Ihr Vater starb unter mysteriösen Umständen. Ihre Mutter und sie werden bedroht und eingeschüchtert. Tod und Terror sind allgegenwärtig. Im Sommer 2014 fliehen sie von Herat nach Europa. Ihre Odyssee dauert fast ein Jahr. Nasreen, das Mädchen, das ich an einem Dezembertag 1996, knapp ein Vierteljahr nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan zur Welt kommen lasse, ihre Mutter und die Familien gibt es nicht. Die folgende Geschichte hat so nicht stattgefunden. Und dennoch ist sie nicht frei erfunden ... Sie steht stellvertretend für alle jene Erfahrungen und Erlebnisse, von denen mir afghanische Männer und Frauen in ausführlicher und bemerkenswert offener Weise berichtet haben. Mein Anliegen war es, der Sprachlosigkeit, die sich unweigerlich einstellt, wenn man mit solchen Berichten konfrontiert wird, etwas entgegenzusetzen. Ohne reißerischen Voyeurismus, ohne geräuschvolle Betroffenheit und ohne plakatives Pathos. Diese Geschichte ist ein Bild, zu dem andere die Farben beigetragen haben. Ich habe lediglich den Pinsel geführt. Thomas Christen

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ISBN: 978-9963-53-909-3

Seiten: 180

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Thomas Christen

Thomas Christen
Thomas Christen lebt in Düsseldorf und studierte Politikwissenschaften, Germanistik und Soziologie an der Universität Trier sowie später Agrarwissenschaften an der Universität Bonn. Nach zwanzig Jahren Tätigkeit in einer Heidelberger Klassikproduktion gründete er im Jahr 2000 das audio-visuelle Konzeptlabel tomtone music. Er schrieb über zwanzig Jahre lang Texte für Künstler wie Udo Jürgens, Milva, Veronika Fischer oder das Bremer Ensemble Mellow Melange und verfasste zwei Drehbücher für Music-Features im Auftrag des ZDF. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Im Jahr 2012 wurde sein Debütroman „Der Abend vor der Nacht“ im secession Verlag Zürich/Berlin veröffentlicht. Des Weiteren sind von ihm die beiden Lyrikbände „Ferngespräche“ (2007) und „Windweit der Mensch“ (2010) sowie der Roman „Winterfieber - oder die Überreizung einer Seele“ (2013) und der Erzählband „Im Schatten der Hundstage“ (2014) erschienen. 2015 veröffentlichte der Hamburger Acabus Verlag den Generationenroman „Die Abendgesellschaft der Quartiersleute“. Des Weiteren erschienen die nicht über den regulären Buchhandel zu beziehenden Werke „Jenseits der Pforten“, ein Roman, der vor dem Hintergrund der sogenannten Mellifont-Verschwörung im Irland der Jahre 1227 und 1228 spielt sowie die Novelle „Die verstörenden Auslassungen eines erhabenen Fremden“. Thomas Christen ist Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller (VS/in ver.di-nrw).

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Der Vogel
Wakhan-Korridor, Afghanistan
1906

