Die oberflächliche Idylle einer gut situierten Familie, die auf der Insel Rügen eine kleine, aber exklusive Ferienanlage betreibt, gerät ins Wanken, als sich eines der Zwillingsmädchen in einen Flüchtlingsjungen aus Kabul verliebt. Positionen und Meinungen stehen plötzlich zur Debatte, totgeschwiegene Konflikte brechen auf, die innerfamiliären Beziehungen verändern sich dramatisch, eine Katastrophe bahnt sich an. Diese Entwicklung weist Querverbindungen auf zu einer anderen, längst in Vergessenheit geratenen Katastrophe, die sich nach Kriegsende im Jahre 1945 ebenfalls auf Rügen ereignet hat: in einem Flüchtlingslager nahe der Halbinsel Goor.

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ISBN: 978-9963-53-984-0

Seiten: 193

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Susanne Preusker

Susanne Preusker
Susanne Preusker, geboren 1959 in Hildesheim, wohnhaft in Magdeburg, studierte Diplom-Psychologin/ Psychotherapeutin, nach langjähriger Tätigkeit im Strafvollzug 2009 dort ausgeschieden (worden), verheiratet, ein erwachsener Sohn, ein unerzogener Hund. Motto: „Ich schreibe Bücher, weil ich nicht tanzen, singen oder malen kann.“ Bisher sechs Veröffentlichungen. Susanne Preusker hat sich am Dienstag, 13. Februar 2018, entschieden, aus dem Leben zu scheiden. 

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Komm mit.

Komm.
   Komm mit mir nach Rügen.
   Wir verlassen die Ostseeautobahn Richtung Stralsund, um der gut ausgebauten Bundesstraße durch eine meist flache, unspektakuläre Landschaft zu folgen. Nach sagen wir knapp fünfzehn Minuten wird die Silhouette von Stralsund in der Ferne auftauchen, rechts am Horizont die Umrisse der Volkswerft, die vielleicht auch schon mal bessere Zeiten gesehen hat. Wir bleiben auf der Straße, halten uns vorsichtshalber an die Geschwindigkeitsbegrenzung und sehen die Stralsunder Kirchtürme näher kommen und wachsen. Schließlich fahren wir über die Rügenbrücke, die sich über den Strelasund erstreckt und uns auf die Insel bringt. Du siehst Wasser und Bötchen und die ersten Möwen. Vielleicht ist es nebelig oder bereits dunkel, und du siehst nichts, aber trotzdem wirst du das Meer spüren. Du wirst einfach merken, dass es da ist.
   Komm mit mir nach Rügen.
   Vielleicht möchtest du nun, da wir unser Ziel erreicht haben, die Insel entdecken. Vielleicht möchtest du Binz sehen oder die Seebrücke von Sellin. Oder Kap Arkona. Vielleicht möchtest du an der Schaabe deine Füße in den Sand stecken, vielleicht möchtest du Prora (oder das, was davon übrig ist) entdecken. Vielleicht möchtest du auch nur ein Fischbrötchen essen, ein Bier trinken, den Möwen beim Fliegen und dem Sanddorn beim Wachsen zusehen, dem Sanddorn, der sich im Wind wiegt wie von der Tourismuszentrale befohlen. Oder du hast ein Ticket für die Störtebecker-Festspiele. Vielleicht hast du vieles vor. Vielleicht hast du aber auch Zeit, bist neugierig und kommst einfach weiter mit mir mit.
   Wir machen uns auf den Weg nach Putbus, der weißen Stadt. Die Nebenstrecke, die wir wählen, führt uns durch kleine Ortschaften: Ferienwohnung frei. Ferienwohnung belegt. Je nachdem. Alleen, Wäldchen, Felder, Wiesen. Sie wird dir gefallen, unsere Fahrt. Nach einer guten halben Stunde erreichen wir Putbus, sehen linker Hand weiße klassizistische, gepflegte Häuschen, mit Rosenstöcken verziert. Wir passieren den Marktplatz und ein kleines Theater, den Schlosspark und die Kirche, wenige Geschäfte, eine Gaststätte. Am Circus folgen wir der Vorfahrtsstraße und biegen gleich darauf rechts ab, Richtung Lauterbach. Wir fahren geradeaus, überqueren Bahngleise, und mit etwas Glück hören oder sehen wir ihn sogar, den Rasenden Roland, auf seinem Weg zwischen Lauterbach Mole und den Seebädern. Wenn wir weiter geradeaus fahren, und genau das werden wir tun, auch wenn uns die Straße eigentlich links nach Vilmnitz leiten möchte, taucht bald am Ende einer Allee das Badehaus Goor auf, Anfang des 19. Jahrhunderts von Fürst Wilhelm Malte I. zu Putbus errichtet, heute ein Hotel.
   Den Wagen stellen wir ab und gehen zu Fuß weiter, zunächst am Wasser entlang. Wir erfreuen uns am Anblick der imposanten Fassade des ehemaligen Badehauses, umrunden das Gebäude und gehen an dessen Seitenflügel vorbei Richtung Goor, Richtung Wald. Dort, wo die ersten, alten Bäume ihre Schatten werfen, genau dort verlassen wir den Weg und gehen geradeaus ins Dunkle. Ich zeige dir eine lange Reihe verwitterter Grabkreuze. 39 Grabkreuze in Reih und Glied. Wie Soldaten. Steinerne Zeugen vergangener Tage, moosbewachsen, vielleicht vergessen, versteckt unter Bäumen und wucherndem Efeu, Besucher nicht gewöhnt. Die Luft riecht feucht und waldig, keinesfalls wie auf einem Friedhof. Friedhöfe riechen anders, lebendiger, und das sollen sie auch. Wir gehen an den Gräbern entlang, langsam, sehr langsam. Du wirst viele Namen lesen, über neunzig, manche mühelos, andere, verwitterte, wirst du nur umständlich entziffern können, wieder andere bloß erahnen. Die Daten: geboren November 1878, gestorben Januar 1946, liest du. Geboren Februar 1928, gestorben Februar 1946, liest du. Geboren Dezember 1945, gestorben Dezember 1945 – auch das liest du. Alle sind zwischen November fünfundvierzig und März sechsundvierzig verstorben. Ausnahmslos alle, die Jungen wie die Alten, Frauen, Männer, Kinder, Säuglinge. Alle. Warum, wirst du mich fragen.
   Antworte ich? Vielleicht.
   Und dann gehen wir weiter. Vielleicht.
   Komm.
   Komm mit mir nach Rügen.
   Komm mit.

Prolog

In Flammen steht der Dachstuhl, in hellen, hohen, fast am Firmament leckenden, wunderschön leuchtenden Flammen. Hellgrauer Rauch steigt auf in einen wolkenverhangenen Nachthimmel und verliert sich dort. Das alte Haus schreit. Es schreit und ächzt und stöhnt und lacht und singt und pfeift und spuckt mit berstendem Glas und glühendem Holz seine bewegte Geschichte der Welt ins Gesicht, dem Wind und der Vergänglichkeit entgegen.
   Der Schein der Flammen, ihr Leuchten, taucht einen Schotterweg, benachbarte Gebäude und die angrenzende Wiese in goldenes Licht. Bäume biegen sich zur Seite, zollen dem nächtlichen, ungeheuren Wüten Respekt. Tiere verschwinden im Unterholz, eilig, keineswegs in Gefahr, aber gefährlich kopflos flüchten sie.
   Geschichten von Schicksalen und Sorgen und Freude speit das alte Haus unter dem brennenden Inferno aus, quälend langsam und laut sterbend, seiner Seele bald beraubt.
   Nur zwei Menschen nicht. Diese Menschen, dem Tode geweiht und schon lange nicht mehr schreiend, behält das Haus bei sich, die gibt es nicht mehr her.
   Warum auch.

