Berlin, 1312. Am Vorabend des Heiligkreuz-Markttages wird ein prominenter Knochenhauermeister und Ratsherr mit seinem eigenen Fleischerbeil brutal dahingemetzelt. Der junge, unerfahrene Patriziersohn Otto Wieprecht wird vom Stadtrat mit der Aufklärung des brutalen Verbrechens beauftragt und trifft dabei auf Sophie Teggels, die temperamentvolle und eigenwillige Tochter eines Konkurrenten des Mordopfers. Mal miteinander und mal gegeneinander erforschen sie die Hintergründe der ruchlosen Tat – und müssen feststellen, dass sie sich auf einen sehr gefährlichen Weg begeben haben … Angereichert wird die spannende, auf historischen Fakten aufbauende Erzählung mit Plänen, Skizzen und zeitgenössischen Abbildungen. Zahlreiche Fotos veranschaulichen die verbleibenden Spuren des Mittelalters, die an den Schauplätzen des Romans noch heute in der modernen Metropole zu entdecken sind.

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ISBN: 978-9963-53-850-8

Seiten: 474

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Norbert W. F. Meier

Norbert W. F.  Meier
Kunst oder Wissenschaft? Das war die Fragestellung, die lange Strecken des Lebensweges von Norbert W. F. Meier (Jahrgang 1954) bestimmte. Waren es zuerst Experimente in Musik, Poesie und Prosa, die die kreativen Bemühungen der Jugend dominierten, so führten berufliche Entscheidungen letztlich doch zu Studium und Promotion im Fach Organische Chemie, gefolgt über fast drei Jahrzehnte vom Schreiben wissenschaftlicher Texte und der Arbeit mit chemischen Datenbanken. Doch dann bewirkte ein aufkeimendes Interesse an der deutschen Geschichte einen Neueinstieg in die Autorenwelt durch das Verfassen zweier Sachbücher („Berlin im Mittelalter“, 2012, und „Berlin Geologie“, 2014). Nun war der Knoten geplatzt, und aus der Rückkehr zu den jugendlichen Leidenschaften erwuchsen erneute literarische Bemühungen, die u. a. in den vom bookshouse-Verlag publizierten historischen Roman mündeten.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Lesen Sie gern historische Romane? Vermutlich ja, da Sie jetzt ein derartiges Druckerzeugnis in Ihren Händen halten. Dann kann ich Ihnen auch versichern, dass es Ihre Erwartungen in dieser Hinsicht nicht enttäuschen wird, denn es wird Sie in eine vergangene Zeit zurückversetzen, Sie mit geschichtlichen Ereignissen dieser Epoche vertraut machen und so ganz nebenbei auch noch von etlichen romantischen Irrungen und Wirrungen erzählen. Und dennoch – was seinen Ursprung betrifft, ist dieser Roman recht ungewöhnlich und unterscheidet sich markant von anderen Vertretern seines Genres.
   Tatsächlich entstand das Buch erst nach einer äußerst komplizierten Geburt, und es hat etliche Wochen gedauert, bis ich mich letztlich dazu durchringen konnte, die nachfolgende Erzählung niederzuschreiben. Immer wieder sah ich im Geiste die ablehnenden Gesichter überkritischer Leser vor mir und hörte ihre Vorwürfe, dass meine Schilderungen viel zu unglaubwürdig seien. Und was das Schlimmste ist: Ich konnte ihre Bedenken sogar verstehen!
   Doch vielleicht sollte ich mich jetzt zuerst einmal vorstellen und Sie mit der eigenartigen Entstehungsgeschichte dieses Buches vertraut machen, damit Sie verstehen können, wovon ich hier rede. Nun denn: Mein Name ist Alex Wiperti, ich bin neunundzwanzig Jahre alt, habe Informatik studiert und arbeite als Softwareentwickler bei einem Automobilkonzern. Alles in allem habe ich bis vor Kurzem ein nicht allzu aufregendes Leben geführt und mich recht wenig von Otto Normalbürger unterschieden. Doch dann ist etwas passiert, was mein altes, geruhsames, klar strukturiertes und ein wenig langweiliges Dasein komplett umgekrempelt hat und einen vor sich hindümpelnden Kleingeist in einen sendungsbewussten, ekstatischen Aufklärer verwandelte.
   Diese Verwandlung wurde von einem sehr traurigen Ereignis eingeleitet, als vor zwei Jahren mein lieber, hochgeschätzter Onkel Kurt verstarb, der in meinem Leben seit frühester Jugend eine dominierende Rolle gespielt hatte. Kurt Wiperti – Geschichtslehrer, Sprachforscher und begeisterter Hobbyhistoriker – war lange Zeit seines Lebens ein eingefleischter Eigenbrötler gewesen, doch dies hatte sich mit meiner Geburt urplötzlich geändert. Wie meine Eltern zu sagen pflegten, schien er aus ihnen völlig unerfindlichen Gründen einen Narren an Klein-Alex gefressen zu haben und nahm mich immer wieder mal mit in sein altes, efeuumranktes Haus in Marienfelde, das mir wie ein geheimnisvolles Schloss aus einem Märchen erschien und sehr bald zu meinem zweiten Zuhause wurde. Auch in der Schulzeit suchte ich an unzähligen Nachmittagen und Wochenenden meinen Onkel Kurt auf und lauschte seinen Anekdoten über Raubritter, Berliner Patrizierfamilien und die Familiengeschichte der Wipertis, die er überaus spannend und manchmal auch sehr lustig zu gestalten wusste. Einige Jahre später – in meiner recht heftig verlaufenden Pubertätsphase – wurden die Besuche bei ihm etwas seltener, doch dies änderte sich, sobald mein Hormonlevel wieder normale Werte erreicht hatte. Bis zu seinem Tod trafen wir uns regelmäßig, und während wir freundschaftlich miteinander plauderten oder gelegentlich auch lebhaft diskutierten, war ich stets von einem Gefühl tiefer Vertrautheit und Verbundenheit zu ihm erfüllt.
   So traf es mich ziemlich hart, als Onkel Kurt plötzlich und unerwartet das Zeitliche segnete. Eine Weile lang war ich derart geschockt und fassungslos, dass ich völlig neben mir stand und nur noch automatisch einen Fuß vor den anderen setzen konnte. Während dieser Trauerphase registrierte ich nur am Rande, dass mir Onkel Kurt sein ehrwürdiges Marienfelder Anwesen vererbt hatte – womit er meinem Leben langfristig und unumkehrbar eine neue Bestimmung geben sollte.
   Einige Wochen später hatte mein Hirn wieder seine normale Betriebstemperatur erreicht, und ich beschloss, das alte Gemäuer ein wenig an meine persönlichen Bedürfnisse anzupassen. Da geschah es dann: Beim Ausschachten eines Grabens für einen neuen Kellerzugang stieß ich auf den Fußboden eines weitaus älteren Gebäudes. Der Holzboden war so bröckelig, dass er fast schon beim Hinsehen in sich zusammenfiel, was er an einer Stelle auch tat – wodurch ein Loch freigelegt wurde, in dem sich ein undefinierbares schwarzes Ding befand.
   Mit viel Mühe beförderte ich dieses obskure Etwas an die Oberfläche und dann ins Haus. Dort entdeckte ich sehr bald, dass es sich um einen stabilen Kasten handelte, der von einer teerähnlichen, steinharten Schicht umhüllt wurde, sodass sich eine innere, aus Holz gefertigte Kiste erst nach langwierigem und kraftraubendem Gemeißel öffnen ließ. Nun konnte ich den ersten Blick auf den Inhalt des rätselhaften Objekts werfen und erblickte mehrere dicke Stapel von eng beschriebenen Pergamentblättern. Im Gegensatz zum Fußboden des Vorgängerhauses waren sowohl das Holz des Kastens als auch die Pergamentbögen erstaunlich gut erhalten, weil der schwarze Schutzmantel offenbar für eine perfekte Isolierung gegen Luftsauerstoff und Feuchtigkeit gesorgt hatte.
   Als ich den Inhalt des Kastens freilegte, ahnte ich noch nicht, welche Konsequenzen diese Handlung für mein künftiges Leben haben würde. Aber schon nach einigen Wochen deuteten sich die ersten konkreten Folgen an, denn in meiner Freizeit kümmerte ich mich nunmehr intensiv und fast ausschließlich um die Entzifferung der so gut verwahrten Schriftstücke. Und sobald ich festgestellt hatte, dass die Texte sowohl in Latein als auch in Mittelhochdeutsch verfasst waren, wurden auch die noch verbliebenen Freizeitaktivitäten radikal gestrichen, denn zum Verständnis der Zeilen mussten meine Lateinkenntnisse dringend aufpoliert werden, und von der mittelalterlichen Version der deutschen Sprache hatte ich trotz Onkel Kurts Bemühungen ohnehin nur das allernötigste Grundwissen erworben.
   Eines war sehr schnell offensichtlich: Die Seiten waren von zwei verschiedenen Schreibern beschrieben worden. Der erste verwendete die mittelhochdeutsche Sprache, und seine Handschrift machte einen sehr krakeligen Eindruck mit ungleichmäßigen Abständen zwischen schlampig dahingekritzelten Wörtern. Der zweite Schreiber verfasste seine Texte in Latein und schrieb sorgfältig und fast wie gedruckt, mit winzig kleinen und sehr präzise gemalten Buchstaben.
   
   Durch meine Sprachstudien schritt die Übersetzung der einzelnen Seiten immer sicherer und rascher voran, und nach und nach begann ich zu begreifen, was für einen unglaublichen Schatz ich bei meinen Grabungsarbeiten geborgen hatte. Wobei ich das Wort »unglaublich« ganz bewusst verwende, denn nun muss ich auf jenen Umstand eingehen, der meine eingangs geschilderte Besorgnis um meine Glaubwürdigkeit entfachte.
   Der Inhalt der Pergamentblätter bewies nämlich ohne jeden Zweifel, dass es sich hier um tagebuchähnliche Aufzeichnungen handelte, die im frühen 14. Jahrhundert verfasst worden waren. Gleichwohl – dies war derart unwahrscheinlich, dass man es eigentlich als schlichtweg unmöglich abhaken sollte! Das Verfassen privater Tagebücher, die die Gedanken und Empfindungen eines einzelnen Individuums beschreiben, kam erst im 18. und 19. Jahrhundert so richtig in Mode, während diese Art von persönlicher Verwirklichung im Mittelalter nicht existierte – zumal das Lesen und Schreiben erst viel später, in der Renaissance, zu den selbstverständlichen Fertigkeiten der oberen Gesellschaftsschicht zu zählen begann. Im Deutschland des 14. Jahrhunderts waren die meisten Menschen Analphabeten, und die aus dieser Zeit erhaltenen Bücher und Dokumente waren von amtlich berufenen (Stadt-)Schreibern oder aber von Mönchen niedergeschrieben worden.
   Private mittelalterliche Tagebuchaufzeichnungen durfte es aus Gründen historischer Vernunft also überhaupt nicht geben – und doch lagen sie in Form von dicken Pergamentstapeln hier vor mir! Wobei es sich nicht etwa nur um einen einzelnen Tagebuchschreiber handelte, sondern gleich um deren zwei: einen Mann namens Otto Wieprecht, der mittelhochdeutsche Texte niedergeschrieben hatte und – noch viel unglaublicher! – eine Frau namens Sophie Teggels, die ihre Texte in Latein verfasst hatte. Dieser vertrackte, unauflösbare Widerspruch kreiste wochenlang ergebnislos in meinem Kopf herum, bis ich schließlich die Nase gestrichen voll hatte von all den fruchtlosen Grübeleien. Mit einem wilden innerlichen Aufschrei, phönixgleich aufsteigend aus einer mir bis dato unbekannten unterirdischen Quelle impulsiver und gänzlich unerwarteter Schöpferkraft, kratzte ich entschlossen all meinen Mut zusammen und raffte mich zu der unumstößlichen Entscheidung auf, meine Erkenntnisse über die mittelalterlichen Niederschriften einer kritischen Öffentlichkeit zu präsentieren und mich womöglich zum spöttisch belächelten Deppen zu machen.
   Sobald der Entschluss einmal gefallen war, schob ich alle anfänglichen Bedenken radikal beiseite und stürzte mich mit Feuereifer auf mein neues Projekt. Inzwischen habe ich es geschafft, die beiden oberen Pergamentstapel komplett durchzuchecken. Dabei stellte ich fest, dass hier – aus den unterschiedlichen Perspektiven der beiden Schreiber heraus – jeweils dieselbe, in sich abgeschlossene Ereigniskette beschrieben wird. Bevor ich mich nun um die noch verbliebenen Stapel kümmere, werde ich zuerst einmal über diese Geschehnisse berichten – und zwar in einer Form, die nicht nur Lateinkundler und Sprachhistoriker verstehen können.
   Dazu habe ich die getrennten Darstellungen der beiden mittelalterlichen Schreiberlinge zu einer einzigen zusammenhängenden Erzählung zusammengefasst, die in modernem Deutsch verfasst ist. Ferner habe ich mir bei vielen Passagen der Originalvorlagen recht große Freiheiten bei der Wortwahl herausgenommen, denn gute Verständlichkeit war mir wichtiger als eine werkgetreue Übersetzung. Als Beispiel sei hier der durchgängig verwendete Begriff »Patrizier« genannt, der jedem Leser der Gegenwart sofort vertraut ist – aber der tatsächlich niemals auf den alten Pergamentbögen auftaucht, weil sich dieses Wort erst im 18. Jahrhundert in der deutschen Sprache etablierte. Des Weiteren habe ich die Mundart einfacher Leute in den heute gängigen Berliner Jargon (das »Berlinerische«) übersetzt, weil Dialektausdrücke des Mittelhochdeutschen in heutiger Zeit völlig unverständlich wären. Manche Alltäglichkeiten des Mittelalters wurden ebenfalls in heute gängige Konventionen übersetzt, wie beispielsweise bei der Nennung von Datumsangaben, die damals zumeist auf wichtige Tage des Kirchenjahres Bezug nahmen.
   Trotz dieser Bemühungen werden einige mittelalterlichen Konzepte einem Leser der Moderne fremd bleiben. Damit niemand über diese Verständnisschwelle stolpert, habe ich gelegentlich – so wie hier – optisch abgesetzte Kommentarpassagen eingefügt, die Alltag, Denkweise oder Konventionen des 14. Jahrhunderts genauer beleuchten. Und wenn jemand dennoch über ein unverständliches Wort stolpert, dann möge er einen Blick in das Glossar am Ende des Buches werfen, wo er Erläuterungen zu zahlreichen altertümlichen Begriffen und im Text erwähnten historischen Personen finden wird.
   Doch nun genug der Vorreden – jetzt beginnt endlich jene Reise, die Sie siebenhundert Jahre zurück in die Vergangenheit befördern wird. Und da die eigentliche Geschichte mit einer sehr schaurigen Tat beginnt, soll die Erzählung auch nach eben diesem grauenhaften Geschehnis benannt werden:
   
