in diesem Haus nicht länger zu dulden gedenken, meine Liebe!«
   Anna hatte Tim die Treppe hinaufgezogen, und sie waren im oberen Flur verschwunden.

Da qual tremore insolito
Sento assalir gli spiriti!
Dond’escono quei vortici
Di foco pien d’orror?

Welch’ ungewohntes Angstgefühl
Fesselt und lähmt die Sinne mir,
Gewittersturm umbrauset mich
und wilde Feuersglut –


Er ging langsam durch das Wohnzimmer und löschte nach und nach die Lichter. Seine ganze Euphorie, dieses berauschende Hochgefühl, waren schlagartig verschwunden. Er würde es nicht zulassen, wie andere, wer immer es auch war, seine Prinzipien verrieten. Nicht, solange er die Möglichkeit hatte, das zu verhindern. Seine Tochter war etwas Besonderes, und er war nicht gewillt, mit anzuschauen, wie sie dieses Geschenk einfach verschleuderte.
   Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, ging er zum Fenster und schaute auf die Auffahrt hinaus. Der Nachthimmel war aufgeklart, die Wolken hatten sich fast alle verzogen, und der seit gestern wieder abnehmende Mond ließ ihn am Ende des Rasens die schneebeladenen Rhododendronbüsche erahnen. Die kleine Orangerie duckte sich wie ein schwarzer Scherenschnitt unter den Sternenhimmel.
   Er lehnte seine Stirn an die kühle Scheibe, so, wie er es im Büro immer getan hatte, wenn er sich seiner Entscheidungen noch nicht ganz sicher gewesen war. Allein, in der Stille seines Zimmers. Verliebte Backfische oder schmachtende Jünglinge taten so etwas. Aber es beruhigte ihn. Es war ein Faden in die Vergangenheit. Er wusste, wie sie lebten, was sie fühlten und dachten. Er hatte es immer gewusst.
   Und was seine Tochter betraf, gab es da keinen Unterschied. Sie war nie einer dieser Backfische gewesen, und er würde es ihr niemals gestatten, jetzt noch zu einem solchen zu werden. Mochten andere irgendwelche kleinen Fische nach dem Fang zurück ins Wasser werfen. Er würde zu verhindern wissen, dass sich Tanja irgendwohin warf, an irgendeinen schäbigen Hals, eine dreiste Lüge oder alles versprechende Brieftasche. Wie er diese Welt kannte! Dieses Haifischbecken, in dem er selbst nur deshalb bis heute überlebt hatte, weil er …
   Die Scheinwerferkegel von Tanjas Wagen zitterten lautlos die Einfahrt hinauf und wischten seine Gedanken in die Dunkelheit des Zimmers. Er stieß einen langen Seufzer aus, und seine linke Hand suchte unwillkürlich die Brust. Du dummes Ding, dachte Karl.
   Tanja trug ein weißes, viel zu sommerliches Kleid für diese Jahreszeit und schien zu frieren. Sie hatte ihre Handtasche vom Beifahrersitz gezogen, sie über die Schulter gehängt und rieb sich im Gehen die nackten Arme. Du bist und bleibst mein kleines Mädchen. Karl schloss einen Moment die Augen und wartete auf das Rasseln der Haustürschlüssel.

Chi l’anima mi lacera?
Chi m’agita le viscere?
Che strazio, ohime, che smania!
Che inferno. Che terror!

Was foltert so die Seele mir?
Was tobt in allen Adern mir,
Ich fühle Höllenqualen,
oh grauenvolle Pein.


Don Giovanni sang tonlos in seinem Kopf, hinaus in die Nacht, und dieses Mal verfluchte er ihn schweigend, denn er war ohne sein ausdrückliches Einverständnis und die bewundernde Billigung in seine Gedanken gedrungen und schien dort jeder Windung seines alten Hirnes folgen zu wollen, ein stummer Nachtwächter, der seine Ölfunzel durch die stockdunklen Gassen einer Stadt trug. Aber es gab keinen Sturm, keine Feuersglut und keine Flammen. Es gab keinen Donnerschlag. Es tat sich kein Boden auf, um ihn zu verschlingen. Es gab nur die Stille und die Dunkelheit des Zimmers. Das Rauschen des eigenen Blutes, das ihm in den Ohren dröhnte, und das leise und kaum hörbare Rascheln von Tanjas Kleid, die langsam auf Zehenspitzen durch das Wohnzimmer schlich, ihre Schuhe in der Hand hielt und lautlos die Treppe hinaufeilte.
   Wie schön du bist, mein kleiner, weißer Engel. Und der wirst du immer bleiben, ganz egal, was geschehen wird. Niemand wird dir etwas zuleide tun. Glaube es mir. Glaube es mir. Niemand.
   Karl wischte sich mit zwei Fingern den dünnen Schweißfilm von der Stirn. Don Giovanni war verschwunden. Der Abend war zu Ende. Noch ein paar Schritte die Stufen hinauf, und er würde sich neben Anna ins Bett legen, in der Hoffnung, dass sie längst durch irgendeinen Traum schwebte, damit er ihre Fragen nicht mehr beantworten musste.
   Langsam ging er über den Teppich, und sein Blick streifte die Obstschale auf dem Wohnzimmertisch, in der die Orangen wie eine Sammlung grauer Monde lagen. Orangen.
   Ich habe alles richtig gemacht, Mutter!
   Der Satz verschwand so schnell, wie er in seine Gedanken gedrungen war. Er hatte ihn lange nicht mehr gedacht. Sehr lange nicht mehr. Sein rechter Unterarmknochen schmerzte wieder seit Tagen.

*

Die Heizung des Peugeots funktionierte nicht, sie hatte, solange er sich den Wagen gelegentlich ausgeliehen hatte, noch nie funktioniert, aber heute empfand er es als besonders unangenehm. Es war kalt. Bei diesen Temperaturen hätte Müllers Ladung auch aus frischen Blumen bestehen können. Ihr in die frostige Luft verpackter Geruch, ihre eingefrorene Form, ihre im Kälteschlaf ruhenden Farben, vielleicht hätte das für ein paar Stunden echten Frühling erahnen lassen. Viktor hauchte sich in die linke Hand und beobachtete, wie sich kleine Atemwölkchen vor der Windschutzscheibe in Nichts auflösten. Aber Müller verkaufte keine frischen Blumen. Müller verkaufte Plastikblumen. Rosen, Narzissen, Gerbera, Nelken, fertige Gestecke mit Von-allem-ein-Bisschen, immergrüne Palmen, immergrüne, meine Güte – und die Ladefläche roch nach Polyester, Papier und klammen Wolldecken. Manchmal, für Müller zu selten, belieferte er einen Kongress oder eine Familienfeier. Und dann trug er immer eine rote Plastiknelke im Knopfloch. Ja, Müller war wahrscheinlich der Einzige der Jungs, die Stil hatten, auch wenn sich Viktor fragte, ob das irgendjemandem je aufgefallen war. Jenseits der Ness, dort, wo die wenigen Bäume wie arthritische Greisenhände in die Nacht ragten und Felder die Straße säumten, hatte die Landschaft jede Kontur verloren.
   Der Himmel war nicht jedes Jahr so spendabel. In den letzten Tagen hatte er sich als gnädig erwiesen, als könnte er es nicht mehr mit ansehen, denn er versteckte das narbige Stadtgesicht unter einer funkelnden Schicht aus üppig aufgetragenem weißem Pulver. Und der Mond hing wie eine dampfende Scheibe am Himmel und warf seinerseits ein paar glitzernde Edelsteine auf diese weiße Decke. Die Welt war für ein paar Tage weniger scharfkantig und erheblich runder geworden.
   Viktor schaltete einen Gang herunter. Müller hatte etwas gequält und ein wenig ängstlich gegrinst und einmal mehr darum gebeten, dass er den Wagen bitte wohlbehalten zurückhaben wolle. Er würde. Viktor verspürte keine Eile. Warum er nicht tagsüber auf das Hexenhorn fahre, hatte Müller gefragt. Abends ist besser. Anders. Die Lichter und Schatten. Die Stille. Die Dinge sind – eben anders, hatte Viktor geantwortet, und Müller hatte nichts mehr gesagt. Doch – eines hatte er noch gesagt: Aber ich will die Fotos sehen, und wenn mir eines gefällt, möchte ich einen Abzug haben. Stille, Stille ist gut. Und Dinge einmal anders auch, hatte er ihm nachgerufen und ihm die Schlüssel zugeworfen. Viktor mochte diesen Mann, und einmal mehr fragte er sich, warum alle diesen Menschen nur Müller nannten. Sie kannten doch seinen Vornamen. Vielleicht weil Müller – Stefan – der Einzige von ihnen war, der sein eigener Herr war. Ein echter Unternehmer. Freiberuflich. Selbstbestimmt. Ein bisschen spießig, seriös. So nannte man das doch, und auf Sparflammen köchelnd sogar erfolgreich. Nein. Spießig nicht. Spießig war das falsche Wort.
   Der Mond wanderte nach links und wieder nach rechts. Viktor folgte der ausgefahrenen Spur, die sich durch die lang gezogenen Kurven hinauf in den Waldrand zog. So mussten sich Straßenbahnfahrer fühlen: ein Hebel in der Hand, ein Pedal unter dem Fuß, manchmal schneller, bei Bedarf wieder langsamer, aber der Weg zum Ziel lag vorbestimmt und unveränderbar in diesen reifengefrästen Spuren, die sich vor ihm wie schwarze Schnüre in die weiße Dunkelheit verloren. Viktor schaltete das Radio ein, und der Mond wanderte einmal mehr über die Frontscheibe und verschwand im Scherenschnitt der Bäume. Das monotone Gehopse einer Rapstimme plärrte ihm entgegen. Manierierter, zischender Sprechgesang. Grauenvoll. Er suchte im Dunkeln nach dem Knopf, aber dann blieb seine Hand einfach in der Luft hängen.

Ich hab’ ihn gesucht, ich hab’ ihn gefunden,
es ist der Engel unter 1000 Huren,
sie heilt die Wunden …


Viktor lenkte den Wagen mit der linken Hand in die nächste Kurve und konnte nichts anders, als einen Moment einfach zuzuhören. Er hatte keine Ahnung, wer da sang, aber was dieser Mann sang, schnurrte jenes absolut bizarre Erlebnis von vor drei Wochen in Sekundenschnelle in seine Gedanken. Und unwillkürlich stand Stefan Müller wieder in seinem Kopf, und die Erinnerung und das, was er da eben gehört hatte, schob sich übereinander wie einen Fluss hinabdriftende Holzstämme, sodass er nicht mehr darauf achtete, was die Stimme im Radio zu sagen hatte. Nie und nimmer war es Müllers Idee gewesen. Sie hatten ihn überredet, und er hatte sich überreden lassen, eiskalt mitgespielt. Hatte er zuerst nur dabeigesessen und gelacht, oder irgendwann doch protestiert? Hatte er versucht, die anderen Jungs von diesem pubertären Blödsinn abzubringen? Matze! Na gut. Matz war Matz. Aber für den war die, wie sollte er es sagen, Durchführung, die Planung irgendwie zu elegant und, ja, zu stilvoll gewesen. Er würde Müller noch einmal löchern. Stefan Müller – Ein Leben lang Frühling. Du Hurensohn. Viktor lächelte das Lenkrad an, du weißt vielleicht doch frische Blumen zu schätzen! Du hast das alles zu dem gemacht, was es wurde. Den anderen hätte das letzte Quäntchen erfühlenden Verständnisses gefehlt.