I. 2015
Anne

Heute hatte sie eine kleine Schale verkauft, eine dieser Müslischalen mit aufgemalter Mohnblüte. Zwanzig Euro. Mohn fanden sie toll, Mohn mochten sie, die Gäste und Kunden. Für ihren Geschmack war das ein bisschen zu kitschig, aber was soll’s. Es verkaufte sich gut, also machte sie es so. Die Nachfrage bestimmte das Angebot. Außerdem musste sie mal darüber nachdenken, ob sich die Dinger nicht auch für fünfundzwanzig Euro verkaufen ließen. Die Leute waren erholt, in Urlaubsstimmung, ganz besoffen von frischer Luft, grünen Wiesen und Idylle und hatten sowieso schon schrecklich viel Geld ausgegeben, sodass es auf fünf Euro mehr oder weniger nicht ankommen sollte. Und wenn sie diese Preiserhöhung aufs Jahr umrechnen würde, kam ein feines Sümmchen zusammen. Die Preise für das andere Zeug würde sie natürlich auch etwas anheben. Trotzdem fragte sie sich, weshalb man eine einzige Mohn-Müsli-Schale kaufte. Wozu? Die Frau heute Vormittag war regelrecht verzückt. Andererseits konnte ihr die Antwort natürlich völlig egal sein. Sie stellte die Teile her und verkaufte sie jedem, der sie haben wollte. Ob sie in irgendeinem Schrank vermoderten oder nicht, war schließlich nicht ihr Problem. Ihre Art der Töpferei war ein Geschäft, ein Handwerk, keine Lebenseinstellung, keine Kunst, nichts Besonderes. Aber wer wollte das schon so genau wissen? Wen interessierte das. Sie verhökerte Töpferware, und sie verhökerte die Illusion von der hochsensiblen, verträumten Kunsthandwerkerin in weiten Leinenklamotten, am liebsten Kräutertee trinkend. Leinen konnte sie nicht ausstehen, Kräutertee erst recht nicht, aber diese Klischees waren verkaufsfördernd, und sie drehte sie jedem an, der sie haben wollte. Wie dieser Frau heute Morgen. Um die sechzig, könnte man schätzen, Großstädterin mit SUV, alles an ihr war irgendwie praktisch, unscheinbar und geschmacklos: die Kurzhaarfrisur, die randlose Brille, die Baumwollhose, die Trekking-Sandalen, eben alles. Drei Tage hatte sie mit ihrem Mann, sie nahm jedenfalls an, dass es ihr Mann war, im Haus 4 gewohnt, im Raps. Und sie hatte sie, wenn sie sich trafen, was auf dem kleinen Gelände schier unvermeidlich war, hinter ihrer randlosen Brille angestarrt wie ein Alien, sie, die alternative, selbstbestimmte, in sich ruhende Kreative. Ob sie sich wohl für Yoga interessiere? Natürlich! Und wie! Und für alternative Heilmethoden? Unbedingt! Und vegane Kost? Nichts lieber als das! Lecker! Das waren die Gespräche, das waren die Themen. Sie hasste Yoga. Sie schluckte haufenweise Aspirin, zur Not auch ohne Grund. Sie aß am liebsten Fettiges, Kohlenhydratreiches und Ungesundes. Sie rauchte wie verrückt. Sie trank zu viel. Aber das waren nicht die Dinge, die sie hören wollten, die neugierigen Urlaubsgäste. Sie bekamen ihre erwünschten Heile-Welt-Antworten, kauften dafür zum Dank überteuerte Müsli-Schalen und würden sich im nächsten Jahr wieder in eines der kleinen Häuschen einmieten. Nächstes Jahr und vielleicht auch übernächstes und überübernächstes. Sie hatten viele Stammgäste. Das Pärchen, das nachmittags anreisen sollte, um ein verlängertes Wochenende in der Kornblume zu verbringen, beispielsweise. Mit denen hatte es vor ein paar Jahren auch mit einer Mohn-Müsli-Schale angefangen – und nun gehörten sie zu den Stammgästen. Apropos Kornblume: Da war doch im kleinen Schlafzimmer eine Glühbirne kaputt. Hoffentlich hatte Peter daran gedacht, sie auszuwechseln. Sie würde ihn danach fragen müssen. Sofort.

Peter

Ja, ich habe die Birne ausgewechselt. Ja, ich habe auch alle anderen kontrolliert, die in der Kornblume natürlich, aber vorsichtshalber auch die in den anderen Häusern. Ja, sie sind alle in Ordnung. Und ja, ich bin mit den Buchungen auf dem aktuellen Stand. Ja, ich habe alles im Griff. Ja, ja, ja. Der Betrieb läuft. Kornblume, Raps, Mohn, Hagebutte, Wildrose, Sanddorn, Quitte und Sonnenblume sind bis auf Weiteres ausgebucht, freie Kapazitäten in nächster Zeit nur im äußerst unwahrscheinlichen Falle kurzfristiger Stornierungen. Ja, selbstverständlich, rufen Sie gern noch mal durch. Unsere Kontaktdaten haben Sie ja. Aber herzlichen Dank für Ihre Anfrage. Recht herzlichen Dank. Und darf ich jetzt mal bitte für einige Stunden meine Ruhe haben? Ich habe wirklich zu arbeiten.

Anne

Sie zog die Tür ihrer kleinen Töpferei hinter sich zu, schloss ab und hängte das handbemalte Schild mit der Aufschrift »Bitte nebenan im Wohnhaus melden« an die Klinke. Dann betrat sie dieses Nebenan, das sie Wohnhaus, Zuhause, Büro, Rezeption, Albtraum, Klapsmühle nannte. Je nach Sachlage und Stimmung. Niemand da. Natürlich nicht. Sie überflog die Post, die in der Arbeitsecke neben dem Computer lag, und betrat den winzigen, von den Ferienhäusern nicht einsehbaren Garten, um eine Zigarette zu rauchen. Der einzige Ort, an dem sie vor den gierigen Blicken ihrer Gäste in Sicherheit war. Der Garten nebst kleiner Terrasse war das, was man in Landschaftsgärtnerkreisen gern naturbelassen nannte: wild, romantisch, heimische, üppig wuchernde Gewächse, aber keinesfalls verwahrlost. Spaghetti. Sie würde nachher Spaghetti kochen, Spaghetti mit Käse-Sahne-Soße. Und dazu einen kleinen Salat. Das ging schnell, war sättigend, und verkehrt machen konnte sie dabei auch nicht viel, was stets zu berücksichtigen war, denn als eine besonders talentierte Köchin konnte man sie wahrlich nicht bezeichnen. Als Ungelernte und Zugezogene managte sie seit gut zehn Jahren ihre kleine Ferienhausanlage nebst Kanuverleih direkt am Wasser und kleiner Töpferei, und das machte sie gut und ausgesprochen erfolgreich. Acht identische Häuschen, direkt nebeneinandergelegen, jedes mit PKW-Einstellplatz, Veranda, zwei Schlafzimmern, komplett eingerichteter Küche, Kamin, großzügigem Bad mit separater Toilette plus Gäste-WC. Jedes im Landhausstil geschmack- und liebevoll, auf eine unaufdringliche Art für die hiesige Gegend ziemlich exklusiv eingerichtet, sogar ein Strandkorb fehlte in keinem. Die Häuschen lagen dicht genug beieinander, um eine sich in die Uferlandschaft einfügende Einheit zu bilden, und waren doch weit genug voneinander entfernt, um den Gästen Ruhe und Abgeschiedenheit vorzugaukeln. Wenn man die Anlage, Lindenhof genannt, betrat, lagen linker Hand die Häuschen, rechter Hand, getrennt durch einen schmalen Schotterweg Wohnhaus und Töpferei, einige Meter weiter, direkt am Wasser, ein Bootssteg mit Kanuverleih. Der Laden boomte. Und wie! Nach anfänglichen Startschwierigkeiten hatte sich der Lindenhof zu einem echten Geheimtipp, der gar nicht mehr so geheim war, gemausert. Lage, Häuschen, Betreuung, Ambiente – alles super, alles edel, alles tipptopp. Vielleicht ein wenig arg abgeschieden, vielleicht ein wenig überteuert, aber wenn man die Ruhe schätzt und das notwendige Kleingeld aufzubringen weiß – einfach ideal. Urlaub in Deutschland, naturnah, sicher, ziemlich angesagt in diesen stürmischen Zeiten, in denen es nicht mehr viele Menschen ans ehemalige Mittelmeer, heute Massengrab, zog. Sie managte also äußerst erfolgreich den beschaulichen Lindenhof, ihre Töpferwerkstatt, den gesamten Haushalt und ihre Familie. Und als Managerin war sie wirklich nicht zu schlagen. Nur das Kochen lag ihr nicht.