   Der gar schaurige Meuchelmord an einem Ratsherrn
   
   Marienfelde, im Herbst 2017
   Alexander Wiperti

Kapitel 1
Donnerstag, 14. September 1312

Die Luft war von Staub erfüllt, mancherorts auch von allerlei widerwärtigem Gestank, und es tummelten sich hier so viele Menschen herum, dass Sophie immer wieder einmal wie eine Presswurst zusammengequetscht wurde – aber dennoch genoss sie jeden Augenblick ihres Einkaufsganges mit Marja. Denn heute, am Heiligkreuztag, war wieder einmal Jahrmarkt, und da erzitterten Berlin und Cölln vor Trubel und Lebendigkeit, sodass Sophie ihre Begeisterung und Erregung am liebsten laut herausgesungen hätte. Von nah und fern waren Kaufleute, Krämer, Bauern, Handwerker, Spielleute und Gaukler in die Doppelstadt gekommen, um ihre Waren oder Dienste anzubieten, und zusammen mit den Stadtbewohnern und extra angereisten Käufern und Neugierigen sorgten sie für ein unablässig hin- und herwogendes Getümmel und Gewusel, über dem ein stetig an- und abschwellender Geräuschpilz aus Gemurmel, Gestreite, Gezeter und Gelächter lag.
   Von den fünf Jahrmärkten, die alljährlich stattfanden, wurden zwei in Sophies Heimatstadt Cölln und drei im benachbarten Berlin durchgeführt. Das wichtigste Geschehen am Heiligkreuztag fand auf der Berliner Seite der Spree statt, und so war sie über den Mühlendamm herübergekommen, um hier einige Aufträge ihres Vaters zu erledigen und gleichzeitig Marja bei ihren Einkäufen zu helfen. Die einleitenden Festivitäten des Jahrmarktes hatte sie verpasst, denn die hatten bereits am frühen Morgen vor der versammelten Stadtprominenz stattgefunden. Zum Klang der Kirchenglocken von Sankt Nikolai war in einem festlichen Akt ein großes Kreuz in der Mitte des Alten Marktes aufgestellt worden, als mahnendes Zeichen des Friedens für alle Marktbesucher. Bevor dann ein Strohbündel – der sogenannte Marktwisch – geschwenkt und damit das Zeichen zum Beginn des Verkaufs gegeben worden war, hatte Pfarrer Wolfhardt von der St. Nikolaikirche noch ein kurzes Gebet gesprochen.
   Vielleicht sollte Sophie der Heiligen Katharina, der Beschützerin der Mädchen, Jungfrauen und Ehefrauen, sogar dankbar dafür sein, dass sie während dieser feierlichen Zeremonie noch nicht hier gewesen war. Sie hatte nämlich von Gerüchten gehört, dass der Herr Pfarrer unziemlich oft das Haus des Wollwebers Gerhard aufsuchte, als wären die schmachtenden Blicke von dessen Gemahlin zu verlockend, um ihnen in standhafter Keuschheit widerstehen zu können. Und so witzelten die Stadtbewohner hinter vorgehaltener Hand über den harten Wolf, der ständig das willige Fleisch unter dem Schafsfell heimsuchte – oder machten gar noch gröbere Scherze, die die Grenzen der gutmütigen Skandalsucht dann doch merklich überschritten. Sobald diese spöttischen Witzchen Sophie zu Ohren gekommen waren, sah sie bei der Erwähnung von Pfarrer Wolfhardt stets den geilen Wolf unter dem Schafsfell vor sich und fing an zu kichern und zu glucksen. Wenn sie dieses unkontrollierbare Gekichere nun bei der feierlichen Predigt des Pastors zur Jahrmarktseröffnung nicht hätte unterdrücken können, wäre dies schon arg peinlich gewesen!
   Eine derartige Blamage war ihr erspart geblieben, weil sie den Scharren ihres Vaters in Cölln erst geraume Zeit nach dem Glockengeläut von St. Petri zur neunten Stunde des Tages verlassen hatte. Ihr Vater, Eckart Teggels, war Knochenhauer, und da bei Jahrmarkttagen in Berlin viele Kaufwillige auch die Verkaufsstände am anderen Ufer der Spree aufsuchten, hatte er weitaus mehr zu tun als sonst. Folglich tat sie ihr Bestes, ihn so gut als möglich zu unterstützen, indem sie ihm bei der Warenauslage half und Wasserkübel, Leinentücher und andere benötigte Utensilien aus ihrem Haus in der Großen Straße herbeiholte, das nur wenige Schritte vom Scharren entfernt lag. Ihre Mithilfe schien heute auch ganz besonders nützlich zu sein, denn ihr Vater wirkte an diesem Morgen ungewöhnlich abwesend und zerstreut, während Tyde, sein Geselle, wie immer viel zu langsam und träge war, um seinen Meister beim Verkauf wirkungsvoll entlasten zu können.
   Gleichwohl hatte ihr Vater nicht vergessen, wie sehr Sophie den Jahrmarktstrubel mochte, und sobald der Verkauf in Gang gekommen war, schickte er sie schließlich von seinem Scharren fort. Um den Anschein eines töchterlichen Dienstganges zu wahren, bat er sie noch, einige wohlfeile Fleischerhaken und Spieße auf dem Markt zu besorgen, aber Sophie begriff sofort, dass dies ein Vorwand war und er ihr lediglich ihren sehnlichen Wunsch erfüllen wollte. Sie teilte die »Bitte« ihres Vaters sogleich ihrer Magd Marja mit, die ebenfalls einige Einkäufe zu erledigen hatte, und wenig später machten sich die beiden Frauen, bewaffnet mit jeweils einem Einkaufskorb, auf den Weg zum anderen Teil der Doppelstadt am gegenüberliegenden Ufer des Flusses. Ihre Gesichter strahlten trotz des unterschiedlichen Alters eine sehr ähnliche Mischung aus Wohlgefühl und gespannter Vorfreude aus, und es versprach ein kurzweiliger und erfreulicher Tag zu werden, zumal er so sonnig und warm war, wie man es für Mitte September nicht unbedingt erwarten durfte.
   Solange Sophie und Marja sich durch das Menschengemenge auf dem doch recht schmalen Fahrweg des Mühlendamms hindurchwühlten, war ihnen der Blick auf Berlin versperrt geblieben und sie konnten gerade einmal die Umrisse der drei Mühlen auf der linken, flussabwärts gewandten Seite der Brücke erkennen. Erst als sie die Berliner Mühle am Ende des Dammes erreichten, hatten sie freie Sicht auf das Jahrmarktsgewusel, und dieser Anblick erfüllte Sophies Herz augenblicklich mit unbändiger Freude und erwartungsfroher Erregung.
   So weit der Blick reichte, sah sie Menschentrauben über Menschentrauben, die sich um die unzähligen Verkaufsplätze der Händler scharten. Nur einige wenige davon waren feste Buden, die sich an die Häuser rund um den Marktplatz anschmiegten. Die meisten Verkaufsstätten waren provisorisch zusammengezimmerte Marktstände, die manchmal nur eintönig braun oder grau waren, oft aber auch bunt geschmückt und fantasievoll bemalt, mit farbigen Dächern, um das Auge der potenziellen Käufer gezielt auf sich zu lenken. An anderen Stellen erblickte man offene Zelte, die die Krämer aufgespannt hatten, und es gab auch einige Wagen, von denen aus Bauern ihre Waren anboten. Die ärmsten Händler, die »Höker«, trugen lediglich einen Korb mit sich herum, aus dem sie Eier, Fisch, Geflügel, Obst oder Gemüse verkauften.
   Genauso vielfältig und facettenreich wie die Verkaufsstände war auch das Publikum, das sich zwischen den Ständen herumschob. Am häufigsten vertreten waren Besucher, die eintönige sand- bis erdfarbene Hemdröcke trugen und deren Köpfe entweder unbedeckt waren oder unter einfachen Filzkappen, Hauben oder Strohhüten steckten. Dies waren die Knechte, Mägde, Tagelöhner, Handwerksgesellen und Lehrlinge, die die untere soziale Schicht der Stadtbevölkerung ausmachten. Zur Mittelschicht gehörten die ebenfalls recht zahlreichen Handwerker und Krämer, die entweder als Verkäufer oder als Marktbesucher anwesend waren und an der besseren Qualität der Oberkleider oder aber an ihrer Berufsbekleidung zu erkennen waren. Hier und da erblickte man auch einige Mitglieder der führenden Patrizierfamilien der Stadt, deren edle und farbenfrohe Obergewänder, Umhänge und Kopfbedeckungen – seien es kappen- oder kapuzenartige Gebilde, Pfauenhüte, Kränze aus Blumen, bunten Tüchern oder Edelmetall, oder aber strenger wirkende Frauentrachten aus weißen Bändern – weithin sichtbar vom Wohlstand ihrer Besitzer kündeten.
   An den Rändern des Besucherstroms sah man an manchen Stellen auch Bettler hocken – eingefallene, schmächtige Gestalten, die wegen Krankheit, Alter oder einem körperlichen Gebrechen nicht arbeiten konnten und nun ihre Hände nach einer milden Gabe emporreckten. Und dann gab es noch die aus christlichen Motiven berufenen Bettler: die Mitglieder der beiden hier ansässigen Bettelorden, der Franziskaner aus Berlin und der Dominikaner aus Cölln. Beide konnte man an ihrer braungrauen oder aber schwarzen Mönchskluft unschwer erkennen, und es waren beileibe nicht die einzigen Marktbesucher mit religiöser Berufung. Gelegentlich erblickte man auch weiß gekleidete Mönche aus den Zisterzienserklöstern des Umlandes, Nonnen in schwarzer Tracht aus dem nahe gelegenen Benediktinerinnenkloster in Spandow, und manchmal auch noch andere christliche Würdenträger, bei denen es sich um Vertreter der drei Stadtkirchen oder um Abgesandte des Erzbischofs von Magdeburg oder der Bischöfe von Brandenburg, Halberstadt oder Havelberg handeln mochte.
   Neben all den Käufern und Schaulustigen, die gemächlich und neugierig von Stand zu Stand schlenderten, gab es einige Männer, die sich forscher und zielstrebiger durch die Menge bewegten. Dies waren der Marktmeister und seine Gehilfen, die überprüften, ob die strengen Regeln der Marktordnung überall strikt eingehalten wurden und ob die Verkäufer ihre Kunden nicht mit falschen Maßen und Gewichten übers Ohr hauen wollten.
   Von ihrer etwas erhöhten Position am linken Ende des Mühlendamms konnte Sophie den Berliner Alten Markt gut überblicken. Im gesamten Areal zwischen dem markgräflichen Mühlenhof zu ihrer Rechten und den Häusern, die die Nikolaikirche umgaben, gab es nur ein einziges freies Plätzchen, nämlich die direkte Umgebung des heute früh aufgestellten Marktkreuzes, während der gesamte übrige Raum dicht an dicht mit Marktständen und Besuchern gefüllt war. Sie wusste auch, dass sich der Jahrmarkt noch weit in die Stadt hinein erstreckte, und über die Mittelstraße und die Spandower Straße samt Seitenstraßen bis zum Neuen Markt mit der Marienkirche reichte.
   Schier überwältigt von dem beeindruckenden Panorama blieb Sophie einen Moment lang stehen und holte tief Luft. Sie drehte sich nach rechts zu Marja um und stieß mit ergriffener Stimme hervor: »Ist das nicht wundervoll und großartig?« Weiter kam sie allerdings nicht, denn die hinter ihr Gehenden hatten keine Lust, sich noch länger von ihr aufhalten zu lassen, um den Begeisterungsrufen einer Siebzehnjährigen zu lauschen. So wurde sie denn alsbald gnadenlos vorwärtsgeschoben und musste sich ein Weilchen darauf konzentrieren, nicht über ihre eigenen Füße zu stolpern.
   Große Sorgen musste sie sich deshalb aber nicht machen, denn es entging ihr nicht, dass Marja sie immer in den Augen behielt und mühelos aufgefangen hätte, wenn sie ausgerutscht wäre. Wie so oft, wenn sie an Marja dachte, spürte sie, wie intensiv die Zuneigung und Dankbarkeit war, die sie für ihre Magd und mütterliche Freundin empfand. Allein schon der Anblick ihrer großen und kräftigen Gestalt verlieh ihr Sicherheit, und als Marja sie fragte: »Alles in Ordnung mit dir, Kleine?«, da nickte sie nur kurz, und schon war der Ärger über das Geschiebe und Gedränge blitzschnell verflogen.
   Vieles an Marja verstand sie nicht, und vieles an Marja entsprach so überhaupt nicht dem Bild einer typischen Magd. Dies begann mit ihrer Sprache, die oftmals so selbstbewusst und geradezu befehlend klang, und aus der man den Akzent ihrer slawischen Vorfahren sehr deutlich heraushörte. Dies setzte sich fort mit all dem Wissen, das sie Sophie in den elf Jahren seit dem viel zu frühen Tod von Eckart Teggels Frau Else vermittelt hatte, und das eine einfache Magd gar nicht besitzen konnte. Und dies wurde überaus deutlich bei ihrer Kleidung, denn das pechschwarze Oberkleid mit dem weißen Gürtel und die drei schmalen goldenen Ringe an ihrem linken Arm hätten besser zu einer Herrin als zu einer Dienerin gepasst. Auch ihre Kopfbedeckung schien auf einen höheren Stand hinzuweisen, wobei das festgezurrte Gebende aus verziertem weißen Leinenband sowohl den Stolz als auch die Entschlusskraft seiner Trägerin signalisierte. Letztlich waren all diese scheinbaren Widersprüche jedoch bedeutungslos, weil Marja in ihrer Position als Magd/Köchin/Hausdame/Ersatzmutter allzeit zufrieden und erfüllt wirkte. Und für Sophie war Marja der verlässliche Fels in ihrem gelegentlich etwas unsteten jugendlichen Leben, da sie mit absoluter Sicherheit wusste, dass sie ihrer älteren und lebenserfahrenen Freundin jederzeit blind vertrauen durfte.
   Nachdem sie die Brücke hinter sich gelassen hatten, waren Sophie und Marja zuerst zu den nahe gelegenen Ständen der Fischhändler geschlendert, damit Marja für das Essen am morgigen Freitag schon heute einige Einkäufe tätigen konnte. Die jüngere Frau verzog misstrauisch schnüffelnd ihr Näschen, denn einige der hier ausgelegten Fische verbreiteten einen ziemlich unangenehmen Gestank. Aber sie sagte kein Wort, denn sie war ja inzwischen eine erwachsene Dame, und da sollte man sich nicht wie ein empfindsames, weinerliches Kind aufführen.
   Von einer feisten Händlerin in einem leuchtend roten Umhang erwarben sie zwei Salzheringe – wobei Marja sehr genau darauf achtete, dass die beiden Fische ganz oben aus dem Eichenfass entnommen wurden und nicht etwa aus der Mitte, wo öfter mal Fische minderer Qualität vor Kontrolleuren im Hafen oder auf dem Markt verborgen wurden. Hocherfreut beobachtete Sophie, wie Marja anschließend zielstrebig zu einem Stand schritt, an dem frische Aale verkauft wurden, denn ihre in einem Sud aus Wasser, Wein, Essig, Pfeffer, Zwiebeln, Salbei und Petersilie gekochten Aale waren stets ein ganz besonderer Leckerbissen. Nachdem Marja sich ein sehr langes und dickes Exemplar dieser schlangenähnlichen Fische ausgesucht, prüfend daran gerochen und einen forschenden Blick auf Augen und Kiemen geworfen hatte, war sie von der Qualität und Frische der Ware überzeugt, bezahlte nach kurzem Feilschen die geforderten fünf Pfennige und legte den Aal zu den beiden Heringen in ihrem Korb.
   Als sie die Fischverkäufer gerade hinter sich gelassen und vor einem Bauernwagen mit frischem Gemüse angekommen waren, hörten sie plötzlich ein lautes Geschrei und Gezeter. Sophie drehte sich um und sah zwei kräftig gebaute Frauen, die beide die erdfarbene Leinenkluft der Landbevölkerung trugen und mit hochroten und geschwitzten Gesichtern neben ihren mit Fisch gefüllten Körben standen. Ihre Oberkörper beugten sich drohend aufeinander zu, während sie sich voll blinder Wut und Verbitterung mit sich überschlagenden Stimmen ankreischten. Die eine hatte beide Hände fest entschlossen in ihre Hüften gepresst, und die andere umkrallte mit ihrer rechten Hand vor Wut zitternd einen dicken Barsch, den sie wie eine Waffe um ihren Kopf herumschwang.
   »Man riecht det doch, dat deen Fisch mehr als drei Tage alt iss«, brüllte die mit den Händen in den Hüften.
   »Halt‘s Maul, du blöde Schlampe«, entgegnete ihre barschbewaffnete Gegnerin zornentbrannt. »Wenn de weiter sone Lüjen rumerzählst, wirste gleech merken, wie son Fisch deenen Schädel zermatscht!«
   Sophie schüttelte fassungslos den Kopf – das waren ja ein paar Landeier! Die beiden mussten zum allerersten Mal hierher zum Markt gekommen sein, denn es war doch sonnenklar, was sogleich mit ihnen passieren würde!
   Und richtig: Plötzlich kam Unruhe in den Kreis der Schaulustigen, die sich um die beiden Streithähne versammelt hatten, denn der Marktmeister schob seine lange dürre Gestalt, die von einem ehrfurchtgebietenden blauschwarzen Gewand umhüllt war, durch die Menge hindurch. Direkt hinter ihm folgten zwei seiner ebenfalls blauschwarz gekleideten Gehilfen, die – nach einem herrischen »Haltet ein!« des Marktmeisters – die beiden ihnen verwirrt entgegenblickenden Marktfrauen auseinanderzogen und ihre Hände hinter ihren Rücken festhielten. Wenig später erschien ein dritter Helfer, der zwei seltsam aussehende Dinger mit sich herumschleppte und entschlossen auf die Frauen zuschritt. Ohne zu zögern wandte er sich der Frau zu, die eben noch mit dem Barsch herumgefuchtelt hatte, und streifte ihr den einen der beiden Gegenstände über den Kopf – und jetzt sah man, dass es ein starker Metallring war, an dem zwei mit eisernen Ketten befestigte und mit dümmlich grinsenden menschlichen Fratzen verzierte dicke Steine hingen. Es waren sogenannte »Schimpfsteine«: erzieherische Instrumente, mit denen zänkische Weiber dem öffentlichen Spott ausgesetzt und dadurch dazu gebracht werden sollten, künftig mehr Zurückhaltung und Vernunft an den Tag zu legen.
   Die gleiche Prozedur wurde alsbald der zweiten Frau zuteil, obwohl die Stimmen der beiden Fischverkäuferinnen mittlerweile von heftiger Wut zu herzerweichendem Wehklagen gewechselt hatten und sie nur noch hilflos wimmerten oder naive Unschuldsbeteuerungen von sich gaben. Die späte Reue half ihnen wenig, denn die Helfer des Marktmeisters hielten sie mit eisernem Griff fest und zogen sie hinter sich her durch die Menge hindurch. Von früheren Ereignissen gleicher Art wusste Sophie, dass die beiden Trampel nun zum Marktpranger am ehemaligen und inzwischen wenig ansehnlichen Rathausgebäude aus der Gründerzeit der Stadt gezerrt wurden, wo man sie festbinden und mehrere Stunden lang den höhnischen und verächtlichen Sprüchen der Umstehenden aussetzen würde.
   Sophie und Marja hatten keine Lust, sich dem Tross etlicher sensationsgieriger Marktbesucher anzuschließen, die die beiden armen, dummen Fischweiber bis zum Marktpranger verfolgten, um dann abends zu Hause von der schrecklichen Begegnung mit zwei Schwerstkriminellen und deren Bestrafung berichten zu können. Sie zogen es vor, ihre Einkäufe fortzusetzen, und nachdem Marja beim Bauern, an dessen Wagen sie stehen geblieben waren, reichlich Zwiebeln, Kohl und Petersilie gekauft hatte, brauchten sie nur noch einige Gewürze und die Eisenwaren, mit deren Einkauf Sophie von ihrem Vater beauftragt worden war. Danach würden sie noch genug Zeit haben, nach den interessanteren Verkaufsständen Ausschau zu halten, wo Kleidung und Schuhwerk der neuesten Mode feilgeboten wurde, denn jetzt dürfte gerade mal die zehnte Stunde des Vormittags angebrochen sein.
   Auf ihrer Suche nach einem Apotheker und einem Verkäufer von Metallwaren wurden sie recht bald fündig. Nach dem Einkauf beim Bauern ließen sie sich mit der Menge treiben und kamen an zwei jungen, kunterbunt gekleideten Pfeifern vorbei, deren schrille Musik allerdings nur ein paar kümmerliche Münzen in den abgegriffenen Strohhut gelockt hatte, der zwischen ihnen auf der Erde lag. Sophie hatte Mitleid mit den beiden und fand in ihrem Beutel einen Halbpfennig – einen »Obolus« – den sie in den Strohhut warf. Die tiefe Verbeugung der beiden Musiker nahm sie huldvoll entgegen und war stolz darauf, sich nunmehr als Förderin der Kunst fühlen zu dürfen.
   Nachdem sie die beiden wackeren Pfeifer passiert hatten, langten sie an einer hölzernen Bude an, bei der sie anfangs dachten, hier die benötigten Metallgegenstände erwerben zu können – bis sie erkannten, dass nur Rüstungen und Waffen feilgeboten wurden. Sophie warf dennoch einen genauen Blick auf die Auslage, denn vielleicht musste sie bei einem der künftigen Jahrmärkte einmal derartige Besorgungen erledigen. Schließlich war ihr Vater ein Cöllner Bürger und müsste im Falle eines kriegerischen Konfliktes bei der Verteidigung der Stadt mithelfen. Als Knochenhauermeister würde er bei den berittenen Einheiten mitwirken und hatte selbst dafür zu sorgen, dass neben dem Pferd auch die erforderliche Rüstung und die Waffen bereitstanden.
   Die nächste Verkaufsstätte war ein mittelgroßes Zelt, auf dessen weiße Leinwandflächen mehrere aus dicken Einzelstrichen bestehende obskure Symbole aufgemalt worden waren. Sophie vermutete, dass es sich dabei um irgendwelche magischen Zeichen handelte, hatte derartiges aber zuvor noch nie gesehen. Immerhin – hier würden sie sicherlich die benötigten Gewürze bekommen.
   Der Krämer im Apothekerstand war ein gebeugter kleiner Mann, der mit scharfen blitzenden Augen all die Kostbarkeiten bewachte, die er neben einer Waage und einigen Mörsern auf dem einzigen und recht breiten Tisch in seinem Zelt ausgebreitet hatte. Auch während der Kaufverhandlungen mit Marja schweiften seine Blicke immer wieder über die Waren und die vorbeischlendernden Besucher, um jeden Versuch eines Diebstahls schon im Ansatz vereiteln zu können.
   Während Sophie ihren Kopf über einige der Beutel, Töpfe und Teller auf dem Tisch hielt, um all die verschiedenen Düfte tief in sich aufzusaugen, beäugte Marja kurz den Inhalt ihres Geldbeutels und erwarb schließlich etwas Pfeffer, Ingwer und Safran. Dem Konfekt aus Früchten und Nüssen, den Heilkräutern und dem Zucker konnte sie lediglich bedauernde Blicke zuwerfen, denn hierfür reichten ihre zwei verbliebenen Pfennige bei Weitem nicht aus.
   Nachdem sich die beiden Frauen eine weitere halbe Stunde lang von den anderen Marktbesuchern hatten mitschieben lassen, erblickte Sophie über die Köpfe der Marktbesucher hinweg einige Metalltöpfe und Spieße, die vom Dach eines Standes herunterhingen. Sie wies mit dem Finger darauf, und als Marja die Gegenstände ebenfalls erblickt hatte, bemühten sich beide, quer durch den Menschenstrom auf diesen Händler zuzusteuern, was ihnen nach einigem kräftigen Schieben und Drängeln gelang.
   Nun war es an Sophie, ihre Fähigkeiten beim Feilschen unter Beweis zu stellen. Trotz ihrer gerade mal siebzehn Lenze stellte sie sich überaus geschickt an – mit kritisch-prüfenden Blicken, mädchenhaft schüchternen Augenaufschlägen und vielen mit honigsüßer Stimme eingeflochtenen Schmeicheleien zwischen ihren Kaufgeboten. Als sie schließlich die gewünschten Fleischerhaken und Spieße zu einem Spottpreis erworben hatte und die beiden Frauen wieder im Besucherstrom verschwunden waren, drehte sich der Metallhändler zu seinem Gehilfen um und bemerkte mit einem hilflosen Achselzucken und gleichzeitigem anerkennenden Augenzwinkern: »Die war richtig pfiffig, die Kleine! Aber mach lieber einen großen Bogen um solche Mädels, mein Junge, denn denen gelingt es immer, dich in ihr Säckchen zu schnüren.«
   Da sie ihre Einkäufe – wie erhofft – nun zügig und erfolgreich abgeschlossen hatten, konnten sich Sophie und Marja für den Weg zurück in die Cöllner Heimat Zeit lassen. Schließlich wollten beide noch mehr vom Jahrmarkt und seinen Attraktionen sehen, und deshalb wählten sie für die Heimkehr eine andere Route, die in der Nähe der Nikolaikirche vorbeiführen würde. Es war fraglos kein Zufall, dass sich dort auch immer die Verkaufsstätte von Clavus Egidius befand – eines Schuhmachers, der sich dessen rühmte, dass seine Kontakte bis nach Brüssel und Venedig reichten und sein Schuhwerk deshalb stets der allerneuesten Mode folgte.
   Als sie sich dem Häuserkranz rund um die Kirche näherten und ganz in der Nähe laute »Ohs!« und »Ahs!« hörten, schwenkten sie unwillkürlich vom geplanten Weg ab, denn ein gesundes Maß an Wissensdurst und Neugier konnte man beiden Frauen nicht absprechen. Wenig später erblickten sie aus der Ferne die Rücken einer größeren Gruppe von Menschen, deren Kleidung auf Mitglieder aller gesellschaftlichen Klassen der Stadt schließen ließ, vom Patrizier über den Handwerker bis zum Tagelöhner. Erst als Sophie und Marja näher kamen, erkannten sie, dass die Mehrzahl der Personen recht jung war und dass sich eine beträchtliche Anzahl von Handwerkergesellen darunter befand.
   Als sich zwei der Schaulustigen umdrehten und auf den nächsten Marktstand zugingen, nutzte Sophie kurz entschlossen ihre Chance und zwängte sich geschickt in die entstandene Lücke hinein, mit Marja dicht hinter sich. Kurz darauf gab es direkt vor ihr erneute Hin- und Her- und Vor- und Zurückbewegungen der Zuschauer, und unversehens stand Sophie plötzlich in der ersten Reihe der Menschenansammlung.
   Direkt vor ihr befand sich ein klapprig wirkender Tisch mit vier wackligen Stühlen, auf denen sehr verschiedenartige Personen saßen. Auf ihrer Seite des Tisches erblickte Sophie die Hinterköpfe von drei jungen Burschen, die unruhig und nervös auf ihren Sitzplätzen herumrutschten. Ihr Gegenüber auf der anderen Seite des Tisches war ganz offensichtlich ein Gaukler, bekleidet mit einem gelb-dunkelgrün-karierten Gewand, knallgelben Schnabelschuhen mit überlangen, unterhalb der Knie festgezurrten dunkelgrünen Schuhspitzen, und einer aus gelben und dunkelgrünen Tüchern zusammengebundenen turbanähnlichen Hutkonstruktion. Diese Kopfbedeckung verhüllte den oberen Teil seines Gesichtes und ließ lediglich den Blick auf einen dichten, schwarz gelockten Vollbart frei, der einen schmallippigen Mund umrahmte. Dichte dunkle Behaarung erblickte man auch auf seinen Unterarmen, wann immer seine Arme unter dem Obergewand hervorschossen und seine mit langen, schmutzgerahmten Fingernägeln ausgestatteten Hände nach den Würfeln griffen.
   Denn es war ein Würfelspiel, in das die drei jungen Kerle und ihr gelb-grüner Gegenspieler mit bedingungsloser Hingabe vertieft waren, und das den Zuschauern immer wieder einmal jene anfeuernden oder ungläubigen Ausrufe hervorlockte, die die beiden Frauen bereits aus der Ferne vernommen hatten. Die Regeln dieses Spiels waren Sophie allerdings schleierhaft. Der Gaukler warf immer wieder sechs Würfel auf den Tisch, von denen er zwei oder drei entfernte, um sie gleich darauf erneut auszuspielen. Seine Gegenspieler wiederum hatten nur jeweils zwei Würfel vor sich, von denen sie lediglich einen aufnehmen und neu auswürfeln durften.
   Wie immer Gewinner und Verlierer der Würfelrunden auch ermittelt wurden, es handelte sich offensichtlich um ein Glücksspiel, denn vor jedem Spieler lagen neben den Würfeln auch mehrere Pfennige, die je nach dem Ergebnis des Würfelns zwischen den Spielern hin- und hergeschoben wurden – wobei sie sich deutlich häufiger in Richtung des Gauklers bewegten als zu den drei jungen Burschen. Sophie rümpfte abfällig die Nase, denn Würfelspiele waren zwar nicht verboten, aber viele junge Gesellen hatten dadurch bereits ihren gesamten Verdienst verspielt, und sie hatte von Plänen der Zünfte und der Ratsherren gehört, gegen diese Auswüchse gezielt vorzugehen.
   Ihr Naserümpfen war nicht unbemerkt geblieben, und mit einiger Bestürzung beobachtete Sophie, wie sich der Kopf des Gauklers urplötzlich anhob und der Würfelspieler seine volle Aufmerksamkeit nunmehr ausschließlich auf sie richtete. Über dem Vollbart wurde eine schiefe Hakennase sichtbar, sowie eine mit einem grünen spiralförmigen Symbol bemalte Stirn über zwei Augen, die sie unverwandt anstarrten. Diese Augen waren so dunkel, dass sie fast schwarz erschienen, und sie waren von einer unwirklich anmutenden Starrheit, weil sie nicht ein einziges Mal von einem Blinzeln verdeckt wurden. Nachdem sich sein Blick eine gefühlte Ewigkeit lang in ihre Augen versenkt hatte, bewegte er sich allmählich tiefer und musterte nach und nach ihren ganzen Körper.
   Sophie hatte sich anfangs wie ein hilfloses Kaninchen gefühlt, das völlig unfähig zu irgendeiner Art von Bewegung war, während sein Blick ihre Augen fixiert hatte. Doch als sich sein Augenmerk tiefer liegenden Regionen zuwandte und er auf unverschämt lüsterne Art ihren Körper taxierte, begann ihr Handlungsvermögen allmählich wieder zu erwachen. Zudem wurde ihr auf einmal bewusst, dass viele der Umstehenden sie neugierig begafften, denn das Interesse des Gauklers an ihr konnte niemandem entgehen. Nun endlich fiel ihr auch auf, dass Marja hinten immer heftiger an ihrem Kleid zupfte, um sie von hier wegzuziehen. Zu dem aufkeimenden Gefühl von Peinlichkeit gesellte sich ein ausgeprägtes körperliches Unwohlsein, denn als diese tiefdunklen Augen sie Zoll um Zoll abtasteten, hatte sie gespürt, wie ihr Magen sich verkrampfte und sich eine gallebittere Übelkeit in ihr ausbreitete. Begriffe wie »teuflische Magie« und »Beelzebub« schossen ihr in den Sinn, und sie wusste, dass sie ganz schnell verschwinden sollte, ehe sie sich vor all den Gaffern übergeben musste.
   Erfüllt von derart scheußlichen Befürchtungen löste die junge Frau ihren Blick von diesem widerwärtigen und unheimlichen Gegenüber und drehte sich unvermittelt um, wobei sie Marja fast umgestoßen hätte. Mit beiden Armen wild um sich fuchtelnd drückte sie die ihr am nächsten stehenden Zuschauer fast panikartig beiseite und schob sich rücksichtslos zwischen ihnen hindurch. Dieser Verzicht auf jegliches weiblich-dezente Verhalten erwies sich als durchaus erfolgreich, denn zwei Wimpernschläge später hatte Sophie die Menschenmauer durchbrochen und stand wieder im Freien. Sie atmete tief und erleichtert auf – jetzt noch ein paar schnelle Schritte, um den Blicken der ihr nachstarrenden Neugierigen zu entgehen, dann war dieses grausige Zwischenspiel endlich vorüber!
   Darin sollte sie sich allerdings täuschen, denn das Ende ihres Martyriums hatte sie noch nicht erreicht. Nach den ersten beiden dieser »schnellen Schritte« rannte sie unversehens in jemanden hinein, dessen Anwesenheit sie zuvor bei ihrem verzweifelt gesenkten Blick nicht bemerkt hatte. Der unerwartete Zusammenprall im Zuge ihrer überstürzten Flucht raubte ihr auch noch den allerletzten Rest an Körperkontrolle und führte dazu, dass sie ihr Gleichgewicht verlor und in voller Länge zu Boden fiel. Dabei konnte sie sich glücklich schätzen, dass es schon länger nicht mehr geregnet hatte, denn dadurch fiel sie nur in einen Haufen Staub und nicht in glitschigen Modder, den man hier sonst häufig vorfand.
   Einen Augenblick lang kehrten die alten Ängste zurück, und Sophie fürchtete schon, dass sich dieser dämonische Gaukler hierhergezaubert hatte. Doch dann blickte sie auf und sah einen großen und schlaksig wirkenden jungen Mann, der entgeistert auf sie herabschaute und heftig mit den Armen ruderte, um sich nicht gleich neben sie auf den Boden zu setzen. Ein zweiter Blick verriet, dass er offenbar aus einer wohlbetuchten Familie stammte – und scheinbar nicht sehr erfreut war, auf diese ungewöhnliche Weise ihre Bekanntschaft zu machen.
   Da ihr Kopf bei dem Sturz direkt neben seinen Füßen gelandet war, konnte sie nicht umhin, zu bemerken, dass er ebenfalls Schnabelschuhe trug, doch hatten deren Spitzen im Gegensatz zu jenen des Gauklers eine Länge von gerade mal einer halben Elle. Obwohl dies für ihre Situation völlig unerheblich war, nahm sie die Beobachtung mit ziemlicher Verblüffung zur Kenntnis, denn derartige Schuhe sah man ziemlich selten, und jetzt waren ihr innerhalb einer kurzen Zeitspanne gleich zwei Männer mit dieser ungewöhnlichen Fußbekleidung über den Weg gelaufen.
   Ansonsten war das Opfer ihres Zusammenstoßes nach der allerletzten Mode gekleidet, mit einem roten und einem blauen Beinling, darüber einem oben eng geschnittenen und unten in Falten herabfallenden Oberkleid mit weiten Ärmeln, das in der oberen Hälfte leuchtend blau und unten knallrot gefärbt war, sowie einem breiten kastanienbraunen Gürtel mit zwei daran hängenden Lederbeuteln und einer aufwendig ziselierten Schnalle. Als Kopfbedeckung trug er eine an den Rändern kunstvoll ausgefranste Gugel – eine kapuzenähnliche Tracht, die mit einem langen Zipfel versehen war und Kopf und Schultern bedeckte. Passend zu den Beinlingen war sie ebenfalls senkrecht halb rot, halb blau gefärbt und endete in einem rot-blauen Zipfel, der auf den Schultern des jungen Mannes ruhte. An den Seiten der Gugel drangen dunkelbraune gelockte Haare hervor, und zwischen den Haarlocken erblickte Sophie ein glatt rasiertes und augenblicklich etwas entgeistert wirkendes Gesicht mit einer geraden, leicht aufwärtsgerichteten Nase und kleinen Grübchen in beiden Wangen. Die Augen, die auf sie herabblickten, waren von einem kräftigen dunklen Braun und lagen gegenwärtig unter einer von Falten zerfurchten Stirn. Alles in allem fand sie den Anblick dieses hoch aufgeschossenen Fremden gar nicht unsympathisch, wenn man einmal davon absah, dass sein Kleidungsgeschmack etwas extrem war – und dass sie jetzt gerade vor ihm im Staub zu seinen Füßen lag.
   Einen kurzen Moment lang überkam sie ein unerklärliches Gefühl von innerer Nähe zu diesem so mutig gekleideten und stattlichen Kerl, aber diese erste spontane Empfindung von Vertrautheit verschwand abrupt, als sich seine herumschlingernden Arme beruhigt hatten, er sich räusperte, seine Stirn in grimmige Falten legte und sie ansprach. Zwar wirkte der Klang seiner dunklen Stimme durchaus anziehend, aber die Worte, die diese Stimme in die Welt hinauswarf, beleidigten ihre Ohren aufs Allerheftigste. Was sie hörte, waren nicht etwa galante und Frauenherzen betörende Schmeicheleien oder wenigstens eine mitfühlende Entschuldigung, sie in eine derart missliche Situation gebracht zu haben – nein, seine Äußerung umfasste lediglich ein plattes, in vorwurfsvollem Ton hervorgestoßenes: »Was war denn das?«
   Eigentlich hatte Sophie erwartet, dass er ihr die Hand reichen und ihr aufhelfen würde, aber daran schien dieser Schnösel nicht zu denken. Also rappelte sie sich ohne seine Hilfe auf, klopfte heftig auf ihre Kleider, um den Straßenstaub so gut wie möglich loszuwerden und blaffte ihn mit spitzer Stimme an. »Das solltet Ihr doch eigentlich wissen, Ihr junger Tölpel! Wenn Ihr nicht so ungeheuerlich lange Schuhe tragen würdet, könnten anständige junge Damen darüber auch nicht stolpern!«
   Wie ungerecht diese Bemerkung war, entging Sophie völlig. Sie blickte sich nach Marja um, die nicht so schnell an den Zuschauern des Gauklers vorbeigekommen und gerade erst wieder an ihrer Seite angekommen war. Während die Blicke ihrer Begleiterin noch fragend und etwas hilflos zwischen ihr und dem »Tölpel« hin- und herwanderten, warf Sophie dem verblüfften jungen Mann einen letzten schnippischen Blick zu, drehte sich auf den Hacken um und stürzte sich so energisch in die Menge der Marktbesucher hinein, dass Marja ihr kaum zu folgen vermochte.
   Wenig später verzichtete Sophie kurz entschlossen auf den eigentlich geplanten Besuch des Schuhhändlers und anderer diesjähriger Modeattraktionen und steuerte stattdessen zielstrebig den Mühlendamm an. Sie wusste, dass sie keine Freude an weiteren Markterlebnissen haben würde, denn ihre Gedanken waren mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Während des gesamten Heimwegs gingen ihr eine Unzahl von deftigen und bildgewaltigen Beleidigungen durch den Sinn, die sie diesem uncharmanten, unhöflichen, ungeschickten, unmöglichen, total verzogenen Sprössling reicher und zu nachsichtiger Eltern nur allzu gern und voller Wonne an den Kopf geworfen hätte.