   Das Vermögen zur gelassen durchdeklinierten Pennäleridee.
   Der stille Heinz hatte es – wahrscheinlich – irgendwie verstanden. Die Jungs waren … Ihm fiel kein passender Begriff ein.
   Viktor schaltete das Radio wieder aus. Der Zufall hatte eine nette kleine Melodie komponiert, und jeder weitere Ton hätte alles nur zerstört. Aber jetzt hing es hier in der Fahrerkabine, saß auf dem Beifahrersitz und verschwand einfach nicht mehr. Das Echo dieses Abends, die Erinnerung an diese unbeschreibliche Himmelfahrt, die sich nur die alkoholumnebelte Fantasie ausgehungerter Kegelbrüder ausdachte, denen in den meisten Fällen dann der Mut fehlte, alles in die Tat umzusetzen, weil einer solchen Himmelfahrt zu Hause die quälende Landung in der Hölle gefolgt wäre. Es war – Viktor war froh, dass er allein fuhr und niemand seine Gedanken zu lesen versuchte, doch, es war so teuflisch wie wunderbar gewesen. Himmlisch, außerirdisch, unwirklich, absolut verrückt und unsagbar – ja, heilsam. Es hatte ihm mehr als gefallen. Er musste es einfach zugeben, so grotesk und kindisch es auch begonnen hatte und so sehr er die Jungs anfangs verflucht hatte, die ihm nur ein ganz individuelles – so hatten sie es später genannt – Geburtstagsgeschenk machen wollten, wozu gehörte, dass sie ihn zuerst einmal mit den Streichhölzern beschissen hatten. Lammfromme Chorknaben. Ohne eine Miene zu verziehen.
   Das Gesicht von Chris wehte ihm durch den Kopf und begann sich zu verflüchtigen. Sich bewegende Lippen, ohne dass irgendein Laut zu hören war. Eine schlafende Hand auf der Innenseite des Oberschenkels. Eine Himmelfahrt. Zwei Welten an entgegengesetzten Enden des Universums. Er hätte gewettet, dass Matz gefeixt hatte: »Ich will Wanzen, hat jemand eine Wanze? Immerhin habe ich investiert in den Spaß, und jetzt will ich einen kleinen, klitzekleinen Anteil zurück.« Matz war ein Idiot. Manchmal ein netter Idiot.
   »Jungs, können wir nicht vorher irgendwo ein Mikrofon verstecken? Warum hat keiner an ein paar Wanzen gedacht! Herrgott noch einmal! Ich will dabei sein, wenn das alles losgeht. Was schaut ihr so blöde? O nein, nein! Die Herren Messdiener machen bitte jetzt nicht auf heilig! Hey, ihr habt doch die Idee gehabt. Männer – die Heilig-Nummer ist zu groß für euch. Ihr seid nur für scheinheilig zuständig. Eine Investition und dann Zinsen. Punto! Niche wahre, Luca? Und sei es nur ein halbes rotes Ohr. Nur ein halbes gerötetes Öhrchen …«
   »Halt – den – Rand, Matz!« Der stille Heinz spielte am Knoten seiner Krawatte und lötete mit einem angewiderten Blick an Matzens Lippen herum, wie um sie für immer zu versiegeln.
   »Nein – niche wahre!« Luca warf den Satz auf den Tisch und schien sich nicht darum zu kümmern, ob Matz ihn gehört und verstanden hatte.
   »Und wenn er kneift?«, fragte Charly kaum hörbar und schaute die anderen über den Rand seiner Brille nacheinander an.
   »Viktor kneift nicht!«, antwortete der stille Heinz. »Viktor kneift nicht. Keine Bange, Männer.« Er schlug sich behutsam mit der rechten Hand auf die Brusttasche. »Alles ist bestens vorbereitet.«
   »Wenn er das macht, schaue ich ihn nicht einmal mehr mit dem Hintern an, und meinen Anteil kann er mir dann gleich auch zurückgeben«, warf Matz in die Runde und widmete sich dann dem Geschehen auf der Bühne.
   Einmal mehr hatten sie ihn nicht kommen hören. Er tauchte am Tisch auf, als hätte sich das Stimmengewirr und die Musik urplötzlich zu einer Person geformt.
   Charly hatte ihn angesehen und ungläubig gemeint: »Jesses, wie machst du das, Junge? Tabakqualm und Rumtata, und plötzlich ist der Viktor da!« Seine Bemerkung drehte die Köpfe der anderen in Viktors Richtung. Nur Matze schaute nach wie vor gebannt auf die Bühne. Lucas Zeigefinger deutete fragend auf Viktors Hemd. »Wie bist du hier ohne Schlips reingekommen?«
   »Dem Typen gefiel das Muster! Ich musste nur den Kragenknopf zumachen. Neidisch?« Viktor setzte sich auf den letzten freien Stuhl. »Ich fand Billard eigentlich immer ganz prima … Also, meine Herren, um das gleich einmal klarzustellen – ich bin nur gekommen, um die letzte Phase eures kollektiven Wahnsinns mit zu erleben.« Er zog eine Glückwunschkarte aus dem Jackett und warf sie beiläufig auf den Tisch.
   Luca angelte sich die Karte, klappte sie auf und begann gegen die Hintergrundmusik anzulesen. »Anlässlich deines Geburtstages erlauben wir uns, diche zu einem Umtrunk der besonderen Art ins Stiletto einzuladen. Dienstag, den Soundsovielten, Pipapo. Um Antwort wird niche gebeten, aber eine Nichterscheinen wird unter keinen Umständen geduldet und durch sofortigen Freundschaftsentzug, und so weiter. Deine …«
   »Herr Cutugno, rühr deinen Maurerscheiß anderswo an! Nur das, was da steht! Das ist aberwitzig genug«, unterbrach ihn Viktor.
   Sie grinsten ihn an. Matz hatte sich mit verklärtem Blick umgedreht. Offensichtlich weilte er wieder unter ihnen.
   »Jetzt bleib mal elastisch, Alter!« Müller verzog den Mund, mimte einen Augenblick den gespielt Ernsthaften, und dann schauten sich Viktor und er ein paar Sekunden lang mit fragendem Blick an, bevor sie lautlos zu glucksen begannen. »Mal in den Zirkus zu gehen, heißt nicht, selbst den Löwenbändiger zu spielen«, schob Müller einen Versöhnungsversuch nach.
   »Hab ich da Löwinnen gehört?«, stichelte Viktor, aber dann lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück, blies die Wangen auf und warf einen flüchtigen Blick auf die Bühne. »Was soll’s. Interessantes Etablissement. Mal was anderes. Und dass ihr nicht mehr alle Tassen im Schrank habt, ist ja hinlänglich bekannt.«
   Selbst dort, wo sie saßen, etwas erhöht auf einem schmalen Halbrund oberhalb des kleinen, kreisförmigen Hauptraumes war die Musik unerträglich laut geworden. Viktor fragte sich, ob das Stiletto an diesem Abend wohl gut oder schlecht besucht war, und fand keine Antwort. Auch das war etwas, gestand er sich ein, wo ihm die Bezugspunkte fehlten.
   Ein weibliches Wesen war neben ihren Tisch getreten und lächelte fragend in die Runde. »Guten Abend, die Herren. Was darf ich bringen? Sollen es auch Dollars sein?«
   »Wir nehmen zwei Flaschen Haussekt und keine Dollars, danke.« Der stille Heinz warf Viktor ein verschwörerisches Lächeln zu. »Du machst dir keinerlei Gedanken, denn der Geburtstags-Viktor ist heute eingeladen.«
   Die anderen nickten, obwohl sie alle in diesem Moment der Kellnerin nachsahen, die elfenhaft und lautlos davonschwebte. Wie tief ist tief, wenn es hieß, dass stille Wasser tief seien?, dachte Viktor. Bei Anna Leitner im Masl gab es definitiv keine Dollars zu erwerben, wofür auch immer sie hätten gedacht sein können.
   »Welch ein Glück für euch, dass ich heute keinen Durst habe«, sagte Viktor, aber der durch den Raum fliegende Rhythmus pflückte seinen Satz aus der Luft, bevor er bei den anderen landen konnte.
   Eine Weile gaben sie sich schweigend dem glitzernden Geschehen auf der Bühne hin.
   Sechs Pennäler, dachte Viktor. Sechs, den Handschweiß klammheimlich an der Hose abwischende Spießer auf ihrem prickelnden Ausflug in die Unterwelt. Jeder fast rührend und auf seine Art ein wenig herausgeputzt – selbst Charly trug einen Anzug – und das alles für ihn, anlässlich eines absolut unwichtigen Geburtstages.
   Zwei endlos lange, in weiße Stiefel gekleidete Beine brachten den Sekt und sechs Gläser. Als das Mädchen, und ein anderes Wort fiel Viktor in diesem Moment nicht ein, die eine Flasche auf den Tisch und die andere in einen Kühler neben ihrem Tisch stellte, zwang er seinen Blick auf die nicht vorhandenen Flusen auf seinem Hemd. Er wollte nicht wissen, was oberhalb dieser Beine lag. Er wollte nicht wissen, dass es so etwas in Wirklichkeit zu geben schien. Ein mehr als ungutes Gefühl sagte ihm, dass ihn wahrscheinlich dort oben Chris’ Gesicht erwartete. Natürlich wäre es nicht Chris’ Gesicht, das ihn jenseits dieser Beine entwaffnend anlächelte, aber der Baukasten seiner durch die letzten Monate streifenden Fantasie würde in Sekundenschnelle etwas zusammenbasteln, an dem er in diesem Augenblick ganz und gar nicht interessiert war.
   Sie hatte ihr Handy und den Terminkalender immer noch nicht abgeholt, und er wollte nicht wissen, auf welche Gemütsverfassung das schließen ließ. Er würde ihr alles schicken, oder es in ihren Briefkasten werfen, wenn er sicher sein konnte, ihr nicht über den Weg zu laufen.