Peter

Immer wieder fragen mich unsere Urlauber, was mich, den offensichtlich Ortsfremden, hierher verschlagen habe, an dieses abgelegene Wasser, in diesen verschlafenen, verträumten Winkel Deutschlands. Wie es scheint, bin ich meinen rheinischen Singsang nie losgeworden, diesen Verräter, der mich sofort als Nicht-Einheimischen outet. Ich berichte dann von meinem Entschluss zum Ausstieg, von meiner Weigerung, mich den gesellschaftlichen Konsum- und Karrierezwängen unterzuordnen. Ich berichte von meinem wahr gewordenen Traum von Unabhängigkeit und Naturnähe, von einem bewussten, selbstbestimmten Leben in fast unberührter Landschaft, von einfachen, aber herzlichen Menschen, von den wahren Werten, die zählen. Manche glauben das gar bereitwillig. Andere, wenige mustern mich skeptisch und werfen einen schrägen Blick auf meinen riesigen Geländewagen, eine Neuerwerbung mit sämtlichen Extras, der in der Einfahrt parkt. Nachzufragen getraut sich keiner. Meine Antworten würden ja auch die Idylle empfindlich stören. Sie lauteten nämlich: geboren als einziger, verwöhnter Sohn eines wohlhabenden, wenn nicht reichen Ehepaars aus Nordrhein-Westfalen. Aufgewachsen ohne Einschränkungen, von allem gab es genug und mehr davon. Abitur (Notendurchschnitt 3,6), danach Zivildienst in einer Behinderteneinrichtung (mit reichlich Krankheitstagen), dann Studium der Betriebswirtschaft, um den elterlichen Betrieb zu übernehmen und erfolgreich weiterzuführen, besser noch: ausbauen zu können. Recht bald gescheitert an überraschend hohen Anforderungen und mangelnder Motivation, sich diesen zu stellen, im Anschluss Aufnahme eines Studiums der Politologie und Publizistik. Eltern: entsetzt, aber machtlos. Studium: manchmal interessant, immer brotlos. Zukunftsvorstellungen: keine. Während des Studiums Teilnahme an zahlreichen Demos, engagiertes Rumhängen im ASTA, Mit-Herausgeber einer links-alternativen Studentenpostille. Kontaktabbruch zu den Eltern, »Macht kaputt, was euch kaputtmacht.« Taxifahrer, planloser Lebenskünstler ohne besondere Talente, Viel-Leser (Castaneda, Sartre und so weiter), bald Grünen-Sympathisant. In Griechenland am Strand gepennt, reichlich gekifft, schließlich den Buddhismus entdeckt, großes Ziel: Indien sehen. Nie geschafft. WG-Erfahrungen, Experimente mit Pilzen und LSD, psychodelische Aus- und Höhenflüge, homoerotische auch. Dann Annegret getroffen, gelernte Kinderkrankenschwester mit Ambitionen, eine Granate im Bett, mich, den Coolen, anbetend und auf der Suche, nicht zwangsläufig nach mir, aber auf der Suche nach etwas Großem, dem Besonderen. Schnell, vielleicht zu schnell zusammengezogen, dann bald darauf ihre Schwangerschaft. Die Bürgerlichkeit rief: einige Essays geschrieben, etwas Lyrik, alles ziemlich gut, manches sogar veröffentlicht. Literarischer Betroffenheits-Schwerpunkt: das Leben an sich. Davon konnten und können die Leute nie genug bekommen. Und dann war ich plötzlich reich, richtig reich: ein Autounfall der Eltern auf der Corniche, Nähe Cannes. Beide tot. Geweint habe ich, nun erwachsene Vollwaise, nicht. Ich war eher überrascht, dass ich, die Enttäuschung ihres Lebens, zwischenzeitlich nicht enterbt worden war. Hatten sie ja vielleicht noch vor, wer weiß. Und eine Firma, erst recht eine gut gehende, verkaufte sich damals rasch, für die Villa in bester Lage fanden sich ebenfalls problemlos zahlungskräftige Interessenten. Ich war reich. Und fand dann den Lindenhof, eine abgewrackte Immobilie in sensationeller Lage am Wasser. Hatte er sich doch leider finanziell hoffnungslos übernommen, dieser angebliche Investor. So konnte ich es günstig erwerben, das Grundstück. Ein Schnäppchen. Habe dann die ehemalige Bauernkate gediegen herrichten lassen, einige alte Linden umgehauen und direkt am Wasser acht schicke Ferienhäuser errichtet. Konnte eine kleine Flucht für Anspruchsvolle aufbauen und hatte immer noch Geld übrig. Ich war damals reich und ich bin es heute erst recht. Ich habe klug und vorausschauend investiert. Und deswegen steht auch ein fast neuer Geländewagen mit sämtlichen Extras in der Einfahrt. Nur deswegen. Aber mal so unter uns: Gibt es einen besseren Ort, an dem Kinder aufwachsen können? Bessere Bedingungen? Wohl kaum.

Anne

Sie drückte die dritte Zigarette aus und ging zurück ins Haus, in die Küche, kramte im Schrank nach Sieb und Töpfen. Durch die Butzenscheiben sah sie Frau Bohn am Haus vorbeigehen, Frau Bohn, seit Jahr und Tag die gute Seele des Hofes. Böhnchen stapfte in formlosen Gesundheitsschuhen und blauem Kittel, ihren Wagen mit verschiedensten Putzmitteln, Toilettenpapierrollen, frischen Handtüchern und diversen anderen Gerätschaften unklarer Bedeutung hinter sich herziehend, wie immer mürrischen Gesichtsausdrucks den Weg entlang und ihre Krampfadern leuchteten rotblauer denn je. Böhnchen war Reinigungskraft, stellvertretende Cheforganisatorin und bei Bedarf gar Aushilfs-Töpferei-Verkäuferin. Es gab auch einen Herrn Bohn, Klaus Bohn, der die Aufgaben des Hausmeisters und Gärtners versah, noch wortkarger, noch mürrischer als sein trautes Weib. Aber auf die Bohns, die fürstlich entlohnt wurden, zumindest, was die Gepflogenheiten in diesem Winkel der Welt betrafen, war Verlass, und schließlich wurden sie nicht für gute Laune und Gesprächigkeit bezahlt. Sie sollten ihren Job machen, und das taten sie zur großen Zufriedenheit aller Beteiligten. Außerdem schätzte Anne sehr, dass im Verhinderungsfall des nicht mehr ganz jungen Ehepaars Bohn die Tochter beider nebst Schwiegersohn zur Stelle waren, völlig geräuschlos. Auf die Bohn-Sippe war wirklich Verlass. Man kannte sich, man wusste, was erwartet wurde, man ging sich ansonsten aus dem Wege und war per Sie. Angestellte muss man gut, aber nicht zu gut bezahlen. Und man muss sie siezen. Immer. Das schaffte Distanz, das schaffte Respekt. Keine Verbrüderung mit Untergebenen, niemals! Das war Peters Standpunkt. Ziemlich gewagt für einen Alt-Linken, aber er musste es ja wissen, sein Vater war schließlich Geschäftsmann. Und den wortkargen Bohns war das sowieso egal. Anne nickte Richtung Weg. Frau Bohn bemerkte sie nicht, nur ihre Putzmittelflaschen klapperten leise.