Kapitel 2

Wie zur Salzsäule erstarrt blieb Otto Wieprecht noch einige Momente stehen, um seine Fassung wiederzugewinnen. Was war das denn nur gewesen? Eben noch war er tief in Gedanken versunken über den Platz marschiert, da rannte plötzlich diese junge Frau wie ein wild gewordenes Wichtelweibchen in ihn hinein, sodass er fast den Halt verloren und sich auf den Boden gesetzt hätte. Wie sie es dann ihrerseits tatsächlich auch getan hatte – und er sah jetzt noch ihre riesengroßen blauen Augen vor sich, die erst verwirrt und dann vorwurfsvoll zu ihm aufgeblickt hatten.
   Er erinnerte sich auch an ihre Worte, ihre Schuldzuweisung an seine »ungeheuerlich langen Schuhe«, und da erzitterte er fast vor verletztem Stolz und dem Gefühl von grotesk überzogener Ungerechtigkeit. Schließlich war sie in ihn hineingelaufen und nicht umgekehrt! Seine Schuhspitzen waren zwar lang, aber dies war der allerletzte Schrei, und in wenigen Jahren würden alle modebewussten Bürger so etwas tragen! Noch zogen die meisten Stadtbewohner die klassischen geknöpften oder geschnürten abgerundeten Halbschuhe vor, doch es dauert eben immer eine gewisse Zeit, bis gewagte neue Ideen die alten traditionellen Gewohnheiten überwinden können. Angesichts der eleganten Frische und Formenvielfalt der radikal neuartigen Schnabelschuhe sollte es gewiss für jeden zivilisierten Bürger von Berlin und Cölln offenkundig sein, dass bald nicht mehr nur adlige Herrschaften diese so vielseitige Schuhform mit dezenter Würde und behaglicher Zufriedenheit tragen würden!
   Auch seine restliche Bekleidung schien dieser weibliche Wirbelwind mit einiger Verwunderung betrachtet zu haben, obwohl die farbliche Gestaltung seiner Bekleidung genau dem entsprach, was man an den Höfen deutscher Fürsten und in den Kreisen fortschrittlicher Bürger mancher Hansestädte heutzutage als moderner Mensch zu tragen pflegte – angefangen bei seinen zweifarbigen Beinlingen bis hoch zum zweifarbigen Zipfel seiner Gugel. Er verwendete schließlich jeden Morgen sehr viel Zeit darauf, seine Kleidungsstücke in zwei der jeweiligen Tagesstimmung angepassten Farben zusammenzustellen und hatte heute zum Beispiel knallrot und leuchtend blau gewählt, weil er Freude und Ehre empfand (rot), an diesem Tage treu und stetig (blau) zu seinen familiären Pflichten zu stehen. So wie er letzte Woche grün und schwarz getragen hatte, weil er sich in eine wunderschöne, elfengleiche Dame verguckt hatte (grün), dann aber erfahren musste, dass sie nur die Tochter eines Zimmermanns und auch bereits verheiratet war, sodass er seine beginnende Verliebtheit sogleich wieder begraben musste (schwarz).
   Natürlich – es gab immer manche Mitmenschen, die diese tiefe Symbolik nicht verstanden oder mit den zukunftsweisenden Entwicklungen der neuesten Mode nicht vertraut waren und die Otto deshalb abfällig belächelten oder ihn als Modegockel abtaten. Normalerweise störten ihn der Spott und die Kritik dieser Leute recht wenig, denn im Gegensatz zu ihnen war ihm bewusst, dass er als Suchender und als Künstler zwangsläufig andere Wege beschreiten musste als die normalen Menschen. Aber diesmal war es anders, denn die Worte und Blicke dieses kecken Wildfangs hatten seinen seelischen Schutzpanzer scheinbar mühelos durchdrungen …
   Während er seinen so abrupt unterbrochenen Weg allmählich wieder fortsetzte, erwachte in ihm erneut der gekränkte Stolz, und er beschloss, diesen ungeschickten Bauerntrampel von nun an aus seinen Gedanken zu verbannen. Bedauerlicherweise klappte dies überhaupt nicht, denn er musste seine eigenen Worte sogleich korrigieren. Sie war zwar zu Boden gestürzt, aber deshalb war sie weder ungeschickt noch ein Trampel, sondern vielmehr von geradezu panischer Angst erfüllt gewesen. Und sie war mit Sicherheit kein Bauernmädchen, denn ihr mit einer Zierborte versehenes hellblaues Leinenkleid, das in der Taille von einem dunkelblauen Stoffgürtel eng umschlungen wurde, wies eher auf die Tochter irgendeines Krämers oder Handwerkers hin.
   Ferner war ihm nicht entgangen, dass sie nicht nur jung und hübsch, sondern auch unverheiratet war, denn sie trug ihr blondes Haar offen, verziert mit einem heiteren Blumenkranz, und nicht unter einer Kopfbekleidung, die das Haar schicklich bedeckte. Und als sie sich beim Aufstehen nach vorn beugen musste, war ihre Bekleidung verrutscht, sodass er einen Moment lang ihren Hals, ihre Schultern und noch etwas mehr erblicken konnte. Dieser Anblick schien sich in sein Gedächtnis eingebrannt zu haben, denn das Bild ihrer zarten, reinweißen Haut stand ihm plötzlich wieder direkt vor Augen – ganz zu schweigen von jenem etwas tieferen Einblick, der zwei wundervoll geformte zarte Brüste erahnen ließ.
   Nach und nach beschlich Otto die Erkenntnis, dass seine heftigen Vorwürfe wenig durchdacht und reichlich vorschnell gewesen waren, und dass womöglich gar er selbst, und nicht etwa dieses blonde Mädchen, sich wie ein ungeschickter Bauerntrampel aufgeführt hatte. Denn wie hatte er, der der geschmeidigen Wortkunst ebenso nachstreben wollte wie den edlen ritterlichen Idealen, sich soeben benommen? Wie hätte sich ein Held vom Schlage eines Iwein oder jenes namenlosen Ritters der »Herzmäre« in dieser Situation verhalten? Die Antwort wurde ihm schlagartig und ohne den geringsten Hauch eines Zweifels bewusst: Ein solcher Held hätte der jungen Dame unverzüglich eine helfende Hand gereicht, um sie aus ihrer misslichen Position zu befreien, er hätte ihr geschickt und unaufdringlich aufgeholfen, ihr eine schwungvoll elegante Verbeugung gewidmet, sich mit würdevollen Worten vorgestellt, und ihre Pein dann mit mitfühlendem Trost gemildert. Und was hatte er stattdessen getan?
   Ein dumpfes Magengrimmen machte ihm klar, dass weitere Überlegungen in dieser Richtung wenig erbaulich waren, und so gab er sich innerlich einen Ruck, akzeptierte sein grässliches Fehlverhalten und beschloss, sich bei der blonden Jungfrau demütigst zu entschuldigen, wenn er ihr wieder einmal begegnen sollte. Dann aber schob er dieses unangenehme Thema endgültig beiseite, denn heute gab es wahrlich wichtigere Dinge, um die er sich zu kümmern hatte.
   Dieser bemerkenswerte Tag hatte damit begonnen, dass ihm sein Vater bereits am frühen Morgen den Auftrag erteilt hatte, mit dem markgräflichen Mühlenmeister über Zeitpunkt und Kosten für das Mahlen einiger Getreidelieferungen aus dem Lehnsbesitz der Familie zu verhandeln (woraufhin Otto wenig später von der schwarz/grünen zur rot/blauen Kluft wechselte). Eine solche Mission war außergewöhnlich genug, denn es passierte äußerst selten, dass sein Vater ihn mit wichtigen geschäftlichen Aufgaben betraute. Am späten Vormittag steigerte sich seine Überraschung dann ins Unermessliche, als während der Verhandlungen mit dem Mühlenmeister plötzlich ein Bote im Mühlenhof auftauchte, der ihm mitteilte, er solle sofort ins Rathaus eilen, um seinen Vater dort bei einer Sondersitzung des Stadtrates zu vertreten.
   So etwas war noch nie passiert, und Otto war sich sehr sicher, dass ihm diese Ehre nicht etwa zuteilwurde, weil sein Vater ihn auf einmal für ein schätzenswertes und verlässliches Mitglied der Familie Wieprecht hielt. Der einzige Grund war der, dass sein alter Herr schlicht und einfach keine andere Wahl hatte.
   Sein Vater – das war Hans Wieprecht, ein angesehener und einflussreicher Kaufmann, der im vergangenen Jahr einer der beiden Altermänner des Berliner Stadtrats gewesen war. Bereits zwei Generationen zuvor waren die Wieprechts in die Stadt gekommen und hatten es hier als Tuchhändler zu beträchtlichem Wohlstand gebracht. Zusammen mit den befreundeten Familien Krähenfuss und von Belitz stieg die Familie in den Fernhandel mit Hamburg ein und baute dadurch ihren Reichtum und ihre gesellschaftliche Stellung weiter aus. Heute besaßen die Wieprechts ausgedehnten Landbesitz in der Region um Wilmerstorff und Margrevendorf und verkauften große Mengen von Getreide nach Hamburg, um dort wiederum feinste Brüsseler Tuchwaren einzukaufen, die sie in Berlin und andernorts mit hohem Gewinn veräußerten. Auch die Zukunft der Familie schien gesichert: So, wie Hans Wieprecht das Geschäft von seinem Bruder Heinrich übernommen und erfolgreich fortgeführt hatte, so würde eines Tages Ottos älterer Bruder Karl in die Fußstapfen seines Vaters treten und die Familientradition fortführen.
   Im Moment allerdings hatte sein Vater das Problem, dass der ältere und geschäftserfahrene Sohn zu wichtigen Kreditverhandlungen nach Hamburg gereist war, während er selbst von einer heftigen Influenza gepackt worden war. Die ganze Nacht über war er von tief sitzendem Husten und gelegentlichen Fieberschüben wachgehalten worden, und es war klar, dass er heute bei seinen geschäftlichen Aktivitäten kürzertreten musste. Zwar wollte er, wenigstens für einige Zeit, an der Versammlung der märkischen Gewandschneider und Kaufleute teilnehmen, die heute anlässlich des Jahrmarktes im Berliner Rathaus stattfinden sollte und stets tiefe Einblicke in die Aktivitäten der Konkurrenz zuließ und manchmal auch interessante Perspektiven für neue Handelspartnerschaften eröffnete. Aber mit einer Teilnahme an dieser Veranstaltung würde er ohne jeden Zweifel die Grenzen seiner heutigen körperlichen Leistungsfähigkeit erreichen.
   So sehr dies Hans Wieprecht auch missfallen mochte: Jetzt blieb nur noch sein zweiter Sohn für geschäftliche Tagesaufgaben übrig, die von seinen Dienern, Arbeitern und Kontoristen nicht erledigt werden konnten. Otto hatte es oft genug zu spüren bekommen, wie wenig sein Vater ihn schätzte – eigentlich schon seit frühester Jugend, nachdem seine Mutter, die heiß geliebte Gefährtin seines Vaters, kurz nach seiner Geburt im Kindbett gestorben war. Heute nun lagen unüberbrückbare Welten zwischen Hans Wieprecht und seinem jüngeren Sohn, was durchaus auf gegenseitiger Abneigung beruhte, denn Otto hielt von den Geschäftspraktiken und dem sozialen Standesdünkel seines Vaters ebenso wenig wie dieser von seiner Modebesessenheit und seinen künstlerischen Ambitionen. Eines Tages würde Otto wohl seine Pflicht erfüllen müssen und irgendeine Position im Familienunternehmen einnehmen, aber jetzt, obwohl bereits zwanzig Jahre alt, wollte er derart einschränkenden Verpflichtungen noch eine Weile lang aus dem Wege gehen. Zumindest so lange, wie ihm sein Vater nicht die selbstverständliche Achtung und Wertschätzung entgegenbrachte, die er seiner eigenen Überzeugung nach verdiente.
   Genau dies würde er heute beweisen können! Als ihm der Bote im Mühlenhof die Anweisung seines Vaters ausgerichtet hatte, fasste er sogleich den Entschluss, sich mit vollem Eifer und unermüdlicher Tatkraft um deren Erfüllung zu bemühen, um damit aller Welt – und insbesondere seinem Vater – eindringlich vor Augen zu führen, dass er eine derart ehrenvolle Aufgabe mustergültig erfüllen konnte. Außerdem würde dies die erste Sitzung des Stadtrates sein, die er miterleben durfte, und er empfand eine gewisse prickelnde Erregung bei dem Gedanken, endlich einmal einen Einblick in die Hintergründe der städtischen Verwaltung zu bekommen, über die er oft genug abfällig gelästert hatte. Und so Gott wollte, würde er heute womöglich auch mehr darüber erfahren, welche äußeren Einflüsse die erschreckend altertümlichen Ansichten seines Erzeugers geprägt hatten.
   Sobald sich Otto beim Mühlenmeister für seinen plötzlichen Aufbruch entschuldigt hatte, machte er sich unverzüglich auf den Weg zum Treffen der Ratsherren im neuen Berliner Rathaus. Das ehemalige städtische Rathaus stand genau gegenüber vom Mühlenhof und war ein inzwischen ziemlich verfallener Fachwerkbau aus der Anfangszeit der Stadtentwicklung. Vielleicht würde man es ja wieder herrichten, wenn man wie geplant eine Rolandsäule als Symbol der städtischen Freiheit hier am Ende des Alten Marktes aufstellen würde. Die offiziellen Amtsgeschäfte aber würden für immer in dem neu erbauten prächtigen Ziegelbau an der Grenze zwischen Altstadt und Neustadt verbleiben – oder aber teilweise an das noch immer im Bau befindliche Rathaus auf der Langen Brücke für die Verwaltung der gemeinsamen Belange der Doppelstadt übergehen, da sich Berlin und Cölln vor ein paar Jahren zu einer Städteunion zusammengeschlossen hatten.
   Kaum hatte Otto den Ausgang des Mühlenhofs erreicht, wurde er auch schon von der erwarteten zähen Masse der Marktbesucher umschlungen. Einen Moment lang kam er keinen einzigen Schritt voran, und da er die meisten der Umstehenden um Kopfeslänge überragte, erkannte er alsbald die Ursache für diesen Stillstand: Vor dem alten Rathaus standen zahlreiche Schaulustige wie festgewachsen herum, um zwei am Marktpranger angekettete, mit Schandsteinen verunzierte und leise vor sich hinwimmernde Weiber zu begaffen und mit abfälligen Sprüchen zu verhöhnen. In dieser Richtung gab es kein Durchkommen, daher schob sich Otto ungeduldig an der Mauer des Mühlenhofs entlang, bis er wieder Bewegung in der Menschenmenge verspürte. Von dort aus ließ er sich vom Strom in Richtung Innenstadt schieben, bis sich das Gedränge am Rand des Marktplatzes aufzulösen begann. Nun konnte er wieder ungehindert weiterlaufen und kam mit weit ausgreifenden Schritten vorzüglich voran – bis er von einer ungestümen Jungfrau fast umgerannt worden wäre.
   Mittlerweile hatte Otto seine Fassung mit einiger Mühe wiedergewonnen. Er richtete seine Gedanken nur noch auf die vor ihm liegende Herausforderung und setzte seinen Weg zur Ratsversammlung fort, indem er am Ende des Alten Markts in die Middelstraße einbog. Vermutlich war er zu dieser Zeit etwas zu tief in seine Gedanken versunken, denn er bemerkte den kleinen schwarz-weiß gescheckten Hund nicht, der urplötzlich auf seine blauen und roten Beinlinge zusprang, weil ihm die knallrot umhüllten Waden offenbar als so schmackhaft erschienen, dass er unbedingt einmal hineinbeißen musste. Otto spürte nur den plötzlichen Schmerz, und nach einem heftigen Schütteln hatte er den tierischen Feinschmecker abgeschüttelt. Zur Sicherheit versetzte er dem Straßenköter noch einen kräftigen Fußtritt – und hier bewiesen seine spitzen Schnabelschuhe, dass sie nicht nur modischen Wert besaßen, denn mit einem kläglichen Aufheulen hetzte der schwarz-weiße Quälgeist wie besessen von dannen, und man konnte wohl davon ausgehen, dass er nie wieder einen Menschen mit einem derartigen Schuhwerk belästigen würde.
   Am Anfang der Middelstraße gab es erneut eine Reihe von Verkaufsständen, die sich an die Fassaden der umliegenden Häuser schmiegten. Doch dann erblickte man auf beiden Seiten der Straße nur noch die prunkvoll verzierten Giebel von Wohn- und Geschäftsbauten jener reichen Kaufleute, die sich in dieser piekfeinen Gegend nahe dem neuen Rathaus niedergelassen hatten. Da rechts, da war das Domizil der Blankenfeldes, die zu den ältesten und wohlhabendsten Patrizierfamilien der Stadt zählten. Schräg gegenüber auf der linken Seite erblickte Otto die vertraute Fassade jenes Gebäudes, in dem er aufgewachsen war, und gleich hinter dem Haus der Wieprechts stand der Stammsitz der Familie Krähenfuss, wo seine Cousine Elise mit ihrem Gemahl Albert und ihren Kindern wohnte. Ihr ältester Sohn Heinrich war nur ein paar Jahre älter als er, und ihm hatte sich Otto in seiner Kindheit fast näher gefühlt als seinem eigenen Bruder, denn er hatte viel Zeit mit diesem fröhlichen Knaben verbracht, dem immer wieder neuer Schabernack eingefallen war.
   Aber die Zeiten ändern sich, und vielleicht würde er sogleich in der Ratssitzung einen inzwischen älteren und würdevolleren Heinrich wiedertreffen, der seine Lebensfreude und seinen Humor jedoch niemals verloren hatte und der nach wie vor zu Ottos engsten Freunden zählte. Heinrichs Vater, Albert Krähenfuss, war im letzten Jahr zusammen mit Hans Wieprecht in den Berliner Stadtrat gewählt worden, und er hatte in diesem Jahr zugunsten seines Sohnes auf seinen Platz im Alten Rat verzichtet, um seinen designierten Nachfolger Stück für Stück nicht nur in das Familiengeschäft, sondern auch in seine städtischen Verpflichtungen einzuführen. Diese Weitsicht von »Onkel Albert« kam Otto gerade jetzt sehr zupass, denn er war für jedes vertraute Gesicht unter den Ratmannen – die man heute eher als »Ratsherren« bezeichnen würde – überaus dankbar.
   Als er schräg gegenüber vom Wieprecht’schen Haus an der Einmündung der Schmiedegasse den Stand eines Grobschmieds passierte, zu dessen Auslagen neben Schlössern, Riegeln und Türgriffen auch ein paar Bratpfannen zählten, bemerkte er ein paar Schritte vor sich einen schmächtigen, in einfache braune Leinentracht gekleideten Mann, der ihn mit großen Augen angaffte und dann losprustete: »Heh, du da, du bunte Bohnenstange! Du bist hier falsch – die Gaukler stehen da drüben!«
   Ähnliches hatte Otto bereits mehrfach erlebt, wenn er auf Leute vom Lande traf, die das modische Äußere eines fortschrittlichen Städters nicht verstehen konnten. Daher hielt sich sein Ärger in Grenzen, und als er zu diesem Bauern aufschloss, zischte er ihm lediglich scharf zu: »Noch ein solches Wort – und ich lasse Euch vom Marktmeister aus der Stadt werfen!« Zwar glaubte Otto selbst nicht an die Durchführbarkeit seiner Drohung, aber sie bewirkte wie erhofft, dass das Lachen des anderen urplötzlich versiegte und er sich mit verschrecktem Blick davonmachte.
   Am Ende der Middelstraße traf man auf das moderne Zentrum der Berliner Verwaltung. Direkt an der Ecke zur Oderberger Straße stand die Gerichtslaube, an die sich direkt daneben das neue Berliner Rathaus anschloss. Die Gerichtslaube war ein einstöckiger, nach drei Seiten offener Bau aus roten Backsteinen, in dem die öffentlichen Gerichtsverhandlungen der Stadt durchgeführt wurden. In der nordöstlichen Wand gab es einen Durchgang zum Rathauskomplex, der etwas später im selben Stil und ebenfalls aus roten Ziegeln erbaut worden war.
   Sobald Otto die Ecke zur Oderberger Straße erreichte, wurde es noch einmal besonders eng. Nicht umsonst wurde diese Straßenkreuzung auch als »Krautmarkt« bezeichnet, denn hier drängten sich unzählige Verkaufsstände mit landwirtschaftlichen Produkten jeglicher Art. Auf der Suche nach einer Abkürzung machte Otto den Fehler, sich zwischen zwei Verkaufsständen hindurchzuzwängen – und dabei trat er genau in einen dicken Pferdeapfel hinein. Was ihn auf unerquickliche Weise daran erinnerte, dass man nur in der Mitte der Straßen vor derart unliebsamen Überraschungen weitgehend gefeit war.
   Und so war Otto eine Zeit lang damit beschäftigt, mit leicht schlurfendem Schritt weiterzugehen, um seine Schuhe auf der Straßenoberfläche vom Pferdekot zu befreien – ganz nach dem Motto: lieber staubig als stinkend schmutzig. Während er mit dieser sehr speziellen Schritttechnik den Anfang der Oderberger Straße hinter sich ließ, änderte sich die Straßenszene – und auch der Geruch wechselte von muffig-grün-krautig zu muffig-blutig-fleischig. Hier, nahe dem Rathaus zwischen der Spandower Straße und der St. Marienkirche, befanden sich die meisten der knapp vierzig Scharren der Berliner Knochenhauer. Über die Hintergründe der Besitzverhältnisse war Otto durch etliche häusliche Gespräche bestens informiert, denn erst im letzten Jahr hatte der Berliner Rat unter Leitung seines Vaters den Knochenhauern urkundlich zugesichert, dass diese Scharren ihnen und ihren Nachkommen gehören würden – gegen die Zahlung eines vierteljährlichen Erbzinses von sechs Schilling und fünf Pfennig.
   Während sich Otto allmählich dem Rathauseingang in der Oderberger Straße näherte, bemerkte er, dass die meisten Stände der Knochenhauer von den üblichen Menschentrauben umlagert wurden – bis auf einen, wo man wegen der fehlenden Besucher einen langen Tisch ohne jegliche Ware in einem recht großen, doch völlig menschenleeren Marktstand erblicken konnte. Otto schüttelte verwundert den Kopf, denn dies war der Scharren eines gewissen Gerhard Perwenitz, der nicht nur der vermutlich reichste Knochenhauermeister der Stadt und ein führendes Mitglied seiner Zunft war, sondern es gleichzeitig auch geschafft hatte, dieses Jahr zum Ratsmitglied gewählt zu werden. Tatsächlich war das eine kleine Sensation gewesen, denn normalerweise bestand der Stadtrat ausschließlich aus Mitgliedern der reichen Patrizierfamilien. Otto erinnerte sich sehr gut, dass sein Vater wenig erfreut über die Wahl dieses neuen Ratsherren gewesen war und seitdem immer wieder darüber klagte, dass ein Handwerker im ehrwürdigen Stadtrat eigentlich nichts zu suchen hatte.
   Inzwischen war Otto am Eingang des Rathauses angekommen und ging die paar Stufen zum offenen Portal des Backsteinbaus hinunter. Das Rathaus besaß drei Stockwerke, von denen man das untere auch als Kellergewölbe bezeichnen konnte, da es tiefer lag als das Niveau der Oderberger Straße. Das Gebäude war ursprünglich eher ein Kaufhaus gewesen denn ein Zentrum bürgerlicher Verwaltung, und auch heute noch wurde lediglich das oberste Geschoss vom Stadtrat genutzt, während die restlichen Räumlichkeiten zu Verkaufszwecken verwendet wurden.
   Auch hier wimmelte es von Menschen – und tatsächlich war die Kaufhalle im Rathaus eines der wichtigsten Zentren des Jahrmarkts, denn in dieser ehrwürdigen Umgebung tätigten die reichen Fernkaufleute ihre Geschäfte. Als Otto durch den spitzbogenumsäumten Eingang getreten war, sah er links von sich zwischen den Pfeilern der hohen Kreuzgewölbe lange Reihen von Tuchrollen und -ballen aller Farben liegen, um die wild gestikulierende, gut gekleidete Käufer und Verkäufer herumstanden. Die Lautstärke war hier im geschlossenen Raum deutlich höher als draußen, und er konnte etliche Gesprächsfetzen erhaschen, in denen es um die Preise und die Qualität der Waren ging. Irgendwo dort hinten, so wusste er, befanden sich auch die Angestellten seines Vaters, die hier für angereiste Großkaufleute und die Kleinhändler aus der Umgebung die Brüsseler Tuchwaren aus dem Wieprechtschen Lager zur Schau stellten. Ursprünglich hatte er erwartet, heute auch die halbjährlichen Gebühren für ihre Kaufkammer begleichen zu müssen, aber sein alter Herr hatte ihm mitgeteilt, dass er dies bereits vor zwei Tagen erledigt hatte.