Der Himmel über ihr war so blau wie die Blütenmuster auf ihrem roten Kleid. So blau wie das Kleid ihrer Schwester. Wenn man nicht auf den Saum und die vom Staub ausgeblichenen Enden der Ärmel achtete. Und manchmal war der Himmel ganz anders blau. Wenn der Tag wolkenlos gewesen war und sich der Abend auf das Tal legte, konnte er angeblich die Farbe des Chaqmaqtin annehmen, jenes Sees im Osten, von dem ihnen ihr Onkel manchmal erzählte. Und bald würde der Winter kommen, und mit ihm die ersten Tage, an denen sich der Himmel in die Farbe der Berge zu hüllen begann, wenn das Blau nur noch zu erahnen war, zu einem düsteren, grauen Blau wurde und die Wolkenstreifen aussahen wie die zerzausten Kopfhaare der Yaks. Aber am besten gefiel er ihr in den Nächten, dann, wenn diese so waren wie die gestrige und in denen sie das, was sie dort oben sah, mit keinem Wort beschreiben konnte. Wenn das dunkelste Blau über den Bergkämmen zu Violett geworden war, sich hoch oben in Schwarz verwandelte und der Himmel übersät war mit Sternen, als hätte man mit einem Reisig Milch in ihn hineingespritzt. Unzählige winzige Punkte, wie Nadelstiche in einem schwarzen Tuch, hinter dem es ein unsagbar helles Licht geben musste. Abertausende von weit entfernten Schneeflocken, die dort oben in der eisigen Nacht für ein paar Stunden festgefroren waren.
   Elaha schloss für einen Moment die Augen und konzentrierte sich auf die Wärme des Felsblocks, auf dem sie saß. Gestern Nacht hatte sie schlecht geschlafen. Dreimal war sie aufgewacht und hatte sich ihre verfrorenen Hände am heruntergebrannten Feuer gewärmt. Zum Schluss hatte sie sich ihre Decke umgelegt und war vor die Tür gegangen, um hinaufzuschauen. Die Spitze des Roshanak hatte nur einem schwarzen Schemen geähnelt und das einzige, kaum hörbare Geräusch, war das ferne Gurgeln des Wakhan gewesen.
   Sie öffnete die Augen und blinzelte in die Sonne. Behutsam wischte sie sich eine Schweißperle von der Stirn und schob die Haarsträhne zurück unter das Kopftuch. Der blassgrüne Streifen aus Schilf und Seggen unterhalb ihrer Füße zog sich in einem schmalen Band bis hinunter an den Fluss und verlor sich im endlosen Geröll und den Felsbrocken des weiten Tales. Dort, wo die Hänge auf der gegenüberliegenden Seite wieder anstiegen, lagen ihre Sommerhütten. Sie beschattete die Augen und schaute hinüber. Ein schmaler Streifen, und die Häuser wie winzige Striche in den Farben der Landschaft. Oberhalb der beiden Getreidefelder standen die einzigen vier Bäume weit und breit, und dahinter erstreckte sich das endlose Band der das Tal umschließenden Berge und die unerreichbaren weißen Felsspitzen des Roshanak, des Tirich-Mir, des Noshak und aller anderen Riesen, die seit Anbeginn aller Zeiten wie stumme Wächter aus Stein diesen Ort zu bewachen schienen.
   Sie lächelte, als sie das leise Zwitschern hörte, beugte sich vorsichtig vor und suchte mit den Augen das vor ihr liegende Schilf ab.
   Da bist du ja wieder, mein kleiner grüner Freund, dachte sie und versuchte, den Ursprungsort des zirpenden Gesangs zu finden.
   Kiet, kiet, kiet. Karre, karre. Kiet, kiet, kiet. Er saß nur wenige Meter entfernt hinter einem Schilfbüschel auf dem feuchten Boden und regte sich nicht, das Gefieder im gleichen schmutzig grünen Farbton wie das ihn umgebende Gras.
   Bitte sing weiter, flüsterte sie in Gedanken und traute sich kaum, sich zu bewegen. Als einen Atemzug später ein weiteres Kiet, Kiet, Kiet erklang, als hätte der Vogel ihre Bitte erhört, machte ihr Herz einen Sprung vor Freude.
   Wenn ich dich doch nur verstehen könnte, mein Kleiner.
   In den frühen Morgenstunden, wenn der erste Schein der aufgehenden Sonne hinter den Bergen zu erkennen war, regte sich nichts an diesem Ort. Mensch und Tier befreiten sich nur ganz langsam aus den Klauen einer fast immer bitterkalten Nacht. Aber jetzt, in der Hitze der Mittagssonne, war die Welt längst erwacht.
   Kiet, kiet. Karre, karre, karre. Sein Kopf zuckte einmal kurz nach oben, aber sofort verharrte er wieder regungslos und wie geschnitzt an seinem Platz.
   Würdest du mir erzählen, wie es jenseits der Berge aussieht?
   Elaha hob vorsichtig den Kopf und schaute nachdenklich in die Ferne.
   Die Männer behaupten, dass es Orte gäbe, an denen mehr Bäume wachsen, als es Steine in diesem Tal gibt. Stimmt das? Kennst du solche Orte? Hast du auf solchen Bäumen schon einmal gesessen? Wenn ich den Pir frage, gibt er mir Antworten, die ich nicht verstehe. Du musst wissen, der Pir ist ein weiser Mann. Die Tante behauptet, er könne seine Vorfahren bis zu Abu Ahmad as-Sughuri aufsagen, aber mein Onkel und die anderen glauben das nicht so recht. Jedenfalls sagt mein Vater immer, ich solle ihn nicht mit meinen Flausen belästigen.
   Kiet, kiet, kiet. Karre, karre. Kiet, kiet, kiet. Eine wunderhübsche Vogelantwort, die sie nicht verstand.
   Elaha betrachtete gedankenverloren das Muster auf ihrem Rock. Als ihr Blick zurück ins Schilf wanderte, pickte der Vogel ein paarmal auf dem Boden herum.
   Kannst du überhaupt so hoch fliegen? Oder musst du auch über den Broghol-Pass hüpfen? Hops, hops! Und natürlich nur zu den Zeiten, in denen der Schnee den Pass und den Weg durch das Tal nicht verschließt. Du bist zu klein und zu schwach, um Säcke und Bündel zu tragen. So, wie die Fremden und Händler, die mit ihren Maultieren manchmal vorbeikommen.
   Elaha musste über ihre dummen Gedanken lächeln. Und dann war der Vogel fort. Als hätte er etwas gehört, was nur er hatte hören können, schoss er in die Luft und flatterte in den Himmel davon, wo Elahas Blicke ihn verloren.
   Als sie den schmalen Weg zum Haus hinaufging, schreckte die Stimme ihrer Mutter Elaha schon von Weitem aus ihren Gedanken. Unwillkürlich beschleunigte sie ihren Schritt. Ihre Mutter war verärgert, und Elaha ahnte, worin die Gründe lagen.
   »Kind! Wo hast du denn nur gesteckt? Vater sucht dich schon eine ganze Weile. Er will die Kühe melken. Und du weißt, dass er das nicht allein kann. Deine Brüder schneiden das Getreide, und ich muss die Erbsen wenden. Vielleicht schaust du dich einmal um. Wir arbeiten alle! Warum machst du nur so etwas?«
   Elaha errötete und blickte zu Boden.
   »Es tut mir leid«, flüsterte sie, und dann raffte sie ihren Rock und lief an ihrer Mutter vorbei den Hang hinab in Richtung der Seggenfelder, auf denen die Yaks seit gestern grasten.
   Als sie ihren Vater erreichte, musterte er sie nur mit einem langen, bohrenden Blick und sagte kein Wort. Ihr Gesicht brannte wie Feuer. Ihr Vater hob eines der kurzen Seile auf, die vor ihm auf dem Boden lagen und nickte schweigend in Richtung der in der Nähe stehenden Kälber. Er brauchte ihr nichts zu sagen. Elaha wusste, was sie zu tun hatte. Sie hörte, wie er in ihrem Rücken behutsam das Yak dazu brachte, in die Knie zu gehen und sich auf die Seite zu legen. Sie hörte das Grunzen des Tieres und den dumpfen Aufschlag, als es sich umlegte. Elaha griff nach dem Strick, der um den Hals des Kalbes baumelte und zerrte es zurück zu seiner Mutter. Als sie bei ihrem Vater ankam, hatte er bereits Vorder- und Hinterbeine des am Boden liegenden Tieres zusammengebunden und redete beruhigend auf es ein. Es war immer der gleiche verhaltene Singsang aus Worten, die die Kühe zu verstehen schienen. Elaha zog den Kopf des Kalbes herab und führte es mit ein paar sanften Schlägen an die Zitzen der Mutter. Die Milch schoss nur ein, wenn das Kalb vorher versucht hatte, zu trinken. Dann musste man es daran hindern, weiterzutrinken, und Vater molk die einschießende Milch in den Holzbottich. Es war eine fürchterlich mühselige und zeitaufwendige Arbeit, die Elaha noch nie gemocht hatte. Der Milchfluss war jedes Mal nur sehr gering, und die ganze Prozedur musste wieder und wieder von vorn beginnen, immer in der Hoffnung, dass Mutter und Kalb nicht zu nervös wurden.
   »Träumereien machen nicht satt«, murmelte ihr Vater leise, ohne sie anzuschauen, »und wenn sie zu lange andauern, gefährden sie das Leben der anderen. Und auch dieser Sommer dauert nicht ewig.«
   Wieder merkte Elaha, wie ihr Hals und das Gesicht anfingen zu brennen. Sie musste schlucken. »Ich möchte mich entschuldigen, Tat«, sagte sie leise.
   »Mach weiter«, und aus seiner Stimme war nicht herauszuhören, ob er ihr verziehen hatte, »sie ist nicht die Einzige … Und wenn wir hier fertig sind, hilfst du deinen Brüdern beim Dungeinsammeln.«
   Elaha nickte verschämt.
   »Ehtiyot!« Die Stimme des Vaters erklang deutlich lauter, und im selben Moment versuchte das Kalb, aufzuspringen und hätte um ein Haar den Bottich mit Milch umgestoßen. Im letzten Augenblick hob ihn Elaha am Henkel zur Seite und stellte ihn neben sich ab.
   »Baf.« Ihr Vater lächelte für den Bruchteil einer Sekunde.
   Nachdem die Sonne weit im Westen über dem für Elaha in einer anderen Welt liegenden Taleingang untergegangen war, sprachen sie und die anderen Mädchen und Frauen in der Hütte das alltägliche Maghrib-Gebet. Die Männer gingen für dieses Ritual immer ins Freie und knieten sich auf den steinigen Boden. Jetzt hatte sich die ganze Familie wieder in der Hütte zusammengefunden, die Frauen saßen auf dem kleinen Podest, auf dem sich die Feuerstelle befand, und die Männer hatten sich auf den Filzteppichen und Kissen oder ihren Schlafplätzen entlang der Wände niedergelassen. So war es jeden Abend, seit Elaha denken konnte. Vater, ihre zwei Brüder, der Onkel mit seinen drei Söhnen, ihre beiden Schwestern, natürlich Mutter und die Tante. Und Großmutter Kushbu, von der niemand wusste, wie alt sie wirklich war. Es war ihre Familie. Und irgendwann würden ihre Schwestern und sie verheiratet werden und in eine andere Familie ziehen.
   Der in den Augen stechende Rauch des Yakdungs vermischte sich mit den Schwaden, die aus dem Topf über dem Feuer emporstiegen und als graue Fäden durch das Loch in der Decke verschwanden. Die Männer rauchten und unterhielten sich leise, und der süßliche Geruch des Tabaks erfüllte zunehmend die Luft. Und in dem Maße, wie die Stimmen mal lauter und mal leiser erklangen, wurden ihre Augen glasiger und ihr Lächeln zufriedener. Die beiden älteren Frauen reichten Tee herum. Elaha zog die Beine an und schlang ihre Arme um ihre Knie. Die schwere Luft und die Wärme des Feuers ließen ihr von Zeit zu Zeit die Augen zufallen, und das Gemurmel der Stimmen und Worte wehte durch ihren Kopf, ohne greifbare Spuren zu hinterlassen. Auch das war, seit sie sich erinnern konnte, schon immer so gewesen. Auf jeden Fall, wenn die Männer rauchten und ihre Geschichten erzählten.
   »… über den Broghol ist er gekommen. Und da wusste er noch nicht, dass er mit Schätzen und als angesehener Mann zurückkehren würde.«
   Elaha hielt die Augen geschlossen und lauschte der Stimme ihres Onkels. In ihren Gedanken stand sie irgendwo weit hinter den Bergen in einem fremden Land vor Tischen voller unbekannter Speisen, bunter Kleider und glitzerndem Schmuck.
   »Und er erzählte von Gespenstern und von Geistern. Von grausamen Wesen, die Nachzügler und die zu Langsamen in die Wüste fortlocken konnten, die sie mit ihren unheimlichen Stimmen riefen, die denen ihrer Gefährten täuschend ähnelten. Und manchmal war es so, als hörte man Instrumente, besonders Trommeln.«
   Elaha öffnete kurz die Augen und blinzelte ins Feuer. Ihre Traumbilder verflogen.
   »Was erzählst du da, Onkel«, bemerkte einer ihrer Brüder abfällig. »So ist das, wenn der Sand durch die Felsen weht, und ich glaube, so ist das auch, wenn der Wind durch die Wüste pfeift.«
   »Ach«, der Onkel verzog das Gesicht und winkte unwillig ab, »du Ungläubiger!«, und alle mussten lachen.
   »Erzähl eine andere Geschichte«, bat der Bruder, und der Onkel hob die Augenbrauen und schaute einen Moment lang auf seine Hände.
   »Es war einmal oder nicht ein Bauer«, begann er leise.
   »Und dieser Bauer hatte drei Söhne.«
   Elaha konnte das Grinsen ihrer drei Cousins förmlich hören.
   »Der Bauer war schon alt, und er hatte sein ganzes Leben für seine drei Söhne gearbeitet. Mittlerweile waren aus den Dreien erwachsene Männer geworden. Eines Tages erkrankte der Bauer, und er rief die Söhne zu sich. ‚Ich habe einen Schatz für euch’, sprach er zu ihnen, ‚und dieser Schatz befindet sich draußen auf dem Feld, wo ich ihn vergraben habe. Wer von euch diesen Schatz als Erster findet, dem soll er gehören.’
   Bald darauf starb der Bauer, und als seine Söhne ihn begraben hatten, betrauerten sie seinen Tod. Nachdem der Zeremonie genüge getan war, machten sie sich daran, den Schatz zu suchen. Sie gruben und gruben, aber einen Schatz fanden sie nicht.« Der Onkel machte eine geheimnisvolle Pause und blickte in die Runde. »Aber als sie am Ende des Sommers die außergewöhnlich gute Ernte verkauft hatten, da verstanden sie die Worte ihres Vaters …«
   Eine Weile herrschte anerkennendes Schweigen, und Elaha merkte, wie ihr Vater sie von der Seite betrachtete. Dieses Mal lächelte er. Nach dem Ischa-Gebet säuberten die Frauen das Geschirr, und Vater sah noch ein letztes Mal nach den Schafen im Pferch. Die Nacht zog herauf, und schon bald würde sich Elaha an den Rücken der Mutter schmiegen und einschlafen, hoffend, dass sie diese Nacht besser schlafen würde und etwas weniger frieren.