Peter

Na guck, da schlurft sie wieder dahin, die alte Bohn. Seit wann arbeitet sie schon für uns? Zehn Jahre werden es wohl bald. Wie ein Packesel, so duldsam und anspruchslos. Bild-Zeitungsleserin, nie im Flugzeug gesessen, nie rausgekommen, keine Neugier, keine Ziele, und Visionen erst recht nicht. Genügsamkeit ist der Feind alles Lebendigen. Ein Buch haben die nie gelesen und werden es auch nie tun, die Bohnen dieser Welt. Bildung? Fehlanzeige. Und doch war es eine prima Entscheidung, die beiden Alten einzustellen. Anne hätte das alles mit den Häusern auf Dauer allein nicht geschafft. Und ich kann wohl mal gern eine Glühbirne auswechseln, aber als Hausmeister und Gärtner bin ich einfach nicht geeignet. Und Unternehmer-Gene fehlen mir auch. Ich will nicht expandieren, ich will unseren Hof nicht vergrößern, ich will kein Mehr!, Höher!, Weiter!. Ich will schreiben, einfach nur schreiben. Ich will etwas erschaffen, den Roman in die Welt schicken, der sie verändern wird. Nein, nicht ein eilig hingerotzter Krimi, keine B-Literatur, keine leicht verkäufliche Massenware, sondern etwas richtig Großes. Ein Werk, von dem man spricht, das aufrüttelt, das Sätze enthält, die der Leser nie wieder vergessen wird. So wie eben: Genügsamkeit ist der Feind alles Lebendigen. Das sind Sätze, die ich schreiben kann und will. Wichtige Sätze, wahre Sätze. Sätze, die einen Coetzee, Franzen, Roth, Ford und wie sie alle heißen mögen, blass aussehen lassen. Und einen Schätzing erst recht. Schätzing und sein Schwarm. So etwas schwebt mir vor, nur sprachlich beeindruckender, tiefgründiger, philosophischer, klüger. Aber es ist schwer, das Schreiben ist eine richtig schwere Arbeit, was natürlich nur diejenigen verstehen, die sich selbst mal daran versucht haben. Die Gedanken sträuben sich, die Worte wehren sich, alles ist bleischwer und quälend. Schreiben ist Kampf, Schreiben ist Kampf-Kunst im wahrsten Sinne des Wortes. Kunst-Kampf. Manchmal allerdings läuft es wie von selbst, das sind dann die ganz großartigen Momente, der Flow, der dann am besten ist, wenn man mit dem Schreiben gar nicht mehr nachkommt, wenn die Ideen nur so sprudeln, eilen, ohne sich umzudrehen, ohne abzuwarten, ob man folgen, das Tempo halten kann. Großartig! Ganz, ganz großartig! Was einen Schriftsteller, also auch mich, aber immer begleitet, sind nagende Selbstzweifel. Ist das, was ich schreibe, wirklich gut? Genügt es meinen Ansprüchen? Taugt es zum großen Wurf? Denken, schreiben, überarbeiten, verwerfen, neu schreiben – ein immerwährender kreativer Kreislauf. Wer sich dem Wort verschreibt, zahlt einen hohen Preis. Das Wort erfordert Ruhe und Zeit, Konzentration und Durchhaltevermögen und ungeteilte Aufmerksamkeit. Das Wort will umworben, liebkost und gezähmt werden. Insoweit kann ich wirklich nur dankbar sein, dass wir die Bohnen haben, dass es überhaupt stumpfsinnige Bohnen auf der Welt gibt, auch wenn sie meinen Roman nie lesen werden.

Sarah-Marie

Das war ja mal wieder ein richtig tolles Abendessen: Spaghetti mit Sahnepampe, dazu drei Blätter Gammel-Salat. Super. Wenn das so weitergeht, sehe ich bald aus wie eine Wabbelqualle, fett, einfach nur fett. Aber ich habe alles gleich heimlich wieder ausgekotzt, geht ganz leicht, wenn man ein bisschen Übung hat. Früher musste ich den Finger richtig tief in den Hals stecken und würgen ohne Ende. Heute reicht es schon, wenn ich mich über die Kloschüssel beuge, damit alles sofort wieder hochkommt. Kurz Mund ausspülen. Fertig. Merkt kein Schwein. Ich frage mich, ob Mila das auch so macht. Gefragt habe ich sie noch nie, über solche Sachen redet man nicht, auch nicht unter Schwestern. Das ist aber so was von privat. Und dass Zwillingsschwestern keine Geheimnisse voreinander hätten, ist auch totaler Bockmist. Das kann ich wirklich nicht mehr hören. Ansonsten war es ein Familienessen wie immer: Anne irgendwie genervt und nicht gut drauf, zu viel zu tun im Moment. Pausenlose An- und Abreisen, und Böhnchen hat eine Zahn-OP, aber ihre Tochter wird einspringen, bis … bla, bla, bla. Peter war nicht da. Hatte angeblich gerade eine besonders gute Idee und wollte an seinem »Roman« weiterarbeiten. Wer’s glaubt. Also waren wir zu dritt, und es gab das übliche Geplänkel: Schule? Läuft. Cello-Unterricht? Passt. Irgendwelche Klassenarbeiten? Keine. Sonst was Neues? Nö. Und dann waren wir entlassen.

Mila-Sofie

Sarah hat schon wieder ihr Essen auf dem Klo ausgespuckt und denkt, keiner würde es merken. Als wäre ich völlig blöd. Das macht sie schon so lange, das muss doch auffallen. Anne und Peter kriegen das natürlich nicht mit, die sind ja mit sich und diesem Scheiß-Hof beschäftigt, mit Knete scheffeln, Töpfern und dem beknackten Buchprojekt, an dem Peter schon seit Jahren arbeitet. Lesen durften wir allerdings noch keine Zeile. Vielleicht gibt es auch gar keine Zeile. Manchmal wedelt er mit den Essays, die er früher, wir waren fast noch Babys, geschrieben und auch veröffentlicht hat. Irgendwelcher Politkram, über den er dann diskutieren will. Hallo! Geht’s noch? Ich diskutiere mir doch schon in der Schule einen Wolf, zu Hause: kein Bedarf an Laberei. Vielen Dank auch. Die sollen mich einfach alle in Ruhe lassen. Und ich glaube auch nicht, dass Peter jemals ein Buch veröffentlicht, ich glaube, das ist nur so eine Spinnerei von ihm, um auf wichtig zu machen, großer Künstler und so. Aber eigentlich kriegt er doch überhaupt nichts auf die Reihe. Den Hof macht hauptsächlich Mama, und für den Rest sind Böhnchen und ihr Mann da. Aber Anne wehrt sich auch nicht, selbst schuld. Ich werde das später auf jeden Fall mal anders machen, ich werde nicht zum Anhängsel von irgendeinem Möchtegern-Künstler. Und Sarah auch nicht, dafür werde ich schon sorgen. Trotzdem – ich glaube, ich muss mit ihr über diese ständige Kotzerei reden. Ich weiß nur noch nicht, wie. Aber schließlich ist sie meine Schwester, und ich bin ja auch ein bisschen verantwortlich für sie.

Anne

Die Rotweinflasche war fast leer, der Aschenbecher fast voll. Es war spät, und Anne saß im Garten auf der verwitterten Bank. Die Terrassenmöbel hatten in diesem und auch den vorausgegangenen Sommern ihr Quartier im Keller nicht verlassen - wer außer Anne hätte sie schon nutzen wollen? Und ihr reichten die Bank und ein Aschenbecher. Rauchend, trinkend, denkend, man könnte sagen: grübelnd. Sie hatte die Kontostände überprüft, Eingänge, Ausgänge, alles okay. Sie hatte die Beträge fälliger Rechnungen überwiesen, einige unaufschiebbare Bestellungen getätigt und die eingegangenen Buchungen für die nächsten Wochen mit dem verglichen, was Peter notiert hatte. Alles gut, die Geschäfte liefen bombig. No-Name, der räudige, uralte Hofkater, schlich um ihre Beine und rieb sich am rauen Stoff ihrer Hose. Sie strich ihm über den Kopf und ignorierte die Zecke, die sie dabei bemerkte. Bis sie die Zeckenzange zur Hand hätte, wäre No-Name wahrscheinlich schon an Altersschwäche gestorben, dachte sie, und beließ es vorerst dabei, zu sitzen, zu trinken, zu rauchen und zu grübeln. Hey, im Napf dahinten sind noch ein paar Spaghetti für dich, alter Mann. Daraufhin verzog sich No-Name rascher, als ihr lieb sein konnte. Ob Sarah wohl eine Essstörung hat? War doch seltsam, dass sie nach jeder Mahlzeit auf dem Klo verschwand. Essstörung. Bulimie? Anorexie? Da gibt es doch alles Mögliche, und immerhin – sie war gerade in einem kritischen Alter. Essstörung. Mädchen mit überkontrollierenden, ehrgeizigen Müttern bekamen so etwas. Missbrauchte Mädchen. Unglückliche Mädchen. Aber Sarah? Sarah fehlte es schließlich an nichts. Nicht an Freiheit, nicht an Liebe, nicht an Aufmerksamkeit. Sie wuchs in einer intakten Familie in wunderschöner Umgebung auf, man verstand sich, kommunizierte und achtete aufeinander. Sie wurde in jeglicher Hinsicht gefördert, besuchte eine erstklassige Schule, ihre Leistungen waren okay. Alles bestens. Essstörung? Ach was. Einbildung, alles nur Einbildung. Übermüdung. Kleiner Schwips. Und immerhin war sie nicht zu dick, das wäre auch nicht schön. Nachschenken, bitte. Der Rest geht auch noch rein. Wo ist Peter? Sollte sie das vielleicht mit Peter besprechen, ihrem mehr oder weniger geliebten Ehemann? Wozu? Peter interessierte sich nicht für Kinderprobleme. Peter interessierte sich eigentlich für nichts. Außer für sich selbst.