   Otto stieg die breite Treppe hinauf zum ersten Stock, wo ihn ein ähnlicher Lärm empfing. Nur wurden hier andere Qualitätsprodukte zum Verkauf angeboten, und man sah so unterschiedliche Waren wie Hermelinpelze, Flaschen mit vermutlich rheinischem oder italienischem Wein, fein gemusterte Töpfereiartikel, schwere Kettenrüstungen und ihm wenig vertraute Nahrungsmittel wie »Reis«, »Feigen« und »Lorbeer«. Aber auch diesen Verkaufsaktivitäten gönnte Otto nur einen kurzen Blick, bevor er noch weiter die Treppe hinaufging.
   Im obersten Stockwerk angekommen, sah er zur Linken einen großen Saal mit acht spitzbogigen Fenstern, in dem mehrere Bedienstete damit beschäftigt waren, zahlreiche Stühle, Tische und Bänke für die nachmittägliche Versammlung der märkischen Gewandschneider und Kaufleute aufzustellen. Rechts von ihm war eine mit eingeritzten Pflanzenmotiven verzierte Eichentür, durch die er ein leises Gemurmel vernahm, und er vermutete, dass dies der Sitzungssaal des Stadtrates sein musste. Also holte er noch einmal tief Luft, reckte sich steif in seine volle Höhe, setzte ein – wie er meinte – würdevolles und selbstbewusstes Gesicht auf und drückte entschlossen auf die Klinke, um an seiner ersten Sitzung des Berliner Stadtrates teilzunehmen.
   Das erste, was ihm ins Auge fiel, war ein riesiger ovaler Tisch aus blank poliertem, dunkelbraunem Holz, das einen deutlichen Kontrast zur helleren eichengetäfelten Wand bildete. Um den Tisch herum standen ein gutes Dutzend bequem wirkender Stühle mit grün gepolsterten Armlehnen, und an einer Schmalseite des Ovals befanden sich zwei weitere Stühle, die sich durch ihre deutlich erhöhten Rückenlehnen von den anderen abhoben. Direkt hinter ihnen hing eine Planskizze von Berlin und Cölln an der Wand, und Otto folgerte, dass dies wohl die Plätze der beiden Altermänner des Rates waren. Beleuchtet wurde der Raum von einem weiteren Spitzbogenfenster, durch das die Mittagshelligkeit dieses sonnigen Tages hereinflutete.
   Die Sitzplätze der beiden Vorsitzenden waren noch nicht besetzt, aber auf anderen Stühlen an den Längsseiten saß bereits eine Handvoll Ratsmitglieder in heftige Diskussionen vertieft um den Tisch herum. Bei Ottos Eintritt verstummten ihre Gespräche, und er sah, wie sich einige erstaunte Blicke auf ihn richteten. Sein Herz machte einen freudigen kleinen Hüpfer, als er erkannte, dass sein alter Kamerad Heinrich Krähenfuss heute tatsächlich an der Ratssitzung teilnahm. Und gleich neben ihm sah er ein weiteres wohlvertrautes Gesicht, denn dort saß Conrad von Belitz, ein enger Freund ihrer beiden Familien.
   Conrad hatte vor vier Jahren seinen gleichnamigen Vater beerbt und führte seitdem das Familienunternehmen. So wie der ältere Conrad von Belitz mit dem Bruder von Hans Wieprecht und mit Albrecht Krähenfuss die äußerst fruchtbare geschäftliche Kooperation der drei Familien begründet hatte, so führte der jüngere Conrad jetzt die Zusammenarbeit mit Hans Wieprecht und Albrecht und Heinrich Krähenfuss fort. Leicht war der Übergang nicht gewesen, und Otto erinnerte sich noch sehr genau an die schmerzverzerrten Gesichtszüge des jüngeren Conrad, als sein Vater Anno Domini 1308 im Rahmen einer bewegenden Zeremonie in der Kirche des Franziskanerklosters beigesetzt wurde.
   Conrad von Belitz war dann auch der erste, der nach Ottos Eintritt das Wort ergriff und sich erklärend an die anderen Ratsmitglieder wandte.
   »Verehrte Ratskollegen, lasst mich Euch Herrn Otto Wieprecht vorstellen, der heute in Vertretung seines erkrankten Vaters erstmalig an einer Sitzung des Stadtrates teilnehmen wird. Bitte heißt ihn in unserem Kreis herzlich willkommen!« Dabei lächelte er Otto aufmunternd zu, während Heinrich ihm gleichzeitig heftig wie ein kleiner Junge zuwinkte und auf den freien Sitzplatz neben sich deutete.
   Die drei anderen anwesenden Ratsmitglieder – allesamt Kaufleute, die Otto flüchtig bekannt waren – senkten zur Begrüßung kurz die Köpfe und vertieften sich sogleich wieder in ihre Gespräche. Otto machte eine kleine Verbeugung in die Runde, dann folgte er Heinrichs Wink und setzte sich auf den freien Stuhl, nachdem er Conrad von Belitz kurz die Hand gedrückt hatte. Er mochte den jüngeren von Belitz, denn im Gegensatz zu seinem eigenen Vater war Conrad ihm gegenüber immer freundlich und hilfsbereit gewesen und hatte auch seine wildesten modischen Exzesse lediglich mit einem amüsierten Grinsen quittiert.
   »Hat dein Vater dir gesagt, warum wir heute herkommen sollten?«, fragte ihn Heinrich neugierig. Auf Ottos Kopfschütteln hin ergänzte er mit glänzenden Augen: »Den Grund dafür hat bisher keiner der Ratskollegen erfahren, aber es muss schon etwas sehr, sehr Wichtiges sein, sonst würde man an einem Jahrmarktstag keine Sondersitzung einberufen! Und dann in dieser ungewöhnlichen Zusammensetzung, mit Mitgliedern des Stadtrats und des Alten Rates!«
   Zum besseren Verständnis dieser Bemerkung möchte ich, Alex Wiperti, hierzu anmerken, dass die Ratmannen des Stadtrates nach einer Amtszeit von einem Jahr ihre eigenen Nachfolger bestimmten und selbst in den sogenannte »Alten Rat« überwechselten, der beratend tätig war. Im folgenden Jahr durften sie in den Stadtrat zurückkehren, und somit konnte ein ausgewählter Kreis von Ratsherren viele Jahre lang die Geschicke der Stadt bestimmen.
   »Es kann sich nur um eine Initiative gegen den Münzverruf handeln«, warf ein schmächtiger Tuchhändler von der anderen Seite des Tisches her ein. »Und es wird auch allerhöchste Zeit, dass wir zusammen mit anderen Kaufleuten der Mark etwas dagegen unternehmen!«
   »Und nicht nur gegen den Münzverruf!«, schnaubte sein Nachbar, von dem Otto wusste, dass er im Salzhandel mit Lüneburg und Halle tätig war. »Man muss endlich dafür sorgen, dass unsere Münzen nicht ständig an Wert verlieren. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie mein Großvater mir die goldenen Regeln unseres Geldes beibrachte: 12 Pfennige sind ein Schilling, und 20 Schillinge sind eine Mark Silber. Wie viel Pfennige, mein Junge, entsprechen also einer Mark?«
   Der Tuchhändler grinste missmutig. »So hatte ich’s auch gelernt damals. Aber nun ist es nix mehr mit den 240 Pfennigen, die man sich einmal in den Kopf gemeißelt hatte – inzwischen sind wir bei 30 Schillingen oder 360 Pfennigen für eine Mark angelangt. Und das alles nur wegen der Geldgier unserer Landesherren, die die Pfennige immer dünner und mit immer weniger Silber prägen lassen!«
   An dieser Stelle schaltete sich Conrad von Belitz ein und bemerkte: »Wohl wahr, wohl wahr, meine Herren. Deshalb muss die Stadt alles daransetzen, vom Markgrafen das Recht auf die Prägung unserer eigenen Münzen zu erwerben, so teuer dies uns auch zu stehen kommen mag. Unsere Aussichten sind auch gar nicht mal schlecht, denn unsere werten Landesherren brauchen ihrerseits schließlich immer wieder mal unsere finanzielle Unterstützung, weil sie unablässig endlose Kriege führen, die unweigerlich immense Geldsummen verschlingen. Nun ja«, dabei wiegte er bedächtig den Kopf hin und her, »das könnte wohl ein Anlass für eine solche Sondersitzung sein. Hat einer von Euch womöglich von Gerüchten gehört, ob sich unser verehrter Markgraf Woldemar in die Auseinandersetzung von Fürst Heinrich zu Mecklenburg mit der Stadt Rostock einmischen will und dafür von uns eine Finanzspritze braucht – gegen eine gewisse Gegenleistung, natürlich?«
   Hier ist wohl ein weiterer erklärender Einschub erforderlich, denn mit dem Münzwesen der damaligen Zeit wird ein heutiger Leser kaum vertraut sein. Wie bereits erwähnt, gab es die Einheiten Pfennig, Schilling und Mark oder Pfund, wobei die beiden letzten Begriffe gleichzeitig Gewichtseinheiten sind und die diesem Gewicht entsprechende Silbermenge beschrieben (so entsprach eine »Mark« etwa 230 Gramm Silber). Als geprägte Münzen existierten anfangs ausschließlich die Pfennige (später kamen noch Halbpfennige dazu), während ein »Schilling« lediglich eine Verrechnungseinheit war und 12 Pfennigen entsprach. Ursprünglich besaßen 240 als Silbermünzen geprägte Pfennige exakt das Gewicht von einem Pfund reinen Silbers (= 1 Mark oder 20 Schillinge), doch dann wurden die Münzen immer dünner, sodass man im Jahr 1375 etwa 480 Pfennige brauchte, um das Gewicht einer Mark (= 40 Schillinge) zu erhalten. Als weitere Einnahmequelle führten die Markgrafen spätestens 1305 den »Münzverruf« ein – was bedeutete, dass die Stadtbewohner alljährlich die alten Münzen gegen neue eintauschen mussten und dabei für 16 alte Pfennige nur 12 neue erhielten. Erst 1369 gelang es Berlin und Cölln zusammen mit anderen Städten, dem Landesherrn das Münzrecht für die beträchtliche Summe von 6500 Mark abzukaufen und den sogenannten »ewigen Pfennig« von konstantem Wert einzuführen.
   Die Frage, die Conrad von Belitz gestellt hatte, konnte nicht mehr beantwortet werden, denn bei seinen letzten Worten öffnete sich die Tür des Ratszimmers und fünf ernst dreinblickende Herren traten ein, die Otto allesamt erkannte, obwohl er noch nie mit einem von ihnen gesprochen hatte. Vorneweg ging Johann von Rathenow, einer der beiden Altermänner des Berliner Rates, dessen grimmiges Gesicht weithin sichtbar von seiner miserablen Laune kündete. Ein giftiger Blick nach hinten schien anzudeuten, dass dort die Quelle seines Missvergnügens in den Raum stolzierte – der in Spandow ansässige Vogt Hennekin von Gröben, der in Berlin und Cölln (und einigen benachbarten Regionen) als offizieller Vertreter des Markgrafen fungierte. Als nächster betrat Meinhard von Lostau den Raum, ein dicklicher kleiner Kaufmann, dessen prunkvolles Wohnhaus sich in der Oderberger Straße direkt gegenüber vom Rathaus befand, und ganz am Ende folgten der Stadtschreiber Michel Bruggekamp und der Büttel Baltasar Schulten.
   Nachdem sich Johann von Rathenow auf den ihm zustehenden Stuhl des Altermanns gesetzt hatte, blickte er missbilligend nach rechts, wo sich der Vogt auf dem zweiten Stuhl mit der höheren Lehne niedergelassen hatte. Auf einem gewöhnlichen Ratsstuhl auf seiner anderen Seite nahm der Stadtschreiber Platz, der alsbald mit gebeugtem Rücken und konzentrierter Sorgfalt ein Tintenfläschchen und einen angeschnittenen Gänsefederkiel neben ein vor ihm liegendes Pergamentblatt platzierte. Der Kaufmann von Lostau nahm den Stuhl neben dem Vogt, und sobald alle Ratsmitglieder ihren Platz gefunden hatten, schloss der Büttel die Tür und blieb stramm daneben stehen. Nun erst wandte der Ratsvorsitzende seinen tadelnden Blick vom markgräflichen Vogt ab, räusperte sich kurz und erklärte mit Blick auf die vielen freigebliebenen Stühle: »Ich begrüße Euch, verehrte Mitglieder des Berliner Stadtrates und des Alten Rates zu dieser kurzfristig einberufenen Sondersitzung. Wir tagen heute in sehr kleiner Runde, da viele unserer Kollegen in die Jahrmarktaktivitäten eingebunden sind, und ich führe heute allein den Vorsitz, weil unser zweiter Altermann, der werte Herr Sohr, sich um die Vorbereitungen der Versammlung der märkischen Gewandschneider und Kaufleute kümmern muss. Aber dieser kleine Kreis ausgewählter Ratsherren ist für unsere heutige Aufgabe völlig ausreichend, denn es wird nicht um städtische Belange gehen, sondern um eine Suche nach dem bestmöglichen Weg in einer äußerst hässlichen Situation. Erfreulicherweise hat sich auch Herr von Gröben, unser hochverehrter Vogt, dazu bereit erklärt, uns bei unseren Beratungen zu unterstützen, und deshalb möchte ich ihn hiermit als Gast ganz herzlich willkommen heißen.«
   Dabei legte er eine sehr starke und vernehmliche Betonung auf das Wort »Gast«, die mit einem weiteren scharfen Blick auf seinen Nachbarn verbunden war. Hennekin von Gröben schien diese Gesten nicht zu verstehen, oder er hatte beschlossen, sie zu ignorieren. Er lehnte sich bequem zurück, liebkoste mit einer Hand die spärlichen Haare eines kleinen Kinnbartes, und lauschte kommentarlos den weiteren Worten des Altermanns.
   »Herr von Gröben wird uns dabei helfen, eine komplizierte und vielschichtige Sachlage umfassend, weitsichtig und mit gebührender Beachtung der markgräflichen Privilegien zu beleuchten. Es könnte sogar geschehen, dass er von Amts wegen tätig werden muss, da unserem städtischen Gericht ja noch immer nicht die landesherrliche Befugnis erteilt wurde, über alle Verbrechen in unserer Stadt allein zu richten.« Bei diesen Worten schaute er den Vogt vorwurfsvoll, und dann die übrigen Ratsmitglieder bedeutungsschwer an. Dabei schien ihm zum ersten Mal Ottos Anwesenheit aufzufallen, und beim Anblick dieses hochgeschossenen jungen Mannes in seiner grell-modernen Kleidung zog er verblüfft die Augenbrauen hoch.
   Otto verstand dies als Aufforderung zu einer Erklärung, und er erhob sich, deutete eine kleine Verbeugung an, und – nun ja – stotterte, weil ihm die passenden Worte nicht sogleich einfielen: » Otto, ähm, Otto bin ich … der Sohn von Hans Wieprecht. Mein Va…v…vater sagte mir, ich solle heute h…herkommen, um ihn zu vertreten …«
   Zu seiner Erleichterung unterbrach ihn Conrad von Belitz, der mit sachlicher und souveräner Stimme anmerkte: »Das ist korrekt. Hans hat mir am frühen Morgen eine Nachricht geschickt, dass er wegen einer üblen Krankheit lediglich für kurze Zeit an der Nachmittagsversammlung teilnehmen wird und sein jüngerer Sohn ihn heute als Mitglied des Alten Rats vertreten soll.«
   Otto setzte sich wieder und bemühte sich dabei mit gespielter Lässigkeit, das Grinsen seines Freundes Heinrich zu übersehen, der ihm mit spitzer Zunge zuraunte, er solle schleunigst seinen knallroten Kopf verbergen, bevor man ihn mit einer reifen Erdbeere verwechsle. Zu gleicher Zeit hörte er das Kritzeln des Federkiels, mit dem der Stadtschreiber den Namen des unerwarteten Sitzungsteilnehmers notierte.
   Aber Otto war nicht der Einzige, der seine Fassung wiedergewinnen musste, denn auch Johann von Rathenow schien kurz nach Luft schnappen zu müssen. Nach einem letzten ungläubigen Blick auf Ottos zweifarbiges Outfit – das sich tatsächlich sehr markant von den klassisch dezenten, dunkeltönigen Oberkleidern aller anderen Anwesenden unterschied – wandte er seine Aufmerksamkeit den anderen Sitzungsteilnehmern zu. Sein Gesicht wurde urplötzlich von einer traurigen Würde überzogen, als er ihnen mit brüchiger Stimme den Grund für ihr Hiersein erläuterte.
   »Gott helfe uns allen: Der Anlass für unser heutiges Zusammentreffen ist ein sehr, sehr trauriger – oder vielmehr ein völlig unfassbarer und grausiger. Ich muss Euch nämlich mit unsäglichem Schmerz mitteilen, dass unser hochgeschätztes Ratsmitglied Gerhard Perwenitz in der letzten Nacht ums Leben kam. Genauer gesagt: Er wurde auf brutalste Weise ermordet!«
   Spontane Laute des ungläubigen Entsetzens folgten dieser Enthüllung, die von leisem Japsen bis zu inbrünstigem »Gott, hilf uns!« reichten. Jene Ratsherren, die von dem schrecklichen Geschehen bisher nichts gewusst hatten, starrten Johann von Rathenow entgeistert an oder tauschten verwirrte Blicke untereinander aus. Der Altermann gewährte den Umsitzenden eine kurze Pause, um das Gehörte zu verkraften, und fuhr dann fort: »Was wir über diesen entsetzlichen Meuchelmord bisher wissen, ist das Folgende. Heute früh ging Bernd Perwenitz, der Sohn unseres lieben Knochenhauermeisters, hinunter in die Werkstatt seines Vaters und fand dort seine Leiche vor. Man hatte unserem werten Ratsmitglied mit seinem eigenen Werkzeug, einer großen Fleischeraxt, die Stirn und das ganze Gesicht gespalten und die Mordwaffe neben ihm liegen lassen. Ich selbst verweilte zu dieser Zeit im Rathaus, und als mir von den to jodute-Rufen des jungen Perwenitz berichtet wurde, eilte ich sogleich zum Tatort, um dort die nötigen Schritte in die Wege zu leiten.«
   Zum besseren Verständnis mittelalterlicher Gepflogenheiten sei hier erläutert, dass der Ausruf »to jodute« die Bedeutung »zu Hilfe, ihr Leute« hatte und wie auch »diebio«, »feurio« oder »feindio« zu jenen Hilferufen (mittelalterlich »Gerüften«) zählte, mit denen andere Stadtbewohner mit lautem Geschrei auf Ereignisse wie Mord, Diebstahl, Feuer oder Feindangriffe aufmerksam gemacht und zur Hilfe verpflichtet wurden. Bei einem gerade begangenen Mord hatte ein »to jodute«-Ruf zur Folge, dass sich die Nachricht blitzschnell von Mund zu Mund verbreitete, die Stadttore geschlossen wurden und der Täter von Stadtknechten gefangen genommen wurde. Dann begaben sich die herbeigerufenen Stadtbewohner zusammen mit dem Kläger – d. h. einem Verwandten des Mordopfers – dem Täter und der Leiche des Mordopfers zum Gerichtsplatz, wo ein Notgericht abgehalten und der Mörder nach erfolgter Verurteilung durch Richter und Schöffen sogleich dem Büttel übergeben wurde. Im Mordfall Perwenitz gab es jedoch keinen Täter, der auf frischer Tat ertappt wurde, und deshalb musste hier anders vorgegangen werden, wie wir gleich sehen werden.
   Vielleicht wäre an dieser Stelle auch noch eine kurze Erläuterung zum Begriff »Meuchelmord« angebracht. Er leitet sich vom mittelhochdeutschen Wort »miuchel« = heimlich ab und kennzeichnet eine Tötung, die auf hinterhältige und heimtückische Weise vorsätzlich begangen wurde. Dies hatte durchaus auch praktische Konsequenzen – so wurde noch im »Handbuch des gemeinen deutschen Strafrechts« von 1830 auf unterschiedliche Bestrafungen für verschiedene Tötungsdelikte hingewiesen: die »Schwertstrafe« (also Enthauptung) für mutwilligen Totschlag, aber das »Rädern« für einen Meuchelmord. Die letztgenannte Hinrichtung mit großen Wagenrädern zum schrittweisen Brechen der Knochen und anschließendem Flechten des Körpers in das Rad wurde in Deutschland erst im 19. Jahrhundert endgültig abgeschafft. Aber nun zurück zur Schilderung des Altermanns …
   Johann von Rathenow zog hörbar die Luft ein, um sein Entsetzen und seine prompte Einsatzbereitschaft zu untermalen, als er beim Schauplatz des Mordes eintraf. »Ich sandte nach zwei Stadtknechten, um die Leiche des armen Perwenitz vorerst in den Keller des Nebengebäudes hinter dem Rathaus zu bringen und dort zu lagern, bis unser endgültiges Vorgehen beschlossen würde. Unser guter Baltasar hatte mich begleitet und ich beauftragte ihn«, wobei er dem Büttel zunickte, »sich in der Nähe des Perwenitzdomizils mal ein wenig umzuhören. Ich selbst sprach mit einigen Bürgern, die heute hier im Kaufhaus waren, ob – und falls ja, wo – sie gestern den lieben Perwenitz gesehen haben.«
   »Das ist unerträglich«, murmelte Heinrich Krähenfuss in Ottos Richtung, »dieses Gerede vom lieben Perwenitz. Jeder weiß, dass unser Altermann den Knochenhauermeister nicht ausstehen konnte!«
   Der Ratsvorsitzende hatte diese Bemerkung glücklicherweise nicht gehört und fuhr unbeirrt mit seinem Bericht fort.
   »Durch diese Maßnahmen konnten wir die Hintergründe der teuflischen Schandtat aufklären und wissen jetzt, wer den guten Meister Perwenitz umgebracht hat.« Er legte eine kleine dramatische Pause ein, blickte die Mitglieder des Rates ernst an und verkündete dann mit gottesfürchtiger Verachtung: »Der Meuchelmörder war ein Konkurrent unseres Berliner Knochenhauermeisters, und zwar der Cöllner Knochenhauer Eckart Teggels!«
   Wenn Johann von Rathenow auf Zeichen von Anerkennung oder Überraschung vonseiten seines Publikums gewartet hatte, dann wurde er enttäuscht, denn es blieb mucksmäuschenstill. Vermutlich ging es vielen wie Otto Wieprecht – sie kannten zwar die allermeisten Berliner Bürger, aber auf der Cöllner Seite der Spree waren ihnen nur die prominenten Händler, aber nicht jeder einzelne Krämer und Handwerker bekannt. Und von einem Eckart Teggels hatte Otto noch nie gehört.
   Nachdem der Altermann einige Zeit vergeblich auf eine Reaktion seines Publikums gewartet hatte, bemühte er sich, seinen eigenen Faden wiederaufzunehmen.
   »Nun denn, auf welche Weise haben wir diesen Mörder mit Gottes Hilfe entlarvt? Zuerst einmal hörten wir von Bernd Perwenitz, dass er seinen Vater gestern zuletzt kurz vor der sechsten Stunde des Abends gesprochen hat. Da hat ihn unser geschätzter Gerhard Perwenitz aus der Werkstatt hinausgeschickt, weil er allein mit diesem Eckart Teggels reden wollte, der unversehens bei ihm aufgetaucht war. Im Verlauf dieses Gespräches muss es zum Streit und zum Mord gekommen sein, wofür es auch einen untrüglichen Beweis gibt. In der zusammengeballten Faust des Toten fand ich nämlich ein Stück Pergament, das unser tapferer Perwenitz seinem Mörder entrissen haben muss, und auf diesem Stück Pergament war das Siegel der Cöllner Knochenhauer zu sehen!« Bei diesen, wie er wohl meinte, schlagkräftigen Argumenten blickte er triumphierend in die Runde und musterte jeden einzelnen Anwesenden mit bedeutungsschwerem Blick, ehe er seinen Bericht fortsetzte. »Dann kam uns ein glücklicher Zufall zu Hilfe. Ein Keramikhändler aus der Mark Meißen, dessen Stand am Neuen Markt sich direkt neben dem Eingang des Perwenitzhauses befindet, hat nämlich bereits gestern sein gesamtes Sortiment ausgelegt und deshalb etwa ab der siebenten Stunde des Abends dort einen Wachmann postiert, um Diebe abzuschrecken. Mit ihm hat sich vorhin unser guter Baltasar unterhalten«, wobei der Altermann erneut dem Büttel zunickte. »Dieser Wachmann versicherte, dass er vom Beginn seiner Wache bis zum frühen Morgen im Licht des Mondes und seiner Fackeln niemanden bemerkt hat, der das Haus betreten oder verlassen hätte. Somit kann es also kein nächtlicher Einbrecher gewesen sein, der unseren werten Gerhard Perwenitz auf diese grauenvolle Weise ermordet hat – wohl gemerkt: mit einer Fleischeraxt!«