   »Zum Wohlsein! Und nochmals herzlichen Glückwunsch! Endlich mal einer, der so bleiben sollte, wie er ist.«
   Die anderen grinsten ihn an, hielten ihre Gläser in die Höhe und hatten fast brüllen müssen, um ihn darauf aufmerksam zu machen, dass jemand eingeschenkt hatte.
   Die erste Runde ging auf ex. Es war nichts Besonderes, nichts an diese Lokalität oder diesen Tag Gebundenes. Es war ein nicht mehr infrage gestellter Ritus ihrer Gemeinschaft, etwas, das bei jedem gemeinsam verbrachten Geburtstag automatisch jedes erste Getränk betraf.
   Luca beugte sich über den Tisch und schrie Viktor lachend an: »Schöner Geburtstag! Und alles halb so wild, oder?«
   Viktor erwiderte Lucas Lächeln und hob kurz den Daumen.
   Die Musik und das mittlerweile in den Augen brennende, zu Leuchtregen zerhackte Licht der Scheinwerfer waren gnadenlos, aber das schien keinem der ausschließlich männlichen Gäste das Geringste auszumachen. Die beiden Frauen auf der Bühne und ihre schlangenhafte, mit Händen zu fassende Körperlichkeit, dieses undurchschaubare Spiel aus ordinärer Derbheit und seltsam und allgemeingültiger, köderauswerfender Erotik, diese angedeutete, anscheinend individuell verschenkte Hemmungslosigkeit waren der ersehnte und konzessionierte Vollrausch, für den bezahlt worden war und der ab und an unter Grölen durch ein kleines Stück Papier einen Sonderbonus erhielt, den der ein oder andere Gast ihnen unmittelbar vor der Bühne in den Slip steckte. Viktor hatte sich die Frage nie gestellt, aber er wäre sich sicher gewesen, sie richtig zu beantworten: Die dicksten Stapel dieser kleinen bunten Papierdollars lagen auf den Tischen, an denen die in die Jahre gekommenen Männer saßen. Heinz fiel ihm ein – woher weißt du, was Dollars sind?
   Viktor goss sich nach, und als ihm plötzlich klar wurde, dass er nicht hätte sagen können, wie oft er das bisher gemacht hatte, seit die endlosen Beine den Sekt gebracht hatten, stellte er die Flasche ruckartig zurück auf den Tisch, als enthielte sie Teufelszeug, das jeden Moment explodieren konnte. Er rieb sich eine Weile die Augen, und durch die aufkommenden Sterne sah er, wie Charly ihn angrinste.
   »Ich rate zu Fritten und Frikos als Grundlage. Hättest ja vorbeikommen können!«
   Viktor stand auf. »Ich bin gleich wieder da.« Die beiden Tänzerinnen waren unter tosendem Applaus hinter der Bühne verschwunden, Lichtmühle und Musik legten eine Pause ein, und einen Herzschlag lang schauten seine Freunde und er sich schweigend an.
   »Du weißt, dass das hier etwas anderes ist! Wir wollen doch hoffen, dass er noch weiß, wie es geht?« Matz warf Müller einen vielsagenden Blick über den Tisch. »Ich mach das schon. Wenn er einmal bei ihr drin ist, macht sie den Rest …«
   »Ich sage jetzt nichts. Ich denke nichts. Ich meine nichts. Ich …«
   Die anderen schauten ihn an.
   »Hut ab, Alter, Hut ab.«
   Luca konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und hob theatralisch die Hände »Pardon, die Herren!«
   »Sie ist – einzigartig, Männer!«, und da auf der Bühne vorübergehend Ruhe herrschte, war Müllers fast geflüsterter Satz für alle deutlich hörbar. »Und, Matz«, er sprach langsam und deutlich in Matzes Richtung, »wir kriegen ihn hoch!«
   Matze schwieg beredsam.
   »Und außerdem weiß sie Bescheid.«
   »Oh, in Herrgotts Namen!« Der stille Heinz schaute auf die Bühne, wo zwei fast nackte Männer in das Licht traten. »Leute, ihr wisst hoffentlich, dass auch ich irgendwann Geburtstag habe.« Es dauerte nur eine Sekunde, bis er es bemerkte. Der Satz lag auf dem Tisch, und ein dunkles Rot lief ihm den Unterkiefer hinauf. Er schüttelte den Kopf, und sein Zeigefinger pendelte ein heftiges Wehe euch! in die Luft.
   »Wie lange kennen wir dich jetzt? Das hätten wir ja wohl mitbekommen.«
   Der stille Heinz warf Luca einen dankbaren Blick zu.
   Viktor ging, und als er von der Toilette zurückkam, setzte er sich betont langsam auf seinen Stuhl. »Was es alles gibt! Lebensgroß! Über jedem Pissoir …«
   »Und? Wer war’s? Welche hat’s getroffen?«, unterbrach ihn Matz.
   »Geheimnis! Du kannst raten, mehr nicht! Und überhaupt – darf man fragen, woher du weißt, worüber ich rede?«
   Vier scheinheilig glänzende Augenpaare richteten sich auf Matz, der sichtlich nach Worten rang. »Äh … die … die Kollegen im Geschäft. Einer von ihnen, ich glaube, einer von ihnen hat einmal erwähnt …«
   »Wir verstehen!« Müller klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. »Irgendwann redest du dich einmal um Kopf und Kragen, Matz. Wenn du es nicht schon längst getan hast.«
   Dieses Mal schwieg Matz, zuckte nur mit den Schultern und gab vor, sich für das Geschehen auf der Bühne zu interessieren. Dort hatte sich zu den beiden Männern eine Frau gesellt, und ein Reigen kaum als subtil zu bezeichnender eindeutiger Zweideutigkeiten nahm seinen Lauf.
   Viktor fragte sich, warum ihn das, was er dort sah, anzuöden begann. Er war kein Spießer. Er war sich absolut sicher, dass er kein Spießer war. Sollten die Leute doch treiben, was und wie sie es wollten. Wenn nur diese Leerstelle in seinen Gedanken nicht gewesen wäre, die er nicht begriff. Diesen Punkt, von dem er wusste, dass dort etwas stand, das er aber nicht zu fassen bekam, nicht erkennen konnte, wo aber möglicherweise eine abschließende Erklärung für ihn versteckt lag. Das Problem fand nicht auf der Bühne statt. Er war sich ganz sicher, dass es dort nicht lag, stand, sich rekelte oder tanzte. Das Problem saß im Zuschauerraum. Worin bestand der Reiz, dem lieblosen Aufreißen eines Paketes voller Geheimnisse und Wunder zuzuschauen, dessen magischen und einzigartigen Inhalt man im eigenen Leben unter keinen Umständen zu offenbaren bereit war, geschweige denn zu teilen? Es ging nicht um Scham. Das traf es nicht. Es ging um etwas für andere Unerreichbares, Unnachahmliches, etwas Unveräußerliches und Unteilbares.
   Sein Blick wanderte über die Rücken der Männer im Saal. Der Dreier auf der Bühne war beendet. Eine klebrige Episode, ein Appetizer für den kommenden Musikact, für den Mikrofone und ein E-Piano auf die Bühne gebracht worden waren. Vom Wahn befallene Mönche, dachte Viktor. Hüter bigotter Deutungshoheiten, die das Original nie in den Händen halten durften und sich jetzt mit billiger Symbolik in einen Zweite-Hand-Rausch geißeln. Flagellanten mit Riemen aus fremden Wünschen und Gummi und Gleitmittel als Heilsalbe …
   »Viktor? Alles in Ordnung?« Müller hatte seine Hand auf Viktors Knie gelegt und sah ihn fragend an. »Wo warst du denn gerade?«
   »Alles bestens. Kurzer innerer Ausflug ins Nichts«, antwortete Viktor und angelte sich sein Sektglas vom Tisch. Jemand hatte nachgeschenkt. Offensichtlich hatten die endlosen Beine eine neue Flasche gebracht, denn die beiden auf dem Tisch stehenden schienen leer zu sein, und die im Kühler ruhende umgab noch der dünne Mantel eisig verlaufender Wasserperlen. Viktor hatte nichts mitbekommen. Die Musik war deutlich leiser geworden. Die Sängerin trug ein langes, feuerrotes und mit Pailletten besetztes Kleid und bemühte sich zu klingen wie Sade. Nicht schlecht. Aber auch hier schien das Original unerreichbar zu sein.
   Auf dem Tisch lag ein postkartengroßes und aufwendig eingepacktes Päckchen, dass ihm Müller wortlos zuschob. »Nochmals herzlichen Glückwunsch, mein Lieber. Von uns allen.«
   Die anderen grinsten wie Schuljungen und nuschelten ein paar verholperte Happy-Birthdays über den Tisch.
   »Danke, Jungs«, erwiderte Viktor gerührt.
   Auf das Geschenkpapier waren die unterschiedlichsten Schreibutensilien gedruckt. Alte Füller, Bleistifte, Griffel und Federkiele, und unter dem Bändchen steckte eine Postkarte.
   »Ein Turner-Vogel! Wo habt ihr die denn aufgegabelt?«
   Es war das Motiv eines auf dem Rücken liegenden blauen Eisvogels.
   »Der tote Kingfisher! Ein Turner mehr für meine Sammlung. Ihr seid echt großartig, Männer. Danke!«
   Sie prosteten sich noch einmal zu.
   Viktor wickelte das Päckchen auf, und zum Vorschein kamen ein kleiner Zeichenblock und eine schmale Metallkiste mit fünf Bleistiften in unterschiedlichen Härtegraden. Schweigend schüttelte er den Kopf. Dann stand er auf und ging einmal um den Tisch, um jeden der Jungs kurz in den Arm zu nehmen, ein Unterfangen, das die Männer mit anrührender Steifheit quittierten, mehr gebückt über dem Stuhl als aufrecht stehend, als wäre es ihnen gerade an diesem Ort besonders peinlich, derart männliche Körperlichkeit zu zeigen.
   »Wir dachten, ein Bleistift für jeden von uns!« Der stille Heinz beendete das Schweigen unbeholfen männlicher Gerührtheit. »Ein Bild für jeden von uns. Härter, weicher, was du willst, irgendwann.«
   »Bekommt ihr, Leute. Bekommt ihr. Versprochen!«
   Sade No. 2 hatte sich soeben für den verhaltenen Applaus bedankt, und als sie sich wieder setzten und ihre Stühle die üblichen metallischen Rutschgeräusche in den Raum schickten, drehten sich ein paar der Gäste nach ihnen um und runzelten ungehalten die Stirn.
   Flagellanten. Ihr habt keine Ahnung. Nicht den blassesten Schimmer, hatte Viktor gedacht.
   Der Peugeot schlingerte, und Viktor hörte das leise Knirschen von verharschtem Schnee auf Metall. Reflexartig umfasste er das Lenkrad fester, aber der Wagen folgte bereits wieder seiner halb gefrorenen Schienenspur. Er hatte nicht die leiseste Erinnerung an die letzten ein oder zwei Kilometer. Konzentriere dich, Junge, dachte er. Müller hat dir diese Blumenschaukel einmal mehr anvertraut.