Sarah-Marie & Mila-Sofie

Wie so oft lagen sie zusammen in Sarahs Bett, die eine auf ihrer rechten Seite, das Kopfkissen zusammengeknüllt im Arm, die andere auf dem Rücken.
   »Schläfst du schon?«, fragte Sarah.
   »Ja.«
   »Ich kann nicht einschlafen.«
   »Versuch’s halt. Ich bin müde. Ruhe jetzt.«
   Der Wind erzählte in den Bäumen vor dem geöffneten Fenster, ein Käuzchen schrie. Und ein anderer, unbekannter Vogel auch.
   »Mila?«
   »Was ist denn jetzt schon wieder?«
   »Glaubst du, es tut weh, wenn man zum ersten Mal mit einem Jungen schläft?«
   »Ja, bestimmt. Das sagen jedenfalls alle. Beim ersten Mal tut es immer ein bisschen weh. Und es blutet. Sonst noch irgendwelche Fragen? Wenn nicht, würde ich jetzt nämlich gern schlafen. Vielen Dank.«
   Und wieder schrie das Käuzchen. Käuzchen kündigten den Tod an, glaubte man in dieser Gegend und anderswo auch.
   »Wenn man ein Käuzchen hört, stirbt jemand.«
   »O Mann, Sarah! Wenn es so wäre, gäbe es hier überhaupt keine Menschen mehr. Und jetzt halt endlich mal die Klappe.«
   Wenige Atemzüge später. »Was, glaubst du, werden wir machen, wenn wir zwanzig sind? Oder dreißig?«
   »Sarah, du nervst.« Nun hatte sich auch Mila auf den Rücken gedreht. »Also gut – wenn wir zwanzig sind, wohnen wir in einer coolen Großstadt in einer todschicken Wohnung, haben total abgefahrene Freunde und studieren. Ich studiere Architektur und du … du …«
   »Literaturwissenschaft?«
   »Meinetwegen. Und wir werden ein wirklich tolles Leben haben und nie wieder in diese gottverlassene Gegend zurückkommen.«
   »Und was ist mit Mama und Papa?«
   »Was soll mit denen denn schon sein? Anne wird hässliches Zeug zusammentöpfern und den Laden schmeißen. Und Peter? Ach, ich weiß auch nicht. Der macht halt irgendwas.«
   »Ich würde gern mal mit einem Jungen schlafen. Ich wüsste gern, wie das ist.«
   »Hm.«
   »Du nicht?«
   »Noch nicht, glaube ich.«
   »Bist du denn gar nicht neugierig?«
   »Ach, Sarah … Komm, lass uns jetzt endlich schlafen. Ich bin wirklich müde.«
   »Und wenn wir mal Kinder haben, bekommen die keine dämlichen Doppelnamen so wie wir, stimmt’s? Versprich es mir.«
   Mila antwortete nicht. Mila war eingeschlafen.
   Und dann schrie No-Name in die Nacht, trotz oder wegen seines Alters auf Freiersfüßen.

II. 1945

Drei Karotten und zwei Äpfel mit bräunlichen Druckstellen verstaute sie unter dem Stroh ihrer Pritsche, wohl wissend, dass die Wanzen sie verschmähen würden. Wanzen bevorzugten Blut – und davon gab es hier reichlich. Kein Grund also, auf menschliche Nahrungsmittel auszuweichen. Anders verhielt es sich mit den Ratten, aber die würden sich erst nachts heraustrauen. Drei Karotten und zwei Äpfel hatte Sergej springen lassen für das, was er gerade in aller Eile mit ihr hinter der Latrinenbaracke gemacht hatte und morgen hoffentlich wieder machen würde. Drei Karotten und zwei schrumpelige Äpfel mit Druckstellen für ein kurzes Lupfen ihres braunen langen Rockes und Beiseiteschieben der zerfransten Lappen, die einmal eine Unterhose gewesen waren. Das war ein lohnendes Geschäft. Sie musste nur den Kopf zur Seite drehen, die Augen schließen und aufhören, zu denken. Niemand verlangte von ihr, anderes oder mehr zu tun. Kein Sergej, kein Wladimir, kein Andrej oder wie sie alle hießen. Es war ein Geschäft, und morgen würde sie vielleicht einen Kanten Brot bekommen oder ein Ei. Hoffentlich ein Ei. Anderenorts, das wusste sie, wurden Frauen vergewaltigt und totgeschlagen, in dieser oder der umgekehrten Reihenfolge. Nur die, die Glück hatten, wurden erschossen. Sie hatte großes Glück – sie bekam Karotten, Äpfel und morgen vielleicht ein Ei. Angst vor einer Schwangerschaft hatte sie nicht – ihre Blutung war schon vor langer Zeit ausgeblieben. Ihr ausgemergelter, von Hunger und Erschöpfung und Sorge und Angst gezeichneter Körper hatte längst keine Kraft mehr, unnötigerweise zu bluten. Er hatte auch keine Kraft mehr, ihre vormals langen, kräftigen dunkelbraunen Haare festzuhalten, die nun nach und nach spröder wurden und ausfielen. Farbloser Flaum wuchs nach oder auch nicht. Und ihre Zähne? Ach herrje, ihre Zähne. Aber denen, die sie hinter der Latrinenbaracke traf, war das egal. Und sie brauchte ein Ei.

III. 2015
Anne

Durch das Fenster ihrer Töpferwerkstatt beobachtete sie, wie ein frühherbstlicher Wind graue Wolkenwände vor sich hertrieb und das Schilf zum Tanzen brachte. Es nieselte, so wie es gestern genieselt hatte und vorgestern auch. Die feinen Tröpfchen kamen von unten und von der Seite, sie kamen von überall, nur nicht von oben. Sie liebte diese Art von Regen, gegen den kein Schirm half und den es nur hier gab. Sie hatte Zeit, heute standen keine Ab- oder Anreisen an, bislang keine dringend zu behebenden Katastrophen, und um den Rest kümmerte sich Böhnchen, die heute freundlicherweise einen großen Topf Erbseneintopf mitgebracht und ihr kommentarlos in die Hand gedrückt hatte. Ihre Gäste waren nach und nach ausgerückt, immer das gleiche Bild: In ihren Schlecht-Wetter-Urlaubsuniformen – Wachsjacke, derbe Schuhe, karierter Schal und alberne Mütze – hatten sie sich in ihre Autos geschwungen und dämlich grinsend so getan, als hätten sie Nieselregen und Wind mitgebucht. Wenn sie sie sahen, was sich nicht immer vermeiden ließ, winkten sie ihr zu, die ganz besonders kommunikativen Exemplare ließen die Fensterscheiben herunter, um ihr die immer gleichen Sätze zuzurufen: »Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung, stimmt’s?« war einer davon, und zwar der Beliebteste. Platz zwei: »An der See gehört Regen dazu, stimmt’s?«, dicht gefolgt von: »Wenn man das Wetter hier nicht verträgt, muss man halt nach Italien fahren, stimmt’s?«. Sie lächelte grundsätzlich zustimmend. Wie oft hatte sie diese Sätze schon gehört? Hundert Mal? Tausend? Eher mehrere tausend Mal. Sie hingen ihr aus dem Halse. Und zwar meilenweit. Was ging sie denn das Wetter an? Außerdem erinnerten sie diese ewig gleichen Touri-Gesänge an die Zeit ihrer Ausbildung: Während sie für kurze Zeit auf einer allgemeinchirurgischen Station eingesetzt war, hatte sie alltäglich während der Visiten die Klagen der Patienten vernommen, die sich vornehmlich um Schlaf- und Verdauungsprobleme drehten: Herr Doktor, ich habe die ganze Nacht kein Auge zugemacht, kein einziges. Und ich wollte, ich könnte endlich mal wieder abführen, mein Bauch ist schon ganz aufgebläht, gucken Sie mal. Interessiert hat es niemanden, und die Ärzte am allerwenigsten, zumindest hat keiner je geguckt. Komisch. Als gehörten zu jeder Situation im Leben eine Handvoll Standardbemerkungen. Und im Urlaub war es eben das Wetter. Tagaus, tagein. Sie fragte sich, ob es ihr genauso ginge, wenn sie denn in den Urlaub führe, aber darüber konnte sie natürlich nur spekulieren, denn an Urlaub war nicht zu denken. Erst hatten sie kein Geld für derartige Eskapaden, später dann, nachdem sie unverhofft wohlhabend geworden waren, den Lindenhof an der Backe, der ihren uneingeschränkten Einsatz erforderte. Und dann, als der Betrieb endlich lief, gab es andere Gründe dafür, zu Hause zu bleiben. Der Entscheidende hieß Peter: Sie hätten es doch so schön, man könne unmöglich irgendwem, zum Beispiel den wortkargen Bohns, die Betreuung von Haus und Hof und anspruchsvollen Gästen überlassen, im Übrigen müsse er sich auf seinen Roman konzentrieren, was ihm in der Fremde leider nicht möglich sei. Und sie möge bedenken, dass sie schließlich in einer Gegend leben dürfte, in der andere Leute für Geld, für sehr viel Geld, Ferien machten. Es fehlte ihnen also an nichts, oder? Nein, es fehlte ihr wahrlich an nichts in diesem perfekten, kleinen Leben, das sie führten. Und das sie ankotzte. Von Tag zu Tag ein bisschen mehr.