   Seine Augenbrauen hoben sich vielsagend in die Höhe und er blickte erneut Zustimmung heischend um sich, doch noch immer wollte sich niemand zu seinen Worten äußern. Also fuhr er fort. »All diese Umstände weisen bereits sehr deutlich darauf hin, dass jener Eckart Teggels der Täter sein muss. Aber wir haben noch mehr – denn wir wissen auch, warum der Cöllner Knochenhauer unseren lieben Meister Perwenitz umgebracht hat: Weil er ihn nämlich abgrundtief hasste! Dieses Zeugnis kommt aus dem berufenen Munde eines unserer Ratskollegen, der die Vorgeschichte der gottlosen Tat verfolgt hat. Nun denn – ich überlasse Euch das Wort, verehrter Herr von Lostau!«
   Der angesprochene kleine Kaufmann zuckte zusammen, denn er hatte offenbar nicht damit gerechnet, die Schilderung der Ereignisse fortführen zu müssen. »Ja, also, es war gestern am frühen Nachmittag«, begann er. »Ich hatte mich mit ein paar Geschäftspartnern im Alten Bierstübchen getroffen, und zu denen zählte auch Gerhard Perwenitz. Wir hatten gerade mit unseren Gesprächen begonnen, da tauchte dieser Teggels auf.«
   »Woher wusstet Ihr denn seinen Namen? Kanntet Ihr ihn bereits?«, mischte sich der markgräfliche Vogt von Gröben ein.
   »Ja, schon«, entgegnete von Lostau, ein wenig aus dem Konzept gebracht. »Ich hatte früher mal geschäftlich mit ihm zu tun. Also – da tauchte auf einmal dieser Teggels auf und richtete wüste Beschimpfungen gegen den Herrn Perwenitz. Er rief, dass dieser ein gewissenloser Lump sei, dass er ihn hintergangen habe, dass man ihm nicht trauen dürfe, dass er über Leichen ginge – und dass es deshalb nur göttliche Gerechtigkeit sei, wenn er sehr bald sein Leben verlieren und in die Hölle hinabfahren würde.«
   Hierauf folgte wieder einmal ein eifriges Gekritzel des Stadtschreibers Bruggekamp, der diesen Satz offenbar wortwörtlich festhielt.
   Der Altermann blickte zufrieden auf den kleinen Kaufmann und wandte sich dann mit fester Stimme an seine Ratskollegen. »Der Fall ist also geklärt, und wir wissen ganz genau, wer diesen schrecklichen Mord begangen hat. Deshalb bitte ich Euch, hochgeschätzte Mitglieder des Berliner Rates, nun um Eure förmliche Zustimmung, dass wir sogleich unseren Büttel losschicken, der diesen Eckart Teggels festsetzen soll. Dann können wir so bald als möglich Gericht halten, um diese fürchterliche, gottlose Tat zu sühnen und den Täter seiner verdienten Strafe zuzuführen.«
   Diese Forderung löste ein lautstarkes Gemurmel unter den Umsitzenden aus, und man hörte ein deutliches »Sonnenklar!« vom Salzhändler und ein »Macht diesen Schurken einen Kopf kürzer!« von seinem Nachbarn. Aber nicht alle Zuhörer beteiligten sich an diesem zustimmenden Gedankenaustausch, denn drei der Anwesenden blieben erstaunlich schweigsam und schienen tief in ihren Gedanken versunken. Der erste war der markgräfliche Vogt, der zweite Conrad von Belitz, und der dritte – das war Otto.
   Es war schließlich der Vogt, der zuerst sein Schweigen brach und mit erhobener Stimme das aufgeregte Geplapper der anderen übertönte. »Ich bin mir nicht sicher, ob jedem von Euch wirklich bewusst ist, welche Konsequenzen eine sofortige Verhaftung dieses Cöllner Knochenhauers hätte«, sagte er mit schneidender Stimme. »Ferner bin ich mir durchaus nicht sicher, ob dieser Rat die Befugnis hat, jetzt überhaupt irgendwelche Beschlüsse zu fassen!«
   Unverzüglich begann Johann von Rathenow, sich voller Empörung aufzuplustern, doch bevor er seine Entrüstung in Worte fassen konnte, machte von Gröben eine herrische Handbewegung und fuhr unbeirrt fort: »Ihr scheint vergessen zu haben, dass Berlin und Cölln vor fünf Jahren eine Städteunion vereinbart haben und dass wichtige Beschlüsse vom gemeinsamen Rat der beiden Städte gefasst werden müssen. Zudem wäre es äußerst unklug, jetzt Eurer Empörung über diesen schlimmen Mordfall derart freien Lauf zu lassen, dass Ihr damit Eure Mitbürger auf der anderen Seite der Spree aufs Heftigste verärgert und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit für viele Jahre unmöglich macht.« Er drehte sich zum Altermann um und erinnerte ihn in eindringlichem Tonfall: »Zumal Ihr und das Berliner Gericht über diesen Teggels ohnehin nicht urteilen werdet. Wenn überhaupt, dann wären es die sieben von Berlin und Cölln gemeinsam gewählten Schöffen, die ein Urteil zu fällen hätten. Aber wie Ihr ganz genau wisst, sind auch sie nicht zuständig, denn ein derartiger grauenhafter Mord wird zweifelsfrei vom Landgericht unter meinem Vorsitz behandelt werden!«
   Jetzt endlich kam Johann von Rathenow zu Wort, und er rief mit empörter und sich fast überschlagender Stimme aus: »Dann wollt Ihr also, dass dieser kaltblütige Mörder noch tagelang frei unter uns gottgläubigen Bürgern herumläuft? Bedenkt doch – die nächste Sitzung des gemeinsamen Rates der beiden Städte wird erst in einer Woche stattfinden!«
   »Woher wisst Ihr denn so genau, dass dieser Teggels wirklich der Mörder ist?«, rief da plötzlich jemand aus, und es dauerte eine kleine Weile, bis Otto bemerkte, dass diese Worte aus seinem eigenen Munde gekommen waren.
   Er war nicht der Einzige, der davon überrascht wurde, denn ein allseits verblüfftes Schweigen folgte auf seinen Ausruf, während alle Anwesenden ihm erstaunte bis entgeisterte Blicke zuwarfen. Otto wurde schlagartig klar, dass er jetzt eine sehr einleuchtende Erklärung für seine herausfordernde Frage finden musste, wenn er sich hier im Rat nicht komplett zum dummen Deppen machen wollte.
   »Worauf beruht denn Eure Anschuldigung?«, setzte er also an. »Auf der Ankunft des Herrn Teggels kurz vor der sechsten Stunde und der Anwesenheit eines Wächters ab der siebenten Stunde – da bleibt also eine Stunde übrig, wo ein jeder das Haus hätte betreten und wieder verlassen können. Auf einem Stückchen Pergament mit einem Siegel der Cöllner Knochenhauer – doch das könnte auch ein Berliner Wettbewerber oder ein Händler in der Hand gehalten haben. Und auf mündlichen Drohungen, dass Teggels den Meister Perwenitz umbringen würde – aber wenn ich selbst alle Leute umgebracht hätte, denen ich das im Zorn mal angedroht habe, dann wäre ich jetzt bereits ein Massenmörder.«
   Erleichtert bemerkte Otto, dass ein paar Ratsmitgliedern bei diesen Worten schmunzeln mussten und zustimmend nickten.
   An seiner Seite zischte Heinrich Krähenfuss so leise, dass es sonst niemand hören konnte: »Jawoll, Otto, gib’s ihnen!«
   Derart gestärkt fuhr Otto fort. »Und was das Mordwerkzeug betrifft – nicht nur Knochenhauer können mit einer derartigen Axt umgehen, sondern auch jeder andere zum Kampf ausgebildete Mann, oder mit anderen Worten: jeder einzelne Bürger unserer Stadt.« Daraufhin drehte er sich zum Altermann um und wandte sich besänftigend direkt an ihn. »Natürlich verstehe ich Eure Argumente, hochverehrter Herr von Rathenow, und fraglos ist dieser Herr Teggels überaus verdächtig. Aber ich denke, wir müssen mehr über die genauen Abläufe und die Hintergründe erfahren, um von seiner Schuld ohne jeglichen Zweifel überzeugt zu sein.«
   So – mit diesen einlenkenden Worten sollte er Johann von Rathenow ein wenig milder gestimmt haben, ohne den eigenen männlich entschlossenen Auftritt unziemlich zu beeinträchtigen, dachte Otto mit zufriedenem Stolz. Als er jedoch einen prüfenden Blick auf den Ratsvorsitzenden richtete, konnte er in dessen Zügen keinen Ausdruck von besänftigter Zustimmung entdecken.
   Es war dann auch nicht der Altermann, der als Nächster das Wort ergriff, sondern Ottos väterlicher Freund Conrad von Belitz.
   »Werter Herr Vorsitzender, ich kann Eure Empörung und Euren Drang zur Tat sehr wohl verstehen – aber dennoch muss ich auch den soeben gehörten Argumenten zustimmen. Zum einen sollten wir sehr darauf achten, die Bürger Cöllns nicht mit voreiligen Maßnahmen zu verärgern, und zum anderen sollten wir sehr sicher sein, auch tatsächlich den Schuldigen ergriffen zu haben, den wir ins Verlies sperren und dem Landgericht vorführen«, sagte er, wobei er dem Vogt gegenüber eine Verbeugung andeutete. »Ich möchte Euch folgenden Vorschlag unterbreiten. Wir ergreifen tatsächlich diesen Cöllner Knochenhauermeister, werfen ihn aber nicht ins Verlies, sondern sperren ihn – bei angemessener Verpflegung – im Geräteschuppen im Rathausanbau ein. Und in der Woche bis zur gemeinsamen Sitzung mit den Cöllner Räten wird einer aus unserer Mitte die Umstände dieses schrecklichen Mordes genauestens erforschen, sodass wir dann im Vorfeld der gemeinsamen Ratssitzung erneut zusammentreffen und mit Gottes Hilfe zu einem gerechten und wohl vertretbaren Entschluss kommen können. Und wenn Ihr, verehrter Herr von Gröben, diesem Zwangsaufenthalt des Cöllner Knochenhauers in unserem Geräteschuppen zwecks peinlich genauer Untersuchung Eure Zustimmung als zuständiger Vogt erteilen würdet, dann gäbe es wohl niemanden, der an solch einem Vorgehen Anstoß nehmen könnte.«
   Dieser Ratschlag wurde von einem verhaltenen Zischeln und Geraune beantwortet, und hie und da erblickte man ein zögerliches Kopfnicken. Alle Augenpaare wandten sich nun gespannt dem Vogt zu, der seine Meinung nicht lange zurückhielt.
   »Hochgeschätzter Herr von Belitz«, begann er, »das ist eine ganz vorzügliche Empfehlung, die nicht nur vor meinen Augen Gnade findet, sondern auch unseren Herrn im Himmel und unseren Herrn hier auf Erden, den allergnädigsten Markgrafen Woldemar, erfreuen wird. Nun denn – vielleicht wäret Ihr gar selbst bereit, den schrecklichen Vorfall in den kommenden Tagen genauer zu untersuchen?«
   Der Angesprochene verneigte sich dankbar, schüttelte dann aber den Kopf. »Ich danke Euch, Herr von Gröben, für diesen Beweis des Vertrauens, aber ich bin leider gezwungen, Euren Vorschlag abzulehnen. Nach Ende des Jahrmarkts muss ich für einige Tage nach Lübeck reisen, wo ich bereits eine Reihe von geschäftlichen Treffen fest vereinbart habe. Somit habe ich leider nicht ausreichend Zeit, mich dieser schauderhaften Angelegenheit mit dem Einsatz zu widmen, den sie ohne jeglichen Zweifel erfordert.«
   Ein kurzes Schweigen folgte dieser Erklärung, und einige Ratsmitglieder schienen angelegentlich zur Decke zu starren, damit ja niemand auf den Gedanken käme, vielleicht ihnen denselben Vorschlag zu unterbreiten. Doch dann unterbrach ein kurzes Räuspern die Stille, und Meinhard von Lostau – jener Kaufmann, der von der Morddrohung berichtet hatte – ergriff das Wort, wobei er dem Vogt und dem Altermann unterwürfige Blicke zuwarf. »Hochverehrte Herren«, begann er, »erlaubt mir bitte eine vielleicht ungewöhnlich scheinende Anregung. Wie wäre es denn«, wobei er seine Augen urplötzlich auf Otto richtete und ihn freudig anstrahlte, »wenn wir unseren jungen Herrn Wieprecht mit dieser Aufgabe betreuen würden? Zwar besitzt er noch nicht so viel Erfahrung wie manch anderes Ratsmitglied, aber er hat soeben bewiesen, dass er die Hintergründe des Mordes mit viel Verstand und dem Willen zur Gerechtigkeit erforschen würde. Zudem sollte man nicht vergessen, dass er im Gegensatz zu uns Kaufleuten ausreichend Zeit haben dürfte, dieses Unterfangen mit ganzer Kraft und vollem Einsatz zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen!«
   Wie von Zauberhand geführt, bewegten sich plötzlich viele Köpfe und fielen miteinander in ein zunehmend begeistertes, zustimmendes Nicken ein. Dies konnte auch Johann von Rathenow nicht entgehen, und er sah sich gezwungen, jetzt wohl oder übel seiner Rolle als unvoreingenommener Ratsvorsitzender gerecht zu werden. Also warf er einen letzten zweifelnden und missbilligenden Blick auf Otto und bemerkte dann mit gequälter Stimme: »Nun ja, mir scheint, dass dieser Vorschlag auf allgemeine Zustimmung stößt, und so sei es also. Wenn der junge Herr Wieprecht meint, dieser überaus schweren und verantwortungsvollen Aufgabe gerecht werden zu können …«, wobei er voller Hoffnung auf eine ablehnende Geste zu Otto blickte, doch dieser nickte nur lässig, » … dann ermächtige ich Euch, Herr Otto Wieprecht, diesen grässlichen Mord genauestens zu untersuchen und ernenne Euch hiermit zu einem Sonderbevollmächtigten des Berliner Stadtrates. Möge Gott Euch bei dieser schweren Aufgabe zur Seite stehen!«
   In einem letzten Versuch, dem Geschehen womöglich doch noch eine andere Wendung zu geben, wandte sich der Altermann mit einem dringlichen Unterton an den markgräflichen Vogt. »Ihr wollt also tatsächlich, dass der Leichnam noch mehrere Tage bis zum Gerichtstermin aufbewahrt wird? Missachten wir damit nicht die Ehre unseres toten Ratskollegen, wenn seine Überreste nun verschimmeln und er erst nächste Woche in christlicher Würde bestattet werden könnte?«
   »Das täten wir fürwahr«, entgegnete Hennekin von Gröben. »Und deshalb dürfen die Verwandten des Toten den Dahingeschiedenen bereits in den nächsten Tagen bestatten. Es ist zwar richtig, dass man die Leiche des Toten bei Gericht vorzuzeigen pflegt, damit die Schöffen den Tatbestand feststellen können. Doch darauf werden wir hier diesmal verzichten können, weil Ihr als Altermann den Leichnam bereits begutachtet habt, und auch ich selbst ihn in Kürze noch genauer inspizieren werde. Somit wird es ausreichen, wenn wir für den Gerichtstag lediglich die blutige Kleidung und den einen oder anderen Körperteil des Toten aufbewahren.« Er wandte seine Aufmerksamkeit dem frisch gekürten Sonderermittler des Berliner Stadtrats zu. »Und Ihr, werter Herr Wieprecht, könnt Euch meiner vollen Unterstützung sicher sein. Sollte sich ein Cöllner Bürger gekränkt fühlen, weil ein Beauftragter des Berliner Rats in seinem Teil der Stadt eine Verhaftung durchführt, könnt Ihr ihn mit der Auskunft besänftigen, dass Ihr in meinem Auftrag – also im Namen des Markgrafen – handelt und stadtinterne Regeln auf Euch somit nicht zutreffen.«
   Dies war nun allerdings eine Aussage, die Johann von Rathenow so nicht stehen lassen konnte und die sein Blut erneut in Wallung brachte. »Nun ja, ähm, so dürft Ihr das aber nicht ausdrücken, lieber Herr Wieprecht, denn städtische Gesetze und Gepflogenheiten sollte man wahrlich nicht so leichtfertig außer Kraft setzen«, begehrte er lautstark auf und warf dem Vogt einen zutiefst vorwurfsvollen Blick zu. Dann gewann er seine Fassung zurück und ergänzte in ruhigerem Tonfall: »Aber Ihr werdet keinen Ärger mit unseren Cöllner Ratskollegen befürchten müssen, denn ich werde sogleich einige meiner Freunde auf der anderen Seite der Spree aufsuchen und sie über den schrecklichen Mord und unsere Sofortmaßnahmen in Kenntnis setzen, die keinesfalls ihre Autorität infrage stellen sollen und in Kürze noch im gemeinsamen Rat der beiden Städte besprochen werden.« Dazu nickte der Ratsvorsitzende, als wäre er mit seinen eigenen Anmerkungen und Vorschlägen sehr zufrieden. Dennoch war ihm anzumerken, dass der tief sitzende Groll gegen Hennekin von Gröben keinesfalls abgeklungen war und er ihm die Geringschätzung städtischer Privilegien noch immer sehr übel nahm. Seine folgenden Worte zeigten auch, dass er diese unerquickliche Zusammenkunft jetzt schnellstmöglich zu einem Ende bringen wollte. »Wir sind uns also über unser Vorgehen einig und beauftragen hiermit den Sohn von Hans Wieprecht mit der Untersuchung des grauenhaften Verbrechens. In einer knappen Woche, am kommenden Mittwoch zur zehnten Stunde des Morgens, treffen wir uns wieder, um uns den Bericht unseres jungen Freundes anzuhören – notiert das alles, Herr Bruggekamp. Und dann wissen wir hoffentlich genug, um den Meuchelmörder in die Hölle schicken zu können. Ähm, nun denn – damit ist diese Sondersitzung des Stadtrates beendet.« Mit diesen abschließenden Worten erhob er sich und eilte abrupt aus dem Raum, ohne irgendjemanden eines weiteren Blickes zu würdigen.
   Der Stadtschreiber kritzelte noch schnell die letzten Notizen auf sein Pergamentblatt, und eilte dem Altermann hinterher. Alle anderen Anwesenden hatten es weniger eilig und erhoben sich eher gemächlich von ihren Plätzen.
   Der Vogt kam um den Tisch herum zu Otto, ergriff seine Hand und sagte mit salbungsvoller Stimme: »Herzlichen Glückwunsch, junger Herr Wieprecht, zu dieser verantwortungsvollen Aufgabe. Gott sei mit Euch – auf dass Ihr dem Namen Eurer Familie Ehre erweist!« Mit diesen Worten drehte er sich um, ohne auf eine Antwort Ottos zu warten, und verließ schnellen Schrittes ebenfalls das Ratszimmer.
   Nach seinem Abgang wandte sich Heinrich Krähenfuss grinsend zu Otto. »Wenn das so weitergeht, werde ich irgendwann noch Euer Ehrwürdigkeit zu dir sagen müssen. So, ich muss los – wenn ich dir bei deiner verantwortungsvollen Aufgabe irgendwie helfen kann, sagst du mir Bescheid, in Ordnung?«
   Nach Heinrich verabschiedete sich auch Conrad von Belitz von dem »jungen Herrn Wieprecht«, und auch andere Ratsmitglieder kamen zu ihm herüber und versprachen ihm ihre Unterstützung. Einer von ihnen war Meinhard von Lostau, der Otto erneut ein breites Lächeln widmete und bemerkte: »Tut mir leid, Herr Wieprecht, dass ich Euch diese schwere Aufgabe ungefragt aufgezwängt habe. Aber mir scheint, es waren alle sehr froh, dass der Kelch an ihnen selbst vorüberging.«
   Otto lächelte etwas gezwungen zurück. »Da mögt Ihr recht haben. Aber wo dieser Vorschlag nun mal von Euch kam – könnte ich bei meinen Untersuchungen dann auch bei Euch beginnen, um mehr über diese Drohung des Herrn Teggels zu erfahren?«
   Der kleine, mollige Kaufmann schien überrascht, doch er fügte sich rasch in sein Schicksal. »Aber selbstverständlich. Kommt doch morgen Nachmittag zur dritten Stunde zu uns, denn meine Gemahlin und meine Töchter sind sicherlich ebenfalls begierig, den jungen Herrn Wieprecht einmal kennenzulernen.«
   Bei Otto läuteten sofort die Alarmglocken, als er diese beiläufige Erwähnung der Töchter vernahm, denn inzwischen hatte er bereits einige Erfahrungen damit sammeln müssen, wie liebend gern manch ein Kaufmann ihn als Schwiegersohn gewonnen hätte, um dadurch enge familiäre Beziehungen zur reichen Familie Wieprecht aufzubauen. Aber er ließ sich nichts anmerken, nickte zustimmend und erwiderte nur brav: »Danke, sehr gern.«
   Nachdem auch der letzte Ratsherr den Raum verlassen hatte, blieb Otto noch sitzen und versuchte, die verrückte Ereigniskette der letzten Stunde nachzuvollziehen. Jetzt war er, Otto Wieprecht, also auf einmal ein Bevollmächtigter des Berliner Stadtrates. Und er handelte sogar »im Namen des Markgrafen«, wenn er eine knappe Woche lang die Hintergründe eines grauenvollen Mordes untersuchte. Genauer gesagt: Er musste die volle Wahrheit enthüllen, denn genau das erwartete der Rat von ihm.
   Eine Unmenge von wilden Gedankenfetzen stürmte plötzlich auf ihn ein, sodass ihm fast schwindlig wurde. Was hatte er sich da nur eingebrockt? Was würde sein Vater von dieser Entwicklung halten? Wer war dieser Eckart Teggels, war er vielleicht tatsächlich ein mordgieriger Irrer? Würde man Otto wirklich helfen, oder würde so manch ein Stadtbewohner diesen jungen Möchtegern-Ermittler einfach ignorieren? Welche Erfahrungen würde er sammeln können, die er womöglich gar in seiner Dichtkunst verwenden konnte? Würde er es tatsächlich schaffen, den Mörder innerhalb von nur sechs Tagen zu entlarven – oder würde er total versagen oder womöglich gar einen Unschuldigen belasten?
   Er schüttelte sich, als wollte er sich von all jenen drängenden Fragen befreien, die ihm die Luft abzuschnüren schienen, und stand beherzt auf. Es war schwer zu beschreiben, und er verstand es selbst kaum – aber er hatte das Gefühl, als würde er in diesem Moment die Schwelle zu einem neuen Leben überschreiten. Als hätte er Kindheit und Jugend endgültig hinter sich gelassen, um seinen Platz in dieser Stadt und der Gemeinschaft der Bürger zu finden. Sein Entschluss war gefallen: Er würde all seine Kräfte und Fähigkeiten in die Aufklärung dieses Mordes hineinstecken. Die Welt sollte sehen, dass sich nicht nur der ältere Wieprechtsohn für die Zukunft und den Wohlstand der Familie einsetzte, sondern dass auch der jüngere Sohn ein würdiger und leistungsfähiger Träger des Namens Wieprecht war! Vielleicht sogar ein Träger dieses Namens, dem man später einmal auch wegen seiner Dichtkunst huldigen würde!
   Noch einmal blickte er sich in dem ehrwürdigen, eichengetäfelten Sitzungszimmer um und atmete tief durch. Dies war nun also die allererste Sitzung des Berliner Stadtrats gewesen, die er miterleben durfte. Nun ja, nur eine Sondersitzung mit einer kleinen Zahl von Beteiligten, aber immerhin. Und sogleich wurde ihm eine derart schwerwiegende Aufgabe zugeteilt, dass ihm von der Last der Verantwortung schon jetzt die Schulter schmerzte, um ein anschauliches Bild zu wählen, das er womöglich später mit schönen Reimen ausschmücken konnte. War das normal? Hatte sein Vater bei seiner ersten Sitzung ähnliche Erfahrungen gemacht? Wurden Neulinge bei ihrem ersten Erscheinen im Rat immer gleich mit den kniffligsten Aufträgen betraut, die sonst keiner übernehmen wollte?
   Plötzlich bemerkte er, dass der Büttel, der »gute Baltasar Schulten«, noch immer an der Tür stand und ihn erwartungsvoll anblickte. Nun ja, dachte Otto, zuerst einmal sollte er sich wohl darüber klar werden, dass er als Sonderbeauftragter des Stadtrates auf einmal völlig neue und ungewohnte Verpflichtungen hatte. Hierzu zählte zum Beispiel, dem Büttel der Stadt jetzt zu erklären, wann, wo und wie dieser ihm bei der Erledigung seiner Mission behilflich sein sollte. Wohlan – er hatte sich mit seiner Einmischung in die Diskussionen des Stadtrates diese Suppe eingebrockt, und jetzt musste er eben beweisen, dass er das Vertrauen der Ratsherren auch tatsächlich verdiente. Mit diesem Bewusstsein der ihm übertragenen Verantwortung ging er ohne weiteres Zaudern auf den Büttel zu – entschlossen, seine Mission mit ganzem Einsatz und mit Gottes Hilfe zu erfüllen und seiner Familie Ehre zu erweisen.