»Bring das dem Pir. Und sag ihm, dass noch mehr folgen wird, wenn wir geschlachtet haben.« Elahas Mutter stand in der Tür und zeigte auf den kleinen Sack mit Erbsen an der Wand.
   Der Raum war in morgendliches Dämmerlicht gehüllt, und die anderen waren alle schon fort. Nur Großmutter Kushbu saß vor dem Feuer und schwieg. Sie sprach so gut wie nie. Und wenn sie etwas sagte, dann war es ausschließlich an ihre Söhne gerichtet. Sehr leise und langsam. Und Elahas Vater und der Onkel schienen die Einzigen zu sein, die verstanden, was Großmutter wollte.
   »Und Kind, bitte fall dem Pir nicht mit deinen dummen Fragen auf die Nerven. Frag ihn lieber, wann du wieder zum Unterricht kommen kannst.« Und dann verschwand sie im Halbdunkel des heraufziehenden Morgens.

Wenn der Pir nicht las oder betete, sprach er mit den älteren Männern oder vertiefte sich in eine Meditation, bei der ihn niemand zu stören wagte. Und einmal in der Woche las er den Kindern aus dem Koran vor und erteilte ihnen Unterricht. Als Elaha vorsichtig die Hütte betrat und sich räusperte, stand er in der Mitte des Raumes und blätterte in einem Buch. Sie stellte den Sack neben dem Eingang ab und grüßte ehrfurchtsvoll.
   »As-Salamu ’alaikum.«
   »As-Salamu ’alaikum, Elaha.« Der Pir klappte das Buch zu. »Wie ich sehe, hast du mir etwas gebracht. Sag deinen Eltern herzlichen Dank.«
   »Meine Mutter lässt ausrichten, dass noch mehr folgen wird, sobald geschlachtet wurde.«
   Der Pir lächelte. Elaha stand unschlüssig in der Tür und schwieg. Dann öffnete sie den Mund, nur, um ihn sofort wieder zu schließen. Die Mahnung ihrer Mutter tönte in ihrem Kopf. An zwei aufeinanderfolgenden Tagen der Grund für ein Ärgernis zu sein, behagte ihr nicht.
   »Mein Kind. Wenn ich dich nicht kennen würde!« Der Pir setzte sich auf das Podest neben der Feuerstelle und legte das Buch neben sich. »Welche Frage quält dich heute Morgen, sprich?«
   Elaha zögerte. Aber dann nahm sie allen Mut zusammen. »Können Vögel über die Berge fliegen? Können sie auf die andere Seite gelangen?«
   »Die Neugier quält dich. Mal wieder. Und schon so früh am Morgen«, antwortete der Pir, und über sein Gesicht huschte ein kurzes, nachdenkliches Lächeln. »Ich weiß es nicht. Ich bin noch nie mit ihnen geflogen. Aber wie uns allen, stünde ihnen natürlich der Weg über den Pass offen. Vielleicht erachten sie aber auch diesen Weg für zu gefährlich. Die Berge, Elaha, sind von Gott gemacht. In gewisser Weise sind sie Gott. Er hat sie erdacht. Sie sind ein Teil von ihm. Und er hat sie so hoch gemacht, um uns jeden Tag zu ermahnen, mit unseren Gedanken nicht zu hochmütig zu werden. Diese Berge, mein Kind, diese Berge sind Gottes Wächter, und kein Mensch wird sie besteigen können.«
   Elaha sah ihn fragend an.
   »Wir sind ein Teil dessen, was uns umgibt. Im Vergleich zu den Bergen sind wir winzig. Aber auch wir sind ein Teil Gottes. Wenn ich sagte: Ich bin Gott, dann fändest du das wahrscheinlich überheblich. Aber dieser Satz zeugt von großer Demut. Denn sagte ich: Ich bin der Knecht Gottes, dann spräche ich von zweien. Aber derjenige, der sagt: Ich bin Gott, hat sein Leben ausgelöscht. Es gibt nichts außer Ihm. Er umfängt einen ganz und gar. Darin liegt die wahre Demut, Elaha. Nur dass dies die wenigsten begreifen. Das Leben ist ein ewiges Bündnis mit dem Unbekannten.«
   Elaha nickte, obwohl sie sicher war, nicht alles verstanden zu haben, was der Pir eben gesagt hatte. Es war immer dasselbe.
   »Denk darüber nach. Gehe in dich und spreche ein Dihkr. Bitte Allah um Demut. Und Verständnis. Nicht für deine Unwissenheit, sondern dafür, dass er dich fühlen lässt, wie er es meint.« Der Pir machte eine kurze Pause. »Was habe ich euch gelehrt? Baz gard, Nigah dasht, Yad dasht. Seine Gedanken kontrollieren, sie überwachen, ständige Konzentration auf Gott. Jetzt geh und bete zu ihm. Und Elaha, vergiss nicht, ihn bei seinen Namen zu nennen. Im nächsten Unterricht werde ich dich zwei oder drei weitere Namen lehren. Wahrlich, Gott hat neunundneunzig Namen, einen weniger als hundert. Wer sie aufzählt, geht ins Paradies. Deine Brüder sind schon viel weiter. Und nun geh. As-Salamu ’alaikum.«
   Als Elaha zur Hütte zurückkehrte, standen ihre Eltern vor dem Eingang und sprachen miteinander. Sie blieb einen Augenblick stehen und blickte zum Himmel hinauf. Heute würde es keinen so klaren und heißen Tag wie gestern geben. Heute trug der Himmel die Augenfarbe von Großmutter Kushbu, graublau. Lange weiße Wolkenstreifen hingen über den Bergen. Als sie die Eltern erreichte, wünschte sie ihnen einen guten Morgen.
   »Du kannst Mutter helfen, die Maultiere aneinanderzubinden«, antwortete ihr Vater. »Sie sollen das Stroh wenden. Und danach geh ihr bitte beim Packen zur Hand. In ein paar Tagen brechen wir auf. Und alles, was wir bis dahin nicht mehr dringend benötigen, kann schon einmal zusammengetragen werden.«
   »Der Pir lässt ausrichten, dass er sich herzlich bedankt. Und er hat mir aufgetragen, zu beten …« Elaha hatte es eigentlich nicht als Ausrede gedacht, aber ihr Vater fasste es so auf. Und dieses Mal musste er herzhaft lachen.
   »Zuerst die Maultiere, Kind. Und wenn dich deine Mutter danach nicht braucht, kannst du meinetwegen eine Weile beten.«