   Es hatte heftiger zu schneien begonnen. Hier und da rutschte der Schnee von den höheren Tannen und explodierte auf der vor ihm liegenden Fahrbahn zu kleinen weißen Pulverwolken. Viktor schaltete den Scheibenwischer an, und leises Quietschen begleitete das eintönige Hin und Her der Wischerblätter.
   Es musste Müller gewesen sein. Es kam kein anderer infrage. Viktor schaltete einen Gang tiefer, um langsamer zu fahren. Um diese Zeit war der Wiesbronner Holz menschenleer, und wer nicht unbedingt musste, ließ seinen Wagen stehen.
   Der Eisvogel, die Art der Verpackung. Überhaupt – unterschiedlich harte Bleistifte samt Block, der Sekt. Das alles musste auf Müllers Mist gewachsen sein. Jeder von ihnen war ein prima Kerl. Auf seine Art aufmerksam und besonders. Aber ein solches Stück auf die Bühne zu bringen, dazu hätte den anderen dann doch das Quäntchen Eleganz gefehlt. Und lächelnd freundschaftliche Raffinesse. Fremde würden es vielleicht eher Hinterhältigkeit nennen. Aber das stimmte nicht. Müller war nicht hinterhältig. Müller war Müller. Und es war ihm um ihn gegangen. Nicht um ihn selbst. Mochten die Jungs ihren Spaß gehabt haben. Sie hatten ihre Rolle perfekt mitgespielt. Allen voran der stille Heinz, dieser Hurensohn! Viktor schmunzelte in sich hinein. Sie hatten sich nicht auf seine Kosten amüsiert, denn für ihn war es weit mehr als ein Spaß gewesen. Weit, weit mehr. Auch wenn er das damals, als Müller das zweite kleine Päckchen auf den Tisch gelegt hatte, nicht einmal erahnen konnte.
   Die Beine waren an den Tisch getreten. Mittlerweile hatte Viktor auch den Rest kennengelernt. Irgendwann hatte er vergessen, sich dagegen zu wehren und sie sich angeschaut, unten zwischen den Flagellanten umherschwebend. Nein, es war nicht Chris. Nicht einmal annähernd. Zu viel Farbe. Zu viel Silikon. Zu viel Zuckerguss. Und er war beruhigt gewesen.
   »Haben die Herren noch Wünsche?«, fragte das Mädchen.
   Seine Freunde sahen sich fragend an, und dann hatte Charly gemeint: »Jeder noch einen Drink, okay? Zum Abschluss. Und das geht dann auf mich.«
   Auf dem Tisch lag ein weiteres kleines Päckchen. Ungefähr so groß wie eine Zigarettenschachtel. Weißes Papier mit winzigen roten Herzen. Müller hatte es dorthin geschoben, in die Runde gelächelt und dann gesagt: »Denn heute hat noch jemand Geburtstag! Und weil ich euch als unverbesserliche Zocker kenne, schlage ich vor, dass wir den Überbringer dieses Geschenks in einem kurzen, kleinen Spielchen ermitteln.«
   Die Jungs sahen Müller entgeistert an. Viktor verstand kein Wort.
   »Jetzt schaut nicht so blöde aus der Wäsche. Als hätten wir nicht zig Mal im Masl Ähnliches gemacht«, und Müller nickte demonstrativ in die Richtung des stillen Heinz’. Wenn sie sich im Masl trafen und dort nichts los war, oder wenn sie keine Lust an einer Partie Billard hatten, spielten sie gelegentlich. Skat, Poker, irgendwelche Kartenspiele. Oder der stille Heinz gab ein paar seiner Zaubertricks zum Besten, an denen er Spaß hatte, seitdem sie sich kannten und die er mit undurchbrechbarer Beharrlichkeit nicht preiszugeben bereit war.
   »Darf man erfahren, wer heute noch Geburtstag hat?«, fragte Charly.
   Die gestiefelte Katze kam zurück und begann die sechs Drinks zu verteilen.
   »Danke, Moni.« Müller sah das Mädchen mit einem seiner Rosenverkäuferblicke an. »Sag mal, wer fällt dir ein, der heute Geburtstag hat?«
   »Du lieber Himmel.« Moni schien nicht so recht zu wissen, wie sie auf eine solche aus dem Zusammenhang gerissene Frage antworten sollte. »Hm, mein Bruder hat heute Geburtstag.« Sie stockte. »Ach ja – und Ella natürlich.« Sie nahm das Tablett und tanzte zum übernächsten Tisch.
   »Und wer, bitte, ist Ella?« Viktor und Luca stellten die Frage beinah wie aus einem Mund.
   »Ella ist – Ella ist eine Bekannte. Sie arbeitet hier. Na ja«, Müller zeigte auf die Bühne, »nicht dort!«
   »Und warum gratulierst du ihr dann nicht persönlich? Von Bekanntem zu Bekannter?«, fragte Matz und verzog das Gesicht zu einer dümmlichen Grimasse.
   »Mein lieber Fahrradverkäufer. Das möchte ich dir im Augenblick nicht auf die Nase binden. Ich bitte euch nur um ein Spielchen. Sagen wir, einen freundschaftlichen Gefallen. Mein Gott, jetzt mimt hier doch nicht die Gouvernanten. Immerhin bin ich bereit, mitzuspielen. Und wenn es mich treffen sollte … okay, dann mach ich’s selbst.«
   Viktor schüttelte langsam den Kopf. »Stefan Müller! Sag uns ein für alle Mal, was du außer Plastikblumen noch alles verkaufst.« Urplötzlich wehten ihm Bilder durch den Kopf. Die Eisvogelkarte. Die Schachtel mit Bleistiften, diese unsäglichen Mönche dort unten, Spießergruppen in grauen Anzügen auf Kegelklubausflügen, seine Wohnung und das dort auf ihn wartende Bett. Er merkte, dass er hundemüde war.
   »Auf, Jungs. Schwallen wir nicht. Ist doch kein Ding. Päckchen nehmen. Anklopfen. Schönen Gruß. Herzlichen Glückwunsch. Statt Plastikrosen. Und so weiter.« Viktor hatte sich auf seinem Stuhl aufrecht gesetzt und beide Hände auf die Tischkante gelegt.
   »Tun wir Müller den Gefallen. Aber was Kurzes, meine Herren. Ich gebe zu, dass ich platt bin und ins Bett möchte.«
   Widerwillig stimmten die anderen zu, und der stille Heinz zog eine Streichholzschachtel aus der Brusttasche.
   »Zugegebenermaßen nichts Ausgefallenes, aber dafür schnell.« Er nahm eine kleine Menge Hölzer aus der Schachtel und zeigte sie den anderen auf der offenen Hand.
   »Einer mit rotem Kopf. Die anderen alle mit blauem Kopf. Rot verliert. Ziehen alle blau gibt es eine neue Runde. Alles klar?«
   Alle nickten. Dann steckte er die Hölzchen zurück in die Schachtel.
   »Müller fängt an.«
   Der Reihe nach zogen sie ein Streichholz aus der Schachtel, die ihnen der stille Heinz vor der Nase aufschob. Keiner schaute nach. Er selbst zog als Letzter, und ohne es abgesprochen zu haben, legten sie ihre offene Hand im gleichen Augenblick auf den Tisch.
   Selbst im trüben Licht der auf dem Tisch brennenden Kerze war nicht zu übersehen, welche Farbe das Streichholz in Viktors Hand hatte. Matz schnaufte. Charly rollte mit den Augen, und der Rest schwieg.
   Viktor starrte auf die mittlerweile leere Bühne und ließ das Streichholz in seine Jacketttasche fallen. »Wo?« fragte er und griff sich die Schachtel mit den aufgedruckten Herzen. Er stand auf und wog das Päckchen vor Müllers Nase aufreizend ab. »Ich denke, das bringt mir die ein oder andere Freifahrt ein, mein Lieber!«
   »Geht in Ordnung. Danke.« Müller zeigte neben die Bar, wo ein kandelaberhaltender Bronze-David eine Treppe erahnen ließ. »Und Viktor – wie immer, alles nur ein Spiel, okay?«
   Sie hatten ihn beschissen. Die ganze Bande hatte ihn eiskalt aufs Kreuz gelegt. Viktor drehte gedankenversunken am defekten Heizungsregler. Und er war den verrückten Saufbrüdern auch noch unendlich dankbar dafür. Der stille Heinz und seine blöden Taschenspielertricks. Ahnen hätte er es müssen. Rechts herausgedrückt – rote Köpfe. Links herausgedrückt – blaue Köpfe. Und den einen blauen zwischen den herausgesuchten klammheimlich verschwinden zu lassen, war sicherlich die kleinste Übung für jemanden wie ihn. Außerdem wunderte es ihn, dass sie es geschafft hatten, ihre Neugier zu bändigen. Kein Wort. Keine dumme Bemerkung. Keine auf verklausulierten Umwegen formulierte Frage. Kein einziges süffisantes Wie-war’s-Denn. Wären seine finanziellen Möglichkeiten nur einen Deut besser gewesen, hätte er die Runde längst irgendwohin eingeladen, um genussvoll mit anzusehen, wie sie sabbernd vor ihm saßen, ihm ungeduldig jedes Wort aus der Nase zogen, um am Ende dann doch nichts von alldem wirklich zu verstehen. »Wie? Das war alles?« Matzes wahrscheinliche Reaktionen waren kein Geheimnis. Vielleicht wäre der stille Heinz einfach nur still. Schweigen und begreifen. Müller hatte alles eingefädelt. Er brauchte nichts zu begreifen. Er wusste. Und ob diese oder jene Wendung – das war ihm nicht wichtig. Wahrscheinlich hatte er eh alle Wendungen einkalkuliert. Charly hätte sicherlich ein paar Fragen, würde sie aber garantiert nicht stellen. Und Luca? »Isse nur wichtig für dich«, und dann würde er ihm auf die Schulter klopfen.
   Viktor hielt vorsichtshalber an. Der Lkw vor ihm kam den Berg heruntergekrochen und hatte Mühe, in der Spur zu bleiben. Langsam schlich und rutschte er an ihm vorbei. Der Fahrer drehte kurz das Fenster herunter und winkte Viktor ein Dankeschön zu. Die roten Rücklichter verschwanden im Rückspiegel, und Viktor lenkte den Peugeot wieder in die Spur. Das Hexenhorn war nicht mehr weit. Wenn er weiterhin so vorsichtig fuhr, vielleicht noch fünf oder zehn Minuten.