Kapitel 3

Allmählich flaute der Strom der Neugierigen und Kaufwilligen ab, wodurch es in der Großen Straße spürbar ruhiger wurde. Sophie sehnte sich das Läuten der Kirchenglocken zur Vesper herbei, zur sechsten Stunde des Abends, weil ihr Vater seinen Scharren dann dichtmachen würde, damit das Licht der untergehenden Sonne noch für das Wegräumen der Waren und das Saubermachen ausreichte. Aber da musste sie sich noch in Geduld üben, denn soeben waren erst die Glocken verklungen, die die dritte Nachmittagsstunde angezeigt hatten.
   Der Arbeitstag war anstrengend gewesen. Nach ihrem Jahrmarktbesuch hatte sie für ihren Vater verschiedene Botengänge erledigt und ihm hilfreich zur Seite gestanden, wo immer es erforderlich war. Damit war sie über alle Maße beschäftigt gewesen, sodass ihr kaum Zeit geblieben war, sich länger in ihren Verdruss über diesen arroganten jungen Mann hineinzusteigern, mit dem sie vorhin zusammengestoßen war – diesen »Schnabeltölpel«, wie sie ihn in ihren rachedurstigen Tagträumen zu bezeichnen pflegte. Nur noch gelegentlich, zur inneren Aufheiterung nach einer erledigten Aufgabe, versank sie in die wundervolle Vorstellung, wie der »Schnabeltölpel« sich vor ihr um Hilfe bettelnd auf dem Boden im Staub wälzte, während sie ihm die kalte Schulter zeigte und sich voller Verachtung abwendete. Dann stahl sich ein kleines Lächeln in ihr Gesicht, und sie war wohl gewappnet für die nächste Arbeit, die ihr zugewiesen wurde.
   Auch Tyde Krunkel, der bei Eckart Teggels als Geselle das Knochenhauerhandwerk erlernte, ließ immer wieder ein leises Stöhnen hören, weil er heute so ungewöhnlich viel zu tun hatte. Tyde war ein rothaariger sommersprossiger Bursche, der häufig den Eindruck erweckte, die Momente der bewegungslosen Entspannung und des Nichtstuns über alles andere zu schätzen, aber heute wenig Gelegenheit dazu hatte, sich diesen Begehrlichkeiten hinzugeben. An geschäftigen Verkaufstagen wie dem heutigen hatte ihn sein Meister – ein großer, kräftiger Mann, der neben seinem schmächtigen Gesellen wie ein Riese wirkte – sonst immer rigoros beiseitegeschoben und nur die einfachsten Tätigkeiten allein erledigen lassen. Tyde hatte auch durchaus nichts dagegen einzuwenden gehabt, längere Zeit nur schlaff herumzuhängen und seine Lehre ansonsten durch Herumstehen und Zugucken ohne größere Anstrengungen zu bewältigen. Heute aber war alles anders – da musste er tatsächlich immer wieder zupacken, musste die Fleischstücke von den Haken nehmen, sie auf den Hackklotz legen und mit der Axt zerkleinern, die gewünschten Teile wiegen, und dann sogar mehr schlecht als recht den Kunden einen fairen Preis für ihre Waren nennen, was sonst ausschließlich dem Meister vorbehalten war.
   Irgendetwas stimmte heute nicht, stellte Sophie zum wiederholten Male fest, als sie gedankenverloren mit einer Hand die Fliegen um ihren Kopf verscheuchte, die ständig im Scharren herumschwirrten, um sich an herumliegenden Fleischresten gütlich zu tun oder dort ihre Eier abzulegen. Allein die Art und Weise, wie Eckart Teggels mit ihr umgegangen war, als sie mit Marja von den Einkäufen zurückkam, war untypisch für ihn. Sie hatte ihm die neu erworbenen Spieße und Fleischerhaken gegeben und stolz berichtet, wie sie den Verkäufer auf einen Spottpreis heruntergehandelt hatte. Normalerweise hätte er sie daraufhin angestrahlt, sie in seine Arme genommen und seinem liebsten Töchterchen eine Lobeshymne nach der nächsten ins Ohr gebrummt. Heute aber hatte er ihr die so grandios erfeilschten Gegenstände lediglich abgenommen, ihr kurz zugenickt, und war in den rückwärtigen Teil seines Scharrens zurückgeschlurft, wo er trotz seiner mächtigen Gestalt fast hinter einer am Haken hängenden Rinderhälfte verschwand.
   Sophie schüttelte besorgt den Kopf – aber wenn sie gewusst hätte, was noch alles auf sie zukommen würde, wäre es bei diesem Kopfschütteln nicht geblieben. Das Erste, was sie von den auf sie zustürzenden Ereignissen erblickte, war eine bekannt scheinende Gestalt, die in der Ferne die anderen Passanten überragte und stetig näher kam. Zuerst wollte sie es nicht glauben und dachte, ihre Fantasiewelten hätten sie dermaßen überwältigt, dass der Verstand ihr einen Streich spielte. Aber nein – diese hoch aufgeschossene Person war ohne jeglichen Zweifel der »Schnabeltölpel«, in den sie vorhin hineingerannt war, denn diese farbenfreudige Bekleidung mit der alles überragenden Gugel war absolut unverwechselbar.
   Als der arrogante Flegel näher kam, bemerkte sie, dass er diesmal nicht allein war. Neben ihm erkannte sie den Berliner Büttel, und drei Schritte dahinter liefen zwei kräftige Männer, die jeder Bewegung ihrer Vorderleute exakt folgten und offenbar irgendwelche Diener oder Helfer waren. Recht so, dachte Sophie, da hat sich dieser »Schnabeltölpel« jetzt also so sehr danebenbenommen, dass ihn der Büttel und seine Handlanger aufgegriffen haben. Allerdings verstand sie nicht, was dieses Grüppchen hier in dieser Gegend zu suchen hatte, denn in Cölln hatte der Berliner Büttel keine Amtsgewalt. Und wo liefen sie so zielstrebig hin? Hinter dem Haus ihres Vaters gab es nur noch zwei weitere Gebäude, und daran anschließend folgte auf beiden Seiten der Straße nichts als Weideland und Ödland bis zum Kloster der Dominikaner nahe der Stadtmauer.
   Als die vier Männer nur noch zwei Häuser entfernt waren, blickte das Objekt von Sophies heißer Verachtung in ihre Richtung, und sie erahnte, dass er sie ebenso blitzschnell erkannte wie dies umgekehrt der Fall gewesen war. Sie sah, dass er plötzlich so abrupt stehen blieb, dass die beiden Helfer hinter ihm beinahe in ihn hineingelaufen wären. Auch der Büttel musste anhalten, weil der »Schnabeltölpel« ihn am Ärmel festgehalten hatte und nun mit dem Finger auf ihren Scharren deutete. Der Büttel nickte mehrmals, und es dauerte einen Moment, bis der jüngere Mann ihn wieder losließ, sich deutlich sichtbar aufraffte und erst nach dieser kleinen Pause seinen Weg fortsetzte.
   Dieser Weg führte unfassbarerweise direkt auf sie zu. Ihr kam nur eine einzige Erklärung in den Sinn: Dieser Frechling hatte sie wegen ihres Zusammenstoßes angeklagt und wollte sie jetzt in Gegenwart des Büttels in irgendeiner Weise eines Fehlverhaltens bezichtigen. »Na warte!«, dachte sie. »Jetzt wirst du was erleben!« Daraufhin lehnte sie sich in der Mitte des Scharrens gegen den Verkaufstisch und stemmte entschlossen ihre Fäuste in die Hüften, um ihm bereits aus der Entfernung zu zeigen, was ihn hier erwartete.
   Aber heute schienen sich die Überraschungen nur so zu jagen und gegenseitig übertrumpfen zu wollen, denn der junge Mann schenkte ihr lediglich ein paar unsichere Blicke und starrte stattdessen in das Innere des Scharrens hinein. Dort erkannte er offenbar auch alsbald ihren Vater hinter der Rinderhälfte, und mit einem erneuten verwirrten Seitenblick in ihre Richtung fragte er mit lauter Stimme: »Seid Ihr der Knochenhauermeister Eckart Teggels?«
   Hinter der Rinderhälfte hörte man ein genuscheltes Wort, das an ein »Ja« erinnerte. Daraufhin machte der Büttel eine kurze Handbewegung, und seine beiden muskulösen Helfer schoben sich am Verkaufstisch vorbei, zogen Eckart Teggels hinter der Rinderhälfte hervor und hielten mit eisernem Griff seine Arme fest. Sophie glaubte, ihren Ohren nicht trauen zu können, als sie die folgenden Worte des geschniegelten jungen Herren vernahm: »Meister Teggels, mein Name ist Otto Wieprecht, und ich wurde zum Bevollmächtigten des Berliner Stadtrates ernannt. Auf Anweisung unseres verehrten Vogts, des Herrn von Gröben, wurde mir aufgetragen, Euch zur Ermordung des Berliner Knochenhauermeisters Gerhard Perwenitz zu befragen und Euch dazu jetzt mitzunehmen und für ungewisse Zeit bei guter Behandlung und Verpflegung im Berliner Rathaus festzusetzen.«
   Sophie bemerkte mit Entsetzen, dass das Gesicht ihres Vaters kreidebleich geworden war.
   »Der Perwenitz ist … tot?«, stammelte er. »Wie … was … was ist passiert?«
   In ihrem Kopf wirbelte eine Unmenge von Gedanken umher, ohne dass sie sie in irgendeiner Weise in den Griff bekam. Ihr Vater – abgeführt zu einer »Befragung«! Was hatte dieses Wort zu bedeuten? Wurde er womöglich gar als Mörder verdächtigt? Festgenommen von jenem jungen Schnösel, den sie umgerannt hatte – und von dem sich jetzt herausstellte, dass er Bevollmächtigter des Berliner Stadtrats war und Otto Wieprecht hieß (von den Wieprechts hatte sie natürlich gehört, und sie wusste, dass sie zu den reichsten und mächtigsten Patriziern der Nachbarstadt zählten). Aber am schlimmsten: Ihrem Vater schien der Name des Toten sehr vertraut zu sein, und er war den ganzen Tag über nicht er selbst gewesen. Was wusste er über diesen Todesfall?
   »Was hat mein Vater mit diesem Mord zu tun?«, krächzte sie schließlich empört, auch im Bestreben, dieser unbarmherzigen Gedankenspirale zu entkommen. »Er war schließlich den ganzen Tag über hier in seinem Scharren!«
   »Ihr seid die Tochter des Eckart Teggels?«, erkundigte sich der junge Ratsermittler mit leicht schwankender Stimme, und ihr fiel auf, dass er es offenbar nicht über sich brachte, ihr in die Augen zu schauen, sondern starr auf den Blumenkranz in ihrem Haar blickte. »Tut mir leid – aber der Mord geschah bereits gestern, und es scheint erwiesen, dass Euer Vater den Ermordeten zu dieser Zeit aufgesucht hat.«
   Sophie versuchte krampfhaft, sich den Ablauf des gestrigen Tages ins Gedächtnis zu rufen. Mittags hatte sie mit ihrem Vater beim Essen zusammengesessen – und eigentlich war er da bereits ziemlich schweigsam gewesen. Nachmittags war sie ihm nicht begegnet, weil sie in ihrer Stube beschäftigt gewesen war, aber zum Abend hin hatte sie tatsächlich beobachtet, wie er ohne jegliche Erklärung das Haus verließ, und sie wusste nicht, wann er später heimgekommen war.
   Sie spürte, wie sich bei dieser Erinnerung ein leichtes Schwindelgefühl in ihr breitmachte und sie unversehens einen wackligen Schritt zur Seite machte. Und da war auf einmal diese kräftige, mit Sommersprossen übersäte Hand, die ihren Arm packte und ihr Halt gab, sodass sie an diesem Tag nicht zum zweiten Mal zu Boden fiel. Als sie sich zu ihrem Helfer umwandte, bemerkte sie voller Erstaunen, dass es sich um Tyde, den Gesellen, handelte – der in seiner schmächtigen Gestalt offenbar mehr Muskelkraft und Entschlossenheit verbarg, als sie ihm zugetraut hätte. Im kompletten Gegensatz zu seinem sonstigen lethargischen Verhalten war er in Windeseile über den Tisch gesprungen und ihr zur Seite geeilt. Sie warf ihm einen dankbaren Blick zu und konnte nicht übersehen, wie ernst und besorgt er sie anschaute. Obwohl dies in diesen schicksalsschweren Augenblicken überhaupt keine Rolle spielte, ermahnte sie sich, mit ihm baldmöglichst ein paar ernste Worte zu wechseln, damit er sich nicht etwa falsche Hoffnungen machte.
   Als Sophie seitlich wegknickte, hatte sich bei Otto Wieprecht schon wieder einmal kein Muskel gerührt – er stand einfach nur da und starrte das blonde Mädchen mit versteinerter Miene an. Seine Reglosigkeit war dem Büttel offenbar nicht entgangen, denn er ergriff nun selbst die Initiative und bedeutete seinen Helfern mit dem Krümmen eines Fingers, den Knochenhauermeister aus seinem Scharren herauszuführen.
   Diese kleine Geste genügte, um Sophie aus ihrer fassungslosen Erstarrung herauszureißen. Schlagartig wurde ihr klar, dass diese zwei hünenhaften Gestalten gerade dabei waren, ihr ihren Vater wegzunehmen, und das durfte nicht passieren! Ein laut und heftig hervorgestoßenes »Nein!« entrang sich ihrer Kehle, und sie stürzte hinter den Ladentisch zu Eckart Teggels und stellte sich schützend vor ihn. Tatsächlich erreichte sie damit, dass die beiden Helfer des Büttels einen Moment lang ratlos stehen blieben, doch nach einer weiteren auffordernden Geste von Baltasar Schulten schoben die beiden kräftigen Männer das inzwischen heftig zitternde und schluchzende Mädchen mit sanfter Gewalt beiseite, packten erneut die Oberarme des Knochenhauermeisters und zogen ihn mit sich am Tisch vorbei. Kaum hatten sie mit ihrem Gefangenen die offene Straße erreicht, da kam das nächste beängstigende Erlebnis auf Sophie und ihren Vater zu.
   Keiner von ihnen hatte den schwarzlockigen Jüngling bemerkt, der sie aus ein paar Schritten Entfernung schon eine ganze Weile wie gebannt beobachtet hatte. Und dies, obwohl seine rot geränderten Augen und sein blasses Gesicht derart auffällig waren, dass er von manchen Umstehenden bereits äußerst misstrauisch beäugt worden war.
   Als der kleine Trupp um Otto Wieprecht und Eckart Teggels sich nun auf den Weg machte, sprang dieser Halbwüchsige plötzlich auf sie zu, drängelte sich am völlig verblüfften Büttel vorbei und hämmerte mit seinen Fäusten dem fast doppelt so großen Knochenhauermeister in den Bauch, auf die Brust und ins Gesicht. Da die Arme von Eckart Teggels noch immer in den Schraubzwingen der Büttelgehilfen lagen, konnte er diese Attacken nicht abwehren, und sehr bald floss Blut aus seiner Nase und seinen Lippen.
   Begleitet wurde der Angriff vom kreischenden Geschrei des jungen Verrückten, der Meister Teggels in wahnwitziger Wut anschrie: »Du Mörder! Du widerlicher Mörder! Du hast meinen Vater umgebracht!«
   Gewiss waren die beiden Gehilfen des Büttels nicht allzu helle, aber auch ihnen konnte nicht entgehen, dass ihr Gefangener nicht auf diese Weise verprügelt werden durfte. Und so ließen sie nach einigen Momenten des tiefen Nachsinnens die Arme des Knochenhauers los und ergriffen stattdessen jene des Jünglings, um ihn festzuhalten und an weiteren blutigen Angriffen zu hindern. Dabei hatten sie deutlich mehr zu tun als zuvor bei Meister Teggels, denn der Bursche wand sich in ihrem Griff hin und her und versuchte immer wieder, sich loszureißen, um erneut über den verhassten Cöllner herzufallen.
   Allmählich war auch Otto Wieprecht mit seinen Gedanken wieder in die Wirklichkeit zurückgekehrt. Er eilte hinüber zum Knochenhauermeister und untersuchte die Schrammen und Blutflecken in dessen Gesicht. Sophie bemerkte mit einiger Erleichterung, dass sich die besorgten Falten auf seiner Stirn alsbald glätteten, und wenig später rief er ihr beruhigend zu: »Alles in Ordnung, nichts als ein paar oberflächliche Kratzer und eine blutende Nase – Gott sei’s gedankt, dass dieser Jüngling kein muskelbepackter Kraftprotz ist.«
   Ein wenig verdutzt bemerkte Sophie, dass der »Sonderbevollmächtigte« seine Fassung inzwischen vollständig wiedergewonnen zu haben schien, und dass er vom Büttel nun auch wieder das Heft des Handelns übernahm. Offenbar steckte in ihm doch etwas mehr als ein hilfloser, arroganter Schlappschwanz, der sich nur voller Selbstgefälligkeit für sein eigenes modisches Äußere interessieren konnte.
   Als wollte er ihre Gedanken bestätigen, wandte sich der junge Anführer der Berliner Ordnungskräfte nun erneut an sie, und diesmal blickte er ihr voller Besorgnis direkt in die roten und verheulten Augen. »Bitte – macht Euch nicht allzu große Sorgen, werte Jungfrau. Euer Vater wird gut behandelt werden, und ich werde alles Menschenmögliche tun, um die Wahrheit herauszufinden und nicht einem voreiligen Urteil anheimzufallen.« Mit Blick auf den jungen Raufbold, der sich noch immer in den Armen der beiden Muskelmänner wand, befahl er den beiden Gehilfen: »Bringt den aufgeregten jungen Mann nach Hause! Ich werde ihn in Kürze aufsuchen und in aller Ruhe mit ihm reden. Und wir, guter Baltasar, geleiten jetzt den verehrten Cöllner Knochenhauer zu seiner neuen Unterkunft im Berliner Rathaus. Ihr werdet uns doch keine Schwierigkeiten machen, nicht wahr, Meister Teggels?«
   Der Angesprochene schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht«, entgegnete er mit leiser Stimme. Doch dann fügte er etwas kräftiger hinzu: »Aber fasst den armen Jungen bitte nicht zu hart an; er hat schließlich gerade seinen Vater verloren!«
   Sophie bemerkte, wie Otto Wieprecht ihren Vater bei diesen Worten verwundert musterte, und auf einmal war sie erfüllt von einer mächtigen Welle von zärtlichem Stolz. Dies war endlich wieder der Eckart Teggels, den sie kannte! Dies war der Mann, den sie schon als Kind immer geliebt und bewundert hatte für seine Warmherzigkeit und seine Rücksichtnahme gegenüber anderen Menschen. Und dieser wunderbare Mann sollte ein Mörder sein? Das war absolut unmöglich und geradezu lächerlich – und sie hoffte, dass auch der Sprössling der Patrizierfamilie Wieprecht dies so bald als möglich begreifen möge …