Sie saß auf ihrem Stein und schaute ihrem Fuß zu, der Muster in den Staub zeichnete. In ihrem Schoß lag das kleine Säckchen, in dem sie ihre Schätze aufbewahrte. Eine Handvoll kleiner und vollkommen rund geschliffener Flusskiesel, von denen manche eine Farbe trugen, die sie nicht benennen konnte. Und jene eigenartige braune Münze, von der sie den anderen noch nichts erzählt hatte, weil sie befürchtete, ihre Brüder würden sie ihr wegnehmen. Es war vor Wochen gewesen, dass diese ungewöhnliche Karawane das Tal hinaufgekommen war. Es kamen selten Fremde bis hier herauf, und dieses Mal war es sogar eine größere Gruppe mit bepackten Maultieren und zwei Yaks gewesen. Die Männer waren äußerst seltsam gekleidet gewesen, und sie hatten in einer völlig unverständlichen Sprache geredet. Sie war mit den anderen Kindern neben dem Tross hergelaufen, hatte das Winken der Männer erwidert und kein Wort von dem verstanden, was sie ihnen zuriefen. Und dann war einer der Männer auf sie zugekommen, hatte sie angesprochen und, so glaubte sie, nach ihrem Namen gefragt.
   »Elaha«, hatte sie geantwortet.
   Mit dem Wort, das der Mann sagte, konnte sie nicht das Geringste anfangen. Aber er hatte in die Tasche seiner Jacke gegriffen und ihr lachend diese Münze geschenkt.
   Elaha puhlte das Säckchen auf und nahm die Münze heraus. Die Ränder waren ziemlich abgegriffen, und auf der einen Seite war der Kopf eines Mannes abgebildet. Sie beugte sich vor und legte die Münze vor sich in den Staub. Und dann zeichnete sie mit dem Finger die Striche nach, die um den Kopf zu erkennen waren. Und von denen sie nicht wusste, was sie bedeuteten: Edwardus VII, Gra – Britt – Omn …
   Als sie fertig war, nahm sie die Münze hoch und legte sie zurück in das Säckchen. Sie hob den Kopf und ließ den Blick über den Horizont laufen. Der Roshanak lag heute und bei diesem Licht viel weiter entfernt als an Tagen wie gestern. Als hätte Gott ihn bei Nacht in seine unvorstellbar großen Hände genommen und viele Täler nach hinten versetzt. Unwillkürlich suchten ihre Finger nach einem der Kiesel. Sie legte ihn auf ihren Schoß.
   Al-Wid, du Einziger, begann sie in Gedanken, erlaube mir, zu dir zu sprechen. Al-Muhaymin, du Beschützer, beschütze meine Familie, wenn der Winter kommt.
   Ihre Hand legte einen zweiten und dritten Stein in den Schoß.
   Al-liq, Schöpfer, mach, dass ich im nächsten Sommer wieder hier sitzen darf. Ar-Razzq, du Versorger, und lass uns im nächsten Jahr wieder genug ernten, dass keiner von uns hungern muss.
   Elahas Finger spielte mit dem fünften Stein.
   Al-Bar, du Sehender, weißt du, wo mein kleiner Freund ist? Al-Muqt, du Ernährender, sorge bitte auch für ihn. Al-akm, du Weiser, Al-Bin, du Verborgener, Al-’Afuww, du Vergeber der Sünden, bitte verzeih mir, wenn ich ungehorsam war. A-abr, du Geduldiger, verzeih mir, dass ich bisher nur zehn deiner Namen auswendig kenne. Aber der Pir meinte, ich würde schon bald weitere lernen.
   Ihre Hand umschloss die zehn Kieselsteine und ließ sie wieder in das Säckchen rieseln.
   Kiet, kiet, kiet. Karre, karre. Kiet, kiet, kiet, erklang es aus dem Schilf vor ihr. Elaha blinzelte in den Himmel. Lächelnd schloss sie die Augen. »Oh, danke. Vielen, vielen Dank!«, flüsterte sie überglücklich.

1. Kapitel
Herat, Afghanistan
Sommer 2014

Nasreen ist kein Kind mehr. Und obwohl es nicht zu übersehen und sie jeden Tag Teil meines Lebens ist, vergesse ich das so oft. Sie ist ein Abbild des Spiegelbildes, das mir entgegenlächelte, als ich so alt war wie sie. Dieselben Augen. Derselbe Mund. Das gleiche Gesicht. Dasselbe fragende Suchen in ihrem Blick, wenn sie etwas nicht versteht, es aber unbedingt verstehen will. Es ist, als hätte sich dieses Spiegelbild nach achtzehn Jahren dazu entschlossen, endlich aus seinem Rahmen heraus und in meine allgegenwärtige Erinnerung zu treten, um fortan an meiner Seite zu leben. Ich sage ihr all das nicht. Ich habe es ein- oder zweimal erwähnt, weil ich nicht anders konnte, und manchmal sprechen uns andere darauf an. Aber sie schnauft dann immer nur leise und verzieht den Mund. Dann wird sie wieder zum Kind. Dieses rührselige Geschwätz alternder Leute, denkt sie wohl. Sie will keine Kopie sein. Kein exaktes Abbild anderer. Und auch wenn sie weiß, dass sie als meine Tochter kaum eine andere Wahl hat, als wenigstens Teile dieser Tatsache zu akzeptieren, wehrt sie sich innerlich dagegen. Und genau diesen Umstand, diesen Gedanken, diese Wesensfarbe offenbart mir jenes sich manchmal aufdrängende Spiegelbild in meinen Gedanken nicht. Und dann möchte mein Herz jedes Mal vor Freude zerspringen. Auch wenn es in gleichem Maße zittert, weil ich nicht weiß, was aus Nasreen werden wird. Aus uns werden wird. Aus allem werden wird.
   Mit jedem Tag, mit jeder Woche, mit jedem Monat erscheint mir dieser Blick meiner Tochter unerträglicher, jener Ausdruck in ihren Augen, der sämtliche unbeantworteten Fragen der Vergangenheit zu durchdringen versucht und der, und das mag noch ein schwacher Trost sein, im Augenblick nur mir, ihrer Mutter, und vielleicht hier und da meinem Bruder Ahmad offenbart, dass dieser Blick schmerzlich erkennt und ahnt, dass die Zukunft kaum weniger Fragen, möglicherweise aber noch weniger Antworten bereithält. Sie sagt nichts. Sie äußert kein Wort des Unmuts oder der Beschwerde. In dieser Hinsicht ist sie wirklich wie das Mädchen, das ich damals war. Aber es ist unübersehbar für mich, wie sie wie eine Blinde vorsichtig etwas zu ertasten versucht, von dem man als Kind nichts weiß, aber auf das man unlängst schmerzlich gestoßen ist.
   Nur, dass sie kein Kind mehr ist. Sie ist jetzt so alt wie ich war, als ich sie zur Welt brachte. Damals war ich bereits seit knapp zwei Jahren verheiratet. Nasreen hat nicht einmal einen Freund. Nun, ich muss zugeben, das ist etwas, das ich nicht wirklich weiß. Obwohl sie mir alles erzählt. Fast alles. Manchmal überfällt mich eine fürchterliche Angst, sie könnte heimlich jemanden haben, der ihr mehr bedeutet als ihre Gefühlswelt handhaben kann. Und manchmal ängstigt mich der Gedanke, dass es eben so ist, wie es augenscheinlich aussieht. Nicht wegen Nasreen. Nicht wegen eines möglichen Freundes. Wegen allem anderen.
   Für das, was vor kaum einer Stunde geschehen ist, fehlen mir einmal mehr die Worte. Ich habe mit diesem Zustand leidlich zu leben gelernt. Aber mit der in solchen Momenten aufflackernden Panik in ihren Augen werde ich niemals leben können. Einmal mehr die Frage: Warum? Und einmal mehr die Gewissheit, dass diese Frage aus unzählbar mehr als nur fünf Buchstaben bestand. Was Samira Hosseins Mann getan hat, war einfach nur grausam. Und unfassbar sinnlos. Als er in das Zimmer kam, hatte man das Gefühl, dass die Luft zu einem Eisblock gefriert, in dem man zu ersticken droht.
   Oh, Tarik, wie sehr ich dich vermisse! Wärst du noch da, wäre alles anders. Glaube mir, das, worauf es ankommt, wäre anders. Wir beide, wir drei, könnten über alles sprechen, versuchen, diesem ungreifbaren Schmerz die Spitze zu nehmen, damit er für eine Weile zu einem stumpfen Werkzeug verkommt, unbrauchbar, zu verletzen. Ahmad ist ein guter Bruder. Aber ich weiß auch, dass sein Geplapper und gelegentliches Gerede nur die Stille überbrücken soll, dass er versucht, sie gar nicht erst aufkommen zu lassen.
   »Ahmad! Bitte nicht am Fenster!«
   Mein Bruder redet sich wieder einmal in Rage. Und auch das ängstigt mich, denn ich weiß nie, ob seine Tiraden doch irgendwann der Falsche hört. Oder schon gehört hat.
   Vielleicht gäbe es ja keinen Schmerz. Gäbe es noch dich, Tarik. Eins sein. Eins. Eins. Du hast gesagt, in seltenen Glücksfällen seien Zuneigung, Liebe und Verbundenheit zweier Menschen wie die Zahl Eins, eine Multiplikation, die immer Eins ergäbe. Ein in einem Moment nur halb empfundenes Glück, verbunden mit doppelt geschenkter Hingabe, einen Atemzug lang Halbherzigkeit Hand in Hand mit doppeltem Mut. Tarik, war das so? Waren wir wie die Zahl Eins? Haben wir in einer anderen Welt gelebt? Oder war ich nur blind? Ein hübsches, sehr dummes, kleines Mädchen, Holzfigur in einem Spiel anderer und heute mit nichts mehr in der Hand als einem sich an die Erinnerung klammernden, schönfärbenden Wunsch eines geschundenen Herzens? Tarik, du und dein Schwager, ihr hättet Gedichte schreiben sollen.
   Aber mich bringen solche Gedanken nicht weiter. Palwasha, der Sonnenschein, lässt sich einmal mehr gehen. Und das darf nicht sein. Nicht jetzt. Ich muss weiterdenken. Viel weiter. Nasreen schenkt mir ein aufmunterndes Lächeln. Es ist einfach nur rührend, denn sie weiß wohl auch, dass es ihr noch nicht so recht gelingen will. Mein armes Kind. Was gäbe ich dafür, wenn du noch ein Solches wärest. Klein und zart auf meinen Armen. Wenn der Wahnsinn, der im Himmel über dieses Land wabert, nur auf meinen Schultern lasten würde. Wenn du in diesem Himmel nur die Sonne und weiße Wolken sehen könntest. Woher sollst du deinen Anteil an der Kraft nehmen, die ich uns beiden abverlange? Und an der es mir selbst immer wieder mangelt. Lemar, du glücklicher Vogel.
   »Bitte, Ahmad! Nicht jetzt!«