   Viktor hatte zaghaft an die Tür geklopft. Zu zögerlich, und als er es ein zweites Mal versuchen wollte, rief eine Stimme: »Ja, bitte?«
   Ja, bitte hereinkommen oder bitte warten? Viktor war irritiert gewesen. Herrgott, zwei einfache Worte und trotzdem nichts Klares. Warum kein einfaches Herein? Müller, du bist ein Arschloch! Und dann ging die Tür auf.
   »Guten Abend. Ich, äh …« Himmel, bitte schick mir einen einzigen geradeaus gesprochenen Satz. »Ich möchte nicht stören. Ich …«
   Ella lächelte, nickte unmerklich und wies mit einer einladenden Geste in das Zimmer. »Guten Morgen. Aber bitte nicht zwischen Tür und Angel.«
   »Ich möchte nur etwas abgeben. Das ist für …« Wieder dieses Stottern, aber wie sprach man jemanden an, von dem man nur den Vornamen kannte und nicht einmal wusste, ob es der echte Name war. Und der vor allem …
   »Mit den herzlichsten Wünschen zum Geburtstag von Müller, äh, Stefan Müller, ja und mir natürlich auch. Ich …«
   »Jetzt kommen Sie doch bitte erst einmal herein.« Und dann musste sie lachen.
   Viktor machte drei Schritte, und Ella schloss die Tür.
   Deshalb wird jemand zum Mönch, schoss es Viktor durch den Kopf. Deshalb wählt man für den Rest seines Lebens eine Zelle. Weit weg von der Welt, in einer öden Einsiedelei. Käme man ohne die Gabe der Fantasie zur Welt, so würde man in einem solchen Augenblick schlagartig auf einem Ozean aus dieser Gabe segeln und sich an keinen anderen Ort mehr wünschen. Kein alberner Lack, kein Leder, keine Polyacrylspitzen auf zu engen Dessous, keine Fummel, keine idiotischen Federboas, nicht einmal rote Fingernägel oder blödsinnige Tattoos, soweit sein irgendeine neutrale Stelle suchender Blick das erkennen konnte. Barfuß, Jeans. Gut, enge Jeans, und der Begriff endlos war ohne jeden Zweifel zu steigern. Ein weißes Top ohne … Viktor schnitt diesen Gedanken einfach ab. Lange schwarze Haare, kein Schmuck und ein Gesicht … Gegen das, was da vor ihm stand, war die langbeinige Moni eine grellbunte Karikatur des staksigen Hutmachers aus Alice im Wunderland. Nein, alles jenseits dieser Tür mussten kläglich misslungene Versuche aus Gottes menschlichem Versuchslabor sein. Diesseits allerdings … Viktor spürte den Sand auf seinen Stimmbändern. Müller hätte ein Wort sagen müssen. Zwei, drei vorbereitende Sätze wären angemessen gewesen. Pflicht.
   »Bitte nehmen Sie das. Ich, ich möchte wirklich nicht weiter stören.« Er hielt ihr das Päckchen hin und hatte einen Herzschlag lang panische Angst, Ella würde es ihm abnehmen und ihn dabei berühren.
   Als hätte sie seine Gedanken gelesen, pflückte sie das Päckchen mit zwei Fingern an der Schleife des Geschenkbands aus seiner Handfläche und legte es auf das Bett.
   Viktor griff nach hinten, und seine Hand suchte die Türklinke. »Nochmals allerherzlichsten Glückwunsch. Von uns allen. Und gute Nacht.«
   Umdrehen und das Holz der Tür anschauen. Ein Blick in neutrales Niemandsland. Ganz schnell.
   »Viktor. Bitte. Setzen Sie sich. Sie sind doch Viktor«, und sie legte Zweifel vortäuschend zwei Finger auf ihre Lippen, »oder nicht?« Sie setzte sich auf das Bett neben das Päckchen.
   Für einen Moment schwebte Viktors Hand über der Türklinke. Langsam drehte er den Kopf und sah Ella direkt ins Gesicht. Schweigen. Ein Heer von Splitter tragenden Ameisen schien seinen Körper heimzusuchen, und eine Ahnung beschlich ihn wie Funkenflug einen Heuhaufen. »Woher kennen Sie meinen Namen?«
   Wieder dieses Lächeln. Keinerlei Zynismus, kein Spott, keine Spur von Ironie, nur dieses Lächeln.
   »Sie haben heute gar nicht Geburtstag, nicht wahr? Und überhaupt, das hier ist alles …« Er hatte Angst, dass man sah, dass irgendetwas in ihm zusammenfiel.
   Sie seufzte und legte die Hände in ihren Schoß. »Doch«, sagte sie leise, »doch, ich habe heute Geburtstag. Streng genommen gestern.« Ella erhob sich ruckartig von ihrem Bett, und Viktor trat unwillkürlich einen Schritt zurück.
   Sie lachte wieder, schüttelte den Kopf und ging zu einer kleinen, eintürigen Kommode. Sie öffnete die Tür und entnahm dem Innenleben eine Flasche Wasser, die sie wortlos fragend in seine Richtung hielt. Eine Minibar, eine Stundenhotelminibar.
   Leiser Groll stieg in ihm auf. »Nein, danke. Auf Wiedersehen. Ich denke, gewisse Leute haben ihren Spaß gehabt. Und dann ist es ja jetzt auch gut. Viktor Runge macht sich immer wieder gern zum Narren.«
   Warum war er nicht gegangen? Umdrehen. Tür auf. Leise zu. Was hatte ihn auf diese Holzdielen genagelt?
   »Du weißt, was dich da draußen erwartet, denke ich. Es ist zwar nicht mehr früh, aber in dieser Welt auch noch nicht besonders spät. Ich habe keine Ahnung. Vielleicht sind sie ja alle auch schon gegangen.« Ella hatte zwei Gläser von einem Regal genommen, beide auf einen Tisch zwischen zwei Korbstühlen gestellt und mit Wasser gefüllt. »Vielleicht sitzen sie aber auch alle noch unten. Und dann? Was willst du ihnen sagen? Mal ganz abgesehen davon, dass ich mir dann mal wieder um meinen Ruf Gedanken machen müsste, aber das wäre nicht das erste Mal.« Sie fischte sich eine Haarklammer aus einer Schublade, fuhr sich mit beiden Händen durch ihre Mähne und richtete sich die Haare zu einem Zopf. Unter dem weißen Oberteil …
   So muss es sein, wenn man erstickt. Atme. Wach auf. Wach sofort auf und vergiss diesen Traum, dachte Viktor und zwang seinen Blick an ihr vorbei. Erst jetzt fiel ihm auf, dass Ella ihn eben geduzt hatte. Was soll’s? Spießerkonvention. Darauf kam es nun auch nicht mehr an. Außerdem ärgerte es ihn, dass sie nicht unrecht hatte. Er wollte nicht die Treppe hinuntergehen und mit irgendwelchem voyeuristischen, beredsamen Schweigen konfrontiert werden. Er wollte die Jungs überhaupt nicht sehen. Schon gar nicht Müller und den stillen Heinz.
   »Vielleicht machen wir es so, wie es meistens gemacht wird: Sie lösen Ihre Probleme und ich meine.« Und dann strafte er seinen Satz einfach Lügen, ging langsam zum Tisch und setzte sich in einen der Korbstühle.
   Ella saß wieder auf ihrem Bett, ein Bein angewinkelt auf der Decke und das andere über den Rand gestreckt. Zum ersten Mal, seit Viktor diesen Raum betreten hatte, materialisierten sich die Dinge, die dieses Zimmer auszumachen schienen. Bisher hatte es für ihn nur diese Frau gegeben. Alles andere um sie herum war ein Mahlstrom aus Formen und Farben gewesen. Es gab keine rosafarbenen Kissen, keinen spitzenbesetzten Bettüberwurf, keine mannshohen Spiegel, kein Waschbecken mit zellophanierten Seifenstückchen, keine Bilder mit fragwürdigen Motiven. Es gab weder Kleenexrollen noch einen Stapel mit Einmalhandtüchern. Keine Gegenstände, deren Verwendungszweck so unbekannt wie eindeutig war. Nichts dergleichen. Ein Schrank, neben dem ein hübscher blauer Vorhang irgendetwas versteckte. Die Sessel um den Tisch. Die besagte Minibar. Regale mit nicht wenigen Büchern. Eine Pinnwand, auf der Postkarten und Zettel steckten. Überall stand Krimskrams herum. Döschen, Schachteln. Neben ihm eine zimmerhohe Grünpflanze und unzählige bunte Teelichter und Kerzen. Eine Studentenbude. Jedenfalls so ähnlich. Ja, und es gab natürlich das Bett, auf dem sie saß und an dessen Stirnseite ein übergroßes, metallgerahmtes Foto hing. Schwarz-weiß. Eigentlich nicht viel mehr als ein Spiel aus Licht, Schatten und Formen, aber konkret genug, um deutlich zu erkennen, um wen es sich dort handelte. Sie stand unbekleidet vor einer Lichtsonne, die Arme nach oben gestreckt und sich an eine Wand lehnend. Viktor fröstelte und zwang sich, woanders hinzuschauen.
   Er nahm einen Schluck aus seinem Glas und wandte sich ihr wieder zu. »Warum machst du das?«
   Ella lehnte sich zurück und atmete hörbar aus.
   Viktor hatte die Frage eigentlich schon mit dem letzten Wort zurücknehmen wollen. »Nein, nein, ich meinte nicht …« Da war es wieder, dieses Erstklässlerstottern. »Ich meinte nicht das alles. Das ist mir egal.« War es nicht. »Ich meinte diese Sache jetzt. Dieser ganze Witz, der keiner ist.«
   »Lass nur. Jemand wie ich zieht eine solche Frage an wie Honig die Bären. Und glaub mir, die Bären fragen immer wieder. Und die, die nicht fragen, fürchten sich wahrscheinlich vor den Antworten.« Zum ersten Mal hatte dieses Lächeln etwas Diesseitiges. »Stefan hat mich gefragt, und ehe du jetzt auf absolut falsche Gedanken kommst: Nein, er hatte nicht vor, sich daraus einen Spaß auf deine Kosten zu machen. Wie lange kennt ihr euch eigentlich?«
   »Bist du mit ihm – mehr als befreundet?« Viktor überging Ellas Frage. Seine eigene interessierte ihn weit mehr, auch wenn er Gefahr lief, zu weit zu gehen. Aber er wollte von ihr mehr über Müller erfahren. Stefan. Den anderen Müller, den es anscheinend auch gab, und der mehr an ewigem Frühling als an Plastikblumen interessiert zu sein schien.