Kapitel 4

Wie er es versprochen hatte, trottete Eckart Teggels wie ein großer zahmer Bär brav zwischen seinen beiden Begleitern einher, während sich Otto Wieprecht und Baltasar Schulten flotten Schrittes aufs Berliner Rathaus zubewegten. Sie erregten keinerlei Aufsehen und waren lediglich drei Männer wie viele andere, die sich durch die ausdünnende Menge der Marktbesucher schoben.
   Während dieses ereignislosen Ganges hatte Otto die Gelegenheit, die irrwitzig verschlungenen Windungen des Schicksals – oder einer unbegreiflichen göttlichen Fügung? – seelisch zu verarbeiten. Da war er nun also zur Mittagszeit mit einer Jungfrau zusammengestoßen, die seine Gedanken auf rätselhafte Weise in ihren Bann gezogen hatte, wobei er sich bei diesem Zusammentreffen – nun ja, seien wir ehrlich – ausgesprochen tölpelhaft angestellt hatte. Dann erhielt er einige Zeit später vom Berliner Stadtrat unter anderem die Aufgabe, einen gewissen Eckart Teggels festzunehmen – und dieser Verdächtige war unglaublicherweise der Vater von eben jener temperamentvollen und verwirrend schönen Frau! Sobald Otto sie am Knochenhauerscharren erkannt hatte, war er zum zweiten Mal an diesem Tage wie vom Donner gerührt gewesen und unfähig, seine Sinne auf normale und besonnene Weise zu nutzen. Erst als dieser junge Perwenitz ihn mit seiner Prügelattacke abgelenkt hatte, war seine Vernunft allmählich zurückgekehrt, und erst danach hatte er sich – wie er meinte – fürwahr wieder wie ein besonnener Bürger und souveräner Ratsgesandter verhalten.
   Während er auf die Ereignisse zurückblickte, stellte er fest, dass eine seiner früheren Befürchtungen mittlerweile sang- und klanglos verpufft war. Dieser Teggels war bestimmt kein gewissenloser Irrer, der einen Menschen mit eiskalter Berechnung einfach so umbrachte. Wenn er den alten Perwenitz tatsächlich getötet haben sollte, dann war dies aus einem heftigen leidenschaftlichen Gefühl heraus passiert, vielleicht aus abgrundtiefer Enttäuschung, vielleicht aus heftiger Empörung, oder vielleicht auch zum Schutz eines von ihm geliebten Menschen (womöglich zum Schutz seiner Tochter? Wie heißt sie eigentlich? Ihr Name war nie gefallen …).
   Noch immer hatte Otto Wieprecht das verblüffende Bild in lebhafter Erinnerung, wie der Cöllner Knochenhauer um Rücksichtnahme für jenen Menschen bat, der ihn soeben verprügelt hatte. Und dies in einer Situation, wo er selbst gerade des Mordes verdächtigt und abgeführt wurde! Nein – so ein Mensch konnte kein eiskalter Mörder sein! Wie auch immer: Es war zweifelsfrei seine allererste Aufgabe, die Richtigkeit genau dieser Mutmaßung zu überprüfen.
   Ohne jeglichen Zwischenfall erreichte Otto mit seinen Begleitern schließlich erneut die Gerichtslaube am Ende der Middelstraße. Diesmal allerdings gingen sie nicht weiter bis zur Kreuzung mit der Oderberger Straße, sondern bogen vor der Gerichtslaube rechts ab, sodass sie zum hinteren Teil des Rathauses gelangten. Hier befanden sich ein paar kleinere Anbauten, wo Holzeimer und andere Utensilien für die Brandbekämpfung verstaut waren und wo der Büttel sein Domizil direkt über einem alten städtischen Kerker hatte, solange die neue Büttelei in der Nähe des Neuen Marktes noch nicht fertiggestellt war. Direkt neben diesem Anbau stand der Geräteschuppen, in dem der Cöllner Knochenhauermeister untergebracht werden sollte. Inzwischen war der Schuppen auf Ottos Anweisungen hin leer geräumt worden, und die zuvor darin gelagerten Werkzeuge, Besen, Folterinstrumente und Holzplanken lagerten nun für einige Zeit im Freien. Anschließend war der Raum von einigen Stadtknechten zu einem Mittelding zwischen Gaststube und Gefängnis umgestaltet worden, das einerseits fest verschlossen werden konnte und nur ein einziges vergittertes Fenster besaß, aber andererseits seinem einzigen Insassen auch die Bequemlichkeiten einer guten Herberge bieten sollte.
   Besser gesagt: einer eher mittelmäßigen Herberge. Nachdem der Büttel den ehemaligen Geräteschuppen aufgeschlossen hatte, konnte Otto einen ersten Blick in die künftige Behausung des Cöllner Knochenhauermeisters werfen, und die Ausstattung des Raumes wirkte reichlich spartanisch. In der Mitte stand ein einfacher Holztisch mit zwei ebenso schlichten Holzstühlen, und an einer Seite des Raumes hatte man ein Bett aufgestellt, das mit etwas Stroh bedeckt war und neben dem ein größerer Keramiktopf zur Verrichtung der Notdurft des Gefangenen stand. Immerhin wirkte der Anblick dadurch etwas freundlicher, dass ein mitdenkender Helfer eine Schale mit ein paar Äpfeln und Birnen auf dem Tisch platziert hatte.
   Als Eckart Teggels den Ort seiner Gefangenschaft betrat, warf er ebenfalls einen kurzen Blick um sich, doch er zeigte keine Reaktion und schien seine Umgebung nicht wirklich wahrzunehmen. Immerhin bemerkte er den Tisch mit den beiden Stühlen, denn er bewegte seine massige Gestalt zielstrebig darauf zu und ließ sich leise stöhnend auf einen der beiden Holzstühle plumpsen. Dann packte er beide Arme auf den Tisch, legte seinen Kopf seitlich auf seine gefalteten Hände, und starrte regungslos auf einen unbestimmten Punkt an einer Wand.
   Nach einem kurzen Blick auf ihren »Gast« gab Otto Wieprecht dem Büttel ein paar geflüsterte Anweisungen, woraufhin Baltasar Schulten mit geschäftiger Miene den Schuppen verließ. Dann ging Otto zum vergitterten Fenster und entfernte die daran festgeklammerte Holzplatte, um für etwas mehr Helligkeit zu sorgen und gleichzeitig auch den muffigen Geruch aus dem Raum zu vertreiben. Aus demselben Grund ließ er die Tür sperrangelweit offen, denn er glaubte nicht, dass ihm der Cöllner Knochenhauer plötzlich weglaufen würde.
   So – und nun wurde es allerhöchste Zeit, dem bisher einzigen Verdächtigen für den spektakulären Mordfall einige bedeutungsschwere Erklärungen oder gar Enthüllungen zu entlocken. Mit diesem Entschluss ging Otto zum Tisch hinüber und ließ sich auf dem freien Stuhl nieder. Dann sprach er den Knochenhauer an – doch was da plötzlich aus seinem Mund herausschoss, hatte nichts mit seinen vorherigen Erwägungen zu tun. »Nun sagt, werter Meister Teggels, wie heißt denn eigentlich Eure Tochter?«, fragte er nämlich.
   Es ist wenig erstaunlich, dass dieser Frage eine etwas längere Pause folgte, denn Eckart Teggels schien genauso verblüfft über diesen unerwarteten Gesprächsbeginn wie Otto es selbst war.
   Der ältere Mann hob seinen Kopf und betrachtete seinen »Gastgeber« – oder vielleicht doch eher »Kerkermeister«? – zum allerersten Mal genauer. Dabei schenkte er der ausgefallenen Kleidung des jungen Patriziers kaum Beachtung, sondern konzentrierte sich ausschließlich auf seine Gesichtszüge, als könnte er daraus alle Eigenarten seines Charakters ablesen. Diese Betrachtung schien ihm in seiner seelischen Qual weiterzuhelfen und ihn von seinen stumpfen Grübeleien zu befreien, denn sein Blick wurde auf einmal viel entkrampfter und klarer, als er begann, seinem Fragesteller mit ruhigem doch sehr aufmerksamem Blick die gewünschte Auskunft zu geben. »Meine Tochter heißt Sophie – wieso fragt Ihr?«
   Nun lag es an Otto, dies zufriedenstellend zu erklären, und er erwiderte gespielt lässig, als würde es keine wesentliche Bedeutung besitzen: »Nun ja, ich wollte halt ein wenig mehr über Eure familiären Verhältnisse erfahren.«
   Der Knochenhauermeister blickte ihn erneut prüfend an, dann nickte er und schien im Folgenden bemüht, Ottos freundlichem Gesprächsbeginn mit vertrauensvoller Offenheit zu begegnen. »Da ihr der Beauftragte des Berliner Stadtrates seid und mir ein anständiger Mensch zu sein scheint, will ich Euch die volle Wahrheit nicht verschweigen. In Wirklichkeit ist Sophie nicht meine leibliche Tochter, sondern meine Nichte. Ihre Mutter – meine Schwägerin – verstarb bei ihrer Geburt, und da haben meine Gemahlin, Gott hab sie selig, und ich das kleine Kind als Mündel und als Tochter bei uns aufgenommen.«
   »Als Mündel?«, fragte Otto nach. »Dann hat ihre Mutter sie also nicht völlig mittellos zurückgelassen?«
   »Das ist richtig«, entgegnete Eckart Teggels mit einem weiteren abschätzenden Seitenblick auf den Frager. »Sophie wird eine gute Partie sein, wenn sie einmal einen Gatten wählt, und bis dahin achte ich auf ihren Besitz – und auf ihren Umgang, falls es dort einmal einen geldgierigen Windbeutel geben sollte …« Diese Aussage wurde von einem diesmal recht scharfen Blick in Ottos Augen begleitet.
   Der junge Mann ruderte sogleich zurück und bemerkte scheinbar beiläufig: »Sehr gut, recht so – ein Vater muss auf seine Tochter stets ein wachsames Auge haben!« Otto schien es angebracht, nun schleunigst das Thema zu wechseln, und so erkundigte er sich: »Habt Ihr noch weitere Kinder, Meister Teggels?«
   »Ja, einen Sohn«, entgegnete der Angesprochene. »Ulrich ist dem Ruf Gottes gefolgt und dient bei den Mönchen des Franziskanerordens. Ich bin sehr stolz auf ihn – auch wenn es dadurch leider völlig ungewiss ist, wer einmal mein Geschäft übernehmen wird. Meine Gemahlin ist leider viel zu früh zum Herren heimgekehrt«, ergänzte er mit einem kleinen Seufzer. »Und deshalb konnten wir keine weiteren Kinder haben. Bisher brachte ich es nicht über mich, um eine andere Frau zu werben, aber vielleicht bin ich eines Tages so weit, mit einer neuen Gefährtin einen Stammhalter für das Geschäft zu zeugen.«
   Otto warf ihm einen abschätzenden Blick zu. Der Knochenhauermeister musste um die neununddreißig Lenze auf dem Buckel haben – da sollte er sich sputen, wenn er noch einmal eine Familie aufbauen und einen Stammhalter großziehen wollte. Außerdem gab es augenblicklich die nicht ganz unerhebliche Frage, ob er das jetzige Jahr überhaupt überleben oder womöglich in Kürze am Galgen enden würde (vielleicht würde er auch geköpft oder gerädert werden – Otto war sich nicht ganz sicher, welche spezielle Todesstrafe für einen solchen Mord vorgesehen war).
   Diese Spekulationen erinnerten ihn daran, weshalb sie hier im ehemaligen Geräteschuppen saßen, denn es ging nicht darum, mit einem freundlichen Cöllner Bürger über dessen Familiengeschichte zu plaudern. Ottos Aufgabe war es vielmehr, die genauen Umstände eines schrecklichen Mordes herauszufinden, und deshalb sollte er endlich beginnen, aus diesem wichtigsten Verdächtigen mit Sorgfalt und Geschick die Wahrheit herauszulocken. »Nun gut, Meister Teggels, jetzt wollen wir auf die Geschehnisse des gestrigen Tages eingehen«, begann er und bemerkte, dass sich bei diesen Worten ein Schleier über das soeben noch so lebhafte Gesicht seines Gegenübers senkte. »Wie ich hörte, wart Ihr am gestrigen Nachmittag im Alten Bierstübchen und hattet dort eine heftige Auseinandersetzung mit Meister Perwenitz. Worum ging es dabei?«
   »Worum es dabei ging? Dieser Perwenitz hat mich betrogen, wie es kein Meister unseres Gewerbes tun darf!«, empörte sich Eckart Teggels. »In unserer Cöllner Zunft gilt die eiserne Regel, dass kein Knochenhauermeister einen anderen hintergehen oder übervorteilen darf. Und soweit ich gehört habe, gelten solche Vorschriften auch in Berlin, denn dort haben die Knochenhauer vor gerade mal einem Jahr vereinbart, dass sich kein Meister böswillig gegen seine Kumpane zeigen solle!«
   »Inwiefern hat sich denn Meister Perwenitz Euch gegenüber böswillig verhalten?«
   »Er hat mir fast die Hälfte meines Einkommens weggeschnappt!«, schnaufte der Cöllner Meister. »Und dann hat der gottlose Schurke mir kalt lächelnd erklärt, dass grundsätzliche Verhaltensregeln gegenüber Berliner Knochenhauern nicht zwangsläufig auch für die Berufskollegen auf der anderen Seite der Spree gelten müssen!«
   »Erklärt mir dies näher«, warf Otto ein. »Um welche Art von Einkommen ging es dabei?«
   Die angestrengte Bemühung, von seinem unbändigen Zorn herunterzukommen, war Eckart Teggels deutlich anzumerken. Nachdem er zweimal tief Luft geholt hatte, erklärte er etwas ruhiger: »Ich bin mir nicht sicher, Herr Wieprecht, wie viel Ihr von unserem alltäglichen Gewerbe wisst. Wir Knochenhauer verkaufen nicht nur unser Fleisch – wir besorgen es auch. Das bedeutet, dass wir regelmäßig die umliegenden Dörfer aufsuchen, um dort Rinder, Schweine, Ziegen, Schafe und Federvieh zu kaufen, die wir zum Cöllner Schlachthof am Ende der Fischerstraße bringen. Dort werden die Tiere von den Kuttlern geschlachtet, die an uns das Fleisch weitergeben. Von einem Teil des Fleisches und den Innereien werden von den Kuttlern ferner im Wursthof die leckersten Wurstwaren erzeugt, die wir ebenfalls verkaufen, während die restlichen Teile des Viehs anderen Verwendungen zugeführt werden. Das Fett und manche Abfälle benötigen die Seifensieder und Kerzenzieher, während die Häute oder Felle von Pergamentmachern, Gerbern, Kürschnern, Schuhmachern, Sattelmachern, Riemenschneidern, Handschuhmachern und weiteren Handwerkern zu Pergament, Schuhen und einer ganzen Reihe verschiedener Lederwaren weiterverarbeitet werden.« Meister Teggels machte eine Verschnaufpause und musterte Ottos Miene, als wäre er nicht sicher, ob dieser junge Patrizier ihm auch folgen könne. Die Überprüfung schien zu einem positiven Ergebnis zu führen, denn nach einem zufriedenen Kopfnicken fuhr er fort: »Die gesamte Warenproduktion erfordert also eine große Zahl einzelner Schritte, an denen viele verschiedene Handwerker beteiligt sind. Daher ist es nicht weiter erstaunlich, dass sich häufig mehrere Beteiligte zusammenschließen, um diese Abläufe gemeinsam zu erledigen und gemeinsam davon zu profitieren, ohne sich unablässig neue Lieferanten oder Geschäftspartner suchen zu müssen.«
   »Und um einen solchen Zusammenschluss mehrerer Handwerker ging es also bei Eurem Streit mit Meister Perwenitz?«
   »Es war sogar noch komplizierter«, entgegnete Eckart Teggels, »denn zusätzlich waren noch ein Kaufmann und der Besitzer des Schlachtviehs beteiligt. Tatsächlich war es der Kaufmann, der Herr von Lostau aus der Oderberger Straße, der die Zusammenarbeit der einzelnen Handwerker und auch den Kauf der Tiere organisierte und dafür am Verkauf verschiedener Lederartikel und am Gesamterlös beteiligt war. Er ist mit einem Tempelritter befreundet, dem Komtur der Kommende Tempelhof, und drei Jahre lang war ich dafür zuständig, die uns von den Templern zur Verfügung gestellten Rinder und Schafe zu unserem Schlachthof zu bringen und einen Teil der Wurst- und Fleischwaren an die Templer zurückzuliefern, während ich den anderen Teil in meinem Scharren verkaufen durfte. Es war ein sehr einträgliches Geschäft!«
   »So einträglich, dass es fast die Hälfte Eures Einkommens ausmachte, sagtet Ihr soeben …«
   »Das ist wahr«, bestätigte Ottos Gefangener, wobei sich ein schwaches Lächeln in sein Gesicht stahl. »Ich hätte sogar noch mehr daran verdienen können, denn der Herr von Lostau versicherte mir, dass es wohl niemand bemerken würde, wenn ich ein wenig minderwertiges Fleisch in die Templerlieferung hineinmischte, falls mir der Gewinn nicht ausreichen sollte. Aber so freundlich sein Vorschlag auch gemeint war – als anständiger Handwerker bin ich natürlich nicht darauf eingegangen, zumal die Verkaufserlöse ohnehin schon deutlich höher lagen als bei manch anderem Geschäft.«
   »Diese Einnahmen flossen also drei Jahre lang in Eure Kasse – und was ist dann passiert?«
   »Ich war so dumm, bei einem Treffen der Knochenhauer unserer beiden Städte den Mund zu voll zu nehmen, weil ich wohl ein Bier zu viel getrunken hatte!«, rief der Cöllner Meister aus, und die alte Wut kehrte auf der Stelle zurück. »Ich war so leichtfertig, an unserem Tisch darüber zu prahlen, wie viel ich bei diesen Geschäften verdient hatte, und als dieser Perwenitz mich dann ausfragte, habe ich ihm all seine Fragen ganz offen beantwortet. Wie blöde kann man nur sein!« Nach kurzem Zögern ergänzte er: »Vielleicht hat mir dieser Kerl auch was in meinen Krug gekippt, denn am nächsten Morgen habe ich mich so elend gefühlt wie lange nicht mehr, und normalerweise vertrage ich ‘ne Menge Bier!« In Erinnerung an diesen Abend schnaufte der kräftige Knochenhauer vor hilfloser Wut, und dann sprudelte es aus ihm heraus wie ein Wasserfall. »Und dann gestern, gestern – da war ein Treffen mit von Lostau, dem Komtur und ein paar Handwerkern geplant, bei dem die nächste Viehlieferung und ihre Weiterverarbeitung besprochen werden sollte. Und was passiert kurz vor der Mittagszeit? Na, was denkt Ihr? Da kommt doch tatsächlich ein Bote des Herrn von Lostau bei mir vorbei und richtet mir aus, dass sich der werte Herr für unsere gute Zusammenarbeit bedankt, aber die künftigen Geschäfte mit dem Meister Perwenitz durchführen wird! Weil es viel einfacher und profitabler sei, wenn ein Berliner Knochenhauer meinen Teil der Arbeiten übernimmt!« Eckart Teggels hämmerte mit der Faust mehrfach auf den Tisch, um seinen auf Siedetemperatur kochenden Ärger abzureagieren. Doch dann wurde die Wut nach und nach von Enttäuschung und Resignation verdrängt. »Ich wollte es zuerst nicht glauben«, stöhnte er, »und bin sogleich in die Oderberger Straße geeilt, doch der Herr von Lostau war entweder nicht da oder wollte mich nicht sprechen. Also bin ich etwas später ins Alte Bierstübchen gegangen, denn ich wusste ja, wann und wo das Treffen stattfinden sollte. Und tatsächlich, da saßen sie alle zusammen: der Herr von Lostau, der Tempelritter, ein paar Handwerker – und unter ihnen auch dieser widerwärtige Perwenitz, der mich mit seinem feisten Gesicht auch noch frech angrinste!« Seine Miene verzog sich. »Es ist schon wahr, dass da irgendetwas in mir ausrastete und ich diesem fiesen Kerl alle möglichen Beleidigungen an den Kopf warf. So ganz genau weiß ich gar nicht mehr, was ich alles gesagt habe – aber auch die allerschlimmste Beleidigung hat dieser gewissenlose Lump wahrlich verdient!«
   »Ihr sollt gesagt haben, dass Meister Perwenitz sehr bald sein Leben aushauchen und in der Hölle schmoren wird«, warf Otto ein.
   »Ja? Habe ich das?« Jetzt war Eckart Teggels etwas verwirrt, doch er fing sich rasch wieder. »Das kann schon sein – aber so habe ich das doch gar nicht gemeint! Jawoll, er ist ein Lump, und um solche Leute ist es nicht schade, wenn man sie aufknüpft. Aber ich würde ihn doch nicht umbringen! Unser Rat und unsere Gerichte müssen dafür sorgen, dass solche Betrüger ein für alle Mal aus unseren Städten verschwinden. Und da ist es mir völlig egal, ob sie gebrandmarkt und davongejagt werden, oder ob sie gleich auf dem Schafott landen!«
   Ein wenig konnte Otto den Ärger des Cöllner Knochenhauers nachempfinden, und er glaubte, jetzt auch den Ablauf der Geschehnisse im Wirtshaus recht gut nachvollziehen zu können. Also ging er zum nächsten Zusammentreffen der beiden Kontrahenten über. »Fein, Meister Teggels, das war also Euer Wortgefecht im Alten Bierstübchen. Ist es richtig, dass Ihr Meister Perwenitz gegen Abend in seiner Werkstatt noch einmal aufgesucht habt?«
   »Ja, das stimmt«, antwortete Eckart Teggels ohne Zögern, »aber dieses Treffen war sehr kurz – und ebenso ärgerlich wie das vorangehende. Ich habe versucht, an seine Berufsehre zu appellieren und eine friedliche Zusammenarbeit von uns beiden bei den Geschäften mit den Templern vorgeschlagen, aber dieser ekelhafte Schurke hat mich einfach nur ausgelacht. Und wie ich vorhin schon sagte, hatte er dann noch die Frechheit, sich damit herauszureden, dass ein Cöllner Knochenhauer lediglich ein lästiger Gegner sei, bei dem die Regeln des Berliner Gewerks nicht gelten würden! Als ich das hörte, hatte ich genug und bin ohne ein weiteres Wort gegangen.«
   »Da lebte der Meister Perwenitz also noch?«
   »Wie? Was? Ja, freilich!« Und plötzlich bekreuzigte sich Meister Teggels und hob seine rechte Hand zum Schwur. »Im Namen Gottes, sehr verehrter Herr Wieprecht, ich schwöre Euch bei … bei … beim Leben meiner beiden Kinder, dass ich diesen Perwenitz nicht ermordet habe, so sehr ich ihn auch gehasst und verachtet habe!«
   Ob er es wollte oder nicht – Otto war beeindruckt vom Verhalten des Knochenhauermeisters. Und es schien ihm unvorstellbar, dass dies alles nur eine Schmierenkomödie sein sollte, die Eckart Teggels aufführte, um von seiner Schuld abzulenken. Nein – Otto glaubte ihm. Was allerdings bedeutete, dass er nun eine Menge Arbeit vor sich haben würde, weil er den wahren Schuldigen entdecken musste. »Fein, Meister Teggels, im Moment habe ich genug erfahren. Es kann aber sein, dass ich sehr bald mit weiteren Fragen wiederkommen werde.«
   »Selbstverständlich«, und dann erschien unfassbarerweise ein schwaches sarkastisches Grinsen in den Zügen des Gefangenen. »Wer weiß, vielleicht bin ich nach einiger Zeit in dieser – nun ja: recht außergewöhnlichen Unterkunft – dann auch recht dankbar, mal wieder mit einem Menschen reden zu können.«
   Otto erwiderte das Grinsen, stand auf, und verabschiedete sich mit einer kleinen angedeuteten Verbeugung. Als er schon fast die Tür erreicht hatte, sprach ihn Eckart Teggels nochmals an.
   »Entschuldigt, Herr Wieprecht – werdet Ihr morgen meine Tochter sehen?«
   Der junge Patrizier blieb urplötzlich stehen, drehte sich um, und betrachtete das Gesicht des Knochenhauermeisters mit leisem Misstrauen, doch er konnte lediglich tiefen Kummer und ein flehendes Bitten darin erkennen. »Ich denke schon«, entgegnete er, »ich werde auch ihr einige Fragen stellen müssen.«
   »Dann möchte ich Euch inständig um einen riesengroßen Gefallen ersuchen! Richtet Sophie bitte, bitte aus, dass es mir gut geht und sie sich keine Sorgen machen muss! Und dass … dass sich alles aufklären wird! Und dass ich bald wieder zu Hause sein werde!«
   Otto wurde warm ums Herz, als er in den Zügen des älteren Mannes die tiefe Liebe zu seiner Tochter und die Besorgnis um ihr Wohlergehen erblickte. Er antwortete spontan und ohne weiter nachzudenken: »Das werde ich gern tun, Meister Teggels. Und ich werde auch mit dem Büttel sprechen, dass es Euch hier an nichts fehlen soll und Ihr gut versorgt werdet! Doch nun lebt wohl – und Gott beschütze Euch!«
   Als er sich umdrehte, hörte Otto noch ein »Auch Euch beschütze Er!« als Antwort. Dann verließ er den Schuppen, drückte die Tür zu und drehte den Schlüssel im Schloss um – all das mit dem bitteren Gefühl, dass dieser hünenhafte Mann dort drinnen diese Behandlung allem Anschein nach nicht verdient hatte. <