Peter

Scheißwetter, verdammtes. So ein Scheißwetter aber auch. Doch was soll’s – so kann ich immerhin etwas Ruhe finden, um zu schreiben. Niemand wird mich stören. Niemand wird einen Kahn mieten wollen. Es ist ruhig zurzeit, wenngleich alle Häuser belegt sind, und die Glühbirnen scheinen auch alle intakt zu sein, sonst hätte Anne schon Alarm gegeben. Ach ja, meine kleine, rührige Anne. Auf jeden Fall ist gerade erstaunlich wenig zu tun. Und wenn mich der Typ vorhin nicht wegen der Bootsreservierung angequatscht hätte, säße ich wohl schon längst am Schreibtisch. Wenngleich das Gespräch mit ihm wirklich interessant war. Er arbeite als Zahnarzt, hat er mir erzählt, eigene Praxis, spezialisiert auf Implantologie. Implantologie – das klingt nach Lizenz zum Geld drucken, und das ist es wohl auch, wenn ich mir den Kerl und seine blonde, großbusige Uschi so ansehe. Geldadel. Na ja, meinetwegen, solange für uns auch etwas davon abfällt, und das tut es. Irgendwie sind wir aufs Schreiben zu sprechen gekommen. Er plane, seine Autobiografie zu verfassen. Na dann, viel Glück! Der Blick in Mäuler und die Frage, wie man damit Kohle scheffelt, wird die Menschheit brennend interessieren. Und weil er schon mal nachgefragt hat, habe ich von meinem Romanprojekt berichtet. Der erste Satz ist das Problem, habe ich versucht, ihm zu erklären, nicht der Inhalt, nicht die Sprache, nicht der Aufbau – der erste Satz ist das Entscheidende. Es gibt ganze Seminare, die sich mit dem Erste-Satz-Problem beschäftigen, und das nicht ohne Grund. Der erste Satz muss fesseln, den Leser in die Knie zwingen, die ganze Geschichte nicht nur andeuten, sondern in sich vereinen. Wie die Ouvertüre einer Oper, nur mit wesentlich schlichteren Mitteln. Für Laien schwer verständlich – ich weiß. Nehmen wir das folgende Beispiel: »Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.« Anna Karenina, Tolstoi. Kennt ja jeder. Und nun mag man von Tolstoi halten, was man will – der Satz ist einfach genial. Weltliteratur. Großes, ganz großes Wortkino. Den Rest der Geschichte kannst du getrost vergessen, eine alberne, aufgeblasene, völlig überbewertete Liebesgeschichte mit tragischem Ende, aber dieser erste Satz – ein Hammer! Und einen solchen Hammer braucht es einfach, wenn man Weltliteratur verfassen will. Ich weiß nicht, ob der Herr Implantologe das begriffen hat, aber immerhin hat er genickt und die Stirn in Falten gelegt. Immerhin. Und dann wollte er noch wissen, ob der Wetterbericht für morgen weiterhin Nieselregen ankündigt. Weiß ich doch nicht. Da muss er Anne fragen.

Mila-Sofie

Als wir heute aus der Schule kamen, habe ich Sarah mal ganz vorsichtig auf ihre Kotzerei angesprochen. Wirklich: ganz, ganz vorsichtig. Meine Güte, ist die wütend geworden: Das ginge mich gar nichts an, das sei ihre Sache, ich solle mich gefälligst nicht in ihre Angelegenheiten einmischen, ob ich ihr etwa nachspioniere, ich solle mal nicht so tun, als sei ich ihre Mutter, sie würde mich schließlich auch nicht kontrollieren, wenn sie mir was zu sagen habe, würde sie das schon tun, die Frage sei eine Unverschämtheit. Zwillingsschwester hin und her, ob sie denn gar kein Recht mehr auf Privatsphäre habe und so weiter und so fort. Sie hat sich nicht wieder eingekriegt und einfach nur laut rumgeschrien auf dem Weg von der Bushalte bis nach Hause. Das war mir echt zu blöd. So ein Theater! Deshalb habe ich erst mal die Klappe gehalten. Ich könnte natürlich mit Anne reden, aber das würde Sarah ganz sicher als Riesen-Verrat ansehen. Ne, das mache ich auf keinen Fall. Trotzdem: Sie ist schließlich unsere Mutter, soll sie sich gefälligst kümmern. Ist doch ihre Aufgabe, nicht meine. Ich habe genug damit zu tun, für die Klausur in Sozialkunde zu lernen. Lief ja nicht gerade so toll bei Sarah und mir in diesem Fach in letzter Zeit. Trotzdem mache ich mir Sorgen um meine Schwester. Aber anscheinend hat sie wenigstens die Erbsenpampe vorhin nicht wieder ausgespuckt. Vielleicht hat es ja doch geholfen, dass ich was gesagt habe. Soll sie doch rumschreien, die blöde Kuh. Hauptsache, sie spuckt nicht.

Anne

Im Nieselregen raucht sich’s schlecht, aber sie hatte da so ihre Methoden: dicht an die Wand gedrängt, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, den Rücken Niesel und Wind entgegen – dann ging es halbwegs. Das gerade durchgestandene Abendessen beschäftigte sie. Sarah hatte kampfschweigend und verstockt in ihrem Eintopf gestochert und sich geweigert, auch nur einen Ton von sich zu geben. Was da wohl schon wieder los sein mochte? Und Peter hatte einen seiner mittelschweren Dozier-Anfälle erlitten, es ging um etwas, das er das Anna-Karenina-Prinzip genannt hatte: Erfolg hat viele Faktoren, die alle stimmen müssen, für einen Misserfolg reicht es, wenn einer fehlt. Oder so ähnlich. Wie immer hatte niemand, auch sie nicht, so genau hingehört, was Peter einem altbekannten Ritual folgend auf die Palme gebracht hatte: In dieser Familie könne man einfach keine anspruchsvollen Gespräche führen, niemand interessiere sich für die Dinge, die ihn beschäftigen, es würde doch keinem schaden, sich auf einen intellektuellen Diskurs einzulassen, davon werde man schließlich nicht dümmer, er zumindest sei froh und dankbar gewesen, wenn er mit seinem geldgeilen, egomanischen Vater zu dessen Lebzeiten auch nur ein einziges Mal ein derartiges Gespräch hätte führen können, die Ignoranz in dieser Familie sei einfach nicht zu ertragen und so weiter und so fort. Den Text konnte sie singen, und zwar in allen Tonarten. Sie zündete sich im Schutze ihrer Kapuze noch eine an und fragte sich, wie viele dieser Abendessen im trauten Familienkreise ihr wohl noch bevorstehen mochten. Sie fragte sich, ob das wirklich schon alles gewesen sein sollte, diese Aneinanderreihung mehr oder weniger unerfreulicher Abende in Gesellschaft derer, die sie glaubte, zu lieben. Sie fragte sich, ob das Leben, ihr Leben noch Überraschungen für sie bereithalten würde, Abenteuer, Spannung. Irgendwas, was über Töpferei und Versorgung von Familie und Gästen hinausginge. Und sie fragte sich, weshalb es ihr einfach nicht gelingen wollte, zufrieden zu sein. Nicht glücklich, nur zufrieden. Das würde ihr doch schon reichen.