   »Er hat im Wartesaal gesessen. Ich weiß nicht mehr, wann das war. Wir nennen ihn Wartesaal. Rechts, am Ende des Flurs. Diejenigen, die nicht nur wegen des Spektakels unten kommen, werden hier hochgeschickt. Julia …« Ella zog die Knie auf das Bett und umfasste sie mit beiden Armen. »Das ist, wie sagt man, die Mutter der Kompanie. Sie passt auf. Wen sie kennt – gut. Wen sie noch nicht kennt – mal sehen. Stefan kannte sie nicht. Also saß er dort und trank einen Espresso. Der Wartesaal ist ganz nett. Du kannst ihn dir ja bei Gelegenheit einmal anschauen.«
   Viktor überhörte Ellas letzten Satz.
   »Aber er hatte offensichtlich nach mir gefragt. Also holte Julia mich, und wir tranken zusammen ein Glas Sekt. Er sagte nicht viel, aber er machte auch nicht den Eindruck, dass er es eilig hatte, mit mir auf das Zimmer zu gehen. Ich hatte meine liebe Mühe, irgendetwas aufrechtzuerhalten, das man ein Gespräch hätte nennen können. Und dann ist er gegangen.«
   Viktor wusste nicht, was er sagen sollte, und sah sie nur an.
   »Am nächsten Tag brachte mir Julia einen Umschlag. Darin steckte eine Postkarte. Blauer Himmel und eine kleine weiße Wolke. Und auf der Rückseite der Satz: Blau ist die Farbe der Schlaflosigkeit. Stefan. Willst du sie sehen?«
   Viktor schüttelte schweigend den Kopf.
   »Und irgendwann saß er dort in dem anderen Sessel.« Sie zeigte an ihm vorbei. »Mir ist schleierhaft, wie er es an Julia und den anderen vorbeigeschafft hat. Wahrscheinlich hat er sie alle bezirzt. Er kann verdammt charmant sein.«
   O ja, das konnte er.
   »Er wirkte völlig locker, entspannt und unverkrampft. Er sagte mir, er könne das nicht. Nicht mit mir, und ich war im ersten Augenblick ein bisschen schockiert. Ehrlich gesagt, bin ich das nicht gewohnt, und ich hoffe, du deutest das jetzt nicht als maßlos arrogant. Die meisten sind da sehr viel grober gestrickt. Es hat eine ganze Zeit gedauert, bis ich begriffen habe, wie er das meinte. Ich glaube zumindest, dass ich es begriffen habe. Stefan ist mehr als ein lieber Kerl, Viktor, glaub es mir. Tja, und seitdem sehen wir uns ab und an. Manchmal schreibt er mir Postkarten von da, wo er gerade ist.«
   Viktor überkam ein unbändiges Verlangen, diese Frau in den Arm zu nehmen. Ohne ein den Augenblick zerstörendes billiges Ziel. Eine allumfassende, wortlose Berührung und die Gewissheit, dass diese Berührung genügt hätte, um ihr zu sagen, dass er sehr wohl wusste, was Müller gemeint hatte. »Schlaft ihr miteinander?« Die Frage widersprach völlig seinem momentanem Gefühl. Einerseits. Andererseits tat sie es nicht. Ellas Geschichte war etwas, das geradewegs und unaufhaltsam in eine Art Paradies strebte. Aber betreten hatte sie es noch nicht. Oder doch? Viktor spürte, dass diese Frage eher einem auffliegenden Fenster glich, einem Windstoß, der die Flammen im Kamin sekundenlang auflodern lässt.
   Ella musterte ihn. »Das geht dich nichts an, Viktor. Ist das wirklich wichtig für dich?«, fragte sie leise.
   »Entschuldigung. Bitte, entschuldige. Die Frage ist nie gestellt worden. Ich hatte ja gesagt, dass ich mich gern zum Narren mache. Pardon.«
   Ella rutschte auf die Bettkante und griff sich das neben ihr liegende Päckchen. »Wollen wir mal schauen, was die Herren mir zum Geburtstag geschenkt haben.«
   Es war eine kleine Schachtel, die eine Probe Parfüm, zwei blau gefärbte Kondome und etwas enthielt, das Viktor einen kurzen Schauder über den Rücken jagte. Neben dem kleinen blauen Fläschchen und den Kondomen lagen zwei Streichhölzer mit blauen Köpfen auf Ellas Hand. Viktor starrte die Gegenstände an, und Ella lachte in sich hinein.
   »Dolce und Gabbana. Light blue. Er weiß es noch. Aber nur zwei … Er unterschätzt dich.« Und sie zog eine Grimasse aufgesetzter Enttäuschung. »Jetzt muss ich mich entschuldigen. Das war vielleicht ein bisschen ordinär.« Sie stand auf, ging um das Bett herum und ließ die beiden Streichhölzer in eine kleine Dose fallen, die Viktor an eine Spardose erinnerte. Eine zweite stand unweit daneben.
   »Ich möchte dich etwas fragen, Ella. Ich komme mir mittlerweile wie in einem absurden Film vor, in dem jeder weiß, was er zu sagen hat, wo er zu stehen hat, wohin er im nächsten Moment zu gehen hat. Alle – außer mir!«
   Da war es wieder. Dieses Lächeln, das Viktor in seinem ganzen Leben nicht würde beschreiben können.
   Sie setzte sich wieder. »Meinst du die Streichhölzer? Es ist nur ein Spiel. Ein Spiel zwischen Stefan und mir. Ich weiß nicht einmal mehr, wann er damit angefangen hat. Wenn wir uns sehen, vielleicht etwas trinken gehen, erzähle ich ihm, wie mein Tag war. Nicht nur wie. Eben auch wer, was und so weiter. Und sicher denkst du wieder in die falsche Richtung. Es geht nicht um Voyeurismus, Dirty-Talk oder so einen Mist. Es ist eine Art nachträgliches Tippen. So etwas wie eine Wette, wenn das Rennen gelaufen ist. Ziemlich verrückt. Er schaut mich dann immer grinsend an und will wissen, wie ich es erzähle, in welcher Stimmung ich bin. Das Was interessiert ihn nicht. Und manchmal, nicht immer, gibt er mir am Schluss ein Streichholz mit blauem Kopf. Als er es mir am Anfang erklärt hat, sagte er, Blau stünde für Gelassenheit, Zufriedenheit, Ausgeglichenheit und Freundschaft. Das blaue Hölzchen ist sein Tipp, dass mir der Tag oder die Freier davon nichts genommen haben. Und ich sage ihm dann immer, ob er richtig gelegen hat oder nicht. Ich sagte ja, ziemlich verrückt. Aber so ist er halt.«
   Viktor hatte das Gefühl, als wäre sein ganzes Empfinden in diesem Moment von einem Karussell gefallen. Wie von einer kreiselnden Konfettikanone ausgespuckt, zerstob es in alle Himmelsrichtungen. »Hat er dir jemals ein rotes Streichholz gegeben?«
   Ella sah an ihm vorbei in Richtung Fenster, als sähe sie dort etwas, das bis jetzt nicht dort gewesen wäre. »Er sagte, Rot stünde für Macht, Eroberung, Kampf und all diese Dinge. Man kann sich das ja schon denken. Ja, hat er. Aber nicht oft. Es ist alles nur ein Spiel.«
   Viktors Hand wanderte in seine Jacketttasche und suchte nach dem Streichholz. Dann streckte er den Arm aus und hielt Ella die offene Hand hin.
   »Das ist jetzt etwas, das ich nicht verstehe«, sagte sie unsicher.
   »Er hat ein Spiel vorgeschlagen. Wer das rote Streichholz zieht, sollte dir das Päckchen bringen. Ich habe verloren.«
   Ella schloss die Augen, und ihr Gesicht verwandelte sich ganz langsam wieder in dieses unbeschreibliche Wunder. »Hast du das?« Sie lehnte sich zurück und stütze sich auf ihre Ellbogen.
   »Du hast gesehen, was ich eben ausgepackt habe. Die Pariser sind ein derber Scherz. Aber er hat mir noch nie zwei blaue Hölzchen gegeben. Was das wohl heißen mag …?« Der Blick, der diese Worte begleitete, beschwor eine Wendung dieses nächtlichen Gesprächs, von der Viktor wusste, dass er sie kaum überleben würde.
   Er schloss die Augen und zwang das Bild der Tischrunde in seinen Kopf. »Wie immer, alles nur ein Spiel, okay?« Viktor hörte Müllers letzten Satz erst jetzt wirklich. Vor Stunden, waren es Stunden, hatten sich die Worte binnen Kurzem in Luft aufgelöst. Er hatte es nur hinter sich bringen wollen.
   Ella rollte sich über ihr Bett auf die andere Seite, stand auf und zog eine Karte von der Pinnwand. Wortlos reichte sie sie Viktor.
   »Von ihm?«
   Sie nickte.
   Entwurf für den Umschlag des Almanachs Der blaue Reiter von Wassily Kandinsky, Albertina, Wien. Viktor drehte die Karte um. Ein handschriftlicher Zusatz. Wie viel Doppelsinn doch in so manchem steckt! Ein Smiley und sein Name.
   Er schüttelte den Kopf. »Unser Rosenverkäufer!«
   Ella war ans Kopfende des Bettes gerutscht, hatte sich ein Kissen hervorgezerrt und lehnte an der Wand unter ihrem Foto. »Ein verrückter, lieber Kerl! Vielleicht kannst du dir die Frage, ob wir mehr als befreundet sind, jetzt selbst beantworten. Und wenn ich dich schon einmal am Freier-fragen-Nutten-antworten-Telefon habe: Du vergehst vor Neugier, warum ich das alles mache? Ich sehe dir das doch an. Also, hör zu. Ich mache es, weil ich gut bin, weil ich weiß, dass ich es kann und einmalig bin. Nicht besser, nicht nur ein wenig anders, sondern anerkannt, zertifiziert, erwiesenermaßen, amtlich, unbeschreiblich gut. Du willst es ja anscheinend nicht herausfinden. Und meine Urkunden und Auszeichnungen habe ich weggeworfen.«
   Viktor hörte sie kurz lachen. Er musterte seine Füße und schüttelte entgeistert den Kopf. »Wow«, hauchte er in die Luft vor sich, »das nennt man wohl ausgeprägtes Selbstvertrauen …« Er zweifelte keinen Moment an einem einzigen Wort, das sie gesagt hatte. Der Anfang und das Ende dieser Sätze entsprachen absolut der Wahrheit. Bis auf die Urkunden.