Kapitel 5

Im Laufe ihres noch recht jungen Lebens hatte Sophie bereits manch unangenehmen Tag erlebt – aber die heutigen Ereignisse waren so unbegreiflich und beängstigend, dass sie sogar die allerschlimmsten Albträume, die sie jemals gehabt hatte, bei Weitem übertrafen. Ihr Vater war verhaftet worden, und man verdächtigte ihn eines Mordes!
   Nach den unfassbaren Geschehnissen des Nachmittags war sie ratsuchend zu Marja gerannt, um ihrer Vertrauten von den grauenhaften Entwicklungen zu berichten, woraufhin sie sich bei ihr eine halbe Stunde lang die Augen aus dem Kopf geheult hatte wie ein kleines Mädchen. Irgendwann dämmerte es ihr, dass ihre Mädchenjahre schon einige Zeit zurücklagen und dass sie ihrem Vater mit kindlichen Weinkrämpfen nicht helfen konnte. Und da trocknete sie ihre Tränen, schenkte Marja ein schwaches, doch gefasstes Lächeln und bemühte sich, die trostlosen Gefühle von hilfloser Verzweiflung in den Griff zu bekommen. Von nun an wollte sie ernsthaft über die Konsequenzen dieser grauenhaften Situation nachdenken und Möglichkeiten erkunden, wie die Gefangenschaft ihres Vaters am schnellsten beendet werden konnte.
   Zuerst einmal, wurde ihr sofort klar, musste sie auf der Stelle ihren Bruder Ulrich darüber informieren, was passiert war. Also machte sie sich fürs Ausgehen zurecht und benutzte heute ausnahmsweise einen ihrer größten Schätze: ein Fläschchen mit Rosenöl und Bleiweiß, das der Haut ihrer rot geheulten Wangen eine matte weiße Farbe verlieh. Draußen angekommen ging sie zuerst zum Scharren ihres Vaters und stellte zufrieden fest, dass Tyde Krunkel, der Geselle des Knochenhauermeisters, bereits mit dem Saubermachen und Aufräumen begonnen hatte.
   Sie informierte ihn über ihr Vorhaben und machte sich auf den Weg zum Franziskanerkloster nahe der Stadtmauer auf der Berliner Seite der Spree. Dazu musste sie erneut das Gebiet des Jahrmarkts durchqueren, doch dies bereitete zu dieser späten Stunde keine Schwierigkeiten mehr, weil die meisten Händler inzwischen mit dem Abbau ihrer Marktstände beschäftigt waren und sich nur noch wenige kaufwillige Besucher hier aufhielten. Wehmütig dachte Sophie daran zurück, wie sie mit Marja vor nur wenigen Stunden genau denselben Weg genommen hatte, und wie sie beide heiter und fröhlich durch den geschäftigen Trubel und das bunte Durcheinander spaziert waren, das zu jener Zeit hier geherrscht hatte. Rückblickend schien es jetzt so, als hätten sie da in einer völlig anderen Welt gelebt, die urplötzlich von Teufeln und Dämonen überrannt worden war …
   Bevor sie erneut in kraftlose Verzweiflung versinken konnte, rief sich Sophie energisch zur Ordnung. Es war zwar fürchterlich, was ihrem Vater zugestoßen war, aber ihre Aufgabe war es jetzt, ihn von dem grauenhaften Vorwurf zu befreien, er hätte jemanden umgebracht. Und dazu brauchte sie einen klaren Kopf! Also schob sie jegliche Visionen von unbarmherzigen Dienern der Hölle beiseite und legte sich stattdessen zurecht, wie sie ihrem Bruder die Geschehnisse des Nachmittags am besten beschreiben konnte.
   Als sie den nordöstlichen Teil Berlins durchquert und das Kloster der Franziskaner erreicht hatte, musste sie allerdings feststellen, dass dieser Tag genauso fürchterlich weiterging, wie er zuletzt verlaufen war. Nachdem sie nämlich an einer Seitenpforte nahe dem Skriptorium einen der Grauen Brüder angetroffen und ihm mitgeteilt hatte, wen sie besuchen wollte, musste sie vor den Klostermauern geraume Zeit warten, bis er endlich zurückkam. Und dann richtete der Mönch ihr die Nachricht aus, dass sich ihr Bruder heute ausschließlich seinen Exerzitien widmen müsse, sie aber morgen Vormittag daheim aufsuchen werde.
   Der ganze Aufwand war also völlig umsonst gewesen, und somit musste sie gleich darauf denselben Weg zurückgehen, den sie zuvor in entgegengesetzter Richtung genommen hatte. Sie war so tief in ihren trüben Gedanken versunken, dass sie nichts von dem mitbekam, was sich um sie herum abspielte. Die beiden halbwüchsigen Knaben, die abwechselnd eine Holzkugel durch den Straßenstaub rollten, um damit eine Handvoll Kegel umzuwerfen; der Bauer mit den hängenden Schultern, der zwei ebenso müde Rinder vor sich her trieb; der betrunkene Geselle, der neben dem Eingang zu einem Wirtshaus seinen Mageninhalt auskotzte und damit aus einer Nebenstraße drei fette Ratten anlockte; ein anderer betrunkener Mann, der schwankend gegen eine Hauswand pinkelte und ihr mit glasigen Augen begehrliche Blicke zuwarf; zwei alte Weiber, die sich keifend um den Besitz einer Ledertasche stritten; eine ganz in Schwarz gekleidete Nonne, die sich vergeblich bemühte, den Streit zu schlichten – all dies waren Szenen, die Sophie in ihrer gramerfüllten Schwermut überhaupt nicht wahrnahm.
   Als sie schließlich wieder in der Großen Straße angekommen war, dämmerte es bereits, und sie beschloss, sich nach dem abendlichen Essen unverzüglich in ihren Schlafraum zurückzuziehen. Das Haus ihres Vaters war ein zweigeschossiger Fachwerkbau, der im Erdgeschoss zur Straße hin neben der Eingangstür noch zwei Fenster und im ersten Stockwerk drei Fenster besaß. Auf der rechten Seite gab es nur einen mannsbreiten Spalt zum Nachbarhaus, während auf der linken Seite genügend Platz für einen breiten Weg gelassen worden war, über den man mit einem Wagen zur Rückseite des Gebäudes gelangte, wo sich bis zur Spree eine Weide für ihre beiden Pferde erstreckte.
   Mit müden Schritten stieg Sophie die drei Stufen zur Eingangstür hinauf, und sobald sie diese geöffnet hatte, drangen ihr die Wohlgerüche des Essens in die Nase, das Marja zum Abend zubereitet hatte. Als sie rechts die halb geöffnete Tür zur Werkstatt ihres Vaters erblickte, überfielen sie erneut die Sorgen um sein Wohlergehen und ihre Zukunft, aber sie schüttelte diese Gedanken ab und wandte sich entschlossen nach links zur Küche.
   Der Tisch, an dem Marja und Tyde saßen, wirkte an diesem Abend durch den frei gebliebenen Platz am Kopfende viel zu groß. Nach einem trübseligen Blick auf den leeren Stuhl setzte sich Sophie auf ihren Stammplatz direkt daneben, von wo aus sie seit frühester Jugend ihrem Vater ihre geheimsten Gedanken und Wünsche ins Ohr geflüstert hatte. Wie gern hätte sie gerade jetzt ihre ganzen Ängste und Sorgen bei ihm ausgeschüttet und seine tiefe Brummstimme ein paar aufmunternde Worte sagen hören! Erneut verkrampfte sich etwas schmerzhaft in ihrer Brust, und sie verpasste die Frage, die Marja ihr soeben gestellt hatte.
   »Was möchtest du essen, Kleine?«, wiederholte Marja geduldig und mitfühlend. »Kohlsuppe und gekochten Aal oder nur den Aal?«
   »Danke, Marja, gib mir beides.«
   Während Marja sich der Kochstelle zuwandte, um das Essen aufzutun, nestelte Sophie an einem Beutel herum, der an ihrem dunkelblauen Gürtel festgebunden war und holte Messer und Löffel heraus (sein eigenes Besteck führte man im Mittelalter stets mit sich). Als sie ihr Esswerkzeug auf den Tisch legte, fiel ihr auf, dass der Geselle ihr einen verstohlenen Blick zuwarf und sie heimlich zu mustern schien.
   »Ist etwas, Tyde?«, fragte sie gleichgültig, worauf der Geselle lediglich den Kopf schüttelte und den Blick von ihr abwandte.
   In der Zwischenzeit hatte Marja zwei bauchige Henkeltöpfe aus hellbrauner Keramik von einem eisernen Grillrost heruntergeholt, der auf drei Beinen über der Feuerstelle am Boden stand, und die Töpfe auf den steinernen Abdeckplatten eines danebenstehenden breiten Regals abgestellt. Aus einem dieser Töpfe holte sie den auf dem Jahrmarkt erworbenen langen, fetten Aal aus einem herrlich kräftig duftenden Sud, zerkleinerte den Fisch mit einem scharfen Messer in handliche Portionen und legte diese auf eine runde Holzplatte. Anschließend griff sie nach drei dicken Brotstücken, entfernte einen Teil der Krume und füllte aus dem zweiten Topf mit einer Holzkelle die dickflüssige Kohlsuppe in die Aushöhlungen. Danach stellte sie die Holzplatte mit dem Aal in die Mitte des Tisches und schob die großen Brotstücke mit der Suppe darin zu Sophie, Tyde Krunkel und zu ihrem eigenen Platz am Tisch. Schließlich füllte sie drei blaugraue Tonbecher mit Wacholderbier und stellte diese neben den Brotstücken ab.
   Sobald Marja das Essen verteilt hatte, musste Sophie verdattert und entgeistert miterleben, wie Tyde plötzlich aufstand, die Hände faltete und mit seiner etwas holprigen Stimme das Tischgebet sprach: »O Jott, segne diese Speise – uns zur Kraft und Euch zu Preise. Amen!« Er setzte sich wieder, griff nach dem größten Stück Aal auf dem Holzbrett, und versenkte schmatzend seine fleckigen gelben Zähne darin.
   Sophie hatte ganz automatisch die Hände gefaltet und den Kopf gesenkt, denn einem Gebet durfte man sich nicht entziehen. Doch dann dämmerte ihr, welche Rolle der Geselle soeben übernommen hatte – nämlich die des Hausherrn, und die stand ihm keinesfalls zu! Bisher war das Tischgebet natürlich immer von ihrem Vater gesprochen worden, und wenn er heute nicht anwesend sein konnte, dann war sie automatisch das Familienoberhaupt und nicht etwa der Geselle! Ihr war sehr wohl bewusst, dass viele Rechte und Ehren ausschließlich den Männern vorbehalten waren, aber gerade hier in diesem Hause war es eine bodenlose Frechheit, wenn ein einfacher Geselle sie in die Rolle einer bedeutungslosen Weibsperson drängen wollte!
   Offensichtlich war es allerhöchste Zeit, den überheblichen Burschen in seine Schranken zu weisen. Es wäre unchristlich gewesen, ein gerade gesprochenes Gebet zu verunglimpfen, und deshalb entschied sie sich für ein anderes Ziel ihrer zornigen Attacke, um die Machtverhältnisse im Hause Teggels zurechtzurücken. »Sag, Tyde, hast du schon deine Pflichten erfüllt und dich um die Pferde gekümmert?«
   Ihr Geselle verschluckte sich fast an dem dicken Stück Aal, auf dem er gerade herumkaute, und nuschelte mit vollem Mund: »Mach ick später.«
   »Na gut, Tyde, dann denke aber bitte auch daran, dass der Braune kräftig gestriegelt werden muss und dass es allerhöchste Zeit ist, mal wieder die Hufe auszukratzen. Falls es nachher schon zu dunkel ist, dann mach dies bitte morgen als Allererstes!« So, dachte sie, das sollte diesem aufmüpfigen Kerl eigentlich klarmachen, wer hier zu befehlen und wer zu gehorchen hatte.
   Offenbar war die Botschaft angekommen, denn das Gesicht des Gesellen wirkte reichlich mürrisch, als er ein zweites gemurmeltes »Mach ick« von sich gab.
   Das weitere Essen verlief schweigsam, und außer dem Klappern des Bestecks und gelegentlichem Schmatzen waren nur ein paar dahingeworfene lobende Bemerkungen zu Marjas Kochkünsten zu hören. Während Sophie sich fühlte, als müsste sie sich in ihren Gedanken durch einen zähen und undurchdringlichen Nebel kämpfen, kostete es sie eine Menge Kraft, sich nach außen hin so zu verhalten, als ob die Welt noch völlig in Ordnung wäre. Deshalb war sie heilfroh, als alle ihre Suppe verzehrt hatten und vom Aal nur noch das Knochengerüst übrig geblieben war, sodass sie endlich aufstehen und sich entfernen konnte. Sie warf Marja ein warmes Lächeln und dem Gesellen ein eher herrisches »Gesegnete Nacht!« zu, dann eilte sie zur Treppe gegenüber der Eingangstür und ging die Stufen hinauf in den ersten Stock.
   In Sophies Kindheit hatte es hier nur zwei Räume gegeben: einen Lagerraum und – wie damals üblich – einen großen Schlafraum für die gesamte Familie. Als sein Sohn vor einigen Jahren aber Ruhe und Ungestörtheit für seine christlichen Studien brauchte, hatte Eckart Teggels die Etage komplett umbauen lassen. Seitdem gab es auf der einen Seite zwei kleine Kammern für Marja und Tyde neben dem ehemaligen Zimmer ihres Bruders, das jetzt als Vorrats- und Abstellraum genutzt wurde, und auf der anderen Seite zwei getrennte Schlafräume für Sophie und ihren Vater.
   Sophie ging zielstrebig in ihr Zimmer, warf die Tür hinter sich zu, und ließ sich erleichtert aufs Bett fallen. Puh, das war unerfreulich gewesen, dachte sie, diese Art von Machtkampf. Aber war es tatsächlich nur ein Machtkampf gewesen – oder sogar noch etwas mehr? Fühlte sich Tyde durch die Abwesenheit ihres Vaters automatisch als sein Stellvertreter und als Herr des Hauses? Und wie weit gingen dann seine Besitzansprüche?
   Sie schüttelte verdrossen den Kopf und beschloss, diese Vermutungen und Spekulationen für den Moment beiseitezuschieben. In nächster Zeit würde sie sich irgendwann eingehender darum kümmern, aber heute gab es Ereignisse, die unendlich viel wichtiger waren als die Befindlichkeiten eines überehrgeizigen Gesellen. Die nach wie vor unfassbaren Geschehnisse dieses Tages waren ein weiterer Grund für ihre Sehnsucht nach der Abgeschiedenheit ihres Schlafraums gewesen, denn sie wollte sie nun so angehen, wie sie es seit einiger Zeit regelmäßig mit all ihren Problemen und Erlebnissen getan hatte – selbst wenn sich diese läppischen Sorgen vom heutigen Schicksalsschlag unterschieden wie ein Kieselstein von der Petrikirche.
   Als Folge ihrer jahrelangen Bemühungen, ihrem belesenen älteren Bruder nachzueifern, hatte sie vor Kurzem ein überaus nützliches Hilfsmittel für ein tieferes Verständnis des täglichen Lebens entdeckt. Bereits während Ulrichs anfänglicher, frisch entflammter Begeisterung für die Lehren des Heiligen Franziskus von Assisi und dem ersten Studium seiner Schriften hatte sie auf den Knien ihres großen Bruders gesessen und versucht, all die so rätselhaft und geheimnisvoll klingenden Worte zu verstehen, die er ihr vorlas. Mit jedem Jahr ihres jungen Lebens wuchsen ihre Neugier und ihr Wissensdurst, und sehr bald wurde sie von der Sehnsucht gepackt, alles das selbst zu lesen, was auch er gelesen hatte, und alles Gelernte niederzuschreiben, wie auch er es zu tun pflegte. Dies setzte natürlich voraus, dass sie des Lesens und Schreibens mächtig wurde – und dass sie die mysteriöse Sprache der Weisen und Wissenden erlernte: das Lateinische.
   Anfangs war das Gekritzel der ersten Worte und Sätze für sie noch fast so etwas wie ein kindliches Spiel, doch zur Überraschung ihrer ganzen Familie fiel ihr das Erlernen der Schrift und dieser neuen Sprache derart leicht, dass sie bereits nach kürzester Zeit flüssig schreiben und binnen Kurzem auch einige einfache, in Latein verfasste Schriften verstehen konnte. Dies waren ihre ersten Schritte in eine völlig neue Welt, und es war wohl unvermeidlich, dass ihre gleichaltrigen Geschlechtsgenossinnen sie bald zu langweilen begannen. Keine von ihnen teilte ihre Begeisterung für das Lesen und Schreiben, zumal die meisten von ihnen ohnehin nur einige wenige geschriebene Worte verstanden. Andererseits hatte Sophie wenig Interesse an herabwürdigenden Betrachtungen weiblicher Konkurrenz, träumerischen Sehnsüchten nach stattlichen Bürgersöhnen oder anderem albernem Geschwätz und Getratsche, sodass man auch auf diesen Gebieten vergeblich nach verbindenden Gemeinsamkeiten gesucht hätte.
   Als ihr Bruder in den Orden eintrat und sie damit vertraut machte, wie er dort im Skriptorium bei der Niederschrift von Gebeten und kirchlichen Regeln und bei der Beschreibung und Beurkundung weltlicher Ereignisse mitwirken durfte, erwachte in ihr der Hunger, Ulrich auch auf diesen oder sehr ähnlichen Pfaden zu folgen. Nun hatte sie keinerlei Kontakte zu irgendwelchen bedeutenden Persönlichkeiten und konnte somit keine weltbewegenden Schriften verfassen. Aber sie hatte ihr eigenes kleines Lebensumfeld, das sie beschäftigte, und so beschloss sie, dieses Miniuniversum so zu behandeln, wie es die Mönche im Kloster mit der Welt im Großen taten. Sie beschrieb also allabendlich die Ereignisse, die ihr während des Tages widerfahren waren, schilderte ihre Gefühle und Überlegungen dazu, und schrieb all die kleinen privaten Wünsche und Gebete nieder, die sie voller Inbrunst an Gott gerichtet hatte.
   Ihrem Bruder war sie unendlich dankbar, dass er sie bei ihrem Vorhaben mit ganzer Kraft unterstützte. Er besorgte ihr das benötigte Pergament und die Schreibutensilien aus den Vorräten des Klosters – was dadurch möglich wurde, dass Eckart Teggels dem Franziskanerorden im Gegenzug jeden Monat eine erkleckliche Summe spendete und die Mönche gelegentlich mit verbilligten Fleischwaren versorgte. Ferner vertiefte sich Ulrich Teggels des Öfteren in die Niederschriften seiner Schwester und nahm dazu mit lobenden oder auch kritischen Worten Stellung. Sophie liebte es, wenn Ulrich sie dann teils stolz, teils verblüfft anblickte, weil ihm einige ihrer Beschreibungen oder Überlegungen besonders gut gefielen – und sie war tief betrübt, wenn er Fehler im Inhalt oder der Logik ihrer Gedankenfäden entdeckte.
   Ganz allmählich fiel ihr dabei auf, dass die Schreiberei nicht nur eine Leidenschaft oder vielleicht sogar Besessenheit darstellte, sondern dass ihr diese Tätigkeit in mannigfacher Weise weiterhalf. Denn wenn sie das, was sie niedergeschrieben hatte, ein paar Tage später erneut durchlas, passierte es immer wieder, dass sie manche Geschehnisse oder Alltäglichkeiten durch die inzwischen gewonnene Distanz völlig neu betrachtete und bewertete. Dadurch eröffnete sich manchmal auch die Möglichkeit, peinliche Fehlverhalten wieder auszubügeln oder aber verborgenen Fallen, in die sie ansonsten unweigerlich hineingetapst wäre, künftig aus dem Wege zu gehen.
   Zwei ganz besondere Schlüsselereignisse hatten sich dabei ganz tief in ihr Gedächtnis eingebrannt. Im letzten Winter hatte ihr Vater ihren Lieblingsgaul Abendgold, das älteste ihrer damals noch drei Pferde, zum Schlachter gebracht. In der Folgezeit wurde Pferdefleisch zum Hauptbestandteil ihrer Mahlzeiten, und Sophie zog sich eine volle Woche lang verbittert in einen Schmollwinkel zurück und weigerte sich, mit ihrer Familie zu reden. Dann aber las sie ihre Notizen über die Ereignisse noch einmal durch und stellte fest, dass ihr Vater etwas von »schweren Zeiten« und »keine andere Wahl« gesagt hatte. Daraufhin ging sie zu Onkel Erik – also Erik Grote, einem befreundeten Cöllner Schlachter, der sie schon als Kleinkind in seinen Armen herumgeschaukelt hatte. Als sie von ihm erfuhr, dass die geschäftliche Situation in diesem Winter überaus angespannt war und die Weide hinter ihrem Haus zu klein für drei Pferde war, begriff sie, warum sie den alten Abendgold nicht weiter durchfüttern konnten. Nachdem sie sich bei ihrem Vater für ihr dummes kindliches Verhalten entschuldigt hatte, wurde sie sogleich von seinem erleichterten strahlenden Lächeln belohnt, und in den folgenden Wochen fühlte sie sich ihm näher als je zuvor.
   Dies änderte sich allerdings, als er ihr wenig später – vermutlich ermutigt durch die Zeichen von Reife und Vernunft in ihrem Verhalten – jenes Geheimnis anvertraute, das ihre bisherige heile Welt in kleine Stücke zu zerschmettern schien. Da erzählte er ihr nämlich von jenem Abend, an dem Marja mit einem in ein flauschiges Schafsfell eingewickelten Säugling an ihrer Türschwelle stand und ihnen mit tränenerstickter Stimme berichtete, dass die Schwester von Eckart Teggels Frau kurz nach der Geburt ihres Kindes gestorben sei und Marja das heilige Versprechen abverlangt habe, das Baby nach Cölln zu ihrer herzensguten älteren Schwester Else zu bringen. Ohne das geringste Zögern und ohne ein Wort miteinander zu wechseln, wussten Eckart und Else Teggels sofort, was zu tun war: Sie nahmen nicht nur den mutterlosen Balg bei sich auf, sondern auch Marja. Und aus dem »mutterlosen Balg« wurde sehr bald eine lebenslustige kleine Prinzessin, die im Hause Teggels – zusammen mit ihrem »Bruder« Ulrich – wie eine Tochter aufwuchs. Über ihre wahre Herkunft wurde, zumindest in ihrer Gegenwart, nie wieder geredet.
   Nach den überwundenen Streitigkeiten wegen ihres Lieblingsgauls nahm Eckart Teggels an, dass Sophie alt genug wäre, die Wahrheit verkraften zu können, aber da hatte er sich getäuscht. Viele Wochen lang lief sie wie ein Gespenst herum, ohne Freude, ohne Kraft und ohne Lebensmut. Sie befragte weder ihren Vater – der ja in Wirklichkeit ihr Onkel war – noch Marja nach Einzelheiten der damaligen Geschehnisse, und insbesondere wollte sie niemals wissen, wer denn ihr wirklicher Vater war und warum er nie nach ihr gesucht hatte. Sie beschloss, diesen Aspekt ihres Lebens beiseitezuschieben und konsequent zu ignorieren. Ihr Vater war Eckart Teggels, basta! Alles andere war nichts als ein hässlicher Albtraum!
   Auch bei diesen inneren Kämpfen erwiesen sich ihre Schreibübungen als hervorragende Hilfe für die Bewahrung ihres Seelenheils. Auf dem Pergament konnte sie alles Für und Wider niederschrieben und es dann so distanziert betrachten, als ginge es gar nicht um sie selbst. Und wenn sie nun beschloss, den quälenden Gedanken an ihre tatsächliche Herkunft aus ihrer Lebenswelt auszuschließen, da verlieh ihr die Existenz dieser Pergamentseiten gleichzeitig auch die beruhigende Gewissheit, dass sie sich mit dem verdrängten Teil ihres Selbst jederzeit auseinandersetzen konnte, wenn dies einmal erforderlich werden sollte.
   All diese Erfahrungen bewiesen ihr den außerordentlichen Wert ihrer neuen Schreibgewohnheiten, und daher schrieb sie von nun an jeden Abend nieder, was ihr im Laufe des Tages widerfahren war und womit sich ihre Gedanken beschäftigt hatten. Manchmal las sie auch die Pergamentblätter vergangener Tage erneut durch und notierte auf dem aktuellen Blatt ihre neuen Erkenntnisse oder ihren inzwischen veränderten Standpunkt. Den Stapel von Pergamentblättern, der daraus entstand, nannte sie voller Bescheidenheit ihren »Geschreibselberg«, und dieser Berg wuchs und wuchs und wurde von Monat zu Monat höher, bis er irgendwann vom Boden bis zum Fensterbrett reichte und sie einen neuen Stapel beginnen musste.
   Es stand außer Frage, dass jener zweite Geschreibselberg gerade an diesem grauenhaften Tag beträchtlich weiterwachsen musste, denn es gab so unendlich viel, was sie sich von der Seele schreiben musste. Der so angenehme Tagesbeginn mit dem Besuch des Jahrmarkts – die unheimliche Begegnung mit dem dämonischen Gaukler – der Zusammenstoß mit dem »Schnabeltölpel« und sein unmögliches Verhalten – der Mord an einem Berliner Knochenhauer und die Verhaftung ihres Vaters in seinem eigenen Scharren durch eben diesen verzogenen Schnösel, der sich als Bevollmächtigter der Berliner Rates entpuppte – die Prügelattacke auf ihren Vater durch den Sohn des Ermordeten – ihr vergeblicher Besuch des Franziskanerklosters – und schließlich die unschöne Szene mit Tyde, dem Gesellen ihres Vaters. Alles in allem also ein Tag, der so schrecklich war, dass man daraus ohne Weiteres Dutzende von einzelnen schrecklichen Tagen hätte herausschnitzen können.
   Als unumgängliche Schlussfolgerung ergab sich daraus, dass sie unverzüglich mit dem Schreiben anfangen musste, wenn in dieser Nacht noch Zeit zum Schlafen übrig bleiben sollte. Und so sprang sie vom Bett auf und ging hinüber zu einem Tischchen und einem Stuhl nahe der mit einem Leinentuch verhangenen Fensteröffnung. Im letzten Schummerlicht des Tages zündete sie die erste Kerze dieser Nacht an und ließ sich auf den Stuhl fallen, wobei ihr schon die ersten Satzfragmente durch den Kopf eilten. Dann legte sie ein leeres Blatt Pergament vor sich auf den Tisch, nahm den Deckel von einem mit Tinte gefüllten Töpfchen, tauchte die Spitze eines Gänsefederkiels ein und schrieb in ihrer ebenmäßig präzisen Handschrift oben auf das leere Blatt:
   
   »De profundis clamavi ad te, Domine!«
   
   Was in übersetzter Form bedeutet: »Aus der Tiefe rufe ich zu Dir, Herr!«

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