Sarah-Marie & Mila-Sofie

Ganz vorsichtig hob Mila die karierte Bettdecke an und schlüpfte darunter. Sie spürte die Wärme ihrer Schwester und hörte deren gleichmäßige Atemzüge; sich anzukuscheln erschien ihr zu gewagt.
   »Sarah …«, flüsterte sie. »Sarah …«
   Nichts.
   »Sarah, schläfst du schon?«
   Stocksteif lagen sie da.
   »Sarah-Marie …«, wisperte sie.
   Nichts.
   »Sarah, es tut mir leid. Wirklich. Ich wollte dich nicht ärgern. Aber ich mache mir doch Sorgen, verstehst du?« Vorsichtig strich sie mit dem Zeigefinger über Sarahs Schulter. »Aber wahrscheinlich hast du recht, es geht mich nichts an. Und ich werde Anne ganz bestimmt nichts sagen, und Peter sowieso nicht, versprochen, großes Zwillings-Ehrenwort. Und meinetwegen spuck dein ganzes Essen wieder aus, wenn du willst. So toll ist es ja meistens sowieso nicht. Aber vielleicht kannst du mir wenigstens sagen, warum du das tust. Hast du Angst, dick zu werden? Wir werden nie dick sein, niemals. Ach, Sarah, rede doch bitte mit mir.« Mila zog ihre Hand zurück. »Sarah, ich habe dich lieb. Du bist doch meine Schwester. Bitte, sag was.«
   Und Sarah lag reglos auf der Seite, mit weit aufgerissenen Augen starrte sie durchs Dunkle die Wand an und rührte sich nicht.

IV. 1945

Das Lager, gelegen am Ortsausgang Lauterbach, war in einem katastrophalen Zustand: die hölzernen Baracken baufällig, deren Fenster zerschlagen und, wenn überhaupt, nur notdürftig geflickt. Die wenigen Versorgungsgebäude, gemauert aus roten Ziegeln, spotteten jeder Beschreibung, überall Matsch, Dreck und Ungeziefer. Und überall Menschen, zerlumpte, kranke, alte, junge, dreckige, verstörte, böse, freundliche, hustende, gebeugte, ehrliche, unehrliche, hilfsbereite und kriminelle Menschen. Männer, Frauen und Kinder, viele Kinder, zu viele Kinder, aber an einem Ort wie diesem war jedes einzelne Kind zu viel. Überall Schreien, Gerede, Getrampel, Weinen, Gezeter und selten nur ein Lachen. Zweitausend Menschen hausten hier. Platz war für tausendvierhundert. Dazu Rinder, die in einer der hinteren Baracken, nun gut bewachter Stall, ein trauriges Dasein fristeten, das sich in nichts von dem anderer Rinder zu anderen Zeiten und in anderen Welten unterschied.
   Emma saß auf ihrer strohbedeckten Pritsche und versuchte, ihre gerade einjährige Tochter mit kleinen Apfelstückchen zu füttern, die sie zuvor zu Brei gekaut hatte. Doch Erika drehte den Kopf weg und quengelte leise. Emma brauchte viel Geduld und noch mehr Geduld und bot dem Kind ein ums andere Mal ihren mit Apfelbrei bedeckten Finger an. Nur wenig landete im Mund des erstaunlicherweise rund und gesund wirkenden Mädchens, aber aufzugeben war keine Option für Emma, war es nie gewesen: nicht, als sie, die damals Hochschwangere, die Nachricht vom Tod ihres irgendwo im Osten gefallenen Mannes erreichte, nicht, als sie, nun zweifache Mutter, ihre wenigen Habseligkeiten zusammenpackte, um sich dem Treck ihres Dorfes anzuschließen, nicht, als die barbarische Kälte andere Babys und Kleinkinder in den Armen ihrer ausgezehrten Mütter versterben ließ. Manche dieser Frauen trugen ihre toten Kinder Kilometer um Kilometer durch die Eishölle, unfähig, loszulassen, was losgelassen werden wollte. Manchmal wurden die kleinen, mickrigen Leichen ihren fast toten Trägerinnen einfach weggenommen und am Wegesrand zurückgelassen. Manche der Frauen verloren darüber den Verstand, andere ihr kümmerliches Leben. Nein, aufzugeben war für Emma keine Option. Sie hatte es mit ihren Mädchen bis hierher geschafft, und sie würde es weiter schaffen. Mehr als das: Sie würde Erika und die dreijährige Marie irgendwann zurückbringen in ihr Dorf, zurück nach Hause. Sie würde sich einen neuen Mann suchen, einen Stiefvater für ihre Töchter, und von ihm würde sie weitere Kinder bekommen, vielleicht sogar einen Sohn. Das war sie, die ihre Heimat und ihr Volk liebte, ihrem Führer schließlich schuldig. Jetzt erst recht.
   Zu ihren Füßen saß Marie im Staub und spielte mit Steinchen.