   Sein Flüstern kommentierte sie nicht. »Glaub mir, hier ist vieles anders, als du es dir vorstellst, Viktor. Im Kleinen, aber vor allem im Großen. Und, bitte, versteh das nicht falsch, ich möchte dich nicht verletzten: Ich erwarte auch nicht, dass du das verstehst. Ich habe keine Lust, mir als Model irgendwelche bescheuerten Fummel anhängen zu lassen und einmal nach links und dann wieder nach rechts zu laufen. Mit Farbe zugeschüttet, die mich nach ein paar Jahren wie einen vertrockneten Lederhandschuh aussehen lassen. Ich habe keine Lust, eine Gangway entlangzustöckeln und kleinen, verzogenen Kindern Saft und ihren Vätern den fünften Whisky zu bringen, der ihre Fantasien endgültig zum Überlaufen bringt, während die Alte neben ihnen schnarcht. Ich habe keine Lust, von aufgeblasenen Luigis in ihrem Ferrari von Geschäft zu Geschäft gefahren zu werden, damit sie eine Berechtigung haben, mir abends aufs Brot zu schmieren, wie unerreichbar großartig sie und ihr Job sind und ob es im Bett jetzt endlich etwas mehr sein darf. Viktor – hier, hier kann und darf ich, okay, in gewissen Grenzen, machen, was und wie ich es will. Julia hat immer gewusst, was sie an mir hat. Und ich weiß, was ich an Julia habe. An ihr und den Mädchen. Das ist keine Bumsbude, wie du oder die meisten es sich vorstellen. Es ist sicherlich nicht der Himmel. Beileibe nicht. Nein, es ist nicht der Garten Eden, Viktor. Aber entgegen so mancher fehlgeleiteten Fantasie dort draußen ist es auch keine Folterkammer in einer Vorstadthölle. Bis zu einem gewissen Punkt suche ich mir die Freier aus. Wenn sie zum ersten Mal kommen, sind sie vor allem eines, sprachlos, nicht selten hilflos und bemüht. Wenn es nicht so absurd klänge, würde ich sagen, ihnen quillt die Ehrfurcht aus jeder Pore. Und glaube mir, keiner, nicht einer geht hier unzufrieden heraus. Lach jetzt nicht, aber manche kommen hierher und wollen einfach nur reden. Nicht gelogen! Sie schweben und sind – so oder so – am Ende von einer Art Glückseligkeit durchdrungen. Manchmal muss ich in den Spiegel schauen, weil ich es kaum glauben kann. Es hat gedauert, bis Julia das begriffen hat. Dass ich ihr Sahnehäubchen bin. Wann, wie, was, wer – alles meistens meine Entscheidung, und mittlerweile weiß man«, und das zweite n war nicht zu überhören, »dass es mich hier gibt und was das bedeuten kann. Ich lebe hier, wenn ich denn hier bin, ziemlich privilegiert. Arrogant, selbstverliebt, egoistisch, ordinär, eitel, realitätsfremd. Ich würde mich nicht wundern, wenn ich diese Begriffe gleich von dir zu hören bekomme. Hast du dir jemals überlegt, was es bedeutet, alten Leuten ihre pilzzerfressenen Füße zu pflegen? Kindern den Arsch abzuwischen? Im Schlachthof halbe Schweine zu sortieren? Aber jede Berührung innerhalb dieses Hauses hier wird von der ordentlichen und über jeden Zweifel erhabenen Welt dort draußen als Vorhölle angesehen. Mechanik! Aber, damit es ein wenig mehr wird, pudern wir sie mit unserer Fantasie. Ich gebe zu, dass die Fantasie der werten Gästeschar öfter einmal vor der Tür warten sollte, aber inzwischen geben sie die meisten unten ab. Es gibt einen himmelweiten Unterschied zwischen da unten und hier oben. Was da unten stattfindet, ist nur eine Art Tollhaus. Da werden kleine Geschenke verteilt und ein Panoptikum aus Zerrbildern gemalt. Ich bin hier oben. Kein schwarz bemanteltes Arschloch hat mir den Pass abgenommen und mich ins Stiletto geschleppt. Niemand hat mich von irgendeiner stinkenden Laderampe gekippt, um sich an mir gesundzustoßen, wenn diese widerliche Bemerkung erlaubt ist. Die, denen das widerfährt, sind arme Schweine. Aber so unglaublich das klingt: Ich bin freiwillig hier. Herrin – vor allem meines eigenen Willens. Soweit das überhaupt geht. Und, um die nächste noch nicht gestellte Frage gleich mit zu beantworten: Nein, ich habe keinen Freund. Das ist mir ganz ehrlich gesagt zu kompliziert. Und Männer wie Stefan wachsen nicht auf den Bäumen. Du kannst dich ja bewerben.«
   »Hör bitte auf«, sagte Viktor kaum hörbar.
   Sie sah ihn an und zog die Stirn in Falten. »Okay, Schluss mit Hurenschule. Und sei mir nicht böse. Manchmal poltert es aus mir hinaus. Vielleicht verstehst du mich ja jetzt besser. Nein, tust du nicht. Geht aber vielleicht auch nicht.«
   »Und was ist mit den roten Streichhölzern?«
   Ellas Augen verengten sich. Viktor war sich nicht sicher, ob nicht doch ein winziger Haarriss durch diesen Blick ging. »Was soll mit ihnen sein? Es sind nicht viele. Sie sind Teil des Deals, denke ich. Dafür, dass der Rest, wie ich dir erzählt habe, eine Art Privileg ist. Wie viele Kröten musstest du in deinem Leben schon schlucken, hm?«
   »Ich glaube, ein rotes Streichholz und das Schlucken irgendeiner Kröte hat nichts, rein gar nichts miteinander zu tun. Und ich mache jede Wette, dass du weißt, was ich meine. Frag einmal Stefan!«
   Sie zuckte nur mit den Schultern, stand kurz auf und goss beide Wassergläser noch einmal voll.
   Nein, er verstand es nicht. Und er war sich sicher, dass sie einiges von dem, was sie ihn glauben machen wollte, selbst nicht glaubte. Es hatte etwas Nymphomanisches. Promiskuität als verstörend gelebter Beweis von Selbstbestimmung? Viktor verscheuchte diese Gedanken. Sie waren wie Gift in einem Glas Champagner.
   »Hast du eine Freundin? Wenn ich das fragen darf!«
   Er verspürte nicht die geringste Lust, dieses Minenfeld hier und jetzt zu betreten. Das, was sie eben alles gesagt hatte, perlte noch durch seine Gedanken. Inhaltsschwangere Regentropfen, die nach einem Gewitter über die Blätter rutschten, am Rand hängen blieben, um dann zur Erde zu fallen, während das Blatt leise auf und ab wippte. Gefühlsurwald. Die Frage nach Chris hatte etwas zerstörend Physisches, eine so schmerzhafte Unverbindlichkeit, dass er befürchtete, seit er dieses Zimmer betreten hatte, so viel falsch gemacht zu haben, dass Ella endgültig aufgegeben hatte, vor ihm nur sie selbst zu sein. Small Talk, dachte sie sicher. Mehr kannst du eben doch nicht, Junge. Und wenn du das haben willst, bitte schön. Ich beherrsche auch das. Es ist sozusagen das bestimmende Element meines jämmerlichen Lebens. Noch ein paar nette Oberflächlichkeiten, und dann schmeiße ich dich raus.
   Aber Viktor wollte nicht gehen. Er konnte sich nichts Wunderbareres vorstellen als hier zu sitzen, diese Frau zu betrachten und ihr zuzuhören. Sie zu riechen, ihre Welt aufzusaugen und zu erleben, wie sie mit ein paar Worten und en passant Stefan Müller zum Ritter schlug, zu einer Art Don Quixote ihres Universums machte.
   »Sei mir nicht böse. Ich hätte die Frage nicht stellen sollen.«
   »Ach, Unsinn. Es ist vielleicht nur …«, Viktor schickte ihr einen dankbaren Blick, »Ich habe mich fast schon an dieses Paradies samt seiner Engel gewöhnt, und da kommt eine solche Frage nach der schnöden Wirklichkeit irgendwie … Nein, habe ich nicht. Ich habe sie vor die Tür gesetzt. Es klingt fürchterlich. Der Macho haut auf den Tisch und schickt das Püppchen in die Wüste. Aber ich kann nicht anders, als es so zu nennen, wie es war. Es war wie ertrinken ohne Wasser. Sie ist hübsch – nett – ein prima Kumpel. Wir hatten eine Menge Spaß. Leider wusste sie nur nicht, wo und wann man Pausen setzt. Und unglücklicherweise sind mir Pausen manchmal sehr wichtig. Andere können das.« Er wagte es, Ella anzuschauen, während er das sagte.
   »Und, wie fühlst du dich jetzt?«
   Viktor überlegte kurz. »Ich glaube, ich habe mich lange nicht mehr so wohl gefühlt. Blaues Streichholz. Viktor im Wunderland.«
   Sie lachte.
   »Ehrlich.«
   Eine Weile schwiegen sie. Viktor versank in einer Welle beinah körperlich schmerzenden Wohlgefühls. Ein kurzer, vertrauter Synchronflug gegenseitigen Verständnisses. Als wäre das Wort Pause ein Startschuss gewesen.
   »Wer hat das Bild gemacht, dort über dir?« Er stellte die Frage, weil er nicht wollte, dass die Stille endgültig die Zimmertür öffnete.
   »Eine Freundin. Ungefähr vor einem Jahr. Gefällt es dir?«
   »Beneidenswerte Freundin!«
   Schweigen.
   Die Art, wie sich Ella aufsetzte und sich an den Bettrand schob, glich einem Stromschlag.
   Viktor sprang reflexartig auf. »Es ist spät, Ella. Ich glaube, ich möchte – ich muss jetzt gehen.« Er griff nach seinem Jackett, erwischte es aber so unglücklich, dass beim Hochziehen der kleine Zeichenblock und die Dose mit den Bleistiften aus der Tasche rutschten und auf den Boden fielen. Er bückte sich und hob alles auf.
   Schweigen.
   »Kämpfst du, Viktor? Womit?« Wie konnte ein Mensch so leise sprechen, um etwas laut und deutlich klarzumachen?
   Er drehte sich zu ihr hin, steckte Block und Stifte zurück in das Jackett und zog es an. »Mit meiner Fantasie, Hexe. Ich brauche sie unversehrt, denn sie ist eines der wenigen Dinge, mit denen ich glaube, umgehen zu können.«
   Schweigen.
   »Tust du mir einen Gefallen?«
   Viktor sah sie unsicher an. Sowohl ein Ja wie auch ein Nein schienen ihm falsche Antworten zu sein.
   »Male mich!«
   »Wie bitte?« Seine kurze Frage war eine Mischung aus Bestürzung und echter Verwunderung.
   »Male mich! Ich bin noch nie von jemandem gemalt worden.«
   »Du machst dich über mich lustig, nicht wahr?«
   Ella seufzte. Sie betrachtete kurz ihre Beine und sah ihn dann wieder an. »Bitte! Und sage mir so kurz vor Schluss nicht, dass das Motiv es nicht hergibt.«
   Wäre er doch nie diesem Lächeln begegnet. Viktor fuhr sich durch die Haare. »Das darf wirklich nicht wahr sein!«
   »Und danach lasse ich dich gehen, wohin du willst.«
   Viktor ging langsam zum Tisch zurück und setzte sich in den Sessel, der am weitesten vom Bett entfernt stand. Er legte Block und Bleistifte neben sich und wusste nicht, wie er anfangen sollte.