*

Es hat nichts miteinander zu tun. Es besteht kein Zusammenhang zwischen dem, was sich eben an einem anderen Ort ereignet hat und dem, was hier in diesem Zimmer geschehen ist. Nicht der geringste. Es ist lächerlich, so etwas zu denken. Würde die Hitze vor dem Fenster in diesem Augenblick von einem unerwarteten Regenschauer unterbrochen, wäre das nicht das Gleiche wie ein kalter Regenschauer an einem grauen Februarnachmittag. Und doch nennen wir beides Regen. Millionen von Tropfen, die einer dem anderen gleichen. Auch das Lächeln auf Mutters Gesicht ist kein Lächeln. Auch wenn man es, wäre man gerade eben erst ins Zimmer getreten, ohne gesehen zu haben, was man davor gesehen hat, im allerersten Moment vielleicht so hätte deuten können. Es ist reiner Zufall.
   Lemar liegt in seinem Käfig auf der Futterschale und sieht aus, als ob er schliefe. Eine kleine, untergegangene Sonnenkugel auf einem blassblauen tönernen Rund voller winziger beigebrauner Futterkiesel. Sein Gefieder glänzt nicht mehr. Aber vielleicht liegt das auch nur daran, dass die durch das Fenster hereinfallenden Lichtstrahlen ihn dort, wo er liegt, nicht mehr erreichen. Manchmal hätte ich mir gewünscht, er wäre in den ganzen Jahren nur einfach frei durch das Zimmer geflogen. Seine kleine Voliere war eben das, was sie war, ein weißer Käfig. Jetzt kommt sie mir vor wie ein obszönes, geschmacklos großes Mausoleum. Ich habe das Taschentuch, das mir Onkel Ahmad verschämt gereicht hat, weggesteckt und bin froh, dass er nicht gemerkt hat, dass keine Tränen fließen. Ich weiß, dass das vor wenigen Jahren noch ganz anders gewesen wäre. Was ich nicht weiß, ist, wann ich überhaupt das letzte Mal geweint habe.
   Als wir vor einer halben Stunde den Raum betreten haben, hat Mutter mit einer erschreckenden Bestimmtheit die Fensterläden aufgestoßen und den Vorhang zur Seite geschoben. Und als das Licht auf den Käfig fiel … Keiner von uns konnte etwas sagen. Aber ich glaube, wir haben alle drei an dasselbe gedacht.
   Ohne hinzuschauen weiß ich, dass Mutter jetzt hinter mir auf ihre Hände blickt, am Tisch sitzt und sie anstarrt und langsam gegeneinander reibt. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich sie schon so habe dasitzen sehen. Es ist, als glaubte sie fest daran, dass diese Angewohnheit sie irgendwann an einen anderen Ort befördern könnte, als zerriebe sie ein für niemanden sichtbares Pulver, dessen Magie sie und alle, die sie mitzunehmen wünscht, im nächsten Moment fortträgt. Wohin auch immer. Ich höre, wie Onkel Ahmad leise seufzt. Es kommt nicht oft vor, dass er nicht weiß, was er sagen soll. Umso unerträglicher erscheint mir das im Zimmer hängende Schweigen. Nur der Lärm der Straße und des gegenüberliegenden Parks wehen durch das offene Fenster herauf. Ein namenloses, seit Ewigkeiten plärrendes, vom sommerlichen Staub oder der Winterkälte zerfressenes Orchester.
   Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Onkel Ahmad aufsteht und wieder in Richtung des Fensters geht.
   »Er ist ein Wardaki! Pah! Du meine Güte. Seine Familie kommt aus Sajedaba.« Er atmet deutlich hörbar einmal ein und aus, seine Art, wenn er seinem Unmut Luft verschaffen will. Er legt die Hände auf die Fensterbank und schaut auf die Straße hinunter.
   Geräusche vorbeifahrender Autos und ein Gewirr undeutlicher menschlicher Stimmen. Auf den letzten Metern zur Wohnung hat Mutter ihm erzählt, was bei Samira Hossein geschehen ist.
   »Angeblich waren seine Brüder vor zwei Jahren dort in einen Anschlag verwickelt. Wundern würde es mich nicht. Ich möchte nicht wissen, worüber sie bei ihren Treffen reden.«
   Onkel Ahmad kennt Gott und die Welt, aber woher er diese Annahme hat, will ich gar nicht wissen.
   »Ahmad! Bitte nicht am Fenster!«, höre ich Mutters leise Stimme, während mein Blick noch immer Lemars toten kleinen Körper berührt.
   Der Onkel kehrt missmutig an den Tisch zurück, setzt sich wieder und hebt beide Hände. »Eben ein Wardaki!«, erwidert er trotzig, als wäre er gerade mal halb so alt wie ich. Und dann lacht er leise in sich hinein und beginnt völlig unvermittelt zu erzählen. »Ein Mann sieht durch den Spalt seiner Schlafzimmertür, wie sich seine Frau mit einem anderen Mann vergnügt. Oh, denkt er, das muss ja wohl ich sein, denn …«
   »Ahmad!«, unterbricht ihn meine Mutter, und der viel zu scharfe Klang ihrer Stimme sagt mir, dass sie so etwas jetzt unter keinen Umständen hören möchte. »Bitte, Ahmad! Nicht jetzt! Nicht diese ewigen Witze. Zumal wir diesen alle schon hundert Mal von dir gehört haben! Entschuldige, aber ich möchte das jetzt nicht!«
   Samira Hossein ist eine Bekannte meiner Mutter. Sie nennt sie so, obwohl sie sich eigentlich noch nicht sehr lange kennen. Ich selbst habe sie nur ein- oder zweimal getroffen. Obwohl wir jetzt schon über zwei Jahre in Herat leben, pflegt meine Mutter kaum Kontakte. Ich weiß, dass sie niemanden hat, den sie als eine Freundin bezeichnen würde. Dieses Wort benutzt sie nicht. Sie ist so überaus vorsichtig, und obschon wir seit dem Tod meines Vaters sehr viel Zeit mit gemeinsamen Gesprächen verbringen, komme ich mir immer wieder schmerzend hilflos vor, denn ich fühle, dass sie sich etwas anderes vorstellt, sich etwas anderes wünscht. Aber ich weiß nicht, wie ich ihr helfen könnte. Samira und sie lernten sich im Geschäft meines Onkels kennen, kamen dort in ein beiläufiges Gespräch, von denen es wohl täglich Tausende in den unterschiedlichsten Ausprägungen auf der Welt gibt. Ich erinnere mich noch daran, dass meine Mutter erzählte, wie überrascht sie war, welche Unmengen an getrocknetem Obst Samira damals bei Onkel Ahmad einkaufte. Der Junge, der sie begleitete, schien ihr Sohn zu sein, und jetzt, nach alldem, was eben geschehen ist, schieben sich vage Bilder in meinen Gedanken übereinander, auf denen die kurze Bemerkung meiner Mutter damals über diesen etwas hochnäsigen Jungen, den ich niemals zuvor gesehen hatte, die Vorstellung, die ich mir damals vielleicht von ihm machte, wenn ich dies überhaupt tat, und das Bild von jenem Jungen, den ich eben, vor kaum einer Stunde, neben seinem Vater habe stehen sehen, eine mir angsteinflößende Einheit eingehen. Ich habe keine Geschwister. Aber hätte ich welche, dann wüsste ich, dass sie anders wären als das, was dieser Junge heute Nachmittag ausstrahlte. Ich weiß nicht, warum ich mir sicher bin, das zu wissen.