V. 2015
Anne

Sie war jung, als sie Peter kennenlernte, wahrscheinlich viel zu jung. Ihre Ausbildung als Kinderkrankenschwester hatte sie mit durchschnittlichem Ergebnis abgeschlossen, und das kleine Zimmer im Schwesternwohnheim erschien ihr wie der Himmel auf Erden, ihr eigenes kleines Reich, fernab von der muffig-spießigen Enge der Vierzimmerwohnung ihrer Eltern in der dritten Etage eines Mehrfamilienhauses irgendwo in den Tiefen des Ruhrpotts. Ihre ältere Schwester hatte sich alldem bereits vor Jahren durch Heirat und Schwangerschaft erfolgreich entzogen, dabei jedoch die staubtrockene Langeweile des elterlichen Domizils durch noch größere Langeweile an der Seite eines gesichtslosen Bankangestellten eingetauscht. In diesem Punkt hatte Anne keinesfalls vor, ihr nachzueifern, sie wollte das Leben, das pralle, richtige, dicke, volle Leben. Nicht, dass ihre Eltern, brave Arbeiter, ein unglückliches Leben geführt hätten – es waren grundehrliche, fleißige, schlichte Leute, die ihre Töchter mit Liebe überschüttet hatten, aber trotzdem: Anne wollte mehr, Anne, die kleine, ahnungslose, vielleicht naive, aber mitnichten dumme Kinderkrankenschwester, wollte alles. Und dann kam Peter. Groß, schlank, lange Haare, Bart, Brille, intellektueller Abkömmling eines Firmenimperiums, dessen Name sogar bis in die dritte Etage eines Mehrfamilienhauses irgendwo im Herzen des Ruhrpotts vorgedrungen war. Peter, der Student, war belesen, kannte die richtigen Leute, hatte etwas von der Welt gesehen, deren gute wie schlechte Seiten kennengelernt, er konnte reden und schreiben und Gitarre spielen, er dachte viel nach, eigentlich ständig, diskutierte oft und gern, ging selbstverständlich auf Demos, nahm also seine politische Verantwortung sehr ernst und wollte mit der ganzen bürgerlichen Kacke, wie er es nannte, mit einem ausbeuterischen, gesellschaftlichen Zwei-Klassen-System, zu dem er auch, wenn nicht vor allem seine Eltern zählte, nichts zu tun haben. Anne verliebte sich sofort in ihn und in das Gefühl, sehr stolz auf ihn sein zu dürfen. Seine Fabrikanten-Erzeuger, eine von Peters umwerfenden Wortschöpfungen, hat sie nie kennengelernt, ihre Vierzimmerwohnungseltern nebst Schwester und gesichtslosem Bankangestellten-Schwager waren ihm zu farblos, zu wenig reflektiert, zu öde. Lieb, aber öde. Es gab nur wenige, unerfreuliche, schweigsam-verklemmte Treffen. Der hübschen Annegret, klein, zierlich, dunkelhaarig, wurde rasch klar, dass es galt, sich zwischen diesem tollen, aufregenden Mann und stumpfer Bürgerlichkeit zu entscheiden, eine Wahl, die ihr ausgesprochen leichtfiel, zumal sie ahnte, schwanger zu sein. Und ehe sie sich versah, bewohnten sie eine erste kleine Wohnung. Peter brach bald darauf in einem hohen, einem sehr, sehr hohen Semester sein Studium ab und widmete sich, wahrscheinlich als einer der ersten Hausmänner überhaupt, vornehmlich der Familie, während Anne mittels ihrer Arbeit auf der Kinderstation eines benachbarten Krankenhauses für das notwendige Kleingeld sorgte. Die Aufsätze und Essays, die Peter verfasste, während er sich eigentlich der Bügelwäsche oder des Kartoffelbreis hätte annehmen sollen, brachten, sofern sich eine Redaktion zu ihrer Veröffentlichung hatte durchringen können, meist nicht viel ein. Ansonsten engagierte er sich bei den Grünen, ohne allerdings jemals in die Partei einzutreten, und arbeitete sich langsam seinem Lebensziel entgegen, den ganz, ganz großen Roman in die lesende Welt zu entlassen. Das Fundament dieser ungewollten, aber nun faktisch vorhandenen Bürgerlichkeit des jungen Paares wurde jedoch nachhaltig durch den überraschenden Unfalltod der Fabrikanteneltern plus noch überraschenderem Erbe ungeahnten Ausmaßes erschüttert. Und plötzlich gab es den Lindenhof in Annes Leben. Und plötzlich wurde doch tatsächlich geheiratet – der Steuer wegen. So ließe sich im Wesentlichen das Leben der kleinen, zierlichen, dunkelhaarigen Frau beschreiben, die spät abends im Garten einer hübsch renovierten Bauernkate stand, die Kapuze ihres Anoraks tief ins Gesicht gezogen und den schmalen Rücken dem Wind entgegengewandt, und die sich trotz widriger Wetterverhältnisse gekonnt eine Zigarette anzündete. Der Aschenbecher quoll bereits über. Und No-Name, der alte Kater, war nirgends zu sehen, auch nicht zu hören. Nur ein Käuzchen schrie.

Sarah-Marie

Noch werde ich sie ein wenig schmoren lassen. Soll sie doch ein schlechtes Gewissen haben, soll sie doch grübeln, wie sie das wiedergutmachen kann. Mila soll bloß nicht Gouvernante spielen, das hasse ich. Sie ist meine Schwester, nicht mehr und nicht weniger. Gleiche Rechte, gleiche Pflichten und so. Wenn ich kotzen will, dann kotze ich. So einfach ist das. Basta, aus die Maus. Auf keinen Fall werde ich mich gegenüber meiner Schwester rechtfertigen. Ich denke nicht dran! Natürlich könnte ich es ihr erklären, wenn ich wollte: Ja, ich habe Angst, fett zu werden. Das ist alles. Mich guckt doch so schon kein Junge an. Wie soll das erst werden, wenn ich auch noch eine feiste Wampe vor mir hertrage? Dann bin ich ja völlig unsichtbar. Mila ist das wohl egal, meinetwegen. Mir aber nicht. Und wenn ich wirklich mal mit einem Jungen im Bett liege, soll er doch nicht in Speckrollen fassen. Das wäre ja widerlich. Und superpeinlich. Da würde sich doch wirklich jeder ekeln. Das alles ist schon kompliziert genug, und Angst habe ich auch, da muss ich zumindest schlank sein. Als wäre das so schwer zu kapieren. Ich wollte, ich hätte keine Schwester, zumindest keine so beknackte.

Anne

Gerade hatte sie die Gäste aus dem Mohn verabschiedet. Man danke für die wunderbare Zeit und die gute, nein, hervorragende Betreuung. Gern werde man den Lindenhof weiterempfehlen, noch lieber wiederkommen. Vielleicht zu Silvester oder über Weihnachten? Nun, man werde sehen, wir melden uns. Vielen Dank, gute Fahrt, kommen Sie gut und heil nach Hause, wir würden uns freuen, Sie gelegentlich wieder bei uns begrüßen zu dürfen, recht herzlichen Dank, lecken Sie mich gefälligst am Arsch. Letzteres hatte sie natürlich nicht gesagt, aber gedacht, als sich diese Berliner Möchte-Gern-Aristokraten mit dümmlichem Labrador und noch dümmlicherem Kind endlich vom Acker gemacht hatten. Anne zog die Haustür hinter sich ins Schloss und ging, Böhnchens scheppernden Putzmittel- und Utensilienwagen im Schlepptau, Richtung Mohn. Die gute Seele des Lindenhofs hatte sich heute freigenommen, das Haus musste aber geputzt werden, weil am Nachmittag vier vermutlich junge Frauen aus München anreisen würden, um tagelang einen Junggesellinnen-Abschied in gepflegter Idylle zu zelebrieren. Na dann. Sie betrat das Mohn und fand das zu Erwartende vor: reichlich schmutziges Geschirr, überquellende Mülleimer, zerknüllte Bettwäsche, die Laken mit merkwürdigen Flecken versehen, eingesaute, mit Zahnpasta verschmierte Waschbecken und Toiletten, die sie gar nicht so genau inspizieren mochte. Hundenasen- und Kinderpfotenabdrücke überall, Hundehaare sowieso. Und unter dem Tisch klebte tatsächlich ein Kaugummi. Je vornehmer die tun, desto schweinischer benehmen sie sich. Außen hui, innen pfui. Sie sah sich nochmals um. Das, was sie sah, war ihr Leben.

Sarah-Marie & Mila-Sophie

»Mila?«, flüsterte Sarah in die Dunkelheit.
   »Ja?«, kam prompt zurück.
   »Wollen wir uns wieder vertragen?«
   »Na klar!«
   »Dann komm.« Sie schlug die Decke zurück, hörte Milas nackte Füße über den Holzboden tapsen und spürte, wie sich ihre Schwester neben sie legte. Sie spürte deren Erleichterung durch die Dunkelheit.
   »Mila?«
   »Ja?«
   »Ich habe heute einen Jungen kennengelernt.«
   »Was? Echt? Wirklich? Wo? Erzähl.« Milas Stimme überschlug sich fast vor Freude, Dankbarkeit und Begeisterung.
   »Pst! Nicht so laut!«
   »Okay, aber erzähl.«
   »Na ja, heute in der Pause. Der stand am Kiosk und hat mich angelächelt.«
   »Und weiter?«
   »Nichts weiter. Er hat mich eben angelächelt.«
   »Aha. Geht er auf unsere Schule? Welche Klasse?«
   »Das weiß ich doch auch nicht. Er sah ausländisch aus, wie ein Türke oder ein Araber oder so. Vielleicht kommt er wirklich aus der Türkei. Ganz hübsch mit schwarzem Haar und dunkelbraunen Augen.«
   »Und er hat nichts zu dir gesagt?«
   »Nein, aber er hat mich angelächelt.«
   »Und du?«
   »Ich ihn auch.«
   »Hörst du das Käuzchen?« Milas Versuch, das Thema zu wechseln, schlug prompt fehl.
   »Ist das nicht toll? Er ist so süß.«
   »Ja, Sarah, das ist ganz toll.«
   »Er ist wirklich süß, total süß.«
   »Vielleicht siehst du ihn morgen wieder.«
   »Ja, vielleicht. Bestimmt. Hoffentlich.«
   Mila fielen vor Dankbarkeit ob des schwesterlichen Versöhnungsangebotes die Augen zu, und bald hörte Sarah, schlaflos und aufgeregt, die tiefen, gleichmäßigen Atemzüge ihrer Schwester. Ich habe dich lieb, dachte sie und hoffte, von schwarzen Haaren und dunkelbraunen Augen träumen zu dürfen.
   Und wieder rief das Käuzchen.

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