   In diesem Augenblick tat Ella etwas, das ihn den Rest seines Lebens verfolgen würde. Er würde es später ein, zwei Menschen erzählen, und er würde es ihnen als unermesslich süßes Sterben beschreiben.
   Langsam und ohne jede Eile zog sich Ella ihr Oberteil über den Kopf, legte es neben sich und streckte sich auf ihrem Bett aus.
   »O nein! Oooh, nein. Das ist gar nicht gut. Das ist überhaupt nicht gut. Zieh das bitte sofort wieder an.« Viktor geriet in Panik und hatte keine Ahnung, wohin er schauen sollte. Jetzt spielte sie mit ihm. Und sie machte es so perfekt, dass er nicht wusste, ob sie es wusste, dass sie spielte.
   »Ein Akt ist ein Akt. Oder habe ich da etwas verpasst?«
   Als ihre Hände den obersten Knopf ihrer Jeans öffnen wollten, fuhr er sie regelrecht an. »Behalt die Hose an. Oder ich gehe auf der Stelle!«
   Sie mimte einen Schmollmund, den er nicht zur Kenntnis nahm. »Empfindsame Künstlerseele! Leg los …« Sie schloss die Augen, rekelte sich in eine bequeme Position, und langsam begann Viktor zu glauben, was er dort sah.
   Er lehnte sich zurück und betrachtete eine Weile ihren Körper. So gut bin ich nicht, dachte er, aber dann setzte er den Stift auf das oberste Blatt. Schwarzer Wasserfall auf einem weißen Kissen. Nein, eher Wellen. Blödsinn! Das Kinn und die Mundpartie. Das war es nicht. Er hatte keinen Radiergummi und riss den ersten Bogen vom Block. Er zählte, wie viele Blätter es waren. Zwanzig. Ausreichend für alles Mögliche und mehr als genug für manches Unmögliche. Aber hierfür würde es nicht reichen.
   Ihr Atem war ein gleichmäßiges, leises auf und ab, und er war sich für einen Moment nicht sicher, ob sie wirklich eingeschlafen war. So klingt Vertrauen, wehte es ihm durch den Kopf, und seine Hand begann einen neuen Versuch. Er brauchte elf Blätter, um zwei kleine Studien ihres Kopfes und des Oberkörpers hervorzubringen, mit denen er einigermaßen zufrieden war, auch wenn er wusste, dass diese Zeichnungen und Kritzeleien nicht annähernd etwas mit dem Original zu tun hatten. Es war einfach unmöglich.
   Sie hatte sich ein wenig bewegt und ihre linke Hand an die Innenseite ihres Oberschenkels gelegt. Wieder fiel ihm auf, dass sie keinerlei Schmuck trug. Keine Kette, keine Ringe.
   Ihre Beine. Als er das Zimmer betreten hatte, war sein Blick als Erstes an diesen Beinen hängen geblieben? Er wusste es nicht mehr. Aber sie zu zeichnen fiel ihm leichter als Gesicht und Brüste. Vier Versuche, einer wirklich gut und die anderen ließ er durchgehen. Als er die vier Blätter vom Block trennte, fiel ihm auf, dass er ihren Po und die Beine unbekleidet gezeichnet hatte. Sigmund Freud steht hinter mir, dachte er. Ich muss aufpassen. Die vier letzten Bögen mussten für das ganze Bild reichen. Einen so, wie du dort liegst, und auf den anderen dreien werde ich dich anziehen. Und du kannst dich nicht dagegen wehren.
   Das erste misslang komplett, und er riss das Blatt herunter und zerknüllte es in seiner Faust. Und irgendwann war der Zeichenblock leer. Aber das vorletzte Bild gefiel ihm. Wer sie kannte, würde sie dort wiederfinden. Er rieb sich die Augen.
   »Bist du jetzt zufrieden?«, fragte er, aber er erwartete keine Antwort. Sie schlief.
   Er sammelte die Zeichnungen ein und legte sie in einem Stapel auf den kleinen Tisch, das Bild, das ihm am besten gefiel zuoberst. Das weniger gelungene steckte er in die Innentasche seines Jacketts. Der Eisvogel. Müllers Karte. Er zog sie hervor. Ein auf dem Rücken liegender toter blauer Eisvogel. Turner hatte ihn nun einmal tot gemalt. Was sollte es. Sie würde es nicht missverstehen. Er drehte die Karte um, legte sie auf den Tisch und nahm einen der Bleistifte: Die schönen Tage sind das Privileg der Reichen, die schönen Nächte sind das Monopol der Glücklichen (Nestroy?). Ich war nie reich … Viktor.
   Dann stellte er die Karte gegen sein Wasserglas, zog das Jackett an und ging aus dem Zimmer. Er drehte sich nicht um. Die Zeichnungen mussten reichen.
   Auf der Treppe hörte er das Schlurfen und Rauschen eines Staubsaugers. Ein junges Mädchen reinigte den spärlich beleuchteten Saal, und es roch nach Schweiß und Alkohol. Um diese Zeit!, dachte er.
   »Können Sie mich netterweise hinauslassen?«, fragte er die junge Frau, die ihn erschrocken anstarrte und mit den Schultern zuckte.
   »Ich möchte gehen. Können Sie mir aufschließen?« Er deutete das Aufschließen eines Schlosses an und zeigte Richtung Ausgang.
   »Ah, evet!«
   Es war hell geworden, und es war bitterkalt.
   Viktor fuhr mit dem Finger das Unterlid entlang. Diese eine Träne hatte dann doch noch ihren Weg in die Welt geschafft. Er hatte es nicht unterdrückt, aber wischte sie fort. Es war nicht mehr weit zu der Stelle, wo er vorhatte, den Wagen zu parken. Sollte er in den nächsten Wochen irgendwie an einen größeren Betrag Geldes kommen, wusste er genau, wofür er ihn ausgäbe: Er würde Müller eine Reparatur dieser verfluchten Heizung spendieren. Himmel, war das kalt.
   Es gab eine Stelle, an der konnte man im Winter das Hexenhorn in der Ferne kurz zwischen den Bäumen auftauchen sehen. Die Straße machte dann noch zwei Kehren, und ein paar hundert Meter weiter lag rechts der Parkplatz und das jetzt winterschlafende Café. Die Lichtkegel oberhalb der Kehren ließen Viktor kurz in den Wald blicken. Irgendetwas an ihnen war anders. Hoppla, dachte er. Mutig für diese Jahreszeit. Das Licht bewegte sich bedenklich schnell. Und dann bekam die Zeit ein anderes Maß.

Viktor konnte später nie sagen, wie der zeitliche Ablauf der Ereignisse wirklich gewesen war. Hatte er noch irgendetwas gemacht, irgendeine Entscheidung getroffen? Das Einzige, woran er sich in den Monaten danach erinnerte war das, was er als allererstes getan hatte. Die Scheinwerfer waren auf ihn zugekommen. Sie hatten ihn dermaßen geblendet, dass er unwillkürlich eine Hand vom Lenkrad nehmen musste, um seine Augen zu bedecken. Danach zerstob seine Wahrnehmung.
   Ein fürchterlicher Knall. Seine linke Schläfe auf einem harten Gegenstand. Schmerz. Rauschen und Scheppern. Der Peugeot auf einem Karussell. Lichtblitze. Sein linker Arm und seine Brust. Immer noch Schmerz. Schnee. Blut verklebt ihm das Auge, und irgendetwas drehte ihn auf den Kopf. Ella und Müller. Ein in die Schulter schneidender Gurt. Er spürte das Dach der Fahrerkabine auf seinen Haaren. Dunkelheit.

Als er zu sich kommt, kann er nur stöhnen. Schmerz. Was er erkennt, erkennt er nur mit einem Auge. Links herrscht tiefe Nacht. Einen Augenblick fehlt ihm jede Orientierung. Oben und unten gibt es nicht. Der Sicherheitsgurt drückt ihm den Hals zu. Seine Hand sucht den Verschluss, und als sie ihn findet und der Riemen mit einem Klacken nachgibt, rutscht er in eine Position, die ihm alles Feuer der Welt durch den Körper jagt. Pause. Atmen. Er zwängt sich rücklings aus dem Sitz nach draußen. Warum steht die Fahrertür auf? Er dreht seinen Körper auf den Bauch und kriecht auf allen vieren einen Meter vom Wagen weg. Dann lässt er sich in den Schnee fallen und schließt das gesunde Auge. Nicht einschlafen. Wach bleiben. Er versucht, dieses entsetzliche Stechen in seiner Seite zu ignorieren und zwingt sich auf die Beine. Um ihn herum ist alles weiß. Und schwarz. Überall liegen Blumen verstreut. Farbige Blutstropfen auf einer weißen Decke. Müller. Auf der anderen Straßenseite hängt ein Wagen zwischen zwei Bäumen. Ein Scheinwerfer direkt an den Stamm gepresst. Seltsames Licht. Langsam, Meter für Meter, schleppt er sich hinüber. Wenn in diesem Augenblick ein Auto käme, ließe er sich einfach überfahren. Er versucht, etwas zu rufen. Stille. Als er an dem Wrack auf der anderen Seite ankommt, hört er leises Wimmern. Es ist ein Mini. Schwarz. Wieder versucht er, etwas zu sagen, etwas zu rufen. Ein leises Hallo und ein Brennen in seinem Mund. Er lehnt sich an die Rückfront des Minis und muss sich festhalten. Pause. Dann stolpert er um den Wagen und versucht, die Tür zu öffnen. Langsam zieht er das verklemmte Blech mit der rechten Hand durch den aufgeschobenen Schnee. Schmerz. Immer wieder nur Schmerz. Auf der Rückbank sitzt ein kleiner Junge und schluchzt. Halb auf dem Beifahrersitz, in den Fußraum gerutscht eine Frau. Der Gurt scheint gerissen. Er will das nicht sehen.
   »Komm, komm, klettere zu mir heraus. Schnell.«
   Ein Ächzen. Keine wirkliche Stimme. Aber der Junge scheint ihn verstanden zu haben. Das Wimmern und Schluchzen nimmt kein Ende. Er ruft nach seiner Mutter. Wieder und wieder. Das letzte kleine Stück muss er ihn fast in den Arm nehmen, und dann fällt er mit ihm in den Schnee. Seine Wange ist kalt. Wunderbar kalt. Nicht einschlafen. Er hat den Arm um den weinenden Jungen gelegt. Überall diese Blumen. Auf der anderen Seite liegt der Peugeot auf dem Dach. Er blinzelt den Schweiß aus seinem rechten Auge.
   Müllers Kunstblumen – ein Leben lang Frühling.

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