   Samira hatte uns eingeladen. Sie lebt wie gesagt noch nicht lange mit ihrer Familie in Herat. Auf der anderen Seite der Zitadelle, in einer Straße, deren Namen ich vergessen habe. Mutter hatte wohl bei ihrem ersten Treffen in Onkel Ahmads Laden beiläufig die Tatsache erwähnt, dass ich einen Kanarienvogel besitze und wie wunderbar es manchmal wäre, Lemars Gezwitscher zu lauschen und das leise Zittern seiner Flügel zu beobachten, wenn er um Futter bettelt. Wenn sie nur gewusst hätte, was sie damit heraufbeschwor. Die Einladung war vor zwei Tagen ergangen, und Mutter lächelte, als sie mir erzählte, dass Samira ihrer kleinen Tochter wohl auch einen Kanarienvogel schenken wolle. Ich gebe zu, dass ich keine große Lust verspürt habe, meine Mutter zu diesem Treffen zu begleiten, aber sie hat darauf bestanden und versprochen, dass es nicht lange dauern werde. Samiras jüngste Tochter wird Ende des Jahres zehn, und während sich die beiden Frauen unterhielten, bat das Mädchen mich immer wieder verschämt um Ratschläge, was bei der Haltung eines Kanarienvogels zu beachten sei, was man tun und was man vermeiden solle. Ich erzählte ihr von der Wahl des Standortes für den Käfig, Futterarten, der Mauser, Salmonellen und der Geflügelpest. Die Erwähnung der Letzteren trug mir einen strafenden Blick meiner Mutter ein, aber ich glaube, das Ganze war für das Mädchen so neu und aufregend, dass sie auf solche Details nicht geachtet hat. Einen Vogelbauer gab es noch nicht, und so saß das winzige weiße Wesen in dem mit Löchern versehenen Pappkarton, in den es beim Kauf verfrachtet worden war. Manchmal, wenn es sich ängstlich zu bewegen schien, hörte man das schabende Kratzen seiner Beinchen. Und jedes Mal hob Samiras Tochter dann das über dem Karton liegende Tuch ein wenig an, um nachzuschauen, ob noch alles in Ordnung war.
   Ich glaube, wir standen schon im Zimmer, um uns zu verabschieden, als wir das Geräusch von Schritten vor der Tür hörten. Unwillkürlich drehten sich unsere Köpfe in Richtung des Eingangs, und dann sahen wir, wie ein Mann und jener Junge, von dem mir Mutter erzählt hatte, den Raum betraten. Vielleicht vergingen ein paar Sekunden. Ich weiß es wirklich nicht mehr. In meiner Erinnerung geschah das, was dann geschah, unwirklich schnell.
   »Das sind mein …«, meinte Samira leise, und sprach dann aber nicht weiter, denn ihr Blick folgte nur den Schritten des Mannes, der an den Tisch trat und das Tuch mit einer fast nebensächlichen Geste vom Pappkarton riss, um einen kurzen Blick hineinzuwerfen. Es hätte nicht viel gefehlt, und der Karton wäre auf den Boden gefallen. An das, was folgte, will ich mich eigentlich nicht erinnern. Es macht mir Angst, obwohl kaum etwas geschah. Ich denke, es war die Art und Weise, wie der Augenblick ablief. Auf das Gesicht von Samiras Ehemann legte sich ein abfälliges und grenzenlose Geringschätzung ausdrückendes Lächeln. Er griff mit einer betont langsamen Bewegung in den Karton, verharrte eine Weile, ohne dass sich sein Blick und der seiner Frau voneinander lösten. Nur das panische Schaben der Vogelbeine war zu hören. Und dann wurde es still und die Faust genauso langsam zurückgezogen, wie sie hineingefahren war, und jedem im Raum war klar, was sie enthielt. Samiras Mann trat an das Fenster, zog einen der Läden auf und warf das tote Tier in hohem Bogen zwischen die Dächer der gegenüberliegenden Straßenseite. Und in diesem Moment lachte der Junge. Es war kein lautes Lachen. Eher ein Schnaufen, eine abstoßende Mischung aus so verächtlichem wie amüsiertem Prusten.
   »Ich habe Durst. Hol mir etwas zu trinken«, schoss seine Stimme durch die Stille des Raums, ohne dass klar wurde, an wen sich die Aufforderung richtete. Und Samira erhob sich und verließ schweigend das Zimmer. Es war unübersehbar, wie ihre Tochter mit den Tränen kämpfte und kurz davorstand, diesen Kampf zu verlieren. Als sie sich verschämt aus dem Zimmer schleichen wollte, hielt ihr Vater sie am Arm fest und zeigte mit der anderen Hand auf den Karton.
   »Räum das weg!«
   Sie wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht und wollte gerade gehorchen, als wir ein leises Klopfen hörten. Es war Onkel Ahmad, der in der Tür stand und sich unschlüssig umschaute.
   »Salaam«, sagte er, »guten Tag, Ahmad Haleeh, ich komme, um meine Schwester und meine Nichte abzuholen.«
   Als wir uns von Samira verabschiedeten, flüsterte sie eine Entschuldigung, die nur meine Mutter verstand, da sie direkt vor ihr stand. Die Stimme von Samiras Ehemann klang leise die Treppe herauf. Er schien sich mit jemandem auf der Straße zu unterhalten.
   »Das ist nicht nötig«, antwortete meine Mutter, »der Tee und das Gebäck waren übrigens ganz ausgezeichnet. Vielen Dank nochmals. Und zögern Sie bitte nicht, mich aufzusuchen, wenn Sie einen Rat oder Hilfe benötigen.«
   Noch während wir hinuntergingen, zerrte sie widerwillig ihren Schal aus der Handtasche. Aber so, wie sie sich ihn um den Kopf legte, ähnelte er eher einem modischen Accessoire, mit dem Saum fast am Hinterkopf. Als wir aus dem Haus traten, nickten sich die Männer nur schweigend zu. Wir hatten vielleicht zehn Schritte gemacht, als wir seine Stimme hinter uns hörten, laut genug, dass es alle, die sich im näheren Umkreis befanden, hören konnten.
   »Lehre deine Frauen Gesetz und Anstand. Wer die Regeln nicht befolgt, muss mit den Konsequenzen leben, Ahmad … oder auch nicht …«
   Oder auch nicht! Oder auch nicht leben? Von irgendwo ertönte ein hämisches Lachen. Onkel Ahmads Zorn war nicht zu übersehen. Sein Mund war nur ein schmaler Strich, der sich ein Schimpfwort zu verkneifen schien. Er sprach erst wieder, als wir an der Nationalgalerie unterhalb der Zitadelle vorbeikamen.
   »Wie oft habe ich es dir gesagt? Wie oft habe ich dich gebeten, ihn außerhalb der Wohnung anzulegen? Zum eigenen Schutz. Zu deiner eigenen Sicherheit. Wenigstens …«
   »… ich brauche ihn nicht. Ich bin nicht in Gefahr. Und ich verstelle mich nicht. Abgesehen davon – bei dieser Hitze! Grauenhaft!«
   Onkel Ahmad stand das Unverständnis ins Gesicht geschrieben. Kopfschüttelnd eilte er neben uns her.
   »Sie braucht ihn nicht! Meine Schwester verstellt sich nicht! Sie ist die einzige Frau in diesem Land, die machen kann, was sie will! Bei dieser Hitze! Ich fasse es nicht. Und irgendwann muss ich dich dann begraben. Was hat Allah mit deinem Verstand angestellt?«
   Ich lief hinter ihnen her und schaute zu den roten Zinnen der Zitadelle hinauf, überlegte, wie meine Mutter reagieren würde, wenn man von ihr verlangte, einen Tschador, geschweige denn einen Niqab anzulegen.
   Als wir den Park erreichten, blieb Onkel Ahmad abrupt stehen und zog sein Handy hervor.
   Mutter blickte ihn fragend an.
   »Ja, Roshan. Ich bin es, Ahmad. Du kannst für heute Schluss machen. Schließ ab und geh nach Hause. Heute kommt … ja, ich bin mir sicher, Junge. Tu einfach, was ich dir sage. Wir sehen uns morgen.«
   Mutters fragender Blick wechselte zu deutlichem Erstaunen.
   »Warum schließt du das Geschäft? Es ist viel zu früh.«
   »Weil es Wichtigeres gibt. Es kommt keiner mehr. Ich weiß es einfach. Gehen wir. Wir müssen miteinander reden …«

Ich habe Lemar aus dem Käfig genommen. Er liegt auf meiner Hand, und seit geraumer Zeit streichelt mein Zeigefinger sein gelbes Gefieder, als könnte der Finger sprechen, als könnte er ihm ein paar unhörbare Worte ins Vogeljenseits nachschicken. Mutter und Onkel Ahmad sitzen noch immer hinter mir am Tisch und unterhalten sich leise. Und obwohl sie mit gedämpften Stimmen sprechen und ich von hier, wo ich sitze, nichts verstehe, habe ich den Eindruck, dass sie sich streiten. Auf jeden Fall über etwas reden, über das sie sich nicht einig sind.
   Ich versuche, mich zu erinnern, wann Lemar zu uns kam. Es ist so lange her, und ich war noch sehr klein. Vor allem weiß ich nicht, ob das, woran ich mich erinnere, wirklich eigene Erinnerungen sind oder ob alles auf Geschichten und Anekdoten beruht, die man mir in den Jahren danach erzählte.
   Es war 2001. Und Vater lebte noch. Ich war fünf, und wir wohnten damals in Faizabad. Es war ein kalter Novembertag, und der Strom war wieder einmal ausgefallen. Und als das Licht wieder anging, stand Vater in der Küche. Wie ein geisterhafter Zeitreisender, angekommen aus dem Nichts, lachend und am ausgestreckten Arm einen Vogelkäfig haltend, in dem ein gelbes Etwas herumhüpfte. Ich habe mich ziemlich erschrocken. Aber Mutter schien Bescheid zu wissen, denn sie lächelte glücklich. Sind das meine Erinnerungen?
   »Jetzt wird alles gut«, sagte mein Vater, und sein Strahlen schien zur Küchendecke hinaufzuschweben.
   »Glaubt es mir oder nicht. Ich habe vor ein paar Tagen geträumt. Und in diesem Traum kam ein solcher Vogel vor. Sie haben Mazar-i-Sharif befreit! Und das ist bestimmt erst ein Anfang.«
   Selbstverständlich können das nicht meine Erinnerungen sein. Ein fünfjähriges Mädchen weiß nichts von den Vorkommnissen in einer Welt außerhalb seiner eigenen Welt. Ich wusste nicht, dass fast auf den Tag genau zwei Monate vorher zwei Passagiermaschinen in amerikanische Wolkenkratzer geflogen waren. Ich habe noch nie in einem Flugzeug gesessen. Ein Flugzeug ist für mich noch heute etwas Unwirkliches, unerreichbar Fernes, das weiße Streifen in den Himmel malt. Seit dem Tod meines Vaters vor zwei Jahren haben meine Mutter und ich manchmal über diesen lang vergangenen Abend gesprochen, und ich denke, sie hat meinen Erinnerungen ein paar weitere Puzzlesteine hinzugefügt. Vor allem aber glaube ich, wollte sie dafür sorgen, dass das Bild, das ich von meinem Vater habe, genau dem ihren entspricht. Ich werfe ihr das nicht vor. Wichtig ist mir, dass dieses Bild ein schönes Bild ist. Gleich, wie viele fremde Pinsel daran gemalt haben.
   Onkel Ahmad ist aufgestanden und reibt sich mit der einen Hand seinen fast kahl geschorenen Kopf und mit der anderen durch seinen immer grauer werdenden Bart. Als kramte er nach der Lösung für ein offensichtlich unlösbares Problem. Er seufzt wieder laut und vernehmlich, geht im Zimmer hin und her und betrachtet gedankenverloren den Ast an der Wand, der Lemar als Sitzplatz bei seinen täglichen Ausflügen durch den Raum diente. Und immer wieder lässt er die Hände an die Oberschenkel fallen.
   »Und wann, Palwasha, wann gedenkst du, es ihr …«
   »… in den nächsten Tagen. Bald. Und jetzt geh, Ahmad. Diba wartet sicher schon auf dich«, unterbricht ihn Mutter mit deutlich zu scharfem Ton.
   Als der Onkel gegangen ist, setzt sich Mutter an meinen Tisch und nimmt meine Hände in ihre. »Wir werden einen Platz für ihn finden, Liebes. Einen passenden Platz. Lemar war schon sehr alt. Und ich denke, er hatte ein schönes Leben. Möchtest du, dass ich uns einen Tee mache, Nasreen? Wir beide haben etwas zu besprechen …«

Die Berufsschule ist ausgefallen. Zwei Lehrerinnen sind krank geworden, und man hat mir gesagt, ich könne nach Hause gehen. Aber ich habe einen Abstecher ins Mehraban-Hospital gemacht, mein Krankenhaus, in dem ich an drei Tagen in der Woche lerne, wie man Spritzen setzt, Verbände wechselt, Kanülen anlegt, den Kranken aus dem Bett hilft und sie wieder hineinlegt, dass man ihnen mit Geduld begegnen soll, auch wenn sie ihre Ungeduld oder Verzweiflung an einen heranschreien. Die Ausbildung gefällt mir sehr. Auch wenn es manchmal nur eintönige Handgriffe sind. Aber auch Daria und Frozan, die beiden Frauen, die mich meistens anleiten, waren heute nicht im Haus, und Ghesal wusste nicht, welche Arbeit sie mir geben könnte. Ghesal ist ein sonderbarer Mensch. Am liebsten arbeitet sie nach einem festen Plan, einer strikten Vorgabe, und alles, was nicht auf diesem Plan steht, verunsichert sie. Ich weiß nicht, wie sie es geschafft hat, so lange hier am Krankenhaus zu sein, wo doch so oft Vieles ganz und gar nicht nach Plan laufen kann. Also habe ich die alte Frau auf Zimmer zwölf besucht. Meine ‚Freundin’. So nennt sie mich. Sie ist von einem Auto angefahren worden und leidet unter einem Schädel-Hirn-Trauma. Ich habe gelernt, was das bedeutet. Ihr ist ständig übel. Sie isst zu wenig, aber erzählt umso mehr, obwohl sie eigentlich Ruhe bewahren sollte. Und sie bringt in ihrer Erinnerung alles durcheinander. Mal hat sie acht Kinder und mal fünf. Vor ein paar Tagen war Herat ihr Geburtsort und heute erzählte sie, sie stamme aus einem Dorf in der Nähe von Shindand. Und wenn sie das Sprechen zu sehr ermüdet, rutscht ihr das rechte Auge weg. Sie tut mir entsetzlich leid. Besuch bekommt sie keinen.
   Mutter hat mich eindringlich gebeten, vom Krankenhaus oder der Schule jedes Mal einen anderen Heimweg zu nehmen. Ich weiß, dass sie es genauso macht, wenn sie ihre Arbeit im Café beendet hat oder von ihren Kursen kommt. Dabei wäre der einfachste Weg für mich fast immer geradeaus. Die Martyr Mirvais Sadeq entlang, einmal links abbiegen, vorbei an Onkel Ahmads Geschäft und dann wieder die Khaia Ali Movafaq bis zum Taraqi Park. Eine knappe Stunde. Wenn ich mich beeile. Aber mit den lästigen Umwegen dauert es noch länger.
   »Es geht eben nicht immer geradeaus«, hat Mutter einmal verärgert gemeint, als wir uns wieder einmal über dieses Thema stritten. Ausgerechnet sie muss so etwas sagen!
   Ich bleibe einen Moment stehen, um mein Handy aus der Tasche zu holen und sie anzurufen, ob ich noch etwas aus dem Supermarkt mitbringen soll, als mir bewusst wird, dass die Schritte, die bis eben noch hinter mir zu vernehmen waren, nicht mehr zu hören sind. Ich habe in den letzten Jahren gelernt und mich daran gewöhnt, dass ein Teil von mir auf Dinge, Geräusche, auf Bewegungen achtet, auf die andere Menschen in anderen Teilen der Welt vielleicht nicht achten würden. Und doch überfällt mich für den Bruchteil einer Sekunde das beängstigende Gefühl, etwas zu hören, was jetzt verstummt ist, mich aber unmittelbar betrifft, ein kurzes Echo des Unterbewusstseins, das noch vor Sekunden etwas wahrgenommen hat, von dem es sicher war, dass es mit mir nichts zu tun hat. Schritte. Ich drehe mich abrupt um und sehe, wie er nur einen Schritt von mir entfernt hinter mir steht. Er, an dessen Namen ich mich nicht erinnere, der mich aber schon zweimal in den letzten Wochen auf dem Heimweg vom Krankenhaus belästigt hat. Heute begleiten ihn drei weitere Männer, von denen einer vielleicht im Alter von Onkel Ahmad ist. Sie starren mich an und grinsen. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Ich habe es bei den ersten beiden Malen schon nicht gewusst, und ich fühle, wie meine Hände trotz der erdrückenden Hitze über der Stadt kalt und feucht werden.
   »Meine zukünftige Braut!«, sagt er leise in manieriertem Tonfall und verzieht dabei das Gesicht zu einer abfälligen Grimasse. »Meine zukünftige Braut. Und ohne Begleitung in der Öffentlichkeit. Darf sie das? Darf man das erlauben?«
   Ich muss unwillkürlich schlucken, und einer der anderen Männer stößt einen grunzenden Lacher aus.
   »Bitte …«, flüstere ich, versuche, ihn nicht anzuschauen und meine Beine zu zwingen, sich in Bewegung zu setzen.
   Er folgt mir so dicht, dass ich, trüge ich nicht das Kopftuch, wahrscheinlich seinen Atem im Nacken spüren könnte. Zwei der Männer haben uns überholt, gehen langsam voran und wirken so unbeteiligt, als hätten sie mit dieser ganzen Szene nicht das Geringste zu tun. Ich habe entsetzliche Angst und versuche, die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Mein rechter Daumennagel drückt so fest in die Kuppe meines Mittelfingers, bis es schmerzt. Meine Tränen bekommst du nicht, du …! In meinem Kopf spielen die Gedanken völlig verrückt. Ich sehe mich verwundet auf dem Boden liegen, sehe, wie ich in ein Auto gezerrt, in einen der dunklen Hauseingänge gedrängt werde, um …
   »Glaub mir, du wirst meine Braut werden. Und es wird eine der schönsten Hochzeiten sein, die je stattgefunden haben. Deine Mutter wird weinen vor Freude. Jetzt, wo sie ihre geliebte Tochter versorgt weiß. Dein Onkel wird uns mit Geschenken überhäufen. Ich denke, er wird in meinem Namen die ganze Hochzeit finanzieren. Ich bin sicher, er wird sich nicht lumpen lassen. Eine schönere Braut wird es nie gegeben haben, Nasreen! Niemals einen glücklicheren Bräutigam. Jammerschade, dass ich deinen Vater nicht mehr kennenlernen kann.«
   Woher weiß der Mann das alles? Ich spüre, wie mir der Schweiß den Rücken herunterläuft. Ich schließe kurz die Augen, um zu verhindern, dass sich ein erster Schwall Tränen auf meine Wangen ergießt. Jeder, der uns sieht, jeder Passant, der vorbeihastet, wird, wenn überhaupt, nur denken: Eine junge Frau in Begleitung ihrer Brüder, ihrer Cousins, ihres Vaters. So, wie es sich gehört. Ich weiß nicht, was schlimmer ist: Das, was er sagt, oder das, was gerade hier geschieht.
   Bitte, Gott, hilf mir!
   Und plötzlich fühle ich, wie sich etwas entsetzlich Spitzes in meinen Mantel bohrt und meine Rippen berührt. Panik steigt in mir auf, und ich kann gar nicht anders, als abrupt stehen zu bleiben. Jetzt spüre ich den Atem des Mannes im Gesicht. Er pfeift kurz, und die anderen bleiben stehen.
   »Bitte nicht …«
   »Und wenn du dich weigern solltest, Nasreen. Dann, tja, dann werden wir uns wohl um deine Mutter kümmern müssen. Oder deinen Onkel. Oder auch beide. Du musst noch viel lernen, mein Kind. Aber du wirst einen guten Lehrer in mir haben. Das kann ich dir versichern. Ich werde …«
   Und in diesem Augenblick erhört Gott mein Flehen.
   Ich habe in den letzten Minuten nicht darauf geachtet, wo wir sind. Ein ohrenbetäubender Knall, ein markerschütternder Donnerschlag erfüllt die flimmernde Luft, und nur Sekunden später steigen schwarze Rauchschwaden über den Häusern an der nächsten Straßenecke empor. Aus den Augenwinkeln erkenne ich, dass wir kaum hundert Meter vom Chowk-e-Golha-Kreisverkehr entfernt sind. Alles geschieht gleichzeitig. Das Prasseln von Gesteinsbrocken, schreiende und davonlaufende Menschen, eine weit entfernte Stimme, die sagt: »Ich komme wieder, Nasreen, meine Braut …«
   Mein Herz, das derart schnell rast, dass sich meine Hand auf der Brust verkrampft, die Erinnerung an das Messer an meiner Seite und ein Gedanke, der durch meinen Kopf taumelt: Onkel Ahmads Laden, irgendwo dort, von wo die Rauchwolken in den Himmel steigen. Wie in Trance setze ich einen Fuß vor den anderen, immer schneller und noch schneller, bis ich außer Atem den Kreisverkehr erreiche, auf dem alle Autos stehen geblieben sind. Auf der schräg gegenüberliegenden Straßenseite steht ein völlig zerfetzter Kleinbus, aus dem meterhohe Flammen schlagen. Einer jener Kleinbusse, mit dem die wenigen Touristen, die nach Herat kommen, durch die Stadt gefahren werden. Hinter dem Bus liegen zwei Körper vor der zersplitterten Fensterfassade der Milli Bank. In Teilen des Mauerwerks klaffen Löcher. Von irgendwo ertönen Sirenen. Ich laufe zwischen den verlassenen Autos durch, hinein in die Grünanlagen des angrenzenden Farhang-Parks, und meine Blicke überfliegen in panischer Angst die Häuserfassade. Links neben der Bank ein Reisebüro und ein Buchladen, dessen Fensterscheibe ebenfalls zersplittert ist. Und rechts Jamals … nein, bitte nicht …
   Auf dem Bürgersteig türmen sich auseinandergerissene Metallkäfige und zerfetzte Holzbehälter übereinander, die noch vor Kurzem an den Haken und Stangen neben der immer offen stehenden Eingangstür des Vogelhändlers gehangen haben. Die Ladenfront ist nur noch ein Loch. Der Gehweg davor ist mit Holz- und Glassplittern übersät. Es war ein sehr einfacher Laden. Aber das Schlimmste sind die vielen verstümmelten Vogelkadaver. Gelbe, weiße, orangene, bunte Häuflein, die makaber verstreute Farbenpracht eines für immer verstummten Gesangs. Jamal hat sie mir alle gezeigt, mir jede einzelne Art erklärt, lachend ihren Gesang imitiert, mir erzählt, was bei ihrer Haltung zu beachten ist, wie man ihre Krankheiten bekämpft. Dann, wenn ich Onkel Ahmad in seinem Geschäft besucht habe, das nur zwei Häuser weiter liegt, um fast jedes Mal auch bei Jamal vorbeizuschauen. Das sind Kanarienvögel, Nasreen. Du hast ja selbst einen. Und das sind Wellensittiche, kleine Papageien, Wachteln, Chukarhühner und Kampfhähne. Man hatte den Eindruck, er beschriebe seine Kinder.
   Onkel Ahmad! Ich merke, wie mein Blick wie von Geisterhand gelenkt das Geschäft des Onkels sucht. Alles ist so, wie es war und wie es sein soll. Ich habe das Gefühl, als hätte ich stundenlang in einer Rüstung aus Stein verbracht, die in diesem Moment aufbricht und in winzige Stücke zerfällt. Und jetzt erst, in diesem Augenblick, sehe ich, dass vor dem zerstörten Laden Jamal auf einem Hocker sitzt, reglos und den Kopf in den Händen versenkt. Und hinter ihm steht mein Onkel, eine Hand auf Jamals Schulter und beruhigend auf ihn einredend, mit Worten, die ich erahne, denn ich kenne meinen Onkel, die ich aber bis zu mir herüber nicht verstehen kann. Von weit her wehen Gewehrsalven herüber, Sirenen und vereinzelte Schüsse, aber ich laufe wie eine Verrückte über den vertrockneten Rasen und rufe und winke, und als mich Ahmad erkennt, legt sich ein Lächeln auf sein Gesicht.

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